und die Eitelkeit der Königin unterstützte nur zu sehr die Unternehmungen des wilden Mannes . Der Herzog verließ Frankreich mit dem Versprechen , als öffentlicher Gesandter und Bewerber um die königliche Prinzessin wieder zu kehren , und ein Verhältniß alsdann fortzuführen , welches der Leichtsinn der Königin schon jetzt begünstigte . So übermüthig er aber seine Absichten betrieb , fühlte er dennoch , daß seine Lage nicht ohne Schwierigkeiten sein würde . Richelieu war stets sein heimlicher Feind gewesen , stellte sich ihm jetzt aber als von gleichem Interesse und den schmeichelhaftesten Gesinnungen belebt gegenüber . Wie wenig er indeß demselben trauen durfte , zeigten die von der Königin empfangenen Warnungen , die ihn zwangen , vorerst schneller abzureisen , um unter einem offiziellen und seine Sicherheit sanctionirenden Karakter wiederzukehren . Auch war dieser ganze Vermählungsplan vorerst Eigenthum seines Kopfes , womit er jedoch leicht fertig zu werden meinte , da er damit am sichersten König Jakobs Schmerz über die Zerstörung seiner Pläne in Spanien zu beruhigen dachte . Auch durfte er bei der Schönheit der Prinzessin Henriette die Einwilligung des Prinzen um so eher zu erhalten hoffen , als dieser von der freisinnigen Bildung dieser Fürstin keinen nachtheiligen Einfluß derselben als Katholikin zu fürchten hatte . Schon hatte Jakob , unfähig , dem halb zürnenden , halb schmeichelnden Buckingham zu widerstehen , zu Allem seine Einwilligung gegeben , während die Bewunderung des Prinzen für die bezaubernde Henriette von Frankreich ihm zur Zeit die seinige gleichfalls zu sichern schien ; genug , der ersehnte Augenblick war nah , der ihn in dem vollen Glanze eines Bewerbers für seinen Prinzen an den Hof zurückrief , wo er hoffen durfte , unter dieser äußern Bestimmung die geheimen Wünsche und Absichten seines sittenlosen Herzens zu verfolgen . Wie mußte er daher die Hindernisse aufnehmen , die sich ihm durch die Mittheilungen des Prinzen einzuleiten schienen , und wie die Ankunft des verhaßten Mazarin , der sich nie ohne wichtige Absichten einzuführen pflegte und den er in so vielen Beziehungen zu fürchten hatte . Aber Hindernisse sind für intriguante Menschen nur ein erhöhtes Lebensprinzip , durch sie wird dem Verlangen , ihre Absichten zu erreichen , noch die besondere Freude , ihre Gegner zu demüthigen , beigesellt . Wir verlassen einstweilen diesen Schauplatz der Leidenschaften , uns mit den Andeutungen begnügend , deren weitere Entwickelung dem Verfolg unserer Mittheilungen vorbehalten bleibt . In Burton-Hall hatte sich außer dem Familienkreise des Grafen von Dorset eine zahlreiche Gesellschaft von jüngern und ältern Personen aus der Nachbarschaft gesammelt , welche das gastfreie Schloß der allgemein verehrten alten Herzogin in seiner weiten Ausdehnung anfüllte , und das heitere Leben eines fortlaufenden Festes darin verbreitete . Die schönen Tage des Herbstes und die großen wildreichen Forsten , die Burton-Hall umzogen , waren eine reiche Quelle von Vergnügungen für die Herren der Gesellschaft , und selbst die Damen verschmähten in der damaligen Zeit keinesweges , diesen Freuden mit einiger Begrenzung ihrer persönlichen Thätigkeit beizuwohnen . Ein Jagdzug gewann allerdings dadurch an mannigfachem Interesse , da in Gegenwart schöner Augen es oft noch ein lockenderes Ziel galt , als mit dem ersten sichern Schusse den zierlich dahin fliegenden Hirsch oder den wüthend hervorbrechenden Keiler zu erlegen , und wenn auch dies Gelingen nicht fehlen durfte , suchte man doch mit gehöriger Kraft und Anmuth Pferd und Waffe dabei zu regieren , ein andres Ziel noch außer diesem im Sinne tragend . Denn wo die Schönheit der Frauen in der Brust des Mannes ein erhöhtes Leben verbreitet , da freut er sich , ein stolzes , wildes Pferd zu besteigen , das von seiner Kraft und seinem Muthe sich bändigen lassen muß , und sein Herz jauchzt der kleinen Gefahr , wenn er im schlauen Aufblick das holde Antlitz der ängstlich Lauschenden sich entfärben sieht , oder den zarten Lippen der Laut des Schreckens entschwebt . Doch war so leichter Ruhm in jener Zeit , in welcher wir mit unserer Gesellschaft uns befinden , nicht wohl zu gewinnen , denn muthig , gewandt und mit mancher Gefahr des fröhlichen Waidwerks vertraut , waren auch die englischen Damen damals gewohnt , zu Rosse sich lustig zu tummeln , und es galt die volle Anstrengung der zärtlichen Kavaliere , durch ihre Thaten Beifall oder Antheil zu erregen . Diese Freuden , welche Burton-Hall so schön begünstigte , wurden durch den reich begabten See , der gegen Süden , zunächst dem kleinen Flecken Burton , den Park begrenzte , anmuthig vervielfacht , und nach dem Umherschwärmen im Freien luden die Hallen und Gemächer des Fürstlichen Hauses zu anmuthigen Spielen und Tänzen für die Jugend , während die älteren Männer und Frauen in den angrenzenden Gemächern um die alte Herzogin in traulich ernstem Gespräch versammelt blieben . Noch immer beobachtete die jüngere Herzogin von Nottingham in diesem Kreise die ernste , verschlossene Haltung der trauernden Witwe . Sie suchte zwar vermöge der feinen Weise ihrer Erziehung die Heiterkeit um sie her nicht zu stören , und wußte stets mit vollkommener Hochachtung gegen den Willen der heiteren , verklärten Aeltermutter ihr eigenes Gefühl einer anständigen Willfährigkeit unterzuordnen . Aber sie konnte nicht wohl irgendwo erscheinen , ohne den Einfluß ihres Karakters selbst gegen ihren Willen um sich zu verbreiten , und Jeder glaubte eine Anforderung zur Beherrschung seiner eigentlichen Stimmung in ihren kalten , strengen Augen zu lesen . Wenn die Jugend sich hiervon ausgenommen zeigte , so war es die Unbefangenheit und die geringere Wahrnehmung fremder Individualitäten , die diesem glücklichen Alter noch eigen ist , auch wol die natürliche Entfernung , in der Alter und Rang die Herzogin hielt , und welche zu verringern , sie weder die Neigung , noch das Geschick ihrer liebenswürdigen Schwiegermutter besaß . Zwar vermißte sie die Abwesenheit ihrer beiden Söhne in diesem Zirkel , der sonst alle die einander befreundeten jungen Leute umschloß , mit mehr Schmerz , als sie sich eingestehen wollte . Die Erweichung indeß , welche der große Gram um den Tod ihres Gemahls , und die folgenden uns bereits bekannten Umstände in ihr hervorzurufen vermochten , war diesem Gemüthe ein zu fremder Zustand , als daß mit der anscheinenden Entfernung dieser letzten , ihr bereits so nah gerückten Sorgen nicht die stolze Sicherheit wiedergekehrt wäre . In der langen Verwöhnung des Glücks war sie ihr zu sehr eigen geworden , ja , es mochte Augenblicke geben , in denen sie das rücksichtslose Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und voll Erstaunen des Zustandes gedachte , der sie an ihrer eigenen Kraft hatte verzagen lassen . Sie suchte sich mit ihrem Stolze , mit dem unläugbar untergrabenen Zustand ihrer Gesundheit zu entschuldigen , und in einem völlig entschlossenen und kühlen Benehmen sich selbst der ferneren Theilnahme ihrer Schwiegermutter zu entziehn . Wie schonend und wahrhaft gütig diese edle Frau auch dies Vertrauen aufgenommen hatte , so nahm doch keine Gewalt der Herzogin das verletzende Gefühl , vor ihr als eine ungeliebt gewesene Gattin dazustehn , die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbesessenen Gatten zu erringen gewußt . Auch lastete die Gegenwart des Wesens , dem sie eine so wichtige Beziehung geben zu müssen glaubte , auf ihr , und hinderte nicht allein für den Augenblick das Vergessen dieser schmerzlichen Stunden , sondern hielt stets eine nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Busen