aus einem chinesischen Romane und es sogleich übersetzt . Lachend habe er ihm darauf gesagt , es sei aber ein bloßer Umschlag vom Tusch . Ohne in Verwirrung zu geraten , versicherte hierauf der Doktor , die Chineser pflegten , um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu verbreiten , die gewöhnlichsten Bedürfnisse darin einzuwickeln . - Der andre gestand vieles zu , versicherte aber , daß er dessen ungeachtet einer der wohltätigsten Ärzte sei , ohne Eigennutz , und fast immer glücklich , besonders bei gemeinen Leuten , die alle an ihn glaubten ; wahr sei es , daß er zwar mit seinen Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei , daß er aber alles bis dahin um so genauer kenne . Der Graf fragte hierauf nach dem unsichtbaren Mädchen , das sich bei ihm hören lasse . - » Ja « , sagte einer , » damit hat er unsrer Stadt große Freude gemacht ; die wurde hier stark besucht und keiner konnte das Wunder begreifen ; da kaufte er die ganze Geschichte von dem Herzoge , der sie herumführte , niemand weiß für wieviel , und zeigte uns nachher , wie alles durch eine Röhre im Fußboden veranstaltet werde , die aus dem Nebenzimmer , wo das Mädchen verborgen , durch das Gitter in die Trompete blase , daß der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine . Nun sitzt ihm das Mädchen und ihr Bruder auf dem Halse ; vielleicht beerben sie ihn . « - » Wird man leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen ? Ich wär doch neugierig sie kennen zu lernen « , fragte der Graf . - » Sehr leicht « , rief einer , » man muß sich nur notleidend anstellen , das Mädchen tut gerne Gutes ; schön ist sie aber nicht , wie ich erst dachte . Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors ; es ist das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt . « - Der Graf wollte eben aufstehen und zu der Unbekannten eilen , als ein Fremder ziemlich erhitzt ins Zimmer trat , der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich , und im Hereintreten Hut und Perücke in den Winkel warf . - » Lenardo « , riefen ihm alle entgegen , auch der Graf ihn gleich erkannte , » hast du nichts mehr zu trinken auf deiner Pfarre , kommst du wieder Brüderchen ? « - Wir erinnern uns seiner aus Hollins Geschichte , dessen Untergang er ohne Absicht veranlasset , oder der ihn vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand . » Prost ihr Herren ! « sagte Lenardo , » guten Tag lieber Graf , ein andermal umarm ich euch , jetzt bin ich zu heiß ; ja mit meiner Pfarre ist es aus ; bestellt mir doch meinen Schneider , Herr Wirt , er soll mir einen Burschenrock machen . « - » Was heißt denn das « , fragte einer , » bringst du deine Frau auch mit auf Universitäten ; da werd ich dein Stubenkamerad . « - » Sprecht mir nicht von der « , sagte Lenardo , » mit der war ' s nichts , zum Glück waren wir noch nicht verheiratet . « - » Erzählt doch Alter « , riefen viele . - LENARDO : » Was soll ich erzählen , es ist vorbei ; die Divina habt ihr doch noch hier gesehen , ein schönes Weibsbild , das war meine Braut . Ich lernte sie im Städtchen kennen , als ich meinen Hafer verkaufte ; der Hafer stach mich , ich verliebte mich , ich überredete sie und entführte sie dem prächtigen Herzoge . Das ging alles gut , ich brachte sie in mein Pfarrhaus , gab sie für eine Verwandte aus , die ich heiraten würde und die ich vorläufig zur Führung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen . Ihr habt mich nie verliebt gesehen ? « - » O ja alle Tage « , sagte einer . - » Diesmal « , fuhr er fort , » war ich ganz anders verliebt , ich wagte meine Schöne nicht anders als mit Handschuhen anzufassen ; denkt euch , ich machte Verse ; es bekam mir nicht sonderlich , sie wurde aber ganz krank dabei . Ihr wißt vielleicht nicht , daß sie ochsendumm war ? « - » Wer sollte das nicht wissen « , sagte einer , » mich hat sie gefragt , ob die Brotkrümeln nicht ausgesät würden , um wieder Brot zu bekommen . « - LENARDO : » Das sieht ihr ganz ähnlich . Nun wurde sie krank ; ich verzweifle , hole unsern Kreisdoktor Traupel ; der Mann fühlt den Puls , berührt die Haut , verhält den Atem , daß ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und dann bläst er langsam , als bliese er am Lotrohre , mir entgegen ; meine Braut habe die Wassersucht , doch hoffe er sie zu kurieren . Denkt euch meine Wut , ich spare kein Geld , alle zwei Tage lasse ich ihn holen ; aber das hilft nicht , die Jungfer Braut wird immer stärker ; ich hole ihr alle Tage Gesellschaft , die Prediger in der Nähe , die mir so viel Kaffee und Bier austrinken , daß mir die Haare ausgehen möchten . « - Der Graf wollte sich hier fort schleichen , aber Lenardo rief ihm nach : » Wart doch Graf , jetzt kommt das Beste . Wir sitzen einmal , ich , zwei Prediger , ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen ; meine Braut schien so beängstiget , als wenn sie jeden Augenblick ersticken müßte . Sollte ihr das Punktieren nicht helfen ? fragte ich wieder den verfluchten Traupel ; er antwortete mir sehr bedeutsam : Sie sprechen vom Helfen , der Arzt ist nur zum Erkennen und Erleichtern des Übels gesetzt ; erleichtern kann ich sie wohl durch Punktieren , aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann ihr geholfen werden . Hört nur , die beiden Ausdrücke brachten mich ganz von Sinnen ; ich dachte mir , er würde sie wie einen Handschuh umkehren , um sie in Ordnung zu bringen ; vielleicht machten ' s auch die auf dem Ofen langsam schmorenden Krankensuppen , genug es ging alles mit mir um , und die Tränen stürzten mir aus den Augen . « - » Das hätte ich sehen mögen , wie du geweint hast « , riefen viele . - LENARDO : » Wahrhaftig , ich weinte , drei Bauerweiber haben ' s auch noch gesehen , die mit ihren zehnfachen Röcken in die Stube wackelten , mir vom Kindtaufschmause etwas zu verehren . Die gaben auch ihren guten Rat , sprachen von einem Scharfrichter , der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht gebe . Traupel ergrimmte über den Quacksalber , der seine wenigen Mittel ohne richtige Erkenntnis der Krankheit austeile . - Wie er so demonstrierte , wurden wir durch ein ängstliches Geschrei der Kranken erschreckt ; ich glaubte , sie ersticke , hielt mir beide Ohren zu , laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und drücke den Kopf endlich gegen die Wand . Die Zeit wird mir lang in dieser Stellung ; ich sehe mich um , denkt euch , da hat sich alles verändert ; die Prediger lachen , der Arzt ist ganz still ; die Frauen sind alle am Bette beschäftigt : Was ist ? fragte ich . In dem Augenblicke hör ich vom Bette her ein kleines Kind schreien ; ich springe hin , da liegt das kleine Unwesen , meine Braut war sehr glücklich entbunden . « - Alle lachten laut auf . - LENARDO : » Ja ihr habt wohlfeil lachen , mir kostete der Spaß meine Pfarre , alle Leute wiesen mit Fingern auf mich , der Skandal war zu groß , auch war ich schon vorher durch mein Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen ; was half ' s , daß ich mich für unschuldig erklärte ; denkt euch , das Mädchen war so ochsendumm , sie hatte von ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt , sonst wär es ja leicht zu verheimlichen gewesen , das Kind war vom Herzoge . In meiner Gutmütigkeit verzeih ich ihr alles ; aber nun denkt euch noch den Spektakel in meinem Hause . Ich sollte alles tun , das Kind wiegen , die Mutter aufwarten ; das war auf Ehre ein Leben , ich wette darauf , ein andrer hätte sich nicht so genommen . An einem schönen Tage , schickte der verteufelte Herzog , an den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben , seinen Kammerdiener in einer Kutsche ; da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt . Nach ihrer Abreise war mir