Sie suchte , da blieben Sie mir unverloren . Jetzt , jetzt ist alles anders ! Es giebt nichts mehr zu schonen , nichts mehr zu thun ! Keines Menschen Verzeihung zu gewinnen . Jedes Band ist zerrissen . Wir lösen uns auf in Nichts , wenn wir nicht aneinander halten . Das werden Sie mir nicht sagen , das werden Sie nicht denken wollen , daß Alles , Alles , das kurze , warme , helle Leben Lüge war . Und wenn die innige Zuneigung , die zärtliche Verehrung - ach ! wenn das , was ich nicht nennen kann , dies einzig Wahre bleibt in dem schaudervollen Wechsel des Daseins , wie dürfen Sie es verleugnen in dem Wahne , die Vollendete dadurch zu beleidigen ? Antworten Sie mir , Hugo ! Sagen Sie mir , ob ich auch von Ihnen geträumt habe ? Sophie wird mir Ihren Brief zuschicken . Antwort Ich weiß es nicht , Elise , ob wir beide geträumt haben ? ich weiß auch nicht , ob ich nicht noch träume ? Oder jetzt , und damals vielleicht nicht ? Vergeben Sie mir , wenn es dumpf und öde in mir ist . Es bleibt nicht immer so , aber ich halte diese Stimmung fest , denn eine andere ! - - Haben Sie gelesen , Elise ! die stillen , bescheidenen , zärtlichen Worte ? Ja wohl , die Erde zieht einen Vorhang zwischen uns . Gott läßt ihn fallen ! Was sollte auch der Engel an meiner Seite ? Ich hatte keinen Sinn für diese einfache Güte . Erkennen mußte ich sie wohl , doch empfinden - empfinden - ! wer empfindet den Andern in seinem geheimnißvollen Selbst ? Die Liebe könnte es ! Die Liebe ? Ist mir doch , als wäre sie auch ein Traum ! - Ich glaube , es ist von allen Seiten ein Vorhang zwischen mir und dem Himmel gefallen ! Es fehlt viel , sehr viel , daß uns die Sonne allgegenwärtig bliebe . Es giebt lange , lange Nächte in unserm Leben . Wir wissen darin nichts von Licht und Wärme , und sind so eingehüllt in Finsterniß , so träge , so schläfrig , daß wir uns auch nicht einmal darnach sehnen . Lassen Sie mich so , liebe Freundin . Besser nichts von sich zu wissen , als zu viel . Sehen Sie wohl , ich hatte Ihnen gar nichts Neues zu sagen . Darum schwieg ich auch . Sie müssen wissen , ich bin ganz mit den Worten überhaupt zerfallen , seitdem ich einsah , daß der Mensch ihrer nicht immer Herr ist . Sie strafen mich nun dafür . Ich finde selten eins , das ich gebrauchen könnte , mich verständlich zu machen . Mich dünkt auch , Sie , Elise ! sollten ihnen mißtrauen ! Auch in Ihnen spricht die Seele anders , als es die Lippen auszudrücken vermögen . Warum , ach warum bleibt Vieles nicht ungesagt ! - Auch jetzt ! - Es ergänzt das Gefühl lieber , als daß es den scharfen Klang vernimmt ! Vergeben Sie . Mein Inneres ist wund , der Hauch des zartesten Grußes verletzt mich . Wie muß doch Alles anders sein , denn ehemals - nicht wahr , wir verstanden einander immer ? Ich will hinaus ins Freie gehen . Ich will mich besinnen . Vielleicht wird es wieder wie ehemals - - - - O Elise , was haben Sie gethan ! Sie haben gerufen , und ich bin dem Tone gefolgt . Nun bin ich elender als vorher . Ich war bei Ihnen drüben in Ihrem Hause , in Ihrem Garten , zum erstenmale seit langer , langer Zeit . Sonst , wenn ich das Dorf von fern liegen sah , dann schreckte mich die Oede drinnen . Ich wandte das Auge ab , wie man es einst beim Scheiden von der Welt wenden wird , mit sonderbar