war , die Verbindung zurück , und so kam es , daß erst nach Theodors Tode Fürst Alexander sich mit Paolo Franceskos Tochter vermählte . Prinz Johann hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz kennen gelernt und fand an dem Jünglinge , dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte , solches Behagen , daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte . Franz war die Ursache , daß der Prinz , statt heimzukehren nach der Residenz des Bruders , nach Italien zurückging . Das ewige unerforschliche Verhältnis wollte es , daß beide , Prinz Johann und Franz , Vittorias und Pietros Tochter Giazinta sahen und beide in heftiger Liebe zu ihr entbrannten . - Das Verbrechen keimt , wer vermag zu widerstehen den dunkeln Mächten ! Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich , aber durch die Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich errettet vom ewigen Verderben , und es ist mir vergönnt , die Qualen der Verdammnis zu erdulden hier auf Erden , bis der verbrecherische Stamm verdorret ist und keine Früchte mehr trägt . Über geistige Kräfte gebietend , drückt mich die Last des Irdischen nieder , und das Geheimnis der düstern Zukunft ahnend , blendet mich der trügerische Farbenglanz des Lebens , und das blöde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern , ohne daß es die wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag ! - Ich erblicke oft den Faden , den die dunkle Macht , sich auflehnend gegen das Heil meiner Seele , fortspinnt , und glaube töricht ihn erfassen , ihn zerreißen zu können . Aber dulden soll ich und gläubig und fromm in fortwährender reuiger Buße die Marter ertragen , die mir auferlegt worden , um meine Missetaten zu sühnen . Ich habe den Prinzen und Franz von Giazinta weggescheucht , aber der Satan ist geschäftig , dem Franz das Verderben zu bereiten , dem er nicht entgehen wird . - Franz kam mit dem Prinzen an den Ort , wo sich Graf Pietro mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Aurelie , die eben fünfzehn Jahr alt worden , aufhielt . So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder Begier entbrannte , als er Angiola sah , so loderte das Feuer verbotener Lust auf in dem Sohn , als er das holde Kind Aurelie erblickte . Durch allerlei teuflische Künste der Verführung wußte er die fromme , kaum erblühte Aurelie zu umstricken , daß sie mit ganzer Seele ihm sich ergab , und sie hatte gesündigt , ehe der Gedanke der Sünde aufgegangen in ihrem Innern . Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte , da warf er sich , wie voll Verzweiflung über das , was er begangen , der Mutter zu Füßen und gestand alles . Graf Pietro , unerachtet selbst in Sünde und Frevel befangen , hätte Franz und Aurelie ermordet . Die Mutter ließ den Franz ihren gerechten Zorn fühlen , indem sie ihn mit der Drohung , die verruchte Tat dem Grafen Pietro zu entdecken , auf immer aus ihren und der verführten Tochter Augen verbannte . Es gelang der Gräfin , die Tochter den Augen des Grafen Pietro zu entziehen , und sie gebar an entfernten Orten ein Töchterlein . Aber Franz konnte nicht lassen von Aurelien , er erfuhr ihren Aufenthalt , eilte hin und trat in das Zimmer , als eben die Gräfin , verlassen vom Hausgesinde , neben dem Bette der Tochter saß und das Töchterlein , das erst acht Tage alt worden , auf dem Schoße hielt . Die Gräfin stand voller Schreck und Entsetzen über den unvermuteten Anblick des Bösewichts auf und gebot ihm , das Zimmer zu verlassen . » Fort ... fort , sonst bist du verloren ; Graf Pietro weiß , was du Verruchter begonnen ! « So rief sie , um dem Franz Furcht einzujagen , und drängte ihn nach der Türe ; da übermannte den Franz wilde , teuflische Wut , er riß der Gräfin das Kind vom Arme , versetzte ihr einen Faustschlag vor die Brust , daß sie rücklings niederstürzte , und rannte fort . Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte , war die Mutter nicht mehr am Leben , die tiefe Kopfwunde ( sie war auf einen mit Eisen beschlagenen Kasten gestürzt ) hatte sie getötet . Franz hatte im Sinn , das Kind zu ermorden , er wickelte es in Tücher , lief am finstern Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus , als er ein dumpfes Wimmern vernahm , das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu kommen schien . Unwillkürlich blieb er stehen , horchte und schlich endlich jenem Zimmer näher . In dem Augenblick trat eine Frau , welche er für die Kinderwärterin der Baronesse S. , in deren Hause er wohnte , erkannte , unter kläglichem Jammern heraus . Franz frug , weshalb sie sich so gebärde . » Ach Herr , « sagte die Frau , » mein Unglück ist gewiß , soeben saß die kleine Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte , aber mit einemmal läßt sie das Köpfchen sinken und ist tot . - Blaue Flecken hat sie auf der Stirn , und so wird man mir Schuld geben , daß ich sie habe fallen lassen ! « - Schnell trat Franz hinein , und als er das tote Kind erblickte , gewahrte er , wie das Verhängnis das Leben seines Kindes wollte , denn es war mit der toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich gebildet und gestaltet . Die Wärterin , vielleicht nicht so unschuldig an dem Tode des Kindes , als sie vorgab , und bestochen durch Franzens reichliches Geschenk , ließ sich den Tausch gefallen ; Franz wickelte nun das tote Kind in die Tücher und warf es in den Strom . Aureliens Kind wurde als die Tochter der Baronesse von S. , Euphemie mit Namen , erzogen , und der Welt blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen . Die Unselige wurde nicht durch das Sakrament der heiligen Taufe in den Schoß der Kirche aufgenommen , denn getauft war schon das Kind , dessen Tod ihr Leben erhielt . Aurelie hat sich nach mehreren Jahren mit dem Baron von F. vermählt ; zwei Kinder , Hermogen und Aurelie , sind die Frucht dieser Vermählung . Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergönnt , daß , als der Prinz mit Francesko ( so nannte er den Franz auf italienische Weise ) nach der Residenzstadt des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte , ich zu ihnen treten und mitziehen durfte . Mit kräftigem Arm wollte ich den schwankenden Francesko erfassen , wenn er sich dem Abgrunde nahte , der sich vor ihm aufgetan . Törichtes Beginnen des ohnmächtigen Sünders , der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn ! - Francesko ermordete den Bruder , nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt ! Franceskos Sohn ist der unselige Knabe , den der Fürst unter dem Namen des Grafen Viktorin erziehen läßt . Der Mörder Francesko gedachte sich zu vermählen mit der frommen Schwester der Fürstin , aber ich vermochte dem Frevel vorzubeugen in dem Augenblick , als er begangen werden sollte an heiliger Stätte . Wohl bedurfte es des tiefen Elends , in das Franz versank - nachdem er , gefoltert von dem Gedanken nie abzubüßender Sünde , entflohen - um ihn zur Reue zu wenden . Von Gram und Krankheit gebeugt , kam er auf der Flucht zu einem Landmann , der ihn freundlich aufnahm . Des Landmanns Tochter , eine fromme , stille Jungfrau , faßte wunderbare Liebe zu dem Fremden und pflegte ihn sorglich . So geschah es , daß , als Francesko genesen , er der Jungfrau Liebe erwiderte , und sie wurden durch das heilige Sakrament der Ehe vereinigt . Es gelang ihm , durch seine Klugheit und Wissenschaft sich aufzuschwingen und des Vaters nicht geringen Nachlaß reichlich zu vermehren , so daß er viel irdischen Wohlstand genoß . Aber unsicher und eitel ist das Glück des mit Gott nicht versöhnten Sünders . Franz sank zurück in die bitterste Armut , und tötend war sein Elend , denn er fühlte , wie Geist und Körper hinschwanden in kränkelnder Siechheit . Sein Leben wurde eine fortwährende Bußübung . Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des Trostes . - Er soll pilgern nach der heiligen Linde , und dort wird ihm die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkünden . In dem Walde , der das Kloster zur heiligen Linde umschließt , trat ich zu der bedrängten Mutter , als sie über dem neugebornen vaterlosen Knäblein weinte , und erquickte sie mit Worten des Trostes . - Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf dem Kinde , das geboren wird in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten ! Oftmals begibt es sich , daß das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem kindischen Gemüt den Funken der Liebe entzündet . - Die Mutter hat in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen , Franz , geben lassen ! - Wirst du es denn sein , Franziskus , der , an heiliger Stätte geboren , durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn entsündigt und ihm Ruhe schafft im Grabe ? Fern von der Welt und ihren verführerischen Lockungen , soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen zuwenden . Er soll geistlich werden . So hat es der heilige Mann , der wunderbaren Trost in meine Seele goß , der Mutter verkündet , und es mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein , die mich mit wundervoller Klarheit erleuchtet , so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der Zukunft zu erschauen vermeine . Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht , die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe ! - Er fällt , doch ein göttlich Weib erhebt über sein Haupt die Siegeskrone ! - Es ist die heilige Rosalia selbst , die ihn errettet ! - So oft es mir die ewige Macht des Himmels vergönnt , will ich dem Knaben , dem Jünglinge , dem Manne nahe sein und ihn schützen , wie es die mir verliehene Kraft vermag . - Er wird sein wie - Anmerkung des Herausgebers Hier wird , günstiger Leser , die halb erloschene Schrift des alten Malers so undeutlich , daß weiter etwas zu entziffern ganz unmöglich ist . Wir kehren zu dem Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus zurück . Dritter Abschnitt Die Rückkehr in das Kloster Es war so weit gekommen , daß überall , wo ich mich in den Straßen von Rom blicken ließ , einzelne aus dem Volk still standen und in gebeugter , demütiger Stellung um meinen Segen baten . Mocht ' es sein , daß meine strenge Bußübungen , die ich fortsetzte , schon Aufsehen erregten , aber gewiß war es , daß meine fremdartige , wunderliche Erscheinung den lebhaften phantastischen Römern bald zu einer Legende werden mußte , und daß sie mich vielleicht , ohne daß ich es ahnte , zu dem Helden irgend eines frommen Märchens erhoben hatten . Oft weckten mich bange Seufzer und das Gemurmel leiser Gebete aus tiefer Betrachtung , in die ich , auf den Stufen des Altars liegend , versunken , und ich bemerkte dann , wie rings um mich her Andächtige knieten und meine Fürbitte zu erflehen schienen . So wie in jenem Kapuzinerkloster hörte ich hinter mir rufen : il Santo ! - und schmerzhafte Dolchstiche fuhren durch meine Brust . Ich wollte Rom verlassen , doch wie erschrak ich , als der Prior des Klosters , in dem ich mich aufhielt , mir ankündigte , daß der Papst mich hätte zu sich gebieten lassen . Düstre Ahnungen stiegen in mir auf , daß vielleicht aufs neue die böse Macht in feindlichen Verkettungen mich festzubannen trachte , indessen faßte ich Mut und ging zur bestimmten Stunde nach dem Vatikan . Der Papst , ein wohlgebildeter Mann , noch in den Jahren der vollen Kraft , empfing mich , auf einem reich verzierten Lehnstuhl sitzend . Zwei wunderschöne , geistlich gekleidete Knaben bedienten ihn mit Eiswasser und durchfächelten das Zimmer mit Reiherbüschen , um , da der Tag überheiß war , die Kühle zu erhalten . Demütig trat ich auf ihn zu und machte die gewöhnliche Kniebeugung . Er sah mich scharf an , der Blick hatte aber etwas Gutmütiges , und statt des strengen Ernstes , der sonst , wie ich aus der Ferne wahrzunehmen geglaubt , auf seinem Gesicht ruhte , ging