Gern « , fuhr Amandus fort , » hätt ich dir das Abenteuer noch verschwiegen , das einmal doch nichts Angenehmes verspricht ; es wäre Nachmittag noch Zeit gewesen , und die Delikatesse des Fremden , daß er uns unser erstes Beisammensein über Tisch nicht stören wollte , war in der Tat zu loben , er gab mir diese freundliche Absicht beim Wegreiten sehr deutlich zu verstehn . Nun freilich wär ' s fast besser , er wäre gleich zugegen und du dieser verteufelten Ungewißheit überhoben . Höre , wenn es am Ende nur keine odiöse Ehrensache ist ! Du weißt , die Herren Offiziers - Du hast doch keine Händel gehabt ? « » Ich wüßte doch nicht « , sagte Nolten und ging einigemal still die Stube auf und ab . Indessen war die Pfarrerin sachte mit der Uniform in die Kammer gegangen . Auf einmal tat sich die Tür weit auf , ein hoher schöner Mann trat heraus und lag blitzschnell in Theobalds Armen . Es war kein anderer Mensch , als sein getreuer Schwager S. , der Gatte Adelheids , die wir ja schon als Mädchen kennenlernten . » Der Tausend ! « rief der Pfarrer , während alles der herzlichsten Umarmung zusah , » so ganz feindselig , wie ich dachte , so auf Leben und Tod ist die Rencontre nun doch nicht , es wäre denn , sie brächen sich einander vor Liebe die Hälse . Nun ! hab ich es nicht schön gemacht ? Sorge voraus , Freud gleich hinterdrein , wird erst ein wahrer Jubel sein . - Also « ( brummte er für sich in den Bart ) » das wäre Numero 1. « Seine Schalkheit ward jetzt wacker gescholten . Doppelt und dreifach mußte Nolten erstaunen , denn S. war , seitdem sie sich nicht mehr gesehen , zum Obristen avanciert , deswegen jener auch aus der Uniform nicht klug werden konnte . Triumphierend erzählte der Pfarrer , wie er , nachdem die Nachricht von Theobalds Ankunft in Neuburg bei ihm eingelaufen , sogleich den herrlichen Einfall gehabt , den Schwager , den er in Geschäften für sein Regiment nur auf fünf Stunden in der Nähe gewußt , durch eine Staffette herbeizukriegen . Aufs fröhlichste speiste man gleich zu Mittag . Es war eine ansehnliche Tafel . Sohn und Töchter des Neuburger Pastors saßen halb bänglich , halb entzückt in einem für sie so neuen Freudenkreise trefflicher Menschen . Unser Maler , zwischen Agnes und den Schwager gesetzt , wollte die Hände der beiden gar nicht aus den seinigen lassen , er fühlte seit langer Zeit einmal wieder alles Drückende und Schwere rein von sich abgetan und ein übers andre Mal traten ihm die Augen über . An dem Pfarrer wurde nach und nach eine prickelnde Unmüßigkeit sichtbar ; er entfernte sich öfters , gab vor der Tür geheime Befehle und sah mit Vergnügen die letzte Schüssel auftragen . Eh man zum Nachtisch kam , stand er auf und sagte : » Es beginne nun die Symphonie zum zweiten Aktus , mit etwelchem Gläsergeklingel , wenn ' s beliebt . Sofort erhebe sich eine werte Gesellschaft , greife nach Hüten und Sonnenschirmen und verfüge sich allgemach aus meinem Hause , woselbst für jetzt nichts mehr abgereicht wird . Zuvor aber richten Sie gefälligst noch die Blicke hier nach dem Fenster und bemerken dort drüben den sonnigen Gipfel . « Man erblickte auf einem vor dem Walde gelegenen Hügel , den wir schon als das Geigenspiel bezeichnet haben , ein großes linnenes Schirmdach mit bunter Flagge aufgerichtet , das einen runden weißgedeckten Tisch zu beschatten schien . Die dichten Laubgewinde , die an fünf Seiten des Schirms herunterliefen , gaben dem Ganzen das Ansehn eines leichten Pavillons . Amandus hatte diese bewegliche