entzücktem Grauen . Was war auch hier geschehen ! Was hatte ich nicht erfahren ! Vom Jüngling alterte ich zum Greis . Hier sah ich mein Glück versinken . Heute widerstand ich nicht . Es lockte mich , ich weiß nicht was ? Ich ging den Pfad , der durch die Wiesen führt ; der schmale Graben mit seinem grünen Rande und den tausend Vergißmeinnicht , vom Grase halb verdeckt , die rothen Federnelken , der feuchte Hauch des rinnenden Gewässers , es duftete wie an den kühlen Abenden , wo ich Sie von der Burg zurückgeleitete . Nun stand ich unter der alten , breitgewipfelten Weide , rechts schlängelte sich der Bach , jenseits winkten die Erlen . Da ist der kleine Steg ! noch ein Schritt , und ich bin in Ihrem Garten . Kommen Sie , o kommen Sie nie wieder hierher ! Erst Monate sind es , und schon verwildert , verwachsen , mit Gestripp überzogen , kaum die Wege noch kenntlich , wo Ihr Fuß gewandelt ! So schnell ist das Leben im Zerstören , so geschwind verwischen sich Spuren ! Ich war ganz irre geworden . Ich bog die Zweige auseinander , ich wandt mich hindurch . Da lag das Haus . Thüren und Laden geschlossen , hohes Gras auf der Terrasse , keine Ihrer Blumen mehr zu sehen , die Kübel leer . Georgs kleine Gießkanne umgestürzt in einem Winkel unter der Tonne am Giebel . Spaden und Hacke daneben , nichts lebte hier , als die alte Ziege und der Pfau , den man beiden vergönnte , die blumenlosen Beete zu berupfen . Ausgestorben ! ausgestorben ! das war das einzige Wort , das mir aus allen Ecken entgegen schallte . Ich setzte mich auf die steinerne Bank vor dem Hause . Ich saß so lange . Es ward spät . Da hustete etwas und schurrte langsam mit stolperndem Schritte heran . Es war der alte Gartenknecht Karl , der so oft das Thor hinter mir schloß , wenn ich Abends spät wegritt . Er erschrack , da er mich sah , so fremd war ich ihm geworden . Das Leben macht die Zeit kurz oder lang . Hier war kein Leben mehr . Ich grüßte ihn . » Wer hat die Schlüssel zum Hause , lieber Mann ? « fragte ich . Er entgegnete : » Sie sind auf dem Amte , aber ich schlafe hier unten , und kann durch die Seitenthüre hinein , und so sind alle Zimmer zugängig . « Er merkte wohl , was ich wollte , und ich , daß er mich verstanden . » Wollt Ihr so gut sein , Alter ? « sagte ich , » Gern , « erwiederte er . Wir traten in die untern Gewölbe . » Warten Sie , « bat er , » ich muß erst ein Licht anzünden , oben sind die Laden geschlossen , es dunkelt schon , und man sieht da nicht , wo man hintritt . « So gingen wir die Seitentreppen rechts hinauf , jener voran , ich hintendrein . Wie unsere Tritte durch das leere Haus schallten , wie jedes gesprochene Wort so hohl klang ! Er öffnete Ihr kleines Gartencabinett , Elise ! Das kleine Lichtstümpfchen , das wir hineintrugen , warf nur fahlen Schimmer umher . » Laß Er , « rief ich , und drängte den Mann und das Licht hinaus . » Wie Sie befehlen , « entgegnete er . Ich zog die Thüre hinter mir zu . Ich war allein . Der Duft Ihrer Blumen , Ihre englischen Bücher , die bekannten Gegenstände auf Ihrem Schreibtisch , kurz , der Athem Ihrer Welt , Ihrer lebendigen Nähe , wehte mir entgegen . Ich warf mich auf das kleine Sopha am Ofen . Die Kissen lagen noch so zusammengeschoben , wie Sie solche zur größern Bequemlichkeit