weitem der Größte . Denn viel ehrenvoller ist es , der Gründer eines kraftvollen herrlichen Stammes zu seyn , als sich , durch das Verdienst edler Vorfahren gehoben , auf schon gebahntem Wege gemächlich durch die Welt helfen zu lassen . Doch Dir , mein Bruder ! eröffnet sich eine Aussicht , die Ehrenkrone unsers Stammvaters mit ihm einst theilen zu können . Zwar bist Du der letzte unsers alten edlen Namens , doch hoffentlich wird er wieder neues Leben gewinnen , und Du stehst einst in der Mitte zwischen der langen Reihe unsrer Vorfahren und einer zahlreich erblühenden , bis in die späteste Zeit hinab reichenden Nachkommenschaft . Du kannst es erringen , daß einst Deine Urenkel und die Deiner Unterthanen , vorzüglich vor Deinem Bilde gern bewundernd verweilen und daß der Vater , indem er dem Sohne es zeigt , zu ihm spreche : neige dich ehrfurchtsvoll vor diesem Albert , er verlieh dem zu seiner Zeit fast ganz gesunknem Hause der von Leuen neues Leben , er allein erhob es wieder zu seinem ursprünglichen Glanze , indem er Freude und Wohlhabenheit bis in unsre Hütten verbreitete und durch Thätigkeit , Umsicht und weise Sparsamkeit wieder aufbaute , was eine verworrene , unheilbringende , kriegerische Zeit zerstört hatte . Doch glaube nicht , daß ich verkenne , auf welch ' ein schweres Unternehmen ich hier hindeute ; oft schon , mein theurer Bruder , wenn Du vergebens nach Dir genügenden Worten suchtest , um Deine gränzenlose Dankbarkeit mir auszudrücken , fiel es mir schwer aufs Herz , daß ich durch die Uebertragung der Rechte meiner Erstgeburt Dir weniger als Nichts gewährte , wenn Du nicht selbst mit rastlosem Eifer Dein Leben daran setzen willst , um Dein Besitzthum wieder zu dem zu erheben , was es vor den Verwüstungen des siebenjährigen Krieges , und der aus den langen Abwesenheiten seiner Eigenthümer entstehenden Verwahrlosung gewesen ist . Einem edlen freien Geiste wird es unendlich leichter , Neues zu schaffen , als Verworrenes , Zerstörtes wieder zu ordnen und aufzurichten . Es wollte mir daher oft unbillig erscheinen , daß ich Dir , dem Knabenalter kaum Entwachsenen , eine so schwere Aufgabe aufbürden konnte , und einzig die Ueberzeugung , daß ich durch diese Handlung nur der Zeit um einige Jahre zuvoreile , konnte mich darüber beruhigen . Nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur wären Dir , dem um viele Jahre jüngern Bruder , dennoch die Verpflichtungen einst zugefallen , die Du , von mir veranlaßt , schon jetzt übernimmst . Als geistlicher Ritter hättest Du ihnen noch weniger genügen können , unser alter edler Name wäre mit Dir erloschen und das Eigenthum unsrer Väter , die Sorge für das Glück derer , die seit undenklicher Zeit vom Vater auf den Sohn gewohnt waren , dem Schutz eines von Leuen anvertraut zu seyn , wäre fremden Händen zugefallen . Da sey Gott vor , daß ich dies zugeben solle , wenn ich es ändern kann . Ich , mein Albert ! ich bin vom Schicksal unabwendbar bestimmt , einsam zu leben und zu sterben , ich müßte es , und wärst Du nie geboren . Sahst Du niemals einen Baum , stark und fest dem äußern Anschein nach , aber an der eigentlichen Wurzel seines Lebens nagt ein heimlicher Wurm , er kann noch eine Weile fortgrünen , doch der Raum um ihn her bleibt ewig öde , und in seinem kalten Schatten sproßt kein junges Leben wieder auf . Sahst Du je einen solchen Baum ? Er war das Bild Deines Bruders . Frage mich nicht weiter , ich kann und will keine Deiner Fragen über diesen Punct beantworten , aber glaube mir , wenn ich mit dem tiefen Ernst eines auf den Tod Verwundeten Dir sage : es ist so . Laß diesen Ausspruch Dich nicht zu sehr um meinetwillen betrüben , denn