Sie haben Ihren Spaß mit mir . Sie merken schon : ich bin ein bischen leichtgläubig . Verlassen Sie sich darauf - sagte Dankmar . Und wo soll ich Ihnen denn sagen , ob die Alte mir den Schatz auch anvertraut hat ? Der Jäger sprach diese Frage mit einem zögernden Ton , als wünscht ' er , Dankmar theilte ihm seinen Namen und die Gelegenheit einer Wiederbegegnung mit . Dankmar aber unterbrach ihn mit den Worten : Noch Eins ! Sahen Sie Niemanden von meiner Reisegesellschaft ? Ihren Kamerad ... der Sie begleitete ... den in ... In der Blouse ? Nein , den vorwitzigen Burschen ... im Gelben Hirsch ... den Andern ! Meinen Kutscher ? War ' s Ihr Kutscher ? Das hätt ' ich wissen sollen ! Er sprach Euch nicht angenehm zu Ohre . Er ist vorlaut .... Wer weiß ! Wenn er über die Fränz Recht hätte ... Beruhigt Euch ! Er verleumdet gern ... Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe gegeben ... Die Fränz wird tugendhaft sein ... Wenn die Fränz - das Kind ist mein Augapfel , meine einzige Lebensfreude ! Es ist meines Bruders Kind und die Erbin von dem Bischen , was ich habe ... Wenn die Fränz .... Seid doch kein Thor ! Niemand hat sie verleumdet ! Und wenn auch , der Bursche verdient keinen Glauben . Dem Jäger funkelten die Augen . Das Mädchen soll zu mir ! Sie muß aus der Stadt heraus ! sagte er . Hierher in den Wald ? Sie war schon einmal da .... Eine Putzmacherin hier unter den Tannen ? Bei der Ursula ? Ich wette , daß es ihr nicht bei dem guten Onkel gefallen hat .... Das abscheuliche Wort Putzmacherin ! Ich denke doch , es hieß so ? Ja , sie schneidert und näht und stutzt Hauben und Hüte .... Also ... Und hübsch ist sie .... Also ... Und sie arbeitet bald da , bald dort .... Also ! Eine Putzmacherin ! Aber rechtschaffen , Herr ! Ein Kind wie ein Engel . Ich nahm sie hierher in den Wald , weil böse , giftige Menschen ihr nachstellten .... Sie nannten ja den alten Fürsten .... Die Durchlaucht wird doch nicht ? ... Herr , wer gibt uns Lohn und Brot ? Also : Kusch ! Ich nahm sie hier heraus , und sie war so munter anfangs wie da die Eichkätzchen . Aber mit der Ursula ... Die wurde eifersüchtig ... Meinen Sie ? Ich denke fast , nach dem Frühern zu schließen ... Unfriede , Jammer und Noth gab ' s. Die Fränz fürchtete sich vor der Alten , wurde elend und krank und da gab ich sie in die Stadt zurück . Daran thatet Ihr am besten , und ich versichere Euch , Fränz Heunisch ist gewiß eine tugendhafte Putzmacherin , die allen ihren Kameradinnen als Muster aufgestellt werden kann . Sind die so - ? Ich verspreche Euch , Heunisch , mich nach ihr zu erkundigen , und seid gewiß , ich brauche nur zu horchen , was sie für Umgang und allenfalls was für einen Liebhaber sie hat , so weiß man schon ... Keinen Liebhaber ! Ich versichere Sie , Herr ! Keinen Liebhaber ! Warum nicht , Heunisch ? Wenn ' s der rechte ist ? Es gibt tugendhafte Putzmacherinnen , die sich die Männer erst ansehen , ehe sie mit ihnen Landpartien machen . Verlaßt Euch darauf ! Ihr verdient es , eine brave Nichte zu haben . Auf Wiedersehen , Förster ! Eilt jetzt , daß Ihr zur Ursula kommt ! Der Jäger , Dankmarn freundlich die Hand schüttelnd , wandte sich um und ging mit beschleunigten Schritten vorwärts , seinem Hause zu . Dankmar aber blieb eine Weile stehen . Er hätte schwören mögen , diese Rechnung beträfe nur ihn , Hackerten und das Roß des Pelikanwirths . Die Speisen waren nicht genau angegeben , sondern in Bausch und Bogen die ganze Zehrung genommen .... Der nächtliche Waldbesucher war doch wol nur Hackert , dessen Spur ihm so ganz entschwunden war .... Unter