er kann7 . Dies Bruchstück aus meinem Glaubensbekenntnis über das Theater hab ich Dir hierhergeschrieben , um daß , wenn bei Euren Soirees dort im Schlangenbad vielleicht die Rede zwischen dem Herzog August und Dir auf mich oder Sophie kommt , Du ihm allenfalls das Nötige sagen kannst . Es ist mir wichtig , daß Männer wie dieser , der immer Sophiens warmer Freund war , doch zugleich auch gewahr werden , daß es keine engherzige Natur ist , keine Liebeständelei , die mich und Sophie zusammenführte , sondern mannigfache Übereinstimmungen und Ergänzungen der Gemüter , der Ansichten , der Begriffe und der Ausführungen unserer Lebenspläne . - Lebe wohl , laß bald von Dir hören und behalte lieb Deinen Clemens Eben erhalte ich Deinen Brief mit den Mitteilungen der Günderode , schicke mir den ganzen Brief und sage ihr , daß ich ihr herzlich danke für alles , was sie über mich denkt und beschließt , und ihr werde ich antworten . - An Clemens Clemente , gestern erhielt ich Deinen Brief in Schlangenbad ! Ich hätte sehr gern ihn dem Herzog von Gotha vorgelesen oder lesen lassen , allein er war schon am Morgen abgereist , es war schade , er hatte gern etwas mit mir zu verhandeln , da er so oft auf dem Spaziergang neben mir herlief , zog er seine Schreibtafel heraus , stellte sich vor mich , daß ich nicht weiter gehen solle , es war recht lächerlich . Von der Günderode erzählte ich ihm , von Deiner Sophie hat er mir viel erzählt , unendlich Schönes . Sie hat mir eingeleuchtet wie ein Stern , ich mußte darüber entzückt sein und verwundere mich , daß ich ihn begegnen mußte hier , der die Sophie so verehrt , mir eine ganze Brieftasche voll Gedichte an sie vorlas , alle Tage unendlich Vortreffliches mir erzählte . Dafür hab ich ihm auf meiner Gitarre mehrere Präludien zu seinen Liedern komponiert . Es war eine Not mit seinen französischen Gedichten , zu so was konnte ich keine musikalische Anwendung machen . Unter mir wohnt die Kurprinzessin von Hessen , der hab ich alle Nacht aus dem Fenster vorgespielt , das machte ihr viel Freude , sie hat mich in Affektion genommen und ist oft mit mir allein spazieren gegangen , ich sollte ihr erzählen , da war viel von Dir die Rede ! Von wem soll ich sonst reden . Aber von meinem Aufenthalt bei der Großmama und von manchen ernsten Geschichten und Gesichten der französischen Revolution war die Rede ; da wunderte sie sich , daß ich so ernste Dinge berühre schon in der Jugend . Ich weiß , was Jugend ist : inniges unzerstreutes Empfinden des eignen Selbst . - Die Einsamkeit aber ist eine Quelle , sich selbst zu trinken . Dieser Gedanke gefiel der Kurprinzeß , ich mußte ihn ihr in ein Denkbüchlein schreiben ; und ich setzte noch hinzu : » Denken ist , die Wege Gottes beschreiten , - durch Denken gelangt man zu Gott ! « Und dies gefiel der Kurprinzeß so , daß sie mich dafür auf die Stirne küßte . - Sie redet nun oft mit mir und nennt das seltsame Gedanken , was ich so herausplaudere ohne viel Nachdenken ; so hatte ich letzt gesagt , der Gedanke sei ein geflügelt Roß , und wer es regieren könne , der schwinge sich mit ihm auf in die Unsterblichkeit . - Das alles will sie behalten und aufschreiben ; - immer möchte sie mehr aus mir herauslocken , als ich grade sagen kann oder mag , denn zu geistiger Offenbarung gehört der Wille , den Geist zu entfalten . - Der Geist ist zwar immer wandelnd , nämlich in ihm selber wandelt sich alles , was er berührt , und davon wächst und blüht er und reift zur Frucht selber . - Unser höchstes Wirken ist Denken , gibt es vielleicht Geister , die noch ein höheres Wirken haben als Denken ? Und was mag das sein ? - Nein ! Denken ist das große Lebensmeer der Gottheit , aus dem entspringt alles Wirken ! - So sag ich , und die Kurprinzeß freut sich an diesen Reden und will wissen , wo ich das alles her habe , ich sage , das sind Hobelspäne von Gesprächen mit der Günderode , und daß ich mich da oft durch die Gedankenfülle durchdränge wie durch eine Volksmenge , die mich umwimmelt , und daß ich den ersten besten beim Ohr kriege , und viele andre witschen mir durch . - Da freut sich die Kurprinzeß und will mehr wissen , und ich muß als in einem fort aus dem Ärmel schütteln . - Und der Glaube ruft den Geist herbei , der sagt seine Geheimnisse , die Natur haucht sie aus . - So ist jeder , der belehrt sein will , ahnungsvoll wie die Knospe , die dem Licht aufbricht , aus ihrem Kelch duftet die Begeistrung fürs Licht . - Und das Licht kann dieser Begeistrung nicht widerstehen , so wenig der Geist der Liebe widerstehen kann ! - Ich bin heute so munter , ich möchte noch mehr schwätzen ! Meine Augen sehen im Dämmerlicht sehr hell , ich schreib gern bei Mondschein , da kann ich so vergnügt im Zimmer auf- und abgehen . Am Himmel tragen die Wolken ihre Begebenheiten mir vor , sie ballen sich zusammen und türmen sich und schreiten auseinander und steigen und kreuzen sich und lassen sich nieder , kurz es ist ein Staatsleben unter ihnen . - Am meisten seh ich die Revolutionsereignisse drin ! Wollt ich prophetisch sein , ich würde mich an die Wolken halten ! - Nicht , daß sie wirklich Geschicke ausmalen könnten . Aber der Geist kann sich selber ahnen , selber erkennen und sich selber hinüber erzeugen in das , was er sich vorstellen kann . Gewiß kommt einst eine Zeit der Erlösung , wo nicht mehr einer die Wahrheit prophetisch oder ahnungsweise vorträgt , sondern wo die ganze Welt zugleich weiß und empfindet , was ihr Lebensnahrung gibt , und wo sie drin wuchert , wie im üppigen Boden die Pflanzen und Früchte wuchern ! - Gedeihen des Geistes ist eine über alle Vorsichtsmaßregeln und Begriffe und Bedeutungen hinausstrebende Kraft . - Alle Philosophie erstickt , umstrickt , und zwar mit groben Stricken , den ungebundenen Geist . Ach , ich hab da letzt noch mit Sinclair disputiert . - Ich kann aber nicht disputieren , ich muß mich nur totärgern , bis der Kerl fertig ist , wo ich gleich bei der ersten hölzernen Redensart als schon außer mir komme , ich kann auf nichts acht geben , sie sagen , ich wär eingebildet ; die andern sind eingebildet mit ihrer Repulsion und Attraktion und Potenz und Notstall der Philosophie und Kunstreligion . Es gibt Menschen , die sind wie die Raupen , sie zehren nur vom Pflanzenstoff des Geistes , wenn die sterben , so werden sie zu Schmetterlingen , die gaukeln in ihrer Seligkeit so über den Blumen . Das , womit sie ihren Geist nährten , gab ihnen keine andere Offenbarung der Seligkeit als nur diese ! - Was der Geist in sich entwickelt , das wird seine Offenbarung , sein höheres Leben ! - Der Maler hat ein ganz besonders Himmelreich ( Verewigung ) , in das er sich durch seine Kunst hinüberübt und lernt ! - Aber ! aber ! - Die Maler malen ja alle daneben und nicht das , was ihnen wieder Geist gibt . Der Künstler muß ja etwas hervorbringen , was ihn wieder erzeugt , sonst ist ' s aus mit der Ewigkeit . Der Musiker komponiert ja falsch und wenn er noch so sehr den Generalbaß reitet , grade deswegen ; er spielt ja Menschensatzung und nicht Überirdisches ! - Der Sänger singt ja falsch , und wenn er noch so rein trifft , er trifft ja die Seele , das Gefühl dessen nicht , der Geist hat und auf höhere Berührung wartet . - Der nur erzeugt die wahre Kunst , der das hervorbringt , was die Zeit