Dieser Reichtum , der in dem Ganzen herrschte , war aber nicht jener glänzende Prunk , der das Auge blendet , ohne ihm wohlzutun , und der Staunen , aber nicht Wohlbehagen erzeugt . Alles war an seiner rechten Stelle angebracht , nichts wollte prahlerisch die Aufmerksamkeit für sich allein fesseln und die Wirkung des andern zerstören , und so dachte man nicht an die Kostbarkeit dieses , jenes einzelnen Schmucks , sondern fühlte sich von dem Ganzen gemütlich angeregt . Das durchaus Gehörige in der Anordnung brachte diesen gemütlichen Eindruck hervor , und eben das richtig entscheidende Gefühl des Gehörigen möchte wohl das sein , was man guten Geschmack zu nennen pflegt . Das Bequeme , Wohnliche dieser Gemächer des Abts grenzte an das Üppige , ohne in der Tat üppig zu werden , und so durfte es keinen Anstoß geben , daß ein Geistlicher alles dies selbst angeordnet und herbeigeschafft . Der Abt Chrysostomus hatte , als er vor wenigen Jahren nach Kanzheim kam , die abteiliche Wohnung einrichten lassen , wie sie sich jetzt fand , und sein ganzer Charakter , seine ganze Art zu sein sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung , ehe man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung gewahrte . Noch in den vierziger Jahren , groß , wohlgebaut , geistvollen Ausdruck im männlich schönen Antlitz , Anmut und Würde im ganzen Betragen , flößte der Abt jedem , der sich ihm nahte , die Ehrfurcht ein , die sein Stand forderte . Eifriger Kämpfer für die Kirche , rastloser Verfechter der Rechte seines Ordens , seines Klosters , schien er doch nachgiebig und duldsam . Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit war eine Waffe , die er wohl zu führen und damit jeden Widerstand , selbst den der obersten Gewalt , zu besiegen wußte . Durfte man denn auch ahnen , daß hinter einfachen salbungsreichen Worten , die aus dem treusten Herzen zu kommen schienen , sich mönchische Schlauheit verberge , so gewahrte man nur die Gewandtheit eines eminenten Geistes , der in die tiefern Verhältnisse der Kirche eingedrungen . Der Abt war ein Zögling der Propaganda in Rom . - Selbst gar nicht geneigt , den Ansprüchen des Lebens zu entsagen , insofern sie mit geistlicher Sitte und Ordnung verträglich , ließ er seinen zahlreichen Untergebenen alle Freiheit , die sie nur nach ihrem Stande fordern konnten . So kam es denn , daß , während einige dieser , jener Wissenschaft ergeben , in einsamer Zelle studierten , andere lustig umherschwärmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im heitern Gespräch , während einige , zu schwärmerischer Andacht geneigt , fasteten und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet , andere sich es wohl schmecken ließen an der reichbesetzten Tafel und ihre religiösen Übungen auf die Ordensregel beschränkten , während einige die Abtei nicht verlassen mochten , andere sich auf weitere Wege begaben , auch wohl , kam die Zeit heran , das lange Priestergewand vertauschten mit dem kurzen Jägerrock und sich als wackre Weidmänner herumtummelten . Waren nun aber die Neigungen der Brüder verschieden , und durfte jeder der seinigen nachhängen , wie er wollte , so kamen sie alle in der enthusiastischen Vorliebe für die Musik überein . Beinahe ein jeder war ausgebildeter Musiker , und es gab Virtuosen unter ihnen , die der besten fürstlichen Kapelle Ehre gemacht haben würden . Eine reiche Musikaliensammlung , eine Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand , die Kunst zu treiben , wie er wollte , und häufige Aufführungen auserlesener Werke erhielten jeden in praktischer Übung . Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der Abtei einen neuen Schwung . Die Gelehrten schlugen ihre Bücher zu , die Andächtigen kürzten ihre Gebete ab , alle versammelten sich um Kreisler , den sie liebten , und dessen Werke sie hochschätzten wie keine anderen . Der Abt selbst hing ihm an mit inniger Freundschaft , und er sowie alle übrigen beeiferten sich , ihm ihre Achtung , ihre Liebe darzutun , wie sie es nur vermochten . War nun die Gegend , in der die Abtei lag , ein Paradies zu nennen , gewährte das Leben im Kloster die bequemste Behaglichkeit , wozu ein leckrer Tisch und edler Wein , für den der Vater Hilarius sorgte , wohl auch zu rechnen , herrschte unter den Brüdern die gemütliche Heiterkeit , welche von dem Abt selbst ausging , schwamm überdem Kreisler , den die Kunst rastlos beschäftigte , recht in seinem Elemente , so konnt ' es nicht fehlen , daß sein bewegtes Gemüt ruhig wurde wie seit langer Zeit nicht mehr . Selbst der Zorn seines Humors dämpfte sich , er wurde sanft und weich wie ein Kind . Aber noch mehr als das alles , er glaubte an sich selbst , verschwunden war jener gespenstische Doppeltgänger , der emporgekeimt aus den Blutstropfen der zerrissenen Brust . - Irgendwo5 heißt es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler , daß seine Freunde es nicht dahin hätten bringen können , daß er eine Komposition aufgeschrieben , und sei dies wirklich einmal geschehen , so habe er doch das Werk , soviel Freude er auch über das Gelingen geäußert , gleich nachher ins Feuer geworfen . - So mag es sich begeben haben in einer sehr verhängnisvollen Zeit , die dem armen Johannes den rettungslosen Untergang drohte , von der gegenwärtiger Biograph bis jetzt aber nicht recht viel weiß . Jetzt in der Abtei Kanzheim wenigstens hütete sich Kreisler wohl , die Kompositionen zu vernichten , die recht aus seinem Innersten hervorgingen , und seine Stimmung sprach sich in dem Charakter süßer wohltuender Wehmut aus , den seine Werke trugen , statt daß er sonst nur zu oft im mächtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die gewaltigen Geister hinaufbeschwor , die die Furcht , das Entsetzen , alle Qualen hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust . - - Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines Hochamts gehalten , mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden Morgen aufgeführt werden sollte . Die Brüder waren zurückgekehrt in ihre Zellen , Kreisler allein weilte in dem Säulengange und schaute hinaus in die Gegend , die im Schimmer der letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor ihm lag . Da war es ihm , als vernähme er aus weiter Ferne noch einmal sein Werk , das ihm eben lebendig dargestellt von den Brüdern . Als nun aber das Agnus dei kam , da erfaßte ihn aufs neue und stärker die namenlose Wonne jener Augenblicke , in denen ihm dieses Agnus aufgegangen . » Nein , « rief er aus , indem glühende Tränen seine Augen füllten ; » nein ! - ich bin es nicht , du allein ! du mein einziger Gedanke , du mein einziges Sehnen ! « - Wunderbar war es wohl , auf welche Weise Kreisler diesen Satz , in dem der Abt , die Brüder den Ausdruck der brünstigsten Andacht , der himmlischen Liebe selbst fanden , hervorgebracht hatte . Ganz erfüllt von dem Hochamt , das er zu setzen begonnen , aber noch lange nicht vollendet hatte , träumte er in einer Nacht , der Heiligentag , für den die Komposition bestimmt , sei da , das Hochamt eingeläutet , er stehe an dem Pult , die fertige Partitur vor sich , der Abt , selbst Messe lesend , intoniere , und sein Kyrie fange an . - Satz auf Satz folge nun , die Aufführung , gediegen und kraftvoll , überrasche ihn , reiße ihn fort bis zum Agnus dei . Da gewahre er zu seinem Schreck in der Partitur weiße Blätter , keine Note aufgeschrieben , die Brüder schauten ihn , der plötzlich den Taktstock sinken lassen , an , gewärtig , daß er endlich anfangen , daß die Stockung endlich aufhören werde . Aber bleischwer drücke ihn Verlegenheit und Angst nieder , und er könne , ungeachtet er das ganze Agnus fertig in seiner Brust bewahre , nur es nicht herausbringen in die Partitur . Da erschiene aber plötzlich eine holde Engelsgestalt , trete an den Pult , sänge das Agnus mit Tönen des Himmels , und diese Engelsgestalt wäre Julia ! - Im Entzücken hoher Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das Agnus auf , das im seligen Traum ihm aufgegangen . - Und diesen Traum träumte Kreisler nun noch einmal , er vernahm Julias Stimme , höher und höher schlugen die Wellen des Gesanges , als nun der Chor einfiel : » Dona nobis pacem , « er wollte untergehen in dem Meer von tausend seligen Wonnen , das ihn überströmte . Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase , in die er geraten . Es war der Abt , der vor ihm stand und ihn mit Wohlgefallen anblickte . » Nicht wahr , « begann der Abt , » nicht wahr , mein Sohn Johannes , was du tief in deinem Gemüt empfunden , was dir gelang , herrlich und kräftig in das Leben zu rufen , das erfreut jetzt deine ganze Seele ? - Ich meine , du dachtest an dein Hochamt , das ich zu den besten Werken zähle , die du jemals geschaffen . « Kreisler starrte den Abt stillschweigend an , noch war er keines Wortes mächtig . » Nun , nun , « fuhr der Abt lächelnd fort , » steige herab aus der obern Region , zu der du dich hinaufgeschwungen ! - Ich glaube gar , du komponierst in Gedanken und lässest so nicht ab von der Arbeit , die dir freilich eine Lust ist , wiewohl eine gefährliche , da sie zuletzt deine Kräfte aufzehrt . Entschlage dich jetzt aller schaffenden Gedanken , laß uns in diesem kühlen Gange auf und ab wandeln und unbefangen miteinander plaudern . « Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters , von der Lebensweise der Mönche , rühmte den wahrhaft heiter-frommen Sinn , den alle in sich trügen , und fragte zuletzt den Kapellmeister , ob er ( der Abt ) sich nicht täusche , wenn er bemerkt zu haben glaube , daß Kreisler seit den Monaten , daß er sich in der Abtei befinde , ruhiger , unbefangener , dem tätigen Forttreiben in der hohen Kunst , die den Dienst der Kirche verherrliche , geneigter geworden . Kreisler konnte nicht anders als dies zugeben und überdies versichern , daß die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl , in das er geflüchtet , und daß er sich so heimisch dünke , als sei er wirklich Ordensbruder und werde das Kloster niemals mehr verlassen . » Lassen Sie , « so endete Kreisler , » lassen Sie mir , ehrwürdiger Herr , die Täuschung , die dies Kleid befördert . Lassen Sie mich glauben , daß , von bedrohlichem Sturm verschlagen , mich die Gunst des versöhnten Geschicks an einem Eilande stranden ließ , wo ich geborgen , wo nie mehr der schöne Traum zerstört werden kann , der nichts anders ist , als die Begeisterung der Kunst selbst . « » In der Tat , « erwiderte der Abt , indem eine besondere Freundlichkeit sein Antlitz überstrahlte , » in der Tat , mein Sohn Johannes , das Kleid , das du angelegt , um als unser Bruder zu erscheinen , steht dir wohl , und ich wollte , daß du es nie wieder ablegtest . Du bist der würdigste Benediktiner , den man nur sehen kann . « » Doch , « fuhr der Abt nach einem kurzen Stillschweigen fort , indem er Kreislers Hand faßte , » doch , kein Scherz ist hier zu treiben . Sie wissen , mein Johannes , wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick , als ich Sie kennen lernte , wie meine innige Freundschaft , sich mit der hohen Achtung für Ihr ausgezeichnetes Talent paarend , immer höher gestiegen ist . Für den , den man liebt , wird man mit Sorge erfüllt , und eben diese Sorge war es , die mich Sie seit der Zeit Ihres Aufenthalts im Kloster bis zur Ängstlichkeit beobachten ließ . Das Resultat dieser Beobachtungen brachte mich zu einer Überzeugung , die ich nicht aufgeben darf ! - Längst wollt ' ich Ihnen in dieser Hinsicht mein ganzes Herz öffnen , ich wartete auf einen günstigen Augenblick , er ist gekommen ! - Kreisler ! Entsagen Sie der Welt , treten Sie in unsern Orden ! « - So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel , so willkommen es ihm war , einen Aufenthalt verlängern zu können , der ihm Ruhe und Frieden gab , indem er seine rege künstlerische Tätigkeit in Anspruch nahm , doch überraschte ihn der Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise , da er an nichts weniger mit wirklichem Ernst gedacht als , seine Freiheit aufgebend , sich unter die