an - und so reisten wir Alle hierher zurück , da Waldows Heimath unserm Wege näher lag , als Golzenau . Ich begleite Eduin nach einigen Tagen , welche wir hier zubringen , zu den Seinigen . Er will sich durchaus nicht von mir trennen , wahrscheinlich treten wir dann nach ein paar Wochen des Weilens im Vaterland eine neue Reise nach Norden an , da er den Süden so bereitwillig aufgab . - Aber Franz , Du weintest , wie ich Dich zuerst sah ? « sagte Gustav Thalheim . » Weint ' ich ? - Nun es kann wohl sein - wundern muß man sich freilich , wie man noch weinen kann ! Ach , es ist gut , daß Du da bist - ich muß Viel mit Dir reden , vielleicht weißt Du Rath , wo ich rathlos bin ! - Aber nicht hier - um diese Fabrik herum muß jetzt die Luft verpestet sein , muß einen neuen Wellengang erfunden haben für den Schall , daß er gleich bis in die Ohren des Fabrikherrn trägt , was man spricht , aber verändert , verschlimmert - auch weht der Herbstwind schon rauh über die Stoppeln - Du wirst frieren , weil Du aus Süden kommst . - Aber wo gehen wir hin - in meiner Kammer ist ' s vielleicht auch nicht mehr geheuer - wer kann ' s denn wissen ? « » Komm mit mir , « antwortete der Doctor Thalheim , » ich bewohne bei Waldow eine einsame Stube , dort wird uns Niemand belauschen , wenn Du Etwas zu fürchten hast , dort können wir uns einander näher erklären , denn noch verstehe ich Dich nicht . « So gingen sie denn zusammen dem Gute des Rittmeisters von Waldow zu . Unterwegs fragte der Doctor Franz , ob er Etwas von Amalien wisse . Franz verneinte . Er wußte es selbst noch nicht einmal , daß das Kind gestorben war - weder Amalie noch Bernhard hatten ihm geschrieben . Von diesen traurigen Verhältnissen sprachen sie zusammen , bis sie an das Ziel ihrer Wanderung kamen . Gustav führte den Bruder in seine Stube : Hier sind wir ungestört , « sagte er und zog ihn neben sich auf das Sopha . Die Stube war zwar etwas altmodisch eingerichtet , Gardinen und Meubles waren von ziemlich verblichener Pracht - aber es war doch immer einst Pracht gewesen und die eingedruckten Polster gaben noch immer weich und elastisch genug nach , um in ihrer Bequemlichkeit einem Proletarier ziemlich wunderlich vorzukommen . Er schüttelte den Kopf darüber wie über all ' die zierlichen , künstlichen Geräthe des Zimmers . Es mischte sich kein Neid und keine Bitterkeit in seine Worte , als er zu dem Bruder sagte : » Du gehörst jetzt zu der Classe der Reichen und vornehmen Leute - « denn er gönnte ihm das Alles ; aber er sagte es doch . » Bruder , « sagte Jener , » ich weiß wohl , daß Du unglücklich bist - aber noch , als ich vor Jahresfrist hier von Dir Abschied nahm , versichertest Du mir : Zuweilen habest Du doch Stunden , wo die Arbeit Deine Lust sei , Du strebtest nicht über Dein Loos hinaus - und drück ' es Dich auch ein Mal hart , nun so erhebe Dich doch der Gedanke , daß Du all ' Dein Streben Deinen Kameraden weihtest und daß es Dich erhöbe , danach zu trachten , soviel , als Dir möglich sei , zur Verbesserung der Lage der arbeitenden Classen beizutragen . - Denkst Du nun anders ? « » Du hältst mir ein Bild meines Selbst vor , wie es einst war und wie es bald ganz zertrümmert sein wird Ja ! Ich bildete mir das ein ! Was ich schrieb , sollte die Augen einflußreicher Menschen , der Schriftsteller , der Bürger auf die Noth der Armen lenken - was ich that , sollte , da