die Augen gekommen , mit dem solle er sie ruhig lassen . Joggeli war böse darüber , klagte sehr , es wäre seiner Frau noch gut zu helfen , aber sie mache sich so köpfig , daß nichts mit ihr anzufangen sei . Die gute Mutter wußte wohl , daß ihr Übel nicht zu heben , bloß der Verlauf desselben zu erleichtern sei ; dafür hatte sie einen Arzt , der freilich weder Hundsschmalz noch Branntwein verordnete . Ihren Kindern hätte sie gerne geholfen , ihnen die Augen aufgetan fürs Zeitliche und Leibliche , auf bessere Wege sie geführt , aber alle ihre Mühe war vergeblich . Die Juden meinten , als Jesus ihnen ein , mal die Wahrheit sagte : » Das sind harte Worte , wer mag sie hören ? « und gingen hinter sich . Nun gibt es viele Naturen , welche christliche Worte nicht mehr vertragen mögen , so wenig wie verdorbene Magen tüchtige Speise ; Widerwillen und Ekel läuft ihnen im Munde zusammen und schüttelt den ganzen Körper . Soll man das Christentum diesen verdorbenen Magen zu lieb akkommodieren und verdünnern , bis sie es ertragen mögen , oder soll man diese hinter sich gehen lassen in Gottes Namen ? Was versteht Paulus unter der Milch , welche er für Kinder bereite , und darunter , daß er allen alles werde , damit er sie Christo gewinne ? Sicherlich nicht ein Verkümmern oder Verleugnen der Wahrheit , denn wer redet Menschen schärfer ins Gewissen als Paulus den Korinthern , und frägt er nicht : » Oder suche ich den Menschen gefällig zu sein ? Zwar wenn ich den Menschen noch gefällig wäre , so wäre ich Christi Knecht nicht , und so jemand euch ein anderes Evangelium predigt , als ihr es empfangen habt , der sei verflucht « ? Mit der Akkommodation wird ein gar schmählich Spiel getrieben . Christus wird aus dem Christentum herausakkommodiert , das Christentum aus den Kirchen , uns dagegen eine Moral eingewässert , in welche jede Regierung , jeder Polizeiminister das Beliebige rührt . Eine Moral in Juristenhänden ist ein Stücklein Wachs in Schneidershänden ! Bald rund , bald viereckig , bald so , bald anders wird es geknetet ; es ist eine Moral , daß Gott erbarm , ob welcher die Menschen nicht bloß des Teufels werden möchten , sondern wirklich auch des Teufels werden . Es ist eine Staatsmoral , ob welcher sogenannte Staatsmänner leiblich den Hals brechen , und was dann aus ihren armen Seelen wird , ist Gott bekannt . Dem Baumwollenhändler sagte die Mutter nichts , an dem hatte sie nichts erzogen und wußte wohl , daß man Perlen nicht vor die Säue werfen soll . So einem geschliffenen Schliffel von Religion zu reden , dazu braucht es wirklich schon einen großen Mut . Selbst mit Johannes redete die Mutter nur leise und mit Zagen : Was er auch denke und wo das hinaus solle ? Er und seine ganze Familie machten ihr so großen Kummer . Johannes war nicht ohne Gefühl , die Mutter war ihm immer lieb gewesen ; er sagte oft , wenn sein Babi wäre wie die Mutter , er würde einen Finger von der rechten Hand geben . Aber geistige Zusprüche mochte er doch nicht , sie machten ihn wunderlich , sie krabbelten ihm in den Gliedern , er wurde ungeduldig , kriegte einen seltsamen Kitzel im Halse , daß er lachen mußte , wenn es ihm schon nicht ums Lachen war . » Mutter , habt nicht Kummer , « sagte er dann , » die Sache ist nicht halb so gefährlich , so bös gehen wird es nicht . Braucht das Doktorzeug nur gut , so wird es Euch schon bessern . Es ist schon mancher Mensch krank gewesen und ist wieder besser geworden « , und unter irgend einem Vorwande machte er sich von der Mutter weg . Mit Elisi war es aber anders , das war , als ob es ein Herz von Blech hätte ; die Mutter mochte sagen , was sie wollte , es machte ihm weder kalt noch warm , es nahm weder Anteil daran noch Notiz davon , schimpfte über seinen Mann , hässelte mit den Kindern , plagte