dem Berg weit ins Freie hinaus und ich im Tal , wo die Kräuter hoch wachsen und alles versteckt ist , oder im Wald , aber nah beisammen , daß wir uns zurufen können . Du rufst durchs Sprachrohr : » Bettine , komm herauf ! « und da komm ich , und der Kanarienvogel fliegt voran , der weiß schon , wo ' s hingeht , und der Spitz kommt nachgebellt ; denn im Tal muß man einen Hund haben . Hör ! - Und im Frühjahr nähmen wir unsere Stecken und wanderten ; denn wir wären als Einsiedler und sagten nicht , daß wir Mädchen wären . Du mußt Dir einen falschen Bart machen , weil Du groß bist ; denn sonst glaubt ' s niemand , aber nur einen kleinen , der Dir gut steht , und weil ich klein bin , so bin ich als Dein kleiner Bruder , da muß ich mir aber meine Haare abschneiden . - So eine Reise machen wir im Frühjahr in der Maiblumenzeit , aber da versäumen wir die Erdbeeren ! Denn im Tal wär als alles übersäet , erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren , davon leben wir sechs Wochen ; Kohl pflanzen wir nicht . - Im Herbst sind wir wieder da und essen die Trauben , ach , könnt ' s nur einen Sommer wahr werden ! - Mir kommt ' s vor , als könnt man so immer und immer sein wollen . Denn wahrhaftig , mir strömt alle Weisheit aus Deinem Angesicht , ich hab mehr als zuviel , was in mich hineinspricht , wenn ich Dich seh , und wenn Du auch nur stillschweigst , so redst Du doch , Du bist ein groß Geheimnis , aber ein offenbares , aber ich schlafe in Deiner Gegenwart , Dein Geist schläfert mich ein , so träum ich , daß ich wache und empfinde nur alles im Traum und das ist gut ; denn sonst würd ich verwirrt sein . Wie der Clemens nach Haus gekommen war , hat er gleich nach meinem Brief gefragt , er wollt auch dran schreiben , ich hab ihn aber zerstreut durch allerlei , was ich von Dir erzählte ; denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen , daß ich als Einsiedler mit Dir leben wollt , denn er hätt ' s gewiß im Puppenspiel angebracht , so erzählt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der Orangerie auf dem Verdeck , das machte ihm so viel Freude , er frug nach allem , was noch vorgefallen , nach jedem Wort , nach den Ufern , nach dem Mond ; und ich erzählte ihm alles ; denn ich wußte alles , jed Lüftchen , was sich erhoben hatte , und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert hat , und alles , und er frug auch , was wir gesprochen , ich sagte : nichts oder nur wenig Worte , denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen . - Und wie er alles ausgeforscht hatte , da ging er fort und sperrte mich ein und sagte , ich sollt ein Gedicht davon machen , grad so wie ich ' s erzählt habe , und sollt es nur aufschreiben immer in kurzen Sätzen , wenn es sich auch nicht reime , er wolle mich schon reimen lehren , und so ging er hinaus und schloß die Tür ab , und vor der Tür rief er : » Nicht eher kommst Du heraus , bis Du ein Gedicht fertig hast ! « - Da stand ich - ganz widersinnig im Kopf . - Ans Aufschreiben dacht ich nicht . - Aber ich dacht an das Versmachen , wie seltsam das ist . - Wie in dem Gefühl selbst ein Schwung ist , der durch den Vers gebrochen wird . - Ja , wie der Reim oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist für das leise Wehen im Geist . Belehr mich eines Besseren , wenn ich irre , aber ist es nicht wahrscheinlich , daß Reim und Versmaß auf den ursprünglichen Gedanken so einwirke , daß er ihn verfälscht ? - Überhaupt , was seelenberührend ist , das ist Musik , das hab ich schon lang in mir erfahren ; denn es kann nichts die Sinne rühren und durch diese die Seele als nur Musik ; was Dich bewegt , gibt Klang , der weckt seine Mittöne , die rühren das Echo doppelt und allseitig , und die ganze Harmonie