verjagt , ängstlich nach den Erfolgen des Augenblickes haschend , auf dem Wege sei , sich mit der bloßen Nachahmung von Zuständen zu begnügen , die er mindestens als ihm selbst unverständlich erklären mußte . Er war beschämt ; aber dies offene Geständniß rettete sein Selbstgefühl und riß ihn aus der kleinlichen Richtung , die ihn verwirrt hatte . Er bat Herrn von Dreux , ihm dem jungen Fenelon vorzustellen ; er wollte dem ehrend nahen , dem er so eben Dank schuldig geworden . Als sie sich im Gedränge Platz machten , erreichten sie ihn im Augenblicke ernster Unterredung mit einer schönen jungen Dame , die vor dem Jüngling in fast devoter Stellung stand . » Ach , mein Herr , « sagte sie mit innigem Tone - » Sie durften Ihrem Berufe nicht mißtrauen - und wenn Sie nichts erreicht hätten , als das Gemüth unserer herrlichen Königin gestützt und gestärkt zu haben . Dachten Sie nicht , wie Sie Ihren hartherzigen Entschluß vollführten , an das , was ich Ihnen so viel früher schon über den wunderbaren Eindruck sagte , den die Königin von Ihren Kanzelreden empfing ? Ach , und wäre es nur dies gewesen , da es doch so viel mehr noch war , was Sie erreichten - es wäre genug , um zu bleiben ! « - » Halten Sie ein mit Ihren Vorwürfen , die so ehrend , so rührend für mich sind - gegen die fest zu bleiben , so schwer fällt ! Niemand bewundert mehr , wie ich , die schöne Hingebung , mit der Sie die theure Frau Königin umgeben ; doch lassen Sie mich hinzufügen , Sie erfüllen damit Ihren Beruf ; jede Ueberzeugung Ihrer Seele fällt mit Ihren Pflichten hier zusammen . Nicht so bei mir ! Ich hörte auf , meinem Berufe etwas zu sein , wenn ich mit der gelegentlichen Einwirkung auf eine Einzige mich begnügen wollte . Der Geist treibt mich anders ! In diesen geringen Hofverhältnissen würde ich verschmachten oder falsche Keime treiben - und dann ginge ich auch der Königin verloren . « - » O , Ihr Männer , « rief hier die junge Dame , und sandte aus Ihren schwarzen , glänzenden Augen einen seltsamen Blitz , halb Unwillen , halb Bewunderung ausdrückend , auf Fenelon - » es ist vergeblich , einen von Euch über den andern erhaben zu glauben ; am Ende seid Ihr Euch alle gleich ! Das Nahe , der sichere kleine Erfolg , sei er so schön , so edel , als Ihr zu träumen vermochtet , er reizt Euch nicht - Ihr verwerft ihn ! Weit in die Ferne müßt Ihr Pläne und Unternehmungen richten - ein Weltruhm muß Euch zu Theil werden , wenn Euer ehrgeiziges Herz befriedigt werden soll ! « » Ob ich vom Ehrgeize frei bleiben werde , mag Gott wissen ! « erwiederte der junge Fenelon . » Der Trieb , der uns zu unserer Entwickelung mit Sehnsucht , mit Eifer , mit Entzücken die Füllhörner nach allen Richtungen ausstrecken läßt , um das zu erkennen , was uns förderlich werden könnte , der Trieb ist schön und herrlich - ihn möchte ich nicht jetzt schon durch die Befürchtung in mir verdächtigen , er könne Ehrgeiz werden ! « » Unverbesserlicher ! « rief das junge Mädchen - » Ich hätte Viel darum gegeben , wenn ich Ihnen böse werden könnte ; denn Sie haben mich empfindlich gekränkt durch Ihr stolzes Zurücktreten . Aber warum sind Sie so unerträglich sanftmüthig - ich sollte es gar nicht unternehmen , mit Ihnen zu streiten , ich behalte niemals Recht ! « - » Und doch haben Sie eben so Recht , als ich , und Keiner sollte dem Andern zürnen wollen , weil er gern seiner Pflicht getreu bleiben will - es muß uns nicht über unsere Absicht verwirren , daß