damit er dann vom Herrscher dessen Befehle empfangen könne . Zwischen Zorn und Lachen antwortete Bracciano : » Mein edler Freund , denn das seid Ihr , und werdet Ihr bleiben , der Papst ist gestorben , wir haben jetzt in Rom keinen Herrscher , es bleibt zweifelhaft , ob der neue Euch in Eurer Würde bestätigen wird . Jetzt ist also keine Regierung , und der Fürst , in dessen Hand ich mein Versprechen gab , mich nicht zu vermählen , ist verschieden . Ihr wißt , wie oft während des Konklave das unruhige Volk zu Meuterei und Aufruhr ausgebrochen ist : versagt Ihr jetzt bestimmt mein rechtmäßiges Verlangen , so werde ich nicht scheuen , mir mit Gewalt zu nehmen , was nach menschlichen und göttlichen Gesetzen mein ist . Wollt Ihr es wagen , in diesen Tagen der Anarchie es zu einem Kriege zwischen uns kommen zu lassen ? Wollt Ihr Euch meine und der Meinigen unauslöschlichen Haß zuziehn , der Ihr vielleicht bald unsere Hülfe brauchen könnt ? Diese , wie meine Freundschaft und Liebe bleibt Euch versichert , wenn Ihr Euch jetzt als ein verständiger und nachgiebiger Freund zeigt . « Der Gouverneur hatte weiter keine Antwort : er sagte nur , wie ihm Vittoria unaufgefordert bezeugen werde , mit welcher Hochachtung , wie einer Tochter , er ihr in dieser traurigen Zeit begegnet sei . Er führte ihn hierauf selbst in die Zimmer der Gefangenen und ließ sie nach einigen Bezeugungen der Höflichkeit allein , indem er die schöne Gefangene als frei dem Gemahle feierlich übergab . - Beide umarmten sich in Freude und Rührung weinend . » So hat die Zeit « , sagte der Herzog , » doch endlich die glänzende Woge heraufgewälzt , die mein Glück , meine Seligkeit trägt . Nicht wahr , das Leben ist doch ein großes Geschenk , ein himmlisches Wonnegeheimnis jenes ewigen , unnennbaren Geistes ? Ja , er liebt seine Geschöpfe , und wir wollen es dankbar erkennen . « » Wenn uns nur nicht immer « , sagte Vittoria , » in diesen großen Momenten ein sonderbarer Schwindel ergriffe . Es ist kein Zagen , kein Zweifeln , keine Ungewißheit unsrer selbst , auch keine Furcht vor Gegenwart und Zukunft - nein , mein Geliebter , nur , als wenn dem Dichter im Moment der höchsten Begeisterung , wenn er alle seine glühenden Strophen in die Saiten rauschen möchte - plötzlich die goldne Lyra in der Hand zerbräche und seine silberne Stimme durch Heiserkeit stumm gemacht würde - so fehlt uns Sterblichen der Ausdruck für das höchste Glück , die Freude ist mit dem Schmerze zu geschwisterlich verwandt ; für Unglück und Leid sind tausend Fühlungen in uns . « » Gedankenreiche , melancholische Braut « , sagte der Herzog lächelnd , » so möchten wir uns dem Krebse vergleichen , der ungeschickte Glieder zum Rückwärtskriechen , aber keine zum Vorschreiten hat . « Er umarmte sie herzlich mit einem glühenden Kuß und führte sie hinab , um mit ihr den Wagen zu besteigen . Der Bischof erwartete sie schon im Palast . In der Kapelle ward von ihm die Trauung feierlich vollzogen . Die Braut war geschmückt und in den reichsten Kleidern . Sie trug , weil es der Herzog gewünscht hatte , dieselben Gewande , mit denen sie am Tage ihres sogenannten Verhörs war bekleidet gewesen ; ihr Benehmen an jenem Tage hatte ihn so entzückt , daß er sie wieder in der nämlichen Tracht sehn wollte . Die Priester entfernten sich , und nur wenige der Vertrautesten versammelten sich im aufgeschmückten Saal . Bracciano war weit davon entfernt , ein großes prächtiges Vermählungsfest