Einrichtung schon seit einiger Zeit für die jährlichen Kinderfeste sowie zur Bequemlichkeit der Fremden machen lassen , weil die daneben stehende Linde dem Platze mehr Zierde als Kühlung verlieh . - Die Gesellschaft kam außer sich vor Freude ; man machte sich auch unverzüglich auf den Weg , denn jedes sehnte sich , sein glückliches Gefühl in freiester Weite noch leichter auszulassen . Die Jüngern waren schon vorausgegangen . Unterwegs wurden Nolten und die Braut nicht satt , sich von Adelheiden erzählen zu lassen . Wir wissen die fast mehr als brüderliche Neigung , welche den Maler an die Schwester band , deren stille Tiefe sich , wie behauptet wird und wir gern glauben mögen , inzwischen zu einem höchst liebenswerten und seltenen Charakter entwickelt und befestigt hatte ; zum wenigsten fand Agnes nach ihrer demütig liebevollen Weise sogleich im stillen ein Musterbild der echten Frauen in dieser Schwägerin für sich aus , obgleich sich beide nur erst einmal gesehen hatten . Jetzt gedachte man der Entfernten mit desto innigerer Rührung , da man gleich anfangs gehört , sie sei vor kurzem zum ersten Male Mutter , und eine höchst beglückte , geworden . - Noch sagen wir bei dieser Gelegenheit , daß eine ältere Schwester , Ernestine , auch längst verheiratet war , jedoch , soviel man wissen wollte , nicht sehr zufrieden , da sie auch in der Tat nicht geschaffen schien , einen Mann für immer zu fesseln . Die Jüngste , Nantchen , stand eben in der schönsten Jugendblüte und lebte bei einer Tante . Man kam an einem Tannengehölze vorüber , das Reiherwäldchen genannt , dessen Echo berühmt war . Der Pfarrer rief , mit den gehörigen Pausen , hinein : » Frau Adelheid , Zu dieser Zeit In ihrem Bettlein reine , Muß ferne sein , Muß ferne sein , Doch ist sie nicht alleine . Herr Storch hat ihr Besuch gemacht , Darob ihr süßes Herze lacht , Ob auch das Bürschlein greine . - Frau Echo , sprich , Noch weiß ich nicht : Was herzet denn das Liebchen , Ein Mädchen oder Bübchen ? « » Büb ; gsl ; chen ! « In kurzem befand man sich auf dem Berg , tief atemholend und erstaunt über die unbegrenzte Aussicht . » Bei Frauenzimmern « , fing Amandus an , » wenn sie den letzten herben Schritt überwunden haben und jetzt sich umsehn , unterscheide ich jedesmal zweierlei Gattungen Seufzer . Der eine ist ganz gemein materieller Natur , kein Lüftchen ist imstand , ihn von der Rosenlippe aufzunehmen und über die glänzende Gegend selig hinwegzutragen , sondern sogleich fällt er plump , schwer zu Boden , prosaisch wie das Schnupftuch , womit man sich die Stirn abtrocknet . Billig sollten die Schönen sich seiner ganz enthalten , ihn wenigstens unterdrücken , denn gewissermaßen muß er den Wirt beleidigen , den Cicerone der Gesellschaft , der alle diese Herrlichkeit mit Enthusiasmus wie sein Eigentum vorzeigt und nicht begreifen kann , wie man in solchem Augenblicke nur noch das mindeste Gefühl von der armseligen Mühe haben kann , womit man sich so einen Anblick erkaufte . Ja , Damen hab ich gesehen , die gaben sich Mühe , diesen Seufzer recht reizend schwindsüchtig und ätherisch hervorzubringen , und ein mitleidflehendes Gesicht zu machen , als würde gleich die Ohnmacht kommen . Man enthält sich kaum dabei recht schmachtend zu fragen : Ist Ihnen nicht ein Schluck Affenthaler gefällig , Fräulein , oder dergleichen ? Kurz also , wenn jene erste Gattung nichts weiter sagen will als : Gottlob , dies wäre überstanden ! so ist dagegen die zweite « - Er hatte noch nicht ausgeredet , so