fest . Gewiß war die strenge Rechtlichkeit , welche diesen Karakter auszeichnete , nöthig , das bittere Gefühl , welches sich gegen die junge Lady in ihr regte , so weit zu beherrschen , daß sie das hülflose Wesen nicht zu entfernen suchte und ihr eine Existenz geben ließ , den Ansprüchen gemäßer , die alle äußern Umstände ihr anzuweisen schienen . Der Bischof von Edinburg hatte schon längst die Abwesenheit des Master Brixton angezeigt , welcher sich mit besonderen Aufträgen der schottischen Kirche seit längerer Zeit in London befand , dieser Antwort jedoch die bestimmte Erklärung hinzugefügt , daß der Graf und die Gräfin von Melville kinderlos verstorben , und ihre weitläuftigen Besitzungen in Schottland an eine entfernte Linie gefallen seien , die Verfügung über ihre kleinere Besitzung an der Grenze von Schottland befinde sich indeß zu einer noch unbekannten Bestimmung unter Administration des Staates ; welches alles , nächst den veranlaßten kirchlichen Nachweisungen , überall das Dasein eines natürlichen Erben zu verneinen schien . So waren Maria ' s Ansprüche , diesen Erklärungen zufolge , vorläufig in ein trostloses Nichts zerfallen , und der Herzogin ein vollständiges Recht gegeben , eine junge Person , über deren ganzer Existenz so viel Dunkel ruhte , mindestens aus dem Kreise ihrer Familie zu entfernen . Das Gegentheil mußte als eine fast zu weit getriebene Großmuth erscheinen ; auch fürchtete die Herzogin , diese Handlungsweise möchte sich tadeln lassen und der streng behaupteten aristokratischen Würde ihres Hauses nicht angemessen erscheinen . Aber wenn sie auch , so von äußeren Umständen unterstützt , unter dem Gedanken aufathmete , sie könne wohl diese so schmerzlich störende Person in eine anständige Zurückgezogenheit von sich und ihrer Familie verbannen , dann traten wieder die geheimen , aber von ihr selbst zugestandenen Rechte dieser Unglücklichen vor ihre Seele , und das Bild dessen , dem sie im Leben aus unbegrenzter Liebe so viel vergeben , schwebte ihrem Geiste vor und unterstützte den rechtlichen Muth , der in ihr so oft die Regungen der Leidenschaft besiegte . Nach solchen Siegen konnte sie sogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit jenen ernsten Regungen von Gefühl ertragen , die jene ihr abzugewinnen gewußt hatte ; ja , es lag , ihr vielleicht unbewußt , in dieser milderen Fassung noch jetzt ein mit dem Todten fortgesetzter Kampf um das Verdienst seiner alleinigen Liebe . Sie hatte vorläufig ihrem Schützlinge ohne weitere Beschränkung den Platz gelassen , auf den ein von der Natur verliehenes Recht sie anzuweisen schien ; und wie auch die stärksten Geister in ihrer eigenmächtigen Schicksalsführung an Grenzen gerathen , die sie eine außer sich wirkende Macht anerkennen lassen , so fühlte die Herzogin auch hier sich an einer Grenze , jenseits welcher ihr Geist keine Haltungskraft mehr fand . Sich so häufig von diesem Gegenstande ermüdet fühlend , kam sie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung , dem Zufall seinen Antheil an dieser Begebenheit zu gönnen , während sie sonst stets sich geschickt geglaubt hatte , seine Darbietungen zu leiten und zu benutzen . Es war ihrem geliebten Richmond gelungen , den jungen Herzog von der Unzulässigkeit seiner Verbindung mit dem unbekannten Wesen zu überzeugen , welche wohl seine menschliche Güte in Anspruch nehmen , ihn aber nie von einer so weit gediehenen und mit seiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen dürfte , wie seine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorset war . Glücklich hatte auch die wohl überlegte , schnelle und heimliche Abreise der alten Lady mitgewirkt , welche den Gegenstand dieser unglücklichen Leidenschaft mit sich führte , ohne daß dem Herzoge Zeit zum Abschiede geblieben wäre ; denn Richmond selbst hatte , ihren Anblick vermeidend , sich zum beständigen Begleiter seines trostlosen Bruders gemacht und ihn so am besten von jeder neuen Erschütterung abzuhalten gewußt . Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an unserem Leben versuchen mag , die eigentliche Weihe zum Schmerz empfängt das arme Herz erst in dem Kummer hoffnungsloser Liebe ! Der bunte Teppich des Lebens entfärbt sich , die Schwermuth ruht wie ein großer , mächtiger Vogel mit ausgebreiteten Flügeln auf unserer Stirn . Unter seinem Drucke scheint unser Geist zu schwinden , und die Klarheit des Himmels verhüllt sich in seinem weichen Flügelschlag . Je wunderbarer die Erhöhung des ganzen Daseins durch eine wahrhafte Liebe wird , und die Kraft und den Muth der Jugend zu den idealsten Bestrebungen reift , desto tiefer greift alsdann das Absterben dieses Antriebes in das innerste Leben ein . Wir begreifen nicht , wie wir weiter leben können , und was überhaupt noch in der Welt für uns zu thun sein könnte , und es ist ein dürrer , öder Pfad , der von da an uns zu wandeln angewiesen wird , und der nur langsam endlich in die breiten , heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt . In dieser Stimmung folgte der junge Herzog seinem Bruder und dem Grafen Archimbald nach London , wohin diese sich eilig zu begeben hatten , da die Lage des Grafen von Bristol in Spanien die Thätigkeit seiner Verwandten in England allerdings nöthig zu machen schien . Es war kein Geheimniß mehr , daß Buckinghams Wille die wohl eingeleitete Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte . Keinen Zweifel hatten die Freunde des Grafen Bristol , daß dies hauptsächlich zu seiner Kränkung geschah , und eben so wenig zweifelten sie an den weiteren Schritten des durch Bristols Tugenden beleidigten Buckingham . Noch war Spanien nicht gesonnen , um der Privat-Sache dieser englischen Lords willen die Beleidigung weniger zu empfinden , die , nach dem auffallenden Schritt des Prinzen von Wales , eine allzu große Kränkung für die Infantin war , um nicht eine ernste und drohende Stellung dort zu rechtfertigen . Schon waren gegenseitige Demonstrationen erfolgt , die Bristols Weisheit nicht mehr hoffen durfte gegen den persönlich beleidigten Herzog von Olivarez zu friedlicher Ausgleichung zu bringen . Doch mit Schmerz mußte er gewahren , daß ihm dies unverschuldete Unvermögen durch Buckinghams Einfluß zum Verbrechen gemacht wurde , und er den Ausbruch eines Krieges , dessen Wahrscheinlichkeit vor Augen lag , mit seiner Zurückberufung und Anklage würde bezahlen müssen , von deren Ausgang er unter den obwaltenden Umständen wenig zu hoffen hatte . Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham bis dahin noch ein Geheimniß , und die politischen Beziehungen , die durch die Auflösung der Verbindung beider Höfe ganz England beschäftigten , motivirten auch die Gegenwart ihrer Verwandten in London hinreichend , und waren ihr in einem Augenblick willkommen , wo es ihr um die Entfernung und Zerstreuung des jungen Herzogs zu thun war , die nicht füglicher , als im Interesse für den geliebten Prinzen von Wales , zu erreichen standen . Sie war daher überrascht , in einem spätern Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden , da sie ihn fast lieber in der Nähe seines Bruders gewußt hätte , obwol ihr der Gemüthszustand des letzten als gemäßigt und ergeben geschildert ward . Der Schlag war indessen geschehen . Bristol war zurück gerufen , und Richmond war nur von seinen Anverwandten bestimmt , im Fall die Nachricht sich verbreitete , die unglückliche Tochter auf das vorzubereiten , was alsdann nicht ganz mehr zu verhehlen war . Es war um eine spätere Stunde des Nachmittags , als Lord Richmond mit seinem Gefolge sich dem Schlosse der geliebten Großmutter