gewöhnlich legten . Was soll ich viel von dem Schmerze reden , der mich ganz , ganz gefangen nahm ! Einen Augenblick vergaß ich Alles . Ich wußte nicht ein Wort von der Welt , außer uns . Dann kamen andere Gedanken , andere Vorstellungen . Ich sprang auf . Ich verließ das liebe , kleine Gemach mit einer Angst , als läge die Hölle auf mir . Der gute , alte Mann draußen sah mich halb verwundert , halb befremdet an . Ich mochte geweint haben . Ich weiß es wahrhaftig nicht . Ich gab ihm Geld . Wir schieden . Er sagte mir beim Hinausgehen : » Wenn Sie sonst wollen , das Pförtchen ist niemals verschlossen , auch kommt sonst Niemand hierher . « Ich dankte ihm herzlich . Nein ! Elise , nein ! dahin gehe ich nicht wieder . Den ganzen Rückweg über mußte ich mir immer wiederholen : » Alles todt ! Alles todt ! Und Die auch ! Du hast sie beide auf deinem Gewissen ! « So ist es ! gewiß , so ist es ! Wie ward Ihr Geschick so unheilbar zerstört ! Und war ich es nicht , hatte ich denn Ruhe , bis meine unselige Hand den Wahn zerriß , der Ihr Bewußtsein verhüllte ? Konnte ich noch zweifeln ! Empfand ich es nicht , was Ihre schönen Lippen mir unter belebendem Entzücken endlich bekannten ? O es war doch ein seliger , ein unvergeßlicher Augenblick ! - Was wundern wir uns , wenn eine Welt untergeht , während eine andere sich Raum schafft . Wie Sie , liebe Freundin ! mir jetzt so deutlich aus der Erinnerung heraufsteigen ! » Ungroßmüthiger ! « sagten Sie im ersten Augenblicke , zürnend . » Sie wußten es lange ! Mußte Ihnen erst das Opfer meiner Ruhe die Gewißheit besiegeln ? « Sie verließen mich voll Unmuth . Ich war beschämt , Sie hatten recht . Eine Weile stand ich verlegen vor mir selber . Ich ahndete , daß diese Minute viele andere geweiht hatte , die allmählig das Bisherige umgestalten würden . Aber ich war zu glücklich , um bereuen zu können . So roh ist der Mensch und so läppisch ! Immer greift er aus dem Traume heraus , und was ihm die innere Offenbarung giebt , das soll das Leben erst wahr machen . Ja , es macht eine Wahrheit daraus ! Aber eine entsetzliche , vor der man den Verstand verlieren kann ! Nein , es taugt mir nicht , wenn ich die Burg verlasse . Ich kann die Luft außerhalb nicht mehr ertragen . Darum bleibe ich . Erst wollte ich gleich fort . Wohin ? wußte ich freilich nicht . Aber der Kranke sucht die Stelle , wo er besser , stiller zu liegen glaubt . Es kam anders ! Eine Kleinigkeit , vielleicht ein Zufall , gewiß ein Zufall , genug ich blieb . Der gute Oheim braucht mich doch wohl noch . So lange er lebt , baut er seine alten Pläne von Begründung und Forterben des Begründeten weiter in die Zukunft hinein . Nun , ich werde ihm bauen helfen , das neue Schloß in Wehrheim darf so nicht liegen bleiben . Ich werde Sorge tragen , daß die Arbeit vorwärts geht . Was dann daraus wird ? Mir einerlei ! An mich denke ich nicht , das sehen Sie wohl , da ich bleibe und baue . Was treiben Sie denn , Liebe ? Wie betrügen Sie die Zeit um ihren trägen Lauf ? Sind Sie noch bei der Dame , von der Sie einmal sagten : » Sie trüge wie eine Ameise immer ein Stückchen Dasein zum andern , und hätte so einen Vorrath von Brocken . Zum Genießen aber bliebe ihr keine Muße . « Sie sehen , ich habe ein gutes Gedächtniß , und wiederhole mir gern , was