Sie freuen sich am höhern Ebenbild : » Ihr Hirten wachet auf , verkündet laut , Ihr habt den Herrn im fernen Glanz geschaut . « Es naht der Herr in dieses Tages Frühe , Im Erntesegen nahet uns der Herr , Er lohnet uns Vertrauen , Liebe , Mühe , Er gibt sich selbst für uns , so lohnet er , Es ziehn die Könige zum Erntefest , Wie kann die Hütte fassen solche Gäst . Die arme Hütte kann sie alle fassen , Es macht der Glanz sie alle froh und satt , Und seinen Thron mag jeder gern verlassen , Der hier noch einen Platz zum Knieen hat , Es ist ein Kind geboren in dem Glanz , Ihm bringen sie den reichen Erntekranz . Aus Ähren und aus Trauben ist gebunden Der Kranz , den sie dem Kinde bieten dar , Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden , Der noch am Tageshimmel leuchtet klar , Einst segnet dieses Kind das Brot , den Wein , Gott wird euch nah im ird ' schen Zeichen sein . Hat euch der Herr im Reichtum sich verkündet , In seiner Ernten schöner Mannigfalt , Verkündet ihn der Welt , der euch entsündet , In dem Geschenk übt göttliche Gewalt : Gedenkt des Herrn beim Brot , beim Becher Wein , So kehrt der Herr im Geiste bei euch ein . Sechste Geschichte Das Todaustreiben Wie mag die Erde sich scheuen , wie möchte sie so gern ihren Lauf zurück wenden , wenn sie in den Winterhimmel tritt , der alle ihre Saaten verschüttet . Sie ringt vergebens gegen ihren eignen Umschwung . - Ob die Tiere wohl ihr Leben rühmen mögen , welche auf einen Jahreslauf beschränkt , nur Frühling und Sommer kennen ? Oder ob sie neidend zu den überlebenden Geschlechtern hinblicken mögen , ehe sie sich vor der kalten Luft verkriechen ? Törichter Neid , sie wissen nicht , wie die Bienen trauern , wenn sie ihren Vorrat in der Winternot angreifen müssen , denn sie hatten ihn nur zur Erinnerung der Blumenküsse zusammen getragen . Sie wissen nichts von der Gefangenschaft der Fische , wenn sich ihr Mund an der harten Eisdecke , die sie unbemerkt umschlossen hat , blutig stößt , wie sie erschrecken , wenn der Hirsch neugierig auf die Eisdecke klopft , weil ihm verlangte nach dem klaren Bache und das Wasser ihm in Stein verwandelt ist . Der Winter kommt den Tieren und den Menschen zur Verwunderung , nur wenige wissen ihre Zeit voraus , wie die Wasserlilien , die zum Blühen in rechter Zeit ihre strahlenden Häupter über die Oberfläche der Gewässer erheben , um dann genügsam und ruhig in den Abgrund seliger Erinnerungen bis zur Wiedergeburt zu versinken . Ein harter Winter war dem schönen Herbste gefolgt und während der Most zu Wein wurde , froren die Reben , an denen er gewachsen . Berthold wurde am Neujahrstag durch ein Beben seines Bettes erweckt und wollte erst nicht glauben , die Erde habe gebebt , bis die Nachrichten von allen Seiten kamen und eingefallene Schornsteine sie bestätigten . Die treue Muttererde bebt , dachte er im stillen , die treue Mutter hat mir kein Lebenslicht zum Neuen Jahre überbracht und Anna denkt an so etwas nicht . Aber diese kleine Sorge ging ihm schnell in der schwereren für seine Stadt unter . Durch die Hoffnung eines Kindes hatten sich seine Stadtplane , die ihn schon immer beschäftigt , über das mitlebende Geschlecht hinaus , über entfernte Zukunft ausgedehnt . Die Stadt sollte sich frei und selbstständig erheben , wie Reichsstädte ; nur dazu waren ihm die Anmahnungen der Kronenwächter , sich dem Schwäbischen Bunde anzuschließen , willkommen . Grünewald , der gar keine Meinung über so etwas hatte , aber