nahte . Das blühende Küstenland , das er den letzten Tag durchzogen , die Schönheit der Gegend , in der er sich eben befand , und woran sich so theure Erinnerungen seiner Jugend knüpften , endlich der Anblick des Schlosses selbst , das von den höchsten Zinnen seines altväterlichen Baues bis in die kleinsten Winkel seiner innern Räume die heiteren Bilder einer glücklichen Kindheit ihm darbot , Alles wirkte vereint , sein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen Sehnsucht zu erfüllen , womit wir einem gewissen Glück entgegen eilen . In fröhlicher Hast versuchte er die Schnelligkeit seines Rosses , welches , gleich seinem Herrn die behagliche Stelle ahnend , ihn im flüchtigen Lauf vor die Thore des Schlosses trug . Ein eisgrauer Pförtner ruhte an dem geöffneten Eingange und ließ sich von den röthlichen Strahlen der herbstlichen Sonne bescheinen . Ein Bild des tiefen Friedens , der hier zu walten schien , statt der Thore und Fallgatter und geschickten Bogenschützen , die früher in dem Haushalte eines mächtigen Herrn nicht fehlen durften , um den Eingang zu behüten . Doch alsbald weckte den friedlich Träumenden der Hufschlag der Rosse , und lustig schwenkte er sein Mützchen , als er in dem Nahenden den Enkel seiner geliebten Herrin erkannte , der stets jedem Diener ein willkommener Gast war , von welchem jeder seinen Antheil freundlicher Worte und Blicke gewiß hatte . Geschäftig eilte er alsdann ihm in den innern Hof voran , seine Ankunft laut verkündend . Hier war das bunte , heitere Leben der Geselligkeit auch unter den Dienern der Gäste , welche das Schloß erfüllten , verbreitet , und die noch theilweis gedeckten Tische , die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame . Die neuen Gäste erhöhten nur die allgemeine Freude , und Richmond drängte sich , langsam und freundlich die herzlichen Begrüßungen erwiedernd , bis zu der großen Halle hin , in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerthen Master Lovelace bewillkommt ward , der , in das Innere des Schlosses ihn führend , für die Meldung seiner Ankunft sich kurzen Verzug erbat , weil die beiden Herzoginnen sich für einige Stunden zurückgezogen hatten , einer kleinen Ermüdung nachgebend . Richmond ließ sich von dem verlegenen Diener , der fast in Versuchung gerathen wäre , das Gebot bei einer solchen Veranlassung zu umgehen , seine Zimmer anweisen , und ermahnte ihn , die bestimmte Zeit der Ruhe für beide Damen nicht zu unterbrechen . Bald hatte er dann seine Reisekleider abgeworfen , und eilte nun , mit steigendem Vergnügen , in einem Gange durch die wohlbekannten Räume des alten Wohnsitzes , ganz in der Stille das Fest der Erinnerung zu feiern . Die Stunde des Tages war ihm günstig , die Gesellschaft zu Pferde und Wagen hinausgeeilt , um das schöne Wetter zu genießen , und Lord Richmond konnte sicher sein , den Theil des Schlosses , wohin sein Herz mit kindlicher Lust sich sehnte , zu erreichen , ohne vor dem Besuch bei den Herzoginnen mit den andern Bewohnern zusammen zu treffen . Die Zimmer , die er zu besuchen wünschte , stießen zunächst an die Wohnung der alten Herzogin , und man gelangte zu ihnen durch eine Gallerie , die eine zahllose Reihe alter Ahnenbilder aus dem Hause Nottingham und den nach und nach damit verbundenen Häusern , welche die Frauen zu diesem berühmten Geschlecht geliefert hatten , enthielt . In dem Alter ihres Daseins stellten sie außer dem Stammbaum ihres stolzen Hauses auch noch die stufenweise Entwickelung der Kunst dar , wo hier von den naivesten Versuchen einer dürren Angabe von Kopf und Händen bis zu den entzückenden Schöpfungen eines Holbein und van Dyk die Uebergänge zu finden waren . Zu diesen Studien hatte Richmond offenbar keine Andacht mitgebracht , denn er schlich eilig an ihnen hin , als fürchte er ihre