ich anders nicht helfen konnte , die Kameraden hier eines besseren Looses werther machen . Und so geschah es auch . Mit einem von ihnen , Wilhelm , welcher fühlte und dachte wie ich , stiftete ich einen Verein unter uns unverheiratheten Arbeitern . Ich habe Dir einmal seine Statuten mitgetheilt . Dadurch ward Vieles besser . Trunkenheit und Spiel verschwanden bei den Jüngern . Dadurch , daß wir aus einer gemeinschaftlichen Casse uns unterstützten , wenn Einer in unverschuldete Noth kam , so daß wir nicht nöthig hatten , uns unsere Arbeit von den Factoren vorausbezahlen zu lassen , büßten wir weniger an unserm Verdienst ein . Wir redeten ein vernünftiges Wort zusammen , sangen kräftige Lieder zu Trost und Erheiterung , lasen wohl auch hier und da ein nützliches Buch zusammen - und so kam manches Gute . Das Alles ist nun hin ! Wir dürfen nicht mehr in unsrer besondern Stube zusammenkommen , keine Lieder mehr singen - Alles nicht mehr , was wir bisher gethan - spielen und uns betrinken aber - ja das dürfen wir ! « Gustav bat erschrocken theilnehmend um weitere Erklärung . Franz wußte seine Worte durch weiter Nichts zu ergänzen , als durch den außerordentlichen , drohenden Befehl von diesem Morgen . Dann fuhr er fort : » Aber ist denn das etwa Alles ? Unter diesem kleinen Haufen elender Arbeiter , von deren Dasein die Classe der bevorrechteten Menschen kaum mehr Notiz nimmt , als von einem Ameisenbau - werden die seelenerschütterndsten Trauerspiele aufführend gedichtet . Es giebt auch bei uns nicht nur äußerliches Elend und körperliche Schmerzen - wir haben all ' die andern auch in fürchterlicher Größe . Ich bekam einst ein Schreiben von Ungenannten , das die Gleichheit aller Menschen predigte , von unsern Rechten sprach den Reichen gegenüber und das endlich zum Widerstand gegen sie alle Armen aufforderte - Wilhelm ward ein Opfer dieser Ideen - wir sind seitdem unserer Freundschaft nicht mehr froh geworden . « » Aber Du , Franz - Du ? So will der wahnsinnige Communismus auch hier sich einnisten ? « » Ich habe oft Tag und Nacht gerungen - aber davon nachher . Nach einigen Wochen bekam ich einen zweiten Brief - er zeigte mir an , daß die Eisenbahnarbeiter hier in der Nähe aufstehen würden - der Sieg müsse den Armen bleiben , sobald sie nur wollten - wir wären ja einige Hundert - es gelte , ein Heldenbeispiel zu geben - die Andern würden folgen - der Tag der Erlösung sei nahe für die Armen - « » Franz - und was thatest Du - ? « » Meine Antwort war - Schweigen . Du bist der Erste , der von diesem Brief erfährt - « » Gott sei Dank , daß Du aushieltest in der Versuchung , mein starker Bruder ! « » Sie war groß - und wenn nun gar noch Reue käme ? Die Eisenbahnarbeiter haben es nun schlimmer als früher , Einige von ihnen sind im Gefängniß . - Und wir ? Wir haben es nun auch schlimmer . - Und was hatten wir denn weiter zu verlieren ? Und wenn ich nun aus dem Brief kein Geheimniß gemacht hätte - und die Kameraden wären seiner Mahnung alle beigesprungen - und viel Hundert Arme wären plötzlich aufgestanden wie ein Mann und hätten ihr Recht gefordert von den Reichen - was hätten sie denn beginnen wollen im ersten Schrecken ? Nun büßen jene armen Brüder traurig ihre Kühnheit ; und wenn nun ich daran Schuld wäre ? Sie hatten Vertrauen zu mir , sonst hätten sie ja an einen Andern von uns ihre Mahnung schicken können - und ich