zu feiern , er vermied an diesem Tage seines Glückes die große , vornehme und geschwätzige Gesellschaft . Die Menge wäre ihm an diesem Tage lästig gewesen . So lud er nur einige seiner Verwandten , von deren Ergebenheit und Liebe er überzeugt war , und seinen Schwager , Flaminio , den er heut seiner Dienste als Geheimschreiber entließ und ihm , damit er ein selbstständiger Mann sein könne , ein bedeutendes Vermögen übergab : Caporale , der treue Freund , der sich in Rom befand , ward nicht vergessen . So war gerade nur die Zahl der Musen am Tisch und das Mahl , das nicht zu lange währte , ward unter Scherz , Lachen , und ernsten Gesprächen genossen . Der Herzog hatte es , als einen besonderen Luxus ersonnen , daß sie nur von schönen Mädchen bedient wurden , die alle poetisch , als Nymphen oder Göttinnen der Fabel leicht und bunt bekleidet waren . Caporale war so glücklich , so heiter , sein Gesicht so lachend , als wenn er selbst der glückliche Bräutigam gewesen wäre . Aber er triumphierte , daß sich nun doch , trotz aller Hemmung und des Unglücks , das erfüllt hatte , was sein Herzenswunsch immer für seine Freunde gewesen war . Er jauchzte darüber , daß er zuerst , und ohne ihn zu kennen , den edlen Freund in das Haus der schönen Geliebten eingeführt hatte . Diese betrachtete er mit immer wachsendem Erstaunen , denn sie war , was auch der Herzog behauptete , noch schöner geworden , und in ihrer strahlenden Majestät schimmerte lächelnd eine so süße Jungfräulichkeit , daß nicht bloß der Bräutigam in ihrem Anblick entzückt und wie trunken sich verlor . Alle Dienerinnen , so schön und reizend sie in Blumenkranzen und poetischen Gewändern glänzten , so lieblich und holdselig sie auch waren , so lockend Busen , Nacken und Schultern leuchteten , waren in der Nähe Vittorias doch nur wie dienende Sklavinnen , und ihr Licht ward von diesem Sonnenglanz durchaus verfinstert und dunkel . Caporale ließ beim Bankett und Nachtisch die Rosenkränze hereinbringen , die man auf seine Anordnung geflochten hatte . Nach alter Weise mußte sich jeder mit einem schmücken und nun wurden auch die Dienerinnen entlassen . Jetzt extemporierte Caporale ein Lied und sang es herzlich , wenn auch mit etwas heiserer Stimme . Jeder Gast folgte dem Beispiel und nur Bracciano , an den Busen seines Weibes gelehnt , sagte , dieser stumme Ausdruck seines Gefühls sei das wahre und beste Gedicht , das er aus seinem Herzen in seine Augen , aber nicht auf seine Zunge hinaufbringen könne . Vittoria improvisierte ohngefähr in folgender Weise , indem sie die Laute ergriff und in schöner , malerischer Haltung mit ihrer Silberstimme sang : » Gibt es Götter ? Lebt und webt die unsterbliche Lust noch droben im Olymp ? Komm , du ernster , trüber Zweifler , und siehe uns hier und unser Glück . Kannst du schauen , und ist dein Auge nicht blöde vom Erdenstaub , dein Geist nicht stumpf vom irdisch trüben Geschäft - so siehe dort die holde Kypria stehn und lachen , mit Amor , der zu uns herüber schalkhaft blickt : auch der magdliche Bacchus ist zugegen , er , von allen Göttern der Jungfrau am ähnlichsten . - Wenn ihr Mut genug habt , ihm ins Auge zu schauen , so wagt es , und seht den mächtigen Jupiter an , den Vater der Geschicke , und die hochedle Juno , die auch in guter Laune ein weniges von Eifersucht bemerken läßt . - Hütet euch , es mit dieser Beschützerin der Ehe zu verderben , denn auch den Zeus bezwingt sie endlich . Wer