mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schafhausen nicht eingelöst hat , wie Ihr mir berichtet , ist nach Frankfurt geschleppt worden ; der Himmel weiß , was sie mit der Judenseele zu beginnen denken . Die Tochter des unglücklichen Menschen hat sich mir zu Füßen geworfen , und um meine Fürsprache gefleht . Auf meine Fürsprache gibt aber jetzo Niemand das Geringste , denn - wie gesagt - der Teufel ist in die Zeit gefahren . Ich gab ihr jedoch mein Wort , sie nach der Heimath bringen zu lassen . Ich habe dabei Eurer gedacht , und bestelle Euch zu des Mädchens Vogt . « - » Mein gnädigster Herr « - stammelte Dagobert betroffen und bestürzt . Friedrich fuhr aber gleichmüthig fort : » Fürchtet Euch nicht . Es ist zwar nur ein Judendirnlein , aber so fein und zart und lieblich , daß es manche Heilige nicht zürnen würde , schriebe man ihren Namen unter der Jüdin Bild . Schafft die anmuthige Ketzerin nach Hause , ehe sie gezwungen wäre , Sigmunds Gerechtigkeit und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen . Ihr wißt , um welchen Preis die Majestät Witwen und Waisen zu schützen , wie sie das zugesicherte Geleit zu handhaben pflegt . Jagt das Lamm dem Wolf nicht in die Hände . Bringt es zur heimathlichen Herde , und gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige Versprechen , daß ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde , sobald ich den drohenden Sturm überstanden habe . Geht ; ich rechne auf meines Auftrags sichre Vollziehung . Zieht von dannen , ehe es zu spät wird , und - Gott mit Euch . « Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um , und ging mit starken Schritten in das Seitenzimmer , das er heftig hinter sich verriegelte . Dagobert streckte die Arme nach ihm aus , wie nach einem scheidenden Jugendfreund , und blieb einige Zeit bewegungslos im Gemache stehen . Dann aber raffte er sich männlich zusammen , und floh aus dem Hause , in dem er bisher das Ideal eines Ritters , wie er sich es dachte , bewundert hatte . - In dem Hause seines Ohms fand er eine bestürzte und unfreundliche Aufnahme . Des Prälaten Blicke maßen ihn mit gehäßigem Ausdruck ; Fiorillens Augen mit ängstlicher Scheu und Beklommenheit . » Was willst Du noch bei mir ? « fragte der Ohm nicht ohne Heftigkeit : » Freude bringst Du nie . Du kömmst ungeladen wie eine Krankheit , und gehst nur wie sie von dannen : nachdem Du Schaden angerichtet . « - » Ihr seyd fürchterlich streng in Euerm Urtheil , « antwortete Dagobert : » allein - auch eine Krankheit sieht man gerne Abschied nehmen , und in keiner andern Absicht hab ich ' s gewagt , Euch in dieser Zwielichtsstunde zu überfallen . « - » Fahre wohl ; « lautete es aus des Prälaten Munde : » ich frage nicht , wohin Du gehst , denn dem Bösen soll man nie auf die Ferse blicken ; auch bist Du seit längrer Zeit auf geheimen Reisen begriffen , deren Geheimniß .... « - » Nicht lange geheim bleibt ? « fiel der Neffe lächelnd ein : » Ihr Herren habt das Vorrecht , Allem auf die Spur zu kommen , früher als andre ehrliche Leute . Für dießmal geht meine Fahrt zum Vater , und ich habe gewünscht , - wie es einem biedern Blutsverwandten zukommt , - mich mit Euch zu letzen , und Euch zu fragen , ob Ihr mich nicht mit einem Brieflein oder dergleichen zu beauftragen begehrt . Vom