habe ihr Vertrauen gemißbraucht - ach , das ist ein häßlicher Vorwurf - - « » Franz , um Gottes Willen , Deine Gefühle verirren sich gräßlich , Deine Gedanken werden wirr - « » Und laß ' mich Alles sagen , dann richte , ob es mir nicht zu vergeben , wenn es so wäre , daß meine Seele die gewohnten Gedankengänge verlernte . - Du kennst ja Paulinen , Du bist ihr Lehrer gewesen - ich liebe sie - ja , ja - und sie liebt mich auch ! « » Die Tochter des Fabrikherrn ? « rief Gustav in äußerster Erschütterung . » Ja , und wer anders ist Schuld daran als Du ? Du hast ihr Mitleid gelehrt mit den Armen und Gleichheit der Menschen - und so bist Du es , dem wir unsre Seligkeit und unsern Jammer danken ! « Es verging lange Zeit , bevor die Brüder wieder zusammensprachen , sie waren Beide zu schmerzlich bis in ihre innersten Seelentiefen durchschüttert . Der Eine von der Mittheilung , wie er sie noch niemals über seine Lippen hatte gleiten lassen , der Andere von dem Ueberraschenden und Erschreckenden des Gehörten . Endlich begann Franz wieder gefaßt : » Du bist ja jetzt weit herumgekommen , Du bist ja in jenen Staaten gewesen , wo die Bürger freier sind , als bei uns , und die Arbeiter nur desto gedrückter - dort sagt man ja , es gähre überall , dort wohne das , was Du Communismus nennst ? Erzähle ! « » Ja , es will sich überall regen mit unheilvollen Zeichen . Gefährliche Verbindungen gründen sich auf gefährliche Systeme , die auf den Umsturz aller bestehenden Verhältnisse hinaus laufen - « » Aber , Gustav , was soll endlich werden ? Du nennst jene Systeme gefährlich - gefährlich sind sie für die wenigen Tausende , welche jetzt im Besitz und im Rechte sind - aber für die Millionen Rechtloser und Enterbter sind sie doch die einzige Rettung ! - Meine Geduld geht zu Ende ; ich schwöre sie ab . Wenn ein edles Volk unter schändlichen Tyrannen Fessel nach Fessel um sich schlagen sieht - so empört es sich endlich gegen seine übermüthigen Herrscher - die Armen sind alle ein großes unglückliches Brudervolk - warum sollen sie es nicht auch thun ? Warum sollen die Armen nicht : » Freiheit und Gleichheit ! « rufen ? Wir wollen ein großes Brudervolk werden - brüderlich die Arbeit theilen , brüderlich den Genuß - und hat man uns jetzt mit Gewalt unglücklich gemacht - warum sollen wir nicht versuchen , durch Gewalt glücklich zu werden ? - « » Du appellirst an die Gewalt - Dein Gefühl sagt Dir , daß die Gewalt der Reichen ein Unrecht , ein Verbrechen ist - und was würde die Gewalt der Armen Anders sein ? « Gustav griff nach einem Buche , das unter andern Büchern und Papieren auf dem nächsten Tische lag . » Jene Leute , « sagte er , » deren Lehren zum Theil in dem Schreiben enthalten sind , welches man an Dich gerichtet hat , meinen es vielleicht redlich mit der Menschheit , ich will sie nicht verdächtigen . Sie lieben die Menschheit und ihre Noth hat ihnen in ' s Herz geschnitten - und so haben sie einen Plan ausgesonnen , die ganze Welt zu beglücken , welcher auf den ersten Anschein viel Bestechendes hat , weil er durch ein allgemeines Band der Liebe die Menschen zu vollkommner Gleichberechtigung vereinen will . Aber darin ginge die persönliche Freiheit zu Grunde - und eine solche Gemeinschaft , in der ein Jeder seine bestimmte Arbeit zu genießen bekäme , dafür aber nie mehr zu hungern und zu frieren , nie für sich selbst zu sorgen brauchte - hat ihre Vorbilder bei dem Loos der Amerikanischen Sclaven und der Russischen Leibeigenen . Dawider empört sich der freigeborene Mensch , dessen Glück im Streben beruht . Und empörte sich nicht Dein Herz dagegen , als man Dir Deinen Gott und Dein Vaterland nehmen wollte ? Jenes System des Communismus macht die Menschen zu Sclaven , denn es zwingt einen Jeden zur Arbeit , es macht sie zu Kindern , denn es nimmt ihnen die Freiheit des persönlichen Willens - aber noch mehr - es macht sie zu Thieren , denn es nimmt ihnen Gott und mit ihm alle Menschenwürde , es nimmt ihm die Familie und würdigt die Liebe der Gatten herab zu einem gemeinen sinnlichen Triebe - ja , es würdigt den Menschen noch unter das Thier , denn es reißt auch die Kinder von den Eltern und spricht ein Verdammungsurtheil aus über diese heiligsten Bande des Blutes ! - Aber es giebt noch Andere , welchen die Noth der Erde eben so an ' s Herz geht , welche es auch ehrlich mit der Menschheit meinen , welche aber statt wahnsinnig zu zerstören mit klarem Blick und regem Fleiße fortbauen . Höre wie ein Solcher spricht . « Und Gustav schlug das Buch , das er ergriffen hatte , auf und las : » » Die Aufgabe der Menschen ist Vervollkommnung ; Vollkommenheit würde sie tödten . Dem Gang der Vervollkommnung durch rohe Gewalt vorgreifen wollen , heißt nur die Unvollkommenheit verlangen . Die Ansprüche aller Menschen auf politische Rechte wie auf Glück und Gut sind gleich ; die Theilung aber durch Gewalt bewerkstelligen wollen heißt nur die Rollen tauschen und den Bevorrechteten zum Rechtlosen , den Besitzenden zum Armen machen um den Kampf der Gewalt auf ' s Neue hervorzurufen . So lang es Vernunft giebt , muß auf sie vertraut , so lang es ein Recht giebt , muß an seinen Sieg geglaubt werden . Wer Vernunft und Recht verwirklichen will , wende auch Vernunft und Recht dazu an . « « » » Das Gewordene hat auch sein Recht . Es muß umgewandelt , nicht zerstört werden . Ist das Gewordene als Zweck nicht gut , so ist es gut als Mittel . Man denke nur daran es zu gebrauchen . Die Lage von Millionen unsrer Brüder ist beklagenswerth . Aber wie sie mit dem Gewordenen zusammenhängt , so muß sie auch in dem Gewordenen ihre Heilung finden . Das Gewordene in unserm Ganzen ist der Staat . Im Staat müssen wir die Mittel zur Besserung suchen . Gebt kein Gehör jenem leichtfertigen , die Nothwendigkeit des Entwicklungsgesetzes überspringenden Zerstörungsgeist , welcher glaubt die Welt zu bessern , wenn er sie umkehrt . Halten wir die gewordene Welt fest , aber reformiren wir sie durch Vernunft und Recht , durch Ueberzeugung und Gesinnung . Wir alle zusammen haben wenig Rechte im Staat , aber die Armen haben gar keine ; so streben wir dahin , ihnen Rechte zu verschaffen , damit sie sich Glück verschaffen können . Wir haben wenig Mittel dazu , so gebrauchen wir um so mehr diejenigen , die wir haben . Es giebt noch viel vernünftige und rechtliche Leute unter den Besitzenden . die sich uneigennützig dem Streben anschließen , dem Menschen zu erringen , was dem Menschen gehört , und die zu Opfern wie zu Kämpfen bereit sind . Und diejenigen , die fühllos genug sind , sich aus Eigennutz diesem Streben entgegenzusetzen , werden wir zu überzeugen wissen , daß gerade der Eigennutz sie bewegen soll , sich ihm anzuschließen . Wir werden jener Blindheit den Staar stechen , welche glaubt , ihren