ich habe einst auch gelebt , ein kurzes aber schönes , vom seeligsten Traume hochbeglücktes Leben , doch jetzt ist es dahin . Für andere kann ich noch wirken , so lange die Sonne mir scheint , für mich nicht mehr , denn ich habe keinen Wunsch mehr auf Erden , alles , alles ist vorbei . Daß ich aber , indem ich that , was ich für Recht und nöthig erkannte , zugleich Dein und Luisens Glück erbauen durfte , das ist die letzte Gunst , welche das Geschick mir gewährte ; ich achte sie um so höher , je weniger ich mir noch einer solchen im Laufe meines Lebens gewärtig war . Sorge auch übrigens nicht um mich ; zwar bin ich bis heut ' hier völlig fremd geblieben und weiß Dir über die hiesige Zustände nichts mitzutheilen , doch Raum für Thätigkeit giebt es überall . Ich brauche nur diesen noch , auch hier werde ich ihn entdecken und denke , so mich ganz leidlich von einem Tage zum andern hinüber zu helfen . Zugleich mit diesem Briefe wird das Dir wohlbekannte Kästchen von Elfenbein Dir eingehändigt werden , welches lange Jahre hindurch in unsrer Familie hochgehalten und bewahrt wurde . Ich sende es Dir zurück , weil es hier dereinst sehr leicht in fremde Hände fallen könnte ; bewahre es wohl und lasse es nie von Dir , behalte es zu meinem Andenken , wenn es Dir dadurch vielleicht lieber werden sollte . Du findest es mit einigen Kleinigkeiten an Schmuck und Seltenheiten angefüllt , wie dieses Land sie bietet . Uebergieb diese Deiner Luise in meinem Namen ; sie sind an sich beinahe ohne Werth , doch ich hoffe , Luise wird um meinetwillen sie nicht verschmähen . Den Ring mit meinem Bildniß , den Du jenen Dingen beigefügt findest , bestimme ich Dir , denn ich weiß , es wird Dich freuen , eine so treue Kopie meiner Züge zu besitzen , doch trage ihn nie an Deiner Hand , und lass ' auch Deine Luise dieses nie thun . Eine der schmerzlichsten Erinnerungen knüpft sich für mich an den Anblick dieses Ringes ; er darf nie zum Schmucke dienen , da er die Hand nicht schmücken durfte , für die er ursprünglich bestimmt war . Und nun lebe wohl ! Gott erhalte Dir Dein jetziges Glück und segne Dich mit Kraft und Muth und Ausdauer für die Bahn , welche Du zu gehen hast . Albert von Leuen an seinen Bruder Bernhard , achtzehn Jahre später geschrieben . Wenn Du diese Schriftzüge erblickst , mein edler schwer beleidigter Bernhard , so hat die alles ausgleichende Hand des Todes den Müden wirklich zur Ruhe geleitet , den Du schon vor langen Jahren zu den Verstorbenen zähltest . Dem Lebenden mußtest Du zürnen , weil er , schwach und verblendet , den Pfad nicht zu halten wußte , den Du so weise als liebevoll ihm bezeichnet hattest ; dem Todtgeglaubten hast Du vergeben , dies fühlte er wohl , darum mochte er Dir nie wieder nahen , im Laufe des trüben Daseyns , das er in tiefer Verborgenheit auf Erden noch fortführte , und wahrscheinlich einige Jahre hindurch noch fortführen wird . Daß Du aber dem Bruder gern ein willig Ohr leihen wirst , wenn er , gleichsam aus seinem Grabe herauf , Dir am Ende seiner Bahn Rechenschaft ablegen will , davon bin ich eben so überzeugt , als daß dieses Bekenntniß seiner Verirrungen wie seiner Leiden ein menschliches Herz bei Dir finden wird ; denn auch sie waren menschlich . Kein Verbrechen lastet auf Deinem armen Albert , das glaube fest ; der immer wache innere Richter giebt ihm das Zeugniß , daß sein Streben zum Bessern stets redlich war , wenn er gleich leider weder von der Natur noch durch seine Erziehung sich dazu eignete , das zu werden , was Deinem höheren Geiste aus ihm zu bilden möglich schien . Und nun lass ' mich noch einmal in meinem Leben wie der Bruder zum Bruder aus vollem Herzen zu