dem Ebereschenbaum hatte er geschlafen .... Wie kam er zu diesen Kugeln ? Wie war es möglich , daß ihn diese Ursula als das verjüngte Ebenbild ihres Bruders erkannte ? Als einen Verwandten , den sie mit Höflichkeit wie etwas Vornehmes auszeichnete ? ... Alle diese Betrachtungen liefen darauf hinaus , daß ihm , wenn Hackert in diesem Augenblicke plötzlich aus dem Gebüsch getreten wäre , das Wiederfinden einen nicht eben sehr erfreulichen Eindruck gemacht hätte . Dazu die verworrenen Reden über jene Ursula Zeck ... über das Unglück , vielleicht ... den gewaltsamen Tod zweier jungen Mädchen .... Die Stille des Waldes weckte Dankmar ' s Phantasie und die unheimlichsten Gestalten umgaukelten den einsamen Wanderer . Erst als er endlich den Weg sich am äußersten Ende lichten sah , wurde ihm freier zu Gemüth , und vollends erlöst athmete die Brust erst auf , als er , die ihm jetzt doppelt widerwärtige Schmiede vermeidend , durch die Gärten von Plessen über den Mühlbacharm der Ulla in das Wirthshaus zur Krone zurückkehrte und überall wieder Sorglosigkeit , wieder Unschuld , wieder ergebene Ruhe aus den Augen der arbeitenden Männer in den Gärten und der beschäftigten Frauen und spielenden Kinder ihm entgegenlachte . Es war ihm nach der Waldscene wie dem an Kohlendunst fast Erstickenden , der im Nebel und Dampf eines Zimmers nur noch soviel Kraft besitzt , das Fenster aufzureißen und die Frische der reinen Luft in die sich gewaltsam hebenden Lungen einzuathmen .... Die überraschenden Einladungen , die er in der Krone nun vorfand , konnte er nicht ahnen . Es waren deren zwei . Eine ins Schloß und eine zweite , merkwürdig genug ... in den Thurm , an dessen Fuße er gestern im Grase träumend gelegen hatte . Viertes Capitel Der Thurm Als sich Dankmar der Krone näherte , war es ihm auffallend , daß ihm schon in der Ferne die Wirthsleute winkten und ihm anzudeuten schienen , er möchte sein Kommen beschleunigen . Bello sprang so gut er konnte voraus und nicht wenig erstaunt war Dankmar , schon das Thierchen vom Wirth , der Frau Wirthin , allen Hausknechten und Mägden mit einer Art von Feierlichkeit begrüßt zu sehen . Wie stieg aber sein Befremden , als man endlich vor ihm selbst die Mütze zog und sich wie vor einem großen Herrn verneigte ! Man zeigte ihm nämlich im sonderbarsten Durcheinander zu gleicher Zeit an , daß er aufs Schloß - nein ! riefen Andere , die sich neugierig dazu gesellten , in den Thurm ! ... Was in den Thurm ? sagten Jene wieder , ins Schloß - geladen sei . In den Thurm ? Aufs Schloß ? wiederholte Dankmar befremdet . Einer suchte dem Andern den Rang abzulaufen und ihm zu erzählen , wer ihn zu sprechen wünsche . Man konnte dabei kaum begreifen , wie ihm die Erläuterung seiner Einladung in den Thurm weit wünschenswerther war , und immer wieder fingen sie von einem kleinen sehr wichtigen Herrn an , der eigens vom Schlosse heruntergekommen wäre , sich mit der größten Artigkeit nach ihm erkundigt hätte und ihn bäte , heute Mittag mit den gnädigen Herrschaften oben zu speisen . Das war der Inhalt der klaren Rede , die sich die Frau Kronenwirthin durch all das Geschwirre endlich angebahnt hatte . Viel gespannter aber sah Dankmar dabei auf die inzwischen stummen Gruppen der Umstehenden , die ihm von einem auf dem Schlosse gefangenen Taugenichts erzählten , der in seiner Todesangst bäte , man möchte den jungen fremden Herrn im Reitrock aus der Krone zu sich ins Gefängniß führen ... ehe er baumeln müsse , sagten die Leute lachend . Dankmar hatte noch keine Veranlassung gefunden , in der Krone seinen Namen zu nennen ; aber die Beschreibungen sowol von Seiten der Schloßbewohner , wie von Seiten des Thurmgefangenen , trafen so vollkommen auf ihn zu , daß es gar keiner Frage , ob man sich auch nicht in seiner Person irre , bedurfte , sondern seine eigene Neugier nur zu erwarten hatte , wie sich ein so vielfach begehrter Herr in diesen auf ihn gerichteten Ansprüchen benehmen würde ... Dankmar fand zunächst in der Einladung , auf dem Schlosse zu speisen , nichts als eine freundliche Aufmerksamkeit gegen einen Fremden , von dem man vielleicht - so dachte er - erfahren hatte , daß ihm der Justizrath Schlurck durch das Überbringen seines verlorenen Schreins einen Dienst , den er schon kannte , erwies und dem man für diese angenehme Entdeckung Gelegenheit zu einem Dank für die ganze Familie geben wollte . Aber von einem im Schlosse ertappten Diebe zu hören , der ihn sprechen wolle , schien ihm selbst in dem höchstwahrscheinlichen Falle , daß Hackert der betroffene Verbrecher wäre , weit größerer Aufmerksamkeit werth . Unmuthig gedachte er der Möglichkeit , über seine Verbindung mit einem ihm selbst , seit Entdeckung der drei Spitzkugeln , gefährlich scheinenden Menschen vor einer umständlichen und in kleinlichen Dingen pedantischen Justiz vernommen und wol gar an dem endlichen Beginn seiner Rückreise verhindert zu werden . In dieser seiner verlegenen und unmuthigen Stimmung trafen ihn die Worte eines sich sehr höflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herabgezogenen Mützen begrüßten Mannes : Mein Herr , schon einmal war ich in der Krone , und ich wiederhole jetzt den mir von der Frau Justizräthin Schlurck gegebenen Auftrag , Sie ergebenst zu bitten , heut ' Mittag oben auf dem Schlosse einen Löffel Suppe einzunehmen .... Einige Bursche lachten über die sonderbare Zumuthung , einen so starken kräftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Löffel Suppe bewirthen zu wollen . Bartusch ( denn Dies war der Sprecher ) fuhr fort : Es ist elf Uhr , mein Herr ! Man speist um Eins . Können wir auf die Ehre rechnen ? Dankmar erwiderte leichthin : Mein Herr , ich bin hier ohne alle Garderobe und höre auch soeben von einem Vorfall auf dem Schlosse - von einer sonderbaren Einladung in den Thurm - ... Erfuhren Sie schon den kleinen Spektakel auf dem Schlosse ? fragte Bartusch . Dankmar , von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichste berührt , konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern und sagte stockend : Ich will hoffen ... Der Lärm hat nicht die geringste Unordnung hervorgerufen , fiel Bartusch sogleich ein . Se . Excellenz der königliche Intendant Herr von Harder zu Hardenstein ließen einen Fremden verhaften , der sich mit sonderbarer , zudringlicher Neugier in der Nähe der Zimmer aufhielt , deren Inhalt vom verstorbenen Fürsten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten ist . Seine Diener meinten , der Fremde hätte es geradezu auf einen Diebstahl abgesehen gehabt . Und da der Intendant in Erfüllung seiner ihm allerhöchsten Orts aufgegebenen Pflichten , wie weltbekannt , sehr streng zu Werke geht , so hat man den Fremden nach einem kurzen Verhör , in dem er sich vorläufig für einen harmlosen Wanderer und einen Tischlergesellen ausgab , bis auf Weiteres in den Thurm gesteckt ... Einen Tischlergesellen ? rief Dankmar , von einer Ahnung ergriffen . Ihn in den Thurm ? Ich höre , daß der verdächtige Mensch sich auf Sie berufen hat , fuhr Bartusch mit scharf gespitztem Auge fort . Ohne Sie , mein Herr , zu kennen und zu nennen , bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden Gönner , der ihn gestern in seinen Wagen aufgenommen und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem Schlosse wiederzufinden gehofft hätte .... Ich gestehe Ihnen jedoch , fuhr Bartusch mit lauerndem Späherblick fort , seine Aussagen liefen dermaßen wirr durcheinander , daß man fast glauben möchte , dieser Fremde wäre kein Handwerker , sondern vielleicht der Freund , der Reisebegleiter irgend eines im Incognito ... reisenden .... Bartusch zog und blinzelte so eigenthümlich , daß Dankmar das Incognito nur auf sich beziehen konnte und daher die Vermuthung des alten Schleichers , in ihm wirklich den Prinzen zu treffen , nun erst recht dadurch bestätigte , daß er betroffen über die Kühnheit , ihn zum Mitschuldigen eines jedenfalls auf dem Schlosse für einen verdächtigen Menschen genommenen Abenteurers zu machen , sagte : Mein Herr ! Wie kommen Sie - Bartusch fühlte aber sogleich , daß er sich nicht gut ausgedrückt hatte , wenn er überhaupt das vermeintliche Incognito des in Dankmar vorausgesetzten Prinzen Egon schonen wollte . Er verbesserte sich daher rasch , indem er sagte : Fräulein Melanie , die , weil wir den Frauen alle Aufregung ersparen wollten , den Arrestanten nicht gesehen , erzählte gestern vom Zusammentreffen mit Ihnen im Walde . Sie erwähnte dabei eines Begleiters in blauer Blouse , der allerdings derselbe zu sein scheint , den Herr von Harder soeben verhaften ließ .... Blaue Blouse ? sagte in schmerzlicher Verwirrung Dankmar , und doch auch von der Möglichkeit ergriffen , daß ihn ein Fremder dupirt hätte . Lichtbraunes Haar ... ? Ein Kinnbart , fügte Bartusch hinzu , wie man ihn nur in Paris zu ziehen pflegt .... Es ist der Prinz ! rief es in Dankmar mit unwiderstehlicher Gewißheit . Seine Sehnsucht , klar zu sehen , dem Prinzen beizustehen , beflügelte sich , jemehr Bartusch ihm lästig wurde .... Werden wir die Ehre haben ? fragte Dieser lauernd . Ich bin ermüdet , entgegnete Dankmar leicht und fast abstoßend . Entschuldigen Sie mich ! Ich habe früh schon das Lager verlassen , einen tüchtigen Spaziergang gemacht und bitte mich zu entschuldigen ... ja , ja , entschuldigen Sie mich ... Aber .... Mein lieber Herr ! Sie sehen ja ! Ich bin gar nicht ausgestattet , Besuche bei Damen zu machen . Sowie ich hier bin und stehe .... Wozu bedürfte es der Förmlichkeiten ? sagte Bartusch verschmitzt . Ein Mann von Welt wird aus jeder Hülle erkannt , wie ich auch an dem vermeintlichen Tischler sogleich erkannte , daß er wol der Kammerdiener , vielleicht auch der Freund eines Prinzen sein könnte , wenn nämlich ... das Incognito .... Kammerdiener ? Freund eines Prinzen ? wiederholte Dankmar von einer Ahnung ergriffen . Wie meinen Sie Das ? Wenn nämlich ... Bitte recht sehr ... Also ... Können wir auf die Ehre rechnen ? war die Antwort Bartusch ' s , der sich nicht , wie man sieht , ganz an Melanie ' s Vorschriften hielt und grade in jene Zeichensprache überging , die Hamlet an Rosenkranz und Gyldenstern so sehr tadelte . Wetter , dachte Dankmar bei sich und wandte sich ab , wenn man dich wol gar selbst für den Prinzen Egon nähme und den Gefangenen ... für deinen Vertrauten ? Und indem er noch darüber nachsann , welche Vortheile oder Nachtheile für ihn oder den wahren Prinzen aus einem solchen Misverständnisse entstehen könnten , sammelte sich seine juristische Geistesgegenwart zu einer bedachteren Erklärung ! Mein Herr , sagte er kurzweg , richten Sie der Frau Justizräthin meine ergebenste Empfehlung und mein Bedauern aus , diesen Mittag auf die Ehre verzichten zu müssen . Ich höre von