Wiedersehen dürfte wohl , nicht leicht mehr die Rede seyn . Die Lust am lieben deutschen Vaterlande hat in mir überhand genommen . Jenseits der Berge , fürchte ich , ist mein Platz nicht , und das Bartolomäistift bei Cesena sogar ..... « - » Schweig ! « fuhr der Prälat mit zornrothem Antlitz auf , und aus dem fleischigen Antlitz brach ein Strahl von Grimm und gehässiger Tücke , wie ihn Dagobert noch nie gesehen . Fiorilla zerrte , von dem jungen Manne unbemerkt , warnend an des Prälaten Überkleid , und der Sturm begütigte sich hierauf , mindestens dem äußern Anscheine nach . Monsignore zwang die aufgeregten Gesichtsmuskeln in ihre alte Ordnung zurück , und fuhr mit gemäßigtem Tone , in dem jedoch unverkennbar bittrer Spott lag , fort : » Du hast vollkommen Recht , Neffe . Dort findet , sich kein Platz mehr für Dich , nach dem , was Du gethan . - Stelle Dich nicht so unbefangen an . Ganz Costnitz weiß von Deinen Ränken . Der Himmel verzeihe es denen , die Dich dazu verleiteten . Der Himmel verzeihe auch Dir den Nachtheil , den Du Deinen Angehörigen dadurch bereitet . Herzog Friedrich wird die treuen Dienste doch mit einer fetten Pfründe lohnen in seinem Bauernlande ? « - » Ei was , Ohm ; « erwiederte Dagobert lustig ; » Bauern hin , Bauern her ! Im Tyrol legen die Hühner Eier , und tragen die Reben Beeren , wie in Wälschland , und ein altes Sprichwort sagt : Wo ' s nicht an Hennen und Zehnten gebricht , da verdirbt auch die Pfaffheit nicht . Die Präbende , die der Montfort ausbot - Ihr erinnert Euch - konnte ich nicht verdienen . Ich muß demnach auf Ersatz denken . « - Der Prälat antwortete nichts , sondern kaute wehmüthig , und als wie überlegend an den Lippen . - » Ernstlich indessen ; « sprach Dagobert weiter : » Der Herzog ist mir nichts schuldig , und ich habe keinen kaiserlichen Gönner , wie Ihr , würdiger Ohm , der mir Ring und Stab aus dem Ärmel schütteln kann , sobald er nur will , zum Lohn für eine Nachsicht zu rechter Zeit . « - » Toller Schwätzer ! « rief der Prälat , von Neuem hitzig werdend : » Was kümmert mich der Kaiser ? Spare Deinen Spott zu gelegener Stunde . « - » O weh ! « entgegnete Dagobert : » Was bedeutet dieser Groll ? trug der Winter die Rosen , und bringt der Frühling den Schnee ? Hat Liebstöckel schon im März abgeblüht ? oder haltet Ihr es nimmer mit dem Kaiser , seit Johannes es wieder mit der freien Luft hält . « - » Ich muß gestehen , « versetzte der Prälat mit einer gewissen arglistigen Schalkheit : » daß dieses das seltsamste Gespräch seyn mag , das jemals zwischen Ohm und Neffen geführt worden ist . In dem wälschen Lande , das Du zu verachten scheinst , sprechen Todfeinde zierlicher zu einander , als hier in Deiner gepriesenen deutschen Heimath des Bluts Befreundete . Jedoch , damit Du sehest , wie wenig ich gewohnt bin , Böses mit Bösem , Trotz mit verdienter Härte zu vergelten , will ich Dir erlauben , hier zu verziehen , und einen Abendtrunk anzunehmen , den Fiorilla besorgen wird , während dessen ich , meinen schlechten Augen zum Trotz , aber meiner brüderlichen Liebe zum Frommen , ein Schreiben an Deinen Vater aufsetze . Ich verspreche Dir ; es soll Dir nicht zu Leide geschrieben seyn , und keck darfst Du es übergeben . Du machst Dich doch morgen mit dem frühsten davon ? « - » Ich denke es ; « antwortete Dagobert , sich bequem in einen Sessel niederlassend . - » Thue das ; « fuhr der Ohm fort , wie oben : » länger ist ' s für Dich nicht geheuer zu Costnitz . Dein Pferd steht im Engel ? « - » Ja , mein guter Ohm ! « erwiederte Dagobert : » das wackre Roß wird mich auch unter Engels Schutz und Schirm weiter tragen . Für den Augenblick bin ich ja sicher genug in meines Vaterbruders Hause . « - » Amen ! « fügte Hieronymus bei , sandte Fiorilla zum Keller , und begab sich durch die Seitenthüre in sein Schlaf- und Schreibgemach . Dagobert dehnte sich gemächlich in seinem Polsterstuhl , und stützte den Kopf in die Hand . » Wie ist mir denn ? « sagte er zu sich selbst : » Komme ich mir doch vor , wie ein Träumender , oder besser , wie ein Trunkner , der auf schwankenden Eisschollen über einen Strom zu taumeln versucht . Die Geschichte dieser letzten Tage ist wie ein toller Spuck gestaltet . Ich denke einem wider Willen zu einem Verbrechen gereizten Manne , meines Standes höchstens , das Geleit zu geben , - und siehe da , es ist das Oberhaupt der Christenheit selbst , das mich zum Lohn von meinen Altarpflichten frei spricht während - wie ich begreife - das ganze Concilium meiner That den Stab bricht . Ich verlasse den Herzog auf dem Gipfel fürstlichen Glanzes , und finde ihn wieder im Begriff Reißaus zu nehmen vor einer Rotte von Priestermützen und einem Kaiser , dem wenig mehr zu Gebote steht , als ein Mund voll Honig , wenn auch Galle sein Herz erfüllt . Ich stand schon auf einem seltsamen Fuße mit dem Ohm , ehe ich gen Schafhausen zog , aber nun stehe ich auf einem weit wunderbarern mit dem Wackern . Wir sagen uns gegenseitig dürre Wahrheiten , dürr und stachlich wie die winterliche Schlehenhecke , und dennoch will er die Sanftmuth vorwalten lassen ; ... er , der sich , wie ich beinahe glaube , durch seines neuen Vaterlandes Doppelzüngigkeit um des Papstes und des Kaisers vorübergehende Gunst gebracht hat ? Frei ging ich zu Costnitz einher , nachdem ich einen Ketzer hatte befreien wollen , und jetzo räth mir der Herzog selbst schnellen Abzug , weil ich dem Vater der Rechtgläubigen aus dem Netze half ? - Ja , Friedrich hat Recht : der Teufel ist in die Zeit gefahren , aber auch dem Schwarzen trotze ich mit dem Freibrief in meiner Tasche . Bin ich einmal hinter den Mauern meiner Vaterstadt ... dann fahret wohl , Kaiser , Concilium und Reich . Ich mische mich ferner nicht mehr in eure Händel . « - » Ei sieh da ; « sprach Dagobert nun laut , und den Kopf nach der Thüre wendend , durch welche Fiorilla mit Wein und Semmeln belastet , eintrat : » sieh da , mein Bäschen ! Eure Heimath werde ich nicht zu sehen bekommen , aber den günstigen Augenblick will ich benutzen , um den Kuß des Lebewohls auf Deine Rosenlippen zu drücken . « - Fiorilla entzog sich seinem Arme mit sichtbarer Befangenheit und Furcht . » Warum so ängstlich , närrische Dirne ? « flüsterte Dagobert : » Noch haben sie mich nicht vogelfrei erklärt ; noch darf mich ein holdes Mägdlein küssen . Oder fürchtest Du Dich vor dem Chorrock ? Beruhige Dich ; Chorrock und Kutte hänge ich an den Nagel . Oder bangt Dir vor der Nähe Deines eifersüchtigen Freundes ? Ohne Sorgen . Der gute Ohm brauchte neulich mehr denn eine Stunde dazu , einen deutschen Brief zu lesen . Wie viel