glühten , seine Finger bewegten sich unsicher ; gern hätte man ihm das Gewehr weggenommen , wenn dies in seinem Zustande nicht noch gefährlicher gewesen wäre . » Es ist nur zu verwundern , daß er in der Beschaffenheit so gut trifft « , sagten einige der Umstehenden . » Er muß es mit jemand haben « , sprachen andre , » denn er murmelt beständig von dem Fürsten der Finsternis , den er vertilgen wolle . Ist er von einem beleidigt worden ? « Der Herzog erschien mit seiner Gemahlin . Eine Menge der reichgeputzten Gäste hatte sich schon vorher eingefunden und unter die Volksgruppen gemischt , deren Lust immer stürmischer emporloderte . Junge Herrn setzten sich zu den schmucken Bauermädchen in die Schaukeln ; die Herzogin war , begleitet von einigen Edeldamen , nach der Bretterbude gegangen , und hatte dort mit älteren Leuten aus dem Dorfe ein herablassendes Gespräch angeknüpft . Der Herzog stand bei den Büchsenschützen und besah ihre Gewehre , von denen mehrere sehr künstliche Stücke waren . Auch der Oheim war gekommen und zu dem Schießstande herangetreten . Der Amtmann machte sich um ihn zu tun , und bewies sich auch gegen ihn sehr demütig und vielgesprächig . » Wenn hier viel Geld vertan wird « , sagte der Oheim mehr für sich , als zu seinem Begleiter , » so muß man gestehn , daß es wenigstens auf eine muntre Weise geschieht . Ich werde mich hüten müssen , daß diese Lust nicht mich , wie meinen Advokaten ansteckt . « » Wie schön werden diese Plätze sein « , versetzte der Amtmann , » wenn erst überall hier der Nutzen herrscht . Schon sehe ich z.B. im Geiste auf jener Anhöhe das lange Trockengebäude mit Fachwerk errichtet , denn dicht daneben im Grunde steht das ergiebigste Torflager , welches Seine Durchlaucht nur nicht anbrechen lassen , weil Sie sich einbilden , der Gewinn ertrage die Kosten nicht . « » Lassen wir das « , versetzte der Oheim . » Noch gehört dieses alles ihm , und ich gebe mir heute Mühe , zu vergessen , weshalb ich eigentlich hier bin . « - » Tun Sie das nicht , wertester Herr Kommerzienrat « , sagte der Amtmann . » Betrachten Sie immerhin , was Sie vor sich sehen , als das liebe Ihrige . Denn selbst wenn der alte Adelsbrief aufgefunden werden sollte , wozu kein Anschein , so würde es immer noch Mittel und Wege geben ... « » Wie ? « fragte der Oheim und zog den Amtmann beiseite . Gleich darauf gingen sie miteinander fort , einem Wege durch das Gebüsch zu . » Ich möchte wohl durch jemand einen Schuß auch für mich tun lassen « , sagte der Herzog an der andern Seite der Schießstätte . » Dessen ist niemand würdig « , versetzte ein Schütze , » als der alte Erich . Der wird einen Meisterschuß , einen Herzogsschuß für Ew . Durchlaucht tun . « Man suchte nach dem Alten . Er war nicht zu finden . Man verwunderte sich ; noch ganz vor kurzem hatte ihn jedermann hier gesehen . Ein Knabe sagte , er habe mit einem Fluche seine Büchse geladen und sei raschen Schritts unter die Menschen gegangen , wo er ihm aus dem Gesichte gekommen sei . Ein Walzer ertönte aus der Bude ; die Herzogin ließ ihren Gemahl bitten , dorthin zu kommen . Ein ehrenfester Bursche wurde der Gnade teilhaftig , mit der Fürstin den Tanz zu eröffnen . Der Herzog machte mit einem hübschen flinken Mädchen die Runde . Auch einige der vornehmen Herren griffen da und dort zu . Demnächst nahm man mit guter Manier seinen Rückzug , um die Toilette für den Ball herzustellen , der nun sogleich im Schlosse beginnen sollte . Unterwegs trat der Burgemeister den