die Mutter fürchterlich mit Eifersucht gegen das große und das kleine Vreneli , sagte höchstens , sie solle doch aufhören mit ihrem Gestürm , sie mache ihm so Langeweile ; dann konnte es wieder angesichts der Mutter die kindlichste Freude haben an einem Kleidungsstück , sich vor dem Spiegel hin- und her , wenden , und mitten in Hustenanfällen sollte die Mutter ihm sagen , ob es ihm nicht gut stehe , ob es ihr nicht bsonderbar gefalle ? So eine Tochter zu haben , die schon Mutter mehrerer Kinder ist , das ist wirklich ein hartes Kreuz auf dem Totenbette . O Mütter , bedenkts ! Und zu der Tochter eine Schwiegertochter , um kein Haar besser und auch wieder mit mehreren Kindern behaftet , das war ein zweites Kreuz und ein nicht minder schweres . Trinette zwar zeigte sich nicht , Kranke besuchen war nicht ihre Liebhaberei , alte Leute verachtete sie in Bausch und Bogen . Es sei doch nichts wüster , sagte sie , als so eine alte Frau , die nichts mehr von neuen Moden wissen wolle und am liebsten ihre fünfzigjährigen Hochzeitskleider trüge . Pfi Tüfel ! Einmal sie begehre nicht , so alt zu werden , oder wenn es sein müsse , denn expreß jung hängen möge sie sich doch nicht , so wolle sie dafür sorgen , daß kein Mensch wisse , wie alt sie sei ; sie wisse , wie man das mache , eine alte Hebamme habe es ihr einmal gesagt ; diese hätte lange in der Stadt gedient und gewußt , wie die Stadtfrauen das machten . Trinette und Elisi waren Beide ungefähr gleich blechern ums Herz . Trinette hatte vielleicht etwas mehr Energie und Elisi mehr Bosheit ; sie waren wie zwei Kutschenpferde von gleichem Schlag und gleicher Farbe , von denen das eine lieber schlägt , das andere lieber beißt , eines besser ausgreift im Trott , das andere sich aber hütet , die Stricke anzuziehen . Die gute Mutter konnte nichts abbringen an ihren Kindern , konnte nichts als für sie beten , sie hatte nicht einmal den Trost , daß Joggeli aufnehmen werde , was sie umsonst versucht . Joggeli und die Kinder redeten mit Ärger davon , wie geistlich die Mutter werde , frugen , wer Tüfel ihr das angetan , ob etwa ein Pfaff zu ihr komme oder eine Betschwester ? Wenn sie wüßten , wer schuld daran wäre , dem wollten sie den Marsch machen . Sie meinten , so etwas könne bloß von außen herkommen , von diesem oder jenem , wie in der Tat oft , besonders bei Entstehen von Sekten , etwas an die Leute kömmt , sieht aus wie Christentum , ists aber nicht . Sie hatten keinen Begriff davon , daß in gesunden Gemütern ein Keim liegt , der , frühe belebt , langsam wächst , unbemerkt im Innern sich entwickelt und vielleicht erst leuchtend sichtbar wird , wenn das Licht des Lebens erlöschen will . Einen solchen Keim hatten sie aber eben nicht in sich . Indem er eben nicht in ihnen war , die Welt aber ganz anderes in ihnen ausgebildet hatte , war eine Kluft zwischen ihren Gemütern entstanden fast wie zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus ; sie konnten nicht mehr zu einander kommen , die Mutter und die Kinder . Das hatte gewissermaßen sein Gutes , sie kamen ungern und blieben nicht lange . Die Furcht , die Mutter möchte von Vreneli ausgeplündert werden an Kleidern und Kleinodien , hatten sie nicht , so weit hatten es Beide im Vertrauen gebracht , daß man es weder dem Einen noch dem Andern zutraute . Desto mehr war Vreneli dort , es war ihm dort wie bei einer Mutter . Es ist ein eigenes Wort : bei der Mutter sein . Es gibt Mütter , wo es den Kindern , wenn sie zur Mutter kommen , wird wie einem Küchlein , das unter die Flügel der Henne flieht , wenn es ihm zu kalt wird draußen in nassem Grase oder eine Krähe in der Nähe ist . Sind dann augenscheinlich die Tage der Mutter gezählt , macht man sich gegenseitig kein Hehl mehr daraus , dann mischen Wohl und Weh