alles sehr geschickt auszuführen verstand , gab ihm in allem nach , hatte er sich doch überhaupt nur darum in die Gunst des Herzogs geschmeichelt , um in der Nähe Annens mit Ansehen aufzutreten . Auch der Neujahrstag verging , wie so mancher andre Tag in vergeblichen Beratschlagungen mit ihm , wie die Unternehmung des Bundes zu beschleunigen sei , da die Erde selbst zu ungewöhnlichen Unternehmungen geneigt scheine ; das Unternehmen konnte in der Kälte nicht zur Geburt kommen . Der Frost in den nächsten Tagen nach Neujahr stieg immer noch , die ältesten Eichen spalteten sich , der edle Kaiser Maximilian starb und Berthold betrauerte ihn aufrichtig und war mit den öffentlichen Trauerfeierlichkeiten beschäftigt . Da kam Botschaft vom Herzog Ulrich , der Reutlingen trotz dem Froste belagerte , daß sie die Rüstungen beschleunigen und ihm Leute senden möchten . Berthold und Grünewald stellten sich dem Willen des Herzogs ergeben , aber je eifriger sich Berthold und Grünewald zur Förderung der Rüstung anstellten , desto weniger vollbrachten sie . Der Ehrenhalt kam jetzt und versprach die nahe Ankunft der Scharen des Schwäbischen Bundes , aber es zögerte sich , wie mit allen Unternehmen , die aus dem Entschlusse vieler hervorgehen sollen . Reutlingen mußte sich ergeben , vom Geschütz in seinen wesentlichen Befestigungen zerstört , während die Gräben zugefroren waren . Der Herzog hielt einen feierlichen Einzug , die Bürger mußten ihm huldigen , die Reichsfreiheit war verloren , wenn der Schwäbische Bund noch länger zögerte . Berthold hätte verzweifeln mögen , während er Freudenfeste zur Ehre dieses Zuwachses des Herzogtums veranstalten mußte . Der Wind wendete sich , die zeit war im Nichtstun vorgerückt , der Frühling ließ wie ein bescheidner Freund erst anfragen , während Berthold vor der Türe stand ( wie er nach dem Mittagessen zu tun pflegte ) , um nach ihm sich umzusehen , ob er nicht bald komme . Er fühlte sich in Frühlingsahndung ganz wehmütig . Da blies es vom Turme , den er als Kind bewohnte , in großem Jubel schrieen alle aus den Häusern , doch wußte er nicht gleich , was es bedeute , weil er als Kind nicht unter die Leute gekommen war . Da sah er den beschrieenen Gast über den Markt ziehen , es war der Storch . Gleich liefen die Kinder aus allen Häusern am Markt zusammen , jedes brachte Stroh oder Lumpen und die größten verfertigten eine gewaltige Strohpuppe , während die kleinen mit Tellern in die Häuser liefen , um ihren Lohn einzufordern , daß sie den Winter aus der Stadt vertrieben ; sie kamen auch zu Berthold , der sie reichlich beschenkte . Nun begann der große Zug der Kinder , die Strohpuppe wurde an einem langen Seile geschleift und alle schrieen : Nun treiben wir den Winter aus , Den Tod aus unsrer Stadt hinaus . Wie junge Rosse wiehernd einen Leichenwagen ziehen , mit den Gebissen spielen , die sie lenken , sich von der Erde aufbäumen der sie doch nicht entlaufen können , so erschien unserm Berthold in seinem betrübten Herzen der fröhliche Zug , er wußte nicht , welche Freude ihm an dem Tage bevor stand , was ihm der Storch an dem Tage gebracht hatte . Anna hatte ihn an dem Tage nicht sehen wollen , sie war krank , auch das machte ihn sehr beklemmt . Da glaubte er ein Kindergeschrei in seinem Hause zu vernehmen , er horchte noch einmal , da kam Frau Apollonia mit freudigem Auge und fast atemlos die Haustreppe herunter , und schrie : » ein Sohn , ein Sohn ! « - Berthold fühlte sich selbst