Ansprüche an seine Theilnahme , und schnell sehen wir ihn in einer Hauptthür verschwinden , die nach der Frontseite des Schlosses führte . Er stand jetzt einsam und seinen Gefühlen überlassen in dem großen Gemach mit purpurrothen Sammettapeten , das in seiner stillen Pracht und hergebrachten Ordnung sich behauptete , trotz der Jahre , die über ihm hingegangen . Die Fenster waren große Thüren , durch deren helle Scheiben ein klares Licht einfiel , und die zugleich einen Ausblick gewährten auf einen breiten , an mehreren Zimmern hinlaufenden Altan . Ein steinernes Geländer umzog diesen luftigen Raum und zeigte in regelmäßiger Entfernung schlanke Strebepfeiler , welche einen leichten Ueberbau , mit reicher Stuckatur versehen , trugen , der den Altan deckte , und ihn zu einem offenen und doch gegen die Unbilden des Klimas in etwas gesicherten Saal machte , dessen angenehm geschützte Lage ihn zum Lieblingsaufenthalte für die Morgen- und Abendstunden der alten Herzogin bestimmt hatte . Die tiefe Stille , die hier herrschte und nur durch den Gesang der Vögel unterbrochen ward , welche in den dichten Laubgebüschen unter dem Altan nisteten , machte ihn zu einem Asyl der Heimlichkeit und Ruhe . Doch beherrschte der Blick , weit über diese Waldeinsamkeit hinaus , das Land in großartigen Massen , mit dem glänzenden Bande des breiten Stromes und den schönen Berglinien des ferneren Hochlandes , ein weites und geräuschvolles Bild des Lebens entfaltend , dessen Einwirkung an der grünen Oase dieses friedlichen Ruhepunktes zu enden schien . Hierhin sehnte sich Richmond , hier wollte er wieder der süßen Zwiesprache lauschen , die er als Knabe mit seiner Sehnsucht und seinen Träumen gehalten . Diese Räume schienen für ihn geweiht durch das Andenken an entscheidende innere Entwickelungsmomente . Hier hatte er Stundenlang in ungestörter Einsamkeit geweilt , um unermüdet in die Ferne zu blicken und ihrem unb estimmten Nebelgrunde die warmen , farbenreichen Bilder seiner Phantasie einzuprägen . Hier war der Augenblick ihm eingetreten , der uns zum Selbstbewußtsein weckt und uns dem Leben als abgesondert gegenüber stellt . Wer kennt die Stelle , wo dies Wunder ihm offenbart ward , und betrachtet sie nicht als Heiligthum , geweiht für alle Zeiten ? Zum Manne gereift , durch früh erlangte innere Mündigkeit den Jahren weit vorangeeilt , sah er sich nach langer Trennung auf der heiligen Stelle , als ob seit diesen Jahren kaum eine Nacht verflossen ; so hatte hier die Zeit am wohlgegründeten Besitz ihr Recht verloren . Vor allem aber blickte er fast zärtlich auf den hohen , breiten Lehnstuhl der theuern Großmutter , der mit seiner hohen Lehne weit über den Sitzenden ragte und ihn vor jedem Luftzug schützte . Auf dem Boden und auf dem Rande des steinernen Geländers lag zerstreutes Vogelfutter , die kleinen Gäste aus dem Park zu locken , die , ihre Wohlthäterin schon kennend , in ganzen Schaaren zu ihren Füßen den Bedarf sich sammelten . Daneben stand das kleine alterthümliche Tischchen mit dem Ebenholzkästchen , worein sie Seide zupfte . Alles deutete auf kürzlichen Gebrauch , und daß dies Plätzchen noch immer in seinem vollen Rechte bei der Besitzerin stand . Eine bunte Gedankenreihe war es , die auf dieser Stelle an dem jungen Manne in sehr abwechselnden Erscheinungen vorüber zog . Der weiche Ausdruck kindlicher Hingebung in seinem schönen Antlitz ging langsam in jene feste , ernste Miene über , womit wir im glücklichsten Falle dem Leben die Kenntniß seiner Ergebnisse bezahlen , und als er den langen Blick aus der Ferne zurückzog , brachen sich die festen Lippen in einem Hauche , einem Seufzer ähnlich , und sein Auge blickte feucht . Von Stimmen aufgeschreckt , die aus dem eben verlassenen Zimmer zu ihm drangen , eilte er schnell in das daneben liegende Kabinet , das