» Ah ! schrie ich , mein Vater , das ist allzu gräßlich , denn es ist ganz wahr : in der guten Erde meiner Natur gedeihen Würmer ! der Kern , aus dem der schönste Baum der Welt hervorgehen sollte , ist verschrumpft . Kann er nie mehr grünen ? « Ich warf mich vor ihm nieder und legte den Kopf auf seine Knie , während er sanft meine Stirn berührte und eben so sanft sagte : » Hofnung läßt nicht zu Schanden werden ! Bete , meine Tochter ! Es ist viel Gutes in Dir ; ein großer Durst nach Wahrheit und ein mächtiges Ringen ; nur ist es zu himmelstürmerisch , zu sehr äußere Mittel verwendend . Denk ' an den Kern des Orangenbaums , gönne ihm Stille , Schatten und Sammlung . Durch sie mußt Du den Mangel einer innerlich religiösen Erziehung zu ersetzen suchen ; sie hat Deiner Kindheit und Jugend gefehlt . Die Lücke die dadurch in der Seele entsteht , kann in spätern Jahren nur durch gewaltige und meistens zerreißende Umwälzungen gefüllt werden . « Ich sah das ein ; aber auch , daß diese Einsicht mich um nichts förderte . Ich sollte beten , ich sollte in frommer Stille harren ; - - ja , hätte ich das gekonnt , so wäre mir freilich geholfen gewesen . Ich sagte meinem Onkel was ich früher zu Fidelis gesagt hatte : » Meine Seele ist auf die Frage gestellt . Der fragende Ton ist der unsrer Zeit . Es wird Alles zur Frage gemacht : Gott in seinem Himmel , die Macht auf ihren Thronen , die menschlichen Zustände in ihren Höhen und Tiefen - Glaube , Geschichte und Tradition . Aber so verwegen man fragen , so geschickt und spitzfindig man antworten möge , welche subtile Erklärung oder stupide Negirung von Kanzel und Katheder erschallen mögen , wie man sich aufblase in dem Bewußtsein durch den Geist al pari mit Gott zu stehen und durch die Vernunft das Schöpfungswort der Welt , die Grundursach der Dinge erfaßt zu haben - dennoch , mein Vater , dennoch geht eine Geisterstimme über den majestätischen Wust unsrer Weltweisheit dahin und fragt ebenso heimlich als vernehmlich : Warum ? Weshalb ? Wohin ? - Aber die Zwillingsstimme welche ihr sonst antwortete : Glaube , hoffe , liebe ! ist übertäubt und verstummt durch die Lehren der Weltweisheit , welche doch für jene Fragen keine genügende Antwort haben . Und so hallt wie ein Klageruf voll unendlichem Weh jene Geisterstimme fort und fort , und unsre Hymnen an das Licht und an die Freiheit gellen unter ihr dahin . O mein Vater ! die Erde war immer dunkel ; - aber da wo an unserm Gesichtskreis der Himmel sie zu berühren scheint , schwebte sonst ein Genius im silbernen Gewande , mit goldnen Flügeln , mit einer Sonnenglorie ums Haupt , und bei seinen leisen Schwingungen quoll solch ein Strom von Glanz herab , daß die Erde davon verklärt wurde . Der Glaube war ' s. Nun heißt ' s ein Popanz sei es gewesen und Eure Priester hätten ihn aufgestellt . Das ist nicht wahr ! was sie Popanz nennen ist nur ein Spiegelbild der höchsten und allmächtigsten Sehnsucht in jeder Menschenbrust , und haben Eure Priester verstanden diesen Wiederschein in eine himmlische Form zu gestalten : so waren sie es werth Führer und Lehrer langer Generationen zu sein . « » Wenn Du jezt dies Vertrauen zu unsrer heiligen Kirche hast , warum trittst Du nicht in ihre Gemeinschaft ? - Welche Befriedigung kannst Du in der Deinen finden ? « » O nicht die geringste , mein Vater ! der Protestantismus ist in meinen Augen keine Kirche , sondern das reflectirende , opponirende , kritisirende Element , welches scharfe Wache neben der Katholischen Kirche hält . Deren immanente religiöse Lebenskraft fehlt ihm gänzlich . Er lebt