entrissen von Freude , er stürzte die Treppe hinauf ins Zimmer , die Tränen liefen ihm in seligem Entzücken über die Wangen , schon sah er das Kind , wie es im Bade sich allmählich von dem Ärger beruhigte , aufs Trockne versetzt zu sein : » Wie schön ist der Knabe « , rief er , » gleicht er nicht dem Christuskinde an unserm Giebel , wie soll ich dir danken Anna , alle Mühe , alle Qual , die du bei dem Kinde ausgestanden hast , und wie schön blickst du mich an aus deiner Schwäche . « Frau Apollonia war bei den Worten Bertholds erbleicht , sie sah das Kind ernstlich an , es war das vollkommenste Abbild des Kindes am Hause und dies das vollkommenste kindlichste Bild Antons . In ihrer Verlegenheit winkte sie Berthold , das Zimmer zu verlassen , es sei nicht gut , die Wöchnerinnen in ihrer ersten Ruhe zu stören . Aber er war nicht fortzubringen von dem Kinde , er saß da , betend wie einer der heiligen drei Könige und freute sich immer , daß sein Kind dem Christuskinde gleiche . Als es endlich eingeschlafen war und er fühlte , wie er nur hindre , statt zu helfen , und die Straße laut wurde , schlich er fort und trat vor die Haustüre . Da kamen die Knaben von ihrem Zuge zurück , die Winterpuppe war in die Rems geworfen , sie brachten statt ihrer eine grünende Maie und indem sie dem Bürgermeister das erste Zweiglein davon darboten , sangen sie : So viel Blätter an dem Strauß , So viel Kinder in dein Haus , Wünschet dir die Engelschar . » Mit dem einen ist ' s schon wahr ! « fiel Berthold ein und wendete seine Tasche um , ihnen alles Geld zu spenden , was er bei sich trug , sie sollten sich an dem Tage recht lustig machen , dabei zeigte er auf seinen Giebel und sprach mit Jubel : » Seht Kinder , so sieht mein Kleiner aus . « - Apollonia stand hinter ihm und seufzte in sich und dachte : Wie soll ich den armen Mann von der unseligen Ähnlichkeit abbringen , er breitet seine eigne Schande aus , die Wartfrauen nennen schon den Kleinen ihren heiligen Anton . Berthold ahndete nichts von dem Geschwätz in seiner Seligkeit , er konnte sich nicht enthalten , Anton von Herzen zu küssen , der zufällig den Zug der Kinder mitgemacht hatte , um ihn zu zeichnen , und nun zurück kam . Er führte ihn in seine Rüstkammer zu den schönen , kleinen Puppen , mit denen er selbst einst sich die Zeit vertrieb , und freute sich mit ihm , wenn sie den Sohn da zum erstenmal hinführen , ihm die Puppen zum Spiel übergeben wollten . Anton sollte das Kind malen , sobald es nur ein wenig ausgebildet wäre . Dem Anton schenkte er für die leichte Zeichnung des Todaustreibens einen schönen , roten Mantel mit goldner Einfassung . Anton ging so stolz aus dem Hause , als ob er sich den Doktormantel verdient hätte , oder , wie die Leute sagten , als ob alles mit dem Mantel christlicher Liebe zugedeckt werden sollte . Grünewald schüttelte mit dem Kopfe , als er am Abend zu Frau Apollonien ging , und sprach erst mit ihrer Magd Sabina über Bertholds Kind und dann mit ihr , als sie gerufen worden , denn er ließ sich mit allen Leuten ein und hatte gar kein Geheimnis . Siebente Geschichte Die Gräber der Hohenstaufen Kaum vier Wochen waren seit der Niederkunft vergangen , Mutter und Kind waren frischer und schöner , als je eine Wöchnerin und ein so junges Kind in Waiblingen gesehen , und die Ähnlichkeit beider mit dem Bilde am Giebel wuchs zu Bertholds Freude mit jedem Tage . Eben so wuchs das Gerede der Leute in der Stadt und Antons Verlegenheit dabei , der