Mönche stecken zu lassen auf immer , wiewohl ihm manchmal schon solch eine Grille aufgestiegen und dies vom Abt bemerkt sein mochte . Ganz verwundert schaute er den Abt an , der ihn aber nicht zum Worte kommen ließ , sondern fortfuhr : » Hören Sie mich erst ruhig an , Kreisler , ehe Sie mir antworten . Wohl muß es mir angelegen sein , der Kirche einen tüchtigen Diener zu gewinnen , indessen verwirft die Kirche selbst jede künstliche Überredung und will nur , daß der innere Funke der wahren Erkenntnis angeregt werde , damit er zur hell lodernden Flamme des Glaubens aufleuchte und jede Betörung vernichte . Und so will ich nur das , was dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt , entfalten , Ihnen selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen . Darf ich zu Ihnen , mein Johannes , denn von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen , die man in der Welt gegen das Klosterleben hegt ? - Immer muß den Mönch irgendein ungeheures Schicksal in die Klause getrieben haben , wo er , aller Lust der Welt entsagend , unter beständiger Qual ein trostloses Leben vertrauert . So wäre das Kloster der finstre Kerker , wo die trostloste Trauer um ewig verlornes Gut , die Verzweiflung , der Wahnsinn erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt , wo abgehärmte bleiche Todesgestalten ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende Angst aushauchten in dampfmurmelnden Gebeten ! « Kreisler konnte sich nicht eines Lächelns erwehren , denn er gedachte , als der Abt von abgehärmten bleichen Todesgestalten sprach , so manches wohlgenährten Benediktiners und vorzüglich des wackern rotwangichten Hilarius , der keine größere Qual kannte , als Wein zu trinken von schlechtem Gewächs , und nur die Angst , die ihm eine neue Partitur verursachte , welche er nicht gleich verstand . » Sie belächeln , « sprach der Abt weiter , » Sie belächeln den Kontrast des Bildes , das ich aufstellte , mit dem Klosterleben , wie Sie es hier kennen gelernt , und haben gewiß Ursache dazu . - Mag es auch sein , daß mancher , zerrissen von irdischem Leid , alles Glück , alles Heil der Welt für immer aufgebend , in das Kloster flieht , wohl ihm dann , daß die Kirche ihn aufnimmt und er in ihrem Schoß einen Frieden findet , der allein ihn über alles erlittene Ungemach trösten und ihn erheben kann über das verderbliche Geschick im weltlichen Treiben . Aber wie viele gibt es , die der wahre innere Hang zum andächtigen kontemplativen Leben in das Kloster führt , die , ungefügig in der Welt , jeden Augenblick verstört durch das Andringen aller kleinlichen Verhältnisse , wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen , nur in selbstgewählter Einsamkeit sich wohl befinden . Dann gibt es aber andere , die ohne entschiedenen Hang zum klösterlichen Leben doch nirgends anders hingehören als eigentlich ins Kloster . - Ich meine diejenigen , die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben , weil sie einem höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für die Bedingung des Lebens halten , so aber rastlos das verfolgend , was hienieden nicht zu finden , ewig dürstend in nie zu befriedigender Sehnsucht , hin und her schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden , deren offne Brust jeder abgeschossene Pfeil trifft , für deren Wunden es keinen Balsam gibt als die bittre Verhöhnung des stets wider sie bewaffneten Feindes . Nur die Einsamkeit , ein einförmiges Leben ohne feindliche Unterbrechung und vor allem das stete freie Aufschauen zur Lichtwelt , der sie angehören , kann das Gleichgewicht herstellen und sie im Innern eine überirdische Zufriedenheit fühlen lassen , die in dem wirren Treiben der Welt nicht zu erringen . - Und Sie - Sie , mein Johannes , gehören zu diesen Menschen , die die ewige Macht im Druck des Irdischen hoch erhebt zum Himmlischen . Das rege Gefühl des höhern Seins , das Sie ewig mit dem schalen irdischen Treiben entzweien wird , entzweien muß , strahlt mächtig heraus in der Kunst , die einer andern Welt gehört und die , ein heiliges Geheimnis der himmlischen Liebe , mit Sehnsucht in Ihrer Brust verschlossen ist . Die glühendste Andacht selbst ist diese Kunst , und , ihr ganz ergeben , haben Sie nichts mehr gemein mit einer buntscheckigen Welttändelei , die Sie von sich werfen mit Verachtung , wie der zum Jüngling gereifte Knabe das abgenutzte Spielzeug . - Entfliehen Sie für immer den aberwitzigen Neckereien hohnlächelnder Toren , die Sie , mein armer Johannes , oft gequält haben bis aufs Blut ! - Der Freund breitet die Arme aus , Sie zu empfangen , Sie einzuführen in den sichern Port , den kein Gewittersturm bedroht ! « - » Tief , « sprach Johannes , da der Abt schwieg , ernst und düster , » tief fühle ich die Wahrheit Ihrer Worte , mein ehrwürdiger Freund ! tief , daß ich wirklich nicht in eine Welt tauge , die sich mir gestaltet wie ein ewiges rätselhaftes Mißverständnis . Und doch - ich gestehe es frei , erregt mir der Gedanke Schauer auf Kosten so mancher Überzeugung , die ich mit der Muttermilch eingesogen , dies Kleid zu tragen , wie einen Kerker , aus dem ich nimmer wieder heraus kann . Es ist mir , als wenn dem Mönch Johannes dieselbe Welt , in der der Kapellmeister Johannes doch so manches hübsche Gärtlein voll duftender Blumen fand , plötzlich eine öde unwirtbare Wüste sein würde , als wenn , einmal in das rege Leben verflochten , die Entsagung - « » Entsagung , « unterbrach der Abt den Kapellmeister mit erhöhter Stimme , » Entsagung ? - Gibt es für dich , Johannes , eine Entsagung , wenn der Geist der Kunst immer mächtiger wird in dir , wenn du mit starkem Fittich dich erhebst in die leuchtenden Wolken ? - Welche Lust des Lebens gibt es denn noch , die dich betören könnte ? Doch « ( so fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort ) » doch wohl hat die ewige Macht ein Gefühl in unsere Brust gelegt , das mit unbesiegbarer Gewalt unser ganzes Wesen erschüttert ; es ist das geheimnisvolle Band , das Geist und Körper verbindet , indem jener nach dem höchsten Ideal einer chimärischen Glückseligkeit zu streben vermeint und doch nur will , was dieser als notwendiges Bedürfnis in Anspruch nimmt , und so eine Wechselwirkung entsteht , die in der Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt ist . - Nicht hinzufügen darf ich , daß , ich von der Geschlechtsliebe spreche , und daß , ich es allerdings für nichts Geringes achte , ihr ganz zu entsagen . - Doch , Johannes , wenn du entsagst , so rettest du dich vom Verderben ; niemals , niemals kannst du , wirst du des eingebildeten Glücks der irdischen Liebe teilhaftig werden . « Der Abt sprach die letzten Worte so feierlich , mit solcher Salbung , als läge das Buch des Schicksals offen vor ihm , und er verkündige daraus dem armen Kreisler alles bedrohliche Leid , dem zu entgehen , er sich hineinretten müsse ins Kloster . Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel , das den Geist der Ironie zu verkünden pflegte , der seiner mächtig worden . » Hoho , « sprach er , » hoho ! Ew . Hochehrwürden haben unrecht , haben durchaus unrecht . Ew . Hochwürden irren sich in meiner Person , werden konfuse durch das Gewand , das ich angelegt , um en masque einige Zeit hindurch die Leute zu foppen und , selbst unerkannt , ihnen ihre Namen in die Hand zu schreiben , damit sie wissen , woran sie sind ! - Bin ich denn nicht ein passabler Mensch , noch in den besten Jahren , von leidlich hübschem Ansehn und sattsam gebildet und artig ? - Kann ich nicht den schönsten schwarzen Frack ausbürsten , ihn anlegen und , was die Unterkleider betrifft , ganz Seide keck hineintreten vor jede rotwangichte Professors- , vor jede blau- oder braunäugichte Hofratstochter und , alle Süßigkeit des zierlichsten Amoroso in Gebärde , Antlitz und Ton , ohne weiteres fragen : Allerschönste , wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte Person dazu , als Attinenz derselben ? Und die Professorstochter wurde die Augen niederschlagen und ganz leise lispeln Sprechen