zu dem erhöht , wozu sie reif ist , um sie weiter zu reifen . - Der singt falsch , der durch seinen Gesang nicht das göttliche Licht der Freiheit in dem Hörer entzündet , denn er erfüllt nicht den Zweck der Kunst und gibt dem Geist Ärgernis , denn er zieht ihn herab . Mit diesem letzten will ich in Deine Saiten eingreifen , von dem , was Du über Schauspielkunst sagst . - Mir hat der Mond diktiert . Ich möchte der lieben Sophie auch noch was sagen , aber ich hänge vom Mond ab , daß er mir doch einen Augenblick dazu Licht gebe ! - Eben kommt er ! - Licht und Feuer in den zerstreuten Hütten funkelt durch das Grün der Bäume . - So weit ich seh , versinkt die Welt in Ruh ! Clemens , die Sterne funkeln zu Tausenden am Himmel , unter meinem Fenster steht meine alte Invalidenschildwache und paßt auf ein Ständchen meiner Gitarre , er ist gewohnt , mich abends noch singen zu hören , ich werd ihm ein alt Klosterlied an die Jungfrau Maria singen , denn es ist morgen Maria Himmelfahrt . Deine Freundschaft mit Tieck entzückt mich , - oft , wenn ich in seinen Schriften las , hatte ich eine große Begierde , ihn kennen zu lernen . Ich werde ein Kleidchen machen für sein Töchterchen , so schön als möglich , das schenk dem Liebchen von mir . - Du kommst also , Clemente ! Ich freue mich . - Wir sind jetzt ganz allein hier ! - Wir machen Promenaden ins Wilde ! - Die Toni hat aber als den Mut verloren , wenn wir den Weg verloren hatten ! Ich dachte , es wäre recht närrisch , wenn wir uns nicht wieder in die Heimat fänden und gingen so fort und kämen in fremde Lande . Bettine Lieber Clemens ! In wenig Tagen gehn wir von hier ab . Ich weiß nicht , ob wir uns in Wiesbaden aufhalten . Du mußt meinen letzten Brief nicht erhalten haben , weil ich nichts von Dir weiß . So sehr ich mich freu , Dich wiederzusehen , tut ' s mir doch leid , die Gegend zu verlassen ; hier hab ich zum erstenmal die Natur beklettert , mitten in ihrem Schoß konnte der Mutwille nicht Ruhe halten ; wohin mein Auge blickte , dahin wollte ich , oft meint ich mit Händen die Berge zu greifen , und wenn ich eine Strecke gelaufen war , dann war ' s , als sei ich viel weiter entfernt vom Berg . Erreichen muß man nicht wollen ; goldne Wünsche , grünende Hoffnungen , wartet nicht , daß ich euch nachlaufe , wenn ich auch euch nachseufze ein Weilchen ! - Es ist vor ein paar Tagen ein Mann hier durchgekommen mit einer Flugmaschine , er wollte sich damit sehen lassen , aber Leonhardi , der noch zwei Stahlbäder zu nehmen hat , wovon er ganz stahlblau wird , wollte durchaus nicht , daß der Mann fliegen sollte , der Mann wollte uns auf der Terrasse ein Flugstückchen machen , für einen Taler wollt er ' s tun . Leonhardi sagte , der Mensch fällt gewiß und bricht Hals und Bein , dann haben wir die Heilkosten , den Doktor , den Apotheker , den Chirurg , den Aufwärter , das Essen , die Nachtwache , die Wartfrau und zuletzt vielleicht gar die Begräbniskosten samt Pfarrer und Küster auf dem Hals , zu so wenig Badegästen , als wir noch sind , kann sich das sehr hoch belaufen . Alles war von Leonhardis Weltweisheit eingenommen , der noch vorbrachte , er säh es dem Kerl an , der sei expreß gekommen , ein Unglück anzurichten . Vom Manne hatte ich erfahren , daß er keine drei Batzen habe , denn er hatte auch schon gestern keine mehr gehabt und sich durchbetteln müssen . Leonhardi behauptete , des Mannes Augen seien auf seine Taschen gerichtet gewesen , er sei ein Dieb . - Ich brachte die Nachricht , der Mann wolle mit Gewalt fliegen ; da seht ihr , sagte Leonhardi , er will uns einen Streich spielen . Ich wurde also wieder zu dem Mann geschickt , ob er nicht gutwillig gehen werde , wenn man ihm ein Douceur gebe . Ich brachte die Nachricht : der Mann wolle absolut fliegen und lade die Gesellschaft bei Mondschein auf die Terrasse . Ach , sagte Leonhardi , in dem Menschen sitzt die Verzweiflung ; das ist eine dumme Geschichte in der einsamen Gegend , wo keine ordentliche Polizei ist , - dem Mann verbieten zu fliegen habe er keinen Befehl , meint der Polizeimann , sagt der Badepeter , erzählte ich . - Der gute invalide Polizeisoldat mußte kommen ; der sagte : » Lassen sie ihn , der wird nicht weit fliegen , er ist auch Invalide , es kann nicht jeder Nachtwächter in Schlangenbad sein , um sein Brot zu verdienen . « - Da haben wir ' s ! - Ein zerschoßner Kerl will da noch ungeheure Kunststücke machen ! - Alles war aufgeregt , jeder lachte darüber , aber man wollte ihn los sein . - Mit zehn Gulden geht er ab , rief ich . Die zehn Gulden waren gleich beisammen und noch mehr , jeder steuerte ungezählt bei . - Ich lief mit dem Geld zum Mann , der gar nichts davon wußte , auch so viel Geld seit lange nicht gesehen hatte . Ich konnte ihm schwer begreiflich machen , daß es sein gehöre , wenn er nicht fliegen wolle ; dies letzte begriff er vollends gar nicht , denn er ließ sich durchaus nicht vom Fliegen abhalten , was er vorher eigentlich nicht im Sinne hatte , es mußte jetzt geschehen ! Ich lief auf die Terrasse und rief , der Mann kommt , er will doch mit aller Gewalt fliegen ! - Ein großer Spektakel war da los , der Mann zog aus einem Pappkasten zwei Schläuche , blies Luft hinein , es wurden zwei Pferdchen draus , ein weißes und ein schwarzes , so groß wie Windhunde , angespannt an einen Luftballon , in dem der Amor saß , das ging in die Höhe an einem langen Bindfaden und schwebte zehn Fuß über uns , er hielt dabei eine Rede über das schwarze und weiße Pferd am Liebeswagen . Voigt sagt , diese Rede sei aus dem Plato . Als der Phaethon vom Abendwind eine Weile herumgetrieben war , wickelte der Mann den Bindfaden wieder auf , entließ die Luft aus den Gaulen und nahm mit tausend Danksagungen Abschied . - Wir alle waren sehr lustig über die Geschichte und gönnten es dem guten Mann , der durch seine Gutmütigkeit den besten Eindruck gemacht hatte . Wir sind jetzt ganz allein hier , wir machen von morgens bis abends die herrlichsten Spaziergänge , ich glaube , es wird traurig werden , wieder in mein finsteres Zimmer eingesperrt zu sein . Aber es wird doch ein angenehmer Winter sein ; die Heiraten der Geschwister werden nicht wenig zur häuslichen Glückseligkeit beitragen . Ich wundre mich , daß Du so wenig Anteil dran nimmst . Grüße Sophie von mir , und wenn Du schon in Marburg bist , so schreib ihr , daß ich alle Tag an sie denke . Bettine Liebe Schwester ! Deinen letzten Brief von Schlangenbad , in dem Du Deine baldige Abreise angezeigt , nebst der Fluggeschichte erhielt ich eine Minute später , als mein Brief an Dich abgegangen war . Ich erwarte von diesem für Dich so gütig gewesenen Sommer nun auch gute Wirkung für Deine Gesundheit , Deinen Mut und Fleiß . Was mich betrifft , so bleibe ewig beruhigt und vertraue mir ganz , daß ich in unsern engen Bund nie ein Wesen aufnehmen werde , als nur , wenn es sehr vortrefflich ist . Ich liebe und ehre Sophien zu sehr , um mehr von ihr zu sprechen ; wenn Du sie kennen wirst , liebe Bettine , so wirst Du für sie empfinden , was auch ich für sie fühle . Sie macht alles gesund und blühend , sie ist die ewige Jugend und immer ein Kind , sie ist wie ihr letzter Brief sagt , eine sehr arme Frau , aber ein unendlich reiches Kind . Wenn ich nach Frankfurt komme , will ich Dich über alles