sich keiner Schuld bewußt war . Wie oft verwünschte er den Einfall , sich selbst in dem Christuskinde abgebildet zu haben , und meinte es frevelhaft , seit sich Frau Anna daran versehen habe , denn alle Weiber in der Stadt narrten ihn damit und verlangten , daß er ihnen Bilder auf den Giebel malen solle , die Männer aber stellten sich , als ob sie ihn gar nicht mehr in ihren Häusern dulden dürften . Mitten in dies Gerede , das Grünewald in seiner unabweislichen Geschwätzigkeit und Vertraulichkeit immer neu anregte , schrie die Kriegstrompete , daß alles für einige Zeit verstummen mußte . Der Schwäbische Bund war endlich doch mit seiner Rüstung fertig geworden . Unter dem Namen Herzog Wilhelms von Bayern führte Georg von Frundsberg eine große Übermacht gegen den Herzog Ulrich . Der große Frundsberg , an der Spitze einer geringeren Zahl , wäre schon des Siegs gegen Herzog Ulrich sicher gewesen , aber außer der Menge stand ihm der ganze Einfluß der Kronenwächter zur Seite , sie nannten ihn damals ihren Reichsfeldherrn und er wäre es auch geblieben , wenn sie ihm hätten erfüllen können , was sie ihm zugesagt hatten . Der Herzog Ulrich sammelte sein Volk in Blaubeuren und kamen viele Boten an Berthold und Grünewald wegen Beschleunigung der Rüstung , als Berthold gerade beschäftigt war , das der ganzen Stadt zur Taufe versprochene Fest einzurichten . Alle fröhlichen Anstalten wurden gehemmt , auch dem Meister Kugler abgeschrieben , der zur Taufe eintreffen wollte . Nun wurden die Rüstungen wieder durchgesehen und der Ehrenhalt trat als Waffenschmidt auf , weil in dem Jahre der Waiblinger Waffenschmidt gestorben war und die Witwe zu häßlich war , um sogleich einen jungen Mann für ihre Nahrung zu finden . Der Ehrenhalt beschaute die Bürgerwaffen , riß hier eine Schiene ab , dort schlug er eine ein , um den Bürgern zu beweisen , daß sie verloren gewesen , wenn sie mit so verrosteten Waffen ausgezogen wären . Unterdessen wurde mit Herzog Wilhelm verhandelt und was sehr seltsam , durch den herzoglichen Vogt Grünewald , der seinen alten Herrn gern einmal wieder sehen und ihm einige neue Liebeslieder vorsingen wollte . Der Herzog ließ der Stadt Reichsfreiheit versprechen , wenn sie ihre Streitkräfte mit ihm vereinigte . Der eifrige Berthold , durch Erziehung , Kränklichkeit , Reichtum und Bildung immerdar von der Masse der Bürger getrennt und nur in Geschäften mit ihnen bekannt , setzte voraus , daß ihre Gesinnung ganz mit der seinen übereinstimme , daß sie als eine Wohltat annehmen würden , was er für ein Glück erkenne . So kam ' s , daß er sich nicht einmal die Mühe gab , die Meinung der Zünfte über diese Angelegenheit zu erforschen , auch fehlte ihm dazu der gute Fingerling . Die Zunftmeister wunderten sich zwar über die langsame Rüstung , aber sie hatten gerade auch keinen Übermut zu diesem ganz unnützen , verderblichen Kriege , sie ließen es so gehen . Endlich hieß es , alles sei fertig , die ältere Mannschaft blieb zur Besatzung , Grünewald und Berthold sollten mit den andern zu Herzog Ulrich ausziehen . Anton war in dieser Zeit in der unbequemsten Lage , er wollte mitziehen und mußte sich doch vor dem Ehrenhalt verstecken , und wußte das bei Musterungen nicht anders zu bewerkstelligen , als durch eine scheinbar zufällige Färbung seines Gesichts , über die ihn die Leute zwar auslachten , die er aus der Unruhe jener Zeit erklärte , die nicht Zeit zum Waschen lasse ; zugleich steckte er eine Kugel in die eine