von der ewig regen und thätigen Verstandesrichtung im Menschen , und wird in dieser immer fortbestehen . Eine Kirche auf ein unantastbares durch fast zwei Jahrtausende unbewegtes Dogma gegründet , bildet er nicht ! höchstens Kapellen stiften seine zahllosen Secten ! die Einheit fehlt ihm , dies Symbol der Göttlichkeit ! das Gehirn des Menschen ist seine Basis ; die der Katholischen Kirche ist das Herz . Aber ich , mein Vater , im Protestantismus geboren , in einer protestirenden Zeit zum Bewußtsein gekommen , ich habe eben nur die Fähigkeiten zu denen er den Impuls giebt : ich begreife Eure Kirche , ich knie vor ihr - allein .... ich glaube nicht an sie . « Damit war Alles gesagt und mein Uebertritt unmöglich . Das sah mein Onkel auch klar ein . Er beklagte mich aufrichtig , doch ohne die geringste Beimischung von Verachtung oder Selbstüberhebung . Er hielt sich mir gegenüber als Katholik keinesweges für besser ; nur für glücklicher . Und so betrachtete ich ihn auch , aber so veredelt durch inneres Glück , als ich verfinstert war durch innere Desolationen und Zwiespältigkeiten . Meine theologischen Studien setzte ich fort so lange ich in Würzburg war . Es fehlte nicht viel so hätte ich mich auf die orientalischen Sprachen geworfen , auf hebräisch namentlich um das Alte Testament in seiner wahren Sprache zu lesen , denn ich kannte genug fremde Sprachen und ihre Uebersetzungen um zu wissen , daß diese sich zu jener verhalten , wie eine Lithographie zu einem Oelgemälde . Aber der Tod meines theuern Onkels gab meinem äußern Leben eine andre Richtung . In den ersten schönen Frühlingstagen entschlummerte er am geöfneten Fenster sitzend , durch welches Maiengrün , Blütenduft , Vogelsang und der Gold- und Rosenglanz des Abendhimmels ihn überströmten . Die Kinder wollten sich eben zurückziehen und küßten ihm die Hand zur Guten Nacht . Wie immer segnete er sie zärtlich , lehnte sich zurück , schloß lächelnd die Augen - und war nicht mehr . Sein Antlitz schwamm in der Verklärung zu der seine Seele aufstieg . Ich erkannte sogleich daß er todt war . So himmlisch sieht das Leben nicht aus . » Er ist bei Gott ! - Auf Eure Knie , Kinder ! « sagte ich , kniete mit ihnen nieder , und ein Strom von schwarzer Traurigkeit , nicht um den Tod , sondern um das Leben , wälzte sich schwer durch meine Seele . - - - Am Vorabend meiner Abreise nach der Schweiz ging ich in den Dom zu der bewußten Stelle , und auf ihr vergaß ich für ein Paar Augenblicke die schauerliche Vereinsamung meines Daseins . Mich überfiel eine Sehnsucht ohne Gleichen nach Fidelis - nicht ihn zu sehen , ach ! nur von ihm zu wissen . In solchen Momenten war mir zu Sinn als entdecke ich in mir ein ungeahntes Gestirn , in welchem ich die Bedeutung fand : Du hast Fidelis nicht geliebt , aber Du hättest ihn lieben können unter einem schöneren Schicksalshimmel ! - Und die bloße Ahnung von lieben können , war mir schon eine halbe Beseligung . Bei meiner Heimkehr lag ein Brief von seiner wolbekannten Hand auf meinem Tisch , der nach Engelau adressirt und von dort hieher geschickt war . Nach drei vollen Jahren das erste Lebenszeichen von ihm ! - also lebte er doch wenigstens noch ! Die erste Empfindung war freudig ; die nächste - namenlose Angst . Was konnte , was würde er mir sagen . Es zog sich eine furchtbare Schwüle um mich zusammen ; ich ahnte einen niederschmetternden Wetterstral . War ' s Furcht , war ' s Demuth ? genug , mein Instinct warf mich zu Boden und auf meinen Knien erbrach ich den verhängnißvollen Brief . » Sibylle ! Alles leiden , aber frei sein - war