ihnen hier , wo sie flüchtige Unterhaltung zu finden gehofft , eine Wahrheit entgegengetreten war , vor der sie erschraken , wie vor einem Gespenste , das plötzlich am hellen Tage in die Reihen der Lebenden tritt . Selbst Walter und Frau von Meining waren überrascht . So hatte der Graf Jenny niemals singen hören ; er , der ihre Seele kannte , hätte sie beschwören mögen , ihm die Ursache des Schmerzes zu vertrauen , der sie eben jetzt erschüttert hatte . Er wollte und mußte sie sprechen , aber sie vermied seine Annäherung und verließ bald , nachdem sie gesungen hatte , die Gesellschaft . Walter begleitete sie aus dem Saale hinaus und benutzte einen Augenblick , in dem ihr Vater im Nebenzimmer von einem Bekannten angeredet wurde , zu der Bitte , Jenny möge ihm heute noch eine kurze Unterredung gestatten , an der sein Glück und seine Hoffnung hänge . Ihr Glück , Herr Graf , antwortete Jenny , liegt außerhalb meiner Sphäre und Sie täuschen sich , wenn Sie es in meiner Nähe suchen ! Glauben Sie mir das , und dringen Sie nicht in mich ! Sie reichte ihm bewegt die Hand zum Abschied und ging am Arme ihres Vaters davon . Jenny ' s Gesang und ihre ganze Erscheinung waren , während dies in einem der Nebenzimmer geschah , im Saale der Gegenstand der Unterhaltung geworden . Einige priesen ihre Schönheit und Anmuth , andere fanden ihr Auftreten abstoßend und stolz , zu ernsthaft und selbstbewußt für ein Frauenzimmer ; und ebenso große Meinungsverschiedenheit herrschte über ihren Gesang . Die Stimme ist vortrefflich , bemerkte die Stiftsdame , aber es zeigt immer von wenig Erziehung , sich und seine Gefühle so preiszugeben . Ich will gestehen , es mag unangenehm genug sein , dem jüdischen Volke anzugehören , indeß ist es doch nicht unsere Schuld , daß Fräulein Meier eine Jüdin ist und sich dessen schämt , und ich begreife nicht , mit welchem Rechte sie sich in der Gesellschaft in einer Weise gehen läßt , die für meine Nerven zum Beispiel viel zu stark ist . Ich versichere Sie , sie hat mich völlig krank gemacht ! Viele stimmten ihr bei , schwiegen aber , als Frau von Meining sich dem Kreise näherte , in welchem bald eine leichtere Unterhaltung den Eindruck verwischte , den Jenny ' s Lied auf die Gesellschaft hervorgebracht . Nur Frau von Meining dachte mit ängstlicher Besorgniß an sie , und ihr entging es nicht , daß auch der Graf bald nach Jenny ' s Entfernung das Haus verlassen hatte . Der Abend war schwül und dunkel , als Walter aus den glänzend erleuchteten Zimmern der Geheimräthin in die nächtliche Dämmerung hinausschritt . Er hatte im Laufe des Tages die Antwort seines Onkels erhalten , der es ihm nicht verbarg , wie diese Verbindung mit Jenny entschieden gegen seine Ansichten und seine Wünsche sei . Was ich aber nicht hindern kann , schrieb er , mag ich auch nicht tadeln . Du bist unwiderruflich entschlossen und so wünsche ich von Herzen , daß Du in Deiner künftigen Gattin und in ihrer Liebe Ersatz finden mögest für die schweren , großen Opfer , die Du ihr bringen willst . Sobald Deine Verlobung erklärt ist und Du mit Deiner Braut in unsere Gegend kommst , denke ich Dich zu treffen , um das Mädchen kennen zu lernen , das Dir würdig scheint , den Namen einer Gräfin Walter zu tragen , eine Ehre , um die manche hochgeborne Jungfrau sie beneiden möchte . Fräulein Meier wagt viel , indem sie sich auf diese Höhe stellt , und Du wirst Muth und Energie brauchen , um