ich von Ihnen hörte . Seit ich in Ihrem Cabinett saß , kommen mir soviel der frühern Gedanken und Worte . Aber hier in der Burg schallt es , und es ist zwölf Uhr Mittags ; die Glocken läuten eine volle Stunde . In der Capelle liest der Prior Emma ' s Todtenmesse ! - Ich versichere Sie , unter solchen Klängen kann sich ein Herz tropfenweis verbluten ! Elise an Hugo Ich danke Ihnen , lieber Hugo ! Sie geben mir den alten Glauben wieder . Sie sind nicht kleiner geworden im Unglück . Sie verleugnen weder Ihr Herz , um dem Gewissen zu entlaufen , noch denken Sie daran , beide durch Vergessen auszusöhnen . Sie sind wahr , wie immer , selbst in der matten Lauheit , mit der Sie auf mich , wie auf den Frühling Ihrer Gefühle zurücksehen . Wie viel lieber ist mir der schlummernde Hugo , als der klügelnde , sich und mich verhöhnende . Lassen Sie es immer sein , daß Ihnen jetzt die Brust so leer scheint . Wenn ein Freund uns verläßt , so sehen wir die andern nicht gleich , aber begegnen wir Ihnen , so fühlen wir , daß die Freundschaft uns immer nahe blieb . Ihr Brief würde Manchem bange machen . Aber mir ist er so werth , so theuer ! Er ist wie Sie selbst . Was Sie berührt , das ergreift Sie ganz , und Sie fassen es wieder so . Ich habe Sie immer geliebt in dieser Vollständigkeit Ihres Empfindens . Läßt denn am Ende auch die Begeisterung nach , spurlos zieht nichts durch sie hin . Sie sagen mir , daß Sie auf der Burg bleiben . Sie dürfen sie auch nicht verlassen , jetzt nicht . Könnten Sie wohl den kummervollen Greis dort einsam wissen , und umherziehn , ohne Absicht , ohne Zweck ? Was zöge Sie in die Ferne ? was reizte Ihre Thätigkeit ? Ist es dort nicht wie hier ? und entgehen Sie sich irgendwo ? Hierin sind Sie zu beneiden , Hugo . Sie wissen doch wenigstens , weshalb Sie an diesem und an keinem andern Orte sind . Ich weiß es nicht . Das drückt mich am schwersten , daß ich so zwecklos gehe und komme , dieses will und jenes lasse . Es bleibt am Ende ganz einerlei , und mir kann es das ebenfalls sein . Ja , ich bin noch bei der guten , geschäftigen Tante ; die immer weiß , weshalb sie aufsteht und niedersitzt , die Schlüssel in die Hand nimmt , klingelt , bestellt und abbestellt . Die Welt liegt auf ihren Schultern , und schwerlich erwacht der Herrscher großer Staaten am Morgen mit so viel unruhiger Besorgniß , als sie , bis ihre Küche bestellt , das Erforderliche ausgegeben und die Besichtigung und Berechnung aller Vorräthe geschehen ist . Lachen Sie nicht , Hugo ! Mich rührt die unermüdete Thätigkeit , und die eingebildete Größe ihres Zweckes . Glauben Sie mir , es liegt viel Beruhigendes in solcher Beschränkung . Ich spüre das in meiner jetzigen Lage . Sie ist eng , oft pressend , aber man wird so still darin . Vielleicht matt ! Wozu hilft auch den Frauen die Kraft und der freie , umherschauende Sinn ? Sie werden doch nur , frühe oder spät , in ein Zellchen über oder unter die Erde zurückgeschleudert . Ich habe hier alle meine Schmerzen verweint , und bin darüber eingeschlafen . Das Ableiern tagtäglicher Gewohnheitsworte , die Fragen nach Wind und Wetter , nach gutem oder schlechtem Schlaf , nach dem Gedeihen der Früchte , dem Befinden nützlicher Haus-und Hofthiere , die Verwunderung über die Nachläßigkeit eines Domestiken , und was sonst noch das beschränkte Leben hier bietet , ich versichere Sie , es läßt wenig Anderes in der Phantasie aufkommen . Allmählig nimmt man an dergleichem Theil ; man spricht und hört so lange davon , bis man sich damit beschäftigt , und es mit einer Art Beruhigung wahrnimmt , daß weibliches Thun nicht mit Unrecht dem Treiben der Bienen verglichen wird . Solch ' Sumsen und Wirren betäubt für den trügerischen Ruf nach hellern , weitern Regionen ! Der Sohn des Hauses war eine Zeitlang hier , jener Vetter Curd , den Sie in Ulmenstein und bei mir müssen gesehen haben . Vielleicht wissen Sie nichts mehr von ihm . Es ist auch nicht viel von ihm zu wissen , er selbst weiß am wenigsten von sich . Nun sehen Sie , hier war er Etwas , ein Sohn und ein Hausherr . Sehr viele Menschen , die sich in der Welt verlieren , nehmen ein Wesen und eine Gestalt an , wenn sie in die Umzäunung ihrer Grenze zurücktreten . Ich mache nicht viel aus den Geschöpfen , die nur in einem Element athmen können und nirgends anderwärts existiren ; indeß urtheilen Sie , wie bescheiden mich mein jetziges Loos macht , ich sah den Vetter Curd nicht ungern hier . Sein Anblick rief mir andere Tage , andere Personen , andere Verhältnisse zurück , und vollends seine Pferde ! - Mein armer Georg ritt sogar auf des Vetters Pferde . - Jetzt hat das arme Herz wohl nichts , nichts mehr , woran sich ein fröhlicher Knabe erfreut ! Sein kleines Gartengeräth sahen Sie umherliegen , Hugo ? O sähe ich das wenigstens ! Ich würde auch das runde Händchen zu sehen glauben , das sich so dicht um den Reif der Kanne zusammenpreßte , und doch die Hälfte des Wassers verschüttete , ehe noch die Stelle erreicht war , wo es einen künstlichen Graben füllen , oder eingesteckte Reiser geschwind zu großen Bäumen wachsen lassen wollte . - Abgeschnittene Stückchen ohne Wurzeln in den steinigten Boden verpflanzt , waren Deine Wälder , armes Kind ! Du träumtest Dich schon in ihren Schatten , und rittest auf der Haselgerte zwischen ihnen durch , Hirsche und Rehe zu jagen ! Wird Dein ganzes Dasein so wurzellos auf undankbarem Boden vergehen ? Wie kam es , Hugo , daß Sie , an Georg erinnert , ihn nicht aufsuchten ? Sehen Sie , das dumpfe Träumen in dem verwilderten Garten , auf der verlassenen Stätte im Hause paßt nicht für Sie . Wie anders könnten Sie der Freundin dienen , würden Sie der gute Engel des Kleinen . Ich habe etwas Aehnliches wohl lange im Stillen gedacht , aber da Sie mir nichts zu sagen hatten , so konnte ich Ihnen auch nichts sagen , und bat darum Curd , zuweilen hinaus nach dem Amthof zu reiten , und mir zu schreiben , wie es um das Kind stehe . Es wird denn nun freilich an seinen Berichten nicht viel sein . Ich dachte aber , immer ist es ein verwandtes Gesicht , nur eine Erinnerung aus der frühern Zeit , die dem Verlassenen in dem ungewohnten Leben Freude machen muß . Und kann ich doch sonst nichts mehr für meinen Liebling thun ! O wie das Kind auf meine Seele drückt . Die weiche , liebreiche Madame Lindhof theilt mir Alles mit , was ihren Pflegling betrifft ; allein , sie sieht ihn täglich mit ältern Knaben , Georg verliert sich unter diesen . Auch ist er stumm , wo er sich fremd fühlt , und fremd werden ihm diese Kreise immer bleiben ! Manches mag auch als Unart