Herzog an und fragte ihn , ob er wohl erlauben wolle , daß auch seine bürgerlichen Gäste verkleidet erschienen ? » Ich bedachte « , sagte er , » als ich die geschmückten Herrn und Damen sah , wie kahl wir uns unter ihnen ausnehmen würden , und erinnerte mich , daß wir auf dem Rathause noch mehrere Kisten voll Maskenzeug von dem Redoutenunternehmer stehn haben , der uns die Saalmiete schuldig geblieben ist . Diese habe ich holen lassen ; das Zeug wird für die Männer vollständig hinreichen , und auch unsre Frauenzimmer werden genug Bänder , Flor , Schmelz , Blumen und Borten finden , um sich ein fremdes Ansehn zu geben . « Der Herzog erteilte mit Vergnügen seine Zustimmung . » Aber freilich « , sagte der Burgemeister , » sind es nicht lauter Ritterkleider ; es sind Schweizer , Türken , Polacken , Juden , Indianer , Gärtner und Zigeuner darunter . « » Je bunter , desto besser ! « rief der Herzog . » Dieser Tag gehört der Freiheit und Freude . Eilen Sie , sich anzukleiden , wir wollen gleich anfangen , damit unsre jungen Damen und Herrn etwas vor sich bringen können . « Hermann hatte einen Augenblick sich unter den Volkslustbarkeiten umgesehn , dann war er nach dem Schlosse zurückgeeilt , um die Erleuchtungsanstalten um dasselbe zu ordnen . Er meinte hierauf , sich von dem Getöse etwas zurückziehn zu dürfen , und ging durch einen abgelegnen Teil des Parks , um seine Sinne zu beruhigen . Auf einmal war es ihm , als höre er ein Geschrei , und als er noch horchte , um sich dessen zu vergewissern , kam schon etwas quer durch die Büsche , die einen Hügel dort bekleideten , herabgestürzt . Es war der Amtmann . Zitternd , entsetzt , rief er : » Mord ! Mord ! « und rannte über den Weg durch das Strauchwerk weiter . Mit der Schnelligkeit des Blitzes drang Hermann durch die Büsche die Anhöhe hinauf . Oben ward ihm ein schrecklicher Anblick . Sein Oheim stand bebend , an einem Baume sich haltend , furchtsam weggekrümmt ; einige Schritte von ihm der alte Erich , die weißen Haare wie Borsten emporgesträubt , die Büchse im Anschlage haltend . Mechanisch warf sich Hermann zwischen seinen Oheim und den wütenden Greis . » Laß ab ! « rief er . Der Alte schien durch Hermanns Entschlossenheit außer Fassung zu geraten , ließ die Büchse sinken und schlug sich vor die Stirne . » Unglücklicher , was wolltest du tun ! « sagte Hermann , schritt beherzt auf den Alten zu und nahm ihm , ohne Widerstand zu finden , das tödliche Gewehr ab . » Das Haus meines Herrn beschützen « , versetzte dumpf und kalt Erich . » Sie sollen nicht sitzen , wo meine Herrn gesessen haben . « Es kamen Menschen . Der Amtmann war es und der Gerichtshalter mit seinen Dienern . » Da steht der Mörder ! « rief der Amtmann überlaut . » Assassinat ! « sagte der Gerichtshalter . » Ergreift ihn und bringt ihn in das Gefängnis . Einer aber gehe sofort und zeige es Seiner Durchlaucht an . « - » Halt ! « rief Hermann . » Tun Sie , was Ihres Amts ist , aber niemand soll heute abend von diesem Vorfalle etwas erfahren ; am wenigsten der Herzog . Das Fest darf nicht gestört werden , und ich mache Sie dafür verantwortlich , daß Ihre Leute schweigen . « » Mein Herr « , versetzte der Gerichtshalter , und warf sich in die Brust , » wer gibt Ihnen das Recht , mir Befehle zu erteilen ? « » Sie gehorchen ! « sagte Hermann fest . Der Alte sah ihn an , erhob die Stimme und rief : » Zanke nicht mit einem Gewaltigen , daß du ihm nicht in die Hände fallest . Viele Tyrannen haben müssen herunter , und ist