sie dort zu halten . Aber das gerade reizt Dich ! Nun , so geschehe , was geschehen soll , und wir wollen sehen , wie man der Angelegenheit die beste Wendung gibt . Durch diesen Brief von dem Versprechen gegen Herrn Meier befreit , Jenny seine Liebe noch zu verschweigen , hatte er mit freudiger Bewegung den ganzen Tag eine Gelegenheit gesucht , sie allein zu sprechen . Steinheim ' s Besuch , ihre darauf folgende Verstimmung hatten es ihm aber unmöglich gemacht , sich ihr zu nähern und ihn genöthigt , sie bei Frau von Meining um jene Unterredung zu bitten , die sie ihm verweigert hatte . Niemand konnte weniger persönliche Eitelkeit besitzen als Walter ; indeß war er sich der Vorzüge bewußt , welche ihm seine Geburt und seine Verhältnisse vor vielen Männern gaben . Von Jugend auf hatte man ihm wiederholt , wie er jedes Mädchen durch seine Bewerbung ehre und überall waren die Frauen ihm in einer Weise entgegengekommen , die ihm eine Bestätigung für jene Behauptung geboten . Jetzt liebte er mit aller Hingebung seiner Seele . Jenny ' s früheres Betragen hatte in ihm die Hoffnung erweckt , daß sie seine Gefühle theile ; er war bereit , sie gegen die Vorurtheile der vornehmen Gesellschaft zu schützen , deren Ansicht er gegen sich hatte , und sie verweigerte sich ihm , obgleich sie seine Liebe kannte . Voll quälender Ungewißheit kehrte er endlich nach seiner Wohnung zurück ; in Jenny ' s Zimmer brannte Licht und ein Schatten bewegte sich an den Vorhängen hin und her . Auch sie mußte noch wach sein . Das muß anders werden , sagte Walter zu sich selbst . Ich will , so theuer sie mir ist , weder um ihre Liebe betteln , wenn sie mich ihrer unwerth hält , noch ihren Frieden stören . Morgen ist sie mir verlobt , oder ich sehe sie nie wieder ! Trotz des männlichen Entschlusses seufzte er , als er nochmals nach Jenny ' s Fenstern blickte , und eine Thräne verdunkelte seinen Blick . War es der Gedanke , Jenny zu verlieren , oder das Gefühl gekränkten Stolzes , das sie erpreßte ? Walter zerdrückte sie schnell , als schämte er sich derselben und ging in das Haus , um auf seinem Lager , das der Schlummer floh , der Geliebten und des kommenden Tages zu denken . Auch Jenny konnte keine Ruhe finden . In der ersten Empörung ihrer Seele hatte sie , kaum heimgekehrt , sich ihrem Vater in die Arme werfen , ihm das Erlebte mittheilen und ihn beschwören wollen , am folgenden Tage Baden mit ihr zu verlassen . Aber der Gedanke , wie tief die Ueberzeugung ihren Vater schmerzen würde , daß immer wieder der Fluch der Vorurtheile auf seinen Kindern ruhe , daß kein Alter und kein Verhältniß sie davor schütze , nöthigte sie zum Schweigen und scheuchte sie in ihr Zimmer zurück , wo sie sich einsam ihrer Empörung und ihrem Schmerze überließ . Sie konnte sich es nicht verhehlen , sie liebte Walter ; nicht mit der stürmischen Glut der Leidenschaft , die sie für Reinhard einst gefühlt , sondern mit jener ruhigen Zuversicht , die an der Brust des Geliebten zwar nicht den Himmel jugendlicher Hoffnung , aber eine sichere Zuflucht in allen Stürmen des Lebens erwartet . Sie wußte , wie theuer sie ihm sei , sie konnte sich in den lieblichsten Farben eine Zukunft an seiner Seite denken und hatte ihre Hoffnung , ohne es zu wissen , bereits an diese Zukunft geknüpft . Das fühlte sie an dem Schmerz , den der Gedanke , sich von Walter trennen zu müssen , in ihr hervorrief . Aber diese Trennung stand