Dir reden . Der letzte Ruhepunkt , den ich auf Erden zu finden bestimmt war , ist erreicht . Mein Pilgerstab hängt über dem kleinen Altar meiner Laren , und soll nicht wieder herabgenommen werden , bis er zur Gruft mich begleitet . Doch jetzt lebe ich noch , und ein unwiderstehliches Gefühl drängt mich zu Dir . Ich , der Verwaiste , Verlassene - durch Schuld oder Unglück , nenne es wie Du willst - von allem was mir einst lieb war Verbannte , ich werfe mich an Deine Brust , um Dir zu klagen , wie ich irrte und wie die Strafe jedem meiner Irrthümer auf der Ferse folgte . Ich muß Dir auch mittheilen was mir gelang , was mich erfreute , und welche Aussicht auf eine , alles ausgleichende Zukunft sich mir eröffnet , indem doch eine Hoffnung mir fröhlich erblüht , eine von den vielen , die ich in eitle Truggebilde sich auflösen sah . Es wird nöthig diesen Brief hier zu unterbrechen , um dem , was Albert seinem Bruder aus seinem spätern Leben mittheilt , eine kurze Uebersicht der frühern Ereignisse desselben einzuschalten , die Albert , als Bernharden vollkommen bekannt , übergehen mußte . Zugleich wird dem Leser einiges wieder ins Gedächtniß zurückgerufen , was schon vorläufig nur flüchtig erwähnt ist . Albert wurde bekanntlich in Rom , dem Geburtsorte seiner Mutter , zum geistlichen Stande erzogen , dem er bei den sehr gesunkenen Verhältnissen seines Hauses ohnehin gewidmet worden wäre , selbst wenn seine Eltern sich nicht nach einer kurzen , höchst unglücklichen Ehe wieder von einander getrennt hätten . Doch überdem öffnete der mächtige Schutz eines Oheims seiner Mutter dem Knaben eine der allerglänzendsten Aussichten auf der für ihn gewählten Bahn , denn als Kardinal und erklärter Liebling des damaligen Pabstes übte dieser eine fast unumschränkte Gewalt in seinem Wirkungskreise aus . Zwar lies er als ein sehr frommer , den Vorschriften seiner Kirche streng ergebener Geistliche sich nur selten einen Mißbrauch seiner Macht zu schulden kommen , dem Nepotismus jedoch , dieser allgemeinen Erbsünde der höheren römischen Geistlichkeit , vermochte er nicht zu widerstehen und so benutzte er zu Gunsten seines Großneffen dem ihm verliehenen Einfluß , indem er , mit Umgehung aller Ordensregeln , dem Knaben fast noch in der Wiege die Anwartschaft auf eine bedeutende Komthurey des Maltheserordens zu verschaffen wußte , welche Andre durch jahrelange Anstrengung im Dienste des Ordens sich erst erwerben müssen . Sobald der Knabe weiblicher Pflege einigermaßen entbehren konnte , ward er von seinem vornehmen Beschützer der mütterlichen Aufsicht entzogen und dem Pater Jeronimo übergeben , einem sehr gelehrten Benediktiner , der seine eigne Jugend stets in klösterlicher Einsamkeit zugebracht hatte , und mit frommer Scheu die ihm ganz unbekannte Welt als einen Sündenpfuhl betrachtete . Letzterem nicht nahen zu müssen , hielt er für das größte Glück auf Erden . Albert wuchs an der Seite dieses Greises in so tiefer Einsamkeit auf , als wäre er mit ihm durch einen Zauberspruch in die Thebaische Wüste versetzt worden . Er sah beinah nichts und kannte nichts als seinen Lehrer , seine Bücher und die vier engen Wände einer Zelle im Kloster oder des kleinen Zimmers im Pallaste seines Oheims , welche er gemeinschaftlich mit seinem Lehrer bewohnte . Denn Pater Jeronimo theilte seine Zeit zwischen dem Kloster und dem Kardinal , der ihn zu seinem Allmosenier ernannt hatte und ihn hauptsächlich deshalb auch zu Alberts Erzieher erwählte , um den Knaben weniger aus den Augen verlieren zu müssen . Albert konnte sich nicht nach Genüssen und Freuden sehnen , die er selbst dem Namen nach nicht kannte , aber wie alle von der Natur nicht