ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur Weiber , die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren Klagen in verworrenem Getön mir unverständlich summten . Eine weinende Stimme erhob sich endlich lauter als die übrigen und rief mit schmerzlichem Tone : Ach meine armen Kinder ! Dieses Wort gab mir Leben , um mein Unglück zu fühlen , und Bewußtsein , um seine gräßliche Tiefe zu erkennen . Mein Kind ! rief ich in schmerzlicher Klage , mein Sohn ! mein Gemahl ! und Thränen bedeckten mein Gesicht . Es waren um diese Zeit die Gefängnisse in Frankreich nicht allein mit Verbrechern angefüllt . Im Volke war nach langer Unterdrückung der unbändige Trieb nach Freiheit erwacht , dieser wurde oft mißleitet und die edelsten Opfer bluteten dem neuen Götzen . Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige Frauen , die mit wahrhafter Seelengröße ihr eignes Unglück und ihren wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten , und das Loos einer neuen Leidensgefährtin zu erleichtern suchten . Man machte in einem Winkel des Gemachs ein Lager für mich zurecht ; Jede trug von dem ihrigen dazu bei ; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten , man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab , und ohne diesen menschenfreundlichen Beistand , den ich , von Tod und Grausen umgeben , fand , wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen , und eine ewige Nacht des Wahnsinns hätte vielleicht meine Seele umfangen . Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte , weiß ich nicht . Ich hatte nicht Besonnenheit genug , die Tage des Jammers zu zählen ; die Gefährtinnen meines Elends verminderten sich , ob sie die Freiheit erlangten , ob sie dem Tode hingegeben wurden , erfuhr ich nicht , ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst verloren und wünschte den Tag herbei , an dem Frankreichs Boden auch mein unschuldiges Blut trinken würde , und fürchtete doch zugleich seine Schrecken . Eines Morgens öffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert , mich vor meine Richter zu stellen . Verzweiflung und Krankheit hatten die Kräfte meines Körpers erschöpft , ich begriff kaum mehr , was man von mir wollte ; ich fühlte nur noch dunkel , daß jetzt der Todestag gekommen sei , und schwankte einer Leiche ähnlich dahin , wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte . Man that verschiedene Fragen , deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen . Ich gab vermuthlich Antworten , doch weiß ich nichts von ihrem Inhalte . Ich hatte nur noch so viel Besinnung , daß ich das Ganze für eine Förmlichkeit hielt , die voran gehen mußte , ehe man mein Todesurtheil ausspräche , und ich erwartete mit einer Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen , als man mich für unschuldig und frei erklärte . Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine Richter und blieb vor den Schranken stehen ; man machte mir bemerklich , ich könne den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich dieß zu thun , und ich blickte trostlos umher , denn ich wußte nicht , wohin ich mich wenden sollte . Da trafen meine Augen auf das treue Antlitz Dübois , der sich zu mir drängte , meine Hand faßte und mich hinaus führte . Ich ließ es geschehen , und als die Luft des Himmels mich wieder anwehte , wollte ich reden , fragen ; nur hier nicht , nur um Gottes Willen jetzt nicht , sagte der redliche Mann , und ich bemerkte nun , wie elend und abgemagert er aussah . Er zog mich fort , er wollte einen Platz erreichen , um einen Wagen zu finden , da geriethen wir in ein Gedränge von Menschen , das uns gewaltsam mit sich fortschob . Dübois war nur mit mir beschäftigt , er suchte mir Platz zu machen , und ich , ermattet und geängstigt , hatte ein schwaches Verlangen , die Ursache des Gedränges zu erfahren . Ich blickte umher , mich blendete im hellen Sonnenscheine der Glanz von Waffen , ich bemerkte , daß durch diese Bewaffneten ein Raum von Menschen frei erhalten wurde , meine Augen trafen auf eine Maschine , die auf einer Erhöhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete . Menschen standen auf dieser Erhöhung , und Gott im Himmel ! ich erkannte meinen Gemahl . Einen Schrei der Angst stieß ich aus , vor dem ich selber erbebte , alle Kräfte strebten hin nach dem unglücklichen Opfer , dieß ist das letzte , was ich von meinem damaligen Zustande weiß . V Ich weiß es nicht , wie lange ich , von Wahnsinn umfangen , mich selber und mein Kind nicht kannte . Ich erinnere mich nur , daß ich eines Morgens , nach langem Schlaf , wie es mir schien , erwachte . Ich wollte mich erheben und fühlte zu meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt , ich blickte um mich und fand mich in einem kleinen , peinlichen Zimmer , vor dessen Fensten Weinreben sich empor rankten , deren breite Blätter sich in der Seine wiegten , so daß ihr Schatten sich auf dem Lande bewegte . Neben dem einfachen Lager kniete ein alter Mann , der ein Gebetbuch in den Händen hielt und so eifrig betete , daß ihm die Thränen über die Wangen flossen . Ich blickte genau hin und strengte mein Gedächtniß an , um irgend etwas zu erkennen , wodurch ich an die Vergangenheit erinnert und die Gegenwart mir deutlich würde , denn mir war jede Erinnerung entschwunden . Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte , schien sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrängen , und ich rief : Dübois ! mit matter Stimme . O ! nie werde ich es vergessen , mit welchem Ausdrucke seliger Freude der gute Mann mich ansah , wie inbrünstig er Gott dankte für dieß erste Zeichen wiederkehrender Besinnung . Ich fragte ihn , weßhalb man mich so quäle und mich an mein Lager befestigt habe . Mit Thränen winkte er eine Wärterin herbei , und man löste meine Bande auf . Es erschien bald ein anderer Mann , in dem ich einen Arzt erkannte ; er zeigte sich über meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte , daß kaum ein Rückfall zu befürchten und man nun berechtigt sei , bei meiner Jugend das Beste zu hoffen . Als wir wieder allein waren , fragte ich den alten Dübois nach meinem Gemahl , und der Blick des Schmerzes , mit welchem er sich abwandte und stumm die Hände rang , gab mir Besinnung und Gefühl meines Leidens . Ich habe nie bestimmt erfahren , welche Mittel Dübois angewendet hat , um meine Freiheit zu bewirken ; nur so viel habe ich nach und nach den Muth gehabt von ihm zu erfragen , daß sich zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden , und daß er es deßhalb wagen durfte , seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck zu geben ; aber nie hat er mir vertraut , wie groß die Opfer waren , die er für mein armes Leben gebracht hat . Auch für meinen unglücklichen Gemahl hatte er sich verwendet und Versprechungen erhalten , die ihn zu Hoffnungen berechtigten ; er hatte es sogar erlangt , ihn im Gefängniß sprechen zu dürfen , und dort hatte Evremont , der sich über sein Schicksal nicht täuschte , ihm das feierliche Gelübde abgenommen , mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu widmen . Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dübois vernichtet ; man gab alle Gefangene , die es mit dem verhaßten Namen der Aristokraten bezeichnete , Preis , und Evremont fiel mit vielen Andern . Die Jugend übte ihr Recht ; meine Kräfte begannen zurück zu kehren , und wenn ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte , so fühlte ich doch die Pflicht , für ihn zu leben . Ich bat also Dübois , ihn zu mir zu bringen , weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei ; auch verlangte ich Adele zu sehen , und ich fühlte einen wehmüthigen Trost in der Hoffnung , mit der Schwester den Gemahl zu beweinen . Dübois suchte mich durch mancherlei Vorstellungen von meinen Wünschen abzuleiten und ihre Erfüllung weiter hinaus zu schieben . Ich litt selbst zu sehr , als daß ich gleich die Leiden des alten Mannes bei diesen Gesprächen hätte bemerken können ; endlich aber konnte mir die ganze Tiefe meines unermeßlichen Unglücks nicht länger verborgen bleiben . Dübois war an jenem unglücklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst spät , nachdem er eine seinen Wünschen entsprechende Wohnung gefunden hatte , in der Absicht zurückgekehrt , uns noch denselben Abend dorthin zu führen . Wie groß war sein Entsetzen , als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses unser unglückliches Schicksal erfuhr . Er dachte in diesem Augenblicke nur an Evremont und an mich . Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nöthige Besinnung wiedergefunden hatte , suchte er Erkundigungen darüber einzuziehen , nach welchem Gefängnisse man uns gebracht habe , und sich dann den Weg zu unserer Befreiung zu bahnen . In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren , ehe er nur daran dachte , sich nach meinem Sohne zu erkundigen . Von meiner Schwägerin und der deutschen Dienerin glaubte er , daß sie mit uns verhaftet wären , und so erfuhr er von ihrem Schicksal nichts . Als der gute alte Mann nach unsäglichen Bemühungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte , daß man mich des folgenden Tages unschuldig und frei sprechen würde , eilte er nach dem Dorfe , um meinen Sohn von seiner Pflegerin zurück zu nehmen und durch dessen Anblick mich zu ermuntern , das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen . Aber ach ! der bittre Kelch des Leidens war noch nicht geleert ; er mußte hier erfahren , daß die Wittwe , welche meinen Sohn verpflegt hatte , vor zwölf Tagen gestorben wäre , und Niemand wußte , was aus dem Kinde geworden sei , nur so viel wußten die Nachbaren zu sagen , daß sie während der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei ihr bemerkt hatten . Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich , und es schien , als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden sollte . Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute Dübois im Gerichtssaale , um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen , und es gehörte die Kraft der Religion dazu , die in seinem Herzen lebte , daß er nicht beim Anblicke des unglücklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor und in der Nacht des Wahnsinns , die meine Seele umgab , mich noch unterstützen konnte . Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen , ob nach den entsetzlichen Erschütterungen meine Vernunft jemals wiederkehren würde , und Dübois hatte den edelmüthigen Entschluß gefaßt , sein Leben meiner Pflege zu weihen . Da er aber glaubte , daß er mir nicht alle Bequemlichkeiten würde verschaffen können , so wollte er sich zu dem Banquier begeben , den er als Vertrauten der beiden Grafen Evremont kannte , um von ihm einige Summen für meine Bedürfnisse zu erhalten . Aber auch von hier kehrte er trostlos zurück ; er konnte nur erfahren , daß wahrscheinlich der Kassirer , welcher meinem Bruder die verlangte Summe ausgezahlt , meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere Verhaftung veranlaßt habe ; der Banquier selbst sei , sobald er diese erfahren , mit seinen Hauptbüchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden , um einem ähnlichen Schicksale zu entgehen . So waren denn alle Hoffnungen untergegangen , und Dübois brachte alles zusammen , was er besaß , verkaufte jede Sache von Werth und miethete eine kleine Wohnung in der Vorstadt , wohin er mich führte , indem er mich hier für seine Nichte ausgab . Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden Garten , und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein , und völlig von der Welt geschieden . Dübois hatte die Behutsamkeit , mich nach und nach mit dem ganzen Umfange meines Unglücks bekannt zu machen , und zugleich an die Pflicht zu erinnern , die ich habe , den Rest meines Daseins dazu anzuwenden , um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewähren , den er nur von mir nach dem Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten könne . Er gab es zu , daß dieß die letzte Pflicht sei , die ich im Leben zu erfüllen habe , und billigte meine Absicht , aus der Welt alsdann mich zurück zu ziehen . Mein großes Unglück hatte mich muthlos gemacht , und Gedanken , die früher meine Seele von sich gewiesen haben würde , beherrschten jetzt meinen Geist . Ich glaubte zuweilen , daß sich die Vorhersagung meiner Mutter erfüllt habe , die mir den Zorn Gottes verkündigt hatte , wenn ich ihr Gelübde unerfüllt ließe und mich dem Gott entzöge , dem sie mich geweiht hatte . Meine matten , kraftlosen Gedanken kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zurück , und ich beschloß , so bald mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen Lebens geendet haben und meines Beistandes nicht mehr bedürfen würde , das Gelübde meiner Mutter zu erfüllen . Ein einsam gelegenes Kloster , eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die Gegenstände meiner Sehnsucht , wenn mein Herz noch Sehnsucht empfinden konnte . Meine Kräfte waren nach und nach so weit hergestellt , daß Dübois daran denken konnte , die Reise mit mir anzutreten . Während meiner langen Krankheit hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male geändert , aber seinen Verwandten war es immer gelungen , Einfluß zu behalten , und so wurde es ihm möglich , die nöthigen Pässe für sich und seine Nichte , die Bürgerin Blainville , herbei zu schaffen . Der letzte Rest des Vermögens des guten Alten mußte angewendet werden , um die Kosten der Reise zu bestreiten , doch empfand ich hierüber keine Unruhe , da ich glaubte , der alte Graf Evremont würde jede Auslage bei unserer Ankunft großmüthig ersetzen . Ich schied also von Frankreich und ach , mit welcher Empfindung ! Sein Boden hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken , und meine Augen wendeten sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg ; und doch konnte mein Herz von diesem verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreißen , denn lebte mir nicht vielleicht noch hier ein verlornes Kind , dessen Spur ich vielleicht wieder fände , wenn ich bleiben dürfte ? Wir reisten in der Nacht ab , denn Dübois fürchtete meine Erschütterung , wenn ich die Straßen von Paris wieder erblickte , und ich schied mit heißen , schmerzlichen Thränen von der Stadt , die mein ganzes Glück vernichtet hatte . Je näher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen , um so heftiger wurde Schmerz und Angst in meiner Brust ; ich fürchtete den Anblick meines greisen Schwiegervaters , mein Unglück lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele ; ich sollte ihm sagen : Ich komme allein , Dein Sohn ist ermordet , Dein Enkel und Deine Tochter verloren . Ich fürchtete nicht die Kraft zu besitzen , diese schwere Pflicht zu erfüllen , und ach ! ich fürchtete vergebens ; die Milde des Himmels hatte ihm das herbeste Leiden erspart , der Graf Evremont war gestorben , ehe eine Kunde unseres Unglücks zu ihm hatte dringen können . Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Händen gehabt , um das Vermögen aus Frankreich zu ziehen . Der Nachlaß des alten Grafen war also gering , und wurde durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschöpft , so daß Dübois keine Hoffnung auf Ersatz hatte , aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn , ohne an einen andern Verlust zu denken . Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armuth , in den Alter , Schwäche und Krankheit eine verlassene Wittwe versenken können , und meine Seele schauderte bei ihrer kleinmüthigen Verzweiflung . Die Liebe zu meinem Bruder , die sie früher so ungerecht gegen mich gemacht , hatte sich in den glühendsten Haß verwandelt ; er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen , und nun , da sie keine andern Hülfsmittel mehr hatte , als das ihr von meinem Vater ausgemachte Einkommen , zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem bittersten Elende Preis . So lange mein Schwiegervater lebte , theilte er seine Hülfsmittel mit meiner unglücklichen Mutter ; durch seinen Tod aber war sie der letzten Stütze beraubt , und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme Lage , und sagte ihr bestimmt und kalt , daß er nichts für sie thun könne , und wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei , so lebe ihr ja doch ein reicher Eidam , der sie leicht zu sich nehmen