jetzt als Nothwendigkeit vor ihr . Die Aeußerungen Steinheim ' s am Morgen und die Unterhaltung , deren Zuhörerin sie am Abend gewesen war , hatten ihr gezeigt , was sie ohnehin fühlte , daß sie Walter , indem sie seine Hand annehme , in den Kampf verwickle , den sie als Jüdin gegen die Meinung der Menge zu bestehen hatte . Ich war stark genug , sagte sie , noch ein halbes Kind , meiner Liebe zu entsagen , um Frieden mit mir selbst zu haben , und sollte nicht Kraft besitzen , für Walter ein Gleiches zu thun , für ihn , der mir ein so großes Opfer bringen will ? Nein ! Den Leidenskelch , der mir vom Schicksal bestimmt ist , will ich allein leeren . Ich will Walter wiedersehen , ich will ihm morgen sagen , daß ich nie die Seine werde , weil ich ihn liebe , und mir wenigstens den Trost erhalten , sein Leben nicht verbittert zu haben . Man hatte verabredet , am nächsten Tage die Fahrt nach Gernsbach zu machen , um mit dem Vater der jungen Frau , deren Beschützerin Jenny geworden war , Rücksprache zu nehmen , und man wollte in zwei leichten Kaleschen fahren , da die Ungleichheit des Weges einem großen Wagen manche Schwierigkeiten bot . Noch am Abend hatte Jenny ' s Vater Frau von Meining aufgefordert , einen Platz in seiner Kalesche anzunehmen , und Jenny wußte also , daß sie mit Walter fahren würde . Diese Gelegenheit wollte sie benutzen , sich gegen ihn zu rechtfertigen , und ihm begreiflich zu machen , daß sie scheiden müßten . Auch Walter hatte seine Hoffnungen auf diese Fahrt gesetzt und war unangenehm überrascht , als am Morgen , nachdem die Wagen vorgefahren waren , der kleine Richard Jenny beschwor , ihn mit sich zu nehmen . Anfangs schlug Jenny es ihm ab , aber der kleine Schmeichler schlang seine Arme um ihren Hals und rief weinend : Jenny ! Du hast mir ' s ja gestern versprochen und hast Mama versprochen , daß Du mich immer mitnimmst , und Du sagst , man muß Wort halten . Ich bitte Dich , Tante ! nimm mich mit , ich werde ganz artig , ganz artig sein . Wollte sie die Absicht , mit Walter allein zu sein , nicht verrathen , so war es nicht möglich , dem Knaben die Bitte abzuschlagen , da sie ihm dieselbe wirklich am vorigen Tage zu erfüllen versprochen hatte . Ebenso wenig konnte sie daran denken , ihn in den Wagen ihres Vaters zu weisen , dem die Unruhe des lebhaften Kindes bei solchen Fahrten lästig war . Sie mußte sich also , wenn auch nicht gern , dazu entschließen , Richard in Walter ' s leichtem Wagen mit sich zu nehmen , der , mit des Grafen muthigen Pferden bespannt , schnell einen so bedeutenden Vorsprung gewann , daß sie den Wagen ihres Vaters bald nicht mehr erblickten . Der Morgen war prächtig , die schnelle Fahrt durch die wunderschöne Gegend erheiterte Jenny ' s Seele . Zu jener Unterredung , zu der sie sich die Nacht hindurch mit Kraft und Muth gewaffnet hatte , ließ die Anwesenheit des Knaben es nicht kommen , der bald Deutsch , bald Englisch sein Entzücken aussprach , nach dem Namen jedes Dorfes fragte , an dem man vorüber fuhr und im Wagen aufspringend mit seiner Schmetterlingsscheere nach den Schmetterlingen haschte , welche fröhlich gaukelnd durch die Lüfte flogen . Sagte man ihm , sich ruhig zu halten , so fiel er Jenny um den Hals , fragte , ob er denn nicht artig sei , versprach , sich gleich besser zu betragen , und war einen Augenblick darauf zu der ausgelassensten Fröhlichkeit und Unruhe zurückgekehrt . Wie dies fröhliche