ist es mit Euch ? Ihr seid todtenblaß , Ihr seid krank ? fragte Mitchell ihn aufmerksam betrachtend . Nichts , nichts ; war die Antwort : plötzlich ein Stich in die Brust , ich habe das zuweilen , es geht aber schnell vorüber ; ich bitte Euch , fahrt fort . Nun denn , viel ist nicht mehr übrig zu erzählen : der Eine wollte gleich den Brief an den Kaiser abfassen , der Andre , wahrscheinlich vom Trinken weniger erhitzt , suchte einige Tage Aufschub von ihm zu erhalten . In der Hauptsache waren Beide eines Sinnes ; sie gelobten einander Treue und Verschwiegenheit . Dann kamen mehrere aus der Gesellschaft hinzu , von andern Dingen wurde gesprochen , und ich benutzte die erste Gelegenheit , um mich ungesehen aus meinem Schlupfwinkel fortzuschleichen . Aber Mr. Wood , Ihr werdet immer bleicher ! Nicht doch , nicht doch ; ich bin wohl , ganz wohl , der kleine Anfall geht schon vorüber ; erwiederte Richard : aber die Namen jener Beiden , Ihr kennt sie doch ? Auf die Namen kommt viel an . Die gehören zu den unaussprechbaren , wie die meisten in diesem Lande , war die Antwort . Doch die Personen Beider sind mir wohl bekannt ; wahrscheinlich sind sie heute Abend wieder bei Caffarelli , wenn Ihr mich begleiten wollt , so zeige ich sie Euch . Doch nun sprecht , entscheidet , soll ich gehen ? soll ich bleiben ? rathet mir was ist zu thun ! sie führen ihren Entschluß aus , davon bin ich überzeugt ; was sie sprachen war so fest , so besonnen alles überlegend . Weiß der Fürst um die Verschwörung , und um Eure heutige Entdeckung ? fragte Richard . Wo denkt Ihr hin ! das wäre vollends schön ! da käme ich gut an ! das wäre ja als ob man eine brennende Lunte in ein Pulverfaß werfen wollte ! Da müßte ja alles Unheil gleich auf der Stelle hereinbrechen . Haltet Ihr mich für ein Kind ? oder für ein altes Weib das nicht schweigen kann ? fuhr Mitchell halb beleidigt auf . Verzeiht , so war es nicht gemeint , erwiederte Richard . Eure Nachricht hat mich überrascht , ich leugne es nicht ; ich muß mich erst fassen , gebt mir nur einige Zeit , nur bis ich ein wenig über das Alles nachgedacht habe , dann soll es an meinem guten Rathe in dieser wichtigen Angelegenheit Euch nicht fehlen . Und nun kommt zu Caffarelli . Mit diesen Worten faßte Richard in einem jener Anfälle von Verzweiflung , die der muthigsten Entschlossenheit wie ein Tropfen Wasser dem andern gleich sehen , Mitchells Arm und zog ihn mit sich fort . Mitchell mußte ihm folgen , er mochte wollen oder nicht . Sie fanden wirklich die , welche sie suchten , am bestimmten Orte im Dominospiele vertieft . Richard war ihnen oft in den Versammlungen des Bundes begegnet ; Beide waren Offiziere , der eine hatte Frau und Kinder , der andre für eine bejahrte Mutter zu sorgen . Richard , indem er sie aufmerksamer jetzt beobachtete , begriff kaum wie es zugegangen sein könne , daß nicht so manches unheimlich-geheimnißvolle in ihrem Wesen und Betragen , besonders in dem des Ältesten unter ihnen , eben der , welcher zufolge Mitchells Aussage , die Entdeckung noch aufgeschoben wissen wollte , nicht schon längst auf diese Beiden den Argwohn geleitet habe , der ihm in diesem Augenblicke fast zur Gewißheit wurde . Die Abendgesellschaften bei Caffarelli pflegten gewöhnlich in ziemlich wilde , oft bis zum grauenden Morgen währende Orgien auszuarten . Während Mitchell , Richard alles allein überlassend , sich frühzeitig zurückzog , um morgen mit hellem Kopfe an seine Geschäfte zu gehen , hielt jener diesesmal ganz bis ans Ende dabei aus . Soviel er , ohne daß es auffallend wurde , es konnte , folgte er den ihm