kam erst Agnes , bis jetzt von niemand eigentlich vermißt , mit einem Kinde des Pfarrers , das nicht mehr hatte fortquackeln können und das sie sich auf den Rücken geladen , den steilen Rand von der Seite heraufgeklommen ; sie setzte atemlos das Kind auf die Erde und ein » Gottlob ! « entfuhr ihr halblaut . Bei diesem Wort sah man sich um , ein allgemeines Gelächter war unwiderstehlich , aber auch rührender konnte nichts sein , als die erschrocken fragende Miene des lieben Mädchens . Herzlich umarmte und küßte sie Amandus , indem er rief : » Diesmal , wahrhaftig , ist Marthas Mühe schöner als selbst das eine , das hier oben not ist . « Welch ein Genuß nun aber , sich mit durstigem Auge in dieses Glanzmeer der Landschaft hinunterzustürzen , das Violett der fernsten Berge einzuschlürfen , dann wieder über die nächsten Ortschaften , Wälder und Felder , Landstraßen und Wasser , in unerschöpflichen Wechsel von Linien und Farben , hinzugleiten ! Hier schaute , gar nicht allzuweit entfernt , eine langgedehnte Albtraufe ernsthaft und groß herüber2 ; sie verschloß beinah die ganze Ostseite , Berg hinter Berg verschiebend und ineinanderwickelnd , so doch , daß man zuweilen ein ganz entlegnes Tal , wie es stellenweise von der Sonne beschienen war , mit oder ohne Fernrohr erspähen und sich einander freudig zeigen konnte . Besonders lang verweilte Agnes auf den Falten der vorderen Gebirgsseite , worein der schwüle Dunst des Mittags sich so reizend lagerte , die ahnungsvolle Beleuchtung mit vorrückendem Abend immer verändernd , bald dunkel , bald stahlblau , bald licht , bald schwarzlich anzusehn . Es schienen Nebelgeister in jenen feuchtwarmen Gründen irgendein goldenes Geheimnis zu hüten . Eine bedeutende Ruine krönte die lange Kette des Gebirgs und selbst durch einen schwächern Tubus glaubte man ihre Mauern mit Händen greifen zu können , dagegen ganz hinten in der Ferne vom Rehstock nur der Abfall des Waldrückens sichtbar war , auf dem er ruhen mußte . Indes war von gar muntern Händen ein Feuer zwischen Steinen angemacht worden , der Kaffee fing an zu sieden , die Tassen klirrten , und der Pfarrer gebot ein allgemeines Niedersitzen ; niemand aber wollte sich noch des schönen Zeltes bedienen , welches bis jetzt nur für eine Art Speiseküche galt ; man saß in willkürlichen Gruppen auf dem Boden umher , ein jedes ließ sich schmecken was ihm beliebte , nur rückte man etwas näher zusammen , als Amandus folgendermaßen das Wort nahm : » Es darf , meine Lieben , der schöne Platz , worauf wir gegenwärtig ruhen , nicht leicht besucht werden , ohne daß man das Andenken des Helden erneuert , dem er seinen Namen verdankt . Gewiß ist keines von Ihnen völlig unbekannt mit der merkwürdigen Sage , aber die wenigsten hatten wohl Gelegenheit sich aus den verschiedenen , zum Teil einander scheinbar widersprechenden Erzählungen des Volks , ein vollständiges Bild von dem Charakter des wundersamen Wesens zu machen , von welchem hier die Rede ist ; es kann also niemanden unangenehm sein , jetzt eine genauere Schilderung zu hören , wobei ich mir weniger angelegen sein lassen will , alle einzelnen Geschichten und Anekdoten anzubringen , als vielmehr nur die Hauptzüge anschaulich zu machen . Vielleicht kann ich dadurch Freund Nolten veranlassen , meinen seltsamen Geiger zum Gegenstand einer malerischen Komposition zu nehmen , ein lang von mir gehegter Wunsch , den er mir einmal feierlich zugesagt und noch bis heut nicht erfüllt hat . Sie , lieber Oberst , werden mich