erscheinen , was er nur nicht verständlich machen kann , was Niemand dort verstehen wird ! Es quält mich , all den Widerspruch zu denken , der mit Tavanelli ' s Eintritt begann und immer verwirrender fortgehen muß ! Wenn Sie wollten - sehen Sie zu , Hugo , wie Sie es machen , was Sie thun können ! Wie mich ' s hebt und entzückt , Sie und das Kind auf den Bahnen zu denken , die mir verschlossen sind . Von Eduard kein Wort ! Auch an die Lindhof nicht . Er weiß , fürchtet diese , um deren Briefwechsel mit mir . Der Prior kommt zuweilen nach dem Amt . Wenn mir von daher neue Leiden drohten . Es ist doch ein Punkt unsers gegenseitigen Vertrags , daß der Knabe bis zum siebenten Jahre seiner jetzigen Pflegerin verbleibe . - Wenn - ! Umsonst macht der geistliche Herr seine Spatziergänge nicht so oft durch die Erlen am Bache und in den Amtsgarten . Der Einfluß von daher wäre mir unaussprechlich peinlich ! Haben Sie ein wachsames Auge , lieber , geliebter Hugo ! Sie , der Sie alle Schläge dieses Herzens mit dem Engel theilen , der auch Ihr Liebling war . Dulden Sie es nicht , daß man dies helle Gemüth verfinstere , den aufrichtigen , klaren Sinn zur Verstecktheit und Lüge reize ! Bin ich doch ganz wieder erwacht , seit ich an Sie schreibe ! Regen sich doch tausend fremdgewordene Wünsche und Gedanken in mir ! O Herz , wie würde Dir sein , dürftest Du Dich nur einmal wieder - - Aber weg , weg mit solchen Bildern ! Die Tante rasselt mit den Schlüsseln , die Bodenthüre knarrt . Es regnet , und die Wäsche muß trotz der Jahreszeit im Hause getrocknet werden , die Mägde und Weiber jammern beim Hinaufschleppen der Last ! Was wird der außerordentliche Fall uns nicht heute alles bei Tisch reden lassen ! Der Justizrath an den Präsidenten Indem ich die Ehre habe , Denenselben die Ausfertigung der Scheidungsakte hiermit ganz gehorsamst zu übersenden , bemerkte ich gleichzeitig , daß der Rechtsanwald Dero gewesenen Frau Gemahlin diese ebenfalls von der gerichtlichen Auflösung ihrer stattgehabten ehelichen Verbindung in Kenntniß setzte , so daß Sie beiderseits , nach Ablauf vorgezeichneter Frist , zu einer zweiten Wahl zu schreiten gesetzlich berechtigt sind . Die schnelle Beendigung eines , jeden Falls störenden Prozesses , darf allein Ihrer großmüthigen Aufopferung zugeschrieben werden , da diese Alles überging , was Leichtsinn und Unbestand an dem Selbstgefühl des beleidigten Gatten verschuldeten . Befriedigt in diesem Bewußtsein , werden Sie , geehrter Herr Präsident ! nichts vermissen , was Ihnen eine glänzende Laufbahn , die Anerkennung der Welt und die Verehrung der Bessern in dieser nicht vollwichtig ersetzen könnte . In tiefster Ergebenheit verharrend etc. Hugo an Elise Sorgen Sie nicht , Liebe ! Ich träume nicht mehr . Ich habe die einschläfernde Trauer abgeworfen . Der Schmerz ist kein Wahn , aber die Klage ist eine Schwäche . Man beklagt Niemand als sich selbst . Das Liebkosen der Seele nimmt dem Leid seinen aufregenden Stachel . Unter die Füße mit dem Geschick , und frei gehoben das Auge in die Welt hinaus , die unser ist und die der Mensch gestaltet , wenn er sich nicht durch sie gestalten läßt ! - Ich fange wieder an zu leben , Elise ! Der Bau in Wehrheim schreitet zum Erstaunen vor . Er soll beendet sein , ehe der Winter