Verdächtigen wie ihr Schatten , bis zum Aufbruche der Gesellschaft ; sah , wie sie im Laufe des Abends absichtlich sich von einander entfernten , um nicht ihr gar zu enges Zusammenhalten bemerkbar werden zu lassen , und hatte dann wieder vielfache Gelegenheit , halbe Worte , Winke , Blicke aufzufangen , die zwischen ihnen fielen , wenn sie , scheinbar zufällig , an einander vorüber streiften . Er bemühte sich von ihren Bekannten etwas Näheres über ihre häuslichen Verhältnisse zu erfahren ; sie waren der Art , daß , wenn es möglich wäre , daß Verrath und Meineid , wie sie ihn im Sinne hatten , vor menschlichen Augen Entschuldigung finden könnte , diese ihnen vor tausend Andern werden mußte . Beide waren arm , in so drückend-unfreier Lage , daß ihre Verbindung mit den Verschworenen sie in jedem Falle dem Untergange zuführen mußte ; und nicht nur sie , sondern auch ihre Familien , deren Existenz auf sie allein begründet war . Zehn Uhr ? flüsterte , indem er die Gesellschaft verließ , der Eine dem Andern im Vorübergehen zu : im weißen Kreuz bei Sutoff , antwortete dieser . Durch die ängstliche Spannung , in der er auf alles um ihn Vorgehende achtete , waren Richards Sinne bis zu dem Grade geschärft worden , daß selbst diese , jedem Anderen unhörbar leise gesprochenen Worte , seinem Ohre nicht entgingen ; und hätte er keinen Laut davon gehört , er hätte sie wahrscheinlich den Sprechenden von den Lippen gelesen . Die angedeutete , in einer entfernten Vorstadt gelegene , elende Kneipe , war zufälliger Weise ihm bekannt ; er hatte vor einigen Tagen , während eines heftigen Gewittersturms , in ihr Schutz suchen müssen . Noch hatte der Glockenschlag die zehnte Stunde des folgenden Morgens nicht verkündigt , als schon Kapitain Mayboroda , der älteste jener beiden Offiziere , in der niedrigen , von Myriaden von Fliegen durchschwärmten Gaststube des weißen Kreuzes , leise hastige Worte vor sich hinmurmelnd , mit weiten Schritten auf- und abstürmte , bis sein Freund , der Unterlieutenant Rostowzoff sich zu ihm gesellte . Beide waren in ganz unscheinbarer bürgerlicher Kleidung ; sie hatten sich hierher beschieden , um ungestört und unbelauscht , umständlicher als es bis jetzt geschehen konnte , sich zu besprechen und zu berathen . Wir sind nicht allein ! rief Rostowzoff plötzlich , als er an der Seite seines Freundes auf- und abgehend , zufällig einen Blick hinter den riesig großen Ofen warf . Ein Bauerknecht in seinen Schlafpelz gewickelt , das Gesicht durch die übereinander geschlagenen Arme bedeckt , um es gegen das Heer der ihn umsummenden Fliegen zu schützen , lag auf der Ofenbank hingestreckt ; die Überreste eines schwarzen Bauerbrotes , einige Gurken , und ein umgestürztes Glas , aus welchem der Branntwein noch tropfenweise auf den Boden fiel , bewiesen , daß ein überreichliches Frühstück , mit dem er nicht einmal hatte fertig werden können , dem Schläfer gar zu wohl geschmeckt habe . Laß den Klotz liegen : lachte Mayboroda , nachdem er und Rostowzoff sich an ihm müde gerufen und geschüttelt hatten , ohne ihn erwecken oder auch nur aus seiner Lage bringen zu können : der wird uns weder belauschen noch verrathen , dafür stehe ich Dir . Ohne sich weiter durch ihn stören zu lassen , setzten sie ruhig ihr Gespräch fort , und begaben sich dann nach ein paar Stunden , jeder auf andrem Wege , nach Hause . Richards Gemüthszustand , die wilde Aufregung aller herzzerreißenden Gedanken und Empfindungen beschreiben zu wollen , welche nach Überstehung eines weder angenehmen , noch ganz gefahrlosen Abenteuers sich sinnverwirrend seiner