ganz verwahrlosete Kinder , dürstete er nach Beschäftigung , jemehr er heran wuchs , und Jeronimo benutzte dieses , um ihn so früh als möglich in das Reich der Wissenschaften einzuführen , dem er selbst alles Glück seines stillen einförmigen Lebens verdankte . Das Talent und die unermüdliche Wißbegierde des Knaben entzückte seinen Lehrer ; er brachte es bald dahin , die klassischen Schriftsteller Roms und Griechenlands mit ihm in ihrer Ursprache lesen zu können . Zu ihren Dichtern sogar ging er über , ohne daß es dem in kindlicher Unbefangenheit grau gewordnen Alten einfiel , mit welchen Ahnungen eines , von dem seinen ganz verschiedenen , genußreichen Lebens diese den Knaben erfüllen mußten , welcher zum Jüngling heranreifte . Während Pater Jeronimo mit trockner Schulgelehrsamkeit seinem Zöglinge die technischen Schönheiten eines seiner Lieblingsdichter auseinander setzte , oder in Vergleichung der verschiedenen Lesarten irgend einer dunklen Stelle sich vertiefte , führte die jugendliche Phantasie den scheinbar Aufmerksamen auf Adlersflügeln weit weg in ein magisches Land , wo alles ihn entzückte und nichts ihm deutlich war , am wenigsten seine Wünsche und Hoffnungen . Indessen wurde Albert unter der Leitung seines Lehrers dennoch grundgelehrt . In Athen , im alten Rom , in der Geschichte der Völker , unter den Sternbildern des nächtlichen Himmels , war er vollkommen zu Hause , doch von den Verhältnissen des wirklichen praktischen Lebens wußte er in seinem zwanzigsten Lebensjahre weit weniger , als ein gewöhnlicher Knabe von acht Jahren . Der Kardinal war indessen mit der geistigen Ausbildung seines Großneffen vollkommen zufrieden , das übrige , meynte er , würde zu seiner Zeit schon von selbst sich finden , und er trug kein Bedenken , als Albert das dazu erforderliche Alter erreicht hatte , ihm anzukündigen , daß er zur Reise nach Maltha sich bereit halten solle . Alberts Mutter war während dieser Zeit in einem Kloster gestorben , dem sie , um den Himmel mit den Verirrungen ihres Lebens zu versöhnen , ihr ganzes Vermögen hinterließ . Ihr Sohn war nun einzig aus die Großmuth des Kardinals angewiesen , der ihn auch sehr freigebig mit allem versah , was er zu seiner Reise bedurfte , ihm sogar erlaubte , durch Deutschland zu gehen und sich in Triest einzuschiffen , weil Albert sehnlichst darnach verlangte , seinen nie gesehenen Bruder kennen zu lernen . Die Reise selbst , auf die sich Albert , wenn gleich nicht ohne heimliches Bangen , sehr gefreut hatte , erfüllte in der Wirklichkeit durchaus nicht seine Erwartungen , besonders nachdem er die Alpen im Rücken hatte . Das laute Treiben und Lärmen der im Schweiße ihres Angesichts arbeitenden Menschen , die Noth der Armen , besonders aber die ihm barbarisch klingenden Töne einer ihm völlig unverständlichen Sprache , machten auf ihn den widrigsten Eindruck . Alles was er sah und hörte , kontrastirte so sehr mit seinen goldenen Träumen , daß er einem vertrauten Kammerdiener seines Oheims , welchen ihn dieser zum Begleiter mitgegeben hatte , alle Besorgungen der Reise überließ , und nur aus dem Wagen stieg , um nächtlich zu ruhen . Durch diese Art zu reisen geschah es denn , daß er auf seinem väterlichen Schlosse eben so unbekannt mit der Welt und den Menschen anlangte , wie er von Rom ausgegangen war . Wer ihn sah und hörte hätte glauben können , es habe ihn ein Wolkenwagen durch die Lüfte geführt , ohne je die Erde zu berühren . Er traf seinen Bruder nicht auf Leuenstein , man wußte nicht einmal mit Gewißheit zu sagen , wo sich dieser jetzt aufhielt , und der arme Albert fühlte sich bei dieser Nachricht so verlassen , wie nie zuvor in seinem Leben . Das einzige Erfreuliche für ihn war , daß er mit dem im Schlosse wohnenden Justiziar sich in französischer Sprache leidlich verständigen konnte , und daß dieser sich ziemlich bereitwillig zeigte , einstweilen für die Bequemlichkeit des jungen Herrn zu sorgen , bis Bernhard von Leuen von der Ankunft seines Bruders benachrichtigt werden konnte . Der alte Kammerdiener Giovanno eilte sobald als möglich seiner schönen Heimath wieder zu , ohne auf Alberts Bitten zu achten , denn es schien dem verwöhnten Südländer unmöglich , zwischen den hohen , Waldbewachsnen Bergen länger zu verweilen , in deren Mitte Schloß Leuenstein auf einer bedeutenden Anhöhe lag . Albert war nun mit einemmale von allen seinen gewohnten Umgebungen getrennt , ohne auch nur den kleinsten Ersatz für diese gefunden zu haben . Die so lange ersehnte Freiheit , welche ihm jetzt im vollsten Maaße zutheil geworden war , beängstigte den klösterlich erzogenen Jüngling statt ihn zu erfreuen , und ihm war ungefähr so zu Muthe , wie es einem Kanarienvogel seyn mag , der dem Käfig , in dem er aufwuchs , unbedachtsam entschlüpfte , und nun wie verloren mit ungeübtem Flügelschlage über Wiesen und Gärten ängstlich flattert . Die Welt kam ihm so weit und so unheimlich vor , daß er einige Tage dazu brauchte , ehe er nur zu dem Entschlusse kommen konnte , das Schloß zu verlassen und einsame Wanderungen in den romantisch schönen Umgebungen desselben anzustellen . Der Anblick der freien Natur , den er früher beinah nie genossen hatte , verfehlte indessen nicht , auf ihn den tiefsten Eindruck zu machen ; er befreundete sich gar bald mit ihr , denn in ihr fand er zuerst seine Dichter wieder , und seine frische Jugendphantasie wußte beide zu einem entzückenden Ganzen zu vereinen . Liebeglühend drückte Albert Bäume und Blumen an seiner mit süßer , namenloser Wehmuth erfüllten Brust , ward nicht müde die Nympfe Echo zu wecken , rief der Dryas , ihm aus den Wipfeln ihrer hohen Buchen nur einmal zu erscheinen , und trieb dieses phantastische Spiel bis die sinkende Nacht ihn zwischen die alten dunkeln Mauern seiner väterlichen Burg wieder zurückbannte . In ziemlich weiter Entfernung von dieser war er eines Morgens nicht lange nach seiner Ankunft , seinen Virgil in der Hand , auf einem ihm noch unbekannten Pfad gerathen , der zwischen hohen Gesträuchen am Saume eines , von einem kleinen See begränzten Waldes hinführte , als ein ängstliches Rufen um Hülfe ihn plötzlich aus seinen wachen Träumen aufschreckte . Es schien vom See herzukommen , Albert theilte blitzschnell das diesen ihm verbergende Gesträuch , um an das Ufer zu gelangen , und stand im nächsten Momente geblendet vor einer Göttererscheinung . Galathea mit ihren Gespielinnen ! war sein erster Gedanke , als er vier schöne junge Mädchen kaum zwanzig Schritte vom Ufer in einem kleinen Kahne sitzen sah . Doch bald ward er von ihrer irrdischen Natur überzeugt , denn so wie sie seiner ansichtig wurden , streckten sie alle unter ängstlichen Klagetönen die runden weißen Arme ihm entgegen . Ihnen war das Ruder entglitten , das sie ohnehin schwerlich zu führen wußten . Die armen Kinder glaubten wegen einer nicht weit davon liegenden Mühle sich in der dringendsten Todesgefahr zu befinden , obgleich der spiegelhelle , von keinem Lüftchen gekräuselte See gerade an dieser Stelle sehr flach war , und der Kahn eigentlich auf dem Sande schon fest saß . Albert hatte zwar noch nie Gelegenheit gehabt , den Umfang seiner physischen Kräfte kennen zu lernen , oder sich durch Behendigkeit und Besonnenheit aus irgend einer Verlegenheit zu ziehen , aber er bedachte sich dennoch keinen Augenblick , sich muthig den Fluthen