sie Incompletae nennen ; man kann eben auch sagen , daß es inkomplette , unvollständige Menschen gibt . Es sind diejenigen , deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist . Der geringste Mensch kann komplett sein , wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt ; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt , aufgehoben und vernichtet , wenn jenes unerläßlich geforderte Ebenmaß abgeht . Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch öfter hervortun ; denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart , und zwar in schnellster Bewegung genugtun können ? Nur klugtätige Menschen , die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß und Gescheidigkeit benutzen , werden es im Weltwesen weit bringen . Ein großer Fehler : daß man sich mehr dünkt , als man ist , und sich weniger schätzt , als man wert ist . Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling , an dem ich nichts verändert noch gebessert wünschte ; nur macht mir bange , daß ich manchen vollkommen geeignet sehe , im Zeitstrom mit fortzuschwimmen , und hier ist ' s , wo ich immerfort aufmerksam machen möchte : daß dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist , damit er nicht der Willkür der Wellen , sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste . Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen , dasjenige für tadelnswert und schädlich anzusehen , was jedermann treibt , billigt und fördert ? Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen ? Für das größte Unheil unserer Zeit , die nichts reif werden läßt , muß ich halten , daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist , den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt , ohne irgend etwas vor sich zu bringen . Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten ! ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interkalieren . Dadurch wird alles , was ein jeder tut , treibt , dichtet , ja was er vorhat , ins Öffentliche geschleppt . Niemand darf sich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der übrigen ; und so springt ' s von Haus zu Haus , von Stadt zu Stadt , von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil , alles veloziferisch . So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind , so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich ; die Lebhaftigkeit des Handels , das Durchrauschen des Papiergelds , das Anschwellen der Schulden , um Schulden zu bezahlen , das alles sind die ungeheuern Elemente , auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist . Wohl ihm , wenn er von der Natur mit mäßigem , ruhigem Sinn begabt ist , um weder unverhältnismäßige Forderungen an die Welt zu machen noch auch von ihr sich bestimmen zu lassen . Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist ; und nichts ist nötiger , als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen , wohin sein Wille zu steuern hat . Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst mit den Jahren ; und wen ich länger um mich sehe , den suche ich immerfort aufmerksam zu machen , welch ein Unterschied stattfinde zwischen Aufrichtigkeit , Vertrauen und Indiskretion , ja daß eigentlich kein Unterschied sei , vielmehr nur ein leiser Übergang vom Unverfänglichsten zum Schädlichsten , welcher bemerkt oder vielmehr empfunden werden müsse . Hierauf haben wir unsern Takt zu üben , sonst laufen wir Gefahr , auf dem Wege , worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben , sie ganz unversehens wieder zu verscherzen . Das begreift man wohl im Laufe des Lebens von selbst , aber erst nach bezahltem teurem Lehrgelde , das man leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann . Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach Verhältnis der Stufen , worauf sie stehen , nach Beschaffenheit der Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden ; deswegen auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann . Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände , sie seien nun ganz roh , halbkultiviert , oder bei Abänderung einer Kultur , beim Gewahrwerden einer fremden Kultur , daß man also sagen kann , die Wirkung der Neuheit findet durchaus statt . Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit , ja vielmehr je älter sie ist , je gewohnter man sie ist , desto mehr wirkt sie . Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten , weil sie keinen Stoff hat , der abgerechnet werden müßte . Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles , was sie ausdrückt . Die Musik ist heilig oder profan . Das Heilige ist ihrer Würde ganz gemäß , und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben , welche sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt . Die profane sollte durchaus heiter sein . Eine Musik , die den heiligen und profanen Charakter vermischt , ist gottlos , und eine halbschürige , welche schwache , jammervolle , erbärmliche Empfindungen auszudrücken Belieben findet , ist abgeschmackt . Denn sie ist nicht ernst genug , um heilig zu sein , und es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten : die Heiterkeit . Die Heiligkeit der Kirchenmusiken , das Heitere und Neckische der Volksmelodien sind die beiden Angeln , um die sich die wahre Musik herumdreht . Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung : Andacht oder Tanz . Die Vermischung macht irre , die Verschwächung wird fade , und will die Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden , so wird sie kalt . Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe ; alles Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren , aber alle mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre , als daß sie erfreuen . Die Bildhauerkunst muß sich daher noch ein stoffartiges Interesse suchen , und das findet sie in den Bildnissen bedeutender Menschen . Aber auch hier muß sie schon einen hohen Grad erreichen , wenn sie zugleich wahr und würdig sein will . Die Malerei ist die läßlichste und bequemste von allen Künsten . Die läßlichste , weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen , auch da , wo sie nur Handwerk oder kaum eine Kunst ist , vieles zugute hält und sich an ihr erfreut ; teils weil eine technische obgleich geistlose Ausführung den Ungebildeten wie den Gebildeten in Verwunderung setzt , so daß sie sich also nur einigermaßen zur Kunst zu steigern braucht , um in einem höheren Grade willkommen zu sein . Wahrheit in Farben , Oberflächen , in Beziehungen der sichtbaren Gegenstände aufeinander ist schon angenehm ; und da das Auge ohnehin gewohnt ist , alles zu sehen , so ist ihm eine Mißgestalt und also auch ein Mißbild nicht so zuwider als dem Ohr ein Mißton . Man läßt die schlechteste Abbildung gelten , weil man noch schlechtere Gegenstände zu sehen gewohnt ist . Der Maler darf also nur einigermaßen Künstler sein , so findet er schon ein größeres Publikum als der Musiker , der auf gleichem Grade stünde ; wenigstens kann der geringere Maler immer für sich operieren , anstatt daß der mindere Musiker sich mit anderen soziieren muß , um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun . Die Frage : ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen solle oder nicht , möchten wir folgendermaßen beantworten : Der ausgebildete Kenner soll vergleichen ; denn ihm schwebt die Idee vor , er hat den Begriff gefaßt , was geleistet werden könne und solle ; der Liebhaber , auf dem Wege zur Bildung begriffen , fördert sich am besten , wenn er nicht vergleicht , sondern jedes Verdienst einzeln betrachtet ; dadurch bildet sich Gefühl und Sinn für das Allgemeinere nach und nach aus . Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur eine Bequemlichkeit , die sich gern des Urteils überheben möchte . Wahrheitsliebe zeigt sich darin , daß man überall das Gute zu finden und zu schätzen weiß . Ein historisches Menschengefühl heißt ein dergestalt gebildetes , daß es bei Schätzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt . Das Beste , was wir von der Geschichte haben , ist der Enthusiasmus , den sie erregt . Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor . Man muß bedenken , da unter den Menschen gar viele sind , die doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen , ohne produktiv zu sein , und da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag . Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand . Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll , so muß sie positiv ausgesprochen werden ; Problematisches hab ' ich in mir selbst genug . Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich , wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt , in die wunderlichsten Ecken und Winkel , von wo er auf einmal , wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt , wieder hervortritt . Wir würden gar vieles besser kennen , wenn wir es nicht zu genau erkennen wollten . Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von fünfundvierzig Graden erst faßlich . Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn . Ich schweige zu vielem still , denn ich mag die Menschen nicht irremachen und bin wohl zufrieden , wenn sie sich freuen da wo ich mich ärgere . Alles , was unsern Geist befreit , ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben , ist verderblich . Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das Wie ; jenes können sie einzeln ergreifen , dieses im ganzen nicht fassen . Daher kommt das Herausheben von Stellen , wobei zuletzt , wenn man wohl aufmerkt , die Wirkung der Totalität auch nicht ausbleibt , aber jedem unbewußt . Die Frage : woher hat ' s der Dichter ? geht auch nur aufs Was , vom Wie erfährt dabei niemand etwas . Einbildungskraft wird nur durch Kunst , besonders durch Poesie geregelt . Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack . Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle , ein subjektiviertes Ideelle ; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht . Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des Geschrieben-Überlieferten . Ein Manuskript liegt zum Grunde , es finden sich in demselben wirkliche Lücken , Schreibfehler , die eine Lücke im Sinne machen , und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag . Nun findet sich eine zweite Abschrift , eine dritte ; die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr , das Verständige und Vernünftige der Überlieferung gewahr zu werden . Ja er geht weiter und verlangt von seinem innern Sinn , daß derselbe ohne äußere Hülfsmittel die Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen wisse . Weil nun hiezu ein besondrer Takt , eine besondre Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor nötig und ein gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird , so kann man dem Philologen nicht verdenken , wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssachen zutraut , welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird . Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung . Das Höchste derselben ist , wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert , d.h. wenn ihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind , daß sie als gegenwärtig für jedermann gelten können . Auf ihrem höchsten Gipfel scheint die Poesie ganz äußerlich ; je mehr sie sich ins Innere zurückzieht , ist sie auf dem Wege zu sinken . - Diejenige , die nur das Innere darstellt , ohne es durch ein Äußeres zu verkörpern , oder ohne das Äußere durch das Innere durchfühlen zu lassen , sind beides die letzten Stufen , von welchen aus sie ins gemeine Leben hineintritt . Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie , auf alle ihre Rechte ; sie bemächtigt sich derselben und mißbraucht sie , um gewisse äußere , sittliche oder unsittliche , augenblickliche Vorteile im bürgerlichen Leben zu erreichen . Literatur ist das Fragment der Fragmente ; das wenigste dessen , was geschah und gesprochen worden , ward geschrieben , vom Geschriebenen ist das wenigste übriggeblieben . In natürlicher Wahrheit und Großheit , obgleich wild und unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron , und deswegen kaum ein anderes ihm vergleichbar . Eigentlichster Wert der sogenannten Volkslieder ist der , daß ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind . Dieses Vorteils aber könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen , wenn er es verstünde . Hiebei aber haben jene immer das voraus , daß natürliche Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete . Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen ; er nötigt sie , ihn zu reproduzieren , und sie bilden sich ein , sich selbst zu produzieren . Über Geschichte kann niemand urteilen , als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat . So geht es ganzen Nationen . Die Deutschen können erst über Literatur urteilen , seitdem sie selbst eine Literatur haben . Man ist nur eigentlich lebendig , wenn man sich des Wohlwollens andrer freut . Frömmigkeit ist kein Zweck , sondern ein Mittel , um durch die reinste Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen . Deswegen läßt sich bemerken , daß diejenigen , welche Frömmigkeit als Zweck und Ziel aufstecken , meistens Heuchler werden . » Wenn man alt ist , muß man mehr tun , als da man jung war . « Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld , weil man sich nie ganz genug getan . Die Mängel erkennt nur der Lieblose ; deshalb , um sie einzusehen , muß man auch lieblos werden , aber nicht mehr , als hiezu nötig ist . Das höchste Glück ist das , welches unsere Mängel verbessert und unsere Fehler ausgleicht . Kannst du lesen , so sollst du verstehen ; kannst du schreiben , so mußt du etwas wissen ; kannst du glauben , so sollst du begreifen ; wenn du begehrst , wirst du sollen ; wenn du forderst , wirst du nicht erlangen ; und wenn du erfahren bist , sollst du nutzen . Man erkennt niemand an als den , der uns nutzt . Wir erkennen den Fürsten an , weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen . Wir gewärtigen uns von ihm Schutz gegen äußere und innere widerwärtige Verhältnisse . Der Bach ist dem Müller befreundet , dem er nutzt , und er stürzt gern über die Räder ; was hilft es ihm , gleichgültig durchs Tal hinzuschleichen . Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt , der hat Wahres genug . Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne . Die Theorie an und für sich ist nichts nütze , als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht . Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genähert , und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion . Wer zuviel verlangt , wer sich am Verwickelten erfreut , der ist den Verwirrungen ausgesetzt . Nach Analogien denken ist nicht zu schelten ; die Analogie hat den Vorteil , daß sie nicht abschließt und eigentlich nichts Letztes will ; dagegen die Induktion verderblich ist , die einen vorgesetzten Zweck im Auge trägt und , auf denselben losarbeitend , Falsches und Wahres mit sich fortreißt . Gewöhnliches Anschauen , richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes . - Reines Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten . Es äußert sich jenes im praktischen Sinn , im unmittelbaren Handeln ; dieses symbolisch , vorzüglich durch Mathematik , in Zahlen und Formeln , durch Rede , uranfänglich , tropisch , als Poesie des Genies , als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes . Das Abwesende wirkt auf uns durch Überlieferung . Die gewöhnliche ist historisch zu nennen ; eine höhere , der Einbildungskraft verwandte ist mythisch . Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes , irgendeine Bedeutung , so verwandelt sie sich in Mystik . Auch wird sie leicht sentimental , so daß wir uns nur , was gemütlich ist , aneignen . Die Wirksamkeiten , auf die wir achten müssen , wenn wir wahrhaft gefördert sein wollen , sind : vorbereitende , begleitende , mitwirkende , nachhelfende , fördernde , verstärkende , hindernde , nachwirkende . Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem Unzugänglichen zu unterscheiden ; ohne dies läßt sich im Leben wie im Wissen wenig leisten . » Le sens commun est le Génie de l ' humanité . « Der Gemeinverstand , der als Genie der Menschheit gelten soll , muß vorerst in seinen Äußerungen betrachtet werden . Forschen wir , wozu ihn die Menschheit benutzt , so finden wir folgendes : Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse . Sind diese nicht befriedigt , so erweist sie sich ungeduldig ; sind sie befriedigt , so erscheint sie gleichgültig . Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zuständen ; und seinen Verstand , den sogenannten Menschenverstand , wird er anwenden , seine Bedürfnisse zu befriedigen ; ist es geschehen , so hat er die Aufgabe , die Räume der Gleichgültigkeit auszufüllen . Beschränkt sich dieses in die nächsten und notwendigsten Grenzen , so gelingt es ihm auch . Erheben sich aber die Bedürfnisse , treten sie aus dem Kreise des Gemeinen heraus , so ist der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend , er ist kein Genius mehr , die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan . Es geschieht nichts Unvernünftiges , das nicht Verstand oder Zufall wieder in die Richte brächten ; nichts Vernünftiges , das Unverstand und Zufall nicht mißleiten könnten . Jede große Idee , sobald sie in die Erscheinung tritt , wirkt tyrannisch ; daher die Vorteile , die sie hervorbringt , sich nur allzubald in Nachteile verwandeln . Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rühmen , wenn man an ihre Anfänge erinnert und darzutun weiß , daß alles , was von ihr im Anfange gegolten , auch jetzt noch gelte . Lessing , der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte , läßt eine seiner Personen sagen : Niemand muß müssen . Ein geistreicher frohgesinnter Mann sagte : Wer will , der muß . Ein dritter , freilich ein Gebildeter , fügte hinzu : Wer einsieht , der will auch . Und so glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens , Wollens und Müssens abgeschlossen zu haben . Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen , von welcher Art sie auch sei , sein Tun und Lassen ; deswegen auch nichts schrecklicher ist , als die Unwissenheit handeln zu sehen . Es gibt zwei friedliche Gewalten : das Recht und die Schicklichkeit . Das Recht dringt auf Schuldigkeit , die Polizei aufs Geziemende . Das Recht ist abwägend und entscheidend , die Polizei überschauend und gebietend . Das Recht bezieht sich auf den Einzelnen , die Polizei auf die Gesamtheit . Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge , in der die Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen . Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht gehörig sprechen , wenn man die Metaphysik nicht zu Hülfe ruft ; aber nicht jene Schul-und Wortweisheit ; es ist dasjenige , was vor , mit und nach der Physik war , ist und sein wird . Autorität , daß nämlich etwas schon einmal geschehen , gesagt oder entschieden worden sei , hat großen Wert ; aber nur der Pedant fordert überall Autorität . Altes Fundament ehrt man , darf aber das Recht nicht aufgeben , irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen . Beharre , wo du stehst ! - Maxime , notwendiger als je , indem einerseits die Menschen in große Parteien gerissen werden ; sodann aber auch jeder Einzelne nach individueller Einsicht und Vermögen sich geltend machen will . Man tut immer besser , daß man sich grad ausspricht , wie man denkt , ohne viel beweisen zu wollen : denn alle Beweise , die wir vorbringen , sind doch nur Variationen unserer Meinungen , und die Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere . Da ich mit der Naturwissenschaft , wie sie sich von Tag zu Tage vorwärts bewegt , immer mehr bekannt und verwandt werde , so dringt sich mir gar manche Betrachtung auf : über die Vor- und Rückschritte , die zu gleicher Zeit geschehen . Eines nur sei hier ausgesprochen : daß wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht loswerden . Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis . Einen Irrtum nenn ' ich , wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt , falsch angeknüpft , falsch abgeleitet wird . Nun ereignet sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens , daß eine Erscheinung folgerecht angeknüpft , richtig abgeleitet wird . Das läßt man sich wohl gefallen , legt aber keinen besondern Wert darauf und läßt den Irrtum ganz ruhig daneben liegen ; und ich kenne ein kleines Magazin von Irrtümern , die man sorgfältig aufbewahrt . Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung , so sieht jedermann , der eine Meinung vorträgt , sich rechts und links nach Hülfsmitteln um , damit er sich und andere bestärken möge . Des Wahren bedient man sich solange es brauchbar ist ; aber leidenschaftlich-rhetorisch ergreift man das Falsche , sobald man es für den Augenblick nutzen , damit als einem Halbargumente blenden , als mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann . Dieses zu erfahren , war mir erst ein Ärgernis , dann betrübte ich mich darüber , und nun macht es mir Schadenfreude . Ich habe mir das Wort gegeben , ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken . Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden ; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft . Folgt man der Analogie zu sehr , so fällt alles identisch zusammen ; meidet man sie , so zerstreut sich alles ins Unendliche . In beiden Fällen stagniert die Betrachtung , einmal als überlebendig , das andere Mal als getötet . Die Vernunft ist auf das Werdende , der Verstand auf das Gewordene angewiesen ; jene bekümmert sich nicht : wozu ? dieser fragt nicht : woher ? - Sie erfreut sich am Entwickeln ; er wünscht alles festzuhalten , damit er es nutzen könne . Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst verwebt : daß ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht genügt ; da doch jede Erscheinung , die wir selbst gewahr werden , im Augenblick das Nächste ist und wir von ihr fordern können , daß sie sich selbst erkläre , wenn wir kräftig in sie dringen . Das werden aber die Menschen nicht lernen , weil es gegen ihre Natur ist ; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen können , wenn sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben , es nicht nur mit dem Nächsten , sondern auch mit dem Weitesten und Fernsten zusammenzuhängen , woraus denn Irrtum über Irrtum entspringt . Das nahe Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen , daß sich alles auf wenige große Gesetze bezieht , die sich überall manifestieren . Was ist das Allgemeine ? Der einzelne Fall . Was ist das Besondere ? Millionen Fälle . Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten : einmal sich dem Witz hinzugeben , wo sie in nichts zerfließt ; die andere , sich mit Tropen und Gleichnissen zu umhüllen , welches jedoch weniger schädlich ist . Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden . Lasse man diese den Poeten , die berufen sind , sie zu Nutz und Freude der Welt zu behandeln . Der wissenschaftliche Mann beschränke sich auf die nächste , klarste Gegenwart . Wollte derselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten , so sei ihm jenes auch nicht verwehrt . Um mich zu retten , betrachte ich alle Erscheinungen als unabhängig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren ; dann betrachte ich sie als Korrelate , und sie verbinden sich zu einem entschiedenen Leben . Dies bezieh ' ich vorzüglich auf Natur ; aber auch in bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese Betrachtungsweise fruchtbar . Alles , was wir Erfinden , Entdecken im höheren Sinne nennen , ist die bedeutende Ausübung , Betätigung eines originalen Wahrheitsgefühles , das , im stillen längst ausgebildet , unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt . Es ist eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offenbarung , die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen läßt . Es ist eine Synthese von Welt und Geist , welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt . Der Mensch muß bei dem Glauben verharren , daß das Unbegreifliche begreiflich sei ; er würde sonst nicht forschen . Begreiflich ist jedes Besondere , das sich auf irgendeine Weise anwenden läßt . Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nützlich werden . Es gibt eine zarte Empirie , die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird . Diese Steigerung des geistigen Vermögens aber gehört einer hochgebildeten Zeit an . Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Theoristen ; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert , ihre Hypothesen abstrus und wunderlich . Es gibt Pedanten , die zugleich Schelme sind , und das sind die allerschlimmsten . Um zu begreifen , daß der Himmel überall blau ist , braucht man nicht um die Welt zu reisen . Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen ; das Besondere ist das Allgemeine , unter verschiedenen Bedingungen erscheinend . Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben ; willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen , so denke , daß du es nun mit dreien zu tun hast : mit dem Gegenstand und zwei Subjekten . Grundeigenschaft der lebendigen Einheit : sich zu trennen , sich zu vereinen , sich ins Allgemeine zu ergehen , im Besondern zu verharren , sich zu verwandeln , sich zu spezifizieren und , wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag , hervorzutreten und zu verschwinden , zu solideszieren und zu schmelzen , zu erstarren und zu fließen , sich auszudehnen und sich zusammenzuziehen . Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen , so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten . Entstehen und Vergehen , Schaffen und Vernichten , Geburt und Tod , Freud und Leid , alles wirkt durcheinander , in gleichem Sinn und gleicher Maße , deswegen denn auch das Besonderste , das sich ereignet , immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt . Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden , so folgt auch , daß die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald trennen , bald verbinden werden . Als getrennt muß sich darstellen : Physik von Mathematik . Jene muß in einer entschiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen liebenden , verehrenden , frommen Kräften in die Natur und das heilige Leben derselben einzudringen suchen , ganz unbekümmert , was die Mathematik von ihrer Seite leistet und tut . Diese muß sich dagegen unabhängig von allem Äußern erklären , ihren eigenen großen Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden , als es geschehen kann , wenn sie wie bisher sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet . In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so gut als im Sittlichen ; nur bedenke man , daß man dadurch nicht am Ende , sondern erst am Anfang ist . Das Höchste wäre , zu begreifen , daß alles Faktische schon Theorie ist . Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik . Man suche nur nichts hinter den Phänomenen ; sie selbst sind die Lehre . In den Wissenschaften ist viel Gewisses , sobald man sich von den Ausnahmen nicht irremachen läßt und die Probleme zu ehren weiß . Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige , so ist es doch auch nur Resignation ; aber es bleibt ein großer Unterschied , ob ich mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums . Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht , so erstaunt man über die Gabe des Bemerkens und für was alles die Griechen Augen gehabt haben . Nur begehen sie den Fehler der Übereilung , da sie von dem Phänomen unmittelbar zur Erklärung schreiten , wodurch denn ganz unzulängliche theoretische Aussprüche zum Vorschein kommen . Dieses ist jedoch der allgemeine Fehler , der noch heutzutage begangen wird . Hypothesen sind Wiegenlieder , womit der Lehrer seine Schüler einlullt ; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine Beschränkung kennen , er sieht : je weiter sich das Wissen ausbreitet , desto mehr Probleme kommen zum Vorschein . Unser Fehler besteht darin , daß wir am Gewissen zweifeln und das Ungewisse fixieren möchten . Meine Maxime bei der Naturforschung ist : das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen . Läßliche Hypothese nenn ' ich eine solche , die man gleichsam schalkhaft aufstellt , um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu lassen . Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen , wenn er nichts Unnützes lehrte . Das Närrischste ist , daß jeder glaubt überliefern zu müssen , was man gewußt zu haben glaubt . Weil zum didaktischen Vortrag Gewißheit verlangt wird , indem der Schüler nichts Unsicheres überliefert haben will , so darf der Lehrer kein Problem stehenlassen und sich etwa in einiger Entfernung da herumbewegen . Gleich muß etwas bestimmt sein ( » bepaalt « sagt der Holländer ) , und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu besitzen , bis ein anderer die Pfähle wieder ausreißt und sogleich enger oder weiter abermals wieder bepfählt .