wird nicht umsonst geschehen sein . Die entsetzliche Hochzeitsnacht Röschen Sloboda ' s hat Drachenzähne gesät , die bald aufgehen werden , um blutige Wiedervergeltung zu üben . « » Ich habe von dem Bubenstück gehört , « versetzte der Räuber , » ohne mich jedoch um den Namen des Herren zu kümmern . Magnus also war der Schurke ? - Dann sehe ich , daß er seinem Vater keine Schande macht . « » Wollte Gott , Ihr sprächet die Wahrheit ! « entgegnete der Maulwurffänger . » Wollte Gott , Graf Magnus wäre in die Fußstapfen seines zwar vorurtheilsvollen , aber nichts desto weniger redlichen Vaters getreten ! Ich brauchte dann nicht in wilder Sturmnacht durch die Haide zu wandern und bei denen Hilfe gegen Herrenwillkür zu suchen , die im gewöhnlichen Leben der gemeine ehrliche Mann flieht ! « » Stachlige Reden verwunden mich nicht , also sprecht Euren Unmuth immerhin aus , wenn es Euch dazu drängt ; nur bitte ich , faßt Euch kurz , damit ich erfahre , warum Ihr den verstorbenen Grafen so lebhaft gegen den Sohn in Schutz nehmt . « » Das ist bald gesagt , « erwiederte Heinrich , mit umgekehrter Hand die unwillkürlich ihm in die Augen stürzenden Thränen abwischend . » Seit Jahren schon , genau weiß ich die Zeit freilich nicht zu bestimmen , lebte ein junges Mädchen auf Boberstein , eins von jenen Wesen , deren körperliche Schönheit von ihrer himmlischen Seele Zeugniß ablegt . Niemand wußte recht , wo das engelschöne Mädchen herkam und wem sie angehörte . Es kümmerte sich auch Keiner darum denn Alle hatten sie zu lieb , und da konnte es Jedem gleichgiltig sein , von wem sie ihr Dasein ableitete . Natürlich gehörte auch Magnus zu den Verehrern seiner Cousine - « » Cousine ! Ihr sagt Cousine ? « » Auf dem Grafenschlosse nannte man sie so und sie mußte es wohl auch sein , denn von Herrschaft und Dienern ward sie wie ein Kind des Hauses gehalten und standesgemäß erzogen . - Genug , der junge Graf steigerte seine Verehrung der Cousine bis zur Liebe und trug ihr seine Hand an - mehrmals , wie ich späterhin erfahren habe . Allein Herta - « » Wer nennt sich Herta ? « warf der Räuber aufspringend ein . » Es pfiff nicht , es war nur der Wind , der im Schlot heult , « sagte der junge Mensch , welcher den Maulwurffänger in die Kellerwohnung geführt hatte , denn er glaubte , sein Herr vermuthe oder erwarte noch einen Besuch . » Nun ich denke , des Grafen Cousine nannte sich Herta , « erwiederte unser Freund . » Denke ! - Wenn Ihr erzählen wollt , so unterrichtet Euch zuvor , damit Ihr Andere nicht in Angst und Unruhe versetzt ! « Lips stützte nach diesen Worten den ergrauenden Kopf in die Hand und drehte wildblickend seinen Schnurrbart . Der Maulwurffänger ward jetzt aufmerksamer . Sein schärfster Blick glitt über die Mienen des Räubers , dann sagte er mit feierlich-ernstem Tone : » Bei meinem Eid , Herr Johannes , ihr Name ist Herta und ein Gerücht im Volke will behaupten , daß ihr Ursprung nach den gewöhnlichen Begriffen des Adels und der Vornehmen kein ganz gesetzlicher sei . « Der Räuber hatte sich wieder aufgerichtet . Er sah den Gast mit Augen an , vor deren brennender Gluth selbst Heinrich erschrak . » Nun ? « fragte Lips heftig , da unser Freund schwieg . » Ist Eure Geschichte zu Ende ? « » Sie ist es bald , Herr Johannes . - Das gute , schuldlose Kind wies den kühnen , zudringlichen Bewerber ab , verbot ihm das Zimmer , sagte ihm in ' s Gesicht , daß sie ihn und seinen Lebenswandel hasse , verabscheue . - Magnus lächelte und ging . Er haßte jetzt seine Cousine , und als er die Gelegenheit erspäht