und unterstützen könne . Die Religion hatte er nicht geändert und bat die gekränkte Mutter , ihn mit dieser thörichten Zumuthung zu verschonen . In dieser Lage wendete Dübois das Letzte an , um für unsere nächste Zukunft zu sorgen , und schob die Ueberlegung , wie sich unser Leben gestalten sollte , für die nächsten Wochen zurück , indem er mich bat , mich zuerst von den Anstrengungen der Reise zu erholen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung einigermaßen zu beruhigen . Ich , mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen , sollte Ruhe und Trost gewähren , da ich selbst nur Seufzer und Thränen hatte , aber dennoch fand die arme unglückliche Mutter Trost in meiner Liebe , und als ob sie ihre frühere Ungerechtigkeit gut machen wollte , wendete sie mir nun die zärtlichste Neigung zu . Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten , hatte mein Bruder den Leichtsinn , Ihnen , mein theurer Graf , Briefe an seine Mutter und an seinen Schwager zu geben , dessen Tod er nicht wußte und den er wieder in der Schweiz vermuthete , und so betraten Sie unser Haus . Ich hatte es nicht über mich vermocht , mein Herz zu zerreißen und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang meiner traurigen Geschichte zu erzählen ; sie wußte bloß , mein Gemahl und mein Sohn seien gestorben , und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen , wenn sie mich Ihnen als die Wittwe Blainville vorstellte . Ich war es gern zufrieden , diesen Namen zu behalten und das entsetzliche Unglück meines Lebens im Verborgenen zu tragen , denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen . Im Geheim bemühte sich Dübois immer noch , etwas von meinem Sohn zu erfahren , aber jede Spur seines Daseins war verschwunden . Ich weiß es , mein theurer Freund , ich trat Ihnen bleich , wie ein Marmorbild entgegen , mit tiefem Kummer im Herzen , voll Abscheu gegen eine Welt , die ich mich zu verlassen sehnte , und dennoch machte dieß vom Schicksal vernichtete Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz . Ach ! und ich erkannte mit Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edeln Gemüths ; ich fühlte den milden Trost der Freundschaft , und ein dämmerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens . Ich weiß nicht , ob meine Mutter durch das erlittene Unglück scharfsichtiger geworden war , aber sie bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und gründete die Hoffnung ihres Alters darauf . Ich gestehe es jetzt , mein edler Freund , mich erfüllte damals der Gedanke an jede andere Verbindung , als die ich glaubte mit dem Himmel geschlossen zu haben , mit Entsetzen , und ich zog mich unwillkührlich von Ihnen zurück und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung , die sich nun um ihre letzte Hoffnung betrogen sah . Wenn Sie ahnen könnten , was ich damals litt , Ihr edles Herz würde mich beklagen . Bitten , Thränen , Vorwürfe und Verwünschungen wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an , um mich Ihren Wünschen geneigt zu machen , und ich mußte mir gestehen , daß ihr von Alter , Krankheit und Gram geschwächter Körper diesen zerstörenden Empfindungen nicht lange würde widerstehen können . Ich glaube , mein theurer Freund , Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht von der weiblichen Würde , und bei verschiedenen Gesprächen , die zu meiner Qual über die französische Revolution geführt wurden , äußerten Sie sich hart über die Frauen , die auf irgend eine Weise daran Theil genommen hatten , und als ich ein Mal bemerkte , daß wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten könne , erwiederten Sie mit großer Heftigkeit , daß dieß für eine edle Frau ein unermeßliches Unglück sein würde , denn ein solches männliches Handeln und Leiden würden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten , wie es ja auch Frauen so roh machen kann , fügten Sie hinzu , daß sie fähig sind , nachdem sie kaum den Mann begraben haben , der auf dem Schaffot verbluten mußte , einem andern die Hand zu reichen , und ihm Zärtlichkeit und Liebe zu