dem die Krone aufgesetzt worden , auf den man nicht gedacht hätte . « Der Gerichtshalter , welcher von Natur verlegen und ängstlich war , bedachte sich einige Augenblicke , dann sagte er zu seinen Leuten : » Es mag so geschehn . Führt ihn auf Umwegen , wo niemand ihn sieht , nach dem Gefängnis , und keiner rede von der Sache . « Als der Alte abgeführt worden war , wandte sich Hermann zu seinem Oheim , der sich kaum auf den Füßen halten konnte . Er verlangte nach dem Gasthofe , schweigend führte ihn der Neffe dorthin . Er erkundigte sich mit Schonung nach dem Hergange ; der Oheim wußte ihm aber weiter nichts zu sagen , als daß jener Unselige , der ihnen nachgeschlichen sein müsse , plötzlich hinter den Bäumen , das Mordgewehr auf ihn gerichtet , hervorgetreten sei , ihn mit furchtbaren Drohworten aus den Propheten anfahrend . Der Amtmann habe gleich die Flucht ergriffen , und ihn dem Grimme des Alten überlassen . Er ließ Postpferde bestellen . Hermann suchte alles mögliche auf , ihn von dem Entschlusse zu einer nächtlichen Reise nach solcher Alteration abzubringen , und führte ihm endlich den Plan , mit dem er hieher gekommen , in die Erinnerung zurück . » Das ist vorbei « , sagte der Oheim . » Fernerhin soll zwischen mir und dieser Mördergrube nur von Recht und Gerechtigkeit die Rede sein . « Als Hermann bestürzt seinen Verwandten in den Wagen gehoben hatte , ging er nach der Wohnung des Gerichtshalters , bei welcher sich auch die Gefängnisse befanden . Er erhielt Einlaß in den Kerker des alten Erich , konnte aber mit diesem nichts beginnen , denn der Alte war , als habe er nichts begangen , fest eingeschlafen . Der Gerichtshalter erzählte aus einem kurzen Verhöre , welches er sogleich mit ihm angestellt , folgendes : Er sei dem Amtmann und dem Kommerzienrate nachgegangen , ohne zu wissen , warum ? habe ein abscheuliches Gespräch zwischen beiden belauscht und dann gesehen , wie der Kommerzienrat sich auf den Hügel gestellt , die Arme ausstreckend , und andeutend , wie und wo er niederreißen , zerstören und bauen lassen wolle , wenn er hier Herr werde . Da sei ihm jener wie der Teufel vorgekommen , der die Hand zum Verderben über eine ganze Gegend ausrecke , und er habe es für nichts Böses gehalten , den Teufel totzuschießen . Hermann sagte zu dem Gerichtshalter , daß er es übernehme , den Herzog von diesen finstern Dingen zu benachrichtigen , und gebot ihm , den Alten mit Schonung zu behandeln . Er eilte nach dem Schlosse , sehr in Sorgen , daß doch eine Kunde bis dahin dringen werde . Es war völlig Nacht geworden . In den Alleen um das Schloß waren alle Lampen angezündet worden , welche , farbig , ein magisches Regenbogenlicht umherstreuten . Vor dem Portale brannten mächtige Pechpfannen , alle Fenster waren hell erleuchtet , aus dem Innern erscholl die rauschende Tanzmusik . Er schritt , geblendet von dem Glanze , die Treppen hinauf , und stellte sich an den Eingang des Saals . In dem Lichte der Lustres und Kronleuchter bewegten sich die glänzenden und bunten Gestalten , für deren Menge der große Ahnensaal doch fast zu klein war . Es war das prachtvollste Gewimmel , welches seine Augen je gesehen hatten . Auch der Herzog war , zum großen Erstaunen seiner Gemahlin , verwandelt , in dem geheim zubereiteten Schmucke unter die Gäste getreten . Er strahlte , mit Diamanten bedeckt , in einem roten hermelinumfaßten Mantel . Die Augen der Damen folgten , nicht zum Verdrusse der Fürstin , der hohen stattlichen Gestalt . Als er