wir in verschiedener Richtung sie erfüllen müssen . Ich verehre Sie so sehr in Ihrer treuen Anhänglichkeit an die Königin , daß ich selbst die gegen mich gerichteten Vorwürfe fast gern höre ; denn sie sind eine Konsequenz Ihres vortrefflichen Innern ! « - » Ich will nicht von Ihnen gelobt sein ! Sie wissen doch nicht , wie ich ' s meine - kein Mensch braucht das zu wissen - sie sind mir hier alle gleich ! Aber Sie , Fenelon , obwol ich Sie jetzt hasse - Sie hätten mein Verbündeter bleiben müssen ! « » Und das bleibe ich , wenn Sie mich auch jetzt zurückstoßen - Ihr Herz denkt anders , und vielleicht treffen unsere Wege noch einmal wieder zusammen . « » Mit dem Geistlichen von St. Sulpice ? « erwiederte sie , fast weinend . » Wo soll ich den wiederfinden ? Nein , nein , ich will gleich und für immer von Ihnen Abschied nehmen ! Adieu , Fenelon , stolzer Fenelon ! « - Sie wollte gehen - sie blieb stehn - kindlich lächelnd , setzte sie halb leise hinzu : » Lieber Fenelon , kommen Sie morgen noch zur Königin ? « » So lange ich in Versailles bleibe , alle Abende , « sagte der junge Geistliche . » O , Sie guter , edler , bester der Menschen ! « rief sie und wendete sich von ihm in dem Augenblicke , wie Herr von Dreux mit den Worten vortrat : » Herr von Fenelon , der Graf von Crecy-Chabanne wünscht Ihnen vorgestellt zu sein . « Die junge Dame blieb stehen ; der kälteste , hochmüthigste Blick dieser glanzvollen Augen streifte Leonin - sie erwartete seine Anrede mit der bizarrsten Verletzung der Schicklichkeit , wendete sich dann so geringschätzig als möglich ab und war bald unter der Menge verloren . - Kaum war seine flüchtige Unterredung mit Fenelon vorüber , als er gespannt , erschrocken fast Herrn von Dreux fragte , wer die Dame gewesen , mit der Fenelon gesprochen habe ? - » Es ist die Tochter des Herzogs von Lesdiguères , das erste Hoffräulein der Königin , und trotz ihrer Jugend die Freundin und Vertraute der erhabenen Frau ! « - Als er zu seiner Mutter zurückkehrte , fand er sie im Gespräche mit einer älteren und einer jungen Dame ; in Letzterer erkannte er Mademoiselle de Lesdiguères . Die Marschallin von Crecy rief ihn sogleich heran . » Madame , « sagte sie zu der älteren Dame , » erlauben Sie , daß ich Ihnen meinen Sohn vorstelle . - Die Frau Herzogin von Lesdiguères , « wandte sie sich zu Leonin , » hat Deine Mutter von Jugend auf mit ihrer Freundschaft beglückt . Schon von Fräulein von Reetz genoß Fräulein Soubise diesen Vorzug - jetzt , nach langer Trennung , finden wir uns wieder . « » In Wahrheit , « rief die alte Dame , den Jüngling mit vielem Kopfnicken begrüßend - » Mademoiselle de Soubise war unser aller Bijou , als wir Kostgängerinnen waren bei den Ursulinerinnen ; und es freut mich , daß ich in Ihnen einen schönen jungen Mann sehe - das wird Ihnen lieb sein , meine Theure ; denn immer hatten Sie ein stolzes Herz , wie Ihnen das zukam , und ich es gern leiden mag . - Victorine , « fuhr sie fort , Leonin ' s Antwort unterdrückend und sich zu ihrer Tochter wendend , » Du mußt mit dem jungen Manne gut Freund werden ; was die Mütter anfingen , müssen die Kinder fortsetzen . « » So viel Güte , so viele glückliche Aussichten zu verdienen und zu rechtfertigen , « erwiederte Leonin , fast seine Worte aufdrängend , » wird eine schwere , aber zu theure Aufgabe sein , um nicht mit allen Kräften nach ihrer Lösung zu ringen . « » Bemühen Sie sich nicht darum « - erwiederte Mademoiselle