Wetter hatte sich aufgeklärt , wir brachen daher alle schnell auf und zogen lustig über das Gebirge fort . Gegen Abend lagerten wir uns auf einem schönen , waldigen Berge , dem gräflichen Schlosse gegenüber , das jenseits eines Stromes ebenfalls auf einer Anhöhe mit seinen Säulenportalen und seinem italienischen Dache sich recht lustig ausnahm . Wir wollten hier die Dunkelheit abwarten . Der letzte Widerschein der untergehenden Sonne flog eben wie ein Schattenspiel über die Gegend . Unten auf dem Flusse zogen mehrere aufgeschmückte Schiffe voll Herren und Damen mit bunten Tüchern und Federn lustig auf das Schloß zu , während von beiden Seiten Waldhörner weit in die Berge hinein verhallten . Als es endlich ringsumher still und finster wurde , sahen wir , wie im Schlosse drüben ein Fenster nach dem andern erleuchtet wurde und Kronleuchter mit ihren Kreisen von Lichtern sich langsam zu drehen anfingen . Auch im Garten entstand ein Licht nach dem andern , bis auf einmal der ganze Berg mit Sternen , Bogengängen und Girlanden von buntfarbigen Glaskugeln erleuchtet , sich wie eine Feeninsel aus der Nacht hervorhob . Ich überließ meine Begleiter ihren Beratschlagungen und Kunstgriffen und begab mich allein hinüber zu dem Feste , ohne eigentlich selber zu wissen , was ich dort wollte . Von der Seite , wo ich auf dem Berge hinaufgekommen , war kein Eingang . Ich schwang mich daher auf die Mauer und sah , so da droben sitzend , in den Zaubergarten hinein , aus dem mir überall Musik entgegenschwoll . Herren und Frauen spazierten da in zierlicher Fröhlichkeit zwischen den magischen Lichtern , Klängen und schimmernden Wasserkünsten prächtig durcheinander . Auch mehrere Masken sah ich wie Geister durch den lebendigen Jubel auf und ab wandeln . Mich faßte bei dem Anblick auf meiner Mauer oben ein blindes , wildes , unglückseliges Gelüst , mich mit hineinzumischen . Aber meine von Regen und Wind zerzauste Kleidung war wenig zu einem solchen Abenteuer eingerichtet . Da erblickte ich seitwärts durch ein offenes Fenster eine Menge verschiedener Masken in der Vorhalle des Schlosses umherliegen . Ohne mich zu besinnen , sprang ich von der Mauer herab und in das Vorhaus hinein . Eine Menge Bedienten , halb berauscht , rannten dort mit Gläsern und Tellern durcheinander , ohne mich zu bemerken oder doch weiter zu beachten . Ich zettelte daher den bunten Plunder von Masken ungestört auseinander und zog zufällig eine schwarze Rittertracht nebst Schwert und allem Zubehör hervor . Ich legte sie schnell an , nahm eine danebenliegende Larve vor und begab mich so mitten unter das Gewirre in den Glanz hinaus . Ich kam mir in der Fröhlichkeit vor wie der Böse , denn mir war nicht anders zumute , als dem Zigeunerhauptmann auf dem Jahrmarkt zu Plundersweilern . Am Ende eines erleuchteten Bogenganges hörte ich auf einmal einige Damen ausrufen : Sieh da , die Frau vom Hause ! Welche Perlen ! Welche Juwelen ! Ich sehe mich schnell um und erblicke - Angelina , die in voller Pracht ihrer Schönheit die Allee heraufkommt . - Mein mörderischer Zorn , der mich damals durch ganz Italien hin und her gehetzt hatte , war längst vorüber , denn ich war nicht mehr verliebt . Es war mir eben alles einerlei auf der Welt . Ich wandte mich daher , und wollte , ohne sie zu sprechen , in einen andern Gang herumbiegen . Wie sehr erstaunte ich aber , als Angelina mir schnell nachhüpfte und sich vertraulich in meinen Arm hing . - Kennst du mich ? rief ich ganz