der Traum und der Wunsch meiner Jugend . Ich litt und war nicht frei . Die eine , die fürchterliche , die verzehrende Leidenschaft meines Lebens machte all meine Freiheit zunicht , und hat weder meinem Genius , noch meinem Herzen , noch meinem Character ihre volle Entwickelung gegönnt , wenn sie ihnen auch zuweilen Flügel gegeben hat . Es ist umsonst die Vergangenheit zu durchwühlen und zu sagen : Dies hättest du als Jüngling - jenes als Mann thun oder nicht thun sollen . Es ist gethan . Erkenntniß reift durch die That als bittre Frucht heran . Ich kann innerlich nicht frei sein , so mag ich es auch äußerlich nicht sein - denn ein Magnet , der stärker ist als Vernunft und Wille zieht mich in der Freiheit allewig an - - und zu Ihnen . Ich widerstehe ein Jahr , ein Paar Jahr .... länger nicht . Wozu das aber ? Sie lieben mich nicht ; Sie werden höchstens einmal wünschen mich wiederzusehen um mir ein Wort des Trostes zu sagen - oder der Vergebung , oder des Mitleids - lauter Dinge vor denen ich zurückschaudere , weil sie mich so fürchterlich an meine Schwäche mahnen . Mich in der Welt herum zu schleppen mit diesem Dorn in der Seele wie bisher , vermag ich länger nicht . Das Gebet meiner armen Mutter wird im vollsten Umfang Erhörung finden : ich bin auf dem Punkt das Ordenskleid der Benedictiner zu Kloster Lilienfeld zu nehmen . Meine Mutter lebt noch immer - nur um zu beten . Mein Entschluß hat sie beseligt und ich denke sie wird nun bald ihre irdische Laufbahn vollendet haben . Leben Sie wol , Sibylle ! sollten Sie meiner gedenken , so sei es in Milde . Hätte ich mich meinen Jugendträumen zufolge , die in tiefer Uebereinstimmung mit meinen natürlichen Gaben waren , einzig der Kunst gewidmet , so mögte Großes aus mir geworden sein statt des jetzigen Stückwerks . Der Mensch entwickelt sich durch und um die Idee , die seiner Individualität zum Grunde liegt ; bleibt er derselben treu , so hat er Freiheit , Macht , Muth , Energie , Alles was dazu dienen kann sie hervorzutreiben und auszubilden . Sie begehrt , braucht und verzehrt das Alles , und entfaltet sich dann zur höchsten Kraft und Schönheit in ihm , weil sie sich von den reinsten und besten Elementen seines Wesens nährt . Wird er aber seiner Idee untreu : so wird er schwach , abhängig von Zufälligkeiten , zwiespältig mit sich selbst ; - und das ist mir geschehen . Aus Bruchstücken kann nichts Ganzes mehr werden ! sie müssen bei Seite gebracht werden - und das thue ich mit mir selbst . Verzeihen Sie mir diese lange Auseinandersetzung , ich hielt sie für nöthig damit Ihre rastlosen Gedanken über mich zur Ruhe kommen könnten . Sibylle .... Gott segne Sie . « Ich stand auf nachdem ich diesen Brief gelesen und sagte gelassen und ganz laut : Ja ja ! der Mensch wird fertig mit seinen Qualen und seinen Wonnen ! und was nach dem Zersetzungsproceß seines Wesens durch die Leidenschaft noch übrig bleibt , das wird in Sicherheit gebracht - bald bei der Gottseligkeit , bald bei der praktischen Thätigkeit ; im Kloster oder in der Welt ! Es findet immer sein Plätzchen - und nur ich ! nur ich ... finde keines . Es schien mir eine Art von Unrecht gegen mich , daß Fidelis kampfesmüde gegen die Sehnsuchtsqual , sich hinter jene Mauern zurückzog , die ihn in stillem Bann hielten . Mit ächtprotestantischem Hochmuth sah ich eine Feigheit darin sich zu einer äußerlichen Scheidewand zu flüchten . Konnt ' er sich nicht verlassen auf Gott und auf die eigne Kraft ? Haha ! auf die eigene Kraft ! rief ich mit bitterm Lachen nach einer Pause . Armer Fidelis ! vielleicht hat er sich