de Lesdiguères , » ich liebe so etwas nicht mit anzusehen ! Auch , denke ich , hat Madame de Crecy eine Tochter , der ich mich schon anschließen will . « Alle lachten bei diesen Worten , und das Fräulein selbst sah nicht so bös aus , als ihre Worte klangen . » So stolz zurückgestoßen , « rief Leonin , » fordern Sie mich gerade damit zum Kampfe auf . Ich gelobe Ihnen hiermit feierlich , wie Sie auch meine kleine liebe Louise mir eben vorziehen , ich will nicht eher ruhen und rasten , als bis Sie , gerade Sie meine Freundin sind ! « Sie sah ihn hochmüthig an , lachte aber dann einen Augenblick mit den Andern , und indem sie Louise an sich zog , rief sie : » Ist das der liebenswürdige Bruder , von dem Du mir so Viel erzählt hast ? Ich erkläre ihn für den anmaßendsten Mann des Hofes . « » Thun Sie , was Sie wollen , « lachte Leonin , » mein Entschluß bleibt derselbe , und ich rathe Ihnen , machen Sie sich den Rückschritt nicht zu schwer , indem Sie sich so weit von mir entfernen . « Victorine zuckte mit den Achseln und überflog ihn mit halbem Lächeln . Die Marschallin aber , bemerkte Leonin voll Erstaunen , die ein so formloses Wesen sonst nur allzu schnell mit einigen Worten würde zu dämpfen gewußt haben , sah mit der huldvollsten Miene auf das junge Mädchen und lachte mehr , als sie sonst für schicklich gehalten hätte . Madame de Lesdiguères aber schien überhaupt , von völlig ungezwungenen Manieren , keine Rücksichten zu kennen , als die ihr bequem waren . » Sagt ' ich es Ihnen nicht , liebe Soubise , das Mädchen hat einen Kopf von Erz - den will ich sehen , der etwas Anderes hineinbringt , als was sie selbst hereinthut . Aber ich war eben so , und es macht mir jetzt Spaß , daß sie vor meinen alten Augen meine alten Jugendstreiche mir wieder vorspielt . « - Es war der Frau Herzogin schwer zu glauben , daß sie wie ihre Tochter gewesen , wenigstens , daß es ihr so gut gekleidet ; denn man konnte keinen größeren Gegensatz sehen , als diese kleine , kugelrunde Gestalt gegen den hohen , schlanken Wuchs der Tochter , und ihr blasses , regelmäßiges Gesicht gegen das breite , rothe , verzeichnete Gesicht der Mutter . Dabei zeigte die Tochter nur eine nöthige Eleganz ; die Mutter aber war mit Perlen , Juwelen und Stickereien beladen und trug dies alles ungeschickt an sich herum , wie eine schwere , aber nothwendige Pflicht . » Nun , Marschallin , « fuhr sie fort , » das soll ein Spaß werden , zuzusehen , wie die Beiden sich necken werden ! So machte ich es auch mit Monsieur de Lesdiguères , der damals noch nicht Herzog war . Man hätte denken können , wir haßten uns - aber nichts weniger , als das ! In Jahr und Tag war ich seine Gemahlin . « Sichtlich bemüht , diese Worte zu unterbrechen , hatte die Marschallin versucht , sich Victorinen zu nähern , die , glühend vor Zorn , Leonin den Rücken zugewendet hatte , als der König plötzlich Victorinen entgegen trat . - Die Etikette verhinderte jetzt jeden Schritt , aber auch jedes Wort , und so war die alte Herzogin wenigstens zum Schweigen gebracht . » Es scheint mir ein gutes Zeichen für das Befinden der Königin , Sie hier zu sehen , « sprach Ludwig und legte eine auffallende Verbindlichkeit in seinen Ton . Victorine verneigte sich bis zur Erde und blieb dann starr , mienenlos , ohne einen Laut zu erwiedern , vor dem Könige stehen . » Haben Sie die Königin bei ihrer heutigen Spazierfahrt begleitet ? « fuhr er nach einer Pause fort , in welcher er