ist stark genug , dem Schmollen zu widerstehn ? - Beschütze du mich Regent , mein Auserwählter , der Widerschein des Hohen , des Übermenschlichen , daß keine neidische , dich liebende Gottheit uns jemals entzweit . « Als es Abend war , trennte man sich und die Mädchen geleiteten die Braut zur Kammer , um sie zu entkleiden . Als Bracciano durch Hülfe seines alten Kammerdieners die Hülle von sich warf , sagte der Herzog : » Was fehlt dir , alter Freund , daß ich dich so bewegt sehen muß ? Hat jemand dir etwas Leides zugefügt ? « » O nein , erlauchter Herr « , sagte der Alte ; » im Gegenteil , ich freue mich Eures hohen Glückes . O mein gnädiger Fürst , es ist ja eine Göttin , die Ihr heimgeführt habt , mehr als Armida , oder Helena . Wohl mir , daß es mir vor meinem Tode noch vergönnt war , eine solche Schönheit mit meinem schwachen Auge zu erblicken ; und beseligt ich ! daß sie Euch gehört , Euch die Gattin , mir die Gebieterin ! Welcher Fürst , welcher Sterbliche kann sich rühmen , je der Gemahl einer Himmlischen gewesen zu sein ? ja , Venus soll mehr wie einen Erdgebornen beglückt haben - aber hier , Venus , Juno , Minerva und Diana in ein Wesen verschmolzen : und dieser Ernst , Tiefsinn und diese Schalkheit und kindliche Plauderei , und dies Necken , Witz und große Gesinnung . « » Höre auf , alter Freund « , sagte Bracciano lachend , » du fängst an zu schwärmen , und du wirst mich eifersüchtig machen . « » Es ist zuviel für einen Menschen « , beschloß der Alte , » alles dies in seine Arme zu fassen , und es sein Eigentum zu nennen . « Die Mädchen , als sie nach Hause gingen , schwatzten untereinander auf ähnliche Weise . Die eine sagte weinend : » Ich habe mich für hübsch gehalten , man hat mich selbst schön genannt - wie erbärmlich , schlecht , matt und leblos dieser gegenüber . Wenn er nicht treu ihr bleibt , verdient er des schimpflichsten Todes zu sterben . « Als Bracciano sich der Tür der Kammer näherte , sagte er zu sich : wer bin ich , daß die Unsterblichen mir diese Wonne haben auferblühen lassen ? Mit heiligem Schauer nur , mit erhabener Furcht , mit wollüstigem Zagen kann ich euch danken . Das ist meines Lebens wichtigster Moment . Und hätte ich nur für diesen einen Augenblick gelebt , so wäre mein Leben ein reiches gewesen . Fünftes Kapitel Nach vielfältigen Verhandlungen , Widersprüchen , Annäherungen , und in Ausübung jener Künste , welche immerdar die Geschichte der Konklaven , wenn sie umständlich und wahrhaft erzählt sein konnten , so lehrreich machen ward endlich der Kardinal Montalto zum Papst gewählt , weicher den Namen Sixtus des Fünften annahm . Viele hatten ihre Stimme für ihn gegeben , weil sie ihn für so schwach und unbedeutend hielten , daß sie glaubten , in seiner Stelle und seinem Namen regieren zu können . Einige gaben in der Überzeugung nach , er sei so alt und krank , daß er unmöglich lange leben könne , und daß also der Stuhl bald wieder erledigt sei , und ihnen eine neue Hoffnung aufgehn würde . Viele waren für ihn , um nur dem klugen , ehrgeizigen Farnese entgegenzustreben , und so geschah endlich , was der Medicäer vom Anbeginn gewollt hatte , daß Montalto die höchste geistliche Würde der Christenheit erhielt . Es hatte dem Greise auch die Hochachtung bei der Wahl geholfen , die er sich durch seine ruhige Fassung beim Tode seines Neffen Peretti erworben hatte . Und so sah denn Montalto den ehrgeizigen Wundertraum seiner Kindheit erfüllt , daß