entrüstet . - Wie sollt ich doch nicht , sagte sie scherzend , hab ich dir denn nicht selber die Halskrause zu der Maske genäht ? - Ich bemerkte nun wohl , daß sie mich verkannte , konnte aber nicht wissen , für wen sie mich hielt , und ging daher stillschweigend neben ihr her . Wir waren indes von der Gesellschaft abgekommen , die Musik schallte nur noch schwach nach , die Beleuchtung ging gar aus , von fern gewitterte es hin und wieder . Warum bist du so still ? sagte sie wieder . Ich weiß nicht , fuhr sie fort , ich bin heut traurig bei aller Lust , und ich könnte es auch nicht beschreiben , wie mir zumute ist . Aber ihr harten Männer achtet gar wenig darauf . - Wir kamen an eine Laube , in deren Mitte eine Gitarre auf einem Tischchen lag . Sie nahm dieselbe und fing an , ein italienisches Liedchen zu singen . Mitten in dem Liede brach sie aber wieder ab . Ach , in Italien war es doch schöner ! sagte sie , und lehnte die Stirn an meine Brust . Angelina ! rief ich , um sie zu ermuntern . Sie richtete sich schnell auf und lauschte dem Rufe wie einem alten , wohlbekannten Tone auf den sie sich nicht recht besinnen konnte . - Dann sagte sie : Ich bitte dich , singe etwas , denn mir ist zum Sterben bange ! Ich nahm die Gitarre und sang folgende Romanze , die mir in diesem Augenblick sehr deutlich durch den Sinn ging : Nachts durch die stille Runde Rauschte des Rheines Lauf , Ein Schifflein zog im Grunde , Ein Ritter stand darauf . Die Blicke irre schweifen Von seines Schiffes Rand , Ein blutigroter Streifen Sich um das Haupt ihm wand . Der sprach : » Da oben stehet Ein Schlößlein überm Rhein , Die an dem Fenster stehet : Das ist die Liebste mein . Sie hat mir Treu versprochen , Bis ich gekommen sei , Sie hat die Treu gebrochen , Und alles ist vorbei . « Ich bemerkte hier bei dem Scheine eines Blitzes , daß Angelina heftig geweint hatte und noch fortweinte . Ich sang weiter : Viel Hochzeitleute drehen Sich oben laut und bunt , Sie bleibet einsam stehen , Und lauschet in den Grund . Und wie sie tanzen munter , Und Schiff und Schiffer schwand , Stieg sie vom Schloß herunter , Bis sie im Garten stand . Die Spielleut musizierten , Sie sann gar mancherlei , Die Töne sie so rührten , Als müßt das Herz entzwei . Da trat ihr Bräut ' gam süße Zu ihr aus stiller Nacht , So freundlich er sie grüßte , Daß ihr das Herze lacht . Er sprach : » Was willst du weinen , Weil alle fröhlich sein ? Die Stern so helle scheinen , So lustig geht der Rhein . Das Kränzlein in den Haaren Steht dir so wunderfein , Wir wollen etwas fahren Hinunter auf dem Rhein . « Zum Kahn folgt ' sie behende , Setzt ' sich ganz vorne hin , Er setzt ' sich an das Ende Und ließ das Schifflein ziehn . Sie sprach : » Die Töne kommen Verworren durch den Wind , Die Fenster sind verglommen , Wir fahren so geschwind . Was sind das für so lange Gebirge weit und breit ? Mir wird auf einmal bange In dieser Einsamkeit ! Und fremde Leute stehen Auf mancher Felsenwand , Und stehen still und sehen So schwindlig übern Rand . « - Der Bräut ' gam schien so traurig Und sprach kein einzig Wort , Schaut in die Wellen schaurig Und rudert immerfort . Sie sprach : » Schon seh ich Streifen So rot im Morgen stehn , Und Stimmen hör ich schweifen , Am Ufer Hähne krähn . Du siehst so still und wilde , So bleich ist dein Gesicht , Mir graut vor deinem Bilde - Du bist mein Bräut ' gam nicht ! « - Ich bitte dich um Gottes willen , unterbrach mich hier Angelina dringend , nimm die Larve ab , ich fürchte mich vor dir . - Laß das , sagte ich abwehrend , es gibt fürchterliche Gesichter , die das Herz in Stein verwandeln , wie das Haupt der Medusa . - Ich hatte fast zu viel gesagt und griff rasch wieder in die Saiten : Da stand er auf - das Sausen Hielt an in Flut und Wald - Es rührt mit Lust und Grausen Das Herz ihr die Gestalt . Und wie mit steinern ' n Armen Hob er sie auf voll Lust , Drückt ihren schönen , warmen Leib an die eis ' ge Brust . Licht wurden Wald und Höhen , Der Morgen schien blutrot , Das Schifflein sah man gehen , Die schöne Braut drin tot . Kaum hatte ich noch die letzte Strophe geendigt , als Angelina mit einem lauten Schrei neben mir zu Boden fiel . Ich schaue ringsum und erblicke mein eigenes , leibhaftiges Konterfei im Eingange des Bosketts : dieselbe schwarze Rittermaske , die nämliche Größe und Gestalt . - Laß mein Weib , verführerisches Blendwerk der Hölle ! rief die Maske außer sich , und stürzte mit blankem Schwerte so wütend auf mich ein , daß ich kaum Zeit genug hatte , meinen eigenen Degen zu ziehn . Ich erstaunte über die Ähnlichkeit seiner Stimme mit der meinigen , und begriff nun , daß mich Angelina für diesen ihren Mann gehalten hatte . In der Bewegung des Gefechts war ihm indes die Larve vom Gesicht gefallen , und ich erkannte mit Grausen den fürchterlichen Unbekannten wieder , dessen Schreckbild mich durchs ganze Leben verfolgt . Mir fiel die Prophezeiung ein . Ich wich entsetzt zurück , denn er focht unbesonnen in blinder Eifersucht und ich war im Vorteil . Aber es war zu spät , denn in demselben Augenblicke rannte er sich wütend selber meine Degenspitze in die Brust und sank tot nieder . Mein dunkler , wilder , halb unwillkürlicher Trieb war nun erfüllt . Finsterer , als die Nacht um mich , eilte ich den Garten hinab . Ein Kahn stand unten am Ufer des Stromes angebunden . Ich stieg hinein und ließ ihn den Strom hinabfahren . Die Nacht verging , die Sonne ging auf und wieder unter , ich saß und fuhr noch immerfort . Den andern Morgen verlor sich der Strom zwischen wilden , einsamen Wäldern und Schluchten . Der Hunger trieb mich ans Land . Es war diese Gegend hier . Ich fand nach einigem Herumirren das Schloß , das ihr gesehen . Ein alter , verrückter Einsiedler wohnte damals darin , von dessen früherem Lebenslaufe ich nie etwas erfahren konnte . Es gefiel mir gar wohl in dieser Wüste und ich blieb bei ihm . Kurze Zeit darauf starb der Alte und hinterließ mir seine alten Bücher , sein verfallenes Schloß und eine Menge Goldes in den Kellern . Ich hätte nun wieder in die Welt zurückkehren können mit dem Schatze zum allgemeinen Nutzen und Vergnügen . Aber ich passe nirgends mehr in die Welt hinein . Die Welt ist ein großer , unermeßlicher Magen und braucht leichte , weiche , bewegliche Menschen , die er in seinen vielfach verschlungenen , langweiligen Kanälen verarbeiten kann . Ich tauge nicht dazu , und sie wirft solche Gesellen wieder aus , wie unverdauliches Eisen , fest , kalt , formlos und ewig unfruchtbar . « - So endigte Rudolf seine Erzählung , welche die beiden Grafen in eine nachdenkliche Stille versenkt hatte . Leontin hatte sich , als Rudolf das Schloß der Angelina beschrieb , an jenen kurzen Besuch erinnert , den er nach dem Brande mit Friedrich auf dem Schlosse der weißen Frau abgelegt , und konnte sich der Vermutung nicht erwehren , daß diese vielleicht Angelina selber war . - Es war unterdes dunkel geworden , der Mond trat eben über den einsamen