ein sanftes Lächeln durch alle Züge . Er frug , woher ich käme , was mich nach Rom gebracht - kurz das Gewöhnlichste über meine persönliche Verhältnisse , und stand dann auf , indem er sprach : » Ich ließ Euch rufen , weil man mir von Eurer seltenen Frömmigkeit erzählt . - Warum , Mönch Medardus , treibst du deine Andachtsübungen öffentlich vor dem Volk in den besuchtesten Kirchen ? - Gedenkst du zu erscheinen als ein Heiliger des Herrn und angebetet zu werden von dem fanatischen Pöbel , so greife in deine Brust und forsche wohl , wie der innerste Gedanke beschaffen , der dich so zu handeln treibt . - Bist du nicht rein vor dem Herrn und vor mir , seinem Statthalter , so nimmst du bald ein schmähliches Ende , Mönch Medardus ! « - Diese Worte sprach der Papst mit starker , durchdringender Stimme , und wie treffende Blitze funkelte es aus seinen Augen . Nach langer Zeit zum erstenmal fühlte ich mich nicht der Sünde schuldig , der ich angeklagt wurde , und so mußte es wohl kommen , daß ich nicht allein meine Fassung behielt , sondern auch von dem Gedanken , daß meine Buße aus wahrer innerer Zerknirschung hervorgegangen , erhoben wurde und wie ein Begeisterter zu sprechen vermochte : » Ihr hochheiliger Statthalter des Herrn , wohl ist Euch die Kraft verliehen , in mein Inneres zu schauen ; wohl mögt Ihr es wissen , daß zentnerschwer mich die unsägliche Last meiner Sünden zu Boden drückt , aber ebenso werdet Ihr die Wahrheit meiner Reue erkennen . Fern von mir ist der Gedanke schnöder Heuchelei , fern von mir jede ehrgeizige Absicht , das Volk zu täuschen auf verruchte Weise . - Vergönnt es dem büßenden Mönche , o hochheiliger Herr , daß er in kurzen Worten sein verbrecherisches Leben , aber auch das , was er in der tiefsten Reue und Zerknirschung begonnen , Euch enthülle ! « - So fing ich an und erzählte nun , ohne Namen zu nennen und so gedrängt als möglich , meinen ganzen Lebenslauf . Aufmerksamer und aufmerksamer wurde der Papst . Er setzte sich in den Lehnstuhl und stützte den Kopf in die Hand ; er sah zur Erde nieder , dann fuhr er plötzlich in die Höhe ; die Hände übereinander geschlagen und mit dem rechten Fuß ausschreitend , als wolle er auf mich zutreten , starrte er mich an mit glühenden Augen . Als ich geendet , setzte er sich aufs neue . » Eure Geschichte , Mönch Medardus , « fing er an , » ist die verwunderlichste , die ich jemals vernommen . - Glaubt Ihr an die offenbare , sichtliche Einwirkung einer bösen Macht , die die Kirche Teufel nennt ? « - Ich wollte antworten , der Papst fuhr fort : » Glaubt Ihr , daß der Wein , den Ihr aus der Reliquienkammer stahlt und austranket , Euch zu den Freveln trieb , die Ihr beginget ? « - » Wie ein von giftigen Dünsten geschwängertes Wasser gab er Kraft dem bösen Keim , der in mir ruhete , daß er fortzuwuchern vermochte ! « - Als ich dies erwidert , schwieg der Papst einige Augenblicke , dann fuhr er mit ernstem , in sich gekehrtem Blick fort : » Wie , wenn die Natur die Regel des körperlichen Organism auch im geistigen befolgte , daß gleicher Keim nur Gleiches zu gebären vermag ? ... Wenn Neigung und Wollen , - wie die Kraft , die im Kern verschlossen , des hervorschießenden Baumes Blätter wieder grün färbt - sich fortpflanzte von Vätern zu Vätern , alle Willkür aufhebend ? ... Es gibt Familien von Mördern , von Räubern ! ... Das wäre die Erbsünde , des frevelhaften Geschlechts ewiger , durch kein Sühnopfer vertilgbarer Fluch ! « - » Muß der vom Sünder Geborne wieder sündigen vermöge des vererbten Organism ... , dann gibt es keine Sünde « , so unterbrach ich den Papst . » Doch ! « sprach er , » der ewige Geist schuf einen Riesen , der jenes blinde Tier , das in uns wütet , zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag . Bewußtsein heißt dieser Riese , aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität erzeugt . Des Riesen Sieg ist die Tugend , der Sieg des Tieres die Sünde . « Der