er zum Teil durch seine Klugheit und Beharrlichkeit auf dem Throne saß , vor welchem alle zu seinen Füßen knieen mußten . Aber wie erschrak das Kollegium , als sie statt eines schwachen , kranken , zaghaften Greises nun plötzlich einen rüstigen , starken , gebietenden Kirchenfürsten vor sich sahn , der gleich in den ersten Augenblicken deutlich zeigte , daß er zu befehlen wisse , und Kraft besitze , seine Gebote geltend zu machen . Viele , die ihm zu seiner Würde geholfen hatten , wünschten , daß es möglich sei , die Wahl rückgängig zu machen , und Farnese , sowie manche andre , die dem schwachen , stets schweigenden Montalto so oft ihre Verachtung gezeigt hatten , waren jetzt sehr verlegen , als sie sich vor ihm demütigen mußten . Auch in der Stadt verbreitete sich sogleich Furcht und Entsetzen . Es war althergebrachte Sitte , daß am Tage , wenn der neue Papst gekrönt ward , allen Verbrechern in den Gefängnissen Gnade widerfuhr . Dies wurde auch jetzt allgemein erwartet . Viele Verbannte stellten sich freiwillig , um so an der Amnestie teilzunehmen , und für die Lebenszeit wegen früherer , oft vergessener Verbrechen , freigesprochen zu werden . Sixtus aber , dessen fester Vorsatz war , diesen Untaten für immer einen Damm entgegenzusetzen , ließ alle des Todes Würdigen , selbst am Tage seiner Krönung , öffentlich hinrichten . Alle Vorbitten , Einreden waren vergeblich . Einen Burschen , der nur mäßig sich gegen einen Häscher im Wortgezänk verteidigt hatte , ließ er , sosehr auch selbst die vornehmsten Kardinäle sich für den Unglücklichen verwendeten , hängen . - Alle , die sich im stillen mancher Vergehen bewußt waren , entflohen aus der Stadt . Auf dem Lande wurde auf seinen strengsten Befehl ebenso unerbittlich verfahren , denn diejenigen , die seine Gebote nicht befolgten , oder nur lau und lässig sie ausrichteten , wurden selbst für das Gesetz in Anspruch genommen , und er ließ keinem , der solcher Fehler überwiesen war , Gnade widerfahren . Jedermann sah ein , daß man sich in der Person des gebrechlichen , alten und hinfälligen Montalto geirrt hatte , und daß man , fast wider Willen , einen strengen und wahren Regenten der Kirche gewählt habe , einen echten Papst , der auch , ohne zu zagen wenn er es für notwendig hielt , den Tyrannen spielen würde . Es endeckte sich nun auch , daß er bis jetzt sein Lebensalter vorsätzlich zu hoch angegeben hatte , denn seinen Jahren nach , sowie seiner jetzt entwickelten Kraft und Rüstigkeit war die Aussicht , daß er lange den päpstlichen Stuhl besitzen könne . Als die große Audienz angesagt war , begab sich auch der Herzog Bracciano mit den andern Großen in den Palast des Vatikans . Es schien , daß der Papst ihn gar nicht beachtete , er redete ihn nicht an , übersah ihn , und Bracciano mußte glauben , daß dies vorsätzlich geschehe und ein Zeichen seiner Ungnade sei . Beunruhigt wendete sich der Herzog an den Kardinal Ferdinand von Florenz ; er ersuchte diesen , ihm eine Privataudienz bei Sixtus zu verschaffen . » Der Papst « , sagte dieser , » ist natürlich ungehalten , daß Eure Exzellenz , gegen Euer feierliches Versprechen , sich mit Vittoria dennoch vermählt hat . « » Ich gab dies Versprechen « , erwiderte Bracciano , » nur dem Papst Gregor , der nicht mehr ist . Ich gab es , weil ich sah , daß der erzürnte Greis es außerdem zu gefährlichen Extremen treiben würde , die , wenn er ohne Rücksicht handelte , mich zwängen , offen als