Hermann an der Tür bemerkte , winkte er ihm , in den Saal zu treten . Dieser aber verblieb , wo er war , jeden Hineingehenden sorglich anblickend , ob er auch nicht unvorsichtigerweise die Nachricht bringen werde , wie das Entsetzliche sich diesem schönen Scheine so nahe geschlichen habe . So stand er in seinem schlichten Frack einen Teil der Nacht durch als treuer Wächter an der Schwelle . Vierzehntes Kapitel Am folgenden Morgen wurde er von dem Gerichtshalter zu früher Stunde geweckt . Der Mann trat mit erschrocknem Gesichte vor sein Bett , und brachte ihm stotternd die Nachricht , daß der alte Erich entflohen sei . Der Gerichtshalter hatte ihm auf Hermanns Weisung keine Fesseln anlegen lassen ; so war es ihm möglich geworden , seine Wächter , die in der allgemeinen Freude wohl auch das Ihrige zu sich genommen haben mochten , zu täuschen . Hermann ging mit dem Gerichtshalter nach dem Kerker . Das nicht recht feste Schloß war von inwendig erbrochen worden . Die Wächter , welche draußen im Vorraume gewesen waren , mußten geschlafen haben , während der Alte sein Befreiungswerk verrichtete . An der Wand stand mit Kohle fast unleserlich geschrieben , daß , was einmal mißglückte , nicht immer fehlzuschlagen brauche . Das erste war nun , den Herzog zu benachrichtigen , mit welchem unangenehmen Geschäfte sich Hermann belud , da der Gerichtshalter sich nicht vor den Herrn getraute . Hier sah Hermann den Fürsten zum ersten Male fassungslos . Er konnte kaum sprechen und seine Bewegung wurde noch größer , als er die Abreise des Oheims vernahm . Hermann mußte sich auf eine Viertelstunde entfernen , nach deren Verlauf der Fürst einigermaßen wieder zu seinem Gleichgewichte gekommen war . Er fragte nach dem Verbrecher , und befahl , als man ihm dessen Flucht meldete , daß die strengsten Maßregeln zu seiner Habhaftwerdung getroffen werden sollten . Jedoch schien es Hermann , als ob dieser Eifer nicht ganz wahr , und das Verschwinden des Schuldigen ihm das einzige Tröstliche bei der Sache sei , er begnügte sich daher , dem Gerichtshalter die sogenannten Solita anzuempfehlen , welche bekanntlich selten zum Ziele führen . Im Schlosse sah es wüst aus . Der Ball hatte bis gegen Morgen gedauert . Die Dienerschaft war erst bei Tageslicht aus den Federn gekommen . Im Tanzsaale , in den Seitengemächern , besonders im Trinkzimmer , überall zeigten sich noch die Spuren des Festes . Zum Beweise , wie weit die Zerrüttung dieses so wohlgeordneten Hauswesens gediehen sei , erzählte man sich die Neuigkeit , daß die Herzogin heute dreimal nach ihrem Frühstücke habe verlangen müssen . Nur überwachte abgespannte Gesichter begegneten einander . Dazu strömte der Regen herunter , in welchen sich das heitre Sonnenwetter umgesetzt hatte . Unter ausgespannten Schirmen stiegen die Gäste , welche nicht schon in der Nacht das Schloß verlassen hatten , schweigend-verdrießlich in ihre Wagen , und fuhren hinter zugeknöpften Ledern ab . Die Herzogin hatte sich alle Beurlaubungsvisiten verbeten ; sie entschuldigte sich mit körperlichem Unwohlsein . Als Hermann auf den Turnierplatz ging , sah er die Tapezierer mit heftiger Eile bemüht , die schon durchnäßten und halb verdorbnen Behänge von den Gerüsten zu nehmen . Die gießenden Fluten hatten die Bemalung von den Tribünen und Pfeilern abgewaschen ; sie standen mißfarbig und beschmutzt da . Von dem Pavillone war nur noch das Gerippe zu sehn . Die Herzogin war mehrere Tage hindurch für niemand , als für ihren Gemahl