hatte , schlich er sich in stiller Nacht auf nur ihm bekannten und zugänglichen Wegen in ihre Kammer - « » Weiter ! Weiter ! « schrie Lips , den Tisch mit beiden Händen umklammernd . » Und zwang sie seinem Willen ! « flüsterte der Maulwurffänger . Ein Schrei des Räubers hallte wieder an dem grauen Kellergewölbe , dann hörte man ein Krachen , der Tisch borst mitten auseinander und der gewaltige Körper des bis zum Wahnsinn aufgeregten Mannes stürzte zugleich mit den Trümmern des Tisches , mit Leuchtern und Allem , was darauf lag , zu Boden . Heinrich sprang helfend auf , doch Lips erhob sich schon wieder aus eigener Kraft , stieß die zerbrochene Tafel von sich und befahl , einen andern Tisch herbeizubringen , was ohne Zaudern geschah . » Ich bitte Euch jetzt , « sagte er mit ruhiger Haltung , aber bleich vor Entsetzen und mit bläulichen , zitternden Lippen , » ich bitte Euch , Heinrich , endiget ! « » Das entehrte Mädchen schwieg bis vor wenigen Tagen . Da drang Graf Erasmus in sie , weil sie immer elender , immer bleicher ward , und als sie die Schandthat seines Sohnes ihm gestand und daß sie die schreckliche Hoffnung habe , Mutter zu werden , da raufte der Greis sein Haar , verfluchte den Sohn und stürzte vom Schlage getroffen bewußtlos zu Boden . Seine Diener hoben eine Leiche auf . In vier Tagen soll er mit allem Pomp des alten Grafenhauses beerdigt werden . « Der Räuber hatte den letzten Theil dieser Mittheilungen mit abgewandtem Gesicht angehört . Jetzt verhüllte er es mit beiden Händen , und aus dem schweren Athmen zu schließen , kämpfte er gewaltsam mit seinen hervorquellenden Thränen . Keiner der Anwesenden wagte den von Schmerz oder Entsetzen so furchtbar Ergriffenen anzureden , selbst der Jüngling mit dem Wolfsgebiß , der gern die grauenvollsten Thaten mit wieherndem Gelächter begleitete , verzog keine Miene . Nach längerer Pause ermannte sich Lips wieder und reichte dem Maulwurffänger , jedoch mit immer noch abgewandtem Gesicht , seine braune , schlanke Hand . » Ich erinnere mich mit Wehmuth jenes Pfades , « sagte er . » Des Grafen Schwester , so jung , so schön , so unschuldig , wie Ihr Herta beschreibt , ging ihn oft , um auf den freien Zinnen der alten Burg Unterricht in der Sternenkunde zu nehmen . Es war der Weg zu ihrem Tode ! Und nun - « Schaudernd unterbrach sich der gerührte Räuber , als habe er ein tiefes heiliges Geheimniß zu verschweigen ; dann fragte er mit einiger Hast , um das Gespräch gewaltsam auf einen andern Gegenstand zu leiten : » Ihr kommt als Abgesandter der armen Wenden , Heinrich , das Euch zugesendete Stichwort sagt es mir . Welch ein Anliegen haben sie an mich ? Was kann ich für sie thun ? Beabsichtigen sie ihren Zwingherrn zu züchtigen ? « » Ja , « sagte der Maulwurffänger , » ich komme im Auftrage dieser armen unterdrückten Leibeigenen . Sie Alle wissen , daß der plötzliche Tod des alten Erasmus den großen Grundbesitz dieses Mannes in die Hände seines Sohnes bringt . Der Graf ist ohne Testament gestorben , wenigstens hat sich keines gefunden . Magnus wird als alleiniger Sohn Universalerbe des unermeßlichen Vermögens . Er kann damit schalten und walten nach Gutdünken , er kann seine nächsten Verwandten , er kann vor Allem die arme verlassene Herta quälen , so lange es ihm Vergnügen macht , und wie ich ihn kenne , wird er es thun , wenn sie ihm nicht die Hand reicht , was er vielleicht beabsichtigt - « » Nimmermehr ! « rief der Räuber . » Herta soll eher auf den Landstraßen betteln , soll verhungern , ehe sie einen Groschen von dem Elenden