in Böhmen gereist ist , hat mir beim Abschied beigepackte Abhandlungen für Dich gegeben und mich zugleich gebeten , Dich seiner innigsten Achtung zu versichern , er hat mir dabei mancherlei aus seinem Leben erzählt , wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen gemacht , in einem winzigen Nachen , mit Deinem » Egmond « , im Meer zwischen Klippen und Inseln hin und her geworfen , wie er mit den Meerkatzen fechten müssen , wie Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur immer Deine Bücher zu retten gesucht . Siehst Du ! so treibt ' s Dein Geist auf allen Pfaden , zu Land wie zu Wasser , und er zieht von der Quelle an fort mit dem Strom , bis wo er sich ergießt , und so ziehen mit die noch fremden Ufer , und die blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft . Und es sehen die Wälder Dir nach , und die vergoldende Sonne schmückt die Bergeshöhen zu Deinem Empfang ; es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg , die Deiner Jugend reine Stimme gehört . Gestern erhielt ich Dein Bild , eine kleine Paste in Gips , aus Berlin , es gleicht , was hilft ' s , ich muß nach Dir verlangen . Noch ein ägyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden begegnet , und nicht wundert mich , daß seine trockne sandige Natur hier verfault , es ist Klotz , der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte , endlich ihrer Gewalt erliegend , sein fünfundzwanzigjähriges Werk endet . Ägyptisch nenne ich ihn , weil erstens sein Antlitz , wie von glühenden Harzen geschmiedet , zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt , und zweitens , weil er in fünfundzwanzig Jahren mit außerordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze gearbeitet hat . Ich habe aus christlicher Milde ( und zugleich um Dir , als welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedürfte , Gerechtigkeit widerfahren zu lassen ) sein ganzes Manuskript angehört . Nun kann ich mich freilich mit was ich von ihm erlernt , nicht breit machen , ich war mit Rätseln umstrickt , die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden , und er war ängstlich auf seiner Hut , daß ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappte , um es Dir zu übertragen , er möchte gern mit Dir selber hierüber sprechen , am meisten klagte er , daß Du ihm auf einen demütigen , aufrichtigen Brief keine Antwort gegeben , ich aber tröstete ihn damit , daß Du mir auf einen bittenden , liebenden Brief auch keine Antwort gegeben , und so war es gut . - Ich kann dem armen Mann nicht begreiflich machen , daß er die Perlen mit den Kleien gemischt , und daß wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird . Du aber könntest hier gewiß Gutes stiften , wenn Du Dich über seine Entdeckungen mit ihm einlassen wolltest . Beikommende Tabelle hab ich ihm für Dich abgeluchst , sie gefällt mir so wohl , daß ich sie wie ein schönes Bild betrachte . Jetzt hab ich noch eine geringe Frage , aber sie gilt mir viel , denn sie soll mir eine Antwort eintragen : hast Du Albrecht Dürers Bildnis , welches schon vor sechs Wochen von hier abging , erhalten ? - wo nicht , so bitte ich , lasse doch in Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen . Es geht hier eine Sage unter dem Volk , es werde bald eine Erscheinung sein , die soll Wahlverwandtschaften heißen und von Dir in Gestalt eines Romans ausgehen . Ich habe einmal einen fünf Stunden langen , saueren Weg nach einem Sauerbrunnen gemacht , er lag so einsam zwischen Felsen , der Mittag konnte nicht zu ihm niedersteigen , die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an dem Gestein , alte dürre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her , und Abgründe , die man da sah , waren keine Abgründe der Weisheit , sondern dunkle , schwarze Nacht , mir wollt ' s nicht behagen , daß die himmlische Natur solche Launen habe , der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras gewühlt . Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wüßte , gern wollt ich den schauerlichen , unheimlichen Weg noch einmal machen , und zwar mit leichtem Schritt und leichtem Sinn , denn erstens dem Geliebten entgegengehen beflügelt den Schritt , und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der Inbegriff aller Seligkeit . 