sichtbar . Nur der Geistliche hatte Zutritt zu ihren Zimmern und hielt fortgesetzte Andachtsübungen mit ihr . Unter den Vertrauten ging die Rede , sie mache sich über das Fest Gewissensskrupel . Von diesem schwieg jeder ; man hatte vorher zu viel davon gesprochen . Man suchte nach Gegenständen der Unterhaltung ; sie wollten sich nicht finden . Man gähnte , war übelnehmerisch , ging einander aus dem Wege . Der Arzt schrieb viel . Am verstimmtesten bezeigte sich Wilhelmi . » Ich gehe « , sagte er eines Tages zu Hermann , » meines Bleibens wird hier nicht lange mehr sein . Man muß sich nur einmal versöhnt haben , um gewiß zu werden , daß man nicht mehr füreinander paßt . « » Du wirst deine Gönner in der Krisis , welche vielleicht nahe bevorsteht , nicht verlassen « , erwiderte Hermann . » Ich werde mich immer wie ein ehrlicher Mann betragen « , sagte Wilhelmi . » Auch fällt es mir selbst schwer genug , aus diesen Wänden zu scheiden . Aber der hiesige Zustand ist ein künstlicher , man tut am besten , ihn aufzuheben . Sie haben wegen meiner Sammlungen von der Hauptstadt aus mit mir angeknüpft , wo sie jetzt alles zusammenscharren . Ich bin willens , darauf einzugehn . « Den Herzog betraf nunmehr fast Tag für Tag etwas Unangenehmes . Das Geschick schien , wie es wohl kommt , durch den Lärmen der Lustbarkeiten aus seinem Schlummer zu feindseliger Tätigkeit emporgestört worden zu sein . Es währte nicht lange , so überbrachte ihm ein Freund und Gutsnachbar , anscheinend sehr entrüstet , die letzte Nummer des vielgelesenen Provinzialblatts , worin geschrieben stand , daß bei einem neuerlich stattgefundnen feudalistisch-ritterlichen Feste der bekannte Äquilibrist und gymnastisch-akrobatische Künstler * den Preis davongetragen , und den Dank aus hoher schöner Hand empfangen habe . Namen und Ort waren zwar nicht genannt , die journalistische Halblüge enthielt aber so viele individuelle Andeutungen , daß die Beziehung sich mit Händen greifen ließ . Auch sagte der Nachbar , daß schon die ganze Gegend davon spreche . Tiefer verletzte ihn eine Entdeckung , welche den Geistlichen betraf . Dieser Mann , dessen Absichten immer unumwundner hervortraten , hatte die Verwirrung , worin sich das Schloß seit einigen Wochen befand , genützt , um etwas auszuführen , wozu ihm sonst doch wohl bei der bekannten Sinnesart seines weltlichen Herrn der Mut gebrochen hätte . Der Herzog empfing kurz nach dem Feste einen Brief angesehener protestantischer Eltern , worin diese sich bitter beklagten , daß man ihre beiden ältesten Söhne in seiner Schloßkapelle katholisch gemacht habe . Er war , wie vom Donner gerührt . Der Geistliche , sogleich zu ihm gerufen , leugnete gar nicht , und sagte mit Freimütigkeit , daß er es für die Pflicht eines Priesters halte , abtrünnige Kinder in den Schoß der allgemeinen Mutter zurückzuführen , sobald sie ein Verlangen darnach empfänden . Er gebe , fügte er , den Herzog entschieden anblickend , hinzu , dem Kaiser , was des Kaisers , und Gotte , was Gottes sei . Der Herzog fühlte sich in einer zornigen Verlegenheit . Er war ein ganz guter regelrechter Katholik , doch betrachtete er , wie die meisten vornehmen Männer seines Glaubens , diesen mehr als eine Sache für sich , von der nicht viel Wesens gemacht werden müsse , und alles , was von fern nach Fanatismus oder Verbreitungssucht schmeckte , war ihm im Grunde der Seele zuwider . Nun aber durfte er den , der immer ein nach den Begriffen der Kirche gottgefälliges Werk getan hatte , doch nicht dieserhalb schelten , und so blieb ihm denn weiter nichts übrig , als dem geschäftigen Priester mit scharfer Freundlichkeit zu eröffnen , daß er für seine weitere Befördrung Sorge tragen werde . Unter diesen Verdrießlichkeiten wurde ihm die Klage des Oheims behändigt , welche , lange vorbereitet , ihn vor den höchsten Gerichtshof der Provinz lud , über die Herrschaft , über seine Weiler und Vorwerke , Wiesen , Wälder , Teiche und Flüsse , Gemarkungen und Breiten zu Recht zu stehn . Abermals begann nun das Suchen nach dem verschwundnen Adelsbriefe der Urältermutter , von welchem er und Wilhelmi das Schicksal dieses Streits abhängig glaubten . Kein Winkel der Bibliothek , des Archivs , der Registraturen blieb undurchforscht . Indessen waren diese Mühen vergebens . Er zog sich hierauf ebenfalls in die Einsamkeit seiner Zimmer zurück , und selbst die Hausoffizianten , welche zunächst mit ihm zu tun hatten , bekamen ihn nicht zu sehn . Fünfzehntes Kapitel » Welche fremde Gewalt nimmt mich so ungestüm gefangen ! Man hat mir gesagt , es sei unsre Bestimmung , zu lieben und geliebt zu werden . Warum denn nun diese Bangigkeit , diese Angst ? Klopft der Blume auch so das Herz , wenn sie aus der schwachen , farblosen Knospe bricht ? Mir ist immer , als stände ich auf der schwindelerregenden Spitze eines hohen Turms , und selbst seine Nähe beruhigt mich nicht . « * » Ich bemühe mich oft , mir den Eindruck recht klar zu machen , den ich empfand , als ich dich zum ersten Male erblickte , Hermann ! Denn ich meine , wenn ich mir nur darüber Rechenschaft geben könnte , so müßte eine Rettung aus dieser Not sein . Aber es ist vergebens ; je mehr ich darüber nachsinne , desto undeutlicher fließt alles ineinander , bis du mir begegnest , wo denn in Tränen und Lust alles Grübeln weit weg flieht . « * » Warum hast du nicht Platz behalten , Gott , in dem Herzen , welches dir so ganz gehörte ? Warum erlaubtest du deinem Geschöpfe aus Staub , sich neben dir einzudrängen , und die reine Weihrauchwolke , die dort sich dir erhob , zu zerstreun ? « * » Dies ist die Sünde ! Nun weiß ich , was das schreckliche Wort bedeutet . Ich tue nichts Unrechtes , und doch bin ich verstimmt ; meine Gedanken mischen sich und erquicken mich nicht mehr , meine Seele nimmt verschiedne Stellungen an , und in keiner ist ihr wohl . Und doch ist , was ich erleide , nur ein gemeines Schicksal so vieler meines Geschlechts , warum werde ich denn nun dadurch so geplagt ? « * » Ich habe mir vorgenommen , ihn zu meiden , aber was hülfe mir das ? Bliebe nicht immer seine Schattengestalt in meiner Seele störend zurück ? Nein , ich muß versuchen , dies Fremde in mir innerlich zu überwinden , es in den Frieden , der mich sonst durchsäuselte , aufzulösen . Ich muß diese Liebe zur Tugend erheben . « * » Es ist so süß , so lieblich , was ich oft empfinde , wenn ich neben Hermann sitze , daß ich mitunter denke , alle diese Ängstigungen laufen wohl am Ende auf leere Selbstquälerei hinaus . Ich möchte ihn selbst gern zum Richter über unser Verhältnis machen , er sieht mir an , daß ich ihm etwas zu sagen habe , sein freundlicher Blick will mir Mut machen , das Wort schwebt mir auf der Lippe , dann riegelt mir eine unbezwingliche Gewalt den Mund zu . « Über den Blättern , welche diese und ähnliche geheime Ergießungen eines zart liebenden , mit sich zwiespältigen Gemüts enthielten , saß Hermann und las sie , wir wissen nicht , zum wievielsten Male ? Es waren diejenigen , welche