Papst schwieg einige Augenblicke , dann heiterte sein Blick sich auf , und er sprach mit sanfter Stimme : » Glaubt Ihr , Mönch Medardus , daß es für den Statthalter des Herrn schicklich sei , mit Euch über Tugend und Sünde zu vernünfteln ? « - » Ihr habt , hochheiliger Herr , « erwiderte ich , » Euern Diener gewürdigt , Eure tiefe Ansicht des menschlichen Seins zu vernehmen , und wohl mag es Euch ziemen , über den Kampf zu sprechen , den Ihr längst , herrlich und glorreich siegend , geendet . « - » Du hast eine gute Meinung von mir , Bruder Medardus , « sprach der Papst , » oder glaubst du , daß die Tiara der Lorbeer sei , der mich als Helden und Sieger der Welt verkündet ? « - » Es ist « , sprach ich , » wohl etwas Großes , König sein und herrschen über ein Volk . So im Leben hochgestellt , mag alles rings umher näher zusammengerückt , in jedem Verhältnis kommensurabler erscheinen , und eben durch die hohe Stellung sich die wunderbare Kraft des Überschauens entwickeln , die wie eine höhere Weihe sich kundtut im gebornen Fürsten . « - - » Du meinst , « fiel der Papst ein , » daß selbst den Fürsten , die schwach an Verstande und Willen , doch eine gewisse wunderliche Sagazität beiwohne , die füglich für Weisheit geltend , der Menge zu imponieren vermag . Aber wie gehört das hieher ? « - » Ich wollte « , fuhr ich fort , » von der Weihe der Fürsten reden , deren Reich von dieser Welt ist , und dann von der heiligen , göttlichen Weihe des Statthalters des Herrn . Auf geheimnisvolle Weise erleuchtet der Geist des Herrn die im Konklave verschlossenen hohen Priester . Getrennt , in einzelnen Gemächern frommer Betrachtung hingegeben , befruchtet der Strahl des Himmels das nach der Offenbarung sich sehnende Gemüt , und ein Name erschallt wie ein die ewige Macht lobpreisenden Hymnus von den begeisterten Lippen . - Nur kund getan in irdischer Sprache wird der Beschluß der ewigen Macht , die sich ihren würdigen Statthalter auf Erden erkor , und so , hochheiliger Herr , ist Eure Krone , im dreifachen Ringe das Mysterium Eures Herrn , des Herrn der Welten , verkündend , in der Tat der Lorbeer , der Euch als Helden und Sieger darstellt . - Nicht von dieser Welt ist Euer Reich , und doch seid Ihr berufen zu herrschen über alle Reiche dieser Erde , die Glieder der unsichtbaren Kirche sammelnd unter der Fahne des Herrn ! - Das weltliche Reich , das Euch beschieden , ist nur Euer in himmlischer Pracht blühender Thron . « - » Das gibst du zu , « unterbrach mich der Papst , - » das gibst du zu , Bruder Medardus , daß ich Ursache habe , mit diesem mir beschiedenen Thron zufrieden zu sein . Wohl ist meine blühende Oma geschmückt mit himmlischer Pracht , das wirst du auch wohl fühlen , Bruder Medardus , hast du deinen Blick nicht ganz dem Irdischen verschlossen ... Doch das glaub ' ich nicht ... Du bist ein wackrer Redner und hast mir zum Sinn gesprochen ... Wir werden uns , merk ' ich , näher verständigen ! ... Bleibe hier ! ... In einigen Tagen bist du vielleicht Prior , und später könnt ' ich dich wohl gar zu meinem Beichtvater erwählen ... Gehe ... gebärde dich weniger närrisch in den Kirchen , zum Heiligen schwingst du dich nun einmal nicht hinauf - der Kalender ist vollzählig . Gehe . « - Des Papstes letzte Worte verwunderten mich ebenso wie sein ganzes Betragen überhaupt , das ganz dem Bilde widersprach , wie es sonst von dem Höchsten der christlichen Gemeinde , dem die Macht gegeben zu binden und zu lösen , in meinem Innern aufgegangen war . Es war mir nicht zweifelhaft , daß er alles , was ich von der hohen Göttlichkeit seines Berufs gesprochen , für eine leere listige Schmeichelei gehalten hatte . Er ging von der Idee aus , daß ich mich hatte zum Heiligen aufschwingen wollen und daß ich , da er mir aus besondern Gründen den Weg dazu versperren mußte , nun gesonnen war , mir auf andere Weise Ansehn und Einfluß zu verschaffen . Auf dieses wollte er wieder aus besonderen