Rebell ihm gegenüberzutreten . Dann war das Dasein meiner Gemahlin gefährdet , und alle meine öffentlichen wie heimlichen Feinde hätten schnell diesen rechtlichen Vorwand benutzt , auch mich zu stürzen und zu vernichten , denn es war wohl deutlich , daß die Kabale mehr gegen mich , als gegen die arme Vittoria gerichtet war : denn sie wurde dem Papst nur hingestellt , um den Verblendeten , der den Zusammenhang nicht kannte , zu Gewaltschritten anzureizen , damit ich in Gefahr käme . Und wer weiß , wie es diesem Farnese und andern geriet wenn sie durch ihren heroischen Mut nicht diesen Hauptfeind schamrot gemacht und gedemütiget hätte . « » Gesteh ich es nur , geehrter Schwager , daß ich mich Euch auch nicht völlig versöhnen kann « , erwiderte der Medicäer . » Ist sie denn so vorzüglich , großartig und tugendhaft , als Ihr sie wähnt ? Hat Euch die Leidenschaft nicht verblendet und zu einem unziemlichen Schritte verleitet ? Ich rede jetzt nicht vom Tode meiner Schwester , sie ist ihrem Schicksal erlegen , sei es Strafe , sei es Krankheit , sie hatte sich tief gegen Euch verschuldet , und Ihr wißt es selbst , wie weder der Fürst , mein Bruder , noch ich , Euch nach diesem Unglück unsre Freundschaft entzogen . Wir verbanden uns im Gegenteil inniger mit Euch und Eurem Interesse . Eures Sohnes wegen , und auf Euren Wunsch strengten wir Mittel und Kredit an , um Eure Güter von der Schuldenlast zu befreien , die Euch drückte , die durch Eure Großmut und Freigebigkeit so angehäuft war . Ihr verspracht auch mir , Vittoria aufzugeben . « » Eminenz ! « rief Bracciano , » seid billig und setzt mich nicht auf diese Weise in Verlegenheit , indem Ihr Worte und Versprechungen anders nehmt , als sie jemals gemeint sein konnten . Bedenkt doch , was meine Liebe und Leidenschaft bedeuten könnte , wenn ich so ruhig auf immer diesem Besitz meiner angebeteten Gemahlin hätte entsagen mögen . Ich mußte ja notwenig voraussetzen , daß Ihr , als ein weiser Mann , mein Wort so nahmt , wie es nur gemeint sein konnte : daß ich in diesem Zwiespalt , in diesem kritischen Moment ihr entsagte , und es duldete , daß die Unschuldige eingekerkert wurde . Und sie , Vittoria ? Ja , wäre sie eine Bianca Capello , oder nur entfernt ihr ähnlich , so wäre der Handel mit einer listigen Buhlerin bald geschlossen gewesen ; sie hätte dann die günstigen Umstände , wie jene abgewartet , falls meine Schwachheit für sie , wie bei jener des Gemahls , fortgewährt hätte . Denn Ihr wißt und bedauert es gewiß , verehrter Freund und Schwager , was Euer erlauchter Bruder sich alles für jene hat zuschulden kommen lassen . Dort werdet Ihr zu sorgen haben , daß nicht untergeschobene Kinder Eure Rechte kränken . Nicht soll mein Virginio je darunter leiden , daß ich mich in meinem Alter noch den glücklichsten aller Menschen nennen darf . Und Euer großer Vater : gab er nicht in Krankheit und Schwäche noch einer Leidenschaft nach , die auch viele , selbst von seinen Freunden , tadeln wollten ? Ich bin Euch und Eurem Bruder verbunden , daß Ihr Ordnung in mein Hauswesen und Vermögen habt einführen wollen ; es wird meinen Kindern zugute kommen . Aber arm , ohne Rang und Titel , ein Bettler möchte ich lieber sein , als den Besitz meiner Vittoria aufgeben , die noch tiefer in mein Herz eingewurzelt ist , die ich noch leidenschaftlicher liebe , seit ich sie meine Gattin nenne . Ihr selber würdet sie verehren , wenn Ihr sie näher kennenlerntet . « - Der