unruhig auf Antwort gehofft hatte . » Zu Befehl ! « entgegnete Mademoiselle de Lesdiguères mit festem , kaltem Tone . - » Doch dauerte diese Fahrt nicht lange ; Ihre Majestät ließen an dem Hotel Biron umlenken , da der Wagen durch den Ausbau des Palais von Gerüsten und Arbeitern am Weiterfahren gehindert ward ; und da die Frau Königin sich nach der Rückkehr übel befanden , so befahlen Sie uns , Madame Ihre Entschuldigungen zu bringen , und behielten allein Molina ( ihre spanische Kammerfrau ) bei sich . « Der König hörte gespannt und mit sichtlicher Unruhe zu . » Ich fürchtete das nicht , obwol man mir sagte , daß die ungebührlichen Bauanstalten vor dem Hotel Biron die Königin belästigt hätten . - Die strengsten Befehle sind gegeben , sie spurlos zu beseitigen . Ich werde die Königin heute noch besuchen und sehe Sie am liebsten in der Nähe meiner Gemahlin ! « » Vielleicht , « erwiederte Mademoiselle de Lesdiguères mit plötzlich verändertem Wesen und freudestrahlenden Augen , » erlauben Euer Majestät , daß ich mich sogleich zu meiner gnädigen Gebieterin begebe , sie auf diese Freude vorzubereiten ? « - » Thun Sie das , meine Liebe ! Ich weiß , Sie sind uns beiden ergeben , « erwiederte der König mit der huldvollsten Herablassung - und die junge Dame verneigte sich und war augenblicklich verschwunden . Es lag ein Schatten auf der Stirn des Königs , und Niemand wagte ihm zu nahen - als Henriette von England vortrat , und der König in demselben Augenblicke die Töne eines im Nebenzimmer beginnenden Concerts hörte . Mit der verbindlichsten Anmuth nahm er die Einladung der Prinzessin an und folgte ihr in die Zauberhallen , die sich vor ihm öffneten , und aus denen , hinter den vollsten Gebüschen von Orangen , Rosen und Myrten die hinreißendsten Gesänge und Musikstücke erklangen , die Jean Baptiste Lully mit seinem wohlgeübten Orchester aufführte , und von denen der König , der den Künstler zu seinem Kapellmeister und Liebling erhoben hatte , stets sich entzückt zeigte . Er war der Schöpfer der französischen Musik , der alle die damals angestaunten Wunder der Töne , Modulationen und Tempi ersann , wie sie vor ihm nicht existirt hatten . - Während dem führten in den anmuthigsten Windungen die schönsten Kinder , als Genien gekleidet , pantomimische Tänze zwischen den Gebüschen auf , welche in sinnvollen Gruppen , in leisem , flügelartigem Dahinschweben , wie personifizirte Töne , die Harmonieen des verborgenen Orchesters zu verstärken schienen . Es war kaum möglich , daß der König bei einem Feste gegenwärtig sein konnte , ohne irgend eine schmeichelhafte Beziehung für sich zu erfahren . Doch dies Mal war es schwer , sie zu entdecken ; denn das ganze reizende Schauspiel zog sich wie eine Chiffernsprache vor den Augen der Andern hin . Madame schien allein den Schlüssel dazu zu haben , und mit anmuthigen Worten und Mienen während der Dauer der Aufführung dem Könige die Erklärung zu geben . Alle Uebrigen sahen nur eine Pantomime . - Einmal zeigten sich die Wappen Englands und Frankreichs , beide , wie angedeutet war , auf französischem Boden ; dann schwebte der Genius der Gerechtigkeit herab und löste das englische Wappen vom französischen Boden , damit entfliehend . Das französische Wappen wuchs , und Genien umkränzten es . » Habe ich nicht Recht mit Dünkirchen ? « flüsterte der Marschall Tessé dem Herzoge von Rochefaucault zu - » die schlaue Prinzessin hat Seiner Majestät die Schlüssel von Dünkirchen