anzuvertrauen , die ihm kaum bis über die Fußknöchel reichten . Dann ergriff er einen hinter dem Kahn herschwimmenden Strick , der inwendig befestigt , diesen am Ufer anzubinden wahrscheinlich gedient hatte , und zog das Fahrzeug sammt seiner reizenden Last etwas näher ans Land ; endlich suchte er große Steine zusammen , um den schönen Kindern eine Brücke zu bauen , und so gelang es seinem Bemühen , sie alle ziemlich trocknen Fußes ans Land zu bringen . Kaum fühlten sie festen Boden unter sich , so begannen die vier Mädchen alle zugleich , ihrem Erretter mit vielem Wortaufwande und großem Eifer ihre Dankbarkeit bezeigen zu wollen , doch leider verstand Albert keine Silbe von dem was sie sagten und er hätte dieses auch nicht gekonnt , selbst wenn er der deutschen Sprache vollkommen mächtig gewesen wäre , denn seine Seele , alle seine Sinne waren in seinen dunkel flammenden Augen , und von der Hand aus , die zum erstenmal in seinem Leben eine Mädchenhand berührt hatte , strömte ein nie gekanntes verzehrendes Feuer durch sein ganzes Wesen hin . Erglühend und erbleichend stammelte er einige italienische Worte und verging fast in unerwartetem Entzücken , als Luise , die jüngste unter den vier Schwestern , ihm in der nämlichen Sprache antwortete . Zum erstenmal , seit der alte Giovanno ihn verlassen hatte , trafen die süßen gewohnten Töne wieder sein Ohr und von Lippen , die selbst der fehlerhaften Aussprache einen ganz eigenthümlichen Reiz zu verleihen wußten . Auch die übrigen Mädchen suchten nun in der Geschwindigkeit das wenige Italienische zusammen , das sie hauptsächlich aus Opernarien erlernt hatten , um mit dem schönen schwarzgelockten Jüngling eine Art von Konversation anzuknüpfen . Albert befand sich wie im Traume ; so vielem Zauber vermochte er nicht zu widerstehen , um so weniger , da es ihm gar nicht einmal in den Sinn kam , dieses zu wollen . Entzückt , betäubt , kaum seiner selbst sich bewußt , wandelte er an Luisens Seite durch die schattigen Sternalleen des parkähnlich ausgehauenen Waldes und stand , ehe er sich dessen versah , vor einer zahlreichen , unter den Säulen eines sehr schönen modernen Landhauses versammelten Gesellschaft . Scheu wie ein Reh , wäre er gern zurück in das Gebüsch geflohen , aber da war an kein Entrinnen zu denken . Die Mädchen hatten unterwegs seinen Namen von ihm erforscht und stellten ihn unter diesem ihren Eltern vor , indem sie zugleich recht ausführlich die große Gefahr , aus welcher der junge Fremde sie errettet hatte , erzählten , solche bis zum Schauderhaften vergrößerten und nicht unterließen , Alberts bei dieser Gelegenheit bewiesenen Heldenmuth bis in die Wolken zu erheben . Dies mußte einigen der Anwesenden ein leichtes sarkastisches Lächeln entlocken , denn der sehr verlegene Held dieser großen Begebenheit stand , trotz der überstandenen Wassersnoth , in vollkommen trockner Kleidung da . Baron Steinau und seine Gemalin , die Eigenthümer des Schlosses , ermangelten indeß nicht , auf die freundlichste Weise von der Welt über die große Verwegenheit ihrer Töchter zu schelten , und deren noch immer verstummenden Erretter mit Danksagungen und Lobsprüchen zu überhäufen , von denen dieser in der Angst seines Herzens keine Silbe verstand . Da Baron Steinau schon früher von Alberts isolirter Lage auf dem jetzt öden Leuenstein gehört hatte , so lud er ihn in sehr fließendem Italienisch und auf die einnehmendste Weise ein , bis zur Ankunft des ältern Herrn von Leuen bei ihm als seinem nächsten Guthsnachbar zu verweilen , und sich ohne allen Zwang als ein Mitglied seiner Familie zu betrachten . Albert hätte aus Mangel an Bekanntschaft mit den Formen des