nächste Ziel seiner Wanderung . Hier hingen Bildnisse , welche die alte Lady zu ihren kostbarsten Besitzthümern zählte . Sie waren theils Geschenke , die ihr Gemahl der hohen Gunst seiner Souveraine verdankte , theils von ihm selbst um hohe Preise von den ersten Künstlern erworben , und Abbildungen der bedeutendsten Personen aus der königlichen Familie von England . Diese schönen Bilder hatten auf den jungen Richmond stets einen Zauber ausgeübt , der zusammentraf mit seinem lebhaften Interesse für die Geschichte seines Vaterlandes , und am liebsten vor ihren ausdrucksvollen Zügen rief er sich zurück , was von ihrem Leben schon abgeschlossen in dem Spiegel der Geschichte aufgefaßt erschien . Das ganze Zimmer war von feiner , sorgfältiger Einrichtung , daß es mit seinen hell polirten Wänden und Fußboden und den reichvergoldeten Stuckaturen einem Schmuckkästchen glich , wozu noch der feine Duft des reichlich darin verwandten Cedernholzes kam , und einige bequeme Sessel von purpurfarbnem Sammet , die in stets unverrückter Ordnung seit einem halben Säkulum voll Ehrfurcht die gewählten Gäste zu erwarten schienen , die sich einer so hohen Versammlung zu nähern wagen würden . Auch war Richmond fast der einzige unter seinen Geschwistern , dem als Kind erlaubt gewesen war , allein hier einzutreten , und er fühlte sich selbst heute noch mit scheuer Freude erfüllt , als er die schön gefugte Thür aufdrückte , durch deren große Scheiben das Licht in vollem Glanze diese Bilder zeigte . Er lauschte dem eigenthümlichen Laute , womit die glatten Angeln der Thür sich stets zu drehen pflegten , und der ihn auch jetzt sogleich begrüßte , ihn einzutreten einlud und wie durch einen Zauber ihn in die Gemeinschaft mit den lebensvollen Gestalten des vergangenen Jahrhunderts einführte . Er blieb am Eingange stehen , den Raum gleichsam befragend , ob er derselbe sei , und mußte bald sich eingestehen , verändert sei nur er , um ihn dagegen sei Alles in unerschütterlicher Ordnung geblieben . Er sah sie noch alle vor sich , die großen Gefährten seiner damaligen Einsamkeit ; sie blickten aus ihren breiten goldenen Rahmen noch mit denselben Blicken nieder und schienen noch jetzt zufrieden , in so vollkommener Abbildung der Nachwelt überliefert zu sein . Doch anders war der Antheil gestellt , womit der Mann die Ansprüche , die ihnen in Wahrheit zustanden , abwog , zuerkannte oder verweigerte ; und wenn er von manchen ihrer Sünden sich mit Verachtung wegwandte , hatte er dagegen nicht minder für ihre Herrschertugenden und das durch sie bewirkte Gute ein vaterländisch anerkennend Herz . Er wandte sich , wie absichtlich , von dem ihm zunächst befindlichen Bilde und eilte dem entgegen , das , als die Krone aller , der Thür gegenüber die Hauptwand einnahm . Es war das Bild der Königin Elisabeth , ihr Pathengeschenk bei der Geburt des letztverstorbenen Herzogs , von einer unbekannten Meisterhand im vollsten Zauber von Farbe und Licht dargestellt . Die stolze Frau liebte auf ihrer unbestrittenen Höhe , zur frühern Ungunst des Geschickes sich zurück versetzt zu sehen , und Woodstock , wo sie in philosophischer Zurückgezogenheit und Verbannung den Wissenschaften lebte , blieb wohl zu allen ihren Bildern der selbstgewählte Hintergrund . Auch hier gewahrte man das kleine feste Schloß , von dessen Terrassen sich ein breiter Weg bis zu dem schönen Eichbaume hinzog , unter dessen Schatten sie einst die Gesandten Englands empfing , die sie auf den Thron ihrer Väter riefen . Sie selbst saß auf diesem Bilde vor einem violetten Vorhange , der an der rechten Seite aufgezogen , die erwähnte Gegend zeigte . Ihre Physiognomie trug den lebhaften und geistreichen Ausdruck , der ihren großen und männlichen Gesichtsformen ein wahrhaft königliches Ansehen gab , und , in Betracht ihrer hohen