bemächtigt hatte , wäre ein gar zu undankbares , schwer gelingendes Unternehmen . Ich bin fest überzeugt , daß meine alles gleich errathenden Leser in seinem schmutzigen Schaafspelze , und den übrigen noch weniger einladenden Requisiten der Maske eines betrunkenen russischen Bauerknechts , sowohl meinen Helden , als den Zweck , zu welchem er diese Verkleidung anlegte , sogleich erkannten . Denn das ist eben aller Roman- und Novellendichter große Verzweiflung , daß es mit Aufbietung aller uns zu Gebote stehenden Phantasie , doch in diesen , an geistiger Kultur überreichen Tagen , fast unmöglich wird , sie durch einen Theatercoup zu überraschen , oder durch Erwartung des ungewissen Ausgangs der Geschichte in angenehme Spannung zu versetzen . Ihr Scharfsinn sieht leider nur zu gut und zu genau alles längst vorher ! ich möchte sagen : früher , als der Autor selbst damit im Klaren ist , wäre dieses nicht einem irischen Bull gar zu ähnlich . Gewißheit hatte Richard auf diese Weise zu erhalten gesucht , Gewißheit dessen , was nur als möglich sich zu denken , mit Angst und Grausen ihn erfüllte . Er hatte sie jetzt erhalten , im vollsten Übermaaße erhalten , und war nahe daran , unter der Last der Erfüllung seines Wunsches zu erliegen ! Mayboroda und Rostowzoff hatten in der schmutzigen , niedrigen Gaststube zum weißen Kreuz vollkommen deutlich , umständlich , und ohne allen Rückhalt sich gegen einander ausgesprochen ; jeder Zweifel an ihrem ernsten Vorsatze , zu erfüllen was sie beschlossen , wäre offenbarer Wahnsinn gewesen ; schaudernd sah Richard an seinem dünnen Faden das Schwert über den Verbündeten schweben ; was sollte , was konnte er thun , um den Fall desselben aufzuhalten , ohne vielleicht nicht auch zugleich über Millionen Menschen ein weit umgreifenderes Unheil herabzurufen ! Nur einen einzigen kurzen Augenblick war der Gedanke in ihm aufgestiegen , unter möglichst mildernden Umständen Pestel oder Sergius mit der dem Bunde drohenden Gefahr bekannt zu machen , und diesem dann die Abwendung derselben zu überlassen ; aber sein edleres Naturell ließ eine solche Entheiligung seines eigenen Wesens nicht zur That sich gestalten . Das , das , rief er über sich selbst entrüstet , das ist der Fluch jener halben Verhältnisse , die auf dem engen zwischen Gut und Böse schwankenden Pfade in geheimnißvollem Dunkel hinschleichen , daß jedes feinere Gefühl für Recht und Unrecht durch sie allmälig in uns abgestumpft wird ; daß es sich nicht mehr regt , wenn wir strauchelnd nicht unterscheiden , auf welcher Seite unser Fuß von der schmalen Bahn abglitt . Wehe dem , der durch sie gezwungen ward , über sich und seine Thaten den Schleier des Geheimnisses zu ziehn ! Wer nicht mehr vor Gott und der Welt frei auftreten und laut eingestehen darf : das habe ich gethan , das will ich thun , ist schon mehr als halb verloren . Ach , und wer an Wänden und Thüren hinlauschend , die Geheimnisse Anderer zu erspähen suchen muß , was ist der ? Und habe ich nicht selbst so tief , und weit tiefer noch , mich herabgewürdigt ! Ich mußte es ! Da war kein Ausweg mehr , ich wich dem Gebote strenger Nothwendigkeit . Aber daß ich fähig war , wenn auch nur einen kurzen Augenblick , den Gedanken zu fassen , das von mir erlauschte Geheimniß jenen Tigern zu verrathen , denen das Leben eines einzelnen Menschen wie Spreu vor dem Winde ist ! - in den Mittelpunkt der Erde möchte ich vor mir selbst mich verbergen , wenn ich das recht bedenke . Der niedrige Angeber bedrängter Hausväter werden , die von häuslicher Noth schwerer That zugetrieben - o mein Gott , mein Gott ! ist