meine Kabache ganz verhaßt ; ich vermöbelte alles , was ich noch hatte , schrieb ans Konsistorium , daß ich noch studieren müsse , da ich jetzt fühle meine Unwissenheit . Nun bin ich so fidel wie vorher , habe meinen halbjährigen Wechsel , will noch einmal Exegese hören , der Herr Vater wird weiter sorgen , bin ja sein einzig Kind seit meiner lieben Schwester Tode . « - Der Graf wollte wieder fortgehen . - LENARDO : » Wohin Graf ? « - GRAF : » Zum unsichtbaren Mädchen . « - LENARDO : » Gut , sag ihr doch , wie es ihrer Schwester ergangen ; meine Braut war ihre Schwester , oder sonst so was , ich habe nie recht nachgefragt , sie waren lange zusammen bei den spanischen Reitern . « - GRAF : » Ich werde alles bestellen . « Er wollte » Prost « sagen , aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge kleben . Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Mädchen und wurde leicht eingelassen ; ein schlankes , aber kränklich blasses Mädchen empfing ihn , so daß er erst bei ihrer schönen Stimme sie für dieselbe erkannte , die ihn unsichtbar gerührt hatte . Sie war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bücher um sich liegen . Der Graf erklärte ihr , sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben , das ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflößt habe ; er würde es sich für ein Glück achten , es zu erleichtern . Arnika antwortete , daß er ihr in nichts , in gar nichts helfen könne ; sie wolle ihm ihr Schicksal , da sie allein wären , ganz erzählen , um ihn davon zu überzeugen . Wir wollen es in möglicher Kürze zusammenziehen . Arnika Montana ist die Tochter eines italienischen Kunstreiters , der seine meiste Zeit in Deutschland zugebracht hat ; sie selbst ist unter dem Namen Angelique allgemein bewundert worden , doch mehr wegen ihrer Geschicklichkeit , als wegen ihrer Schönheit , welche Divina , einer andern Reiterin viel reichlicher geschenkt war . Ihr Vater kaufte das Geheimnis des unsichtbaren Mädchens ; der Zulauf dieser neuen Kunst und die geringen Unkosten und Mühe dabei veranlaßten ihn , seine Pferde und Gesellschaft abzudanken ; Arnika mußte bei ihrem Witze und ihrer schönen Stimme mit den Zuschauern reden ; Divina , die sehr dumm war , und eine rauhe männliche Stimme in ihrem weichen Munde verschloß , spielte die schöne Stumme und zog durch ihre Schönheit vielleicht so viele Zuschauer herbei , als jene durch ihr Wunder der Unsichtbarkeit . Ein Sizilianer , der Herzog von D ... , kaufte durchreisend die beiden Mädchen und den Apparat vom Vater und trieb damit seine Späße , einen großen Hof auf allerlei Art zu necken . In einigen Tagen des Müßiggangs machte er Divina sich ganz ergeben ; er wußte , daß er sie verführen konnte , zur Verführung war sie ihm noch zu einfältig . - Bei dieser Stelle unterbrach Arnika ihre Rede und fragte den Grafen , woher er den Karneol an seinem Finger habe ; der Herzog habe ihn damals getragen ; dies habe ihre große Offenherzigkeit veranlaßt , und ihren Wunsch , sich ganz zu erklären . Der Graf sagte , daß der Herzog sein Schwager sei , den er aber nach den Briefen von dessen Frau für einen sehr rechtschaffenen strenggesitteten Mann halte ; der Ring sei ein Geschenk von dessen Vetter , dem Marchese P ... - Sie erzählte darauf mit Achselzucken , daß sie an seiner Rechtlichkeit zweifeln müsse . - Sie gestand , daß der Herzog sie ihrem Falle sehr nahe gebracht , wenn nicht der Eintritt Florios , des Flötenspielers auf einmal ihre ganze Leidenschaft ergriffen und bestimmt hätte . Er ist der Sohn eines reichen Kaufmanns und kam aus Neugierde mit andern Handlungsdienern , die Maschine zu sehen ; Arnika erblickte ihn aus dem Nebenzimmer und konnte sich nicht enthalten , zu ihm so artig , so witzig zu reden , wie sie seit der Zeit in ernsten Leiden ganz verlernt . Florio wurde ganz von ihrer Stimme ergriffen ; gleich darauf