Kind mit der heitern Natur zusammenpaßt , die uns umgibt , sagte Walter , der mit Vergnügen den schönen kräftigen Knaben betrachtete . Wir sind fraglos Alle erschaffen , um so glücklich zu sein ; und wird einst jenseits eine Rechenschaft von uns gefordert , so wird uns sicher jede Stunde , die wir durch unsere Schuld an Glück verloren , als eine Sünde ausgelegt werden . Es kommt darauf an , erwiderte Jenny , was Sie unsere Schuld nennen , und ob ... Jenny ! wie heißt der Fluß ? fragte der Knabe , sie unterbrechend , als man eben jetzt eine freie Stelle erreicht hatte und die Murg sichtbar ward , an deren hohem Felsenufer der Weg nach Gernsbach hinführt . Je näher man diesem Städtchen kommt , je steiler werden die Abhänge des Weges . Die ganze Gegend hat einen ernstern Anstrich , man kommt in die Höhen des Schwarzwaldes , die tiefer ins Land hinein bei Vorbach , wo jene bekannten Holzschwellungen statthaben , einen fast schauerlichen Charakter gewinnen . Jetzt fuhr man an dem linken Ufer der Murg dahin und Jenny konnte sich eines leichten Schwindels nicht erwehren , wenn sie von der Höhe , auf der die Straße gebahnt ist , hinab sah in das dunkle Wasser des Bergstromes , das hart an dem Fuße der steilen Felswand hinfließt . Das ununterbrochene Steigen und Fallen des Weges brachte natürlich auch eine große Abwechslung in der Schnelle des Fahrens hervor , da die Pferde bald langsam eine Höhe hinaufstiegen , bald sie in Eile hinunterliefen , woran Richard eine unsägliche Freude zu finden schien . Endlich hatte man den höchsten Punkt der Straße erreicht , von wo sie sich zu einer Tiefe senkt , welche die Anlegung von Hemmschuhen , auch für das leichteste Fuhrwerk und selbst bei den stärksten Pferden nöthig macht . Der Kutscher stieg ab , um diese Vorkehrung zu treffen und Richard erbat sich die Erlaubniß , zwischen Jenny und Walter auf den Sitz zu steigen , um zuzusehen , wie jener die Ketten losmachte , die Räder in die Hemmschuhe hob und dann zu den Pferden zurückkehrend , dem Diener die Zügel abnahm und vorwärts fuhr . Laß mich da stehen bleiben , Jenny ! sagte der Knabe , und zusehen , wie faul die Räder nun sind ! Ach ! rief er dann , indem er sich mit der Schmetterlingsscheere in der Hand hinüberbog , als ob er sie antreiben wollte : Ich werde euch laufen lehren ! In dem Augenblick hörte man ein leises Klirren und Richard rief fröhlich : Hei , wie die Dinger nun fortfliegen ! Die Kette des einen Hemmschuhes war gerissen , das andere Rad war durch die plötzliche Bewegung des Wagens aus dem Gleise gesprungen und mit fürchterlicher Schnelle flog die Briczka der Tiefe zu , ohne daß die Anstrengungen des Kutschers etwas gegen die Schnelligkeit vermochten , mit welcher der Wagen auf die Pferde eindrang , was sie natürlich zu verdoppeltem Laufe antrieb . Ein Sturz der Pferde , ein Fehltritt nur , und der Wagen , aus der Richtung gekommen , lag zerschmettert am Fuße der Felsen in den Wellen der Murg ! Niemand , außer dem jubelnden Knaben , konnte sich es verbergen , wie drohend die Gefahr sei . Das Kind , das Kind ! schrie Jenny , als sie das Unheil bemerkte , und zog mit Walter ' s Beistand den Knaben zu sich herunter , den sie in Todesangst an sich preßte . Walter sah unverwandt auf die Pferde hin . Er hatte seinen Arm wie schützend um Jenny gelegt und sagte : Keinen Laut ! keinen Schrei ! ich beschwöre Sie ! Dann zum Kutscher gewandt : Halte die Zügel