ihr Vorsatz denn wirklich Verbrechen und das Gegentheil desselben Tugend zu nennen ? - und bin ich es , der über die Unglücklichen den Stab brechen darf ? Ein einziger armer Trost , an dem er sich einigermaßen ermuthigen konnte , war ihm noch geblieben ; er hatte noch acht Tage Zeit vor sich , um den Entschluß , den er doch nothwendig ergreifen mußte , zu überdenken . Acht Tage ! eine kurze Frist , wie das Gesetz zuweilen dem Verurtheilten sie zugesteht , um Abänderung des wider ihn gesprochenen Todesurtheils zu erflehen , und während welcher dieser zwischen Furcht und Hoffen tausendfältig Todesangst in Qualen der Ungewißheit erduldet . Zwischen Mayboroda und Rostowzoff herrschte in jeder Hinsicht die vollkommenste Übereinstimmung ihrer Ansichten und Pläne . Der einzige Punkt , über welchen sie sich nicht gleich vereinigen konnten , betraf die Absendung des Briefes , der die wichtige Entdeckung enthielt , welche sie als den einzigen Weg zu ihrer eigenen Rettung betrachteten . Richard hörte wie sie , in vollster Überzeugung unbelauschter Sicherheit , den Entwurf jenes Briefes mit einander lasen und Punkt für Punkt durchgingen . Das Schreiben enthielt nicht nur die Statuten des Bundes , von dessen erster Entstehung an bis zu der jetzigen Ausartung desselben , auch die Liste der bedeutendsten Mitglieder war sehr umständlich ihm beigefügt . Fürst Andreas , Eugen , Alex , waren an der Spitze als Häupter desselben neben Pestel genannt , neben Sergius , neben Mathias Apostol , neben Bestuscheff Romin ! Ob dieses Schreiben mit der Post geradezu an des Kaisers Majestät abgehen solle , den ein unverbürgtes Gerücht so eben in Tangarog hatte anlangen lassen , oder dem Minister Fürst * * * * * der in Petersburg selbst anwesend war , übergeben werden , das war die große Frage , über die sie sich nicht gleich vereinigen konnten . Mayboroda , als der ältere und vorsichtigere , war für den ersteren , der jüngere heftigere Rostowzoff für den zweiten , schneller zum Ziele führenden Weg . Er fand es unendlich schwierig , ein so wichtiges Papier in so weiter Entfernung schnell , sicher , unverletzt , in die Hände des Monarchen zu bringen , der , im Andrange der Geschäfte , es vielleicht lange ungelesen und unbeachtet liegen lassen würde , indem er die Wichtigkeit desselben unmöglich ahnen könne . Nach langem für und wider Streiten , kamen beide mit einander überein nichts zu übereilen , sondern über diesen Punkt noch acht Tage Bedenkzeit sich zu gönnen . Und wenn nun diese Frist verstrichen ist , wenn jene acht Tage vorüber sind , was dann ? fragte Richard sich . Gott wird helfen ! seufzte er ; doch die Hoffnung , welche in jenen frommen Worten liegt , an denen er so gern fest gehalten , fand in seinem angsterfüllten Herzen keinen Raum . In Kämpfen mit immer steigender , immer qualvoller sich aussprechender Unentschlossenheit , in Überlegungen , welche nur zu beklemmender Geistesdumpfheit , aber zu keinem bestimmt festzuhaltenden Resultate führten , verlor Richard viel von der ihm spärlich zugemessenen Zeit , und wäre vielleicht auf gutem Wege gewesen auch den Verstand darüber zu verlieren , hätte er nicht , ehe es damit zu spät war , sich gewaltsam zusammen genommen . Kein Ausweg ! keiner ! keiner ! rief er : so geschehe denn was geschehen muß ! Andreas , mein Vater und mein Gebieter , ich kann Deinem Verbote nicht länger gehorsamen , ich kann nicht länger Dich schonen ! Mir bleibt keine Wahl , ich breche jede Scheidewand nieder , die Du zwischen uns beide gestellt hast ; gegen Deinen Willen dringe ich zu Dir durch , und lege die Last , die ich nicht zu lüften vermag , in Deine starke Hand . Es war mein erster Vorsatz , wie es der natürlichste ist . Was ich damit aufs Spiel setze ? Ich weiß es wohl ! Ach wäre es nur blos mein Leben , und mit diesem Opfer alles beendet ! Richard traf den Fürsten Andreas nicht daheim ; er kehrte am nämlichen Tage in dessen Hôtel zurück , zwei , dreimal , zuletzt sogar zu später Nachtzeit ; immer vergebens , er fand ihn nicht . Er überzeugte sich , daß Andreas sich nicht verleugnen lasse , wie es wohl zuweilen geschehen sein mochte , und wie Richard auch jetzt es befürchtete ; aber der Fürst war wirklich seit dem Morgen dieses Tages nicht wieder nach Hause gekommen . Auch bei den Damen war keine Nachricht von ihm zu erhalten ; den Tag über fand Richard sie von Besuchen umringt , Abends war Kartenassemblée bei der Fürstin Eudoxia , wodurch die Abwesenheit ihres Gemahls , der solchen Festen gern aus dem Wege ging , freilich einigermaßen motivirt wurde . Eine alte , sehr vornehme und sehr verdrießliche Dame , deren Parthie die Tochter des Hauses gewöhnlich machen mußte , weil dergleichen keinem andern zuzumuthen war , hielt die arme Helena am Whisttische fest ; und nur durch ein kleines , unmerkliches Achselzucken , von einem tragikomischen Lächeln begleitet , konnte sie diesmal ihren Freund aus weiter Ferne begrüßen . Nach in peinlichster Sorge durchwachter Nacht wandte Richard alles an , die Fassung zu erringen , deren er bedurfte , um heute gewiß , selbst gegen den ausgesprochensten Willen des Fürsten , bis zu ihm durchzudringen . Fünf Tage , nur noch fünf Tage ! rief es unaufhörlich in seinem Innern ; in unaussprechlicher Seelenangst , mit dem Gefühle des Verurtheilten , dem der Richter das Ziel seines Lebens , zu Stunden und Minuten berechnet , vor Augen gestellt hat , sah er den Zeiger seiner Uhr vorwärts rücken . Da wurde ein Billet des Fürsten ihm gebracht ; schon von weitem erkannte er die Handschrift : in zitternder Hast brach er es auf . » Sehr leid thut es mir , lieber Sohn , daß Du mich gestern wiederholentlich verfehlen mußtest : schrieb der Fürst : um so mehr , da vielleicht zehn bis vierzehn Tage vergehen werden , ehe ich und Du - - Der Boden wankte unter Richards Füßen , er vermochte nicht weiter zu lesen , riß die Thüre auf : mein Pferd , rief er überlaut , eilt , eilt als gälte es auf Leben und Tod ! mein Pferd , die Droschke , um Gotteswillen eilt , eilt ! Dann nahm er das verhängnißvolle Blatt wieder zur Hand , aber die Zeilen , die Schriftzüge wogten und wirrten vor seinem unstäten Blicke in und durch einander . Glücklicher Weise hatte er schon am vorhergehenden Abend zu früher Morgenzeit anzuspannen befohlen ; ohne Zögern konnte er daher in die Droschke sich werfen , und mit verhängtem Zügel dem Hotel des Fürsten zujagen . Schon lange vor Tagesanbruch war Andreas mit Postpferden abgereist , keiner der Diener wußte genau wohin ; Einige wollten Riga , Andre Dorpat , noch Andere Mitau als das Ziel der Reise nennen gehört haben ; Bestimmtes wußte Niemand anzugeben ; Mitchell und der Kammerdiener waren seine einzigen Begleiter . Eisige Kälte rann schaudernd bei dieser Nachricht dem unglücklichen Richard durch Mark und Bein ; er zog den Zettel des Fürsten wieder hervor , und war jetzt im Stande weiter zu lesen . » - zehn bis vierzehn Tage vergehen werden , ehe ich und Du uns wiedersehen : denn ich stehe im Begriff mit Deinem Landsmann eine nothwendige Geschäftsreise anzutreten , die mich leicht so lange von Petersburg entfernt halten kann : war der Schluß jener oben abgebrochenen Periode . Bei allen seinen