trat Divina herein und ihre Schönheit ergriff ihn mit gleicher Stärke ; er konnte nicht los und seine Liebe schmeichelte ihm , beide wären eins , ein und dieselbe , weil die stumme Schönheit immer erst dann in das Fremdenzimmer kam , wenn der unsichtbare Verstand zu reden aufgehört hatte . - » Mein werter Freund « , unterbrach sich hier Arnika , » warum müssen sich doch oft Geist und Körper , deren Zusammenhang mit einander den Weisesten selbst unbegreiflich , im Leben so oft getrennt sehen und nach einander schmachten ; mit welcher Sehnsucht betrachtete ich oft die schönen Züge unsrer Divina und soll ich aufrichtig sein , ich hätte gern aufgehört , geistreich zu sein , hätte ich recht schön dadurch werden können . « - Der Graf sagte ihr ernsthaft , daß er es für frevelhaft halte , bei einer angenehmen Bildung nach Schönheit zu verlangen ; denn mit gleichem Rechte würde dann die Schönheit nach Dauer streben und überhaupt der einzelne nach allem . - » Sie haben recht « , antwortete Arnika , » aber ich habe wohl ein Recht , zu vermissen , wodurch ich so viel verloren ; und dann mußte ich es sagen , wenn ich Ihnen ein Lied Florios mitteilen wollte , das er mir leise in die silberne Trompete des Glaskästchens an einem schönen Frühlingsabende sang , und das so laut mit tausend Lebenswellen an meinem Herzen widerschlug , als schiffte es darauf in die goldene Abendruhe . Das Lied entrollte seinem Selbstgespräche , er wußte nichts davon , nachdem er wohl zwei Stunden neben der stummen Divina gesessen , ohne es zu wagen , Liebe zu gestehen , ungeachtet er mit dem festen Entschlusse dazu angekommen . Die Uhr der Liebe Wie die Stunden rennen Mir an Liebchens Seit , Auf der Zunge brennen Lieb und Heimlichkeit ; Soll ich ihr bekennen , Was im Herzen brennt , Und wie soll ich nennen , Was sie noch nicht kennt ? Herz sei doch zufrieden , Sie still anzusehn , Würden wir geschieden , Müßtest du vergehn ; Schweige , noch hienieden Ward es nicht so schön , Daß in sel ' gem Frieden Zweie sich ansehn . Die Wonne meines Gefühls , überschwenglich wie nimmer wieder , mußte sich Luft machen ; ich sang ihm leise durch die Trompete zu , immer in dem Wahne , mir allein sei seiner Liebe Feuer gewonnen : Wie die Stunden schleichen Fern von ihm verbracht , Gib ein einzig Zeichen , Sternenhelle Nacht , Gib ein einzig Zeichen , Ob er wieder liebt , Frühling will verstreichen Und kein Zeichen gibt . Und die Sterne lachen Mich zum Hohne an , Und der Mondennachen Mir nicht helfen kann ; Ruhlos treibt der Nachen Durch die Sterne hin , Herz , auch du mußt wachen , Schlafen wär Gewinn . Herz , du könntest träumen Eine Fahrt so schön , Sähst zu sel ' gen Räumen In der Nacht Getön ; Nachtigall auf Bäumen , Dich versteh ich nun , Willst das Feld nicht räumen , Kannst darin nicht ruhn . « Kaum hörte Florio diese leisen Verse der Arnika zu Ende , rief er seine Liebe so laut aus , daß sie schaudernd davor erschreckte und ohne sich halten zu können , aus dem Nebenzimmer , wo sie immer verborgen gewesen , in die Versammlung und um den Hals Florios stürzte , wo sie halbohnmächtig liegen blieb . Florio taumelte ; es war die Stimme , die er liebte , aber nicht die Gestalt , nicht Divina , und wäre sie schöner gewesen , es war nicht Divina ; aber nur einmal kann dem Menschen diese Fülle der Liebe werden , er konnte sich ihr nicht offenbaren in diesen heiligen Augenblicken gänzlicher Hingebung , er hätte sie getötet . Aber nur diesen Abend konnte sich ihr scharfer Blick täuschen , sich ganz geliebt zu glauben ; er wollte sie ganz lieben , der stille Zwang in ihm wurde zu einem festen Eigensinne , ja zum Wahnsinne , ihr nie einzustehen , was sie bald lebendig fühlte . Der Schmerz über diese harte Scheidung des Schicksals , vielleicht auch schon früher die Veränderung ihrer anstrengenden Lebensweise als Kunstreiterin mit dem eingezognen Stubensitzen