geselligen Lebens gar nicht gewußt , wie er es anfangen könne , um eine solche Einladung von sich zu weisen , selbst wenn er dazu geneigt gewesen wäre , aber er begriff schon jetzt gar nicht mehr die Möglichkeit zu leben , ohne die holde Luise zu sehen . Tief erröthend verbeugte er sich vor dem Baron , ohne weiter ein Wort hervorbringen zu können , und so wurden von dieser Stunde an seine Umgebungen , sein Empfinden , seine Gedanken , ja sein ganzes Leben auf eine Weise umgestaltet , die ihm selbst bis zum Unglaublichen wunderbar geschienen hätte , wenn es ihm nur möglich gewesen wäre , auf einen einzigen Augenblick aus dem ewigen Freudentaumel , in welchem er schwebte , zur Rückkehr in sich selbst zu erwachen . Das Haus des Barons Steinau war in der ganzen Umgegend bei weitem das glänzendste auf viele Meilen in der Runde ; die Familie desselben bestand außer den vier Töchtern noch aus zwei Söhnen , von denen der älteste , ein vollkommen für die Welt gebildeter junger Mann , mit Albert in gleichem Alter war . Auch der verlobte Bräutigam der ältesten Tochter war zugegen , und nächstdem vergrößerten noch mehrere für den ganzen Sommer eingeladene Gäste beiderlei Geschlechts die Gesellschaft . Die Unterhaltung , in welcher der feinste gesellige Ton vorherrschte , wurde gewöhnlich in französischer Sprache geführt , in welcher auch Albert sich auszudrücken verstand , doch sprachen Mehrere in dem Zirkel seine Muttersprache und die Töchter des Hauses , vor allen Luise , beeiferten sich , ihm deutsch zu lehren , wobei er im kurzen die auffallendsten Fortschritte machte . Alle , vom Herrn des Hauses , bis zum geringsten der Diener begegneten ihm mit der größten Aufmerksamkeit , jedes Mitglied der Gesellschaft suchte auf das freundlichste , seinem Mangel an geselliger Gewandheit zu Hülfe zu kommen . Die ältern Herrn und Damen nannten ihn lächelnd l ' Ingénu , und die anmuthige Naivetät mit welcher der Jüngling in die ihm so neue Welt hinein sah , flößte ihrer Seltenheit wegen Allen ein gewisses Interesse für ihn ein , und machte Jedermann ihm geneigt . So von Allen begünstigt , so freundlich angezogen von allen Seiten , lebte und athmete Albert doch nur in Luisens Gegenwart allein . Der Funke der glühendsten Leidenschaft , den ihr erster Anblick in seinem Gemüthe geweckt hatte , schlug bald zur hell lodernden , nicht mehr zu erstickenden Flamme auf . Alles um ihn her trug bei , sie zu nähren und zu vergrößern , besonders der ihm ganz neue Anblick des traulichen Verhältnisses zwischen Konstanzen , der ältesten Schwester , und ihrem verlobten Bräutigam . Die mächtige Leidenschaft , die aus Alberts Augen blitzte , in jeder seiner Handlungen , jedem seiner Worte unverkennbar sich aussprach , konnte nicht verfehlen , auf das junge Herz der kaum funfzehnjährigen Luise den tiefsten Eindruck zu machen und bald war sie selbst überzeugt , nicht minder heftig zu lieben , als sie geliebt wurde . Ihre Eltern , denen dieses unter ihren Augen sich entspinnende Verhältniß unmöglich entgehen konnte , thaten ihrerseits wenigstens keinen Schritt , um störend dazwischen zu treten . Sie wußten wenig mehr von Alberts persönlicher Lage , als daß es der jüngere Bruder sey und alles , was der allgemeine Ruf von dem ältern verkündete , bestärkte sie in der Hoffnung , daß dieser sich gewiß geneigt finden lassen würde , Alberts Glück auf jede Weise zu fördern . Da sie sich überdem die innere Zerrüttung ihres Vermögens nicht füglich länger selbst verbergen konnten , die mit einer Lebensweise entstanden war , welche die Kräfte ihres Vermögens weit überstieg , so mußte jede Aussicht zur Versorgung einer ihrer Töchter ihnen unter