annimmt ! « » Das ist ungefähr auch meine Meinung , « fuhr der Maulwurffänger fort . » Allein Ihr werdet begreifen , daß im Guten mit diesem Wütherich nichts anzufangen ist . Gesichert in seinen Rechtsansprüchen verlacht er uns Alle und thut doch , was er will . - Darum sind die Leibeigenen entschlossen , sich in Masse gegen ihn aufzulehnen , ihm einen förmlichen Vertrag abzunöthigen , der Herta ' s Zukunft sichert und ebenso der Tochter Sloboda ' s ein Jahrgeld zuspricht , und will er sich diesen Forderungen nicht fügen , im Nothfall mit Waffengewalt ihn dazu zu zwingen . Ihr aber , Herr Johannes , sollt als ein in heimlichen Belagerungen erfahrener und , wie das arme Volk am besten weiß , nicht so schlimmer Mann , als Euch die Verleumdungen der Reichen schildern , Ihr sollt diesen Aufstand leiten und ordnen . « » Hört mich an , « erwiederte der Fürst der Haide , » und wollt Ihr , daß ich gemeinschaftliche Sache mit Euch machen soll , so laßt mir freie Hand in dieser Angelegenheit . Ich mache sie ganz zu der meinigen , denn sie ist die meinige . Ich habe alte Frevel zu rächen , alte Verbrechen zu sühnen . - Ich will Beides zu vereinigen suchen . Geht , « fuhr er lebhafter fort , » geht zurück in die verfallenden Hütten des geknechteten Volkes und sagt ihm , der Johannes der Haide , ihr Fürst und Herr , käme aus der Einöde zurück , um eine neue Religion zu predigen . Sie brächte Friede den Armen und Gepeinigten , Krieg und unerbittliches Gericht den rechtlosen Unterdrückern ! Ich wolle die Leibeigenschaft vernichten oder unter ihnen kämpfend sterben ! - Sagt das Euern Freunden , Heinrich , und vergeßt nicht hinzuzufügen , daß sie von heut an gerechnet in der dritten Nacht sich bereit halten sollen ! « Statt aller Antwort drückte der Maulwurffänger dem ungewöhnlichen Räuber , dessen Schicksal ihm in seltsame Schleier gehüllt zu sein schien , herzlich die Hand , worauf von der bisher besprochenen Angelegenheit unter den beiden Männern nicht mehr die Rede war . Lips befahl der früher am Ofen beschäftigten Frau , das Abendessen aufzutragen , was sogleich ohne Widerrede geschah . Uneingeladen nahm Heinrich daran Theil , da er , wie uns bekannt ist , sich eines sehr gesunden Appetites erfreute . Erst spät in der Nacht sank der schwarze Baum wieder über die finster kräuselnde Fluth und der Maulwurffänger schritt wie ein Gespenst über die schwanke Brücke und verschwand in der jetzt von grauen Nebelwolken durchsausten Haide . Zweites Kapitel . Geheimnisse . Abgesondert von den übrigen Wohnungen des Dorfes lag das Gemeindehaus der Heimath Sloboda ' s. Auf dem Lande vertritt ein solches auch die Stelle des Kranken- und Armenhauses und wird auf Kosten der Gemeinde , zuweilen mit Zuschüssen des Gutsherrn , in baulichem Stande erhalten . Unter » baulich « versteht man nämlich in diesem Falle , daß Wände , Gebälk und Dachstuhl nicht geradezu über den Köpfen der Bewohner zusammenbrechen . Mit allen übrigen zu einem wohnlichen Hause gehörenden Dingen nimmt man es nicht allzu genau . Daher gibt es nur äußerst selten Gemeindehäuser mit ganzen Fenstern , guten Oefen , unzerbrochenen Schemeln , Bänken und Tischen . Dergleichen hält man für unnöthigen , überdies den Bewohnern solcher Gebäude nicht ziemenden Luxus . Das Gemeindehaus , von dem wir sprechen , gehörte unter die schlechtesten . Es war einstöckig , Lehmwand und Strohdach waren , jene nach außen , dieses nach innen eingesunken , so daß der Firsten eine Schlangenlinie beschrieb und die kleinen mit Spänen , Papier und Scherben verklebten Fenster