belehren und Deine Besorgnisse so aufklären , daß Du Dich über das Ganze so freuen sollst , wie ich es tue . Nur bitte ich Dich nochmals , in allen Dingen , die mich betreffen , keine Vertraute zu haben . Mit Savigny stehe ich auf einem ganz ordentlichen Fuß , wir achten uns , ohne doch daß unsere Herzen innige Mitteilungen hätten . Seine Verschlossenheit , sein Verkehr mit Gunda und Winkelmann , ohne daß ich weiß , was sie miteinander wollen , und vor allem sein Geständnis , » daß er mit Dir platterdings gar nicht existieren und keine Berührung mit Dir erträglich sei . « Dieser deutliche Widerwille gegen das , was ich auf Erden am meisten liebe , gegen Dich , dies alles hat mir mein Verhältnis mit ihm bestimmt . Ich achte ihn aber mehr als irgendeinen Menschen in der Welt ; daß er das Talent nicht hat , vertraulich zu werden , lasse ich ihn weiter nicht entgelten . Übrigens teile ich ihm nichts mehr mit , weil er stumm wie ein Ölgötze gegen mich ist , und so wäre das gut . Manchmal muß ich tief in Gedanken über ihn sitzen , denn ich habe manche kontroverse Erfahrungen an ihm gemacht , die ich zu reimen nicht imstande bin ; doch - alles ist gut und bedeutsam in der Welt , und wer weiß , wie sich dies noch einmal zurechtrücken wird ! Über was kann ich denn klagen , als daß ich ihn in dieser Abgeschlossenheit nicht verstehe ; das ist am End auch meine Schuld und nicht die seine . Und mir selber kann ich dies auch nicht verdenken , da ich ' s bei allem guten Willen noch nicht weiter gebracht habe , als mich zu verwundern und mir jede Mißbilligung zu verbieten , bis ich eines Bessern belehrt werde , was ohne Zweifel einst sein wird , da mir noch so viel zu lernen und zu begreifen bevorsteht . Nun siehst Du , mit meinem guten Weib werde ich gerechter werden , da sie mild ist und doch unendlich lebensfrisch ; da sie die Weltverhältnisse weit besser versteht als ich und die große Lebensklugheit besitzt , an die menschliche Gesellschaft keine Ansprüche zu machen , obschon sie allen Beziehungen in ihr genügen kann und mit ihrem Wohlwollen immer gibt , wo sie verlangen könnte ; und ihre Liebe niemals aufdringt , in der Einsamkeit selbst ihren Reichtum an Geist niedergelegt hat , in dem sie schwelgen kann und reicher ist als andre , die sich im Besitz der Wohlhabenheit fühlen . Es wird kommen und muß kommen , daß sie das Eis schmelze , denn sie ist der Frühling und hat den Geist des Belebens ! - Und das gewinnt die Herzen ! Drum ist fürs erste mein Aufenthalt in Marburg mir wichtig grade um Savignys willen , wenn das so kommen dürfte , daß er allem dem entspräche , was in ihm sein muß , was ich aber nie zu Tag fördern konnte , wenn ich wirklich durch meine Hast , durch meine Unbefähigung , bessern Menschen gerecht zu sein , allein die Schuld trüge , dieser oft qualvollen ungewürdigten Stunden und Tage unseres Zusammenseins ! - Und Sophie , die ganz menschliche Freundin meiner Seele , baute zwischen uns die Brücke eines edlen Verkehrs , wo nicht mehr eine grausame Ironie mich mit ihren Pfeilen träfe . Liebes Kind , dann müssen wir ' s ihm auch hingehen lassen , daß er Dich nicht mag ! - Es wird kommen , es wird kommen die gewünschte Frühlingszeit ! - Nun sei froh und glücklich und grüße mir die neu verheiratete Schwägerin . Eben erhalte ich Deinen früheren Brief aus Schlangenbad , der über Weimar gegangen war . Ich bitte Dich herzlich , schreibe mir oft so , schreibe mir oft und viel , Deine Gedanken ziehen so im Flug , als wären sie Vögel aus fremden , heißeren Ländern . - Wie soll man ihrer habhaft werden , wenn nicht ein treuer Freund sie auffängt ! Spreche mir auch von