der unbescheidne Vogel ihm in die Hände gespielt hatte . Das war die Hand der Herzogin , und sein Name stand hier in so gefährlicher Verbindung geschrieben ! » So ist es denn wahr ! « rief er . » So ist mir das Geheimnis ihres Betragens enthüllt ! So soll ich undankbar an meinem Gönner und Gastfreunde werden ! « Er schrieb mit Heftigkeit an Cornelien , warf ihr vor , daß sie ihm auf seine früheren Briefe nicht geantwortet habe , versicherte ihr seine ewige Liebe , und daß er trotz des Widerspruchs von seiten des Oheims die Verbindung mit ihr werde zu bewirken wissen . In der Einsamkeit , welche nun zum Gegensatze der früheren Geschäftigkeit im Schlosse herrschte , war nichts , was ihn abzog . Er fühlte sich müßig , gepeinigt ; er wußte nicht , an welcher Handhabe er seine Tage anfassen sollte . Viele Stunden versaß er in den Zimmern des alten Herrn , zu denen er den Schlüssel behalten hatte . Nach dessen letztem Willen sollten sie unberührt bleiben , weil sie die Erinnerungen seines Lebens enthielten . Er selbst war dort in ganzer Figur gemalt , als Schäfer ; rings um dieses große Bildnis wimmelte es von kleineren in ovalem und vierecktem Format , aus welchen jugendlich schöne Gesichter als Nymphen , Dianen , Jägerinnen , Armiden und Griechinnen hervorsahen . Alle Tische und Schränke waren mit Kleinigkeiten von Holz , Porzellan , Glas , Bernstein , Perlemutter bedeckt , von denen das meiste seinen Ursprung als Andenken genußvoller Stunden nicht verleugnen konnte . Wilhelmi , der die Türe zu diesen Gemächern angelehnt gefunden hatte , trat ein , und fand seinen Freund gedankenvoll an einem Spiegeltische sitzen . » Du scheinst dich mit uns allen in der Stimmung zu befinden , welche die Perser Bidamag Buden nennen . Uns steckt ein Jammer gewisser Art in Kopf und Gliedern . Was mich betrifft , so hoffe ich ihn bald abzuschütteln , ich reise wahrscheinlich in nächster Woche , und nehme einen Teil meiner Sachen mit . Hast du etwas nach * zu bestellen ? « » Du bist mir ganz unerklärlich « , versetzte Hermann . » Willst du dort mit alten Vasen und Bildern die Rolle des vornehmen Antiquars spielen ? Sie werden dich anfangs mit schönen Worten füttern , und am Ende wirst du nicht wissen , in welcher Ecke du dich herumdrücken sollst . Was hast du vor ? « Wilhelmi machte eine geheimnisvolle Miene , legte den Finger auf den Mund und sagte : » St ! Ich nenne dir ein einziges Wort : Staat . Fassest du , was der Staat ist ? Ich habe darüber während meiner Verbannung nachgedacht . Du sollst weiter von mir hören . « Er wollte gehn . Hermann hielt ihn zurück , nahm eine Dose altfränkischen Ansehns vom Spiegeltische und sagte : » Weißt du , der du alle Antiquitäten kennst , was für eine Dose diese ist ? « Wilhelmi besah sie , und versetzte : » Es ist eine sogenannte Lorenzodose . Diese Dosen gehören mit zur Geschichte der Sentimentalitätsperiode . Du erinnerst dich , wie beredt-stumm der Franziskaner Lorenzo dem Yorick Sanftmut und Duldsamkeit predigt , und wie sie darauf einen Dosentausch vornehmen . Diese Geschichte rührte die beiden Jacobis so , daß sie einen Orden der Humanität zu stiften beschlossen , dessen Patron jener Lorenzo sein sollte . Zum Ordenszeichen wurde die von Sterne beschriebne Horndose des Franziskaners erwählt . Daran wollten sich die Brüder erkennen . Hatte sich einer , wie man es damals nannte , inhuman betragen , so sollte die stumme Vorhaltung der Lorenzodose ihn an seine Pflichten erinnern . Gleim und andre