einem Gefangenen , der sich auf mich beruft , mich sprechen will . Ich bin Dankmar Wildungen , Referendar am königlichen Appellhofe , lernte auf meiner Hierherreise einen jungen Handwerker kennen , den ich aus Rücksicht auf die erst staubigen , dann nassen Wege in meinen Wagen nahm . Ist der Gefangene derselbe und beruft sich auf mich , so bin ich es meiner Pflicht als Jurist schuldig , ihn in seiner Haft zu besuchen und ihm meinen Rath und Beistand zu ertheilen . Wenn die freundlichen Bewohner des Schlosses mir aber bis zum Abend ihre wohlwollenden Gesinnungen erhalten wollen und mich nicht noch anderweitige Gründe bis dahin zur Abreise bestimmen , so werd ' ich nicht verfehlen , mich bei Ihnen zum Thee einzufinden . Haben Sie die Güte , Dies der Frau Justizräthin anzuzeigen . Dankmar verbeugte sich leicht , brach rasch ab und ging in die Krone . Bartusch stand verdutzt . Diese runde Abfertigung ! Diese raschen , ihm eingelernt scheinenden Worte ! Diese Namenangabe ! Dankmar Wildungen ! Referendar am königlichen Appellhofe .... Wildungen ! Derselbe Name , der schon in des Justizraths Signalement genannt worden war ! Woher kommt Das ? dachte er . Wildungen ? ... hat der Justizrath vielleicht ... der Justizrath hat ihm wol selbst diese Ähnlichkeit auf dem Heidekruge angedeutet und nun benutzt sie der Prinz ... denn er ist es , jedes Wort ein Fürst ! ... und nennt sich Dankmar Wildungen . Diese kurze , fast brüske Art , dieses bestimmte , sozusagen grobe Wesen , diese Betroffenheit über die Verhaftung eines mindestens sehr neugierigen Eindringlings in die innern Räume des Schlosses ! ... Bartusch blieb bei der Voraussetzung , daß , wenn einmal der Prinz Egon im Incognito das Schloß Hohenberg zu besuchen sich aufgemacht hätte - wofür Schlurck ohne Zweifel die sichersten Beweise hatte - der Prinz Niemand anders sein könne als dieser Fremde , der sich nach Mittheilungen , die Schlurck wahrscheinlich schon im Heidekrug selbst erzählt hatte , ein Geschäft mit einem verlorenen Frachtgute mache und sie Alle irreführen wolle . Sehr erbaut von seinem Scharfsinn , unzufrieden nur mit der Erklärung des Fremden , erst am Abend kommen zu wollen , stieg Bartusch , um der in brennender Ungeduld harrenden Melanie Bericht zu erstatten , schon heute zum zweiten male wieder zum Schloß empor . Dankmar aber wartete jetzt nur noch das allmälige Verlaufen der Leute ab , um sich sogleich zum Justizdirector von Zeisel und von da zum Thurm zu begeben . Kaum konnte er sich fassen über den Gedanken , wie ein so unglückliches Begegniß auf den jungen hochgestellten Mann , der ihm sicher der Prinz Egon von Hohenberg war , hereinbrechen und auf ihn wirken mußte . Überfallen , dachte er sich , vielleicht mishandelt , unter Zulauf der Menschen wie ein Verbrecher durch den Ort geführt ! .. Diese Besorgniß milderte jedoch der Wirth , der erzählte , man hätte den Dieb sogleich auf dem kürzesten Wege , ohne alles Aufsehen , hinter dem Ort in den Thurm gebracht ... Dankmar begab sich jetzt aufs Amthaus , wo ihm die Düfte der von Zeisel ' schen Mittagstischvorbereitungen entgegenwallten und er erfuhr , daß der Justizdirector mit dem Schreiber bereits drüben im Thurme wäre . Dort angelangt fand Dankmar noch ein Dutzend Neugieriger , die an der geöffneten Verließthüre gafften , als wenn hier Jemand Pranger stehen sollte . Geht nach Hause , rief er ärgerlich ; die Grütze wird Euch kalt ! Beim Eintritt in den Thurm wußte sich Dankmar nicht gleich zurechtzufinden . Das alte Gebäude sah von außen kleiner aus , als sich die innere Räumlichkeit darstellte . Der