erwacht - und zwischen dieser durch wandelt der Gedanke und wählt sich seine Melodie und offenbart sich durch die dem Geist . - Das deucht mich die Art , wie der Gedanke sich dem Geist vermählt . Nun kann ich mir wohl denken , daß der Rhythmus eine organische Verbindung hat mit dem Gedanken , und daß der kurze Begriff des Menschengeistes , durch den Rhythmus geleitet , den Gedanken in seiner verklärten Gestalt fassen lernt , und daß der den tieferen Sinn darin beleuchtet , und daß wie die Begeistigung dem Rhythmus sich füge , sie allmählich sich reiner fasse , und daß so die Philosophie als höchste geistige Poesie erscheine , als Offenbarung , als fortwährende Entwicklung des Geistes und somit als Religion . Denn was soll mir Religion , wenn sie stocken bleibt ? - Aber nicht wie Du sagst , daß Philosophie endlich Poesie werden soll , nein , mir scheint , sie soll sein oder ist die Blüte , die reinste , die ungezwungenste , in jedem Gedanken überraschendste Poesie , die ewig neu Gottessprache ist in der Seele . - Gott ist Poesie , gar nichts anders , und die Menschen tragen es über in eine tote Sprache , die kein Ungelehrter versteht , und von der der Gelehrte nichts hat als seinen Eigendünkel . - So wie denn das Machwerk der Menschen überall den Lebensgeist behindert , in allem , in jeder Kunst , daß die Begeistrung , durch die sie das Göttliche wahrnehmen , von ihnen geschieden ist , - und ich muß mich kurz fassen , sonst wollt ich mich noch besser besinnen . Die Berührung zwischen Gott und der Seele ist Musik , Gedanke ist Blüte der Geistesallheit , wie Melodie Blüte ist der Harmonie . Alles , was sich dem Menschengeist offenbart , ist Melodie in der Geistesallheit getragen , das ist Gottpoesie . Es enthüllt sich das Gefühl in ihr , sie genießend , empfindend , keimt auf in der Geistessonne , ich nenn es Liebe . Es gestaltet sich der Geist in ihr , wird Blüte der Poesie Gottes , ich nenn es Philosophie . Ich mein , wir können die Philosophie nicht fassen , erst die Blüte wird in uns . Und Gott allein ist die Geistesallheit , die Harmonie der Weisheit . - Ach , ich hab das alles nicht sagen wollen , der Kopf brennt mir , und das Herz klopft mir zu stark , wenn ich will denken , als daß ich deutlich sein könnt . Ich wollt vom Reimen sprechen . Mir kommen Reime kleinlich vor , so wie ich sie bilden soll , ich denke immer : ach , der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein , oder er will wo anders hinaus , und ich stör ihn nur , - was soll ich seine Äste verbiegen , die frei in die Luft hinausschwanken und allerlei feinfühlig Leben einsaugen , was liegt mir doch daran , daß es symmetrisch verputzt sei ! Ich schweife gern zwischen wildem Gerank , wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht , wo mich die alte Leier eingeschläfert hätt . - Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhythmus , der die Sinne lenkt ; und sollen wir dem nicht nachstreben ? Nun kurz , aus meinem Gedicht ist nichts geworden , wie hätt ich unsre orangenblühende Nacht , unsre selige Alleinigkeit verpfuschen sollen , sie , die in jeder verlebten Minute jenes Gefühl aussprach , was ich da oben Gottpoesie , Weisheitsgefühl nenne . - Nein , ich wollt nicht ein so süß Dämmern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen . Laß es fortdämmern oder sich verflüchtigen ; aber nicht in engherzige Verse einklammern , was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt , laß es fortblühen , bis es welkt ; Du siehst , ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen ( Ungeheuer ) bloß in Beziehung auf mich , ich lieb die Poesie , sie erfüllt mich in Dir und in andern mit Begeistrung , aber nicht in mir . Als der Clemens mich aus der Prison entließ , hatte ich das Märchen gereimt von der alten Frau Hoch , vom Hofnarren , der seinem König lehrt Fische fangen , und ihn selber im Hamen fängt und ins Wasser taucht und sagt , so fangen die Narren Fische , aber der König im Hamen wird keinen fangen . Im Puppenspiel war Clemens von beseligtem Humor , die Witze echappierten ihm , wie wenn ein Feuerwerk ihm in der Tasche sich entzündet hätt , jeden Augenblick flog eine Rakete auf , bis endlich das Puppenspiel ihn übermannte , wo er vor Lachen nicht mehr witzig sein konnt . Gestern wanderten wir durch die Judengasse , es liefen so viel sonderbare Gestalten herum und verschwanden wieder , daß man an Geister glauben muß , es ward schon dämmerig , und ich bat , daß wir nach Haus gehen wollten , der Clemens rief immer : seh den , seh da , seh dort , wie der aussieht , und es war , als liefen sie mir alle nach , ich war sehr froh , als wir zu Haus waren . Leb wohl , es ist mir nicht geheuer , daß Du nicht da bist , wo ich mich erholen kann , wo ich zu mir selbst komme ; es ist mir so fremd . - Bettine An die Bettine Liebe Bettine , so wie Dein Brief anfängt mit den tausend Grüßen von Clemens , so beantworte sie ihm doch auch in meinem Namen , es tut mir auch recht leid , daß ich nicht mit Euch bin , allein die Luft und die Trauben tun meinen Augen so gut und ist mir wohltätig im ganzen . - Obschon mich Euer Treiben höchlich ergötzen würde und namentlich das Puppenspiel ; - ich übergehe alles , - was Du vom Rhythmus sagst , leg ich Dir so aus : Du ahnest ein höheres rhythmisches Gesetz , einen Rhythmus , der Geist ist im Geist , der den Geist aufregt und zu neuen Offenbarungen leitet , Du glaubst , daß der Reim die geringste , ja oft erniedrigende Stufe dieses metrischen Sprachgeistes ist und oft die Ahnung oder die Gewalt des Gedankens brechen könnte , daß der sich nicht zu jener Höhe entwickelt , zu der er ursprünglich berufen war - das will ich nicht widersprechen , denn Du kannst recht haben ; nämlich , Du kannst recht haben , daß es ein höheres musikalisches Gesetz gebe , daß die Anlage zu diesem in jedem freien Gedanken liege und durch den Versbau mehr oder weniger unterdrückt werde . Du wirst aber auch zugeben , daß im Dichter auch eine Begeistrung waltet , die von höherer Macht zeugt , da diese kindlichen Gesetze , zu denen er sich bequemt , ihn grade zur Kunst anleiten , die an sich schon ein höherer Instinkt ist . Du sagst zwar in bezug auf Kunst , das Machwerk der Menschen behindre überall den Lebensgeist , das glaube doch ja nicht , daß jene , die vielleicht kein hohes Genie im Gedicht entwickeln , nicht hierdurch zu Höherem gebracht würden ; denn erst werden sie doch auf eine Kunst vorbereitet , sie haben eine Anschauung von Gedanken oder Gefühlen , die durch Kunstform eine höhere sittliche Würde erlangen oder behaupten , und dies ist der Beginn , daß der ganze Mensch sich da hinübertrage ; es ist nicht zu verachten , daß im Unmündigen sich der Trieb zum Licht regt . - Und darum mein ich , daß kein Gedicht ohne einen Wert sei . Gewiß , jedes Gefühl , so einfach oder auch einfältig es geachtet werden könnte , so ist der Trieb , es sittlich zu verklären , nicht zu verwerfen , und manchen Gedichten , die keinen Ruf haben , habe ich doch zuweilen die Empfindung einer unzweifelhaften höheren Wahrheit oder Streben dahin angemerkt , - und es ist auch gewiß so . Die Künstler oder Dichter lernen und suchen wohl mühsam ihren Weg , aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll , das lernt keiner , - nehme es doch nur so , daß alles Streben , ob es stocke , ob es fließe , den Vorrang habe vor dem Nichtstreben . - Gute Nacht , für heut kann ich nicht mehr sagen ; nicht alles , ist mir gleich deutlich in Deinem