als unsichtbares Mädchen , nagten an der Rose ihrer Wangen . Der Herzog , besorgt um sie , wollte sie in andre Luft führen ; Florio reiste ihnen nach und flehte so lange , bis der Herzog ihm erlaubte mit zwei Maschinen , die er erfunden , einer fressenden Ente und einem scheinbaren Flötenspieler , der den Grafen den Abend getäuscht hatte , während Florio selbst im Nebenzimmer die Flöte blies , den wunderlichen Zug zu vermehren . Der Herzog aber , der sich von diesen sonderbaren Verhältnissen ein eignes Vergnügen erwartet hatte , fand jetzt nur langweiliges Sehnen in der Gesellschaft . Die dumme Divina fing an , den Florio ebenfalls lieb zu gewinnen : so kam ihr die Sprache , aber welche Sprache , welche Gesinnungen ! Florio rieb sich die Ohren , ob es ihm drinnen nur brause , als sie ihm zärtlich zusprach , und so verschwand das , was ihn zweifelnd zwischen beide gestellt ; die Schönheit schien ihm eine falsche Schminke , doch ließ sich ihre Lust nicht übertragen . Er selbst klagte seiner Arnika dieses Vergehen der Schönheit vor ihm in einigen rührenden Worten : Ich liebte sie , Verschlossen war sie , stille ; Und ihrer Schönheit Fülle Versiegte nie . Der Blume gleich , Glaubt ich die Welt verstecket , Wo nie ein Ton erwecket , Ihr Herz wie reich . Du liebe Zeit , Da fängt sie an zu sprechen , Will mir das Herze brechen , Ach , wie sie schreit ; Ich fühl mich arm , Nun sie sich reicher fühlet , Wie ist mein Herz erkühlet , Was einst so warm . So sang Florio oft , und schwor seiner Arnika eine ungeteilte Liebe . Den Grafen ärgerte das Lied ; er wußte erst nicht warum ; ihm fiel glühend heiß in den Sinn , daß er bei ähnlicher Veranlassung , als er Dolores wiedergesehen , von einem gleichen Eindrucke ergriffen worden sei , und dann fiel ihm ein , was ihm selbst alles fehle , und er seufzte : » Die Menschen sind nur schön und herrlich und vollkommen in den Gedanken andrer , darum sei unser Streben , in andern gut zu leben . « Mit hastigen Schritten ging er auf und nieder , setzte sich an ein kleines Klavier und sang mit beengter Stimme : Wenig Töne sind verliehen Meinem Herzen , Viele Schmerzen Drin verglühen ! O Vogelsang Der wildentbrannten Weisen , Ich muß dich höher preisen , Nun ich so bang . Was da bleibet unverleidet , Find ich immer ; Immer , nimmer , Was verliebet und verscheidet , Schöne Töne ! » Sie sind unglücklich , mein werter Herr « , sagte Arnika , und er beugte sich nieder , weinte , und ihre Hände deckten ihn , und ihm ward wieder einmal ganz wohl und leicht . » Können Sie mir Ihren Schmerz vertrauen « , fragte sie , » ich weiß mit Schmerzen umzugehen . « - » Nein « , antwortete der Graf sehr milde , und sie erzählte weiter . Die Hoffnungen der guten Arnika ihren Florio nun ganz und ungeteilt zu besitzen , erfüllten sich nicht ; die eine Hälfte seiner Liebe war untergegangen an ihrem Gegenstande , aber nicht in sich , und er füllte diese Neigung zu wunderbarer Schönheit mit wunderbaren Spekulationen über die fremdartigsten , entlegensten , göttlich-menschlichen Verhältnisse . Der Herzog , der mit Mystik , Geisterbeschwörung und Alchemie nur spielte , führte sein ernstes Nachdenken hinein ; er brachte ihn auf der Reise zu dem wunderbaren Doktor , dessen Hausgenossen sie beide geblieben , nachdem es ihm unmöglich geworden , sich von dessen Sammlungen und magischen Büchern zu trennen . Der Herzog hatte sie beide dem Doktor übergeben , weil seine Langeweile in ihrer Gesellschaft erwachte : diese Höllenpein , die ihn wie einen Verfluchten durch die Welt trieb . Divina hatte er mit sich genommen , die von Florios Verschmähung tief gekränkt worden . Hier ereignete es sich , daß Arnika in der Furcht , Florio möchte über die Bücher seinen Verstand verlieren , während seines Schlafes sie alle verbrannt hatte ; seitdem sprach er nie mehr , sondern sang , und war der festen Überzeugung , daß er