Besitzstand zu sichern , indem sie ihm durch feindliche Abwehr gegen die Gleichberechtigung nur erbitterte Gegner schafft ; wir werden sie besiegen jene Blindheit des Besitzes , welche ihr Interesse zu wahren glaubt , indem sie sich der Blindheit der Gewalt anschließt und dienstbar macht . Wir werden sie verbannen , jene Verstocktheit des Egoismus , welche Alles behalten will , um endlich Alles zu verlieren . « « » » Nur ernsten redlichen Willen , aber keine Gewalt ! Die Gewalt stürzt aus der Luft , sobald sie nicht mehr umgangen werden kann ; aber wer sie herabruft , ist ein Frevler an der Vernunft und an der Menschheit . Welche einzelne Gestaltungen ein friedlicher Kampf um die Besserung unserer Zustände uns noch bringen wird und wie viel Geduldproben wir noch zu bestehen haben werden , das vermag kein Mensch vorher zu bestimmen . Das aber präge man sich ein : es giebt keinen zweiten Schritt ohne den ersten , es giebt keinen wahren Fortschritt ohne Ueberzeugung , und die Früchte des gesellschaftlichen Fortschrittes haben keine Dauer ohne den politischen ! « « » » Und wenn auch das Billigste als Verbrechen betrachtet wird , wir dürfen dennoch die Geduld nicht verlieren ; je mehr Hindernisse desto festeren Willen ! Ein schlechter Soldat im Kampf der Politik , der wegen eines Flintenschusses aus der Festung die Belagerung aufgiebt ! Aber es war bis jetzt unser erster Fehler , daß wir kämpften wie die Wilden : im Anlauf sind sie stürmisch , in Schlichen sind sie thätig , aber in ehrlicher , offener Schlacht nehmen sie die Flucht , so bald der erste Mann fällt . « « Gustav hielt inne . Franz sagte : » Es beginnt schon wieder ruhiger in mir zu werden - vielleicht wird mir das Loos : der erste Mann zu sein - welcher fällt . Könnt ' es die Sache der Armen fördern ! - - Aber hier meine Hand , Bruder - ich will die Geduld nicht verlieren ! « Noch lange sprachen die Brüder zusammen und Franz stärkte die edle Seele an der gestählteren und zuversichtlicheren des ältern Bruders . III. Mutter und Tochter » Fester ist der Seelen Band als Eisen , Heiliger als Opfer ihre Gluth . « Karl Haltaus . Einige Tage nach Aureliens Ankunft saß Elisabeth allein in ihrem Zimmer . Sie warf wehmüthige Blicke zum Fenster hinaus auf die abgemäheten Saatfelder , von denen die Stoppeln öde und starr gleichsam zum Himmel in trostloser Eintönigkeit aufklagten , daß man ihnen ihre goldenen Halme genommen , mit denen sie einst ein wogendes Spiel aufführen konnten zur Ehre der Schöpfung . Auch drüben der Wald begann sich schon zu färben , rothe und gelbschillernde Stellen wurden darin bemerkbar , wo vorher nur grüne Schattirungen sich gezeigt hatten . Und recht still war ' s draußen geworden , kaum daß noch hier und da eine wirbelnde Lerche aufflatterte oder ein Heimchen still verborgen im Grase zirpte auf der Wiese , die schon zum zweiten Male gemäht ward - aber stumm geworden waren all ' die fliegenden Sänger im Walde , auf dem Felde und im Garten . Die im Lenz den ganzen Tag lang von Zweig zu Zweig geflogen waren , um vom frühen Morgen bis zum späten Abend sorglos frei und froh ihre Lieder zu singen , die saßen jetzt still in den heimischen Nestern bei der jungen Brut und lehrten ihr , sich putzen und fliegen und Nahrung suchen - Lieder lernten sie ihnen nicht , das nutzlose Singen trage doch Nichts ein , meinten sie , das lernten sie schon allein