Medicäer schien mit dieser Auseinandersetzung nicht unzufrieden , und er mußte sich gestehn , daß Vittoria , von fast ebenso edler Abkunft , wie jene , ihm verhaßte Bianca , war , und daß ihre Schönheit , Betragen , Tugend und edle Weise weit über die Eigenschaften jener vorragten und die gealterte Buhlerin in den Schatten stellten . - Sixtus bewilligte das Gespräch , um welches Bracciano angesucht hatte . Dieser mußte einige Zeit im Vorsaal warten , was seinen Stolz aufreizte , indem er sich jener Zeiten erinnerte , in welchen er mit Geringschätzung auf diesen Montalto hinabgesehen hatte . Er wurde eingeführt , und traf den Papst allein , in seinem Sessel sitzend . Als der Herzog die herkömmliche Veneration geübt hatte , sah ihn Sixtus mit seinem scharfen hellgrauen Auge blitzend an , doch Bracciano war gefaßt und vorbereitet : » Indem ich Euern Segen , Heiligster Vater , für mich und die Meinigen erflehe « , sprach er , » empfehle ich mich und uns alle in Euern Schutz und Eure Gnade . Die Gnade aber , die ich am höchsten stelle , ist , daß Ihr meinen Sohn Virginio , der sich den reifen Jahren nähert , würdiget , daß er der Gemahl Eurer Nepotin , der Tochter Eurer verehrten Schwester Camilla , werden möge . Dann sichert Ihr auf immer das Wohl meiner Familie und ich kann ruhig sterben . « » Ihr seht nicht aus , wie ein Mann des Todes « , antwortete Sixtus , » und ein neu verehlichter Gatte sollte nicht vom Sterben sprechen . Was Euren Sohn und meine geliebte Nichte betrifft , so danke ich Euch für Euer Anerbieten , durch welches Ihr sie ehrt . Und so wünsche ich Euch auch zu Eurer Verbindung alles Glück , obgleich mir diese schöne Vittoria mehr gefallen würde , wenn sie damals , als sich jenes Unglück ereignete , sich in ein Kloster als fromme Schwester verborgen , und der sündigen Welt völlig entsagt hätte . « Jetzt stand der Papst auf und ging mit schnellen Schritten durch den Saal . Soeben wurden Verbrecher auf dem Platze hingerichtet . Er trat an das Fenster und rief den Herzog zu sich hinan : » Seht ! « rief er , » auch Banditen und Mörder , denen ich niemals , unter keiner Bedingung , Gnade erweisen werde ! - Ja ! « rief er aus , indem seine kräftige Stimme wie Donner tönte und sein blitzendes Auge wilder in das Gesicht des Herzogs sah - » und wenn ein regierender Fürst , der durchlauchtigste , so vor mir stände , so würde ich ihm ungesäumt sein Urteil sprechen , und ebenso dort unten an ihm vollstrecken lassen ! - Alles sei vergessen , was meinen Neffen betrifft - aber jeder neue Frevel , jede Verbindung mit Banditen , jede Gewalttat in meinen Staaten - bei Gott und meiner Ehre und der des Stuhls « - er schlug heftig mit der Faust auf seine Brust - » nur Strang und Beil sollen sie richten , ohne Ansehn der Person ! « Bracciano , so kühn er sich fühlte , erschrak und mußte vor diesem Feuerblick sein Auge scheu niederschlagen . Die Kämmerer im Vorsaal entsetzten sich , weil sie nicht wußten , was vorging , und sie diese Donnerstimme des Papstes von ihm noch niemals vernommen hatten . - Mit der gewöhnlichen Zeremonie entfernte sich Bracciano . - » Was ist dir , Geliebter ? « fragte Vittoria besorgt , als der Herzog in seinen Palast zurückgekommen war ; » du siehst bleich aus , dein Auge ist ohne Glanz : du wirst erkranken . « » Laß , Liebste « , erwiderte der Gatte , » ich bin wohl und gesund , und diese Erschütterung wird bald vorübergehen . Aber wir verlassen Rom , schon