gar seltsam sich ineinander . » Will noch bei dir sein , « sagt die Tochter , » es kömmt eine Zeit , ich kann nicht mehr zur Mutter ; « die Tränen rinnen , und schmerzlich zuckt das Herz zusammen . Dann wird es der Tochter wohl , fast möchten wir sagen , selig bei der Mutter , wenn die Krankheit Ruhe gibt . Beide Herzen liegen offen vor einander ; was die Tochter hofft , was die Mutter wünscht , was Beide freut oder kümmert , schwillt ineinander , verwebt sich zu dem wundersamen Gemeingut , welches die Mutter hinübernimmt , die Tochter hier behält , Keine mehr , Keine minder hat , jede alles hat , welches ein kleiner Teil des großen Schatzes ist , den die Kirche Gemeinschaft der Heiligen nennt . Das ist das wundersame Gut , wo , je mehr einer hat , desto mehr er den Andern gönnt , je größer die Menge der Teilnehmer wird , desto größer die Teile der Einzelnen werden , mit der Zahl der Erben das Erbteil wächst . Aus dem süßen Weh weckt wohl der Schlag der Uhr , den Verlauf der Zeit , welche kein Erbarmen kennt , verkündend . » Muß gehen « , sagt die Tochter . » Bleibe noch ein klein Weilchen , weißt nicht , wie lange es währt « , meint die Mutter . Endlich muß es doch sein , es muß die Tochter gehn , aber allemal begleitet sie bis heim der gleiche Seufzer : » Wenn die Mutter nicht mehr ist , wie wird es mir sein ? « Vreneli hatte vielfach Ursache , so zu seufzen . Wenn es daheim war , so sagte es oft : » Will zur Base gehen , kann es dort vielleicht vergessen , aber wie es gehen soll , wenn ich nicht mehr dorthin kann , das weiß ich nicht . « Es war wirklich ein bös Dabeisein ; die ganze Hausgenossenschaft schien eine große Bande zu sein , Einer des Andern Feind , Einer wider alle und wiederum alle wider Einen . Sie waren vollständig in den Gesindeverruch gekommen , welcher früher schon angedeutet wurde . Was Rechtes meldete sich gar nicht mehr bei ihnen , und je schlechtere Leute Uli hatte , desto böser mußte er mit ihnen sein , desto öfter mußte er ändern , desto mühsamer und schwerer ging jede Arbeit , desto mehr ward er verrufen . Ist man mal in dieser Lage , so ist man wie verhexet , wie ein Krammetsvogel auf einer Leimrute , wie ein Mensch , der in einen Sumpf gefallen ; je mehr er zappelt , desto tiefer sinkt er ein . Es verleidete Vreneli ordentlich das Leben , wenn alle Augenblicke was Neues losbrach : eine Liebesgeschichte mit bösen Folgen , eine Diebesgeschichte , von der man nicht wußte , wie weit sie reichte , und schwer auszumitteln war , ob nicht wenigstens Hehler sei , wen man des Diebstahls nicht beschuldigen konnte , eine Vernachlässigung in den Ställen , welche Uli viel Geld kostete und fast aus der Haut trieb , oder was das Allerärgste war , Leichtfertigkeit mit dem Feuer , ob welcher das Haus in Feuer aufzugehen drohte . Bald hatte einer im Stall die Laterne geschneuzt , den glimmenden Docht ins Stroh geworfen , bald einer Heu gerüstet und Feuer drein gemacht , als er die Pfeife räumte , eine Magd heiße Asche an eine hölzerne Wand gestellt oder war unvorsichtig mit offenem Lichte in brennbaren Stoffen herumgefahren oder hatte Holz eingelegt wider allen Befehl , nur damit sie am Morgen eine Minute oder zwei länger faulenzen könnte . Kurz alle Augenblicke war so was los , und das höchste Wunder war , daß das Haus ihnen nicht längst über den Köpfen zusammengebrannt war . Nun ist auf der Welt kaum was peinvoller als die Angst vor Feuer , besonders wenn es Abend wird und Nacht . Man geht noch allenthalben herum und forscht , ob nichts Verdächtiges sei ; hat man die Runde gemacht , so riecht man entweder was Verdächtiges oder hört Töne wie Knistern , Spretzeln und fängt die Runde von neuem an , legt sich endlich zu Bette , hat aber kaum den Kopf auf dem Kissen , so fährt man von neuem