übergeben , und nun muß die Gerechtigkeit das Wappen Englands vor den Augen des Königs von dem Boden Frankreichs fortschleppen ! « » Ja , « lachte der Herzog - » hier besiegt immer Einer den Andern - ich halte heute Fräulein von Lesdiguères für die Siegreichste in diesem Kreise ! « - » Das macht , weil sie eine schon halb überwältigte Festung vorfand , « fiel ihm der Marquis de Souvré ins Wort ; » ich möchte nicht derjenige sein , der die Befehle für die Ausstattung des Hotel Biron überschritt ! « » Sollen denn die Bevollmächtigten eines königlichen Willens , der selten den kleinsten Aufschub gestattet , auch bedenken , welche Veränderung ein solcher Wille in vier und zwanzig Stunden erleiden kann ? « sagte der Herzog von Rochefaucault . » Nun , « meinte Madame de Sablière , » die Nerven der Königin hätte ich mir abgehärteter gedacht . Die neue Herzogin von Lavallière wird ihr Hotel nur vier und zwanzig Stunden später beziehn , und Nichts wird unterbleiben , was hier eingeleitet ist . Wenn die Erschütterung vorüber , die Seine Majestät durch den Unfall der Königin erfahren , werden die Anstalten ihren alten Gang vorwärts gehn . « » Darunter wird Niemand mehr leiden , als Madame de Lavallière selbst , « bemerkte der Marquis de Souvré ; » in ihr möchte Seiner Majestät das größte Hinderniß zu besiegen haben . « Alles horchte auf und blickte den Marquis erwartungsvoll an . Jeder war überzeugt , er wisse mehr ; man wünschte , er theilte sich mit - doch schwieg er mit der überlegenen Miene , mit der er sich stets zu sichern schien , und geschäftig trat ein Kammerdiener von Madame an ihn heran und rief ihn zur Prinzessin . Der König hatte sich erhoben . Obwol das obige Gespräch nur flüsternd vorging und durch hunderte von Menschen vom Könige getrennt war , so schwieg dennoch augenblicklich Jeder , als er sich erhob , und sein königlicher Blick die Versammlung überflog . » Die Prinzeß de Lesdiguères hat gesiegt , « sagte der Herzog von Rochefaucault - » er nimmt Abschied von Madame und geht zur Königin ! « » O , « rief der Graf Guiche , » wie schwer mag es ihm werden , die einsam weinende Lavallière ohne Trost lassen zu müssen . Welche Widersprüche mögen sein edles , gefühlvolles Herz bewegen ! « » Sein Sie nicht zu gefühlvoll , Graf Guiche ! « lächelte der Herzog . » Solch ' hervorstechendes Mitgefühl richtet die Blicke auf Sie - man macht Folgerungen - man glaubt Sie zu verstehen - genug , das sind alles Dinge , die ein junger Mann , wie Sie , nicht gebrauchen kann . Nähern wir uns lieber jetzt - der König ist fort - Madame sucht ihre zurück gebliebenen Freunde . « - Als Leonin spät in der Nacht die Zimmer der schönen Henriette von England verließ und sich endlich in den seinigen allein sah , wollte er es unternehmen , an Fennimor zu schreiben ; da am andern Tage sein vertrauter Diener nach Ste . Roche gehen sollte , beladen mit den anmuthigen Schätzen , die Paris dem Reichthume darbot . Aber er suchte sich vergeblich dazu zu sammeln . Der König - Madame Henriette - sein eigenes Betragen - Fenelon - und vor Allen die junge Prinzessin von Lesdiguères traten mit Ansprüchen an seine Gedanken dazwischen , die er nicht abzuweisen vermochte . Er war nichts weniger , als zufrieden mit sich - er hatte es weder vermocht , sich dem neuen Tone anzuschließen , wie es seiner Eitelkeit genug gethan hätte , noch war er sich selbst getreu geblieben , den Zwecken und Absichten gemäß , die er verfolgen