morgen mit der Frühe . « Vittoria erstaunte . » Ja « , sagte Bracciano , » ich habe in Schlachten dicht vor den morderfüllten Kanonen gestanden , türkische Säbel blitzten tödlich nahe über meinem Haupte , aber bis heute wußte ich nicht , was Zittern sei . Doch der Alte dort im Vatikan brüllt wie ein wütiger Löwe und hat den Blick eines Tigers . Er lechzt nach Blut und Mord : ihm wage ich nicht gegenüberzustehn . « » Dieser alte , milde , schwächliche Montalto ? « sagte Vittoria lächelnd . » Zum Drachen ist er hinausgewachsen « , sagte der Herzog : » unser Untergang , unsre Hinrichtung würde ihn mit trunkner Lust erfüllen , und wie leicht , daß einer meiner Anhänger sich vergißt , daß selbst dein Bruder , der Marcello , mich in Gefahr bringt , daß die Geschichte vom Tode Perettis wieder aufwacht , die er nun nicht , wie damals , beschwichtigen wird . Wir müssen fort von hier , je weiter , je besser , bis an die Grenzen der Schweiz und Deutschlands . Dort oben , am schönen Gardasee , in Salo , besitze ich ein anmutiges Sommerhaus : der Frühling hat erst begonnen , dort wollen wir in schöner warmer Zeit bis zum Spätherbst , uns selbst und der Liebe leben : ein Paradies ist dort ; Menschen bedürfen wir nicht , Musik und Bücher nehmen wir mit uns , und , das höchste Kleinod , die Liebe . « - Vittoria , als sie ihr Erstaunen überwunden hatte , fügte sich gern dem plötzlichen Entschluß , und der folgende Tag sah sie schon auf der Reise . - Sie verweilten in Bologna , beim Grafen Pepoli , der entzückt war , in seinem Palast so edle Gäste aufnehmen zu können . Beim frohen Gastmahl sagte der Herzog wie im Scherz : » Mich jagt der wütende Sixtus aus meinen römischen Besitzungen hinweg , obgleich er mein Schwager geworden ist , und ich meinen Sohn ihm mit der Tochter seiner Schwester verlobt habe . Ja , mir dünkt noch dies Bologna , als ihm gehörend , unheimlich und ich werde eilen , diese mit Blut gefärbten Staaten zu verlassen . « » Wie erfreulich « , sagte Pepoli , » wenn ein Mann und Fürst , der hohe und mutigste , sich in solchen Scherzen ergeht . Es ist , als wenn der Mond sich wirklich fürchtete , von den thessalischen Zauberinnen auf die Erde herabgezogen zu werden . « » Ei , Freund ! « sagte der Herzog , » der Zauberkünste und Formeln gibt es gar viele und mannigfaltige . Die Wirkung kommt , künstlich und magisch vorbereitet , so unerwartet um eine unschuldige Felsenecke , wie eine kriechende Schlange schleichend heran , und plötzlich sieht sich plötzlich mit seinen Söhnen verstrickt , unentrinnbar , und der Tod grinst hämisch da , wo vor Minuten noch Gesundheit und Übermut lachten . « - Noch am Abend , als eine kleine Gesellschaft sich versammelt hatte , brachte der Kammerdiener dem Grafen ein versiegeltes Blatt . Er eröffnete es in Gegenwart des Herzogs und es enthielt nichts , als eine Chiffre . » Aha ! « rief Pepoli aus , » da werde ich nach Jahren an ein feierliches Versprechen gemahnt , das ich um alles nicht brechen darf . « Er rief dem Haushofmeister . Dieser mußte sogleich ein Fuhrwerk besorgen , um in Begleitung zweier Diener diejenigen , die sich so rätselhaft angemeldet hatten , noch in der Nacht weiterzuschaffen . Er ließ ihnen schnell ein Gastmahl anrichten , damit sie erquickt und gestärkt die nächtliche Reise unternehmen könnten , um in der Landschaft , auf einem einsam gelegenen Kastell , einige Tage zu verweilen . » Als sie allein waren , sagte der Graf : Ihr