aus Demuth und Weisheit in sein Ordenskleid gehüllt ! - - Unter den zahlreichen schlaflosen Nächten meines Lebens war dies eine der finstersten . Am andern Morgen fuhr ich mit den Kindern den Main entlang nach Frankfurt und dann weiter über Basel und Bern nach Freiburg , wohin ich für die Superiorin der Damen vom Sacré Coeur Empfehlungsbriefe hatte . Astralis war jezt grade neun Jahr alt . Es wurde mir sehr schwer mich von dem lieblichen Kinde zu trennen , aber Arabellas Wunsch bestimmte mich : sie sollte in ihrer Kirche erzogen werden , d.h. sie sollte sich nicht dermaleinst in der Welt zur Katholischen Kirche halten und bekennen , sondern vielmehr schon jezt in der Kindheit jene religiöse Erziehung empfangen , welche den Menschen befähigt eine organische Pflanze auf dem Erdboden seiner Kirche zu werden . Nachdem ich Astralis jener Erziehungsanstalt übergeben , und um ihre neuen Verhältnisse kennen zu lernen einige Wochen in Freiburg zugebracht hatte , ging ich mit Benvenuta an den Leman um mir dort irgendwo ein Plätzchen zu suchen wo ich Hütten bauen könnte . Das war aber unsäglich schwer wegen der verschiedenen Rücksichten welche zu beobachten waren . Pestalozzis großer Name hat der Schweiz eine pädagogische Berühmtheit verliehen , und bedeutende Institute zu Genf , Lausanne und Yverdun rechtfertigen sie . Ich wünschte mich in einer kleinen Villa bei Genf oder Lausanne niederzulassen und rechnete darauf alle Lehrer zu finden , welche Benvenuta nöthig hatte . Ich hatte mich in Bern , im Oberland und in den Ur-Kantons sechs Wochen - dann wieder in Freiburg aufgehalten ; so kamen wir Anfang August aus der schönen frischen Berg- und Wiesenluft in die erstickende Hitze von Genf . Kein Landhaus , nicht einmal das einfachste Gartenhaus war für uns zu finden - Alles von Einheimischen und Fremden überfüllt . Wir wohnten im Hôtel des Bergues das eine wunderschöne Aussicht auf den See hat ; aber Benvenuta , ungewohnt des städtischen Treibens , des Gasthofs , der beschränkten Räumlichkeit , vielleicht hauptsächlich ihrer eigenen Einsamkeit in der Fremde , bat mich schüchtern aber mit heißen Thränen die Stadt zu verlassen , und am nördlichen Ufer des Sees nach einem Landhause zu suchen . Dort fand ich nun wol einige die mir sehr zugesagt hätten , aber zu fern von Lausanne und Genf um mir Lehrer verschaffen zu können . Am nördlichen Ufer war es übrigens noch heißer ! von dem Rebgelände des Jorat prallten die Sonnenstralen auf das Ufer herab und reverberirten mit scharfer Blendung aus dem See . Der Aufenthalt in den kleinen Städten - so lieblich ihre Lage - und in deren Gasthöfen - so groß ihre Bequemlichkeit war - wurde mir und meiner Tochter ganz unerträglich . Mein Herzkrampf regte sich wieder - und halbtodt vor Ermattung und Anstrengung fiel ich förmlich in der kleinen kühlen Villa paisible , eine Stunde von Vevay nieder , welche durch ein glückliches Ungefähr zu miethen war . Vor der Hand mußte ich durchaus Ruhe und Erfrischung haben . Ich richtete mich ein und fühlte mich während der ersten drei Tage ganz behaglich - aber da erkannte ich , daß diese einsame Existenz wol für mich , doch nicht für meine Tochter zu ertragen sei . Zum ersten Mal war sie ganz allein mit mir . Mezzoni war von Würzburg nach Italien , die Schütz nach Holstein zurückgegangen ; Astralis in Freiburg geblieben ! mit tiefer Anhänglichkeit umfaßte Benvenuta Lehrer und Gespielin - und urplötzlich fand sie sich von ihnen Allen getrennt und einsam bei ihrer melancholischen Mutter ! - Sie gab sich unendlich viel Mühe ihre Traurigkeit zu