versprechen , da ihre Seele nur Schauder und Entsetzen sollte fühlen können . Mir würde eine solche Frau , schlossen Sie damals , abscheulich bleiben , so lange ich lebte , und ich begreife nicht , wie irgend ein Mann anders fühlen kann . Diese Worte , die vielleicht nur ein augenblickliches Gefühl Ihrer Seele , vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten , haben uns beide , mein geliebter Freund , um das reine Glück das Lebens gebracht . Ich , die ich die Pläne und Wünsche meiner Mutter kannte , betrachtete diese mit Wehmuth , denn mir schien jetzt Alles beendigt . Ich beschloß nun , ewig über mein Schisal gegen Sie zu schweigen , aber mich auch entschieden von Ihnen zurückzuziehen , um nicht Hoffnungen zu nähren , die nicht erfüllt werden konnten , denn nach Ihrem eigenen Geständniß mußten Sie ja aufhören , mich zu lieben , wenn ich im Stande wäre , Ihnen die Hand zu bieten , nachdem ein entsetzliches Unglück mir den ersten Gemahl entrissen hatte , und nur , indem ich Sie über mich täuschte , hätte ich mir Ihre Liebe erhalten können . Ich sah die Nothwendigkeit ein , meiner Mutter das Unglück meines Lebens in seiner ganzen Ausdehnung mitzutheilen , damit sie sich entschlösse , Hoffnungen , die sie mit Entschiedenheit nährte , aufzugeben . Ich erfüllte diese schwere Pflicht , deren Ausübung mich zu vernichten drohte . Meine Mutter , im Erstaunen über das ihr völlig Neue und Unerwartete , hatte noch die Grausamkeit , mich mit Klagen und Vorwürfen über dieß lange lieblose Schweigen zu bestürmen , und bemerkte ihre Härte erst , als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah . Jetzt erwachte ihre Liebe wieder , und die Verzweiflung , in der ich sie erblickte , als ich wieder zur Besinnung kam , gab mir den Muth , zum Troste der Mutter das Leben zu ertragen . Damals ahneten Sie nicht , mein theurer Freund , wie tröstend und wie quälend mir Ihre zärtliche Sorge während der Krankheit war , die mich als Folge der stürmischen Auftritte mit meiner Mutter befiel . Es konnte mir nicht mehr verborgen bleiben , daß Sie sich mit leidenschaftlicher Liebe entschieden hatten , Ihr Geschick an das meine zu knüpfen , und sobald es meine Kräfte erlaubten , bat ich meine Mutter , Sie mit der Geschichte meines Lebens bekannt zu machen . So willst Du mir denn hartnäckig um einer Grille des Grafen Willen alle Hoffnungen auf ein ruhiges Alter rauben ? fragte meine Mutter mit Thränen . Können Sie wollen , entgegnete ich , daß ich einen edeln Mann hintergehen soll ? Was nennst Du hintergehen ? fragte meine Mutter . Wie Ihr Euch alle vereinigtet , mir die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams kannte , habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht , daß Ihr mich hintergingt ? Hat es Euch allen einen Seufzer , eine Thräne gekostet , mir das Geschick meines Kindes zu verheimlichen ? Und wenn Dir dieß damals keine Sünde schien , worin liegt denn nun das Unrecht , wenn Du dem zweiten Gemahl die Todesart des ersten verschweigst . Diese seichten Gründe meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht ändern , aber ich fühlte , daß jeder Streit mit ihr , die entschlossen war , ihre Ansicht nicht aufzugeben , fruchtlos sein würde , und ich wollte lieber aus ihren eignen Gefühlen sie bekämpfen und sagte also : Die Verbindung mit dem Grafen , theure Mutter , können Sie selbst ja nicht wünschen , da er Protestant ist . Ich habe darüber , sagte meine Mutter , anders denken gelernt , und obgleich ich Deinen Bruder nicht mehr liebe , so würde ich dennoch verzweifeln , wenn ich mir sagen müßte , ich habe ein Kind für die ewige Verdammniß geboren ; kann also mein Sohn als Protestant die Seligkeit finden , so mag dieß meinem künftigen Eidam , den ich als besser und edler erkenne , noch leichter gelingen . Ich wollte meiner Mutter antworten , und da sie bemerkte , daß ich mich ihren Gründen nicht fügen würde , wählte sie ein anderes sicheres Mittel . Ehe ich reden konnte , kniete sie an meinem Lager nieder , faßte meine Hände und sagte , indem ihre Thränen über die von Kummer gebleichten Wangen