Boden war der reine bloße Sand ; unterirdisch schien es also hier keinen Gewahrsam zu geben . Das durch die Thür hereinfallende Licht ließ zur Rechten eine schmale hölzerne Treppe erkennen , die empor führte . Dankmar bestieg sie und entdeckte sogleich einen der wahrscheinlich Herrn von Harder angehörenden Bedienten ; wenigstens war dieser von Bartusch ausgesprochene Name Schuld , daß er beim Anblick des Bedienten sich sogleich der bekannten Uniform jener vielvermögenden Familie der Harder ' s entsann , deren Haupt der alte neunzigjährige Chef der ausübenden Justiz des ganzen Landes war . ... Wir haben Sie schon kommen sehen , sagte der Bediente kurz und ziemlich impertinent , treten Sie nur hier ein ! Eine kleine niedrige Thür öffnete sich und in einem größern Gemache , das die ganze Rundung des Thurmes begriff , von einem Fenster aber nur spärlich erhellt war , fand er den Justizdirector , einen Schreiber und den neben dem Thurm wohnenden Wächter , der eine alte abgeschabte fürstlich Hohenberg ' sche Livree , hellblau mit roth , und ein gelbes Schild auf der Brust trug .... Dankmar erfuhr hier , was er schon über den Schloßvorfall wußte und wiederholte über den Gefangenen Dasselbe , was er zu Bartusch gesagt hatte . Die Absicht des Gefangenen , im Schloß zu stehlen , wurde von dem Justizdirector zwar nicht entschieden bestritten , aber doch auch gegen den unziemlich lärmenden Bedienten in Abrede gestellt . Er griff erst nach den Bildern herum , sagte dieser ; dann hob er sie von der Wand , und während wir auf einen Augenblick uns entfernt hatten , wollte er sie geradezu stehlen . Excellenz verlangen , daß Das streng genommen wird , und er muß doch noch vors Hofgericht in die Stadt ! Herr von Zeisel , den ein Grauen überfiel , als vom Hofgericht die Rede war , äußerte , daß hier vielleicht nur eine leichtverzeihliche Neugier obgewaltet hätte , mindestens könne er nicht begreifen , was ein reisender Handwerksgesell , den der Anblick schön ausgestatteter Zimmer gefesselt hätte , mit einem alten unansehnlichen Bilde anfangen sollte , während doch viel kostbarere , kleine transportable Sachen in der Nähe gestanden hätten , die man mit einem kühnen Griff sich hätte aneignen können . Übrigens könne ihm in der That nicht zugemuthet werden , diesen Gefangenen auf derlei geringfügige Aussagen hin der annoch zu Recht bestehenden Ortsjustiz zu entziehen , es müßte denn von einem hohen Obergerichte ihm ausdrücklich befohlen werden . Weit bedenklicher scheine ihm allerdings des Gefangenen gänzlicher Mangel an Legitimation und sein trotziges , hartnäckiges Ablehnen jeder nähern Erklärung , weshalb er auch durchaus nichts dagegen hätte , daß sich der von ihm mehrfach um Vermittelung ersuchte anwesende Herr zu ihm verfüge und von ihm selbst die Willfährigkeit zu Geständnissen zu gewinnen suche . Dankmarn fielen hier Hackert ' s Mittheilungen über die Hohenberg ' sche Justizpflege ein . Er verstand vollkommen des mildgesinnten Justizdirektors Absicht , dieser Untersuchung so viel wie möglich überhoben , noch mehr aber vor einer Verschleppung derselben an die Kreisgerichte gesichert zu sein . Der Harder ' sche Bediente murmelte Vielerlei gegen diese Erklärung , aber die Versicherung des Amtsboten und Gefangenwärters , der Inculpat säße ja nun criminalisch , bewirkte denn doch , daß der Justizdirector , der wie Alle auf dem Lande gegen zwölf Uhr aß , die Sitzung aufhob und Dankmarn bat , ihm um drei Uhr Nachmittag , wo er seinen ärztlich befohlenen Ruheschlaf beendigt hätte , gefälligst mitzutheilen , was er von dem störrischen