jeden Augenblick auf die Straße zu fallen drohten . Von der Feuerösse waren blos noch vier stumpfe Pflöcke übrig . Ein Gewittersturm hatte das runde Schutzdach entführt und seitdem fanden Regen und Schnee ungehindert Eingang in diese Höhle der Armuth , Krankheit und Noth . Glücklicherweise war das Dorf nicht stark bevölkert , so daß die Zahl der Bewohner des Gemeindehauses sich nur auf vier Individuen belief . Zu diesen gehörte auch Sloboda ' s verwittweter Sohn , der » närrische Nathanael , « wie ihn seine Bekannten nannten . Seit er den Verstand verloren hatte , war er hier untergebracht worden , weil es Sloboda an Zeit fehlte , den Unglücklichen zu beaufsichtigen und zu pflegen . Denn im Gemeindehause mußte auf Kosten der Gemeinde für Kranke eine Wärterin gehalten werden , die für ihren höchst kargen Lohn verpflichtet war , zu bestimmten Stunden für die Bedürfnisse derselben zu sorgen . Eigentlich hätte Nathanael keine Wartung gebraucht . Er war der stillste , gemüthlichste , lenksamste Wahnsinnige , den es geben konnte . Wer an der baufälligen Hütte vorüberging , konnte sein blasses , immer lächelndes Gesicht entweder in der Oeffnung einer fehlenden Fensterscheibe sehen , was ganz den Anstrich hatte , als habe man statt des Glases eine menschliche Larve mit beweglichen Augen hineingeklebt , oder ihn selbst vor der lochartigen Hausthüre betrachten , wo er , einen Knüttel im Arm , Wache stand und wie ein Posten gravitätisch auf- und niederging . Er that keinem Kinde etwas zu Leide , war mit Allem zufrieden , aß und trank , wenn man ihm etwas gab , und fastete ohne Murren , wurde dies vergessen . Gewöhnlich sprach er mit sich selbst , und so wenig man auch von seinen Reden verstehen konnte , so war doch aus vereinzelten Worten und aus stets wiederkehrenden Wendungen und Gedankenbruchstücken abzunehmen , daß er des festen Glaubens lebe , seine erschlagene Frau habe ihm einen Knaben hinterassen , der beim Begräbniß der Mutter verloren gegangen sei und nun ohne Vater und Mutter elend umkommen müsse . Es wußte aber Jedermann , daß Nathanaels Frau nach kaum anderthalbjähriger Ehe ums Leben gekommen war , daß sie niemals ein lebendiges Kind geboren hatte , wohl aber etwa ein halbes Jahr vor ihrem plötzlichen Tode von einem todten Knaben entbunden worden war . An alle dem hatte bei Lebzeiten der unglücklichen Frau Niemand gezweifelt , jetzt aber durch des Irrsinnigen Reden aufmerksam gemacht , erhoben sich ganz im geheim einzelne Stimmen , welche andeutungsweise behaupteten , es sei damals bei der Entbindung von Nathanaels Frau nicht ganz nach Recht und Gerechtigkeit zugegangen ! Ihr Kind habe wohl gelebt , indeß - später sei es als todtgeboren begraben worden ! - - Solche Gerüchte liefen , wie gesagt , jetzt um , allein wer hätte Zeit , Lust und Bedürfniß gehabt , ihrem Ursprunge nachzuspüren und die Wahrheit zu ermitteln ! Die arme Frau war todt , Nathanael verrückt und sein Vater hatte mit der einzigen Tochter Kummer genug , als daß irgend einer seiner Mitbrüder ihm eines hohlen Gerüchtes wegen das Herz noch mehr hätte beschweren mögen . - Fast alle Tage besuchte der bekümmerte Vater seinen unglücklichen Sohn , um ein paar Worte mit ihm zu reden und sich von seinem elenden Hinvegetiren zu überzeugen . Stand Nathanael Wache vor der Thür , so ließ er den Vater nich in ' s Haus , denn er behauptete dann , sein Knabe sei drinnen in der Pension , werde zum vornehmen Herrn erzogen und erhalte jetzt eben Unterricht in feiner Lebensart ; wer nun da Einlaß begehre , der beabsichtige , ihn