in meiner Bitte gewiß kräftig unterstützen , da Sie sich selbst für die poetische Figur des Spielmanus so lebhaft interessieren und noch heute sich emsig um die Vervollständigung seiner Geschichte bekümmert haben . Ei , eben recht , daß mir das beifällt ; Sie sollen auch jetzt zuerst die Ehre haben und die Ergebnisse Ihrer staubigen Forschungen uns in einem lebendigen und heiteren Gemälde vorlegen , ich aber will etwa nachhelfen , wo Sie eine Lücke lassen sollten . « Der Oberst ließ sich nicht lang bitten und die Gesellschaft merkte wacker auf . » In dieser Gegend soll vor alters gar häufig ein Räuber , Marmetin , sein Wesen getrieben haben , den jedermann unter dem Namen Jung Volker kannte . Räuber sag ich ? Behüte Gott , daß ich ihm diesen abscheulichen Namen gebe , dem Lieblinge des Glücks , dem lustigsten aller Waghälse , Abenteurer und Schelme , die sich jemals von fremder Leute Hab und Gut gefüttert haben . Wahr ist ' s , er stand an der Spitze von etwa siebenzehn bis zwanzig Kerls , die der Schrecken aller reichen Knicker waren . Aber , beim Himmel , die pedantische Göttin der Gerechtigkeit selbst mußte , dünkt mich , mit wohlgefälligem Lächeln zusehn , wie das verrufenste Gewerbe unter dieses Volkers Händen einen Schein von Liebenswürdigkeit gewann . Der Prasser , der übermütige Edelmann und ehrlose Vasallen waren nicht sicher vor meinem Helden und seiner verwegenen Bande , aber dem Bauern füllte er Küchen und Ställe . Voll körperlicher Anmut , tapfer , besonnen , leutselig und doch rätselhaft in allen Stücken , galt er bei seinen Gesellen fast für ein überirdisches Wesen , und sein durchdringender Blick mäßigte ihr Benehmen bis zur Bescheidenheit herunter . Wär ich damals im Lande Herzog gewesen , wer weiß , ob ich ihn nicht geduldet , nicht ein Auge zugedrückt hätte gegen seine Hantierung . Es war , als führte er seine Leute nur zu fröhlichen Kampfspielen an . Seht , hier dieser herrliche Hügel war sein Lieblingsplatz , wo er ausruhte , wenn er einen guten Fang getan hatte ; und wie er denn immer eine besondere Passion für gewisse Gegenden hegte , so gängelt ' er seine Truppe richtig alle Jahr , wenn ' s Frühling ward , in dies Revier , damit er den ferndigen Gukuk wieder höre an demselben Ort . Ein Spielmann war er wie keiner , und zwar nicht etwa auf der Zither oder dergleichen , nein , eine alte abgemagerte Geige war sein Instrument . Da saß er nun , indes die andern sich im Wald , in der Schenke des Dorfs zerstreuten , allein auf dieser Höhe unterm lieben Firmament , musizierte den vier Winden vor und drehte sich wie eine Wetterfahne aufm Absatz herum , die Welt und ihren Segen musternd . Der Hügel heißt daher noch heutzutag das Geigenspiel , auch wohl des Geigers Bühl . - Und dann , wenn er zu Pferde saß , mit den hundertfarbigen Bändern auf dem Hute und an der Brust , immer geputzt wie eine Schäfersbraut , wie reizend mag er ausgesehn haben ! Ein Paradiesvogel unter einer Herde wilder Raben . Etwas eitel denk ich mir ihn gern , aber auf die Mädchen wenigstens ging sein Absehn nicht ; diese Leidenschaft blieb ihm fremd sein ganzes Leben ; er sah die schönen Kinder nur so wie märchenhafte Wesen an , im Vorübergehn , wie man ausländische Vögel sieht im Käfig . Keine Art von Sorge kam ihm bei ; es war , als spielt ' er mit den Stunden seines Tages wie er wohl zuweilen gerne mit bunten Bällen spielte , die er , mit flachen Händen schlagend , nach der Musik harmonisch in der Luft auf und nieder steigen ließ . Sein