bemeistern , und ich gab mir noch größere Mühe sie zu zerstreuen ; ich übte sie nach der Natur zu zeichnen , übertrug ihr kleine häusliche Geschäfte und die Aufsicht über den Garten ; überwand mich sogar genug um Musik mit ihr zu treiben - Musik die ich gänzlich verlassen hatte seitdem Fidelis abgereist war ! - allein ich konnte weder ihren Tag noch ihr Herz genügend füllen . Sie war in dem Alter wo das Gefühl leicht eine krankhafte Färbung annimmt weil die Nerven in gereizter Spannung sind ; - sie wurde im November vierzehn Jahr . Sie durchweinte halbe Nächte und härmte sich dermaßen ab , daß ich sie oftmals mit Thränen bat mir zu sagen was ihr fehle und was sie wünsche - es solle Alles geschehen . Da wünschte sie denn bald nach Engelau heimzukehren , bald ein Paar Lachtauben , bald einen Besuch von Astralis , bald eine Fahrt nach Chamouny ; häufig auch gar nichts . Armes Kind ! sie wußte eben nicht was sie wünschen sollte . Ich hatte sie von je her mit Sorglichkeit und Liebkosungen überstürzt . Ich wollte durchaus sie sollte glücklich sein und nicht meine freudenlose ernsthafte Kindheit haben . Allein ich verweichlichte sie anstatt sie glücklich zu machen . Dazu kam noch ein großer Uebelstand : ich hatte eine namenlose Scheu sie in meine Seele blicken zu lassen , die von so manchem Erdbeben verwüstet war . Kinder jedoch sehen klar und scharf ! und so strengte ich mich übermäßig an im Gespräch mit ihr stets auf meiner Hut zu sein um keine Bemerkung zu machen , die ihre junge reizbare Seele in Unruh hätte versetzen können . Das veranlaßte mich häufig meine Ueberzeugung nicht unumwunden auszusprechen , und dadurch verfiel ich oft in Widersprüche . Denn da ich meine wahre Meinung nicht gesagt hatte , so konnt ' ich mich nicht immer besinnen ob ich sie halb oder dreiviertel - mit himmelblauer oder rosenfarbener Färbung ausgesprochen . Das befremdete und verstimmte das Kind - und mit Recht ! aber ich konnt ' es nicht ändern , weil ich mich selbst nicht ändern konnte . Hätte Benvenuta die geringste Vorliebe für die katholische Kirche an den Tag gelegt : so würde ich sie mit Astralis zusammen dem Institut zum Sacré Coeur anvertraut haben . Ich fragte sie darüber und mit kindlicher Pietät entgegnete sie : sie wünsche bei der Kirche ihrer Eltern und ihrer Heimat zu bleiben . Was diesen Punkt betraf durfte ich , meiner Ueberzeugung zufolge , mir keine Einmischung erlauben . Bei Fidelis hatte ich so recht gesehen wie ein heftiges Eingreifen der Eltern , sogar in der allerbesten Absicht , die Kinder in beängstigende Unruh und oft für ihr ganzes Leben in eine unheilvolle Richtung schleudert . Aber ich erkannte daß Benvenuta an meiner Seite , unter diesen Umständen , Eindrücke empfangen müsse , die ihr ebensowenig segensvoll sein könnten als für mich die lange Krankheit meiner Mutter gewesen war , und ich entschloß mich sie in eine Erziehungsanstalt in Ouchy bei Lausanne zu geben . Diese war nicht groß , nahm nie mehr als zwölf junge Mädchen auf , war auf einen höchst einfachen , häuslichen Fuß eingerichtet , lag inmitten eines herrlichen Gartens am See , und erfüllte durch sorgsame Aufsicht und vortrefliche Lehrer meine Ansprüche . Benvenuta fand dort fröhliche Gefährtinnen ; nicht nur Beschäftigung , sondern , durch Wetteifer belebt , auch Interesse für dieselbe ; und endlich in der Einfachheit des Zuschnitts des Lebens eine höchst nothwendige Schranke gegen übermäßige Verwöhnung , in die sie als einziges Kind und als Erbtochter eines reichen Hauses verfallen war . Es kostete mich einen harten Kampf diesen Entschluß