und trotzigen jungen Manne , der sich nur ihm hätte anvertrauen wollen , denken solle . Dem Wärter die strengste Obhut anempfehlend , stieg er mit dem Schreiber , der seinen ziemlich leeren Protokollbogen in eine Mappe legte , die baufällige Treppe behutsam hinunter . Der Bediente , Dankmarn mit mistrauischen Blicken musternd , folgte . Der Wärter aber winkte dem staunenden Dankmar und führte ihn noch eine Treppe höher . Diese brachte ihn erst zu den eigentlichen Gefängnissen , deren der Zahl der kleinen vergitterten Fenster nach zu schließen , die Dankmar außen beobachtet hatte , etwa vier oder fünf hier sein konnten . Sind sonst noch Gefangene da ? fragte Dankmar beim Hinaufsteigen . Nein , erwiderte der Wächter , es fällt jetzt im Ganzen nicht viel vor , und was Politische sind , die kommen gleich weiter ins Provinziale ! Jetzt stand Dankmar im zweiten Stock vor einer stark verriegelten Thür , die erst zu einem Vorplatze führte . Hier umgab ihn völlige Finsterniß . Der Vorplatz war nur von der aufgehenden Thür erhellt , die der Wächter gleich ansichzog . Ich muß Sie mit einschließen ... sagte der Mann zu Dankmarn , und war dabei nicht ohne Höflichkeit . Thut nichts ! erwiderte Dankmar . Sie brauchen nur aus dem Fenster zu rufen : Pfannenstiel ! Dann höre ich ' s schon und komme . Gut ! gut ! sagte Dankmar und hörte mit pochendem Herzen , wie Pfannenstiel , dessen Namen er fast überhörte , in der Dunkelheit den Schlüssel an ein Schloß setzte und öffnete . Die Thür eines kleinen niedrigen Gemachs ging auf und in der That , vom spärlichen Lichte , das durch die Gitterfenster fiel , beleuchtet , saß an einer Pritsche , den Kopf aufgestützt , derselbe Fremde da , der sich Dankmarn allerdings nur durch eine Visitenkarte , aber denn doch auch durch seltene Bildung und die feinste Erziehung als Prinz Egon von Hohenberg zu erkennen gegeben hatte . Da ist der Herr , den Sie sprechen wollen ! sagte Pfannenstiel . Und wie ist ' s nun mit dem Mittagessen ? setzte er hinzu . Gehen Sie in die Krone ! sagte Dankmar nach seiner Gewohnheit rasch entschlossen ; bestellen Sie das beste Mittagessen , das der Wirth für zwei anständige Personen nur auftreiben kann . Um ein Uhr muß es hier sein ! Auch eine Flasche Wein ! Verstehen Sie ? Damit drückte er dem Meister Pfannenstiel ein Trinkgeld in die Hand . Dieser , schon an die möglichen Überbleibsel der Mahlzeit denkend und von dergleichen freigebigen , luxuriösen Inculpaten und Zeugen , die hier selten vorkamen , überrascht , erbot sich zur pünktlichsten Besorgung , rückte mit aller Beflissenheit einen alten Tisch ans Fenster und fragte , ob wol noch ein Stuhl nöthig sei ? Dankmar , mit Gefängnissen vertraut , ergriff die Pritsche , auf der ein alter verfaulender Strohsack lag , warf diesen herunter , rückte das Holzgestell an den Tisch und sagte : Das ist gut genug zum Sitzen . Viel Meubel machen ' s hier zu eng .... Wie Sie wollen , sagte Pfannenstiel und ganz erstaunt , die beiden jetzt zu Inhaftirenden so curios sicher und vertraut sich begrüßen zu sehen - der Andere war allerdings anfangs kaum aufgestanden - schloß er die Thür wieder ab und polterte draußen so gräulich mit seinen Schlössern und Riegeln , daß nach jener Seite hin an ein Entrinnen nicht zu denken war . Als man das letzte Eisen vorgeschoben hörte , sprang der Gefangene von einem Schemel , auf dem er während der Verständigung zwischen Dankmar und Pfannenstiel , unbeweglich den Kopf in beiden Händen stützend , gesessen hatte , auf und rief : O mein Gott ! Was sagen Sie nun dazu ? Durchlaucht sehen mich