auf , denn jetzt hat man es gar zu deutlich gehört , wandert frisch im Haus herum und findet nichts , legt sich wieder nieder , schläft ein , träumt , das Haus brenne , ist an Händen und Füßen gebunden , kann nicht aus den Flammen . Hat man sich endlich nach schrecklichen Qualen freigerungen , springt auf in Schweiß gebadet , so ist all nichts , nichts als Nacht und nirgends Flammen , man hat bloß geträumt . Ja , das sind Qualen , welche nur der kennt , welcher mal diese Angst vor dem Feuer so recht im Leibe gehabt hat . Dazu kam noch der Prozeß , welcher in vollem Gange war . Der kleine Handel war von kundigen Mäulern zu einer großen Geschichte aufgeblasen worden . Wenn Vreneli vom Feuer träumte , träumte Uli vom Prozeß , plädierte manchmal im Traume dem besten Advokaten zTrotz , redete von Terminen , Beweisen , Zeugen und Leumden . Es ging Uli , wie es den Meisten geht , wenn sie zum erstenmal mit einem Prozesse behaftet werden : der Prozeß frißt sich in ihre Seele , bildet den alleinigen Mittelpunkt ihrer Gedanken . Tage- , wochenlang buchstabieren sie denselben bald vorwärts , bald rückwärts , schlagen mit einzelnen Paragraphen , welche ihr Agent sie gelehrt , wie mit Knütteln drein , verlieren Mut und Sinn für andere Sachen , kommen sich nebenbei sehr wichtig vor , dieweil sie einen Prozeß haben , welchen ja nicht jeder hat , meinen , ihr Prozeß müsse allen Menschen ungeheuer wichtig vorkommen ; darum geben sie ihn männiglich zum besten , der ihnen auf Schußweite nahe kömmt . Dazu kömmt noch ein gewisses Bangen über den Ausgang ; dessen sind sie im Herzen doch nicht so ganz sicher , wie ihr Mund es ausspricht , sie suchen daher dieses Bangen durch die Urteile zustimmender Menschen zu beschwichtigen . Nun werden allerdings mit seltenen Ausnahmen alle , denen man in Wirtshäusern , auf Straßen während dem Kirchengehen oder Marktgeläufe den Handel vorträgt , dem Erzähler vollkommen recht geben . » Nur ausgefahren , « wird es heißen , » du hast recht , deren Händel habe ich schon hundertmal erlebt , kenne die Sache , ds Land auf , ds Land ab Keiner besser ; aber glaubst mir nicht , so frage noch Andere . « Nun geht der Prozeßmann glücklich heim , schläft diesmal ruhig , aber am andern Morgen fängt das Bangen schon wieder an zu wurmen ; er läuft wieder einer Bestätigung nach , freilich keiner richterlichen , aber doch einer , welche ihm wohl macht einige Stunden und zu einer ruhigen Nacht verhilft , denn den Meisten hängt vom Ausgang eines Prozesses ihre Existenz ab . Der Wert , um den prozediert wird , mag vielleicht bloß einige Groschen betragen , aber die Kosten , welche auf den verlierenden Teil fallen , können rasch auf einige hundert Gulden steigen ; die Herren Advokaten wissen noch ganz andere Rechnungen zu stellen als die Herren Schneider , welche gewöhnlich an die Rechnung setzen , was sie zu wenig ans Kleid gesetzt ; es ist halt so ein kleiner Verschuß , dem sie unterworfen sind , so von Handwerks wegen . Man hat Beispiele im Kanton Bern , daß Prozesse wegen einem Ei und wegen einer Strohbürde über zehntausend Gulden kosten . Ja , zehntausend Gulden machen eine Summe aus , welche ins Tuch geht und selten einer in der Hosentasche mit sich trägt . Indessen muß man das doch den meisten Herren Advokaten nachreden , sie nehmen bloß die Wolle , selten die Haut dazu , sie sind kluge Schafscherer ; diese schinden die Schafe auch nicht , sondern scheren sie bloß , denn wenn sie die Schafe schinden täten , so wüchse keine Wolle mehr nach und das Scheren wäre ein- für allemal aus , tut man aber klüglich , so kann man alle Jahre frisch dran sein , bei Schafen mit gröberem Haar sogar zweimal im Jahr . Probiere aber einmal einer , diesen Rat machten wir dringlichst geben , und trage immer seines Gegners