Inneres bespiegelte die Welt wie die Sonne einen Becher goldnen Weines . Mitten selbst in der Gefahr pflegte er zu scherzen und hatte doch sein Auge allerorten ; ja , wäre er bei einem Löwenhetzen gewesen , wo es drunter und drüber geht , ich glaube , er hätte mit der einen Faust das reißende Tier bekämpft und mit der Linken den Sperling geschossen , der ihm just überm Haupt wegflog . Hundert Geschichtchen hat man von seiner Freigebigkeit . So begegnet er einmal einem armen Bäuerlein , das , ihn erblickend , plötzlich Reif aus nimmt . Den Hauptmann jammert des Mannes , ihn verdrießt die schlimme Meinung , die man von ihm zu haben scheint , er holt den Fliehenden alsbald mit seinem schnellen Rosse ein , bringt ihn mit freundlichen Worten zum Stehen und wundert sich , daß der Alte in der strengsten Kälte mit unbedecktem Kahlkopf ging . Dann sprach er : Vor dem Kaiser nimmt Volker den Hut nicht ab , jedoch dem Armen kann er ihn schenken ! Damit reicht er ihm den reichbebänderten Filz vom Pferde herunter , nur eine hohe Reiherfeder machte er zuvor los und steckte sie in den Koller , weil er diese um alles nicht missen wollte ; man sagt , sie habe eine zauberische Eigenschaft besessen , den der sie trug in allerlei Fährlichkeit zu schützen . - Jetzt käme ich auf Volkers Frömmigkeit und wunderliche Bekehrung , da dies aber eine Art von Legende ist , so wird sie sich am besten im Munde Seiner Hochehrwürden geziemen . « » Ich zweifle nur « , erwiderte Amandus , » ob ich meine Aufgabe so zierlich lösen werde , wie mein beredter Vorgänger sich aus der seinigen zog . Aber ich rufe den Schatten des Helden an und sage treulich was ich weiß , und auch nicht weiß . Also : in den Gehölzen , die da vor uns liegen , kam man einsmals einem seltenen Wilde auf die Spur , einem Hirsch mit milchweißem Felle . Kein Weidmann konnte seiner habhaft werden . Des Hauptmanns Ehrgeiz ward erregt , eine unwiderstehliche Lust , sich dieses edlen Tieres zu bemächtigen , trieb ihn an , ganze Nächte mit der Büchse durch den Forst zu streifen . Endlich an einem Morgen vor Sonnenaufgang erscheint ihm der Gegenstand seiner Wünsche . Nur auf ein funfzig Schritte steht das prächtige Geschöpf vor seinen Augen . Ihm klopft das Herz ; noch hält Mitleid und Bewunderung seine Hand , aber die Hitze des Jägers überwiegt , er drückt los und triff . Kaum hat er das Opfer von nahem betrachtet , so ist er untröstlich , dies muntere Leben , das schönste Bild der Freiheit zerstört zu haben . Nun stand an der Ecke des Waldes eine Kapelle , dort überließ er sich den wehmütigsten Gedanken . Zum erstenmal fühlt er eine große Unzufriedenheit über sein ungebundenes Leben überhaupt , und indes die Morgenröte hinter den Bergen anbrach und nun die Sonne in aller stillen Pracht aufging , schien es , als flüstere die Mutter Gottes vernehmliche Worte an sein Herz . Ein Entschluß entstand in ihm , und nach wenig Tagen las man auf einer Tafel , die in der Kapelle aufgehängt war , mit zierlicher Schrift folgendes Bekenntnis ( ich habe es der Merkwürdigkeit Wort für Wort auswendig gelernt ) : Dieß täflein weihe3 unserer lieben frauen ich Marmetin , gennent Jung Volker zum daurenden gedächtnuß eines gelübds . und wer da solches lieset mög nur erfahren und inne werden was wunderbaren maßen Gott der Herr ein menschlich gemüethe mit gar geringem dinge rühren mag . denn als ich hier ohn allen fug und recht im wald die weiße hirschkuh gejaget auch selbige sehr wohl troffen mit meiner gueten Büchs da hat der