diesen Umständen doppelt willkommen seyn . Nach mehreren Wochen , welche Albert im gastlichen Hause des Barons Steinau verlebt hatte , langte endlich Bernhard , gleich nach seiner Flucht von der verkannten Geliebten auf Leuenstein an , ohne eine Ahnung von des Bruders Nähe zu haben ; denn sowohl die Briefe aus Rom , welche Alberten anmelden sollten , als die Boten , welche von dem Justiziar zu Leuenstein ausgeschickt worden waren , hatten durch ein eigenes Zusammentreffen mehrerer Zufälligkeiten ihn verfehlt . Bernhards sehr trübe Stimmung erlaubte ihm nicht , Alberten persönlich in dem ihm ganz fremden Kreise des Barons Steinau aufzusuchen ; er begnügte sich , ihm seinen Wagen zu schicken um ihn zu sich holen zu lassen , und dieses war für den armen Albert ein allerdings sehr günstiger Zufall . Denn die Verzweiflung , mit welcher dieser die früher sehnlichst herbei gewünschte Nachricht von der Ankunft seines Bruders so anhörte , als würde sein eigenes Todesurtheil ihm verkündet , hätte gewiß auf Bernhards , damals ohnehin sehr hart verletztes Gemüth , den traurigsten Eindruck machen müssen . Bleich , zitternd , verstummend im tiefsten Schmerz bestieg Albert endlich den Wagen , und sein Zustand während der kurzen Fahrt war in der That bedauernswürdig zu nennen . Doch seine Quaal stieg bis zum Unerträglichen als er auf Leuenstein angelangt war , und nun den Blick fest an den Boden geheftet , vor dem hohen edlen Manne stand , dem er angehörte , ohne ihn je gesehen oder auch nur seine Persönlichkeit sich deutlich gedacht zu haben . Er fühlte sich erdrückt von Bernhards Nähe , welche das Ende seines kurzen Glücks ihm verkündete ; er konnte nicht reden , kaum athmen , und es bedurfte aller der milden Ueberredungskraft , die Bernhard in so hohem Grade besaß , um den fast Vernichteten anfangs nur einiges Vertrauen einzuflößen . Doch dieses wuchs von Minute zu Minute , sobald Albert es nur einmal über sich gewann , die Augen zu dem Bruder aufzuschlagen , der mit unendlicher Liebe und Milde im Blick und Herzen , ihm mit offenen Armen gegenüber stand , und der Brust voll eigener Quaalen vergaß , über dem Bemühen den Zagenden aufzurichten . Mit überströmenden Augen warf Albert sich jetzt in diese Arme , an diese Brust , und das Geständniß seiner hoffnungslosen Leiden , seiner Verzweiflung , ergoß sich unaufhaltsam über seine Lippen mit jener Gewalt der hinreißendsten Beredsamkeit , die unwiderstehlich das Herz trifft , weil sie tief und wahr aus dem Herzen kommt . Nie konnte Bernhards Gemüth einem Bekenntnisse dieser Art empfänglicher seyn , als gerade in diesem Augenblick , wo alle Hoffnung auf eigenes Lebensglück ihm verschwunden war . Alberts und Luisens traurige Lage erregte sein inniges Mitgegefühl und forderte ihn unwiderstehlich zur Errettung des in der Blüthe der Jugend hoffnungslos untergehenden Paares auf . Was er nach einigen Tagen reiflicher Ueberlegung zu diesem Zwecke mit der edelsten Aufopferung seiner selbst beschloß , ist dem Leser bekannt , und daß nicht bloßes , in Schwäche ausartendes Mitleid zu diesem Entschlusse ihn bewog , daß andre sehr ernste Ansichten dabei mit vorwalteten , beweist sein oben angeführtes Schreiben aus Maltha . Alberts reines Gemüth , sein vielseitig , wenn gleich noch nicht für das praktische Leben gebildeter Geist , wurden bald mit hoher Freude von seinem Bruder anerkannt ; Bernhard benutzte jede Stunde , um , so viel es die Kürze der Zeit erlaubte , seinen Albert zu den Geschäften vorzubereiten , welche künftig ihm obliegen würden ; diesen hingegen hob der innigste Wunsch , dem edlen Bruder seine Dankbarkeit auszudrücken , weit über sich selbst empor und verlieh