geben wir ihm wohl Zeit , einen deutschen Brief zu schreiben ? Bis er sich wieder besinnt , wie die wunderlich gekräuselten Buchstaben gemalt werden müssen , ist die Mitternacht da . Versage mir also Dein Mündlein nicht , holde , dem schwarzen Bocksfuß entrissene Seele ! « - Noch einmal wies ihn Fiorilla zurück , und preßte aus fliegender Brust die eiligen Worte hervor : » Ihr werdet scherzen und Kurzweil treiben , wenn Euch der Tod über die Schulter sieht . Verblendeter ; verloren seyd Ihr , wenn Ihr nicht schnell Euch von dannen macht . « - » Ho ! « entgegnete Dagobert , ernst und aufmerksam werdend : » Mädchen ! Du gönnst mir wohl nicht den Wein aus meines lieben Oheims Keller ? « - » Die Freiheit gönne ich Euch lieber ; « sprach Fiorilla , wie vorhin : » Flieht , weil es noch Zeit ist . Der Oheim hat Böses gegen Euch im Sinne . Glaubt nicht , daß er sich in seinem Schlafgemach befindet . Vor einem Augenblicke verließ er mit dem Knechte , der die Leuchte trug , das Haus . Hinter der Thüre des Kellers lauschend , hörte ich , wie er zu dem Burschen sagte : Nimm Dich wohl in Acht , und leuchte vernünftig . Von des Cardinals Hause läufst Du , was Du kannst , zum Engel . « - Sorgfältig die Thüre schließend , gingen sie davon , Euch zu verrathen . - » Zu verrathen ? « rief Dagobert , aufspringend : » Der Bruder meines Vaters mich verrathen ? Zu welchem Endzweck das Bubenstück ? « - » Ach , Ihr wißt noch nicht , was geschehen ; « entgegnete Fiorilla mit steigender Besorgniß : » Wallradens Verständniß mit Sigmund ist vorbei . « Ohnmächtig wüthend zog sie von hier ab , verspottet von ihren Freiern und der Welt . Eures Oheims Glückstern ging schnell unter . Er , der den Papst verlassen um des Kaisers willen , wird von diesem schnöde behandelt , und seit des heil . Vaters Flucht , die Ihr , wie man allgemein behauptet , begünstigt , geben die Machthaber vor , in Euerm Ohm einen heuchlerischen Anhänger des Geflüchteten entdeckt zu haben . Die Cardinäle , den arglistigen Colonna an der Spitze , der zum Kaiser hält , wiesen den Flehenden von ihrer Thüre , und zu allem Unglück gelangte gestern an ihn die unwillkommne , die zermalmende Botschaft , daß sein Capitel , seines langen Ausbleibens und Geldverschwendens müde , einen Andern statt seiner erwählt , und diese Wahl zur Bestätigung an das Concilium bereits berichtet . Diese Kunde donnerte den Prälaten vollends nieder , und nun geht er hin zu dem Colonna , von dem er allein noch Hilfe erbetteln könnte , und verräth Euch , seinen Neffen , als den Entführer des Papstes ; in der Hoffnung .... - durch einen großen Schurkenstreich minder bedeutende wieder gut zu machen ; unterbrach sie Dagobert ungestüm : » Wohl bekomm ' s , ungetaufter Ehrenmann . Gut ausgedacht . Der Eine läuft zum Cardinal , mich anzugeben , der Andre zum Engel , um dort meine Habe zu verhaften . Zum Glück hat mir vom Teufel geträumt , und ich habe dem Ohm eine Nase gedreht . Meine Pferde stehen in einer Herberge vor der Stadt , und dahin eile ich jetzt . Vor dem Kaiser würde ich nicht Fersengeld geben ; aber das Concilium ist ein ander Ding . Ich habe Hussens Kerker gesehen , und damit genug gehabt . « » Wie aber entweiche ich ? Sie haben die Thüre verschlossen , sagst Du ? « - » Ich besitze noch einen Schlüssel , « antwortete