Brief , Du sagst mir wohl über manches noch mehr oder dasselbe noch einmal . - Der Ton in der Sprache tut auch viel zum Verstehen , wären wir beisammen , würde sich leichter und vielseitiger ergeben , was wir wollen und meinen , und auf den Sprachgeist vertraue ich auch schon , daß er uns nicht verlassen würde . - Himmlische Nächte sind hier - winddurchbrauste , und Gewitter , die Sommer und Herbst auseinander donnern . - An die Günderode Du führst eine heilige Sprache , Du bist heilig , wenn Du sprichst ; in Dir fühl ich den Rhythmus , der deinen Geist trägt zu höherer Erkenntnis ; - und ich fühl , daß die Güte , die Milde die Erzeugerin ist all der reinen Wahrheit in Dir , wie Du ihr Abdruck bist ; wollt ich doch nicht alles auf einmal sagen , so wär ich deutlicher , Du bist mäßig , drum ist alles so überzeugend , was Du sagst ; wüßt ich doch noch , was ich Dir geschrieben hab , nur um Dich wieder zu hören , mag ich denken , nur daß Du aus dem Anklang meines Geistes Melodien bildest . Jeder Ton besteht für sich , aber er bildet durch den Anklang mit andern Tönen Melodien , Gedanken . Aus allen Melodien , aus allen Gedanken besteht die Geistesallheit , die Gottespoesie , die Philosophie . - Es ist Gottespoesie , Harmonie , die den Gedanken die Melodie erzeugt , sie hebt sich aus dieser , wie aus den Frühlingselementen die Blüte ersteigt , der blühende Geist steht mitten im Frühlingsgarten der Poesie . - Musik ist sinnliche Natur der Geistesallheit . Wir möchten wissen , was Musik ist , die so fühlbar ist und doch so unbegreiflich - das Ohr rührt und dann das Herz und dann den Geist weckt , daß der tiefer denke . Sie ist die sinnliche Geistesnatur ; aller Geist ist sinnenbewegter Leib des Geistigen , ist also auch Musik , drum sind Gedanken in der Musik unwillkürliche , sie erzeugen sich in dieser Sinnenregung der Seele . - Ach , Worte fehlen - und zu allseitig dringt es auf mich ein - und es bangt mir um den Ausdruck von dem , was mir in der Seele blitzt - und hab Angst , der könne meinen Begriff umtauschen - und - » o gib vom weichen Pfühle träumend ein halb Gehör ! « so leiert ' s im langweiligen Hintergrund meiner schlummernden Denkkraft , und dann wühle ich mich ein bißchen aus meiner Faulheit heraus und lausch träumend dem Traum , und dann singt ' s wieder bei der Gedanken Spiele , - ach schlaf , was willst du mehr . Wenn eine schlummernde Ahnung wach wird in der Musik , da breiten sich alle Gefühle mächtig aus , und jeder Ton spricht verstärkte Empfindung aus , und ein inneres Streben zum Höheren , zum Bemächtigen gewaltigerer Fähigkeiten begleitet den rhythmischen Gang , ja wird von ihm geleitet , ich hab ' s erfahren : Bei meinem Saitenspiele segnet der Sterne Heer die ewigen Gefühle . - Und so wahr ist ' s , daß aller Geist sinnliche Musik ist , daß wie in der Harmonie jedes Bewegen eines Tons neue Wege öffnet oder , wenn ich in andern Beziehungen nur augenblicklich vorempfinde , so dringt die Harmonie wie durch neu geöffnete Bahn mächtig ein , so ist im Geist jedes Vorempfinden eines inneren Zusammenhangs mit ferner liegendem ein ewiger Harmonienwechsel , und die Melodie der Gedanken weicht aus den engeren Schranken zu höherer Anschauung . Die ewigen Gefühle heben mich hoch und hehr aus irdischem Gewühle . - Und so ist alles , was unabweisbare Wahrheit ist , in ewig wechselnder Lebensbewegung - und ich fürcht mich vor dem Denken so allein . - Wenn wir beisammen wären ! Da teilen wir uns , und durch Dein Begreifen gibst Du meinem Geist die Fassung , der muß nach dem sich richten , und dann hab ich auch Ruhe und Versichrung im Geist , daß ich mich ausdrücken lerne : Vom irdischen Gewühle trennst Du mich nur zu sehr , bannst mich in diese Kühle . Und