und dächten dann , sie hätten nichts Anders zu thun , so leichtsinnig und schlimmgeartet sei nun jetzt einmal die Jugend . Die klugen alten Vögel ! Sie betrügen sich nur selbst - aber sie sind nicht klug genug , um diese Rolle lange durchzuführen - im neuen Lenz suchen sie all ' ihre alten Lieder wieder hervor und probiren und musiciren , daß es eine Lust ist . Aber jetzt waren sie alle still und schwiegen verständig . Die Pyrolen schüttelten gar schön die goldenen Gefieder , breiteten die glänzenden schwarzen Schwingen aus und riefen einander mit ihrem verabredeten Zeichen , dem Pfeifenaccord zusammen zum großen Fluge nach Süden . - Unten am Teiche wanderten zwei Sötrche bedächtig nebeneinander und setzten mit ernsthaftem Geklapper Tag und Stunde der Reise fest . Elisabeth sah dem Allen träumend zu , und wie jetzt auch noch ein herbstlich kalter Wind ihr entgegen wehte , so zog auch ein unheimlicher Schauer durch ihre Seele , der ihr bisher fremd gewesen . Die Vögel , die sich zur Reise rüsteten , mahnten sie daran , daß bald nach ihnen ihr Sänger fortziehen , daß ihr Jaromir die sterbende Natur mit der lebendigen Stadt vertauschen werde . Sie malte es sich aus , wie der Park veröden werde ohne ihn . Auch ein kleiner Auftritt von gestern kam ihr nicht wieder aus dem Gedächtniß und trug dazu bei , ihre trübe Stimmung zu erhöhen . Sie hatte nämlich gestern im Gesellschaftszimmer einen Band Gedichte von Jaromir liegen lassen . Aarens war dagewesen und hatte ihn zur Hand genommen , man hatte über die Gedichte und den Dichter gesprochen und der Graf Hohenthal hatte Aarens aufgefordert , eines oder das andere davon vorzulesen , da ihm noch alle unbekannt seien . Aarens hatte mit lächelnder Miene ein Freiheitslied aufgesucht und vorgetragen , das dem Grafen wegen seiner radicalen Tendenz höchlichst mißfiel - er wollte ein anderes hören , Aarens suchte ein anderes : » An die Frauen « - und sagte , der Titel lasse doch auf einen zarteren Inhalt schließen - aber in diesem Lied wurden die Worte : Frau und frei als zwei Synonymen gebraucht und die Frauen aufgefordert , auch nicht zurückzubleiben im würdigen Dienst der neuen Zeit - dies Lied empörte die Gräfin noch mehr als den Grafen , sie fand es ganz unverträglich mit der Achtung und zarten Ergebenheit , welche sie für ihr ganzes Geschlecht in Anspruch nahm , Aarens machte bittere Bemerkungen , fügte bei : an Achtung gegen die weibliche Würde dürfe man bei einem Menschen wie Szariny nicht denken - blätterte dann in dem Buch und erklärte nachher : die Gedichte wären alle in dieser Weise und warf es mit verächtlicher Miene weg . Elisabeth hatte während dessen unaussprechlich gelitten , jetzt wußte sie sich nicht mehr zu fassen - sie nahm das Buch und sagte erzwungen ruhig : » Ich kenne diese Gedichte besser als Sie , Herr von Aarens , und werde nun selbst eins vorlesen « - ihr Vater wollte das erst überflüssig finden , sie ließ sich aber nicht abbringen und las eine Ballade , welche ein mittelalterliches Sujet behandelte und nun wirklich dem Grafen sehr gefiel . - Sobald sie dieselbe aber zu Ende gelesen , entfernte sie sich mit dem Buch , um es nicht länger entweihen zu lassen . - Der angenehme Eindruck verwischt sich aber schneller , als der unangenehme , und so ging es auch dem Elternpaar mit Jaromirs Gedichten . - Später , als Aarens ging , sagte er beim Abschied