Herr es also gefüget daß mir ein sonderlich verbarmen kam mit so fein sanftem thierlin , ein rechte angst für einer großen sünden da dacht ich : itzund trauret ringsumbher der ganz wald mich an und ist als wie ein ring daraus ein dieb die perl hat brochen . ein seiden bette so noch warm vom süeßen leib der erst gestolenen braut . zu meinen füeßen sank das lieblich wunderwerk . verhauchend sank es ein als wie ein flocken schnee am boden hinschmilzt und lag als wie ein mägdlin so vom liechten mond gefallen . Aber zu deme allen hab ich noch müeßen mit großem schrecken merken ein seltsamlichs zeichen auf des arm thierlins seim rucken . nemlich ein schön akkurat kreuzlin von schwarz haar . also daß ich kunt erkennen ich hab mich freventlich vergriffen an eim eigenthumb der muetter Gottes selbs . nunmehr mein herze so erweichet gewesen nahm Gott der stunden wahr und dacht wohl er muß das eisen schmieden weil es glühend und zeigete mir im geist all mein frech unchristlich treiben und lose hantierung dieser ganzer sechs Jahr und redete zu mir die muetter Jesu in gar holdseliger weiß und das ich nit nachsagen kann noch will . verständige bitten als wie ein muetterlin in schmerzen mahnet ihr verloren kind . da hab ich beuget meine knie allhier auf diesen stäfflin und hab betet und gelobet daß ich ein frumm leben wöllt anfangen . und wunderte mich schier ob einem gnadenreichen schein und klarheit so ringsumbher ausgossen war . stand ich nach einer gueten weil auf , mich zu bergen im tiefen wald mit himmlischem betrachten den ganzen Tag bis daß es nacht worden und kamen die stern . sammlete dann meine knecht auf dem hügel und hielte ihne alles für , was mit dem volker geschehen sagt auch daß ich müeß von ihne lassen . da huben sie mit wehklagen an und mit geschrey und ihrer etlich weineten . ich aber hab ihne den eyd abnommen sie wöllten auseinander gehn und ein sittsam leben fürder führen . wo ich denn selbs mein bleibens haben werd deß soll sich niemand kümmern noch grämen oder gelüsten lassen daß er mich fahe . ich steh in eins andern handen als derer menschen . dieß täflein aber gebe von dem volker ein frumm bescheidentlich zeugnuß und sage dank auf immerdar der himmlischen huldreichen jungfrauen Marien als deren segen frisch mög bleiben an mir und allen gläubigen kindern . so gestift am 3. des brachmonds im jahr nach unsers Herren geburt 1591 . Leider « , fuhr der Pfarrer gegen die Gesellschaft fort , welche mit sichtbarer Teilnahme zuhörte , » leider ist das Original dieser Votivtafel verlorengegangen ; eine alte Kopie auf Pergament liegt auf dem Halmedorfer Rathause . Auch die Kapelle ist längst verschwunden ; die ältesten Leute erzählen , ihre Urgroßväter hätten sie noch gesehn . Wo aber Volker damals sich hingewendet , blieb unbekannt . Einige vermuten einen Pilgerzug nach dem gelobten Land , wo er dann in ein Kloster gegangen sein soll . « » Eine andere Sage « , nahm der Obrist wieder das Wort , » läßt ihn auf dem Wege nach Jerusalem von seiner Mutter , einer Zauberin , entführt werden und ich gedenke hier nur noch einiger alten Verse , weiche wahrscheinlich den Schluß eines größern Lieds ausmachten . Sie weisen auf die fabelhafte Geburt Volkers hin und machen ihn , wie mich deucht , gar charakteristisch für den freien kräftigen Mann , zu einem Sohne des Windes . Er selber soll das Lied zuweilen gesungen haben . Und die mich trug in Mutterleib , Die durft ich niemals schauen , Sie war ein schön , frech , braunes Weib , Wollt keinem