könnten wir doch immer zusammen sprechen , der lieblichen Unordnung entsteigt alles . - Ja , da fühl ich , wie das ist , daß der Geist aus dem Chaos aufstieg , nehm ' s nicht zu genau . Gib nur im Traum Gehör , ach , auf dem weichen Pfühle schlafe ! Was willst Du mehr ? An die Bettine Denn ; wie auch das Allebendige sich berühre , es entsteigt Wahrheit aus ihm , aus dem chaotischen Wogen und Schwanken entstieg die Welt als Melodie ? - Caroline An die Günderode Ja ! Und alle Sterne sind Melodien , die im Strom der Harmonie schwimmen , Weltseelen , die den Geist Gottes hervorblühen , Töne , die mit verwandten Tönen anklingen , und wenn wir zu den Sternen aufsehen , so klingen unsere Gedanken an mit ihnen ; denn wir gehören in die Sippschaft ihnen verwandter Akkorde - und wie jeder Gedanke , jede Melodie Seele ist , so soll der Menschengeist durch sein Allumfassen Harmonie werden - Poesie Gottes - nehm ' s nicht zu genau und gib es deutlicher wieder , als ich ' s sagen kann . An die Bettine So wär der Menschengeist durch sein Fassen , Begreifen befähigt , Geistesallheit , Philosophie zu werden , also die Gottheit selbst ? - Denn wär Gott unendlich , wenn er nicht in jeder Lebensknospe ganz und die Allheit wär ? - So wär jeder Geistesmoment , die Allheit Gottes in sich tragend , aussprechend ? - Caroline An die Günderode Ja ! Das beweist die Musik , jeder Ton spricht seinen Akkord aus , jeder Akkord spricht seine Verwandtschaften aus , und durch alle Verwandtschaft strömt der ewig wechselnde Gang der Harmonien zu , der ewig erzeugende Geist Gottes . Denken ist Gott aussprechen , ist sich gestalten in der Harmonie , - ich wage nicht einen Seitenblick zu tun , aber ich fühl ' s , daß im Begreifen der Geist Gottes sich erzeugt im Menschengeist , und zu was wär dieser Keim der Gotterscheinung im Menschengeist , wenn er nicht durch ewiges Streben ihn ganz entwickeln sollte ? - Der einzige Zweck alles Lebens : Gott fassen lernen , und das ist auch unser innerer Richter . Was Gott nicht entwickelt , das bliebe lieber ungeschehen ; denn es ist nicht Melodie , - was aber unmelodisch ist , das ist Sünde ; denn es stört die Harmonie Gottes in uns , es klingt falsch an , aber alle große Handlung weckt die Harmonie , alle Sterne klingen mit ein , drum ist groß Denken , groß Handlen auch so selbst befriedigend , es löst die gebundnen Akkorde in uns auf in höhere Harmonien , und steigern sich die musikalischen Tendenzen durch allseitiges Erklingen aller mittönenden Akkorde . - Aber ich kann nicht mehr weiter drüber denken , ich träume nur und schlafe tiefer über dem Saitenspiel meiner Gedanken ein , und mir entschlüpft alles ungesagt . - Du lebst und schwebst in freier Luft , und die ganze Natur trägt Deinen Geist auf Händen ; ich dräng mich durch zwischen Witz und Aberwitz , und hier und dort nimmt mich die Albernheit in Beschlag ; und wenn ich abends zum Schreiben komm und muß das Unmögliche denken , was unmöglich ist auszusprechen , dann bin ich gleich traumtrunken , und dann schwindelt mir , wenn ich die Augen öffne ; die Wände drehen sich , und der Menschen Treiben dreht sich mit . - Und ob ' s doch nicht noch in der Sprache verborgne Gewalten gibt , die wir noch nicht haben ? - noch nicht zu regieren verstehen ; - das schreib mir , ob Du es auch glaubst , und ob wir da hindringen könnten , das Ungesagte auszusprechen ; denn gewiß , so wie die Sprache sich ergibt , so muß der Geist hineinströmen ; denn der ganze Geist ist wohl nur ein Übersetzen des Geist Gottes in uns . Gute Nacht . Bettine An die Bettine Du meinst , wenn Du taumelst und ein bißchen trunken bist , das wär unaussprechlicher Geist ? - Und Du besäufst Dich aber auch gar zu leicht , - weil Du den Wein nicht verträgst , Du meinst , es müßten neue Sprachquellen sich öffnen , um Deine Begriffe zu erhellen . Werd ein bißchen stärker oder trinke nicht so viel auf einmal , wolltest Du Dich fester ins Auge fassen , die Sprache würde Dich nicht stecken lassen . Von der Sprache glaub ich , daß wohl ein Menschenleben dazu gehört , um sie ganz fassen zu lernen , und daß ihre noch unentdeckten Quellen , nach denen Du forschest , wohl nur aus ihrer Vereinfachung entspringen . Den Rat möchte ich Dir geben , daß Du bei Deinem Aussprechen von Gedanken das Beweisen aufgibst , dies wird Dir ' s sehr erleichtern . Der einfache Gedankengang ergießt sich wohl von selbst in den Beweis , oder was das nämliche ist : die Wahrheit selbst ist Beweis . Beweislos denken ist Freidenken ; Du führst die Beweise zu Deiner eignen Aushilfe . Ein solches freies Denken vereinfacht die Sprache , wodurch ihr Geist mächtiger wird . Man muß sich nicht scheuen , das , was sich aussprechen will , auch in der unscheinbarsten Form zu geben , um so tiefer und unwidersprechlicher ist ' s. Man muß nicht beteuern , weil das Mißtrauen gegen die eigne Eingebung wär . - Nicht begründen : weil es eingreift in die freie Geisteswendung , die nach Sokrates vielleicht Gegenwendung wird , und nicht bezeugen oder beweisen wollen in der Sprache , weil der Beweis so lang hinderlich ist , dem Geist im Wege ist , bis wir über ihn hinaus sind ; und weil diese drei Dinge unedel sind , sowohl im Leben wie im Handeln , wie im Geist . Es sind die Spuren des Philistertums im Geist . Freier Geist verhält sich leidend zur Sprache und so verhält sich auch die Sprache leidend zu dem Geist , beide sind einander hingegeben ohne Rückhalt , so wird auch keins das andre aufheben , sondern sie werden sich einander aussprechen ganz und tief . - Je vertrauungsvoller , um so inniger . - Wie es in der Liebe auch ist . - Was sollte also die Sprache am Geist zu kurz kommen ? - Liebe gleicht alles aus . - Trete nicht zwischen ihre Liebkosungen , sie werden einander so beseligend , daß nur ewige Begeistrung aus beiden strömt . - Und hiermit wär Deine Ahnung von der Gewalt des Rhythmus wohl auch berührt , beweisen wollen wir ja nicht . - Alles , was wir aussprechen , muß wahr sein , weil wir es empfinden . Mehr müssen wir für andre auch nicht tun ; denn das sondert jene nur von dem kindlichen ursprünglichen Begriff . - Wir müssen des andern Geist nicht als Gast in unsre Begriffe einführen , so wie ein Gast auch weniger das Heimatliche begreift , er muß selbst durch das Mangelnde im Ausdruck auf die Spur des Begriffs geleitet werden , da nur im unverfälschten Vertrauen oder im vollkommnen Hingehenlassen , selbst in scheinbar Nachlässigem ( was doch nur vertrauungsvolle heilige Scheu der Liebe ist ) sich der Geist oft erst orientiert ; zum wenigsten wird ' s ihm viel leichter . - Mag nicht oft tiefere Wahrheitsspur verschwunden sein , wo nach ihrer Bekräftigung suchend ihr ursprünglicher Keim verletzt wurde ? Haben nicht die geistschmiedenden Zyklopen mit dem einen erhabenen Aug auf der Stirne die Welt angeschielt , statt daß sie mit beiden Augen sie gesund würden angeschaut haben ? - Das frag ich in Deinem Sinne die Philosophen , um somit hier alle weitere Untersuchung aufzuheben , und erinnere mich zu rechter Zeit an Deine leichte Reizbarkeit . Leb wohl ! An meinem Fenster gibt ' s heute zu viel Einladendes , als daß ich widerstehen könnt der Muse , die mich dahin ruft . - Leb wohl ! Ich habe Dich recht lieb . Caroline Mit Dir kann ich so sprechen , Du verstehst es , kein andrer wahrscheinlich . - Oder wer müßte das sein ? - An die Günderode Ich war heut drauß bei der Großmama , sie war allein , den ganzen Nachmittag , und wir sprachen erst von Dir , die