Seltsamkeiten und Langweiligkeiten : hieß es ferner : kann dieser Mensch als treffliches Werkzeug dienen , um mit seiner Hülfe ungemein viel Nützliches für das allgemeine Beste zu wirken . Rechne es mir nicht zu , mein Sohn , daß ich in der letzten Zeit von meinen Lieblingsplänen zu erfüllt war , deren Ausführung ich jetzt rasch entgegenschreite , Du kennst mich ja ! Ist Mitchell nur erst in voller Thätigkeit , dann kommt auch Deine Zeit . Bis dahin lebe wohl , auf glückliches Wiedersehn . « Glückliches Wiedersehn ! Nacht wurde es bei diesen Worten in Richards Seele . Er wußte nicht was er zuerst ergreifen solle . Zu Eudoxia , von ihr den Aufenthalt ihres Gemahls erforschen , und dann ihm nach , selbst ohne Urlaub , wenn es sein muß , und kostete es Leben und Ehre . Etwas einem solchen Entschlusse Ähnliches dämmerte in ihm auf . Er vergaß daß die Sonne kaum aufgegangen sei , eilte dem von der Fürstin bewohnten Flügel zu , und fand dort noch alles in tiefe Nacht versunken . Außer einigen mit Reinigen der Zimmer beschäftigten Weibern , regte in diesem Theile des Hotels sich für jetzt noch keine lebende Seele . Unmuthig wandte er sich dem Rückwege zu - da brach dicht neben ihm ein feines Stimmchen , hell wie ein Silberglöckchen , in halb ersticktes Lachen aus ; leichtfüßig huschte wie auf Socken etwas an ihm vorüber . Die kleine Zoë war es , Helenens zierliches Spielwerk ; ein armes Griechenkind , dem sie wie einem artigen , buntgefiederten Lieblingsvögelchen , im Innern ihrer Zimmer herum zu flattern erlaubte , und zugleich mit großer Liebe zu ihrem persönlichen Dienste es sich heranzog . Ei Herr ! so früh am Tage ? fragte die Kleine und schlug die langen dunkeln Wimpern auf , um mit den großen hellen Kinderaugen ihn von oben bis unten zu betrachten . Und sieh ' st obendrein wie ein aufsteigendes Gewitter aus . Der fahlgraue Überrock , in welchem ich Dich in meinem Leben noch nicht gesehen habe , schlottert wirklich wie eine Regenwolke um Dich her ; da muß man sich ja fürchten Dir nur einen guten Morgen zu bieten ! setzte Zoë lachend hinzu . Schläft Sie noch ? fragte Richard , ohne auf die kleine Schwätzerin zu hören . Sanft und süß ; denn nach Deiner Toilette , und nach dem Tone in welchem Du frägst zu schließen , meinst Du doch wohl unsre Amme , Frau Elisabeth , war Zoës neckende Antwort . Meinst Du aber uns etwa : so wisse , daß wir in dieser schönen Sommerzeit immer mit der Lerche auffliegen . Aber unsichtbar bleiben wir darum doch . Bilde Dir nicht etwa ein , daß Du mich wirklich jetzt siehst ; Gott bewahre , damit hat es noch einige Stunden Zeit . Zoë , süßes liebes Kind , bat Richard , der jetzt wieder zu einiger Besinnung gelangt war , ich muß Deine Herrin sehen , sprechen , jetzt gleich ; es hängt weit Wichtigeres davon ab , als ich Dir sagen , als Du begreifen kannst . Ich beschwöre Dich bei allem , was Dir lieb und heilig ist , bei dem Andenken Deiner Mutter , bei dem grauen Haupte Deines Vaters beschwöre ich Dich , bringe mich zu ihr , nur auf wenige Minuten . Zoë stand vor ihm , halb erschrocken über den Ernst , mit welchem er in sie drang ; doch ihr kindischer Muthwille gewann bald wieder die Oberhand . Sehen ? sprechen ? und in dieser Regenwolkenhülle ? fragte sie : machte ein altkluges Gesichtchen , neigte das Köpfchen nach einer Seite , wendete die Fläche der kleinen in einander gefaltenen Hände mit vorgestreckten Armen dem Boden zu , und wiegte sich bedächtig von einem Füßchen auf das Andre . Nein , es geht doch nicht : fuhr sie plötzlich auf : sprechen ? unmöglich ! aber sehen ? nun es kommt darauf an , setzte sie schalkhaft lächelnd hinzu , was giebst Du mir wenn - bist Du dumm ! rief sie heftig mit dem Fuße aufstampfend , indem sie bemerkte daß Richard nach der Halskette griff , an welcher er seine Uhr trug , und wandte ihm unwillig den Rücken . Doch besann sie sich bald wieder eines Bessern , drückte , durch dies Zeichen Schweigen gebietend , den Finger auf die Lippen , nickte lächelnd aus klugen Augen ihn an , wandte sich , winkte ihm ihr zu folgen , und schritt , leise leise , auf den Sammtpfötchen eines Kätzchens , behende vor ihm her , einen Weg den er nie gekommen war , über schmale Treppen bald auf , bald ab , bis vor eine von innen verhängte Glasthüre . Dort ließ sie ihn stehen , ihr beredtes bittendes Mienenspiel ermahnte ihn nochmals zum lautlosesten Schweigen , dann verschwand sie , eben so unhörbar leise , als sie gekommen war . Der in einer Ecke etwas verschobene Vorhang hinter der Glasthüre vergönnte einen Überblick des sehr kleinen , kapellenartig eingerichteten Kabinets , vor welchem Richard stand . Die Wände desselben waren mit Marmor in verschiedenen Farben bekleidet , eine goldne , sogenannte ewige Lampe schwebte von der hochgewölbten Decke herab , und beleuchtete , nie verlöschend , das uralte auf Goldgrund gemalte Muttergottesbild über dem kleinen Hausaltare von Malachit , den kunstvolle Stickereien und die köstlichsten Spitzen aus Brabant zwar bekleideten , aber nicht verdeckten . Frische Sträuße von blühenden Myrten und weißen Lilien prangten vor dem Altargemälde in gleich Diamanten blitzenden Vasen vom reinsten Bergkrystall , und ein golddurchwirkter persischer Teppich lag unter dem Betschemel vor dem Altare hingebreitet . Zu Richards finstern Gedanken , welche unablässig Tag und Nacht ihn verfolgten , wollte diese unerwartete ihm entgegen leuchtende Pracht wenig stimmen . Geblendet senkte er die Augenlieder ; der bis zu ihm dringende Weihrauch und Lilienduft wirkte betäubend auf seine Sinne , ihm wurde sonderbar zu Muthe , als sei nun alles überstanden , als schwebe er , von jeder Sorge entfesselt , an der Schwelle einer höheren Welt . Ausruhend wollte die müde Seele in einen traumähnlichen Zustand schon sich versenken , als ein blendenderes Licht Richards halbgeschlossene Augen fast schmerzhaft berührte . Er fuhr auf , die höher steigende Morgensonne hatte in diesem Augenblicke die in alter Glasmalerei prangenden Scheiben eines großen Fensters , dem Altare gegenüber , erreicht , und übergoß nun das Innere des Tempels mit einem , in allen Farben des Regenbogens glühenden Lichtstrome . Jetzt erst , umgeben von diesem Meere von Glanz , wurde Richard einer wahrhaft himmlischen Gestalt gewahr , die halb knieend in betender Stellung auf dem Betschemel vor dem Altare hingesunken dalag . Im ersten Augenblicke glaubte er einer Erscheinung aus höheren Sphären gewürdigt worden zu sein , denn er sah das schöne Köpfchen von einer Strahlenglorie umgeben , wie Maler ihren Heiligen sie verleihen , um von gewöhnlichen Erdensöhnen und Töchtern sie zu unterscheiden . Es war Helena , die hier in heiliger Morgenfrühe zu Gott sich wandte , ehe sie dem Treiben des geräuschvolleren Weltlebens sich überließ . Die durch das gefärbte Glas hinter ihr einfallenden Sonnenstrahlen , die in den noch nicht gefesselten Locken gleichsam gefangen , jedes einzelne Haar in magischem Lichtglanze verklärten , brachten jene anmuthige Täuschung hervor . Der übrige überschwängliche Reichthum von Locken und Flechten war größtentheils durch eigene Schwere dem Kamme entschlüpft , der ihn zusammen halten sollte , und wallte in reizender