Sache als die seine vor , und zwar so scharf und bündig , als sie seines Gegners Rechtskundius vorträgt , und höre dann auf das Urteil der Menschen ! Unter zehn werden ihm wiederum neune recht geben und sagen : » Du hast recht , fahr aus , es fehlt dir nicht , habs schon hundertmal erfahren ! « Dann weiß er , woran er ist und was an dem Urteil der Menge ist . Nun , das tat eben Uli nicht , er lief auch dem Urteil der Menge nach , um sich zu trösten ; die Summe , welche nach und nach sich aufs Spiel stellte , war nicht unbedeutend , betrug schon mehr als doppelt so viel , als die ganze Kuh wert war . Ulis Agent hatte ihm schon mehr als einmal gesagt : » Wenn du mir etwas Geld auf Abschlag geben könntest , so wäre es mir anständig ; es sind böse Zeiten , es geht nichts ein , und gewiß , weißt wohl , läuft jede Sache besser gesalbet als ungesalbet . Du gewinnst , dann kriegst alles wieder , es fehlt dir nicht . « Indessen lag alles noch in hängenden Rechten , der Entscheid schob sich immer wieder hinaus . Diese Ungewißheit , dazu der tägliche Verdruß , die harte Arbeit und doch das Nichtvorwärtskönnen zehrten gar mächtig an Uli , er sah aus wie ein Marterbild , und Vreneli bekam recht Angst um sein Leben . Darum konnte es um so geduldiger seine zunehmende Mißstimmung , in welcher er selten einem Kinde mehr ein gutes Wort gab , ertragen . Er hatte von seinem Gelde gekündet , aber es half nicht viel ; wenn unten in einer Flasche ein Loch ist , so kann man lange obeneingießen , die Flasche wird nicht voll . Bin solch Loch war der Prozeß . Es lebt selten ein Pächter auf Erden , welcher das Prozedieren ertragen mag , ohne die Auszehrung zu bekommen . Es ist wirklich nicht angenehm , wenn man einen Geldseckel hat , welcher einer halben Sanduhr gleicht , und zwar dem obern Teile , wo das Sand allmählich , aber unaufhaltsam niederrinnt , bis die ganze Büchse leer ist . Nun , an einer Sanduhr macht das nichts ; ists oben leer , kehrt man den untern Teil herauf , so ists oben wieder voll , es ist alles im Alten und das Rinnen beginnt aufs neue . Aber bei einem Geldseckel ists eben was anders , dem fehlt der untere Teil ; ists oben leer , so ist unten auch nichts mehr , da kann man den Geldseckel hundertmal rundum drehen , leer bleibt leer . Man könnte die Vergleichung drehen und sagen , der obere Teil der Büchse sei der Klient , der untere der Advokat ; was oben wegrinne , laufe dem Andern ins Maul , und so , ja freilich , drehe man das Ganze um , so finde man oben beim Advokaten wieder , was der Klient habe rinnen lassen ; die Frage sei nur , ob der Advokat Gegenrecht halten und wieder wolle laufen lassen , was er habe . Aber die Sache ist doch nicht so , denn drehe man lange den Advokaten , in den alles geronnen , obenauf , so ist doch nichts oder wenig mehr in der Büchse . So ein Advokat ist noch lange nicht der untere Teil einer Sanduhr , welcher behält , was obeneinkommt , weil er unten kein Loch hat ; ein Advokat hat gewöhnlich viele Löcher , wo rasch abrinnt , was oben reinkömmt , daß je mehr hineinkommt , desto mehr unten ausrinnt , so daß wenn man ihn schon lange auf den Kopf stellt , ja schüttelt und rüttelt , nichts mehr unten ausläuft , bis man ihn halt wieder irgendwo unterstellt , Klienten oder fette Ämtchen obenauf . Es kam Vreneli wirklich oft der Gedanke : Was wartet meiner noch ? Die Base stirbt , Uli ist nicht zweg , wo aus das will , ist Gott bekannt ; alle Tage tiefer darin und in einem Ghürsch , wo was kriegt , wer betrügt ; darf nichts sagen , um die Sache nicht noch schlimmer zu machen ; wenn Gott nicht wäre , meines Lebens wüßte ich wahrhaftig keinen Rat . Dieser passive , leidende Verhalt war für Vreneli um so schwerer , da dasselbe , rasch und unternehmend , zur Regentin von Gott geschaffen