dürft es wohl erfahren , daß die Fremden von jenen proskribierten Verbannten sind , die der Papst mit unerbittlichem Sinne zu vertilgen sucht . Ein guter Mann , Ascanio , ist mit einem ehemaligen Barigell , Antonio , unten in meinem Hause . Jetzt darf ich davon sprechen , da die Zeit alles Geheimnis jener Sache längst entkleidet hat . Dieser Ascanio hat mir in jener Zeit , als ich einen alten Verwandten im Sabiner Gebirge aufsuchte , auf eine edle Art das Leben gerettet . Dem berüchtigten Piccolomini mußte ich als Ersatz dafür mit einem feierlichen Handschlag versprechen , diejenigen zu retten , die sich mir mit dieser Chiffer anmelden würden . Nun muß der weichherzige Ascanio doch wieder in die schlimme Verbrüderung , durch Unglücksfälle geraten sein , da er meine Hülfe in Anspruch nimmt . « » Aber « , fiel Bracciano ein , » Ihr setzt Euch durch Euer Mitleid einer Gefahr aus . « » Die strengen Edikte des neuen Papstes « , antwortete Pepoli , » sind auch zu uns hierher gekommen ; ich werde es auch niemals wagen , hier in Bologna einen Verbannten aufzunehmen und zu beschützen . Ich sende sie nach dem Kastell dort , das außerhalb des päpstlichen Gebietes liegt , und das unter Schutzherrschaft des deutschen Kaisers steht , dessen Vasall ich ebenfalls bin . « Man beschloß , sich am folgenden Tage nach diesem Schlosse zu begeben , denn Bracciano zog es vor , soviel als möglich das päpstliche Gebiet , sowie das Florentinische zu vermeiden , weil er , unter den jetzigen Umständen , in Begleitung der jungen Gemahlin , mit seinen Verwandten dort weder in freundliche noch zornige Berührung kommen wollte . Bracciano wie Vittoria freuten sich über die Verehrung und Liebe , die ihr Freund Pepoli in Bologna genoß . Erst an diesem Tage hatte er eine Menge verwaister Kinder beiderlei Geschlechts reichlich ausgestattet , und ihnen den Eintritt in das Leben erleichtert . Er sorgte großmütig für Blinde und hülflose Alte . Jeder Arme , der rechtlich war und den Unglück gebeugt hatte , wandte sich mit Vertrauen an den edlen Grafen , und keiner ging ungetröstet von ihm . So nannten ihn die Bedürftigen , Bettler und Kranke nur den Schutzgeist von Bologna , und wenn er sich öffentlich zeigte , drängte sich das Volk um ihn , um ihm ihre Liebe und Verehrung kundzutun . Nicht minder achtete ihn , seines menschenfreundlichen Wesens halb , der ältere und jüngere Adel , er galt allen für ein Muster , nach dem sich der Jüngling bilden müsse . Auch Priester und Gelehrte schätzten ihn hoch , weil er die Wissenschaften ebenfalls auf alle Weise unterstützte . Kurz , er konnte für das Vorbild eines sanften , edlen , wohltätigen Mannes gelten . Er war unvermählt , und hatte bis jetzt die Anmutung sich zu verheiraten , abgewiesen , weil er fürchtete , daß er doch als Gatte , so groß sein Vermögen war , in seiner Wohltätigkeit gehemmt werden dürfte ; obgleich seine Freunde auf seine nächsten Verwandten hindeuteten , die , falls er ohne Erben stürbe , seine Reichtümer auf ganz entgegengesetzte Weise anwenden möchten . Mit der Frühe reiseten die drei befreundeten Wesen von Bologna ab , um sich nach jenem Kastell des Grafen zu begeben . Unterwegs sagte Pepoli : » Ihr werdet einen sonderbaren alten Verwandten von mir kennenlernen : diesen Velluti , den ich damals mit einiger Anstrengung befreite . Er war früher der Ausbund eines übermütigen Mannes , keine Unternehmung war ihm zu kühn , man nannte ihn in der kleinen Stadt