9. September 1809 Bettine An Bettine Ihr Bruder Clemens , liebe Bettine , hatte mir bei einem freundlichen Besuche den Albrecht Dürer angekündigt , so wie auch in einem Ihrer früheren Briefe desselben gedacht war . Nun hoffte ich jeden Tag darauf , weil ich an diesem guten Werk viel Freude zu erleben gedachte , und wenn ich mir ' s auch nicht zugeeignet hätte , es doch gern würde aufgehoben haben , bis Sie gekommen wären , es abzuholen . Nun muß ich Sie bitten , wenn wir es nicht für verloren halten sollen , sich genau um die Gelegenheit zu erkundigen , durch welche es gegangen , damit man etwa bei den verschiedenen Spediteurs nachkommen kann , denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe ich , daß es Fuhrleuten abgeliefert worden . Sollte es inzwischen ankommen , so erhalten Sie gleich Nachricht . Der Freund , welcher die Kölner Vignette gezeichnet , weiß , was er will , und versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren , das Bildchen hat mir einen freundlichen guten Abend geboten . Franz Badern werden Sie schönstens für das Gesendete danken . Es war mir von den Aufsätzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen . Ob ich sie verstehe , weiß ich selbst kaum , allein ich konnte mir manches daraus zueignen . Daß Sie meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch größere , die Sie mir verziehen haben , entschuldigt , ist gar löblich und hat dem guten Mann gewiß besonders zur Erbauung gedient . Die Tafel ist wohlbehalten angekommen , so angenehm auch der Eindruck ist , den sie auf das Auge macht , so schwer ist sie doch zu beurteilen ; wenn Sie ihn daher bewegen können , den Schlüssel zu diesem Farbenrätsel herzuleihen , so könnte ich vielleicht durch eine verständige und gegründete Antwort mein früheres Versäumnis wieder gutmachen . Wieviel hätte ich nicht noch zu sagen , wenn ich auf Ihren vorigen lieben Brief zurückgehen wollte ? Gegenwärtig nur so viel von mir , daß ich mich in Jena befinde , und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiß , welche ich wählen soll . Wenn das Büchlein , das man Ihnen angekündigt hat , zu Ihnen kommt , so nehmen Sie es freundlich auf , ich kann selbst nicht dafür stehen , was es geworden ist . Mit eigner Hand : Nimm es nicht übel , daß ich mit fremder Hand schreibe , die meine war müde , und ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen über das Bild , suche ihm doch ja auf die Spur zu kommen , fahre fort , an mich zu denken und mir etwas von Deinem wunderlichen Leben zu sagen , Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit vieler Freude , was Dir auch die Feder darauf erwidern könnte , es wäre doch immer weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck , dem man sich so gern hingibt , selbst wenn es Täuschung wär , denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an den Reichtum Deiner Liebe , den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut . - Was Du zum voraus über die Wahlverwandtschaften sagst , ist prophetischer Blick , denn leider geht die Sonne düster genug dort unter . Suche doch ja dem Albrecht Dürer auf die Spur zu kommen . Lebe recht wohl . Jena , den 11. September 1809 Goethe Heute bitt ich wieder einmal um Verzeihung , liebe Bettine , wie ich es schon oft hätte tun sollen . Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht , es ist in Weimar wirklich angekommen , und nur durch Zufall und Vernachlässigung kam die Nachricht nicht an mich herüber . Nun soll es mich bei meiner Rückkehr in Deinem Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden , auch so lang bei mir verweilen , bis Du zu mir kommst , es abzuholen . Laß mich bald wieder von Dir vernehmen . Der Herzog grüßt Dich aufs beste , einiges muß ich ihm auch diesmal aus Deinem schönen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen . Er ist Dir mit besonderer Neigung zugetan , und besonders was die Schilderung von Kriegsszenen anbelangt , teilt er vollkommen Deine enthusiastische An- und Umsichten ; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende . August kommt Anfang Oktobers von Heidelberg zurück , wo es ihm ganz wohlgegangen ist . Auch hat er eine Rheinreise bis Koblenz gemacht . Lebe meiner gedenk . Jena , den 15. September 1809 G. 26. September Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch geflogen ; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstückchen dran gehängt von besonderer Teilnahme , allein ich lasse mir nichts weismachen , das war nach der alten Drehorgel gepfiffen . Hättest Du mich lieb , unmöglich könntest Du von Deinem Sekretär einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster , er ist ein Philister , daß er so was schreibt und Dich selbst dazu macht , ich kann mir auch gar nicht vorstellen , wie Du es mit ihm anstellst ; sprichst Du ihm denn den Inhalt Deines Briefs vor , oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel , daß er sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte ? - Verliebt bist Du , und zwar in die Heldin Deines neuen Romans , und das macht Dich so eingezogen und so kalt gegen mich , Gott weiß , welches Muster Dir hier zum Ideal diente ; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen , Werthers Lotte hat mich nie erbaut , wär ich nur damals bei der Hand gewesen , Werther hätte sich nicht erschießen dürfen , und Lotte hätte sich geärgert , daß ich ihn so schön trösten konnte . So geht mir ' s auch im Wilhelm Meister , da sind mir alle Frauen zuwider , ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen , und darauf hatte ich auch gebaut , Du würdest mich gleich liebgewinnen , wenn Du mich kennenlerntest , weil ich besser bin und liebenswürdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane , ja wahrhaftig , das ist nicht viel gesagt , für Dich bin ich liebenswürdiger , wenn Du , der Dichter , das nicht herausfinden willst ? für keinen andern bin ich geboren ; bin ich nicht die Biene , die hinausfliegt , aus jeder Blume Dir den Nektar heimbringt ? - und ein Kuß ! meinst Du , der sei gereift wie die Kirsche am Ast ? - nein , ein Umschweben Deiner geistigen Natur , ein Streben zu Deinem Herzen , ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe ; und so ist dieser Kuß ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich verschiedensten Natur von mir . O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein geschnitzeltes Bild , dasselbige anzubeten , während die Möglichkeit Dir zuhanden liegt , ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben . Wenn ich mein Netz aufzog , so willkürlich gewebt , so kühn ausgeworfen , im Gebiet des Unbekannten , ich brachte Dir den Fang , und was ich Dir auch bot , es war der Spiegel des menschlich Guten . Die Natur hat auch einen Geist , und in jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und des Unglücks , wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können , da Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt ? So empfindet sich Natur selig im Geist des Menschen , das ist meine Liebe zu Dir , und so erkennt der Menschengeist diese Seligkeit , das ist Deine Liebe zu mir : geheimnisvolle Frage und unentbehrliche Antwort . Genug ! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben , nimm mich auf und verhülle mich in Dein tieferes Bewußtsein . Dein zweiter Brief ist auch hier , der mir das glückliche Einfangen des vagabundierenden Kunstwerkes meldet , möge es Dir bei Deiner Heimkehr einleuchten ; es ist ein Gesicht , zwar nur ein gemaltes , aber unter tausend lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen , der hat sich angesehen , hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt , daß es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige unter den Besten . Vom Welttheater auf den Felsspitzen ist nur zu melden , daß sie gut balancieren . Am 3. September , am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und Freundes , hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen ; es ist grade Platz genug dort , daß von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden , die so kühn sind , so himmelanstrebend wie die Felszacken , von denen sie ausgehen , und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte , in denen sie ihre Feinde begraben , entschieden Genaues erfährt man nicht ; das Großartige wird so viel wie möglich verketzert und verheimlicht ; in diesen letzten Wochen hat sich Steger hervorgetan , auch ein allseitiges Genie , der sich selber als ein Geschenk Gottes betrachten kann für seine Landsleute . Von Deinem Musensohn , dem Kronprinzen , sind Briefe hier , über Begebenheiten melden sie nichts , er ist gesund und dichtet , auch mitten in dem Tumult des Schicksals , das beweist , daß er sich in diesem Element nicht fremd fühlt ; weiter weiß ich nichts , das Gedicht bekam ich nicht zu lesen , ich hätte es Dir sehr gern als Probe gesendet , man fürchtet , es möchte mich zu tief ergreifen , sonderbar ! Ich könnte mein ganzes Herz tätowieren , Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen , und doch blieb es so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch , so geht ' s , wenn man Freunde hat , die sich um einen kümmern , sie beurteilen einem verkehrt und mißhandeln einen danach , das nennen sie Anteil nehmen , und dafür soll man sich noch bedanken : ich habe mir nun ein apartes Pläsier gemacht und ein schönes Miniaturbild des jungen Königsohns an mich gebracht , das betracht ich zuweilen und bete ihm im Geist vor , wie es mit ihm werden soll ; aber , aber ! es ist dafür gesorgt , daß die Bäume nicht im Himmel wachsen , sag ich mit Dir ; es hat gute Wege mit Weltherrschern , daß die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer Fähigkeiten nicht Meister . Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen , durchmarschierende Truppen haben ihn mitgebracht , ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen Nachteinquartierung nach ; es raffte schon die meisten Lazarettärzte weg , gestern hab ich einen jungen Mediziner , der sich freundlich an mich attaschiert hatte , verabschiedet , er heißt Janson , er ging nach Augsburg ins Lazarett , um dort einen alten Lehrer , der Frau und Kinder hat , abzulösen , dazu gehört auch großartiger Mut . Auch in Landshut , wo Savignys sind , fährt der Tod seinen Karren triumphierend durch alle Straßen , und besonders hat er mehrere junge Leute , ausgezeichnet an Herz und Geist , die sich der Krankenpflege annahmen , weggerafft , es waren treue Hausfreunde von Savigny ; ich werde nächstens hingehen , um böse und gute Zeit mit auszuhalten . Denn ich sag allen politischen Ereignissen Valet , was hilft alles Forschen , wenn man betrogen wird und alle aufgeregten Gefühle nutzlos sich verzehren müssen . Adieu , ich bin Dir nicht grün , daß Du Deinen Sekretär an mich hast schreiben lassen . Es braucht nur wenig zu sein zwischen uns , aber nichts Gleichgültiges , das tötet das flüchtige Salz des Geistes und macht die Liebe scheu . Schreibe bald und mache wieder gut . Bettine An Bettine Deinen Vorwürfen , liebste Bettine , ist nicht auszuweichen , da bleibt nichts übrig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen , um so mehr , da Du mit den geringen Beweisen von Liebe , die ich Dir geben kann , zufrieden bist ; auch bin ich nicht imstande , Dir das von mir zu schreiben , was Dir am interessantesten sein möchte , dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches gewähren , daß sie billig allem andern vorgehen ; sie bescheren mir eine Reihe von Festtagen , deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut . Gern geb ich Dir zu , daß Du ein weit liebenswürdigeres Kind bist wie alle , die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird ; eben darum erwart ich von Dir , daß Du ihnen zugute halten werdest , was Du vor ihnen voraus hast . Verbinde nun mit solchen schönen Eigenschaften auch die , immer zu wissen , wie Du mit mir dran bist ; schreibe mir , was Dir deucht , es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen , Dein offenherziges Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung , und Deine vertraulichen Hingebungen überwiegen mir alles . Lebe wohl , bleibe mir nah und fahre fort , mir wohl zu tun . Jena , 7. Oktober Goethe Landshut , am 24. Oktober Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten , dies habe ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche , die da stand in der Schar wilder hoher Waldpflanzen mächtig groß , und ihre Jahrhunderte zählte , ganz abgewendet vom Sonnenschein . Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier , man muß über manchen Stiegelhupfer , kommt allmählich aufwärts zwischen Tannen und Fichten , die ihre breiten Äste im Sand schleifen . Dort stand vor vielen hundert Jahren ein Jagdschloß von Ludwig dem Schönen , Herzog in Bayern , dessen sonderliche Lust war , in Nebel und Abenddämmerung herumzuschweifen , da war er einstmals abwärts gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mühle geführt , das Wasser hörte er brausen und das Mühlenrad gehen , sonst war alles still , er rief , ob ihn niemand höre , die Müllerin , die gar schön war , wachte auf , zündete ein Kienholz an und kam vor die Tür gegangen , da war der Herzog gleich verliebt , da er sie beim Schein der Flamme sehen konnte , und ging mit ihr ein , blieb auch bis am frühen Morgen . Er suchte sich aber einen heimlichen Weg , wie er wieder zu ihr kommen möge . Er vergaß ihrer nicht , aber wohl vergaß er der Mark Brandenburg , die er verlor , darum , daß er auf nichts achtete als nur auf die Liebe ; eine Ulmenallee , die zur Mühle führt vom Schloß aus , und die er selbst pflanzte , steht noch ; » daran sieht man , daß die Bäume wohl alt werden , aber die Liebe nicht « , sagte einer von unserer Gesellschaft , da wir durch die Allee gingen . Und darum hat der Herzog nicht unrecht , daß er die Mark Brandenburg um die Liebe gab , denn diese ist immer noch da und ist dumm , aber in der Liebe geht man umher wie im Frühling , denn sie ist ein Regen von sammetnen Blütenblättern , ein kühles Hauchen am heißen Tag , und sie ist schön , bis sie am End ist . Gäbst Du nun auch die Mark um die Liebe ? - es würde mir nicht gefallen , wenn Du Brandenburg lieber hättest wie mich . Am 23. Oktober Der Mond scheint weit her über die Berge , die Winterwolken ziehen herdenweis vorüber . Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen , wie ' s oben jagt und treibt . Lieber Goethe , guter Goethe , ich bin allein , es hat mich wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf ! wie ein neugeboren Kindchen , so muß ich diese Liebe pflegen zwischen uns ; schöne Schmetterlinge wiegen sich auf den Blumen , die ich um seine Wiege gepflanzt habe , goldne Fabeln schmücken seine Träume , ich scherze und spiele mit ihm , jede List versuch ich um seine Gunst . Du aber beherrschst es mühelos , durch das herrliche Ebenmaß Deines Geistes ; es bedarf bei Dir keiner zärtlichen Ausbrüche , keiner Beteuerungen . Während ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart , geht eine Kraft von Dir aus des Segens , die da reicht über alle Vernunft und über alle Welt . Am 22. Oktober Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben , und endige gern tief unten , ohne einen Platz zu lassen für den Respekt ; das malt mir immer vor , wie vertraut ich mit Dir sein darf ; ich glaub wahrhaftig , ich hab ' s von meiner Mutter geerbt , denn alte Gewohnheit scheint ' s mir , und wie das Ufer den Schlag der Wellen gewöhnt ist , so mein Herz den wärmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen , bei allem , was mich daran erinnert , daß Du in dieser sichtbaren Welt lebst . Deine Mutter erzählte mir , daß , wie ich neugeboren war , so habest Du mich zuerst ans Licht getragen und gesagt , das Kind hat braune Augen , und da habe meine Mutter Sorge getragen , Du würdest mich blenden , und nun geht ein großer Glanz von Dir aus über mich . Am 21. Oktober Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts , das ist mir nicht recht ; ich sehne mich wieder nach der Angst , die mich aus München vertrieben hat , ich habe Durst nach den Märchen von Tirol , ich will lieber belogen sein als gar nichts hören ; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete für sie . Der Kirchturm hat hier was Wunderliches , sooft ein Domherr stirbt , wird ein Stein am Turm geweißt , da ist er nun von oben bis unten weiß geplackt . Indessen geht man an schönen Tagen hier weit spazieren mit einer liebenswürdigen Gesellschaft , die sich an Savignys menschenfreundlicher Natur ebenso erquickt wie an seinem Geist . Salvotti , ein junger Italiener , den Savigny sehr auszeichnet , hat schöne Augen , ich sehe ihn aber doch lieber vor mir hergehen als ins Gesicht ; denn er trägt einen grünen Mantel , dem er einen vortrefflichen Faltenwurf gibt , Schönheit gibt jeder Bewegung Geist ; er hat das Heimweh , und obschon er alle Tage seinen vaterländischen Wein durch den bayerischen Flußsand filtriert , um sich zu gewöhnen , so wird er täglich blasser , schlanker , interessanter , und bald wird er seine Heimat aufsuchen müssen , um ihr seine heimliche Liebe einzugestehen ; so wunderliche Grillen hat Natur , zärtlich , aber nicht überall dieselbe , demselben . Ringseis , der Arzt , der mir den Intermaxillarknochen sehr schön präpariert hat , um mir zu zeigen , wie Goethe recht hat , und viele freundliche Leute sind unsre Begleiter , man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege , man übt sich aufs kommende Frühjahr , wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol vorhat ; wer weiß , wie ' s dann dort aussehen wird , dann werden die armen Tiroler schon seufzen gelernt haben . Heute Nacht hab ich von Dir geträumt , was konnte mir Schöneres widerfahren ? - Du warst ernsthaft und sehr geschäftig und sagtest : ich solle Dich nicht stören . Das machte mich traurig , da drücktest Du sehr freundlich meine Hand auf mein Herz und sagtest : » Sei nur ruhig , ich kenne Dich und weiß alles « , da wachte ich auf ; Dein Ring , den ich im Schlaf an mich gedrückt hatte , war auf meiner Brust abgebildet , ich paßte ihn wieder in die Abbildung und drückte ihn noch fester an , weil ich Dich nicht an mich drücken konnte . Ist denn ein Traum nichts ? - Mir ist er alles ; ich will gern die Geschäfte des Tages aufgeben , wenn ich nachts mit Dir sein und sprechen kann . O sei ' s gern im Traum , mein Glück , Du . Am 19. Oktober Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzuschlagen gewußt , ich hab mir eine Kapelle von sechs bis acht Sängern errichtet , ein alter geistlicher Herr , Eixdorfer ( behalte seinen Namen , ich werde Dir noch mehr von ihm erzählen ) , ein tüchtiger