zu Elisabeth mit einer besonders feierlichen und zärtlichen Miene , daß er am andern Tag wiederkommen werde - und bis dahin bitte er alle guten Genien bei ihr ein freundliches Wort für ihn zu reden . - Dies Alles zusammen machte Elisabeth heute wehmüthig , verstimmt , unruhig . Da ging die Thüre ihres Zimmers auf und ihre Mutter trat ein . Es war dies ungewöhnlich - auch sah sie besonders feierlich aus und deshalb schrak Elisabeth bei ihrem Kommen unwillkürlich leise zusammen . » Mein Kind , « sagte die Gräfin , sie umarmend , » Du bist mir seit einiger Zeit ausgewichen , Du hast bemerkbar ein Alleinsein mit mir vermieden - und so komme ich denn zu Dir in Dein Zimmer - - « » Liebe Mutter ! « rief Elisabeth und schmiegte sich mit Vergebung suchenden Augen an sie und zog sie neben sich auf das Sopha . » Wir sind hier am Ungestörtesten , « begann die Gräfin , » wir können hier gegen einander Alles aussprechen , was wir auf unsern Herzen haben - und die Scheidewand wird fallen , welche sich seltsam zwischen uns aufgerichtet hat . « Elisabeths Augen senkten sich zu boden , sie schwieg , obwohl die Mutter eine Antwort von ihr zu erwarten schien . Letztere fuhr endlich fort : » Nicht nur , daß Du seit einiger Zeit verschlossen gegen mich geworden bist , Dein ganzes Wesen hat sich verändert , zuweilen habe ich Dich weich und gefühlsinnig gesehen oder kindlich heiter wie sonst niemals - aber dann wieder bist Du ernst und kalt und loderst dennoch dabei mit einer Art Feuerbegeisterung für Dinge auf , für welche ich diese Begeisterung am Allerwenigsten billigen kann . « » Mutter , « sagte Elisabeth , diesen letzten Punkt gerade festhaltend , um dadurch das Gespräch vielleicht auf eine allgemeinere Bahn zu bringen und sich ein Examen zu ersparen , welches ihr jetzt zu drohen schien , » Du siehst die Dinge in einem andern Lichte , als wir , die Jugend von heute , sie sehen . Wenn Du statt in dieser Zurückgezogenheit mit der Welt fortgelebt hättest , so würde Dir Vieles weder auffallend noch befremdlich vorkommen , das mich in tiefinnerster Seele bewegt . Du hast es oft selbst gesagt , daß die Welt anders geworden sei seit Deiner Jugend , und daß Du deshalb Dich von ihr zurückgezogen , um so Wenig als möglich von diesen Veränderungen gewahr zu werden - das durftet Ihr wohl thun , Du und der Vater , Ihr hattet Eurer Zeit gelebt und ihr genug gethan und sie Euch - aber die nach Euch kommen , müssen nun wieder ihrer Zeit leben und dürfen nicht nach Vergangenem zurücksehen - und so geht es von Geschlecht zu Geschlecht - « » Elisabeth , « unterbrach sie die Gräfin in zürnendem Ton , » diese Sprache hätte ich nie gewagt gegen meine Mutter zu führen . « Das Mädchen sah bestürzt vor sich nieder und küßte mit einem Seufzer die Mutterhand - es fühlte eben , daß es nichts Unehrerbietiges gesagt und daß nun nie ein inneres Verstehen mehr möglich sei , wo nicht zwei verschiedene Menschen , sondern zwei verschiedene Zeiten sich einander unvereinbar gegenüberstanden . Nach einer kleinen Pause begann die Mutter wieder : » Ich meinte , es gebe für Frauen nur ein Gefühl , welches die Charaktere verwandeln , die Herzen aufregen und erheben könne - ich dachte , diese Zeit sei jetzt für Dich gekommen - aber Dein ungleiches Benehmen machte mich wieder irre - nun sah ' und sch ' ich oft , wie unweiblich Du an männlichen Dingen Interesse findest - und