mußte , um Fennimor ' s Glück zu begründen . Die Ausbeute des Augenblicks hatte ihn allein in Anspruch genommen . Er war sich einer Menge Vorsätze und Einflüsterungen bewußt , die er mit innerlicher Heftigkeit verfolgt hatte , und deren Gelingen nothwendig eine andere Zukunft herauf führen mußte . Er trat an das Fenster , um Luft zu schöpfen . Es war eine milde Nacht , wie sie der Winter Frankreichs zu erhalten weiß . Das Palais Crecy gestattete einen Blick auf die Gärten von Versailles . Die geschnittenen Bäume und Hecken behielten Körper und gaben Schatten , obwol vom Laube entkleidet , und der Mond zeichnete sie auf den zierlichen Parterres der Gärten , während über die dunkeln Bassins Schwäne segelten , als zögen sie den Sternbildern nach , die auf dem ruhigen Spiegel vor ihnen schimmerten . - Dahinter lag das große Schloß mit seinen vorspringenden Pavillons , mit allen Vorzügen , die der Mondschein der Architektur verleiht , anscheinend in Stille versenkt , von keinem Lichtschimmer mehr erhellt . » O , « rief Leonin , zur Ruhe gesprochen von diesem unerschütterlichen Walten der Natur , » wie ist Dein Bereich das einzig wahre Element für eine bessere menschliche Existenz ! Wie findet man in Dir Harmonie und Gleichmaaß der gestörten Empfindung wieder - wie giebst Du uns unsern bessern Theil zurück , wenn in dem Bereiche der Menschen Alles verdrängt und verjagt wird , was in ihre angekünstelten Zustände störend eingreifen will ! - Und doch haben sie Macht über mich , « fuhr er schmerzlich fort » doch ward ich von ihnen verführt und trachtete in ihnen unterzutauchen - so groß ist ihr falscher Schein ! « » Fennimor , mein unschuldiges reines Naturkind - wie würdest Du erstaunt Deinen Liebling anblicken und das Zeichen fühlen , das der Böse macht , um seine Opfer wieder zu erkennen ! O , sende Deine Engel , « rief er , die Hände ringend , » damit ihre Thränen es auslöschen ! « Er blieb so stehen , mit einem Schmerze , der größer war , als ihn dieser Abend hatte verschulden können . Aber er strafte die Ahnung daran geknüpfter größerer Verschuldungen für die Zukunft , und Leonin schob die Schwäche , mit der er sich diesen Lockungen hingegeben , auf Rechnung ihrer Stärke . Er erkannte nicht , daß , wenn er einen Karakter gehabt hätte , er ihn gerade da hätte behaupten können , wo die verschiedensten Elemente Platz neben einander fanden . Er vergaß , daß Fenelon in der Einsamkeit seines Studirzimmers wahrscheinlich eben so war , wie er ihn vor dem Könige gesehn , und er hob jetzt die eitle , triviale Seite so stark hervor , nicht allein um sich damit zu trösten , sondern , weil ihr anmaßendes Hervortreten , ihr scheinbarer Glanz ihm am schnellsten imponirt hatte ; weil er durch den Versuch , sich ihr anzuschließen , in seiner eignen Achtung verlor und diese auf dem falschen Wege wieder zu erlangen trachtete , daß er sich das Maaß der Versuchung vergrößerte . Wie aber halbe Selbstgeständnisse immer einen trüben Grund zurücklassen und die Mittel zu unserer Besserung verdecken , so fühlte Leonin auch jetzt keine Erquickung von seinem Selbstgespräche , sondern ein Zürnen mit der Außenwelt , und doch ein Verlangen nach äußerer Hülfe - und so entstand eine lange nicht empfundene Sehnsucht nach Fennimor ; und wenn sie dies Gefühl auch nicht auf dem reinen Wege erreichte , der ihr gebührte , so führte es ihn doch zu ihr zurück - er verschloß das Fenster und eilte an seinen Schreibtisch . Hier