Befreundete des Pempelforter Kreises waren die ersten Glieder dieser Verbindung , welche bald , durch die damalige Empfindelei begünstigt , eine große Ausdehnung gewann . Aber es währte nicht lange , so mußten sich die Begründer von ihr lossagen , die Lorenzodosen waren Gegenstand der Spekulation geworden ; ein Graf von Solms ließ sie , fabrikmäßig verfertigt , zu Tausenden in alle Welt ausgehn ; was denn zur Folge hatte , daß Müßiggänger , Landstreicher und Glücksjäger , die Dosen in der Hand und Tränen in den Augen , betteln , fechten , auch wohl prellen gingen . « » Du glaubst nicht , wie mich diese Dose erschreckt hat « , sagte Hermann . » Eben eine solche erinnre ich mich als Knabe unter den Sachen meines Vaters gesehen zu haben . « » Da finde ich nichts zum Erschrecken « , versetzte Wilhelmi . » Sie sind beide Lorenzobrüder gewesen . Sie gehören ja auch jener Zeit an . « Hermann klappte die Dose auf , zeigte seinem Freunde ein Bild , welches in das Inwendige des Deckels eingenietet war , und fragte , was er davon halte ? » Ein schönes Schwabenmädchen ! « antwortete Wilhelmi , nachdem er das Medaillon lange aufmerksam durch seine Gläser betrachtet hatte . » Es ist meine Mutter ! « rief Hermann . » Ich hätte sie erkannt , wenn der Name auch nicht darunterstände . Nun verstehe ich ihre Tränen , ihren geheimen Schmerz , des Grafen Heinrich Besuche bei meinen Eltern , seine Zärtlichkeit gegen mich . Sie ist seine Neigung gewesen , er hat der Freundschaft das heldenmütigste Opfer gebracht , und meine Mutter mag wohl im stillen während eines unerfreulichen Ehestandes bereut haben , dem andern strengen verdrießlichen Manne gefolgt zu sein . « Sechzehntes Kapitel Im Garten traf mit ihm der Geistliche zusammen . Dieser Mann , welcher während der geräuschvollen Tage sich ganz zurückgezogen , und im stillen sein Werk getrieben hatte , trat , sobald jene Wellen verströmt waren , wieder hervor und suchte eifrig seine Gesellschaft . Er war Hermann seit der Szene auf der Anhöhe einigermaßen verdächtig , und dennoch konnte sich dieser von einem gewissen Anteil , den ihm das feine , schwärmerische Wesen des Priesters abnötigte , nicht ganz losmachen . Heute führte der letztere mit ihm ein leises tastendes Gespräch , welches sehr zart um den Kummer und die Unruhe unsres Freundes strich . Er wußte seine Teilnahme an dessen Verstimmung so freundlich zu äußern , er vermaß sich so wenig der trocknen Redensarten , womit die Menschen in der Regel ein bedrücktes Herz nur noch schwerer machen , daß Hermann sich wirklich erleichtert fühlte . Zugleich ließ der Geistliche auf eine geschickte Weise einfließen , indem er vor Hermann die Augen niederschlug , daß er auch an der Herzogin sehr zu trösten habe . » Ja , ich bin unruhig und bedrängt « , versetzte Hermann . » Ich tue nichts Unrechtes und doch mischen sich meine Gedanken und erquicken mich nicht mehr « ; fügte er hinzu und errötete , weil er sich erinnerte , nur Worte der Blätter wiederholt zu haben , die seine Aufregung zum Teil verschuldeten . » Ich habe in meinem Amte oft Gelegenheit gehabt , wahrzunehmen , daß die Menschen in Beziehung auf das Böse sich in einem Grundirrtume befinden « ; sagte der Geistliche . » Der wäre ? « fragte Hermann . » Als sei es zu vermeiden , als müsse alle Kraft der Seele daran gesetzt werden , sich davor zu bewahren . « Hermann trat bestürzt zurück . » Sie werden « , fuhr der Geistliche ruhig fort , » nicht glauben , daß ein Diener Gottes sich zum Apologeten