Sie mit Papa ! oder die Hofratstochter mir gar einen schwärmerischen Blick zuwerfen und dann versichern , wie sie schon lange im stillen die Liebe bemerkt , der ich nun erst Sprache geliehen , und beiläufig vom Besatz des Brautkleides sprechen . Und , o Gott ! die respektiven Herrn Väter , wie gern würden sie die Tochter losschlagen auf das Gebot einer solchen respektablen Person als es ein großherzoglicher Exkapellmeister ist ! - Aber ich könnte mich auch versteigen in das höhere Romantische , eine Idylle beginnen und der glauen Pachterstochter mein Herz offerieren und meine Hand , wenn sie eben Ziegenkäse bereitet , oder , ein zweiter Notar Pistofolus , in die Mühle laufen und meine Göttin suchen in den Himmelswolken des Mehlstaubs ! - Wo würde ein treues ehrliches Herz verkannt werden , das nichts will , nichts verlangt als Hochzeit - Hochzeit - Hochzeit ! - Kein Glück in der Liebe ? - Ew . Hochehrwürden bedenken gar nicht , daß ich eigentlich recht der Mann dazu bin , um in der Liebe ganz horrend glücklich zu sein , deren einfaches Thema weiter nichts ist als : Willst du mich , so nehm ' ich dich ! dessen weitere Variationen nach dem Allegro brillante der Hochzeit dann in der Ehe weiter fortgespielt werden . Ew . Hochehrwürden wissen ferner nicht , daß ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernsthaft daran gedacht , mich zu vermählen . Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger Erfahrung und Ausbildung , nämlich erst sieben Jahr alt , aber das dreiunddreißigjährige Fräulein , das ich zu meiner Braut erkieset , versprach mir doch mit Hand und Mund , keinen andern Mann zu nehmen als mich , und ich weiß selbst nicht , warum sich die Sache nachher zerschlug . Bemerken Ew . Hochehrwürden doch nur , daß mir das Glück der Liebe lachte von Kindesbeinen an , und nun - Seidene Strümpfe her - seidene Strümpfe her - Schuhe her , um gleich mit beiden Freiersfüßen hineinzufahren und unmäßig zu rennen nach der , die schon den niedlichsten Zeigefinger ausgestreckt hat , damit er stracks bereift werde . - Wäre es nicht für einen ehrsamen Benediktiner unanständig , sich in Hasensprüngen zu erlustieren , ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew . Hochehrwürden Augen einen Matelot oder eine Gavotte oder einen Hopswalzer aus purer Freude , die mich ganz übernimmt , wenn ich nur an Braut und Hochzeit denke . - Hoho ! - was Liebesglück und Heirat betrifft , da bin ich ein ganzer Kerl ! - Ich wünschte , Ew . Hochehrwürden möchten das einsehen . « - » Ich habe , « erwiderte der Abt als Kreisler nun endlich innehielt , » ich habe Sie nicht unterbrechen mögen in Ihren seltsamen Scherzreden , Kapellmeister , die eben das beweisen , was ich behaupte . - Wohl fühle ich auch den Stachel , der mich verwunden sollte , aber nicht verwundet hat ! - Wohl mir , daß ich nie an jene chimärische Liebe geglaubt , die körperlos in den Lüften schwebt und nichts gemein haben soll mit dem Bedingnis des menschlichen Prinzips ! - Wie ist es möglich , daß Sie bei dieser krankhaften Spannung des Geistes - Doch genug hievon ! - Es ist an der Zeit , dem bedrohlichen Feinde näher zu treten , der Sie verfolgt - Haben Sie während Ihres Aufenthalts in Sieghartshof nicht von dem Schicksal jenes unglücklichen Malers , jenes Leonhard Ettlinger gehört ? « - Kreislern durchfuhren die Schauer das unheimlichen Grauens , als der Abt diesen Namen nannte . Weggelöscht vom Antlitz war jede Spur jener bittern Ironie , die ihn zuvor erfaßt , und er fragte mit dumpfer Stimme : » Ettlinger ? - Ettlinger ? was soll mir der ? - was habe ich mit dem zu schaffen ? - Nie hab ' ich ihn gekannt , nur ein Spiel erhitzter Phantasie war es , als ich einmal wähnte , er spräche zu mir herauf aus dem Wasser . « » Ruhig , « sprach der Abt sanft und milde , indem er Kreislers Hand faßte , » ruhig , mein Sohn Johannes ! - Nichts hast du gemein mit jenem Unglücklichen , den die Verirrung einer zu mächtig gewordenen Leidenschaft in das tiefste Verderben stürzte . Doch zum