zu entführen und wieder unter die Bauern zu verstoßen . Lag dagegen das blasse Gesicht des Wahnsinnigen in der fehlenden Fensterscheibe , so durfte Sloboda eintreten und dann erzählte ihm Nathanael die Verirrung seines Kindes beim Begräbniß der Mutter . Um diese beiden fixen Ideen drehte sich nun schon seit langen Monaten der Gedankengang des Unglücklichen . - Am Tage nach Heinrichs nächtlicher Zusammenkunft mit Lips machte Sloboda seinen gewöhnlichen Besuch im Gemeindehause . Es war nach der stürmischen Schneenacht , wie dies zu Anfang Herbst oft geschieht , am Morgen wieder ganz still und warm geworden und die Sonne schien so erquickend mild , daß man hätte glauben können , der Lenz sei eben angebrochen . Nathanael lag mit dem lächelnden Gesicht im Fensterloche und sah mit den blödsinnigen , ausdruckslos gläsernen Augen auf die Haide , über deren blauschwarzem Walle die äußersten Thurmspitzen des fernen Schlosses Boberstein deutlich zu erkennen waren . » Guten Tag , Nathanael , « sagte Sloboda grüßend , » es will nochmals Sommer werden , scheint es . « » Er kommt doch nicht wieder , « entgegnete mit traurigem Kopfschütteln der Wahnsinnige , indem er das Fenster verließ , um seinem Vater bis an die Stubenthür entgegen zu gehen . Außer ihm war noch eine alte Frau in der dunstigen schmutzigen Stube , die auf der Ofenbank saß und die Spindel drehte . Ein paar Ueberreste von Dielen waren erst am Morgen aufgebrochen und in kleine Stückchen zerspalten worden , um Feuer damit anzumachen , denn das Reißig war ausgegangen und die Gemeinde hatte noch kein neues geliefert , weil der Vorstand vergessen hatte , anzuzeigen , daß alles Holz der Armen verbrannt sei . Der Fußboden des Gemeindehauses bestand daher gegenwärtig aus nacktem schwarzgrauen Lehm . Die Bewohner hatten große Löcher darin ausgehöhlt , um Kartoffelschalen und Spülicht hineinzugießen oder sie auch gelegentlich als Waschbecken zu gebrauchen . Auf den Stangen um den Ofen hingen graue Lumpen , die Schürzen und Kleidungsstücke vorstellen sollten . Auf dem gemeinsamen Tische summten gefräßige Fliegen um einen Teich verschütteter saurer Milch und um einige Stücke eisenharter Rinde von Schwarzbrod . Bänke und Schemel , denen die Beine fehlten , und welche , wenn man sich setzen wollte , erst aus allen Winkeln zusammen gesucht werden mußten , waren unsauber und fettig , da Niemand sich die Mühe gab , sie zu reinigen . In dieser ungesunden , ekelerregenden Wohnung lebte Nathanael und dieses Leben würde für ihn unerträglich gewesen sein , hätte ihn die Außenwelt überhaupt noch gekümmert . Die Nacht , welche seinen Geist umhüllte , verdeckte auch mit wohlthätigem Schleier das entsetzliche Elend seiner Umgebung . » Er kommt noch immer nicht , « sagte er zu Sloboda , seine abgemagerten , schweißig-kalten Finger in die Hand des Vaters legend . » Sie haben die Haiden durchsucht bis nach Schlesien , aber die Fußstapfen sind verweht von Laub und Nadeln . « » Wenn die rechte Zeit kommt , werden sie ihn schon finden , « erwiederte Sloboda mit schwerem Seufzer . » Warten , Geduld haben ist leider unser aller trübes Loos auf dieser unvollkommenen Erde ! « » Geduld ! - Ich hatte immer viel Geduld . « » Weißt Du schon von dem Todesfalle ? « fragte Sloboda . Nathanael sah den Vater blöd lächelnd an , dann erwiederte er : » Es wird bald ein großes Sterben kommen - unter die Hochmüthigen . Alle Bäume trauern schon - das sieht so fürchterlich aus . « » Sie trauern um ihren Herrn , den Grafen . « » Graf ? - Graf heißt Schurke . Marianne hat ' s