war . Das ist gar ein eigner Punkt , zu etwas erschaffen scheinen und was anderes sollen , aber eben will uns Gott an schwachen Seiten doktern , das sollten wir fassen ; was uns leicht geht und lustig scheint , dazu bedürfen wir keiner Ausbildung , aber da , wo wir nichts sind und nichts können und doch schön wäre , wenn wir es könnten , da müssen wir geschult und angetrieben werden , wenn wir was werden sollen . Die heutigen Schulherren ( Schulmeister darf man nicht mehr sagen , denn die Schule ist emanzipiert , und die , denen sie gehört , sind ja deren Herren ) und sonstigen Pädagogen sind freilich anderer Meinung , aber von wegen der Erbsünde und einem höhern ewigen Leben sind wir ganz anderer Meinung . Eben was uns sehr schwer geht , fast unmöglich scheint , das müssen wir lernen . Wer zum Eingreifen , ja Einhauen sich geschaffen glaubt , soll oft eben das Dulden , das Zuwarten , das stille Wirken und das geduldige Ertragen Solcher , welche zum Regieren und Befehlen halt nichts taugen , aber es eben lernen sollten , aushalten lernen , ohne sich zu hängen und aus der Haut zu fahren , siehe Exempel dato im Vaterland . Freigebige sollen von Batzenklemmern und Kreuzerschabern ( selbst Juden schaben sonst bloß Gold , stocke ) die Vorschriften zu gesetzlicher Freigebigkeit sich machen lassen und ihre wohltätige Hand Hochdenselben Kreuzerschabern zu gesetzlicher Verfügung stellen , damit diese freiwillige Almosen aus anderer Leute Sack verwalten lernen , da aus ihren eigenen Säcken nie welche geflossen wären . So wurde das rüstige , feldherrliche Vreneli nach innen getrieben , zum stillen Ergeben gezwungen , zum Schweigen und Ansichhalten , zum Sammeln und Prüfen der eigenen Gefühle und Gedanken . Aber schadet das was ; Schneidet der kundige Gärtner die am üppigsten wachsenden Bäume nicht gerade am meisten und schärfsten zurück , damit sie nicht zu luftig in den Ästen , zu dünn im Stamm , zu schwach in der Wurzel werden für das üppige Geäste , welches keinem Sturmwinde widersteht ? Der liebe Gott bleibt immer der allerbeste Lehrmeister , darum werden die andern alle Tage um so weniger taugen , weil sie nach den eigenen Köpfen fahren wollen , und zwar jeder nach seiner eigenen , gestern erdachten Methode , statt den alten Lehrmeister zum Vorbilde zu nehmen . Daher wird es denn auch wohl kommen , daß die meisten Kinder dieser Zeit eben nur Lehrplätze sind , so äußerst selten mehr ein Charakter zu finden ist , so selten einer als Mann hält , was er als Kind versprochen , so selten einer erleuchtet stirbt , wie erleuchtet er schon vom sechsten Jahre , das heißt schulpflichtigen Alter an gepriesen wurde . Es ist aber auch wahr , Vreneli hatte mit sich selbst eine harte Arbeit und oft mußte es unwillkürlich mit der Hand ans Herz fahren , um es zu halten , daß es nicht zerspringe , mußte sich zwingen , mit den Kindern zu reden und zu tändeln , es war ihm , als müsse es seinen Mund verschließen und seine Rede aussterben lassen , und manchmal wollte ihns ein wilder , zorniger Geist ergreifen , wollte in seine Hände fahren , sie reizen , zu turnieren mit Pfannen und Schüsseln , wollte Glut werfen in seine Seele , um dann als zorniger Feuerstrom zu fahren aus seinem Munde in die Schweine hinein , das heißt in Mägde und Knechte , ja manchmal auch über Uli und Kinder . Es mußte Vreneli gar heftig kämpfen mit sich selbst , um zu bewahren einen ergebenen Sinn , Ruhe des Gemütes und ein mildes Wort . Manchmal wollte es sich ihm schier nicht geben ; es erfuhr , was es heiße : Niemand wird gekrönt , er kämpfe denn recht . Siebzehntes Kapitel Nach der Angst kommt der Tod » Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen , « so gings auch Vreneli . Vom Brennen hatte es geträumt , hatte seine Kinder in den Flammen