Fiorilla zögernd und roth werdend , » von dem der Ohm nichts weiß . Mit diesem öffne ich Euch die Pforte . « - » Habe Dank , du listige Schlange ; « versetzte Dagobert , die Mütze aufstülpend , einen derben Zug aus dem Becher thuend , und Fiorillen die Hand reichend : » Gott segne Dich , und den glücklichen Buhlen , dem dieser Schlüssel wohl schon öfter hinter des ehrwürdigen Freundes Rücken das Pförtlein aufthat . Wie kann ich Dir vergelten ? « - » Durch einen kleinen Liebesdienst ; « erwiederte Fiorilla eilig , und dennoch verschämt : » Gestattet , daß ein junger Mensch Euch ein Stückchen Wegs begleite . Das junge Blut fürchtet sich , allein von dannen zu gehen , und dennoch .... « - » Und dennoch soll ihn der Ohm hier nicht finden ? « fragte Dagobert schelmisch drohend : » In des Himmels Namen - er komme . Ich bin schon einmal dazu bestimmt , der Begleiter von allerlei Menschen zu seyn , die dem Wetter nicht recht trauen , und selbst , wenn ich auf flüchtigen Füßen bin , muß ich noch immer einen Andern mit mir schleppen . Der feine Bube tummle sich indessen . Ich habe nun weder Ruh noch Rast . Käme der Ohm jetzt zurück , wär ' s sein Unglück und das Meine , und Beides hätte ich nicht gern auf dem Gewissen . « - » Eurer Zusage vertrauend , wartet der Knabe draußen ; « sprach Fiorilla : » bringt ihn ja gut dahin , wo er zu Hause ist . « - » Insofern sein Haus an meiner Straße liegt , und der Bube flink auf den Beinen ist , recht gern , weil dem Bäschen so viel an dem furchtsamen Milchbart liegt . Jetzt die Hand , Fiorilla , und die Wange . So ! Gott lohne Euch die Warnung , und lasse Euch glücklich und vernünftig werden . Lebt wohl . « - Schnell verließ er das Zimmer ; Fiorilla eilte mit dem Lichte voraus . Auf der düstern Treppe schloß sich der Günstling der Italiänerin , ein feiner Junge , aber wunderlich vermummt in einen , der Kleiderkammer des Prälaten entliehenen , weiten Rock , und eine Stirn und Wange verhüllende Kappe , an die Beiden an . Dagobert , mit seinem eignen Geschick beschäftigt , schenkte ihm nur einen flüchtigen Blick , und schritt rüstig zu der Pforte , deren Schloß Fiorilla ' s Schlüssel nur zu langsam für des Jünglings Ungeduld öffnete . Thränenden Blicks reichte die Schöne von Cesena dem Letztern die Hand , heftig schluchzend fiel sie dem Vermummten um den Hals , und Dagobert war schon ziemlich voraus , ehe sein Begleiter , dessen Schritt von dem langen Gewande gehindert wurde , ihn erreichte . » Spute Dich , Du verliebter Früh-in ' s-Holz ! « raunte Dagobert dem Keuchenden zu . » Weit ist noch der Weg bis vor die Stadt , wenn Du außerhalb derselben wohnst ? « - Der zur Seite Laufende nickte stumm , und Dagobert setzte sich wieder in den alten Schritt , bis er in die Straße gelangte , welche er einst , dem Kloster flüchtig enteilend , nicht minder schnell gemessen . Wie ein Blitzstral fuhr ihm aber hier mit einemmale die Erinnerung an Esther , an des Herzogs Worte , an seine Liebe durchs Gehirn , und unschlüssig blieb er stehen . » Wie ist ' s ? « überlegte er : » soll ich das Mädchen , das ich liebe , wenn ich ' s gleich nicht gestehen will , einer ungünstigen Conjunktur zum Raube lassen ? Oder soll ich , sie zu retten , für mich selbst die Zeit versäumen ? Wer bürgt mir dafür , daß nicht in der nächsten