Günderödchen , von Mariannen , die ich ewig lieben werde . - Und noch eins . - Alles , was durch andre Leute von Sophie Dir gesagt wird , glaube nicht , denn Du weißt ja , wie andre Leute von mir sprechen , wie auch die , welche für die besten , die edelsten gelten , nur Böses von mir zu sagen wußten oder ahnten , und doch hast Du das nie in mir gefunden ! - Nicht wahr , liebstes Kind , das hast Du nie ? - Das ist auch der Segen , der auf Dir ruht , daß keine Ungerechtigkeit noch aus Deiner Seele geflossen ist , daß keine Äußerlichkeit , kein Egoismus mit Deinem Gefühl wuchert oder prachert . - Aus der Ambition entspringt manches Übel der Seele , und dies hat so böse Folgen oft , daß ich manchmal meine , alle Lähmungen des Geistes entspringen vielmehr aus dem Ehrgeiz , als daß dieser ihn fördert . - Großmut ist die Quelle alles Reichtums und jeder , der sich abzuschließen wähnt , um sein inneres Eigentum für sich allein zu bewahren und es wie einen künstlichen Springbrunnen in die Höhe zu treiben , der wird auch einen solchen Springstrahl hervorbringen , lustig und ergötzlich anzuschauen , und die Menschen werden sich wundern , und es wird die Rede sein von dem famosen springenden Wasser im ganzen Land , wie von der Fontäne auf Wilhelmshöhe ! - Aber was ist es nun , wenn die Röhren , durch welche das Wasser läuft , einmal aus ihrer Lage kommen und der Strahl versiegt , oder wenn die unterirdischen Wasser durch Zufall und Naturereignisse eine andere Wendung nehmen , dann steht die Fontäne mit ihren Prätensionen , bewundert zu werden , ganz verlassen ; höchstens geht die Rede durchs Land : die Fontäne springt nicht mehr ! Schade um die alte Fontäne , sagen dann die Leute , wir haben unsern spiegelklaren Bergstrom , der sich wohltätig durch unsere Fluren verbreitet ! Sehet den schiffbaren Fluß , in dem unsre munteren Bäche und Flüsse zusammenkommen , dem gemeinsamen Leben zu Nutz und Frommen ! - Da unterscheidet man sie nicht mehr voneinander , ob dieser oder jener seine Wellen dazu hergibt , den Verkehr des Menschen untereinander zu fördern . - So muß es sein , liebes Kind ! So und nicht anders kann das Vollkommne , das Genügende im Geist sich erweitern und verteilen und beleben alle , die von ihm sich zu nähren berufen sind ! - Und so will es sich gestalten , seit ich meine Sophie habe ! - Und mögen die Fontänen für sich springen , solang es geht zur Bewundrung der gelangweilten Menge ; trägt der schiffbare Fluß erst die Weltbegebenheiten und die Entwicklung des Weltgeistes auf die Höhe des Weltmeeres , in das er einströmt , dann mag die Fontäne in verödeter Natur springen oder nicht , Schiffe könnte sie doch nimmer tragen . Schreibe bald Deinem Clemens , der von Dir lebt , sich von Dir getragen fühlt zum Bessern , zur Lust , das Leben zu genießen und zu beherrschen . Soeben kommt die Frankfurter Post . Ich habe keine Zeile von Dir und von niemand . Savigny erhält die Briefe bündelweise ; meine Einsamkeit erhöht sich so immer mehr , ich bitte Dich herzlich , schreibe , ich bin traurig , wenn ich so meinen Herrn Baron seine Briefe verschlingen sehe , ohne mir etwas mitzuteilen , und ich habe gar nichts . Du hast ja auf der Welt nichts zu tun , schreibe mir doch oder ich glaube , daß Du mich nicht mehr liebst . Clemens Fußnoten 1 Ihr war eine Schwester gestorben . 2 Anhang I , S. 397 3 Anhang II , S. 401 4 Ein Briefbote , der alle Tage von Offenbach nach Frankfurt ging . 5 Dem die Jungfrauen einen Widder opferten , wenn sie öffentlich einen Wettlauf hielten . 6 Siehe Anhang . 7 Sollten vielleicht nicht manche wirkliche Schelme sein ? - Denn viele können gar nichts . -