hundertmal gesagt . « » Nicht immer , Nathanael ! Graf Erasmus , der nun zu seinen Vätern gegangen ist , war ein braver Mann . « Der Wahnsinnige lachte und schüttelte wiederholt den Kopf dazu . » Närrisches Volk , solche Grafen ! - Kartoffeln dem Braten vorzuziehen ! - Rechte Schurkenkost ! « Sloboda hatte seinen Sohn noch nie in solcher Stimmung gesehen und wußte nicht , wie er sich die unverständlichen Reden deuten sollte . Um ihn auf andere Gedanken zu bringen , fragte er , ob er Lust habe , den alten Grafen auf dem Paradebette zu sehen , so wenig er selbst daran dachte , das graue Schloß zu diesem Zwecke zu besuchen . Mit dem wahrhaft entsetzlichen stereotypen Lächeln auf seinem blassen Gesicht trat Nathanael nach dieser Frage an sein Fenster , legte den Finger in die Oeffnung und sagte : » Schloß dort drüben ! Abends die Sonne dahinter - immer ein gräfliches Paradebett ! « Dann legte er das Gesicht wieder in die zerbrochene Scheibe und ohne sich ferner noch um seinen unglücklichen Vater und dessen an ihn gerichtete Fragen zu bekümmern , sah er unverwandt hinüber auf die Haide und die vier Thürme von Boberstein , dessen hohe Schieferbedachung mit den vergoldeten Kreuzen , Knöpfen und Windfahnen jetzt im Goldschaum der Abendsonne zu glühen begannen . Mit schwerem Herzen und der trostlosen Gewißheit , daß sein armer Sohn noch immer keine Spur des zurückkehrenden Verstandes zeige , mußte Sloboda das wacklige Gemeindehaus wieder verlassen , um in der eignen stillen Hütte immer noch den alten Kummer als treuen Hausgenossen zu finden . Aus der Thür dieses Asyls der elendesten Armuth tretend , ließ er seine melancholischen Augen über die dunstige , jetzt mit einem breiten Gürtel purpurn flimmernden Duftes umwundene Haide gleiten und sie auf den blitzenden Spitzen der Schloßthürme ruhen . Eine Fluth der widersprechendsten Gedanken trieb mit Sturmeseile durch seinen Geist , ohne daß er in seiner tiefen Niedergeschlagenheit im Stande gewesen wäre , nur einen einzigen , ihm praktisch scheinenden , festzuhalten und in ruhiger Ueberlegung weiter zu verfolgen . Nach einiger Zeit , keines vollkommen klaren Gedankens sich mehr bewußt , schritt der Wende gebeugten Hauptes die kothige Gasse entlang , welche das Dorf in zwei gleiche Hälften theilte . Auf dieser Wanderung überholte ihn ein Anderer und grüßte ihn ermuthigend mit den Worten : » Nicht so verzagt , Freund Jan ! Unsere Angelegenheiten schießen rasch in Blüthe . « Es war der Maulwurffänger , der unermüdlich die halbe Nacht durchwandert war und jetzt schon wieder von einem anstrengenden Gange durch eine Menge zu Boberstein gehörender Dorfschaften kam . » Lips ist unser mit Herz und Hand und voll Feuer und Flamme ! Ich sage Dir , Jan , der Mann hat einen Zweck bei seinem Thun , und wie hart immer Sitte und Gesetz dies tadeln mögen , auf wessen Seite das größere Recht zu finden sein dürfte , das ist noch eine schwer zu beantwortende Frage . Ein feiner , verschlagener und in vielem Betracht auch rechtlicher Mann ist unser Fürst der Haide und einen Giftzahn hat er jetzt auf den Blauhut , daß mir fast bange wird um das Leben des exquisiten Schurken . « » Er will also unsere Partie ergreifen ? « » Mehr , mehr , Freund Jan ! Er will uns blos zur Stütze haben und übrigens die ganze Angelegenheit zu seiner eignen machen ! Laß Dir genügen , wenn ich Dir sage , daß Lips ein alter Bekannter von mir ist und daß er die Heimlichkeiten der gräflichen Familie besser kennt und Schlimmeres von ihr wissen muß , als wir ahnen ! Vor zwanzig und mehr Jahren