Bestimmung , jeden Anspruch auf weibliche Schönheit leicht aufgeben ließ . Ihr reiches Kleid von Silberstoff war mit einem Latz von Perlen und Juwelen um ihren vollen Körper in der freien Mode damaliger Zeit so geordnet , daß ihre schönen Schultern unverhüllt und von dem hohen Spitzkragen zart umsäumt erschienen . Sie hatte den Kopf hoch gehoben und etwas zur rechten Seite gewendet ; ihr glänzendes röthliches Haar war frei empor gekämmt und zeigte die große , runde Stirn mit den hochgewölbten Augenbrauen . Auf der Mitte des Kopfes nach hinten über saß eine brillantene Krone , und die Fülle von Locken , die ihr reiches Haar zuließ , fiel von da , wie es scheinen sollte , in leichter Nachlässigkeit von beiden Seiten nieder . Die Lippen waren wie zu einer rednerischen Bewegung geöffnet , und die rechte Hand , von großer Schönheit , hielt in ihrem Schooße die Oden des Horaz . Etwas zur Linken zeigte sich auf einer Terme die Büste des Plato und darunter , aus dem Bilde schon herausgehend , so daß man nur einen Theil eines Tabourets gewahrte , sah man den königlichen Hermelin , auf den Elisabeth so eben , wie der Horaz in ihrer Hand andeutete , den Musen huldigend , mit ihrer linken Hand den Zepter niederlegte . Wie reich und bedeutungsvoll dies Bild auch in seinen Beiwerken sein mochte , es war dem Künstler doch vollkommen gelungen , sie sämmtlich der mächtigen Persönlichkeit der königlichen Frau unterzuordnen . Dieser kühne , überzeugte Blick , diese stolz gehobenen Lippen kündigten vollkommen sie als diejenige an , die Sixtus der Fünfte nächst sich selbst und Heinrich dem Vierten zu den drei einzigen Selbstherrschern rechnete , und gewiß mußte vor ihrem Bilde ein Jeder in seinen Ausruf einstimmen : Un grand cervello di principessa ! Links ihr zur Seite hing das Bild ihres Vaters , Heinrich des Achten , von seinem Liebling Holbein mit aller Kunst und Sorgfalt dieses großen Meisters ausgeführt . Er war zur Zeit der Vermählung seiner Schwester mit Ludwig dem Zwölften bei dem Hoflager zu Calais gemalt , zur schönsten Zeit seines männlichen Alters und in dem vollen Glanze des damals unermeßlichen Kleideraufwandes . Er saß zurückgekehrt in einem thronartigen Sessel , einen kleinen mit Juwelen besetzten und mit einer Feder aufgeklappten Hut halb zurückgeschoben auf dem hohen Kopfe ; die eine Hand über die auf einem Tische seitwärts stehende Krone gelegt , hielt er in der andern seine eigne Uebersetzung des Neuen Testaments . Sein Gesicht schaute halb lächelnd grade aus . Es lag mehr Hohn und Triumph , als Freude oder Heiterkeit darin , und dem Beobachter mußte leicht der Uebergang zu finden sein von diesen noch jugendlich überwölbten Zügen zu dem wilden Gepräge des später so blutdürstigen Tyrannen . Ihm gegenüber hingen die Bilder seiner beiden Kinder , Eduard des Sechsten und dessen grausamer Schwester , der nachherigen Königin Maria . König Eduard war als Knabe abgebildet , er hatte seinen Lieblingshund , ein großes weißes Windspiel , mit dem rechten Arme umfaßt und schien die zarte , schwankende Gestalt an ihm zu stützen . Seine dichten braunen Locken hingen schlicht um das bleiche , kranke Antlitz , und die großen dunkeln Augen blickten aus dem wasserblauen Grunde mit einer Wehmuth , als wollten sie im Voraus das trübe Loos des künftigen schwachen Königs beklagen . Weit hinter ihm in der gothischen Halle , die den Raum des Bildes füllte , lagen auf einem kleinen Polster die Insignien der ihn einst so drückenden königlichen Würde . Schmerzliches Loos ! rief Richmond , wenn die Natur im Widerspruche mit dem Berufe , den uns der Himmel durch die Geburt zu überweisen scheint , die Mittel uns versagt , ihn zu erfüllen ; und besser doch Dein trübes , schwaches Walten in Kraftermangelung , als jener Mißbrauch empfangener Gewalt , um die Höllengeister