Manne trauen . Und lachte hell und scherzte laut : Ei , laß mich gehn und stehen ! Möcht lieber sein des Windes Braut , Denn in die Ehe gehen . Da kam der Wind , da nahm der Wind Als Buhle sie gefangen , Von dem hat sie ein lustig Kind In ihren Schoß empfangen . « » Wird mir doch in diesem Augenblick « , sagte die Pfarrerin , indem sie ein heimliches Auge an der Linde hinauflaufen ließ , » mir wird von all dem Zauberwesen so kurios zumute , daß ich mich eben nicht sehr entsetzen würde , wenn jetzt noch die Fabel vom singenden Baum wahr würde , ja wenn Herr Volker leibhaftig als lustiges Gespenst in unsre Mitte träte . « » Noch ein anderes Lied « , sagte der Obrist , » ist mir im Gedächtnis geblieben , das man sich im Munde von Volkers Bande denken muß . Ich will , wenn die Frauenzimmer nicht schon durch das vorige - - « Plötzlich wurde der Erzähler von den Tönen eines Saiteninstruments unterbrochen , welche ganz nahe aus dem Gipfel der dichtbelaubten Linde hervorzukommen schienen . Die Anwesenden erschraken und aller Augen waren nach dem Baume gerichtet . Niemand bewegte sich vom Platze ; tiefe Stille herrschte , während die Musik in den Zweigen von neuem begann und der unsichtbare Spielmann mit lebhafter Stimme Folgendes sang : Jung Volker das ist der Räuberhauptmann Mit Fiedel und mit Flinte , Damit er geigen und schießen kann Nachdem just Wetter und Winde , Ja Winde ! Fiedel oder Flint , Fiedel oder Flint , Volker spielt auf ! Ich sah ihn hoch im Sonnenschein Auf seinem Hügel sitzen ; Da spielt er die Geig und schluckt roten Wein , Seine blauen Augen ihm blitzen , Ja blitzen ! Fiedel oder Flint , Fiedel oder Flint , Volker spielt auf ! Ich sah ihn schleudern die Geig in die Luft , Ich sah ihn sich werfen zu Pferde , Da hörten wir alle wie er ruft : Brecht los wie der Wolf in die Herde ! Ja Herde ! Fiedel oder Flint , Fiedel oder Flint , Volker spielt auf ! Die Saiten klangen aus . Es war ein allgemeines Schweigen . Die Gesellschaft sah sich lächelnd an , und schon während des Gesangs verkündigten einige schlaue Gesichter eine angenehme Überraschung , wobei es mit ganz natürlichen Dingen zugehen dürfte . Es rauschte jetzt und knackte in den Zweigen , zwischen denen jemand behutsam herunterzusteigen schien . Ein Fuß stand bereits auf dem letzten Aste ; ein kecker Sprung noch , und , wen man am wenigsten erwartete , den auch die wenigsten kannten - Raymund , der Bildhauer , stand mit der Zither , sich tief verneigend , vor der verblüfft-erfreuten Versammlung . Amandus und der Obrist klatschten , Bravo rufend , in die Hände . Raymund sprang auf den Maler zu , der wie aus den Wolken gefallen dastand ; die übrigen hörten inzwischen von der Pfarrerin , wer der Herr wäre . Agnes hatte den Schauspieler Larkens vermutet , ja Nolten selbst , als die Musik anfing , bebte das Herz bei dem gleichen Gedanken , und es dauerte eine ganze Zeit , bis er sich wieder fassen konnte . Man nahm nun ordentlich am runden Tisch unter dem Schirme Platz ; mit dem bester Weine füllten die Gläser sich frisch , und während die Frauenzimmer das Strickzeug vornahmen , begann der Bildhauer : » Zuvörderst ist es meine Pflicht , mit wenig Worten den Schein des Greulichen und Ungeheuren von meiner Hieherkunft zu entfernen , besonders um der Damen willen , denen der Schreck noch nicht ganz aus den Gliedern gewichen sein muß , weil bis jetzt keine sich getraute , mich auch ein wenig freundlich anzuschauen . Nun also : zwei Tage , bevor Sie , lieber Nolten , die