Stunde den Wachen an allen Thoren die Kunde ward , auf mich ein wachsam Auge zu haben ? Wäre ich nicht alsdann verloren , und das Mägdlein schutzlos wie zuvor ? Und dennoch muß ich meine Zusage halten , .... und dennoch muß ich wenigstens versuchen , ob ich sie retten kann , für die mein Herz und Friedrichs Gebot das Wort führt . « - » Herr meines Lebens , « seufzte hier eine schwache Stimme neben ihm , und er gewahrte mit Erstaunen seinen Begleiter neben sich , der die Hände in die Seiten gestützt , verschnaufend an einer Ecke lehnte . - » Was gibt ' s ? « fragte Dagobert unmuthig : » Junger Fant , was soll das Wehleidigthun ? Wer sich in den Dienst der Frau Venus will begeben , muß küssen , drein schlagen und laufen können , wann es eben seyn muß ; denn vom Abenteuer lebt die Minne . « - » Ich verstehe Eure Worte nicht , « lispelte des jungen Knaben zarte Stimme : » aber ich weiß , daß ich des Todes bin vor Angst und Gram , wenn Ihr von meiner Seite weicht , und nicht Mitleid habt mit meiner Schwäche . « - Dagobert fuhr zusammen bei dem Klange dieser Stimme . » Nein ! « rief er , mit seinen Augen des Begleiters Gestalt messend : » also spricht kein Mann ; das ist Frauensprache , und , wenn mich nicht ein böser Zauber bethört , eine Sprache , die mir nicht unbekannt geblieben . « - » Könnt Ihr verzeihen ? « stammelte der Knabe , und wollte zu Dagobert ' s Füßen sinken , als dieser , plötzlich Esther ' s Züge unter der entstellenden Kappe entdeckte , und die furchtsame Dirne kräftig in der Höhe hielt . - » Unglückliche ! « sprach er leise zu ihr : » Wie kömmst Du hieher ? Doch gleichviel . Die Erläuterung raubt Zeit , und wir bedürfen der letztern . Der Mondstral hat Dich mir genannt . Deinen Mund laß schweigen , bis wir ausser Gefahr sind . Hänge Deinen Arm in den Meinigen . Stütze Dich auf mich . Nun ich weiß , wer Du bist , muß ich nach Deinen Kräften mich fügen . « - » Guter Mann ! « seufzte Esther , und lehnte sich vertrauend auf des Helfers Arm , der sie , obgleich die innere Ungeduld mit Nesseln peitschte , langsam durch die noch ziemlich belebten Gassen dem Thore zuführte . Die Hüter desselben spotteten des Paars , und machten sich weidlich über die bezechten Schüler lustig , die nach dem Gelage mit schwerem Kopfe den Weg zur Heimath suchten . Dogobert ließ die rohen Gemüther gerne bei dem Glauben , der ihm und seiner Schutzbefohlnen so förderlich ward , und geleitete besonnen die Entkräftete zu einer Bank , die am Rande der Heerstraße stand . » Einen Augenblick darfst Du hier ruhen ; « sprach er zu Esther : » sprich jetzt , Mädchen - wie erkläre ich mir ... ? « - » Fiorilla war meine Freundin geworden , wie Ihr bereits wißt , edler Herr ; « antwortete das Mädchen : » sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage , und ich ließ mich lieber ihre Zofe nennen , als daß ich noch länger in dem Hause geblieben wäre , wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten , die selbst zu den Füßen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gen Frankfurt erhalten hatte . Euer Ohm ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhältnisse , und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden . Ehe jedoch Fiorilla mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war , kamt Ihr . O , ich