Unordnung über dem schneeweißen , wie aus Luft gewobenen Morgenkleide hin , das die liebliche Gestalt in breiten malerischen Falten umfloß , fast bis zu den von den zierlichsten seidenen Pantöffelchen nur eben umfangenen Spitzen der Füßchen . Schöner , lieblicher , ich möchte sagen , anbetungswürdiger , wenn das nicht gar zu altmodisch klänge , als in dieser ungesucht-einfachen , jeden Reiz bezeichnenden , und doch so bescheiden züchtigen Kleidung , hatte Richard seine Helena nie gesehen . Aller Hoheit entäußert , durch welche Reichthum und Rang in der Welt sie auszeichneten , und die sie im täglichen Leben mit so viel Würde und Anmuth geltend zu machen wußte , erschien sie ihm hier , in anspruchsloser rührender Einfachheit , ein Lieblingskind der Natur , leichter , jünger sogar als sonst , ein lächelnder Engel , an der Gränze der Kindheit , mit klaren hellen Augen , mit rothgeschlafenen Wangen , so ruhig , so heiter , als habe ihrem kurzen schönen Leben weder Sorge noch Widerwärtigkeit jemals genaht , als ob sich und Andere erfreuen der einzige Zweck ihres Daseins wäre , als könne kein Morgen anders als Glück verkündend ihr aufgehn . Die schön geformten , in dieser frühen Tageszeit weder mit Ringen noch Spangen belasteten Hände , ruhten zu beiden Seiten auf den Blättern des auf Pergament geschriebenen Gebetbuchs , das in alterthümlicher Pracht , in Sammt und Gold , Emaille und Edelsteinen prangend , auf dem Betpult aufgeschlagen vor ihr lag ; fromm und ernst hafteten ihre Augen auf den von längst in Staub zerfallenen Händen zierlich gebildeten Schriftzügen . Leise flüsternd , bewegte sich der liebliche Mund in unbeschreiblicher Anmuth . Die nämlichen Gebete , in der nämlichen Form , mit den nämlichen Worten , wie sie von Jugend auf ihr gelehrt worden waren , strömten ihr sowohl von den Lippen , als aus dem Herzen , und dies gerade war es , was der übrigens so Hochgebildeten etwas jedes Gefühl tief Ansprechendes verlieh . Vom reinsten Glauben durchdrungen , war das fromme Mädchen der festen Überzeugung , daß Gott ihr Bitten verstehe , ohne daß sie nach Worten zu suchen habe , um ihm ihre Wünsche ausdrücklich auseinander zu setzen . Und so hielt sie sich an der von Alters her ihr lieb gewordenen Formel , aus welcher ein erquicklicher Hauch ihrer Kinderjahre ihr entgegen wehte . Obgleich die mit leiser , man könnte sagen , innerlicher Stimme geflüsterten Worte , zum größten Theile unvernehmlich an ihm vorüberrauschten , so hörte Richard tief bewegt doch deutlich die Namen von Helenens Eltern und Geschwistern , wie sie nach dem vorgeschriebenen Formular der Kirche vor Gott in Demuth sie nannte ; der Name des Kaisers aber , der gleich darauf folgte , ergriff ihn mit einer Gewalt , für welche es schwer wäre Worte zu finden . Die Kniee brachen unter ihm zusammen , sein Herz entbrannte in unbeschreiblicher Inbrunst zum heißen Gebet um Abwendung jeder dem geliebten Herrscher drohenden Gefahr . Jetzt aber , jetzt hörte er und glaubte zu träumen , auch seinen Namen ; und seiner selbst nicht mehr mächtig , im Gefühle schmerzlicher , Alles überwältigender Wonne , hatte er eben nur noch Besinnung genug , diese heilige Stunde nicht durch plötzliches Erscheinen vor der Geliebten zu entweihen . Einige Minuten später rief ein leises Geräusch ihn zu hellerem Bewußtsein zurück . Zoë stand , ihm winkend , in der geöffneten Thüre , durch welche sie ihn früher hinein geführt hatte . Richard warf noch einen Blick auf den jetzt verlassenen Platz vor dem Altare , und folgte seiner jungen Führerin , die leicht wie eine Libelle vor ihm hinschwebte