lag ihr letzter Brief . - Dieses holde Reden mit ihm , was ihr Leben geworden war , diese rührenden , arglosen Liebesbeweise , diese Erinnerungen an jede Stunde , deren Wichtigkeit sie von ihm getheilt glaubte - wie trafen sie sein Herz , da er sie erst jetzt las oder früher übersehen hatte , weil er sich nicht gleich die Beziehungen zurück rufen konnte . » Den Eudoxien-Thurm habe ich ganz herstellen lassen , « schrieb sie , » ohne daß man die Ueberreste der armen Gemordeten berühren durfte . Der Kamin ist geräumt , täglich erhellt ihn die Flamme , und der Altan ist nun auch ein schönes Plätzchen geworden ! Wenn die Sonne scheint , trete ich hinaus und übersehe den Weg , den ich Dich zuletzt dahin eilen sah , und fühle dann an meinem Herzen einen Schmerz , der so wehe thut , wie die blutende Wunde der armen Eudoxia . Dann bete ich oft vor ihrem kleinen Betpulte und bitte Gott um ein frommes Herz , damit ich Dich nicht Deinen Pflichten entziehe , sondern stille harre , bis der Segen der Aeltern Dich zu mir zurück führt . - Wie viel Thränen mag hier die arme Eudoxia geweint haben . Wenn ich das kleine kunstreiche Pult betrachte , so denke ich oft , ich müsse die Spur ihrer Thränen noch darauf entdecken können ; und als ich sie heute Morgen wirklich entdeckte , erschrak ich fast ; denn ich hatte vergessen , daß es meine eigenen waren . Den Harfion hat mir ein Mönch aus der Abtei Tabor neu besaitet . Er lehrt mich die Stimmung und die eigene Weise , ihn zu spielen . Schon habe ich Fortschritte gemacht - da ich aber nur in Eudoxiens Zimmer spiele , so ist mein Fleiß nicht groß . « In dieser Weise waren viele Blätter angefüllt , zierlich und fein geschrieben mit der eigenthümlichen Geradheit der Linien und Buchstaben , die ihren Schriftzügen fast eine Portraitähnlichkeit mit ihrem ganzen Wesen gaben . Leonin vertiefte sich in sie , und die nur verdeckt liegende Empfindung für sie wurde erweckt durch das süße kleine Wellengekräusel ihrer Worte . Er fühlte sich der Liebende wieder , und was er schrieb , trug den Karakter dieser Empfindung . Als Leonin am andern Morgen sich anschickte zu seiner Mutter zu gehn , war er fester , wie früher , entschlossen , ihr jeßt selbst seine Verbindung mit Fennimor anzuzeigen und ihren Rath , ihren Beistand zur Ausgleichung dieser Verhältnisse aufzurufen . - Gehoben durch diesen Entschluß , fühlte er sich zufriedener , und sein Ausdruck gewann unwillkürlich an Ernst und Würde . - Als er den kleinen Salon betrat , in welchem die Marschallin ihre Morgenstunden zubrachte , ruhte sie behaglich auf einem Armstuhle in der Mitte des Zimmers , dem Fenster zunächst , an welchem Mademoiselle Louise auf einer kleinen Erhöhung saß , in eine nebelartige Draperie gehüllt , das Haar halb aufgelöst und mit einigen Blumen phantastisch geschmückt . Vor ihr saß ein junger Mann mit Palette und Pinsel und vollendete vor dem reizenden Originale ein großes Portrait der liebenswürdigen Louise . Die Marschallin überlief ihren Sohn nur mit einem Blicke und wußte gleich , es solle heut ' Entdeckungen geben , die sie nicht hören wollte . Sie erhob daher ihre Stimme augenblicklich noch mehr als zuvor , um dem Sohne anzudeuten , daß sie inmitten einer Rede sei und reichte ihm blos lächelnd die Hand zur Bewillkommnung . » Ich sage Ihnen aber , mein lieber Lesüeur , Ihre ewigen Grillen mit dem armen Lebrun sind aus der Luft gegriffen - er denkt nicht daran , Sie beim Könige verkleinern zu