hörte Euch kommen , ich hörte Euch sprechen , und die Vergangenheit lag wieder vor mir wie ein Paradiesesgarten . Ich hoffte wieder , ich war beruhigt , ohne mir genau bewußt zu seyn , warum . Fiorilla bestärkte mich in dieser seligen Beruhigung , als sie plötzlich bei mir eintrat . Esther ! sprach sie : Dein Retter und Geleiter ist gefunden . Man spinnt Verrath gegen den Junker . Ich werde ihn warnen ; er muß fliehen , und Dich mit sich nehmen , ohne zu wissen , wer Du seyst , denn der Erklärungen und Einwendungen wäre dann kein Ende , und dennoch ist die Zeit nur allzugemessen . Muth , meine Freundin ! Dagobert ist ein edler Mann ; er wird Dich nicht verlassen . Vermummt folgte ich Euch , und überlasse es Euerm Edelmuthe , ob Ihr Fiorillens Zusage erfüllen wollt . « » Ob ich will , ist keinem Zweifel unterworfen , « antwortete Dagobert kurz und gemessen , denn er suchte hinter dieser Kürze den wahren unruhigen Zustand seines Herzens zu verbergen . - » Aber , « setzte er bei : » armes Mädchen ! Wohin soll ich Dich führen ? Gen Frankfurt , wo Dein Vater im Kerker liegt ? « - » Mein Vater ist unschuldig an jedem Fehl - o gewiß ! glaubt es mir ! « versetzte Esther mit Zuversicht : » Gewiß kömmt er mir ohne Fesseln bereits entgegen , und - wäre es nicht , - so bin ich in des alten Jochai ' s Armen aufgehoben wie im Schooße der Mutter ! « - » Wohlan denn ! « sprach Dagobert : » So reiten wir noch diese Nacht . Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht . Folge mir bis dahin , und wir wollen überlegen , wie Du am schnellsten fortzubringen bist . « - Er unterstützte sie während des kurzen Gangs . - » Hast Du auch Alles überlegt ? « fragte er an der Herbergspforte noch das Mädchen : » Ich bin ein junger wilder Geselle , dessen Arm Dich schon einmal umfing , dessen Lippen schon einmal auf den Deinen ruhten . Hast Du jener Zeit vergessen , oder meinst Du , ich hätte es gethan ? Hegst Du Vertrauen zu mir , und übergibt Dich mir auf der weiten Fahrt ohne Scheu , ohne Mißtrauen ? « - » Ob ich jener Zeit vergessen ? « fragte Esther entgegen mit leuchtendem Blicke : » Ihr scherzt wohl , edler guter Herr . Aber so wahr als diese Hecken um uns her den Frühling künden durch ihre Knospen , so wahr ist das Vertrauen zu Euch , das in mir lebt . Auf der weiten Welt lebt Keiner , dem ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre . Ihr werdet mich führen zum Vater , Ihr werdet durch Eure fromme Hülfe meinen Pfad ebnen , und den Frieden in mein Herz zurückbringen , wie die scheidende Sonne den Thau auf die lechzende Wüste . Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir , und nur die Erinnerung in meiner Seele lassen und die Dankbarkeit , die nimmer Verlöschende . Mein Gebet für Euch sey Friede , und der hochgelobte Gott verwirkliche hundertfältig den Segen , den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf Euch lenken möchte ! « » Genug ! genug ! « fiel hier Dagobert rasch und abstoßend ein : » Laß uns erst an ' s Ziel gelangen , und möge es für Dich ein Erwünschtes seyn . Die Vergangenheit werde nie zwischen uns berührt , und Deine Gesinnung über diesen Punkt gibt mir erst den Muth , Dein Gefährte zu bleiben , bis an Frankfurts Thore . Von da aus findest Du den Weg in ' s Vaterhaus allein , und unter uns sey es , als