uns überfällt . Täglich bin ich dort . Die Leute jubeln über meinen Eifer . Abends fahre ich auf kleinem Fischerboot den raschen Strom hinunter . Ich durchschneide pfeilschnell die Fluth . Komme ich dann an Ihrem Garten vorbei , dann lege ich dort an , gehe eilig nach dem Amthofe und hole mir Georg , der schon die Stunden bis zu meiner Ankunft zählt . Wir sitzen dann Beide in dem kleinen Cabinett auf dem Sopha , der Tisch mit Baukasten und Soldaten steht vor uns . Ich muß ihm erzählen , während er das neue Haus drüben in Wehrheim noch baut . Gestern nahm ich ihn mit herüber im Kahn . Er sprang und klopfte vor Freude in die Hände . Die ganze Zeit sprach er von Ihnen , und meine Gedanken errathend , sagte er seitdem zuversichtlich : » Für Mutter ist das schöne Schloß drüben , da will ich zu ihr reisen . « Sehen Sie , Elise ! das ist es , was mich beseelt , was meinem Muthe Flügel giebt . Verstehen Sie mich , Liebe ? Denken Sie sichs einen Augenblick . Sie dort wohnend , das Kind in Ihrer Nähe , ich auf der Burg , jeder Augenblick unser ! Ich komme , ich gehe , wir gehen mit einander , wir besuchen die gute Madame Lindhof , sie besucht Sie wieder , Georg mit ihr wie natürlich , unsere Gespräche , unsere Beschäftigungen begegnen sich wie ehemals . Der Garten in Wehrheim wird ganz Ihre Schöpfung . Sie pflanzen , räumen weg , was Ihren Plänen entgegen ist . Ich helfe Ihnen ; bald fassen Blumen ohne Zahl den frischen Rasen ein , Springbrunnen , leicht von dem Strom herbeigeleitet , nässen den grünen Abhang . Hier findet Georg seinen Spielplatz . Sie sitzen vor dem Hause unter schattigen Arcaden , und haben ihn stets unter Augen ; ich lese Ihnen vor , zeichne , was Sie Neues in Gedanken entwarfen . Wir sprechen darüber , ich werfe Ihnen Dies und Jenes ein , Sie widerlegen meine Gründe , der Streit giebt der Unterhaltung neues Leben , ich kann nicht nachgeben , und Sie thun doch , was Sie wollen , denn ich ende damit , die Ausführung in Ihre Hände zu legen . Oder Sie sind allein . Sie erwarten mich . Ich bleibe lange aus . Ihr liebes Auge liegt unruhig auf dem silberhellen Fluß . Vom jenseitigen Ufer soll ich herüberkommen . Kein dunkler Punkt bewegt sich auf den glänzenden Wellen . Sie sehen und sehen , und werden ungeduldig . Da macht Sie naher Ruderschlag von der Seite des Dorfs aufmerksam , Sie gehen hinunter bis zum Ufer , dort rechts , wo die Birken am Vorsprunge der kleinen Insel ihre wallende Zweige niedersenken , rauscht mein kleines Fahrzeug heran . Ich sehe Sie , und bin Ihnen nun im Augenblick ganz nahe . Scheltend empfangen Sie den Freund , doch müssen Sie ihm verzeihen , denn Sie kennen ihn zu gut , Sie wollen ihn auch nicht anders , als er ist , ängstigend darf ihn keine Rücksicht befangen , und könnte er die Freiheit im Handeln opfern , er wäre nicht mehr derselbe . Deshalb war auch die Ungeduld nicht Zorn , gesteigerte Erwartung nenne ich sie lieber , und wie nun der Erwartete kommt , ist das Wölkchen verschwunden . Denken Sie sich das Alles in dem Verhältniß einziger , großer , umfassender Zuneigung , sehen Sie die tiefe Ahndung solchen Bundes , wie wir ihn immer gedacht , wie er uns in unzähligen Gesprächen vorgeschwebt , fragen Sie sich , ob irgend eine , von den gewöhnlichen Armseligkeiten , die