festzuhalten . Mir graute vor der grenzenlosen Einsamkeit die mich nach Benvenutas Abreise umgeben würde . Ich sagte mir , ich könne ja in der Villa paisible so gut wie in Engelau Gouvernante , Hofmeister , Lehrer für sie halten - diese Lieferanten des Bildungsproviants . Aber die Gespielen , die jugendlichen Gefährten bei Unterricht und Erholung konnte ich ihr nicht schaffen , und das bestimmte mich vorzugsweise . Zum neuen Jahr brachte ich sie nach Ouchy , und hatte die Freude , daß sie sich leicht in ihren fremden Umgebungen zurechtfand . Die Villa paisible war für das junge Wesen zu abgeschieden gewesen ! Ich aber kehrte beruhigt dahin zurück und sah mich mit einem halb beklemmenden und halb wolthuenden Gefühl in gänzlicher Einsamkeit . - - - - - - Ich hatte wieder einen Gegenstand gefunden , von dem ich Beschäftigung und Nahrung für meinen ewigarbeitenden Geist hofte . Im Canton Waadt herrscht die Calvinische Kirche , die sich an manchen Orten zu äußerst streng religiösen Secten , deren Anhänger dort Methodisten und Momiers genannt werden , zugespitzt hat . Sie ziehen sich ganz von der Welt zurück , verschmähen nicht nur die geselligen Zerstreuungen dermaßen , daß Bälle und Schauspiele ihnen sündhaft erscheinen , sondern meiden auch geistige Unterhaltung , Musik , Lectüre , sobald sie nicht religiösen Inhalts sind und sich um Christus , um Gnade , Rechtfertigung , Erlösung und Genugthuung bewegen . Sie lesen nur derartige Andachtsbücher und hauptsächlich die Bibel , kommen nur mit Gleichgesinnten zusammen , und unterhalten sich in ihren Vereinigungen nur durch geistliche Gespräche , Bibelerklärung , Lesen von frommen und ascetischen Schriften - zuweilen mit einem geistlichen Gesang . Uebrigens sind es stille Leute , nicht besser und nicht schlechter als Andre , und etwas langweiliger und dafür weniger frivol . Am ganzen Leman , in Genf , Lausanne , Vevay , Montreux sind sie sehr zahlreich in allen Ständen und Classen , und ich war in der höchsten Spannung Menschen kennen zu lernen , die ihr Leben um einen einzigen Gedanken , das Sterben Christi , aufgebaut hatten . Es wurde mir auch möglich durch einen Arzt aus Montreux , den ich durch eine Krankheit meines Kammerdieners kennen lernte , mit ihnen bekannt zu werden , denn dieser Mann und seine ganze Familie war ganz methodistisch . Ich fand bei ihnen die Lehrsätze mit einer Schärfe und Strenge ausgeprägt und festgehalten wie nur immer in der Katholischen Kirche - aber nach meiner Ansicht ohne die Consequenz der letzteren . » Was hält denn Eure Dogmen aufrecht , was giebt ihnen Basis und Krone , da Euch die Autorität der Kirche und die Gemeinschaft des Glaubens fehlt ? « fragte ich zuweilen ; und erhielt immer die Antwort : » Das Wort Gottes , die heilige Schrift , ist unsre Autorität . Was sie sagt und gebietet , nehmen wir an , was sie nicht sagt - verwerfen wir . « » Aber kein Mensch wird geboren mit der Kenntniß der heiligen Schrift ; sie muß ihm gedeutet und erklärt werden . Wer erklärt sie Euch ? « » Die lautre Milch des Wortes gewährt auch dem unmündigsten Geist eine leicht verdauliche Nahrung . Wir haben die Verheißung des Herrn : » Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen , da bin ich mitten unter Euch . « Wir getrösten uns derselben und wissen , daß beschirmt vom heiligen Geist die Wahrheit wächst und gedeiht . « » Eure eigene Autorität ist also Eure letzte Instanz ? « » Unsre Lehre ist es in Uebereinstimmung mit der heiligen Schrift , wie sie uns von unsern Lehrern und Geistlichen überliefert wird . « » Also haben Eure Lehrer