wollen ! Gestern Abend noch sagte Seine Majestät , er habe von dem schönen Portrait gehört , das Sie von Mademoiselle Louise machten , und ich erhielt die Erlaubniß , es ihm präsentiren zu dürfen . « - Der Eindruck , den Lesüeur von dieser Hoffnung erhielt , war sichtlich erheiternd . Er stand auf und neigte sich tief vor der Marschallin , und Leonin hatte nun Gelegenheit , sich dem berühmten Künstler zu nahen , dessen damals sehr bewunderte Bilder aus dem Leben des heiligen Bruno für das Karthäuserkloster in Paris , ihn zu einem Rival Lebrun ' s gemacht hatten , dessen glänzendes Genie Keinen neben sich dulden wollte . Aber schon trug Lesüeur die Farbe der Krankheit , die seinem Leben ein frühes Ziel setzte , auf dem Antlitze . Seine Wangen waren eingefallen , und ein Paar kränklich rothe Flecke unter den Augen contrastirten , Unheil verkündend , mit der gelblichen Farbe der Haut . Doch konnte Niemand dieses edle Opfer unermüdlichen Fleißes ohne Antheil und Achtung betrachten . Diese seelenvollen , großen , schwarzen Augen schienen um den Mangel der physischen Kraft zu klagen , die der sprudelnde Geist zu seinen Schöpfungen begehrte . - Seine schlanke , magere Figur war frühzeitig gebeugt , seine Kleidung immer zu weit , und wenn auch sauber , doch zerstreut angelegt , ohne die Verheerungen zu verbergen , welche schon von dem Vorschreiten der Krankheit zeigten . Seine Sprache war abwechselnd rauh , oder leise und schwach , die kleinste Veranlassung schreckte ihn auf und erfüllte ihn mit Einbildungen . Er hielt sich verfolgt und gekränkt , er mißkannte seine Erfolge und glaubte sich von Niemand geschätzt und gewürdigt . Auch that Lebrun Manches gegen , Nichts für ihn , welches ihm um so leichter durchzuführen wurde , als er der Modemaler geworden war , dessen Name die Menge von der Nothwendigkeit erlöste , selbst zu prüfen und ihr die Bequemlichkeit sicherte , eine Bewunderung zeigen zu dürfen , die sie nicht nöthig hatte zu beweisen ; da der Name Lebrun für ihre fehlende Beurtheilung gut sagte . Eben hatte Lesüeur der Marschallin geklagt , wie Lebrun ihn verfolge , und Wahrheit und Täuschung mengten sich krankhaft durch einander , was die kluge Frau , die herrschende Mode , Künstler und Gelehrte zu beschützen , mitmachend , mit voller Beredsamkeit in Lesüeur zu mildern gesucht hatte . » Hier , mein Lieber , « sprach sie zu ihrem Sohne - » eilen Sie , die angenehme Bekanntschaft unsers berühmten Lesüeur zu machen und bewundern Sie dann das bezaubernde Bild von Mademoiselle Louise , welches wir ihm verdanken werden . « Dies that Leonin mit der ganzen Freundlichkeit , die seinem wohlwollenden Herzen so natürlich war , und berührte dadurch das Gemüth des Künstlers wahrhaft erquickend ; aber noch wohler that ihm das Entzücken , mit welchem Leonin das Portrait seiner geliebten Louise betrachtete , das , wenn auch im Geschmacke der Zeit etwas nebelartig und phantastisch aufgefaßt , doch keinem Zeitgenossen anders , als ein vollendetes Kunstwerk erscheinen konnte . Er nöthigte Lesüeur , an seine Arbeit zurück zu kehren , und nahm an seiner Seite Platz , mit Interesse die fortschreitende Arbeit des Künstlers verfolgend . » Und dieser Mann , den Sie mit Recht so bewundern , mein Sohn , « - fuhr die Marschallin im trockenen Protektionstone fort - » können Sie denken , daß er mich den ganzen Morgen schon in Arbeit erhält , um ihm seine thörichten Einbildungen zu verjagen , weil er sich überredet