Rückkehr in ihr Vaterland antraten , die ich mir so nahe gar nicht vermutend sein konnte , war ich genötigt , in nicht sehr erfreulichen Angelegenheiten eines Bruders nach K * zu reisen , was kaum sechs Meilen von hier liegt . Ich wußte damals noch nichts von Ihren Verbindungen in dieser Gegend , und weder ein Neuburg noch ein Halmedorf existierte für mich in der Welt , sonst hätt ich wohl um Aufträge bei Ihnen angefragt und wäre vielleicht nicht so schmählich um Ihren Abschied gekommen Doch wider Hoffen und Vermuten sollt ich um vieles glücklicher werden . Ich war bereits acht Tage in K * , so kommt ein Brief , pressant , an mich dorthin - ( von wem ? das raten Sie wohl nicht ! ) mit dem dringenden Auftrage , im Rückweg einen kleinen Abstecher zu Ihnen zu machen und ein beigelegtes Schreiben eigens in Ihre Hände zu überliefern . « ( Er gab Theobalden den Brief und wandte sich gegen die andern . ) » Dem schönen Zufall muß ich noch besonders lobpreisende Gerechtigkeit widerfahren lassen , der mich zwei Stunden von hier mit dem Herrn Obrist zusammenführte ; wir gesellten uns als fremde Passagiere zueinander und wären beinahe ebenso wieder geschieden , als kaum noch zu rechter Zeit sich entdeckte , daß wir die gleiche Absicht hätten . Wer weiß mir eine artigere Fügung ? Ich war ' s zufrieden , sogleich nach Halmedorf mitzureiten . Dort hieß man mich denn freundlich bleiben , und Herr Pastor war ganz glückselig , eine doppelte Überraschung veranstalten zu können . Der Plan zu diesen Späßen ward heute früh entworfen , und gerne ließ ich mir ' s gefallen , mein Mittagsmahl hier unter freiem Himmel zu verzehren , von Volkers rotem Wein zu trinken und meine Rolle einzuüben . Auch hab ich , wenn man Lust hätte , den Geiger zu malen , diesem Hügel vorläufig eine Ansicht abgemerkt , wo er sich als ein Hintergrund ganz unvergleichlich ausnehmen müßte . « Indessen spiegelte sich auf Noltens Angesicht die erhaltene Botschaft mit leserlicher Freude : ja so mächtig ergriffen war er , daß er Agnesen das Blatt nur still hinbieten und Raymunden die Hand nur mit einem leuchtenden Blicke des Dankes über den Tisch reichen konnte . » Nun « , sagte jener , » ich darf der erste sein , der Ihnen Glück wünscht . « » So sind wir nicht die letzten ! « rief der Obrist mit dem Pfarrer , indem man die Gläser erhob . Agnesen stürzte eine Träne aus den schönen Augen und auch sie hob ihr Glas . Es wurde sofort erklärt : daß Nolten und Raymund einen sehr vorteilhaften Ruf in die Dienste eines hochgebildeten und verehrten Fürsten des nördlichen Deutschlands erhalten haben , zunächst um bei einer gewissen Privatunternehmung des kunstliebenden Regenten verwendet zu werden , doch sollte die Anstellung auf zeitlebens sein . Die Sache ging durch den Maler Tillsen und den alten Hofrat , deren Empfehlung man , wie es schien , das Ganze eigentlich zu danken hatte . Etwas Geheimnisvolles war immer dabei , und Nolten hatte Ursache zu glauben , daß noch ganz andere Hebel gewirkt haben müßten . Jenes Schreiben selbst war von dem Hofrat . Er gibt sich alle Mühe , dem Freunde dies Offert so einleuchtend als möglich zu schildern , er hatte zum Überfluß Raymundens mündliche Beredsamkeit noch in Reserve gestellt , wenn Nolten je Bedenken tragen sollte , die Stelle anzunehmen , ein Zweifel , dessen nur der Hofrat fähig sein konnte , weil er immer von seiner eignen Seltsamkeit ausging . Was übrigens die Sendung Raymunds anbelangt , so verhielt sich ' s wirklich so , wie er vorhin erklärte