flossen : Wenn Du denn nicht um Deinet Willen Deine unglückliche Geschichte verschweigen willst , mein geliebtes Kind , so thue es um meinet Willen ; in Deiner Hand liegt nicht bloß das Glück Deines eigenen Lebens , auch die Ruhe einer elenden , unglücklichen Mutter . Zwei Kinder habe ich geboren , eines hat mein Herz zertreten und die flehende Mutter von sich gestoßen ; soll ich Euch beide , soll ich auch Dich vor Gott verklagen , daß Du der verschmachtenden Mutter keine Hülfe leisten willst ? Nein , o nein ! rief ich , in Jammer und Thränen vergehend , mein Loos ruht in Ihren Händen , wenden Sie es , wie Sie wollen . Mit Entzücken drückte mich die Mutter an ihre Brust und ließ mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schwören , Ihnen mein erlebtes Unglück zu verschweigen . So , mein theurer Graf , wurde unsere Vereinigung geschlossen , und da ich über die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte , so war es mir gleichgültig , daß ich mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde , und meine Mutter war beruhigt , da sie auf behutsame Erkundigungen , die sie durch ihren Beichtvater eingezogen hatte , erfuhr , die Ehe sei vollkommen gültig , mein Familienname sei die Hauptsache bei dieser neuen Verbindung . Meine Mutter hatte einen Augenblick den Gedanken , meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermählung einzuladen , und auch Sie fanden es natürlich , und ich sah wohl Ihr Erstaunen , als ich mit Schauder und Entsetzen erklärte , daß ich diesen Bruder , die Quelle alles meines Unglückes , nie wieder sehen wollte . So wandelten wir nun neben einander , und je mehr ich Ihr schönes Herz , Ihren edeln Charakter kennen lernte , um so drückender wurde mir die ausgeübte Falschheit . Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde für das Glück , welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams über den Rest ihrer Tage breitete , und ihre Aengstlichkeit ließ mich das Versprechen der Verschwiegenheit jeden Tag erneuern ; ja in der Sorge , die sie dafür trug , dieß Glück nicht wieder zu verlieren , ging sie so weit , daß sie von mir die schwärzeste Undankbarkeit forderte und verlangte , ich sollte Dübois , diesen Retter meines Lebens , gegen den sie selbst die größten Verpflichtungen hatte , von mir entfernen . Umsonst war es , daß ich ihr jeden Tag wiederholte , ein Wort von mir sei hinreichend , des guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln , sie wiederholte mir ewig : Du hast früher Deiner Mutter nicht vertraut , und nun vertraust Du Dein und mein Glück einem Diener . Mein Herz hatte zu grausame Schläge erlitten , die Kraft der Jugend war gebrochen , es konnte kein leidenschaftliches Gefühl des Glücks mehr durch meinen Busen zittern ; mir war nur die Fähigkeit geblieben , den Schmerz auf diese Weise zu empfinden , aber die milde Wärme einer zärtlichen Freundschaft , die sanftere Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfüllte meine ganze Seele , und Sie , geliebter Freund , würden nicht so oft schmerzlich über die Kälte meines Herzens geklagt haben , wenn ich Ihnen in freier Hingebung , ohne Rückhalt , mein Gefühl hätte zeigen können ; aber die schönsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden mir gestört , jeder Erguß der Herzens gehemmt durch den Gedanken : er kennt Dich nicht , er darf Dich niemals kennen , damit er Dich nicht verabscheut . Ich sah es , Sie waren nicht glücklich in unserer Verbindung , und der nagende Schmerz darüber gab mir die Bitterkeit , die ich eben so oft gegen Andere , als gegen mich selbst wendete ; und in dem Grade , wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte , wurde ich unzufriedener mit mir selbst . Sie , geliebter Freund , hatten Geduld mit allen diesen Schwächen , Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen , und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns gedankt hatten für die zärtliche Kindesliebe , die wir ihr bewiesen , da glaubten Sie , mein theurer Gemahl , durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer überwinden zu