kurz , sieh nicht zur Seite ! halte die Pferde fest , halte sie fest ! und wir sind gerettet ! Aber so ruhig er sich zu scheinen zwang , seine Stimme bebte , sein Gesicht war todtenblaß , als endlich der Wagen in der Tiefe still stand , als der erschöpfte Kutscher die Zügel hängen und die Pferde stehen und sich verschnaufen ließ . Walter ' s erster Gedanke , sein erster Blick galt Jenny . Sie war leblos , aus einer kleinen Stirnwunde blutend , zurückgesunken und ihre Arme hatten den Knaben losgelassen , der sie jetzt weinend umfaßt hielt . Bei der Hast , mit der sie das Kind an sich gedrückt , hatte der eiserne Griff der Schmetterlingsscheere Jenny ' s Stirne mit so heftigem Schlage getroffen , daß er die Haut zerriß , ohne daß Jenny in der entsetzlichen Aufregung des Momentes die Verwundung oder das herabtröpfelnde Blut bemerkte . Nur des einen Gedankens , das Kind zu retten , das man ihr anvertraut hatte , war sie sich bewußt gewesen , und als mit dem Stillestehen der Pferde die furchtbare Angst von ihr gewichen , war sie , von einer in Seelenleiden durchwachten Nacht schon ohnehin angegriffen , ohnmächtig zusammengebrochen . An eine augenblickliche Hülfe war hier nicht zu denken ; kein Haus in der Nähe , und wie weit der zurückgebliebene Wagen noch entfernt sei , ließ sich nicht berechnen . Mit zitternder Hand legte Walter ein Tuch um Jenny ' s Stirne , nahm die ganz Bewußtlose in seine Arme und befahl dem Kutscher , so schnell als möglich vorwärts zu fahren , um Gernsbach zu erreichen , damit man das Nöthige für Jenny herbeischaffen könnte . Wie hatte er gewünscht , die Geliebte in seine Arme zu schließen , sie an seiner Brust zu halten ! Jetzt war sein Sehnen erfüllt und doch wie anders als er es gehofft ! Mit unaussprechlicher Liebe hingen seine Augen an Jenny ' s bleichen Zügen , er versuchte durch Reiben ihre Hände zu erwärmen , und wer schildert sein Entzücken , als ein leiser Schimmer von Röthe , ein schwacher Athemzug die Wiederkehr des Lebens anzeigten , als Jenny endlich langsam die großen dunkeln Augen aufschlug , den Knaben mit sanftem Lächeln anblickte und dann still weinend wieder an des Grafen Brust sank . Seiner selbst nicht mächtig , drückte er sie an sein Herz und erwärmte mit seinen Küssen ihre kalten Lippen . Warum weinst Du noch ? Warum küßt Dich Graf Walter ? fragte der Knabe , ungeduldig das ihm peinliche Schweigen brechend . Weil Jenny meine Braut ist , weil wir uns freuen , daß wir dem Tode entgangen sind , antwortete ihm Walter , strahlend vor Liebe und Wonne , weil nun ein schönes , glückliches Leben vor uns liegt ! Komm , Richard , komm ! Du mußt unsere Freude theilen , denn auch über Dir , geliebtes Kind ! hat die Hand des Todes geschwebt ; komm , küsse auch Deine Jenny , küsse meine Braut ! Und Jenny ? Bei des Knaben erster Frage hatte sie sich von Walter ' s Brust emporgerichtet , beschämt über das Geständniß , welches sie demselben in ihrer Schwäche gemacht , als sie Ruhe suchend , sich an ihn , wie an ihren anerkannten Beschützer lehnte . Jetzt stieg der Gedanke an die Trennung von dem Grafen wie ein düsterer Schatten vor ihrem Geiste auf , sie wendete sich ab von dem Geliebten und barg mit einem tiefen Seufzer das Gesicht in ihren Händen . Aber Walter ' s Stimme , die Freude und Liebe , die aus seinen Worten klang , machten ihr innerstes Herz erbeben , und als er zärtlich sagte : Du wendest Dich fort von mir ? vermochte sie nicht zu widerstehen , reichte ihm beide Hände hin und sagte : Ich habe es gewollt , ich wollte Dich meiden , weil mir Dein Glück theurer ist als meines ! Gott will es anders - wir leben noch ! so will ich denn auch für Dich leben für und für ! Jenny ' s Hand in der seinen , Richard auf seinen Knien haltend , so langte Walter vor dem Gasthause in Gernsbach an , wo man ihn schon kannte , da er früher mehrmals auf seinen Streifereien hier eingesprochen war . Er und der Diener halfen Jenny aus dem Wagen , der Graf verlangte nach einem Arzt für sie , aber sie versicherte , daß sie weder eines Arztes , noch irgend eines Beistandes bedürfe . Nur der Kopf ist mir ein wenig schwer , sagte sie , während sie die Binde von der Stirne nahm , mir ist , als hätte ich zu tief und zu lange geschlafen - und wirklich weiß ich kaum , ob ich erwacht bin , oder ob ein schöner Traum mich noch umfängt . Frau Gräfin sollten doch den Doctor kommen lassen ! sagte die geschäftige Wirthin und rief damit eine flüchtige Röthe und ein freundliches Lächeln auf Jenny ' s Wangen hervor , das Walter unendlich glücklich machte . Arm in Arm harrten sie der Ankunft ihres Vaters , der mit Ueberraschung sie in dieser Stellung sah , und , als er den Vorgang erfahren , als Walter ihn an sein Versprechen erinnert und dessen Erfüllung verlangt hatte , tief bewegt sein Kind segnete , das in so großer Gefahr ihm erhalten war und nun einer glücklichen Zukunft entgegenging . Herr Meier und Frau von Meining allein genossen der Reize , welche Gernsbach und das schöne Schloß Eberstein schmücken . Walter und Jenny sahen nur sich , und während jene sich der köstlichen Aussicht erfreuten , die man aus den Fenstern jenes Schlosses über das ganze Thal genießt , saß das Brautpaar am Fuße des Berges in dem Schatten einer Laube und Jenny erzählte dem Geliebten , wie sie noch gestern ihn habe beschwören wollen , sie zu verlassen , und wie schwer ihr der Entschluß geworden , weil sie ihn so lieb , so herzlich lieb habe . Alle ihre Besorgnisse sprach sie ihm offen und frei aus , selbst jenes Gespräch der Stiftsdame theilte sie ihm mit , das sie so tief verletzt hatte , und fragte : Wird es Dich nie schmerzen , wenn Du Aehnliches hören müßtest ? Niemals ! sagte Walter entschieden . Glaube mir ! Habe ich es je als ein Glück empfunden , auf den Höhen des Lebens geboren zu sein , so war es , weil von dieser Höhe aus , mir jene Vorurtheile , die den Sinn der Menge verwirren , stets so gar klein und thöricht erschienen sind , weil dieser Standpunkt unser Thun und Handeln sichtbar und zur Richtschnur für viele Andere macht . Ich bin stolz darauf , Dich , Du Geliebte , mit der Grafenkrone zu schmücken , zu zeigen , daß mir Dein Besitz mehr gilt als alle Würden der Welt ; und kein Tadel kann mich verletzen , da ich weiß , daß nie ein herrlicheres Weib unsern alten Namen getragen hat als Du ! Und Dein Onkel ? Deine Angehörigen ? Werden sie mich willkommen heißen , werden Sie gleich Dir denken ? wandte Jenny ein . Mein Onkel ist ein edler Mann und hat wie ich nicht mit dem Leben zu ringen gehabt ; wir fanden unsern Platz bereitet . Darum würdigt er , gleich mir , die Stellung , die das Verdienst unserer Voreltern uns erworben ; aber er ehrt auch die Würde Desjenigen , der sich selbst erst seine Welt erschaffen muß . Je freier ein edler Mensch sich selbst empfindet , je weiter wird sein Herz , je lebhafter