bei dem Alten so lange zur Maschine geworden sei , bis er die Bücher wiedergeschafft ; gewiß war es , der Alte machte große Forderungen dafür an beide , um sich dadurch länger ihre Merkwürdigkeit zu erhalten . Der Graf erbot sich vergebens mit anständigem Wohlwollen diese Schuld zu übernehmen ; Arnika antwortete ihm immer verbindlich : » Sie können uns nicht helfen , Gott allein kann uns helfen ; ich bin meinem Schicksale unterworfen , und Florio hat auch recht in sich ; wo wir wären , würde uns das Unabänderliche in unserm Verhältnisse drücken ; ihn zerstreuen hier Studien , mich die Einsamkeit ; ich sammle die schönen Blitze seiner Empfindung , die ihm das Jugendland erhellen ; mich sammeln einige fromme Bücher , die mir ganz genügen . Der Alte flüchtet sich zu uns , wenn er in den wunderlichen Kreisen seiner Maschinen und Versuche sich verwirrt und sie ihm übermächtig werden ; ich kenne hier viele Unglückliche , die meines Trostes bedürfen , denen ich in ihrer Sprache zu reden weiß ; die Welt ist so reich und prächtig für jeden , der sie fassen kann . « - Der Graf erzählte ihr jetzt das Schicksal der Divina mit Lenardo ; sie weinte darüber , und sagte : » Gott wird ihr verzeihen , sie ist so sehr dumm . « Der Graf fragte sie : » Warum wollen Sie mich nicht trösten , warum kommen Sie nicht mit mir ? « - Sie antwortete : » Sie werden noch viel überstehen , vieles , wobei ich Ihnen nicht helfen kann , und wo mein Trost von Ihnen nicht gehört werden würde ; Sie haben einen schönen Grund in Ihrem Herzen , dort sind auch Ihre Fehler : denken Sie immer daran , daß eines Augenblicks Fehler Jahre voll guter Taten zertrümmern kann ; je höher eine Tanne , je mehr Samen unter ihr aufgegangen , je mehr junge Bäume kann sie niederstürzen , zerschmettern . Hüte dich , du grünes Holz . « - Der Graf fand sich von Ahndungen umlagert ; wieder drückte er seinen Kopf in ihre Hände , sie segnete ihn ein , und seine Tränen flossen ; sie hingen ihm so lose in den Augen wie die Wolken am Frühlingshimmel , wenn es einmal ins Regnen kommt , und wieder fand er einen Trost , als wenn er gleich nach Hause wandern und alles ertragen könnte , was ihm begegnen möchte . Der Alte trat jetzt herein und machte mit altfränkischen Redensarten und Späßen der Arnika seinen Hof ; er hatte alle Taschen voller Kunststücke , Karten , Würfel , Becher , kleine Puppen , Trichter und Beutel , der ganze wunderliche Apparat , mit dem gute Taschenspieler aus so wenigem so viel machen , daß der höchste Verstand , selbst bei der besten Einsicht davon , doch über ein erfindsames Gewerbe staunet , das ohne Ehre , literarische Verbindung , Akademien und Prämien doch zu einem so hohen Grade von Vollendung , zu einer Masse sinnreicher Erfindungen , und zu so reicher geselliger Belustigung gediehen , daß ich es für einen Hauptteil der Erziehung halten möchte . Unserm Grafen war es aber in diesem Augenblicke gründlich verhaßt ; der furchtbare Zauberer schien ihm heute einer der elendesten Narren , die es nicht einmal auf eigne Rechnung , sondern für andere sind . Der Alte erzählte , daß er den Tag schon acht Collegia gelesen ; der Graf fragte ihn , erstaunt über die Menge , wie viele er denn den ganzen Tag lese , und wie viel Stunden er schlafe . Der Alte wurde rot vor Beschämung , und sagte : er müsse gestehen , daß er seit einiger Zeit träge geworden , er schlafe drei Stunden und lese zwölf Stunden Collegia , sonst habe er achtzehn Stunden gelesen . DER GRAF : » Mein Himmel ! empfanden Sie denn gar keine üble Folgen davon ; ein solcher Tag würde mich töten . « DER ALTE : » Freilich ohne Verjüngungsbalsam geht das nicht , mein allerschönster Herr , auch muß ich Ihnen sagen , etwas schadete es mir auch ; die Zunge wurde mir dünner , und hätte leicht zu dünn werden können . « DER GRAF : » Wie ist aber der Verjüngungsbalsam ? « DER ALTE : » Von dem muß