Bärenjäger und noch kühnerer Generalbaßspieler , ist Kapellmeister . An Regentagen werden in meinem kleinen Zimmer die Psalmen von Marcello aufgeführt , ich will Dir gern die schönsten davon abschreiben lassen , wenn Du sie selbsten nicht hast , schreib nur ein Wort drum , denn die Musik ist einzig herrlich und nicht gar leicht zu haben . Auch die Duetten von Durante sind schön , das Gehör muß sich erst daran gewöhnen , ehe es ihre harmonische Disharmonie bändigen mag , eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen , die in die Luft wie ein irrendes Verhallen abbricht ; drum sind sie aber auch so gewaltig , wenn sie recht gesungen werden , daß man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten ließe . Man hatte indessen ein barbarisches Urteil über diese und Marcello gefällt , ich wurde bizarr genannt , daß ich täglich zweimal , morgens und abends , nur diese Musik singen ließ . Nach und nach , wie jeder Sänger seinen Posten verstehen lernte , gewann er auch mehr Interesse . - Auf Apolls hohen Kothurnen schreiten , mit Jupiters Blitzen um sich schleudern , mit Mars Schlachten liefern , Sklavenketten zerbrechen , den Jubel der Freiheit ausströmen , bacchantische Lust ausrasen , mit dem Schild der Minerva die anstürmenden Chöre zusammendrängen , ihre Evolutionen ordnend schützen , das sind so einzelne Teile dieser Musik , an denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen . Da ist denn auch kein Widerstand ; Musik macht die Seele zu einem gefühligen Leib , jeder Ton berührt sie ; Musik wirkt sinnlich auf die Seele , wer nicht so erregt ist im Spiel wie in der Komposition , der bringt nichts Gescheites hervor ; die scheinheiligen , moralischen Tendenzen seh ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem erlogenen Plunder , denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der Natur , und Du weißt das am besten . Am 18. Oktober Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben ; es ist nichts mit ihm anzufangen , ich habe zum Teil mit Langerweile , aber doch auch mit Teilnahme mein Ohr seinem fünfundzwanzigjährigen Manuskript geliehen , mich mühsam durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt , daß er sich selbst in höchst prosaischem Wahnsinn hinten angehängt hat ; nichts hab ich besser verstanden als dies eine : Ich bin Ich , und beim Lichte besehen , hat er sich durch häufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe , schmutzige Stoffarben verwandelt . Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte , besonders durch sein schauerliches Gesicht , so konnt ich nach endlich beendigten Kollegien nicht mehr über mich gewinnen , ihn zu besuchen , und kam mir eine seltsame Furcht , wenn ich ihn auf der Straße witterte . Bei Sonn- und Mondenschein stürzt er auf mich los , ich suche zu entweichen , ach , vergebens , die Angst lähmt meine Glieder , und ich falle in seine Hände . Nun fing er an , sein System von Grund aus in meine Seele einzukeilen , damit ich den Unterschied von Goethes Ansicht ja recht auffasse ; auch lud er mich ein , um mir seine Lichttheorie auf französisch vorzulesen , er übersetzte das Ganze , um es der Pariser Akademie zu übergeben ; da nun ein Dämon in mir dem allen entgegenarbeitet , was sich als Wirklichkeit behauptet , keine Form veredelt , alles Poetische leugnet oder höchst gleichgültig überbaut oder zertrümmert , so hab ich ihm durch meine großen Lügen , Parodien und Vergleichsammlungen wiederum das Leben , das ganz erstarren wollte , auf etliche Zeit gefristet . Ich meinte , da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles sah , was er wollte , daß der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins ; denn ohne ihn schwebt alles und gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen , so auch , wenn ich zweifle und nicht glaube , so verfliegt mir auch Dein schönes Andenken , und ich habe nichts . Am 17. Oktober Um etwas bitte ich , Du darfst mir ' s nicht abschlagen , man kann nämlich während der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge , die die Einsamkeit des Grabes versüßen , als da sind : Schleifen , Haarlocken der Geliebten usw. ; meine Liebe zu Dir ist zu groß , als daß ich Dir ein Haar krümmen möchte , viel weniger eins abschneiden , denn Dein Haar gehört zu Dir , und Du bist ein Ganzes , das meine Liebe sich zugeeignet hat , und will auch nicht ein Haar an Dir missen . - Gib mir Dein Buch - lasse es schön einbinden in eine freundliche Farbe , in Rot etwa ; denn das ist eine Farbe , in der wir uns oft begegneten , und dann schreibe mit eigner Hand vorne hinein :