Bergen hervor . » Ihr wißt nun alles , gute Nacht ! « sagte Rudolf schnell und ging von ihnen fort . Sie sahen ihm lange nach , wie sein langer , dunkler Schatten sich zwischen den hohen Bäumen verlor . Als sie wieder oben in ihrem Zimmer waren , ergriff Leontin Mariens Gitarre , die sie dort vergessen hatte , und sang über den stillen Kreis der Wälder hinaus : » Nächtlich dehnen sich die Stunden , Unschuld schläft in stiller Bucht , Fernab ist die Welt verschwunden , Die das Herz in Träumen sucht . Und der Geist tritt auf die Zinne , Und noch stiller wird ' s umher , Schauet mit dem starren Sinne In das wesenlose Meer . Wer ihn sah bei Wetterblicken Stehn in seiner Rüstung blank : Den mag nimmermehr erquicken Reichen Lebens frischer Drang . - Fröhlich an den öden Mauern Schweift der Morgensonne Blick , Da versinkt das Bild mit Schauern Einsam in sich selbst zurück . « Vierundzwanzigstes Kapitel Friedrich und Leontin vermehrten nun auch den wunderlichen Haushalt auf dem alten Waldschlosse . Der unglückliche Rudolf lag gegen beide und gegen alle Welt mit Witz zu Felde , sooft er mit ihnen zusammenkam . Doch geschah dies nur selten , denn er schweifte oft tagelang allein im Walde umher , wo er sich mit sich selber oder den Rehen , die er sehr zahm zu machen gewußt , in lange Unterredungen einzulassen pflegte . Ja , es geschah gar oft , daß sie ihn in einem lebhaften und höchst komischen Gespräche mit irgendeinem Felsen oder Steine überraschten , der etwa durch eine mundähnliche Öffnung oder durch eine weise vorstehende Nase eine eigene , wunderliche Physiognomie machte . Dabei bildeten die Narren , welche er auf seinen Streifzügen , die er noch bisweilen ins Land hinab machte , zusammengerafft , eine seltsame Akademie um ihn , alle ernsthaften Torheiten der Welt in fast schauerlicher und tragischer Karikatur travestierend . Jeder derselben hatte seine bestimmte Tagesarbeit im Hauswesen . Durch diese fortlaufende Beschäftigung , die Einsamkeit und reine Bergluft kamen viele von ihnen nach und nach wieder zur Vernunft , worauf sie dann Rudolf wieder in die Welt hinaussandte und gerührt auf immer von ihnen Abschied nahm . In Friedrich entwickelte diese Abgeschiedenheit endlich die ursprüngliche , religiöse Kraft seiner Seele , die schon im Weltleben , durch gutmütiges Staunen geblendet , durch den Drang der Zeiten oft verschlagen und falsche Bahnen suchend , aus allen seinen Bestrebungen , Taten , Poesieen und Irrtümern hervorleuchtete . Jetzt hatte er alle seine Pläne , Talentchen , Künste und Wissenschaften unten zurückgelassen , und las wieder die Bibel , wie er schon einmal als Kind angefangen . Da fand er Trost über die Verwirrung der Zeit , und das einzige Recht und Heil auf Erden in dem heiligen Kreuze . Er hatte endlich den phantastischen , tausendfarbigen Pilgermantel abgeworfen , und stand nun in blanker Rüstung als Kämpfer Gottes gleichsam an der Grenze zweier Welten . Wie oft , wenn er da über die Täler hinaussah , fiel er auf seine Knie und betete inbrünstig zu Gott , ihm Kraft zu verleihen , was er in der Erleuchtung erfahren , durch Wort und Tat seinen Brüdern mitzuteilen . - Leontin dagegen wurde hier oben ganz melancholisch und wehmütig , wie ihn Friedrich noch niemals gesehen . Es fehlte ihm hier alle Handhabe , das Leben anzugreifen . - Eines Tages , da sie beide zusammen einen ihnen bis jetzt noch unbekannten Weg eingeschlagen und sich weiter als gewöhnlich von dem Schlosse verirrt hatten , kamen sie auf einmal auf eine Anhöhe zwischen den Bäumen heraus zu einer wundervollen Aussicht , die sie innigst überraschte . Mitten in der Waldeseinsamkeit stand nämlich ein Kloster auf einem Berge ; hinter dem Berge lag plötzlich das Meer in seiner schauerlichen Unermeßlichkeit ; von der andern Seite sah man weit in das ebene Land hinaus . Es schien eben ein Fest in dem Kloster gewesen zu sein , denn lange , bunte Züge von Wallfahrern wallten durch das Grün den Berg hinab und sangen geistliche Lieder , deren rührende Weise sich gar anmutig mit den Klängen der Abendglocken vermischte , die ihnen von dem Kloster nachhallten . Leontin sah ihnen stillschweigend nach , bis ihr Gesang in der Ferne verhallte und die Gegend in dämmernde Stille versank . Dann nahm er die Gitarre , die hier überall seine Begleiterin war , und sang folgendes Lied : » Laß , mein Herz , das bange Trauern Um vergangnes Erdenglück , Ach , von dieser Felsen Mauern Schweifet nur umsonst dein Blick ! Sind denn alle fortgegangen : Jugend , Sang und Frühlingslust ? Lassen , scheidend , nur Verlangen Einsam mir in meiner Brust ? Vöglein hoch in Lüften reisen , Schiffe fahren auf der See , Ihre Segel , ihre Weisen Mehren nur des Herzens Weh . Ist vorbei das bunte Ziehen , Lustig über Berg und Kluft , Wenn die Bilder wechselnd fliehen , Waldhorn immer weiter ruft ? Soll die Lieb auf sonn ' gen Matten Nicht mehr baun ihr prächtig Zelt , Übergolden Wald und Schatten Und die weite , schöne Welt ? - Laß das Bangen , laß das Trauern , Helle wieder nur den Blick ! Fern von dieser Felsen Mauern Blüht dir noch gar manches Glück ! « Beide Freunde wurden still nach dem Liede und gingen schweigend nebeneinander wieder nach dem Schlosse zurück . Die abgefallenen Blätter raschelten schon unter ihren Tritten auf dem Boden , ein herbstlicher Wind durchstrich den seufzenden Wald und verkündigte , daß die fröhliche Sommerzeit bald Abschied nehmen wolle . Sie schienen beide besondern Gedanken und Entschlüssen nachzuhängen , die sie an jenem Platze gefaßt hatten . Als der Mond die alten Zinnen des Schlosses beleuchtete , trat Leontin auf einmal reisefertig vor Friedrich . » Ich ziehe fort « , sagte er , » der Winter kommt bald , mir ist , als läge das ganze Leben wie diese Felsen hier auf meiner Brust , und ein Strom von Tränen möchte aus dem tiefsten Herzen ausbrechen , um die Berge wegzuwälzen ; ich muß fort , ziehe du auch mit ! « - Friedrich schüttelte lächelnd den Kopf , aber im Innersten war er traurig , denn er fühlte , daß sich ihr Lebenslauf nun bedeutend und vielleicht auf immer scheiden werde . Leontin zog endlich sein Pferd hervor und führte es langsam am Zügel hinter sich her , während ihm Friedrich noch eine Strecke weit das Geleite gab . Der volle Mond ging eben über dem stillen Erdkreise auf , man konnte in der Tiefe weit hinaus den Lauf der Ströme deutlich unterscheiden . Leontin war ungewöhnlich gerührt und drang nochmals in Friedrich , mit hinunterzuziehn . » Du weißt nicht , was du forderst « , sagte dieser ernst , » locke mich nicht noch einmal hinab in die Welt , mir ist hier oben unbeschreiblich wohl , und ich bin kaum erst ruhig geworden . Dich will ich nicht halten , denn das muß von innen kommen , sonst tut es nicht gut . Und also ziehe mit Gott ! « Die beiden Freunde umarmten einander noch einmal herzlich , und Leontin war bald in der Dunkelheit verschwunden . Ihm zogen nun bald auch Vögel , Laub , Blumen und alle Farben nach . Der