Backe , als ob sie vom Zahnweh geschwollen wäre , so daß ihn Meister Sixt selbst zuweilen nicht erkannte . Als nun der Zug vor dem Rathause sich sammelte , die Weiber und Kinder die Tornister und Mantelsäcke weinend herbeischleppten , konnte er sich des Lachens nicht erwehren , ihm war so seelenglücklich zu Mute , daß seine Kugel ihm aus dem Mund in einen Suppennapf mit Klößen fiel , aus welchem ein Bürger eben sein letztes Mittagsmahl essen sollte . Der Bürger fing an zu essen und biß sich fast einen Zahn an der Kugel aus , die er für einen Kloß gehalten , es war die einzige Kugel , die bei diesem Zuge Schaden tat . Frau Anna war von allem unterrichtet und stellte sich daher nur traurig über diesen Auszug wegen der fremden Leute , die sie umgaben . Das Kind schmiegte sich an den ausziehenden , gerüsteten Berthold , hatte sein Haar gefaßt und wollte ihn gar nicht fortlassen , da weinten die Hebamme und die Mägde , und sie redeten unter einander , wenn es den Pflegevater schon so fest gehalten habe , so würde Anton sich nie von ihm haben losreißen können ; das hörte Anna , obgleich es leise gesprochen war , es fiel ihr schwer aufs Herz , sie dachte der Ähnlichkeiten nun erst recht , verstand manche Winke der Mutter . Ihr Stolz war tief gekränkt , obgleich sie nichts sagte und gar nicht tat , als ob sie etwas vernommen habe . Alles andre war ihr jetzt gleichgültig , sie sann darauf , wie sie diesen bösen Leumund falscher Zungen zerstreue , während der Zug vorüber zog . Sie glaubte in jedem , der hinauf blickte , Hohn und Spott zu erkennen , sie glaubte zu hören , wie sie über das Christuskind auf dem Bilde sprachen . Anton mußte fort aus der Stadt , das Bild mußte geändert werden , das stand ihr fest im Sinne und sie grübelte , wie das auszuführen sei mit einer Ungeduld , daß ihr Kind davon erkrankte . Viele der Streiter zogen nur mit angetrunknem Mute aus , dieser Mut sank aber , als sie ermüdeten , die Pferde schienen zu erlahmen , die Fußgänger ruhten sich oft . Der Ehrenhalt erzählte , nachdem Grünewald von einem Spähen zurückgekommen , es würden ihnen bald Stückkugeln über die Köpfe sausen , sie brauchten sich darum nicht zu bücken , denn das sei doch gewöhnlich zu spät , er erzählte von den bayerischen Reitern , wie die so genau zusammenritten , daß ihre Spieße wie eine große Säge glänzten , sie möchten sich gefaßt machen , sie ständen schon zwischen ihnen und dem Herzog . Da sonderten sich die Verzagten , einer sang mit bebender Stimme und wußte nicht , was er sang , ein andrer , der sonst eine schreckliche Stimme führte , konnte kaum so laut kommandieren , daß es seine Rotten hörten , ein Schuster unterhandelte laut mit Gott , daß er wohl ein Bein daran geben wolle , wenn er ihm nur seine beiden Arme unversehrt lasse . Aber die Kräftigen , unter denen Anton gewiß einer der ersten , ließen sich diese Sorgen wenig anfechten , sie untersuchten noch sorgfältig ihre Vorräte und warteten der tätigen Stunde . Der Ehrenhalt erkannte nach seiner Kriegserfahrung die Sicheren , sonderte sie auf Bertholds Befehl in eine Schar zusammen , ließ sie nach einer Seite den Feind aufsuchen , wo keiner anzutreffen war . Kaum eine Stunde , nachdem Anton mit diesen von der Masse sich getrennt hatte , erblickte Berthold und die bei ihm geblieben , das große Bundesheer beim Ausreiten aus einem dichten Walde gleich einer Überschwemmung um sich her , aus der ein Schilfwald von Spießen und zwölf große Kanonen , wie