den Menschen gefangen halten , dagegen ausreiche ? Sind Sie doch frei , Elise ! Ich weiß es . Keine Nothwendigkeit bindet Sie an den Ort Ihres jetzigen Aufenthaltes . Und welch ' ein Aufenthalt ! Wollen Sie sich wirklich so hart strafen , den edlen , klaren Geist an der gemeinen Alltäglichkeit des Lebens abzustumpfen ? Geben Sie doch den Thorheiten des Vorurtheils nicht in dem groben Irrthume nach , als könne die Ertödtung dessen , was uns Gott ähnlich macht , Gott gefallen . Was heißt denn Buße ? Fragen Sie einmal die Weisen , die soviel davon reden , ob ihnen je der Begriff klar aufgegangen ist ? Glauben Sie mir , ich habe in dieser langen , gedrückten Zeit viel hierüber mit mir zu thun gehabt . Alles Leere , Nichtige , Abgerissene und darum Selbstische , büßt der Mensch durch Erfüllung oder Nichterfüllung seiner Wünsche . Beides kann Strafe werden . Doch , was das Eigenthum seiner heiligsten Ueberzeugung , was sein frei gewordenes Dasein , was der Ursprung , wie der Zweck seiner Erdenlaufbahn ist , das giebt er nur zum Scheine den Umständen hin . Der Trieb , der ihn zum zweitenmale im Bewußtsein erschuf , der stirbt nicht , den verhüllt die Gewalt andrängender Ereignisse wohl eine Weile ; aber , was ist , das ist ! Es lassen sich nur Abkömmnisse mit ihm schließen , zu besiegen finden wir im Kampf der Wahrheit nichts als die Lüge . Es wäre himmelschreiend , wollten Sie sich glauben machen , Sie seien von dem Gott , der Ihnen diese Seele einhauchte , verdammt , sich in die Knechtschaft der Bedürftigkeit zu schmiegen , um es zu büßen , daß Sie dachten und empfanden , wie das Kind seiner Gedanken ! Ich habe Ihren Brief , Elise ! in demselben Zimmer gelesen , auf derselben Stelle , wo Sie mir sagten : » Ich kann alles hingeben , was man von mir fordert , doch die Fähigkeit , Sie in Ihrem innern und äußern Thun zu begleiten , die lasse ich mir durch kein Schreckbild des Vorurtheils rauben . « Glauben Sie in der willkührlichen Haft den Gebrauch jener Fähigkeit zu bewahren ? Elise ! sein Sie gewiß , wie Strick und Band den Gliedern ihre geschmeidige Beweglichkeit rauben , so geht es dem Geist , der unterdrückt ist , und den Käfig über sich zufallen läßt . Und nun noch ein Wort über Georg . Das zarte , besondere Kind fordert Ihre ganze Aufmerksamkeit . Er ist , ich leugne es Ihnen nicht , er ist anders geworden , langsam , stille , abgesondert , schließt er sich nur selten , und dann heimlich und nur für Augenblicke auf . Sein Anblick machte mir den Eindruck einer fremden , köstlichen Blume , die , in einen Gemüsgarten verpflanzt , die grobe Erde und die wuchernden Nachbarpflanzen zurückhalten . Seine gute , treue Pflegerin ist von jener weichlichen Sorgfalt für ihn , die Alles thut , aber das Rechte nicht trifft . Sie wacht mit steter Sorgfalt über jeden seiner Schritte , er wagt deshalb selten einen ungewöhnlichen , ja , ich finde ihn ängstlich , die Augen fragend auf die Großmutter , was Madame Lindhof auch für ihn ist , gerichtet . Als ich ihm das Erstemal mit dieser begegnete , ward er ganz roth , that blöde , und antwortete mir gar nicht . Ich überließ ihn sich selbst . Nach einer Weile schlich er um mich herum , ging neben mir , faßte meine Hand , und als es Niemand hörte , fragte er nach Ihnen . Ich erwiederte ,