alte , grämliche Winter saß melancholisch mit seiner spitzen Schneehaube auf dem Gipfel des Gebirges zog die bunten Gardinen weg , stellte wunderlich nach allen Seiten die Kulissen der lustigen Bühne , wie in einer Rumpelkammer , auseinander und durcheinander , baute sich phantastisch blitzende Eispaläste und zerstörte sie wieder , und schüttelte unaufhörlich eisige Flocken aus seinem weiten Mantel darüber . Der stumme Wald sah aus wie die Säulen eines umgefallenen Tempels , die Erde war weiß , so weit die Blicke reichten , das Meer dunkel ; es war eine unbeschreibliche Einsamkeit da droben . Rudolfs seltsam verwildertem Gemüt war diese Zeit eben recht . Er streifte oft halbe Tage lang mitten im Sturm und Schneegestöber auf allen den alten Plätzen umher . Abends pflegte er häufig bis tief in die Nacht auf seiner Sternwarte zu sitzen und die Konjunkturen der Gestirne zu beobachten . Eine Menge alter astrologischer Bücher lag dabei um ihn her , aus denen er verschiedenes auszeichnete und geheimnisvolle Figuren bildete . Nach solchen Perioden machte er dann gewöhnlich wieder größere Streifzüge , manchmal bis ans Meer , wo es ihm eine eigene Lust war , ganz allein auf einem Kahne mit Lebensgefahr in die wilde , unermeßliche Einöde hinauszufahren . Bisweilen verirrte er sich auch wohl in den Tälern zu manchem einsamen Landschlosse , wenn er in der Faschingszeit die Fenster hellerleuchtet sah . Er betrachtete dann gewöhnlich draußen die Tanzenden durchs Fenster , wurde aber immer bald von dem rasenden Trompeten und Geigen wieder vertrieben . Als er einmal von so einem Zuge zurückkam , erzählte er Friedrich , er habe unten , weit von hier , einen großen Leichenzug gesehen , der sich bei Fackelschein und mit schwarzbehängten Pferden langsam über die beschneiten Felder hinbewegte . Er habe weder die Gegend , noch die Personen gekannt , die der Leiche im Wagen folgten . Aber Leontin sei bei dem Zuge , ohne ihn zu bemerken , an ihm vorübergesprengt . - Friedrich erschrak über diese düstere Botschaft . Aber er konnte nicht erraten , welchem alten Bekannten der Zug gegolten , da sich Rudolf weiter um nichts bekümmert hatte . Friedrich setzte indes noch immer seine geistlichen Betrachtungen fort . Er besuchte , sooft es nur das Wetter erlaubte , das nahgelegene Kloster , das er an Leontins Abschiedstage zum ersten Male gesehen , und blieb oft wochenlang dort . Rudolf konnte er niemals bewegen , ihn zu begleiten , oder auch nur ein einziges Mal die Kirche zu besuchen . Er fand in dem Prior des Klosters einen frommen erleuchteten Mann , der besonders auf der Kanzel in seiner Begeisterung , gleich einem Apostel , wunderbar und altertümlich erschien . Friedrich schied nie ohne Belehrung und himmlische Beruhigung von ihm , und mochte sich bald gar nicht mehr von ihm trennen . Und so bildete sich denn sein Entschluß , selber ins Kloster zu gehen , immer mehr zur Reife . Der Winter war vergangen , die schöne Frühlingszeit ließ die Ströme los und schlug weit und breit ihr liebliches Reich wieder auf . Da erblickte Friedrich eines Morgens , als er eben von der Höhe schaute , unten in der Ferne zwei Reiter , die über die grünen Matten hinzogen . Sie verschwanden bald hinter den Bäumen , bald erschienen sie wieder auf einen Augenblick , bis sie Friedrich endlich in dem Walde völlig aus dem Gesichte verlor . Er wollte nach einiger Zeit eben wieder in das Schloß zurückkehren , als die beiden Reiter plötzlich vor ihm aus dem Walde