mir unbekannten Gründen eingehen . Ich beschloß - ohne daran zu denken , daß ich ja , ehe der Papst mich rufen ließ , Rom hatte verlassen wollen - meine Andachtsübungen fortzusetzen . Doch nur zu sehr im Innern fühlte ich mich bewegt , um wie sonst mein Gemüt ganz dem Himmlischen zuwenden zu können . Unwillkürlich dachte ich selbst im Gebet an mein früheres Leben ; erblaßt war das Bild meiner Sünden , und nur das Glänzende der Laufbahn , die ich als Liebling eines Fürsten begonnen , als Beichtiger des Papstes fortsetzen und wer weiß auf welcher Höhe enden werde , stand grell leuchtend vor meines Geistes Augen . So kam es , daß ich , nicht weil es der Papst verboten , sondern unwillkürlich meine Andachtsübungen einstellte und statt dessen in den Straßen von Rom umherschlenderte . Als ich eines Tages über den spanischen Platz ging , war ein Haufen Volks um den Kasten eines Puppenspielers versammelt . Ich vernahm Pulcinells komisches Gequäke und das wiehernde Gelächter der Menge . Der erste Akt war geendet , man bereitete sich auf den zweiten vor . Die kleine Decke flog auf , der junge David erschien mit seiner Schleuder und dem Sack voll Kieselsteinen . Unter possierlichen Bewegungen versprach er , daß nunmehr der ungeschlachte Riese Goliath ganz gewiß erschlagen und Israel errettet werden solle . Es ließ sich ein dumpfes Rauschen und Brummen hören . Der Riese Goliath stieg empor mit einem ungeheuern Kopfe . - Wie erstaunte ich , als ich auf den ersten Blick in dem Goliathskopf den närrischen Belcampo erkannte . Dicht unter dem Kopf hatte er mittelst einer besondern Vorrichtung einen kleinen Körper mit Ärmchen und Beinchen angebracht , seine eigenen Schultern und Arme aber durch eine Draperie versteckt , die wie Goliaths breit gefalteter Mantel anzusehen war . Goliath hielt mit den seltsamsten Grimassen und groteskem Schütteln des Zwergleibes eine stolze Rede , die David nur zuweilen durch ein feines Kickern unterbrach . Das Volk lachte unmäßig , und ich selbst , wunderlich angesprochen von der neuen fabelhaften Erscheinung Belcampos , ließ mich fortreißen und brach aus in das längst ungewohnte Lachen der innern kindischen Lust . - Ach , wie oft war sonst mein Lachen nur der konvulsivische Krampf der innern herzzerreißenden Qual . Dem Kampf mit dem Riesen ging eine lange Disputation voraus , und David bewies überaus künstlich und gelehrt , warum er den furchtbaren Gegner totschmeißen müsse und werde . Belcampo ließ alle Muskeln seines Gesichts wie knisternde Lauffeuer spielen , und dabei schlugen die Riesenärmchen nach dem kleiner als kleinen David , der geschickt unterzuducken wußte und dann hie und da , ja selbst aus Goliaths eigner Mantelfalte zum Vorschein kam . Endlich flog der Kiesel an Goliaths Haupt , er sank hin , und die Decke fiel . Ich lachte immer mehr , durch Belcampos tollen Genius gereizt , überlaut , da klopfte jemand leise auf meine Schulter . Ein Abbate stand neben mir . » Es freut mich , « fing er an , » daß Ihr , mein ehrwürdiger Herr , nicht die Lust am Irdischen verloren habt . Beinahe traute ich Euch , nachdem ich Eure merkwürdige Andachtsübungen gesehen , nicht mehr zu , daß Ihr über solche Torheiten zu lachen vermöchtet . « Es war mir so , als der Abbate dieses sprach , als müßte ich mich meiner Lustigkeit schämen , und unwillkürlich sprach ich , was ich gleich darauf schwer bereute , gesprochen zu haben . » Glaubt mir , mein Herr Abbate , « sagte ich , » daß dem , der in dem buntesten Wogenspiel des Lebens ein rüstiger Schwimmer war , nie die Kraft gebricht , aus dunkler Flut aufzutauchen und mutig sein Haupt zu erheben . « Der Abbate sah mich mit blitzenden Augen an . » Ei , « sprach er , » wie habt Ihr das Bild so gut erfunden und ausgeführt . Ich glaube Euch jetzt zu kennen ganz und gar und bewundere Euch aus tiefstem Grunde meiner Seele . « » Ich weiß nicht , mein Herr , wie ein armer büßender Mönch Eure Bewunderung zu