Großmama war einen Augenblick beschäftigt , so lief ich in den Garten , um ihn nach langer Zeit wiederzusehen , aber wie war ich da erschrocken , wie ich auf die Hoftreppe kam , ich erkannte den Garten nicht wieder ; denke ! - Die hohe schwankende Pappelwand , die himmelansteigenden Treppen , die ich alle wie oft hinangestiegen bin , um der Sonne nachzusehen , um die Gewitter zu begrüßen , durchgeschnitten ! - Zwei Drittel davon in grader Linie abgesägt ! - Ich wußte nicht , wie mir geschah , und alles will ich gern begreifen und lernen , was soll mir das schaden , aber diese Pappeln , die Zeugen meiner frühsten Spielstunden , die mich als Kind von drei Jahren mit ihren Blüten beregneten , in die ich hinaufstaunte , als ob ihre Höhe in den Himmel reiche . Ach was soll ich dazu sagen , daß die als Stumpfe mit wenig Ästen noch versehen nebeneinander stehen , gemeinsamen Schimpf und Leid tragend . Ach ihr Baumseelen , wer konnte euch das tun ? - Nun ziehen alle frühen Kindheitsmorgen an mir vorüber , wo ich ihre Wipfel von weitem im Gold glänzen sah , und daß sie mir winkten , ich soll mich eilen und kommen , und wie hab ich oft ihre jungen Blättchen betrachtet und keins abgebrochen je ! - Ach , es schneidet mir ins Herz - es war , als könnten sie nicht mehr sprechen , als sei ihnen die Zunge genommen ; denn sie können ja nicht mehr rauschen . So war ihr Stummsein eine bittere , bittere Klage zu mir , die ich ewig mit mir herumtragen werde und keinem sagen als nur Dir . Du weißt , wie Du oft sagtest , wenn wir da gingen , daß ihr Rauschen mitspreche , und wie sie uns absonderten von der ganzen Welt , und wie sie einen Dom über uns bauten , und gegenüber die hohe Rosenhecke , die über die Wand vom Boskett hereinschwankte , die steht jetzt auch ohne Schutz , und die Nachtigallen , die das heilige Dunkel gewohnt waren , wie wird ' s da sein , wenn die im Frühjahr wiederkommen ! - Ach , ich bin betrübt darüber . - Die Kindertage , wo ich dort mit dem reinlichen Kies spielte und mit rosenfarbnen Steinchen und schwarzen und gelben bunte Reihen um ihre Stämme legte ! - Und konnte so versteckt hinüberklettern ins Boskett , wie kann einem doch das Paradies , wo die Seele all ihren Zauber einpflanzt , so jämmerlich zerstört werden ? - Aber bedaure Du mich nur nicht ; denn hör nur , - als ich zurückkam zur Großmutter - sah ich blaß und zerstört aus , und sie sah wohl die Spuren von meinen Tränen . - Sie sah mich an ein Weilchen - und sagte : » Du warst im Garten ? « - Da reichte sie mir die Hand . - Was sollt ich sagen ? - Ich schwieg und sie auch . - Sie sagte : » Ich werd wohl nicht mehr lang leben ! « - Ich wagte nichts zu sagen - aber bald darauf machte sie das Nebenzimmer auf , von wo man nach dem Garten sieht , und sagte : » Das Rauschen im Abendwind war meine Freude , ich werd ' s nicht mehr wieder hören , ich hätt mir ' s lassen gefallen , wenn ich unter ihrem Rauschen am letzten Abend wär eingeschlafen ! Sie hätten mir diesen feierlichen Dienst geleistet , die lieben Freunde , die ich jeden Tag besuchte , die ich mit großer Freude hoch über mir sah ; - du hast sie auch geliebt , es war dein liebster Aufenthalt - ich hab dich oft vom Fenster sehen in ihrem Wipfel abends steigen , und glaubtest , es säh es niemand - nimm meinen Segen , liebes Kind , ich hab an Dich gedacht , wie man sie trotz der schmerzlichen Verletzung meiner Gefühle verstümmelte . « - Ich wagte nicht zu fragen , wer die Schuld trüge ; denn das wär zu kränkend für die Großmama gewesen , und ich wußte auch gleich , daß nur aus grausenhaftem Philistersinn solche Untat geschehen konnt ; denn der ahnt nicht die tiefsten Wunden , der hält alles für Empfindelei , was mit den geheimsten geistigen Bedürfnissen