hier , antwortete Dankmar , um von Ihnen Etwas zu vernehmen , das soviel wie eine Aufklärung ist . Ich bin ganz Ohr ! Dankmar war sonst kein Freund von Titulaturen . Er hob die Würde des Gefangenen nur darum so nachdrücklich hervor , um zu sehen , ob dieser sie wirklich zu behaupten verstand .... Nichts von Durchlaucht ! sagte der Fremde ; keine Förmlichkeiten , die ich schon draußen in der Freiheit hasse , und die hier in diesem abscheulichen Loche am wenigsten am Platze wären . Ich habe Sie auf unserer Reise schätzen , ja lieben gelernt . Vor allen Dingen ! Seien Sie mir Freund , Wildungen ! Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von seinem eben Erlebten zitternde Hand . Dankmar ergriff sie etwas zögernd . Er konnte denn doch nicht umhin , sich zu sagen : Wunderliche Herablassung eines gefangenen Diebes , der vielleicht wirklich unschuldig , aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon ist ! Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir , Wildungen ! sagte der Fremde . Und ich Wahnsinniger verdien ' es auch nicht ! Wie kann ich mir einbilden , daß Sie meinen Worten trauen können ! Wie kann ich glauben , daß Sie mich für Egon Hohenberg halten ! Höchstens , daß Sie mich für keinen Tischler nehmen ! Und was das Schlimmste ist , Wildungen ! Ich bin ... Der Gefangene stockte .... Als ihn Dankmar erwartungsvoll fixirte , sagte er leise : Ich bin wirklich ein Dieb . Durchlaucht ... Ich habe auf dem Schlosse wirklich stehlen wollen .... Dankmar besann sich bald . Mein Fürst , sagte er , man nennt Das nicht stehlen , was das Antreten einer Erbschaft , das Besitzergreifen von einem Eigenthum ist . Allein ... Nun ? Nicht wahr ? Auch dieser Act muß in gesetzlichen Formen geschehen ? Allerdings , sagte Dankmar . Ich kann nicht glauben , daß Sie sich in der That auf dem Schlosse irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen . Der Fremde schwieg und suchte nach Fassung . Nach einem Augenblick strich er sich mit der Hand durch das lichtbraune Haar , das von dem blassen edeln Angesicht jetzt noch schöner abstach , und sagte : Weg mit den Grillen ! Bedenk ' ich es genau , so ist das Ganze ein Abenteuer und ich wünschte , der Wein aus der Krone wäre schon da , damit Sie mit mir auf die Befestigung unserer Freundschaft anstoßen . Dankmar konnte sich in diesen Übergang zur Heiterkeit nicht finden . Es überfielen ihn plötzlich alle nur möglichen Zweifel an dem Fremden , von dem er sich düpirt zu werden als Etwas dachte , was ihm das Blut in die Wangen trieb .... Er sah sich um und kam auf die Widerwärtigkeit eines solchen Ortes zurück , in dem sie sich wiederfinden mußten .... Es ist toll ! sagte der Fremde . Aber wie glauben Sie nur , daß ich aus diesem Rattenneste frei werde ? Vor allen Dingen , meinte Dankmar mit bestimmter Betonung , vor allen Dingen müßt ' ich doch wissen , mit welchem Rechte Sie hierher kamen ? Weil ich stehlen wollte .. Wie ? Scherzen Sie ? In der That ! Ich bin ein Dieb .... Ich habe nicht gesagt , Durchlaucht , beweisen Sie , daß Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind ; aber daß Sie ein Dieb sind , müssen Sie jetzt wirklich beweisen .... .... Was soll ich zuerst beweisen ? Ich sehe , Sie glauben Beides nicht . Ohne zu schmeicheln , möcht ' ich fast glauben , wenn Sie mir beweisen , daß Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind , so hätten Sie kaum nöthig , entschuldigend von Ihrem sogenannten Diebstahl zu sprechen .... Ah ! Sie Demokrat ! Finden denn die Fürsten bei Ihnen noch so ein gutes Vorurtheil ? Dankmar schwieg mit seinem