nun weiß ich nicht , was ich denken soll ! « » Nenne nicht unweiblich , Mutter , was - « » Suche mich nicht wieder von dem abzuleiten , was ich jetzt mit Dir zu besprechen habe . Ich habe mir nun Dein Wesen erklärt : Du siehst Dich geliebt - aber weil Dein Herz kalt und stolz ist , so will es keinem sanften Gefühl Einlaß geben , es wehrt sich dagegen - - « » Ach Mutter - wie kannst Du so Dein Kind verkennen ? Wie seltsam denkst Du von mir ! « » Ich glaube nicht , daß ich mich täusche - Du siehst , wie zärtlich und ergeben Dich Aarens liebt - « » Aarens ? ! « » Wie ihn selbst Deine Kälte nicht ändert , wie geduldig er Deine Launen erträgt - ende dies unwürdige Spiel Deines Uebermuthes ! - Aarens warb gestern um Deine Hand - er hat das Jawort Deiner Eltern und heute wird er sich das Deinige holen . « Elisabeth sprang auf : » Ist das Dein Ernst ? Kann das Dein Ernst sein ? « » Welche Frage ! Hast Du mich jemals scherzen hören über solche Dinge ? « » Und wie soll ich glauben , daß Aarens , nachdem ich es ihm nie verborgen , so weit dies Zartgefühl und feine Sitten erlauben , daß ich nicht eine einzige Sympathie für ihn habe - daß er eitel und thörigt genug ist , sich einzubilden , ich werde ihm meine Hand geben ? « » Elisabeth - diese Einbildung theilen Deine Eltern ! « » Ich weiß vor Verwunderung nicht , was ich sagen soll - um Liebe kann man doch nur bei dem Herzen werben , das man feix nennen möchte ! Und Du und der Vater , Ihr konntet Euch so in mir täuschen , um ein Wort zu geben , das Ihr heute doch wieder zurücknehmen müßt ? - Ihr glaubtet , ich liebe ihn , denn sonst - « » Wir werden Aarens mit Freuden Sohn nennen und Dein verletzter Eigensinn wird sich endlich darüber beruhigen , daß wir so handelten , wie es von jeher bei unsern Ahnen Sitte gewesen - auch meinen Gatten bestimmte mir die Wahl meiner Eltern und ich lernte ihn innig und treu lieben - weil er mir bestimmt war . Das Beispiel einer Mutter heischt Ehrfurcht und Nachahmung von der einzigen Tochter . Ich erwarte das von Dir . Jetzt will ich Dich allein lassen , damit Dir Zeit wird zu überlegen , daß hoffentlich auch Deine neue Zeit den Gehorsam für den Elternwillen nicht zum Mährchen gemacht hat . « Die Gräfin war aufgestanden und nach der Thüre gegangen , um sich zu entfernen . Sie ward jetzt von Elisabeth zurückgehalten , durch deren aufgeregte Seele jetzt plötzlich ein Gedanke schoß . » Meine Mutter , « sagte sie stumm zu sich selbst , » ist zu mir gekommen , damit ich kindlich mein Herz vor ihr öffne - sie muß meine Liebe zu Jaromir errathen haben und es kränkt sie , daß ich ein Geheimniß vor ihr habe . Und es mir zu entlocken , sprach sie vorhin von Liebe , ich schwieg - und um mich dafür zu bestrafen , um mir zu zeigen , daß dieser Mangel an Vertrauen von mir , mir selbst verderblich werden könne , hat sie das Mährchen von Aarens ersonnen - vielleicht auch hat er wirklich um mich angehalten und sie droht nun mit dem Jawort , wenn meine Weigerung keinen andern Grund angiebt , als den , ihn nicht zu lieben . « - Und wie Elisabeth dies Alles mit Blitzesschnelle gedacht hatte , warf sie sich um den Hals der Mutter und sagte weich und zärtlich , beinahe fröhlich : » Vergebung , meine Mutter , für meine Verschlossenheit - aber Du hast das Mittel gefunden , sie zu beendigen , und mein Jaromir wird mir vergeben ! Aber wenn Du es wußtest , daß ich