gesehen , zu ihnen gewollt und nicht gekonnt , war wie in Ketten und Banden gelegen . Ein heftiges Klopfen am Fenster brach den Bann , mit einem Satze war Vreneli mitten im Zimmer , riß die Augen auf , stockfinster wars ; ob es geträumt oder nicht , war ihm nicht klar . Da klopfte es noch heftiger ; rasch riß es das Fensterchen auf und rief : » Wo brennts ? « » Komm geschwind , die Frau will sterben , sie kommt nicht mehr fort mit dem Reden ; sie wollte nie machen , was ich angab , drum gehts ihr jetzt so ; hätte sie gehorcht , sie hätte es noch lange machen können , so wohl am Leibe , wie sie war . « Es war Joggeli , der so sprach . Ehe er wieder beim Stock war , war Vreneli hinter ihm , vor ihm in der Stube und fand die gute Base im Sterben . Nach Tropfen und Salben griff es schnell ; die Base tat wohl die Augen auf , tappte nach seiner Hand , strengte sich augenscheinlich an , etwas zu sagen , brachte bloß undeutliche Töne hervor , man wußte nicht , wollte sie Haus oder Geld oder Hand sagen , und wenn man nach diesem oder jenem deutete , schüttelte sie den Kopf und deutete auch , aber man wußte nicht , nach was . Bei allem , was man ihr vorwies oder sagte , schüttelte sie den Kopf , seufzte tief auf , schloß die Augen und öffnete sie hienieden nimmer wieder . Sie habe die Sache nie zu rechter Zeit sagen können , und man habe eigentlich nie recht gewußt , was sie meine ; wenn man geglaubt , jetzt sei es ihr einmal das Rechte , so sei es ihr eben nicht recht gewesen ; wenn sie auf ihn gehört , sie lebte noch , aber sie hätte es immer so gehabt ; was er gesagt , habe nie etwas bei ihr gegolten . Daneben sei sie eine rechte Frau gewesen , und niemanden sei es übler gegangen als ihm ; sie seien an einander gewöhnt gewesen , und so alt , wie er sei , gewöhne man sich nicht mehr gerne anders ; da dünke es ihm , sie hätte wohl können ihm zu Gefallen mehr ums Leben tun , das Geld hätte ihn nicht gereut , aber so sei sie immer gewesen , was sie im Kopf gehabt , das hätte man ihr nicht mehr herausgebracht . Das war Joggelis Leichenklage , von welcher indes Vreneli wenig hörte , denn ihm war die Mutter gestorben . Es war , als sei es vom Eckstein seines Daseins weggestoßen , schwebe über einem Abgrunde , der unergründlich , unerforschlich seinen Schlund ihm entgegendehne . Doch seinem Schmerze gab es nicht lange ungemessen sich hin . Vreneli hatte sich untertan gemacht der Pflicht ; wo Pflicht erschien , gehorchte es ihr mitten in jeder Bewegung , wie der Soldat in allen Lagen , sie mögen heißen wie sie wollen , die Hand an den Tschako , Helm oder Käppi legt , wenn ein Offizier vorübergeht . Daß wir hier nicht von bernerischen Soldaten reden , versteht sich - zwar nicht von selbst , sondern sonst ! Vreneli fühlte , daß ihm jetzt hauptsächlich die Besorgung aller Formalitäten oblag , denn Joggeli hatte weder Übersicht des Nötigen noch das schnelle Wort zur Beschickung des Nötigen . Es drückte die Hand aufs Herz , wischte die Augen aus , stund auf und frug Joggeli , was er meine , daß jetzt gemacht werden müsse ? Eben , sagte er , habe er gedacht , und schluchzte erbärmlich dazu , es sei doch nichts gemacht von seiner Frau selig , daß sie nicht gesagt , wie sie es wünsche ; es sei doch sonst überall Gebrauch , daß wer sterbe , sage , wie man es mit seinem Leichenbegängnis halten solle , und sonst befehle , was es noch möchte . Sie habe kein Wörtlein davon gesagt , und das hätte sie doch sollen , wenn sie es gut mit ihm gemeint . Nit , klagen wolle er nicht , es sei eine brave Frau gewesen , bravere werde es wohl nicht viele geben , aber das Wort hätte sie ihm nicht gegönnt , und wenn er was von sich aus gemacht , so sei es doch nicht recht gewesen ; er wolle jetzt auch nichts dazu sagen , vielleicht wäre es