Krokodile mit offenem Munde , hervorragten . Hier war weder an Sieg noch an Flocht zu denken , sie waren beobachtet , eine Masse Fußvolk schrie schon hinter ihnen im Walde . Berthold wendete sich zu dem erschrockenen Haufen , stellte ihnen die ganze Gefahr ihrer Lage dar , sie müßten sich auf Gnade und Ungnade ergeben . Dann aber sagte er ihnen , daß der Schwäbische Bund keine Ungnade gegen sie hege , daß er ihm wiederholend Reichsfreiheit für die Stadt habe anbieten lassen , in sofern die Bürger sich entschlössen , die Sache Herzog Ulrichs aufzugeben und mit dem Bunde sich zu vereinigen . Sie möchten jetzt wählen , er werde sich ihrem Entschlusse ergeben , es stehe bei ihnen , ob sie , ergeben dem trunknen Unholde , von dem sie nie Schutz , sondern nur immer Trutz , Zwang und Zahlungsgebote empfangen , der sie wie Hunde zu seinen Jagden , ihre Frauen zum Frevel mißbraucht , in den Wald von Spießen stechen , oder sich selbst als freie Reichsbürger regieren , niemand als dem Kaiser verpflichtet sein , und die Hand dem Herzog Wilhelm reichen wollten , der mit Grünewald geritten komme , um sie ihnen zu bieten . Die Bürger sahen einander verwundert an , keiner wollte sprechen , einige fluchten auf den Bürgermeister , aber da keiner Anstalt zur Gegenwehr machte , so begrüßte Herzog Wilhelm Berthold und seine Bürger als Freunde , verkündete ihnen Friede und Freiheit und Berthold dankte in ihrem Namen . Der ganze Zug ging nun nach Waiblingen , den Bürgern wurden die Tore geöffnet , die Fremden zogen nach , die Stadt wurde besetzt , und die Bundesscharen in die Häuser gelegt . Jeder Bürger war über die Änderung verwundert , am meisten Anton mit seiner Schar , als sie keinen einzigen Feind im Felde und nun so viele in der Stadt fanden , aber es war geschehen und die Bedürfnisse der Gäste beschäftigten alle Hände . Am andern Morgen sollte der Zug weiter gehen , vermehrt durch die bewaffneten Bürger . Berthold freute sich der kühnen Taten , die seiner warteten , aber kein Bürger kam zur Versammlung , sie erklärten , daß sie nicht eidbrüchig , wie der Bürgermeister wären . Nichts auf der Welt hatte Berthold je so gekränkt , schon mußte er von Frundsberg hören , daß an keine Reichsfreiheit zu denken sei , wenn die Bürger sie nicht zu erstreiten sich geneigt fänden . So hatte er ganz vergebens das Glück der Seinen an dies Unternehmen gesetzt , mit Herzog Ulrich war keine Versöhnung möglich ; er fühlte , daß er die Stadt nicht gekannt , sie in seine Hoffnungen habe zwingen wollen , er konnte sich nur mit der guten Absicht bei dem schlechten Erfolge rechtfertigen . In dem Wirbel dieser Betrachtungen saß er fast gedankenlos müßig ; das Geschehene läßt sich nur durch Tat , nicht durch Nachdenken vernichten . Größere Bundesscharen kamen in den nächsten Tagen , die Bürger hatten alle Lebensgefahr vergessen , der sie entkommen , die Last und Kosten schienen ihnen unerschwinglich , sie sprachen laut gegen den Bürgermeister , obgleich dieser aus freiem Willen mehr Last übernahm , als ihm im Verhältnis zukommen konnte . Er wollte die Stadt befestigen , aber niemand zeigte sich bereitwillig , er wollte den Rat über alle Angelegenheiten setzen , die sonst der herzogliche Vogt besorgte , aber keiner wollte sie übernehmen , er sah , daß die reichsstädtische Verfassung zu einer leeren Form wurde , weil sie nicht durch die Notwendigkeit entstanden war , eine allgemeine Kraft zu begrenzen . Diese allgemeine , belebende Kraft fehlte , die Verständigen schwiegen , die Toren und Widerspenstigen waren überlaut , die Verständigen hielten ihn für einen Schwärmer , die Schlechten glaubten in ihm einen bestochenen Verräter , die fremden Landsknechte spotteten seiner teuer erkauften Reichsfreiheit . Jeder suchte sich ihm und der Stadt in der Vorsorge für die Bedürfnisse der fremden Scharen zu entziehen , auf ihm lastete das ganze Geschäft , dabei schwärmten seine Gedanken umher nach Rat und Trost , so mußte sich ihm die Arbeit verdoppeln und die Fremden mochten zuweilen wohl mit Recht auf den Mangel an Anordnung schelten . Sein einziger Genuß war es , seit er von diesen Fremden doch kein Heil erwartete , die Bürger gegen ihren Unwillen und Übermut zu schützen ; zu jedem Streite eilte er mit rechter Lust und setzte gar oft sein Leben an eine Kleinigkeit , die mit einiger Ruhe friedlich geschlichtet werden konnte . Die üble Folge davon war , daß stärkere Besatzung in die Stadt gelegt wurde , damit nicht einzelne wieder in solchen Streitigkeiten unterliegen möchten , und so fühlte sich Berthold die Veranlassung einer neuen , drückenden Last . » Wären wir ruhig zu Hohenstock ! « rief Berthold zuweilen , aber Anna antwortete immer : » Lieber tot , als dort unter den wahnsinnigen Menschen ! « Als eine Verstärkung der Besatzung rückte auch ein sehr unbequemer Bekannter , der Graf Konrad , mit einer Schar Reisigen ein , welche die Kronenwächter für ihn geworben und mit denen sie ihn zum Herzog Wilhelm geschickt hatten . Berthold freute sich in seinem Unmut , ihre alte Streitigkeit da fortsetzen zu können und ließ ihn sehr hart an . Aber Konrad schien seine Natur ausgetauscht zu haben , er antwortete nur das Notwendigste in Bescheidenheit und bat ihn , seine früheren Unbesonnenheiten zu vergessen , die Kronenwächter hätten ihn belehrt , daß sie zu einem Ziele alle beide hinarbeiteten . Berthold sah sich durch dies Verhältnis gezwungen , obgleich es ihm unangenehm , Konrad in sein Haus einzuführen . Dieser betrug sich dort ganz bescheiden und anständig , er schien Annen ganz verwandelt und sie faßte ein gewisses Vertrauen zu ihm . Sie sah den Gram , der ihrem Berthold schnell die Haare bleichte , sie hörte die Härte , mit der die Bürger ihn beurteilten , durch Grünewald , der über alles mit jedem sprach , ohne zu beachten , ob es schade . Sie fragte einmal Konrad , was er meine , wie Berthold könne aus den widrigen Geschäften befreit werden . Der riet , daß er sich für den Bund rüste und gegen Herzog Ulrich ziehe , denn wie er höre , deute man es ihm ohnehin übel beim Herzoge Wilhelm , daß er mit seinen Bürgern untätig zurückbleibe , nachdem er versprochen , mit einer Schar zu ihm zu stoßen ; dort sei jetzt für ihn und die Seinen allein noch Sicherheit . Dieses Gespräch wiederholte Anna ihrem Berthold am Abend und dieser erfreute sich des unerwarteten Auswegs ; aber er wagte es nicht , sich demselben zu überlassen , weil er den Vorwurf fürchtete , sich dem drückenden Geschäfte für die Stadt entzogen zu haben . Wer die Seinen in der Not verläßt , dachte er , den verläßt Gott in seiner letzten Not , und konnte nicht einschlafen und sich zu nichts entschließen . Früh stand er auf und fand Apollonien am Brunnen und berichtete ihr seinen Wunsch ins Feld zu ziehen und alle Gründe dagegen , indem er sich ihren Rat als seine älteste , treueste , verwandteste Seele erbat . Apollonia hatte im Ärger über die Ereignisse sich die Erzählungen der Sabina über