doch für Euch die Autorität der Unfehlbarkeit ! aber letztere ist gegen das Princip der Reformation , welche die Unfehlbarkeit antastete und verwarf . « » Und eben deshalb besitzt ein Jeglicher in der heiligen Schrift die Leuchte , welche seinen Fuß auf den Weg des Friedens führt . « » Also dennoch wie ich sagte in letzter Instanz Eure eigene Autorität , wie sie sich aus den Bedürfnissen und der Auffassung des Individuums herausbildet ! rief ich . Mein Gott ! ist die ein Anker für die unruhige schwankende Menschenseele ? « » Wir sind fest im Glauben und ruhen in Gott . « » Wol Euch ! sagte ich ; es ist eine glückliche Gabe sich über alle Widersprüche hinweg in den Schooß des Glaubens flüchten zu dürfen . « » Sie wird auf dem Weg des Kreuzes gefunden - in der Schule des Leidens , nennt es die Welt ! Drum segnen wir die Trübsale und damit sie jeden Stachel für uns verlieren , gedenken wir des herben Leidens und Sterbens des Heilands unaufhörlich . Durch den Gedanken daß er sie mit uns getheilt hat , wandelt sie sich in Wonne . Halleluja ! meine Seele lobe den Herrn ! « Die Person mit der ich dies Gespräch und zahllose ähnliche hatte , war die Schwester des Arztes , eine Frau in meinem Alter , Wittwe und Mutter von sieben Kindern . Ihr Mann , ein wolhabender Kaufmann in Genf , hatte sich ums Leben gebracht in einem jener spleenitischen Anfälle , welche nicht selten durch religiöse Schwärmerei veranlaßt werden . Die Gegner der Methodisten behaupteten , er , ein Mensch voll Lebenslust und Kraft , geistvoll , mittheilend , regsam , habe nicht gewußt wohin mit all den Gaben , die nicht zum Vorschein kommen und nicht in ihrer homogenen Richtung verbraucht werden durften . Er verkümmerte bei den Predigten und Bibelerklärungen seiner Frau . Die graue Atmosphäre frömmelnder Andacht beklemmte zuerst und lähmte zuletzt seine Fähigkeiten ; und als sein Geist ganz paralysirt war - gab er sich den Tod . Anders sprach seine Wittwe und deren Familie : » Ihn drückten die Sünden und Uebertretungen seiner Jugend , denn ihm fehlte der Glaube an die Versöhnung und Genugthuung durch das theure Blut des Heilands . Wer schwach im Glauben ist welkt dahin wie eine Blume des Feldes . « Diese gelassene Ergebung bei einem solchen Donnerschlag des Schicksals , der zugleich den äußern Wolstand zertrümmerte , imponirte meiner Vernunft ohne mein Herz zu erquicken . Ich sah keine Thräne , hörte keine Klage , fühlte keinen Pulsschlag ; halb erstarrt , halb gleichgültig ward ich neben diesen vom Stoicismus ihres Glaubens umpanzerten Seelen . Weicher , lieblicher , tröstender schien mir der Quietismus der Katholischen Kirche ; es wehte in ihm ein wärmerer Hauch : die Liebe zum Heiland . Thomas a Kempis , die Guyon , Fénélon , haben zuweilen Worte wie Balsam so lind und labend , Worte in denen sie gleichsam durch Thränen lächeln und der Melancholie einen Anflug von rührender Grazie geben . Das Wort Fénélons auf die Frage : » Was würdest du thun wenn du nichts von Gott wüßtest ? « - J ' aimerais ! - ist die bezeichnende Quintessenz dieser Richtung . Der protestantische Pietismus mit seinen Bibelstudien , Traktaten-Lectüre und reflectirenden Betrachtungen über Tod und Genugthuung des Heilands , hatte für mich einen dürren und herben Beischmack , als hätten sich seine Anhänger zur Frömmigkeit resignirt , anstatt daß dieselbe aus ihren Seelen quellen müßte . Es war keine Frische , kein Duft , keine Anmuth um sie ; zuweilen etwas Respectables , in einzelnen Fällen etwas Imponirendes , häufig eine abstoßende Trockenheit und Kälte welche mit