hätten wir uns nie gekannt . « » So sey es ! « flüsterte Esther zögernd und kleinlaut , während Thränen ihre Wangen benetzten . Der junge Mann hingegen , der jetzt erst einen großen Sieg über sein eigen Herz davon getragen , und nun den Talisman gefunden zu haben vermeinte , jeder Versuchung zu widerstehen , ging sorglosen Muthes hin , die Rosse zu rüsten , und Alles zu der Reise vorzubereiten , die auch mit dem ersten Frühstral angetreten wurde . Ende des ersten Bandes . Zweiter Band Erstes Kapitel . Der Lenz ist angekommen ! Habt ihr es nicht vernommen ? Es sagen ' s euch die Vögelein , Es sagen ' s euch die Blümelein : Der Lenz ist angekommen ! Ihr seht es an den Feldern , Ihr seht es an den Wäldern ; Der Kukuk ruft , der Finke schlägt , Es jubelt , was sich froh bewegt : Der Lenz ist angekommen . Hier Blümlein auf der Heide , Dort Schäflein auf der Weide ! Ach seht doch , wie sich alles freut , Es hat die Welt sich schön erneut : Der Lenz ist angekommen ! Altd . Lied aus der Sage vom Venusberge . Es ist doch eine gar schöne , muntre und selige Zeit , wenn der Frühling wieder herein kommt ins Land , der gar nicht unedel von den Dichtern einem Bräutigam verglichen wird , welcher seine Braut zu schmücken und zu umfangen naht , im Glanz und Prunk des Hochzeittages . Ein Fürst der Erde könnte er nicht minder genannt werden , denn tausend leichtbeschwingte und buntgefiederte Herolde ziehn vor ihm her , seine Ankunft verkündend ; himmelblau und golden ist sein Kleid , an das sich der fernen Eisberge Saum anschmiegt , wie Hermelinsverbrämung , und alle Blüthenbüsche fügt er in eine duftende Krone , womit er sich und seine Liebe ziert . Und die Braut , im Gewande zarter Hoffnung , umgürtet von den Silberbändern , deren Juwelenschmuck erst wieder lebendig wurde durch des Ersehnten feurigen Goldblick , winkt dem Nahenden mit jugendlich grünen Zweigen , und scheint ihn demüthig zu fragen : Kommst Du noch einmal , mit mir den Bund zu schließen in neuer Verjüngung ? Nicht umsonst , Geliebter , trägst Du die Farbe der Beständigkeit , denn viele tausendmal begingen wir schon unsre Feier , und dennoch freist Du keine Andre als mich ? - Der Hochzeiter schüttelt hierauf lächelnd die wohlriechenden Locken , daß Blüthe auf Blüthe und Perle auf Perle daraus in den Schooß der Freundin sinkt , als ein Geschenk seiner Freigebigkeit . Keine Andre als Du , spricht er , schmückt mir Lager und Teppich so bunt und reizend ; keine wölbt mir Lauben luftig und schattig , wie Du ; keine andre theilt meine Lust , das Leben zu beglücken , das aus Dir stammt , in Dir vergeht , und wieder von neuem aufsproßt , sich unsrer zu freuen . Glücklich sey das Geschlecht , während meines Reiches Dauer , denn nach mir kommen strengere Herrscher , und die Sorge , und die Welkezeit , und die Nacht ! - Wer hat sich nicht schon gefreut unter dem lindwehenden Panier des fröhlichen Lenzes ? Wer , der ein fühlend Herz in der Brust trägt , hätte nicht schon unter dem sonnigen Frühlingsschein die Arme ausgebreitet mit unnennbarem Sehnen , entzückt von Dankbarkeit , erregt von milder Rührung ? Predigt die schöne Jugendzeit des Jahrs nicht Friede und Versöhnung ? Entwaffnet sie nicht den Haß in edeln Gemüthern ? O wahrlich , diese goldnen Tage sollten kein gezücktes Schwert schauen