Anna und Anton erst recht zu Herzen genommen , daß sie diesen für den geheimen Grund seines unerwarteten Entschlusses annahm . Sie suchte ihn zu trösten , indem sie über ihre Tochter heftig weinte , sie habe es immer nicht glauben wollen , die Tochter habe so frei und ruhig jede Warnung abgelehnt , nun müsse sie sehen , daß der edelste und beste Mann das eigne Haus fliehen wolle , das ihre Tochter ihm aus Himmel in Hölle verwandelt habe , es sei die Folge vom übereilten Heiraten . » Hättet Ihr gewußt « , sagte sie , » daß eben der , mit welchem Ihr Blut und Leben getauscht , Euer Leben so verbittern würde , Ihr hättet Euer Siechtum ruhig ertragen . « - Berthold , der gar nichts verstanden hatte , fuhr bei diesen Worten gleichsam beschämt auf : » Woher wißt Ihr die Geschichte meiner Genesung : « - » Von Annen « , sagte die Mutter , » der hat es Anton erzählt . « - » O dieser Anton « , rief Berthold , dem nun auf einmal die Rede der Mutter wie durch einen Blitz erhellt wurde , » dieser Anton ist zu meinem Glück und Verderben geboren , umsonst habe ich mich dem Mißgeschicke meines Stammes entzogen , es hat mich durch Anton ergriffen . Liebe Mutter , sagt mir kein Wort , laßt mich irren in der Dämmerung , es gibt grausame Ähnlichkeiten , aber ich vertraue auf Anna . Was ich zweifelhaft in meinen Gedanken würfelte , das ist entschieden , ich ziehe fort , ich kann nicht bleiben . Sagt mir kein Wort , verschweigt Annen , daß Ihr mir etwas gesagt , verschweigt ihr alles , Gott und die Zeit wird alles schlichten und richten . « - Anna hatte sich ihnen beiden genähert und sagte mit einiger Wehmut : » Mich läßt du allein Berthold , nachdem ich so viel Schmerz und Not bei dem Kinde ausgestanden habe , und setzest dich hier zur früheren Geliebten . « - Frau Apollonia wollte heftig antworten , aber Berthold beschwichtigte beide , indem er sagte : » Ich gehe noch heute einem ungewissen Geschicke entgegen , vergessen wir alles Überflüssige , gedenkt , daß wir nur noch wenige Stunden beisammen sind , meine Ehre fordert , daß ich fortziehe . « - Anna schloß sich weinend an seine Brust und gestand , so schmerzlich ihr seine Abwesenheit falle , er sei es seiner Erhaltung schuldig , sich den Geschäften zu entziehen , die ihm in wenig Wochen die Haare gebleicht hätten , deren Frucht und Lohn ihm die Undankbarkeit und der Starrsinn der Bürger entreiße . - Berthold zuckte mit den Achseln und sagte : » Jetzt rücken sie mir die vermauerte Gasse vor und möchten den Brunnen einreißen , jetzt , wo jeder Tag sie dringend beschäftigen und auf ihr Bestes führen sollte , ich habe die Leute klüger , viel klüger geglaubt , das ist mein Fehler ! « - » Boshaft und undankbar hat sie das kleine Mißgeschick gemacht « , sagte Anna , » die Frauen sagen mir ins Angesicht Böses von dir . « - » Das löst die letzten Bande « , sagte Berthold , küßte Annen und Apollonien und so saßen alle drei wohl eine lange Abschiedsstunde , ohne zu sprechen , von den Ahndungen der Zukunft gerührt . Er versammelte darauf die Bürger , erklärte , daß , wenn sie nicht mit ihm , er ohne sie dem Bunde folgen wolle , sie möchten einen andern an seine Stelle wählen . Zu seiner Kränkung fand er , daß schon ein andrer Bürgermeister heimlich für den Fall erwählt worden , wenn die Fremden abziehen müßten , ein Weinhändler Kranz , sie gaben Berthold der Landesverräterei schuldig . » Ihr richtet nach dem Erfolg , Gott nach der Absicht « , rief Berthold , » ich biete euch die