stand unser Todfeind Magnus unter seiner Zuchtruthe . Lips war der Hofmeister des wilden Jungen . « » Sprächst Du nicht zu mir , dann würde ich die ganze Erzählung für ein Märchen erklären , « versetzte Sloboda , » und weil uns wirklich zu unnützen Fragen und Erörterungen keine Zeit übrig bleibt , unterlasse ich alles vergebliche Forschen . Du sprichst , er ist der Unsrige mit seinem ungeheuren Anhange , er will theilnehmen an der Rache , die unser Gewissen fordert , und somit erkläre ich ihn für meinen Freund , meinen Bruder . - Seid Ihr einig geworden über Zeit und Stunde ? « » Uebermorgen Abend , während Familie und Dienerschaft am Sarge des Verstorbenen knieen und Thränen heucheln , soll der Angriff geschehen . « » Auf welche Art ? « » Das wollte mir Lips nicht mittheilen . Wir sollen überhaupt keinen thätigen Antheil nehmen an dem , was er zu thun gesonnen ist , nur im Rücken sollen wir wachen , damit nicht fremde Eindringlinge ihn überrumpeln und den ganzen Plan zerstören . Dies hat für Euch Wenden das Gute , daß Ihr nicht als Aufwiegler dasteht und Euch späterhin , kommt die Sache zur Sprache , vor Gericht in bester Manier herausreden könnt . Denn wer einem Feinde im Rücken steht , kann eben so gut diesen anzugreifen beabsichtigen , als ungebetene Gäste ihm fern halten . Das ist eine prächtige Zwickmühle , in der ich selbst die Kniffe und Kreuz-und Querfragen des allerschlauesten Inquisitionsrichters allemal fangen und erdrücken will . « » Daß nur kein Schwächling uns verräth ! « » Sorge nicht , Jan ! Deine gesammten Stammesgenossen beseelt nur ein Gedanke : Bestrafung des Verbrechers und Losreißung von seiner Herrschaft . Seine letzten Schandthaten , die ihn aus dem Verbande der Menschheit ausstoßen , machen jeden Fürsprecher verstummen . Er ist reif zur Aerndte und so soll denn auch die Sichel , welche ihn mähet , mit aller Kraft an ihn gelegt werden . - Heute Nacht beginnt der persönliche Aufruf auf allen Haidedörfern . Ich selbst habe den Richtern beim Aufsetzen der Verordnung redlich geholfen . Es bedarf nun blos noch des von Haus zu Haus wandernden Krummholzes . Es wird diesmal auch an die Thür der niedrigsten und ärmsten Hütte nicht vergebens pochen . « Während dieses Gesprächs hatte Sloboda sein Haus erreicht und nöthigte den für ihn so unermüdlich thätigen Freund einzutreten und ein frugales Abendbrod mit ihm zu genießen . Wir wissen , daß Heinrich ein solches Anerbieten nie von der Hand wies , wenn es ihm irgend die Zeit erlaubte , und so nahm er auch diesmal die Einladung des Wenden an . - - Um dieselbe Zeit saß Haideröschen in der geräumigen Wohnstube Ehrholds auf der Bank am Fenster , ließ flink das Rädchen schnurren und zupfte mit ihren schlanken Fingern , die ungeachtet der harten Arbeit , der sie sich in der Wirthschaft unterziehen mußte , immer weiß und zart blieben , den silbernen Flachs vom Rocken , um das feinste Garn daraus zu spinnen . Es war dasselbe Rädchen , derselbe Rockenhalter , den sie am lustigen Abend der letzten Spinnte gebraucht hatte . Seitdem war blos ein halbes Jahr vergangen und ach , welche Tage des Kummers , welche schlaflos durchwachten , thränenreichen Nächte lagen dazwischen ! - Sie war Frau , die geliebte Frau ihres Erwählten geworden , sie fühlte ein zum Leben erwachendes Leben unter ihrem Herzen sich regen , und sie schauderte vor diesem erwachenden Leben , und Gedanken trüben Wahnsinns ließen ihre Brandmale in der gepeinigten Seele zurück ; denn sie konnte und durfte ja den geliebten Gatten nicht Vater nennen ! Selbst der Name