ich Ihnen eine schnakische Geschichte erzählen ; von dem hat einer meiner Kranken neulich gegen meine Vorschrift zu viel genommen , da wurde er zum Schrecken aller ein ganz junges Kind in einer Nacht , hatte aber seinen ganzen Verstand behalten ; da nun kluge Kinder nicht lange leben , mußte ich ihn wieder mit großer Anstrengung zu einem mittleren Alter zurückbringen . « - Der Graf wollte eben ganz böse losbrechen , als Arnika zwischen trat und dem Doktor im Namen der Alten dankte , die , von allen Ärzten aufgegeben , durch ihn ihr vollkommenes Gesicht wieder erhalten ; es sei sehr rührend gewesen , wie sie ihre Kinder und all ihr Eigentum wieder befühlt , ob es auch das rechte sei , und sich über alles Neuangeschaffte verwundert habe . Gut , gut , dachte der Graf , gibt er nur einem Menschen das Gesicht wirklich wieder , so mag er den übrigen immerhin ein wenig Staub in die Augen streuen . Bald führte ihn der Alte in die verschlossenen Zimmer , wiederum fand er das Elendeste neben dem Herrlichsten ausgestellt ; jenes , sagte er dann , sei das Beste ; er hätte gar nicht aufzuschneiden gebraucht , um zu verwundern , er hielt es aber doch noch für nötig . Er zeigte die herrlichsten anatomischen Präparate ; das war ihm aber nicht genug , er zog auch den Strumpf von seiner Wade , und zeigte eine Lücke im Fleische ; nun holte er ein kostbares Glas mit angeschliffenen Vergrößerungsgläsern sehr pathetisch aus dem Schranke , und versicherte : von diesem Ausgeschnittenen habe er diese einfache , schlechthin nicht weiter zu zerteilende Urmuskelfaser geschnitten . Der Graf sah in das Glas , konnte aber nichts davon bemerken . DER ALTE : » Es gehört dazu ein gewisser Stand der Sonne , man sieht es im ganzen Jahre nur einmal ; als ich die Faser präpariert hatte , konnte ich in finstrer Nacht die Hamburger Zeitung lesen , so ausnehmend waren meine Augen geschärft ; die Jupiterstrabanten sah ich ohne Teleskop . « - In bunter Mannigfaltigkeit ging er von da zu den Gemälden über ; hier verriet sich der Graf allzubald als Kenner ; statt zu prahlen , suchte ihn der Doktor über manches auszuforschen , und fragte nach dem Meister . Hier in schöner Kunst schien ihm aller Sinn abzugehen ; was er sagte , waren gelernte Formeln ; in den lateinischen Distichen , die er an jedes geschrieben , ehrte er oft das Schlechteste über das Beste . Von diesen lateinischen Distichen machte er dem Grafen auf jeden beliebigen Gegenstand in fünf Minuten drei , sie waren in der Silbenmessung tadellos , aber meist ganz leer . Nun ging ' s in die Gewehrkammer ; da zeigte er im Winkel ein angefangenes Instrument , das nach seiner Aussage von einem Schüler in der letzten Stunde seiner Logik erfunden worden wo jeder in gesetzter Zeit alles erfinden könne , was er wolle ; da habe dieser darauf spekuliert : dreimal dreißig Türken mit einem Schusse zu erlegen . Das Gewehr dazu sei auch wohl erfunden , aber die Mechaniker hätten es nicht ausführen können . - » Mein Gott , denken Sie noch an den Türken , den Erbfeind « , fragte der Graf erstaunt ; » gegen die ist mein Vater erschossen worden . « - Das freute den Alten zu hören , er wußte von neuerer Zeit gar nichts ; des Vaters wegen verehrte er dem Sohne zwei altdeutsche Büchsen mit Radschlössern , sehr schön gearbeitet und ausgelegt ; vergebens weigerte sich der Graf , sie anzunehmen , er ließ sie ihm heimlich ins Wirtshaus senden . Wir verweilen mit Absicht bei dem Bilde des alten Doktors , denn es ist uns so tiefbedeutend als Sinnbild des meisten Lebens ; der Graf unter wirklichen Umständen , die sein ganzes Glück vernichten , kaum erwacht aus Träumen , die ihn dem gramvollsten Wahnsinne nahe brachten , und leider nur zu wahr sind , vergißt hier seine Lage bei dem abenteuerlichsten Spielzeuge , ohne eigentliche Teilnahme , bloß aus Artigkeit zuhorchend ; greife jeder in seine Erinnerung hinein