ihren salbungsvollen Worten verglichen , letzteren den Anstrich von Heuchelei gaben . Wie oft , wenn ich meinem verstorbenen Onkel zuhörte , hatte ich mit heißer Sehnsucht gesagt : O welche Erquickung mit diesem liebenden Schwung glauben zu können . - Aber den zuversichtlichen Glauben meiner neuen Freunde zu theilen hatte ich nie ! nie gewünscht ! Ich fühlte mein Herz würde durch ihn noch mehr brach gelegt werden , als es in meinem gegenwärtigen Zustand der Fall war . Unsre Freundschaft war auch nicht von Dauer ; sie warfen mir philosophische und freigeisterische Ansichten vor , wogegen ich mich nicht vertheidigen konnte ; - und ich ihnen Intoleranz und Inconsequenz , bei denen sie im Recht zu sein behaupteten . Ich sagte ihnen : » Im Katholicismus setzt die Kirche - die gemeinsame Einheit im Glauben - eine unantastbare Schranke , vor welcher der Menschengeist sich beugen , oder sich daran brechen , oder sie überfliegen und dann von der Gemeinschaft abfallen muß . Im Protestantismus haben Individuen Schranken gesetzt nachdem sie selbst deren niedergerissen hatten . Ich sage nicht daß der geistige Horizont nicht beträchtlich dadurch erweitert sei ; ich sage nur daß die Protestanten sich nicht wundern dürfen , wenn im Namen dieser Geisteserweiterung und Geistesbefreiung Schranken weggerissen werden , welche sie um ihren Glauben aufgebaut haben . Der Schatz der christlichen Lehren ist ein lauterer Quell . Die Katholische Kirche hat ihn mit einem feierlichen , grandiosen Tempel überwölbt und ihre Priester zu dessen Hütern bestellt . Die schöpfen das Wasser , spenden und vertheilen es nach gewissem Maß und Gesetz an die Dürstenden , und wachen über dessen Gebrauch . - Der Protestantismus fand den lautern Quell in der Bibel enthalten , er verwarf die Tradition und gab den Zutritt zu demselben Jedermann frei . Der Priesterstand ward fortan unnütz , denn Jeder durfte schöpfen und Jeder nach seinem eignen Bedarf - viel der Eine , der Andre wenig , Dieser mit einem schönen Krystallbecher , Der mit einem unsaubern Eimer , Jener mit einer reinen - und noch Einer mit einer schmutzigen Hand . Wer von ihnen darf jezt behaupten er schöpfe das richtige Maß und mit dem richtigen Gefäß ? Keiner oder Jeder . Die Katholische Kirche ist consequent : ein Priesterstand , Autorität und Glaubenseinheit . Den Protestantismus vermag ich nicht Kirche zu nennen , denn er ist ohne Priesterstand , ohne Autorität , ohne Glaubenseinheit . Dennoch gilt er für eine Kirche und herrscht als solche , aber nur durch Widersprüche und Inconsequenzen . Um sie zu vertheidigen wirft er sich auf Gelehrsamkeit ; um sie zu betäuben auf Fanatismus ; um sie aufzuheben auf Rationalismus ; und fällt dadurch immer mehr auseinander , wie seine zahllosen Secten das beweisen , die sich in Ermangelung einer Kirche jede ihr eigenes Betstübchen zurecht machen . « » Wol uns wenn unsre Seelen in ihren demüthigen schlichten Betstübchen die Ruhe und Zuversicht im Herrn finden , welche Denen stets fehlen werden die in prachtvollen Domen papistischen Greuel treiben , und Jenen die in der Welt dem rationalistischen Baal huldigen . « » Ja ! wol Euch wenn Ihr neben der Ruhe im Herrn auch Demuth für Eure Seelen fändet ! aber Ihr seid von geistlicher Hoffahrt besessen , die bei dem separatistischen Wesen fast unvermeidlich ist , denn die Abtrennung von der Gemeinsamkeit ruft stets ein Sichbesserdünken hervor . Ihr nennt das begnadigt sein , auserwählt sein ; aber das ist doch weiter nichts als eine Art von Selbst-Heiligsprechung . « Man wollte mir das Gegentheil beweisen ;