Mutter machte sie erbeben und häufig in Krämpfe und ohnmächtige Erstarrung fallen . Seit der unseligen Hochzeitsnacht , die für sie die letzte Nacht irdischer Freuden gewesen war , trug sie die halbe Trauer . Ein schwarzer lündischer1 Faltenrock umhüllte ihre zarten Glieder . Das bunte Tuch von lebhaften Farben mußte einem schlichten weißen Linnentuch weichen , das sie um Hals und Busen legte . Eben so verhüllte sie sich den Kopf und die schönen seidenweichen goldblonden Haare , die in ein dickes Nestchen gewunden unter der Frauenhaube um verlorenes Glück und geraubte Unschuld trauerten . Die aufknospenden Lockenröschen , die ihrem Gesicht einen so eigenthümlichen Ausdruck schalkhaften Reizes gegeben hatten , waren verschwunden . Ging sie aus , so warf sie noch ein weißes Tuch über Kopf und Schulter , so daß nur das jetzt bleicher gewordene trauernde Gesicht und die schönen melancholisch tiefen Augen sichtbar blieben . Mit immer gleicher Beharrlichkeit zupfte Haideröschen die zartesten Fäden aus dem schimmernden Flachse und drehte taktmäßig ihr schnurrendes Rädchen , ohne des Pochens und Schütterns an den Holzwänden zu achten , welche Clemens und sein Vater mit Laub und Stroh gegen die Winterkälte verwahrten . Der schnelle Tod des Grafen Erasmus beschäftigte auch sie und über dem Unglücke Herta ' s , das in wenigen Tagen zum lauten Geheimniß geworden war , vergaß sie ihr eigenes , der verehrten Herrin so ähnliches Leid . Nun begrisf sie auf einmal das tiefe Verstummen , das entsetzliche Hinstarren des Fräuleins nach jener räthselhaften Nacht , ja sie wunderte sich fast , daß ein so zartes , schönes und gebildetes Wesen , wie Herta es in ihren und Aller Augen war , das Gräßliche hatte überleben können , ohne den Verstand zu verlieren . Es war bereits so dunkel im Zimmer , daß Haideröschen nicht mehr den Faden deutlich erkennen konnte , den sie zwischen den Fingern drehte , als die draußen schaffenden Männer von ihrem Thun abließen und in ' s Haus zurückkehrten . Jetzt hielt auch die Spinnerin ihr Rädchen an , schob es zurück und ging nach dem Kamin , um Holz aufzuschichten und das weithin leuchtende Abendfeuer anzuzünden . Während dieser Beschäftigung sagte sie zu Clemens : » Hast Du Dich nun entschieden , ob wir zusammen auf ' s Schloß gehen werden , damit ich dem guten todten Herrn meine Hand zum ewigen Lebewohl reichen kann ? « » Es wird sich nicht thun lassen , liebes Röschen , « versetzte der Gefragte . » Sichern Nachrichten zufolge ist der böse Herr auf Boberstein und Du kannst wohl denken - « » Ich verstehe , guter Clemens , « unterbrach ihn Haideröschen . » Wir bleiben daheim , ich bete für den geschiedenen Greis , für das arme Fräulein und singe an seinem Begräbnißtage ein Lied zu seinem Andenken . Er wird mir das im Himmel eben so hoch anrechnen , als hätte ich an seinem Sarge geweint . - Wenn soll er denn bestattet werden ? « » Uebermorgen . « » Ist es wahr , daß er kein Testament hinterlassen hat ? « » Es geht allgemein die Rede davon . « » Dann bedaure ich blos das gütige Fräulein ! - Nicht wahr , Clemens , Du stehst ihr gern bei , wenn sie es je bedürfen sollte ? « » Ihr und Dir soll mein letzter Blutstropfen fließen ! - Aber sie wird unserer Hilfe nicht bedürfen , glaube mir ! Der Himmel läßt es gewiß nicht zu , daß ein böser Mensch in allen Genüssen irdischer Glücksgüter schwelgen darf , während eine Gerechte dem Mangel erliegen muß . « Indem pochte es an die Hausthür und Ehrhold , der hinausging , um zu fragen , wer Einlaß begehre , begann ein kurzes Zwiegespräch