empört er sich gegen Fesseln , die man den Andern anlegt , gegen Unterdrückung und Unrecht . Mein Onkel billigte meine Wahl nicht , ich gestehe Dir das ein , weil sie die alte Sitte unsers Hauses gegen sich hatte ; nun sie unwiderruflich ist und mein Glück begründet , wird er Dich lieben , wenn er Dich sieht , und gerade in ihm wirst Du wie ich ihn kenne , einen Freund und Beistand finden . In solchen Gesprächen und in fröhlichen Entwürfen für die Zukunft flogen die Stunden vorüber , und der Vater mußte Jenny endlich daran erinnern , welche Absicht sie hieher geführt . Wie leicht mit Glücklichen zu unterhandeln sei , das hatte der Vater der kranken jungen Frau bald rühmend zu erkennen . Was er irgend verlangte , wurde ihm schnell und gern gewährt . Man kam überein , ihm eine Summe zur Erweiterung seines Gewerbes anzuvertrauen , während man für die Tochter und ihr Kind ein Kapital festsetzte , hinreichend , sie unabhängig von ihrem Vater zu unterhalten , der unter diesen Verhältnissen nicht anstand , der Tochter und dem Enkel sein Haus wieder zu öffnen , in das sie nach wenig Tagen einziehen sollten . Erst spät am Tage fuhren die Glücklichen nach Baden zurück , wo eine neue Freude ihrer harrte in den Briefen , die aus der Heimat angekommen waren . Wie der Vater es vorausgesehen , hatte Eduard sich der Verbindung Jenny ' s mit Walter gefreut , von deren Wahrscheinlichkeit Jener ihn benachrichtigt hatte . Er sah darin unwiderleglich den Triumph der Vernunft über die Vorurtheile , deren Bekämpfung sein Lebenszweck geworden , und während diese Heirath Jenny ' s Glück begründete , gewann sie für Eduard einen Bundesgenossen , der aus Rücksicht auf sein eigenes Interesse und seine eigene Ehre , künftig die Rechte der Juden vertreten mußte , wo sie irgend angefochten wurden . Eduard meldete noch , daß Ferdinand hergestellt und in den Kreis seiner Familie zurückgekehrt sei , was auch ein Brief von William und Clara wiederholte , die Beide in den wärmsten Ausdrücken von dem Danke sprachen , zu dem sie Eduard verpflichtet wären . Sie nannten ihn den Gründer ihres Glückes , eines Glückes , dem jetzt nur die Anwesenheit ihrer Kinder fehle , um ein ganz vollkommenes zu sein , und Clara bat Jenny und den Vater , ihre Abreise von Baden wo möglich zu beschleunigen , weil sie sich nach den Kindern sehnte . Da nun ohnehin die Zeit , welche Frau von Meining gewöhnlich in Baden zuzubringen pflegte , sich bereits ihrem Ende nahte , so entschied man sich , Clara ' s Bitte nachzukommen und Baden etwas früher zu verlassen , als man es beabsichtigt hatte . Ueber der Meier ' schen Familie , die wir durch wechselnde Erlebnisse begleitet , schien nun ein günstiges Gestirn in ruhiger Klarheit zu leuchten . Vereint mit Frau von Meining und Walter hatte man Baden verlassen , die Erstere fast bis in ihre Heimat begleitet , und nachdem man die Kinder wohlbehalten in Clara ' s Arme geführt , hatte Jenny freudigen Herzens an Walter ' s Seite ihr väterliches Haus betreten . Die vollste Eintracht verband ihre Familie mit der Horn ' schen . Eduard schien in dem Glücke seiner Schwester , in der Freundschaft William ' s und Clara ' s den fröhlichen Sinn seiner frühesten Jugend wiederzufinden und gab sich von ganzer Seele dem Vertrauen hin , mit dem Walter ihm brüderlich entgegenkam . Männer wie Eduard und der Graf mußten sich leicht verständigen , da ihre Gesinnungen , wenn auch von verschiedenen