den Berg heraufkamen . Er erkannte sogleich seinen Leontin . Sein Begleiter , ein feiner , junger Jäger , sprang ebenfalls vom Pferde und kam auf ihn zu . » Setzen wir uns « , sagte Leontin gleich nach der ersten Begrüßung munter , » ich habe dir viel zu sagen . Vor allem : kennst du den ? « Hierbei hob er dem Jäger den Hut aus der Stirne , und Friedrich erkannte mit Erstaunen die schöne Julie , die in dieser Verkleidung mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand . » Wir sind auf einer großen Reise begriffen « , sagte er darauf . » Die Jungfrau Europa , die so hochherzig mit ihren ausgebreiteten Armen dastand , als wolle sie die ganze Welt umspannen , hat die alten , sinnreichen , frommen , schönen Sitten abgelegt und ist eine Metze geworden . Sie buhlt frei mit dem gesunden Menschenverstande , dem Unglauben , Gewalt und Verrat , und ihr Herz ist dabei besonders eingeschrumpft . - Pfui , ich habe keine Lust mehr an der Philisterin ! Ich reise weit fort von hier in einen andern Weltteil , und Julie begleitet mich . « - Friedrich sah ihn bei diesen Worten groß an . - » Es ist mein voller Ernst « , fuhr Leontin fort , » Juliens Vater ist auch gestorben und ich kann hier nicht länger mehr leben , wie ich nicht mag und darf . « Friedrich erfuhr nun auch , daß sie Land und alles , was sie hier besessen , zu Gelde gemacht , und ein eigenes Schiff bereits in der abgelegenen Bucht , die an das erwähnte Kloster stieß , bereitliege , um sie zu jeder Stunde aufzunehmen . - Er konnte , ungeachtet der schmerzlichen Trennung , nicht umhin , sich über dieses Vorhaben zu freuen , denn er wußte wohl , daß nur ein frisches , weites Leben seinen Freund erhalten könne , der hier in der allgemeinen Misere durch fruchtlose Unruhe und Bestrebung nur sich selber vernichtet hätte . Sie sprachen dort noch lange darüber . Julie saß unterdes still , mit dem einen Arme auf Leontins Knie gestützt , und sah überaus reizend aus . - » Seid ihr denn getraut ? « fragte Friedrich Leontin leise . - Julie hatte es dessenungeachtet gehört , und wurde über und über rot . Es wurde nun sogleich beschlossen , die Trauung noch heute in dem Kloster zu vollziehen . Man begab sich daher in das alte Schloß , die Felleisen wurden abgeschnallt und Julie mußte sich umziehen . Friedrich bereitete unterdes fröhlich alles , was sich hier schaffen ließ , zu einem lustigen Hochzeitsfeste , während Leontin , der sich in dieser Lage als feierlicher Bräutigam gar komisch vorkam , allerhand Possen machte , und die seltsamsten Anstalten traf , um das Fest recht phantastisch auszuschmücken . Endlich erschien Julie wieder . Sie hatte ein weißes Kleid , die schönen , goldenen Haare fielen in langen Locken über den Nacken und die Schultern , man konnte sie nicht ansehen ohne sich an irgendein schönes , altdeutsches Bild zu erinnern . Sie bestiegen nun alle ihre Pferde und zogen so , Julie in die Mitte nehmend , auf das Kloster zu . Als sie die letzte Höhe vor demselben erreichten , wo auf einmal das Meer durch die Wälder und Hügel seinen furchtbar großen Geisterblick hinaufsandte , tat Julie einen Freudenschrei über den unerwarteten , noch nie gehabten Anblick , und sah dann den ganzen Weg über mit den großen , sinnigen Augen stumm in das wunderbare Reich , wie in eine unbekannte , gewaltige Zukunft . Die Glockenklänge von dem Klosterturme kamen ihnen wunderbar tröstend aus der unermeßlichen Aussicht entgegen . In dem Kloster selbst war eben das Wallfahrtsfest , das alle Jahre einige Male gefeiert wurde , wiedergekehrt . Die Einsamkeit ringsherum war wieder bunt belebt , eine Menge Pilger war , als sie dort ankamen , in kleinen Haufen unter den grünen Bäumen vor der Kirche gelagert , die Kirche selbst mit Blumen und grünen Reisern freundlich geschmückt . Friedrich hatte schon früher den Prior von ihrer Ankunft benachrichtigen lassen , und so wurden denn Leontin und Julie noch diesen Vormittag in der Kirche feierlich zusammengegeben . Die Menge fremder Pilger freute sich über das fremde Paar . Nur eine hohe , junge Dame , die einen dichten Schleier über das Gesicht geschlagen hatte , lag seitwärts vor einem einsamen Altare voll Andacht auf den Knien und schien von allem , was hinter ihr in der Kirche vorging , nichts zu bemerken . Friedrich sah sie ; sie kam ihm bekannt vor . - Diese einsame Gestalt , das unaufhörliche Ringen und Brausen der Orgeltöne , der fröhliche Sonnenschein , der draußen vor der offenen Tür auf dem grünen Platze spielte , alles drang so seltsam rührend auf ihn ein , als wollte das ganze vergangene Leben noch einmal mit den ältesten Erinnerungen und lang vergessenen Klängen an ihm vorübergehen , um auf immer Abschied zu nehmen . Ihm fiel dabei recht ein , wie nun auch Leontin fortreise und wahrscheinlich nie mehr wiederkomme , und eine unbeschreibliche Wehmut bemächtigte sich seiner , so daß er ins Freie hinaus mußte . Er ging draußen unter den hohen Bäumen vor der Kirche auf und ab und weinte sich herzlich aus . Die Zeremonie war unterdes geendigt , und sie ritten wieder nach dem alten Schlosse zurück . Auf dem grünen Platze vor demselben empfing sie unter den hohen Bäumen ein reinlich gedeckter Tisch ; große Blumensträuße und vielfarbiges Obst stand in silbernen Gefäßen zwischen dem golden blickenden Wein und hellgeschliffenen Gläsern , alle das fröhlich bunte Gemisch von Farben gab in dem Grün und unter blauheiterm Himmel einen frischer lockenden Schein . Man hatte , was in dem Schlosse nicht zu finden war , schnell aus dem Kloster herbeigeschafft . Rudolf ließ sich nirgends sehen . Sie aßen und tranken nun in der grünen Einsamkeit , während der Kreis der Wälder in ihre Gespräche hineinrauschte . Julie saß still in die Zukunft versenkt und schien innerlich entzückt , daß nun endlich ihr ganzes Leben in des Geliebten Gewalt gegeben sei . So kam der Abend heran . Da sahen sie zwei Männer , die in einem lebhaften Gespräche miteinander begriffen schienen , aus dem Walde zu ihnen heraufkommen . Sie erkannten Rudolf an der Stimme . Kaum hatte ihn Julie , die schon von dem vielen Weine erhitzt war , erblickt , als sie laut aufschrie und sich furchtsam an Leontin andrückte . Es war dieselbe dunkle Gestalt , die sie aus dem Wagen bei dem Leichenzuge ihres Vaters einsam auf dem beschneiten Felde hatte stehen sehen . - » O seht , was ich da habe « , rief ihnen Rudolf schon von weitem entgegen , » ich habe im Walde einen Poeten gefunden , wahrhaftig , einen Poeten ! Er saß unter einem Baume und schmälte laut auf die ganze Welt in schönen , gereimten Versen , daß ich bis zu Tränen lachen mußte . Gib dich zufrieden , Gevatter ! sagte ich so gelind als möglich zu ihm , aber er nimmt keine Vernunft an und schimpft immerfort . « - Rudolf lachte hierbei so übermäßig und aus Herzensgrunde , wie sie ihn noch niemals gesehen . Sie hatten indes in seinem Begleiter mit Freuden den lang entbehrten Herrn Faber erkannt . Leontin sprang sogleich auf , ergriff