erregen vermochte ! « » Vortrefflich , Ehrwürdigster ! - Ihr fallt zurück in Eure Rolle ! - Ihr seid des Papstes Liebling ? « » Dem hochheiligen Statthalter des Herrn hat es gefallen , mich seines Blicks zu würdigen . - Ich habe ihn verehrt im Staube , wie es der Würde , die ihm die ewige Macht verlieh , als sie himmlisch reine Tugend bewährt fand in seinem Innern , geziemt . « » Nun , du ganz würdiger Vasall an dem Thron des dreifach Gekrönten , du wirst tapfer tun , was deines Amtes ist ! - Aber glaube mir , der jetzige Statthalter des Herrn ist ein Kleinod der Tugend gegen Alexander den Sechsten , und da magst du dich vielleicht doch verrechnet haben ! - Doch - spiele deine Rolle - ausgespielt ist bald , was munter und lustig begann . - Lebt wohl , mein sehr ehrwürdiger Herr ! « Mit gellendem Hohngelächter sprang der Abbate von dannen , erstarrt blieb ich stehen . Hielt ich seine letzte Äußerung mit meinen eignen Bemerkungen über den Papst zusammen , so mußte es mir wohl klar aufgehen , daß er keinesweges der nach dem Kampf mit dem Tier gekrönte Sieger war , für den ich ihn gehalten , und ebenso mußte ich auf entsetzliche Weise mich überzeugen , daß wenigstens dem eingeweihten Teil des Publikums meine Buße als ein heuchlerisches Bestreben erschienen war , mich auf diese oder jene Weise aufzuschwingen . Verwundet bis tief in das Innerste , kehrte ich in mein Kloster zurück und betete inbrünstig in der einsamen Kirche . Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen , und ich erkannte bald die Versuchung der finstern Macht , die mich aufs neue zu verstricken getrachtet hatte , aber auch zugleich meine sündige Schwachheit und die Strafe des Himmels . - Nur schnelle Flucht konnte mich retten , und ich beschloß mit dem frühesten Morgen mich auf den Weg zu machen . Schon war beinahe die Nacht eingebrochen , als die Hausglocke des Klosters stark angezogen wurde . Bald darauf trat der Bruder Pförtner in meine Zelle und berichtete , daß ein seltsam gekleideter Mann durchaus begehre mich zu sprechen . Ich ging nach dem Sprachzimmer , es war Belcampo , der nach seiner tollen Weise auf mich zusprang , bei beiden Armen mich packte und mich schnell in einen Winkel zog . » Medardus , « fing er leise und eilig an , » Medardus , du magst es nun anstellen , wie du willst , um dich zu verderben , die Narrheit ist hinter dir her auf den Flügeln des Westwindes - Südwindes oder auch Süd-Südwest - oder sonst und packt dich , ragt auch nur noch ein Zipfel deiner Kutte hervor aus dem Abgrunde , und zieht dich herauf - O Medardus , erkenne das - erkenne , was Freundschaft ist , erkenne , was Liebe vermag , glaube an David und Jonathan , liebster Kapuziner ! « - » Ich habe Sie als Goliath bewundert , « fiel ich dem Schwätzer in die Rede , » aber sagen Sie mir schnell , worauf es ankommt - was Sie zu mir hertreibt ? « - » Was mich hertreibt ? « sprach Belcampo , » was mich hertreibt ? - Wahnsinnige Liebe zu einem Kapuziner , dem ich einst den Kopf zurechtsetzte , der umherwarf mit blutiggoldenen Dukaten - der Umgang hatte mit scheußlichen Revenants - der , nachdem er was weniges gemordet hatte - die Schönste der Welt heiraten wollte , bürgerlicher-oder vielmehr adligerweise . « - » Halt ein , « rief ich , » halt ein , du grauenhafter Narr ! Gebüßt habe ich schwer , was du mir vorwirfst im freveligen Mutwillen . « - » O Herr , « fuhr Belcampo fort , » noch ist die Stelle so empfindlich , wo Euch die feindliche Macht tiefe Wunden schlug ? - Ei , so ist Eure Heilung noch nicht vollbracht . - Nun ich will sanft und ruhig sein wie ein frommes Kind , ich will mich bezähmen , ich will nicht mehr springen , weder körperlich noch geistig , und Euch , geliebter Kapuziner , bloß sagen , daß ich Euch hauptsächlich Eurer sublimen Tollheit halber so zärtlich liebe , und da es überhaupt nützlich ist , daß jedes tolle Prinzip so lange lebe und gedeihe auf Erden , als nur immer möglich ,