Punkten ausgehend , sich am Ziele begegneten , und selbst die Ankunft von Walter ' s Onkel , deren Jenny bisweilen mit Scheu gedacht hatte , trug nur dazu bei , ihr Glück zu erhöhen . Eine gewisse vornehme Zurückhaltung , welche der alte Graf bei der ersten Begegnung mit Jenny und ihrer Familie beobachtete , war vor Jenny ' s Liebenswürdigkeit und der ruhigen Würde ihrer Angehörigen bald gewichen . Schon nach wenigen Tagen , in denen sie die volle Liebe des alten Grafen gewonnen hatte , sagte er , als er sich Abends mit Walter allein befand : Da es einmal nicht zu ändern ist , bekenne ich Dir , Du hättest schlechter wählen können , als dies Mädchen , die , ihre Geburt abgerechnet , eine wahre Perle unter den Frauen ist . Aber folge mir ! heirathe sie bald . Es klingt mir doch nicht angenehm , Deinen Namen immerfort mit dem dieser übrigens wackern Familie vereinigt nennen zu hören . Ist Jenny Deine Frau , so hört das natürlich auf und die Gräfin Walter ist leichter gegen jede Einwendung zu souteniren als das Fräulein Meier . Sage dem lieben Mädchen , daß ich es wohl mit ihm meine und darum die Beschleunigung Eurer Ehe wünsche . Ich denke den Vater schnell zu überzeugen , daß es für Euch das Beste ist , wenn Ihr bald als Mann und Frau auf Deine Güter geht und dort verweilet , bis Alles in die Residenz zurückkehrt , wo ich Euch erwarten will , um bei Eurem ersten Auftreten in unsern Kreisen mit dabei zu sein . Obgleich die Wichtigkeit , welche der alte Graf auf die Ausführung dieses Planes legte , Walter übertrieben schien , stimmte er doch so wohl mit seinen eigenen Wünschen zusammen , daß er bereitwillig darauf einging , und man erlangte von Herrn Meier das Versprechen , Jenny ' s Hochzeit mit Walter schon in den ersten Tagen des Novembers zu feiern . Der Onkel - wie wir den alten Grafen mit Walter nennen wollen - der Onkel selbst machte fast überall den Begleiter und Beschützer der Verlobten , deren Gesellschaft ihm das lebhafteste Vergnügen gewährte . Bisweilen fiel es ihm wohl auf , wie er jetzt ganz außer seinem gewohnten Kreise , in der Mitte einer jüdischen Familie lebe und sich ganz behaglich dabei fühle , dann aber beruhigte er sich mit dem Gedanken , daß es vernünftig sei , gute Miene zum bösen Spiel zu machen , und daß seine Pflicht ihm gebiete , den Schritt , den sein Neffe nun doch gethan habe , gleichsam durch die Anerkennung zu rechtfertigen und zu heiligen , die er der künftigen Gräfin Walter schon jetzt bewies . Er hatte erklärt , bis zur Hochzeit seines Neffen in der Stadt bleiben zu wollen , und unbeschäftigt , wie er es war , betrieb er angelegentlich die Besorgung der Equipagen , des Silbergeräthes und alles Dessen , was sonst noch zur vollständigen Einrichtung des künftigen Haushaltes gehörte ; oder er besuchte , da die Jagdzeit begonnen hatte , die Edelleute seiner Bekanntschaft , die in der Nähe ihre Besitzungen hatten . So war man in die letzten Tage des Oktobers gekommen , als der Onkel , während sie im Meier ' schen Hause zu Mittag aßen , seinen Neffen aufforderte , ihm zum Dank für die Mühe , welche ihm die Besorgung der neuen Einrichtung verursachte , auch seinerseits gefällig zu sein und ihn zu einem Freunde zu begleiten , der am nächsten Tage eine Jagdpartie veranstalten wollte , zu der er auch die beiden Grafen eingeladen hatte . Walter antwortete Anfangs ausweichend , aber der alte Herr wollte keine Entschuldigungen