warnenden Beispiel mag dir sein entsetzliches Schicksal dienen . Mein Sohn Johannes ! - auf noch schlüpfrigerem Wege befindest du dich als jener , drum entflieh - entflieh ! - Hedwiga ! - Johannes ! ein böser Traum hält die Prinzessin fest in Banden , die unauflöslich scheinen , wenn ein freier Geist sie nicht durchschneidet ! - Und du ? « - Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts . Er gewahrte , daß der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des fürstlichen Hauses zu Sieghartshof , sondern auch mit dem bekannt war , was sich dort während seines Aufenthalts zugetragen . Klar wurd ' es ihm , daß die krankhafte Reizbarkeit der Prinzessin wohl in seiner Annäherung eine Gefahr befürchten lassen , an die er gar nicht gedacht , und eben diese Furcht , wer anders konnte sie hegen und darum wünschen , daß er vom Schauplatz ganz abtrete , als die Benzon ? - Eben diese Benzon mußte mit dem Abt in Verbindung stehen , von seinem ( Kreislers ) Aufenthalt in der Abtei unterrichtet sein , und so war sie die Triebfeder alles Beginnens des ehrwürdigen Herrn . Lebhaft gedachte er aller Momente , in denen die Prinzessin wirklich , wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft befangen , erschienen , aber , selbst wußte er nicht , warum bei dem Gedanken , daß er selbst der Gegenstand jener Leidenschaft sein könne , es ihn erfaßte wie Gespensterfurcht . Es war ihm , als wolle eine fremde geistige Macht gewaltsam in sein Inneres dringen und ihm die Freiheit des Gedankens rauben . Prinzessin Hedwiga stand plötzlich vor ihm , starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick , der ihr eigen , aber in dem Augenblick dröhnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven , wie damals , als er zum erstenmal der Prinzessin Hand berührte . Doch war ihm auch nun jene unheimliche Angst entnommen , er fühlte eine elektrische Wärme wohltätig sein Inneres durchgleiten , er sprach leise wie im Traum : » Kleiner schalkischer Raja torpedo , neckst du mich schon wieder und weißt doch , daß du nicht ungestraft verwunden darfst , da ich aus reiner Liebe zu dir Benediktinermönch geworden ? « Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick , als wollte er sein ganzes Ich durchschauen , und begann dann ernst und feierlich : » Mit wem redest du , mein Sohn Johannes ? « Kreisler wurde aber wach aus seinen Träumen ; es fiel ihm ein , daß der Abt , war er von allem , was sich in Sieghartshof zugetragen , unterrichtet , vor allen Dingen den weiteren Verlauf der Katastrophe , die ihn fortgetrieben , wissen mußte , und wohl war ihm daran gelegen , mehr davon zu erfahren . » Mit , « erwiderte er dem Abt , skurril lächelnd , » mit niemanden anders sprach ich , hochehrwürdiger Herr , als , wie Sie ja vernommen haben , mit einer schalkischen Raja torpedo , die sich ganz unberufenerweise in unser vernünftiges Gespräch mischen und mich noch konfuser machen wollte , als ich es schon wirklich bin . - Doch aus allem muß ich ja zu meinem großen Leid gewahren , daß diverse Leute mich für ebensolch einen großen Narren halten als den seligen Hofporträtisten Leonardus Ettlinger , der eine erhabene Person , die sich natürlicherweise aus ihm gar nichts machen konnte , nicht bloß malen wollte , sondern auch lieben , und zwar so ganz ordinär wie Hans seine Grete . O Gott ! hab ' ich es denn jemals an Respekt fehlen lassen , wenn ich die schönsten Akkorde griff zu schnöder Singefaselei ! - Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte Materien aufs Tapet zu bringen gewagt , von Entzücken und Schmerz , von Liebe und Haß , wenn der kleine fürstliche Eigensinn sich seltsam gebärden in allerlei wunderbaren Gemütsergötzlichkeiten und ehrsame Leute vexieren wollte mit magnetischen Visionen ? - habe ich solches jemals getan ? Sagt - « » Doch , « unterbrach ihn der Abt , » doch sprachst du , mein Johannes , einst von der Liebe des Künstlers - « Kreisler starrte den Abt an , dann rief er , indem er die Hände zusammenschlug und den Blick