Bildes Eindruck , so stehst du vor dem Denkmal Violettens , und wendest du dich , und trittst ins enge dunkle Haus zu jenen Menschen , die du die Deinigen zu nennen pflegst , so fühlst du , was du dich vom Bilde wendend fühlest . Siebzehntes Kapitel Violettens Denkmal Die vier Reliefs des Würfels und die Apotheose Erstes Relief Ein kleines Mädchen sitzet in der Mitte , Die Arme schalkhaft über sich gerungen , Hält sie ein junger Faun mit Lust umschlungen , Sie sträubt sich ihm , der ihr mit wilder Sitte Ein Tambourin mit Früchten reicht , die Bitte Ist in des Mädchens Kuß ihm schon gelungen , Doch nur die milde Frucht hat sie bezwungen , Daß sie von ihm den wilden Kuß erlitte . Denn von ihr abgewandt , die jungen Schmerzen In Tönen lösend , singt ihr Genius , Die Rechte in der Lyra , was im Herzen Die Linke fühlt , es neiget von dem Kuß Sich ihm des Mädchens Aug , voll schlauen Scherzen , Sie hört sein Lied , doch sieget der Genuß . Zweites Relief Die Jungfrau steht , vor ihr ein Weib und zwinget Die Freie , sich dem Gürtel zu bequemen ; Ihr , die sich schämt , der Nacktheit sich zu schämen , Des Genius Arm die Füße hold umschlinget . Indes dem Weib die Gürtung schon gelinget , Scheint Neugier nur die Jungfrau zu bezähmen , Sie sieht den Schwan vom Genius Speise nehmen , Und hebt das Tambourin , das dumpf erklinget , Hoch mit der Rechten , und mit scheuem Beben Forscht ihre Linke , was im Spielwerk rauschet , Und fühlet zarte Flügel kleiner Tauben ; Der Faun , der über ihr auf Felsen lauschet , Beugt sich herab , die Tauben hinzugeben , So konnte Lust ihr nur die Wildheit rauben . Drittes Relief Im Himmel irrt ihr Blick , und an der Erde Ringt sie in wilder Blöße hingegeben . In Lust ersterbend , voll von heißem Leben , Übt sie , gereizt , so reizende Gebärde . Auf daß ihm währe , was sie sich gewährte , Legt schlau der Faun ihr , der in Lustgeweben Nun gürtellos die freudgen Hüften schweben , Den Gürtel um das Aug , wie Lust ihn lehrte . In süßem Schmerz will sie die Arme ringen , Und schlägt das Tambourin in wilden Lüsten , Die Tauben buhlen auf den holden Brüsten , Es bebt der Schwan in seines Todes Singen , Es bricht in seines Liedes Lieb und Leiden Der Genius der Lyra goldne Saiten . Viertes Relief Der Genius hält siegend sie umwunden , Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen Trinkt Lieben sie , im Strahle seiner Augen Trinkt sie den Tod in lusterschloßne Wunden . Sie stirbt im Licht ; die Binde losgebunden , Muß sie in ewge Blindheit untertauchen , Da ihre Küsse heilges Leben saugen , Im Wahnsinn muß der Sinne Wahn gesunden . Das Haupt verhüllt in loser Locken Fluten , Streckt sie die Hand , die Lyra zu erlangen , Die hoch erhebt , der Schwan reckt seine Schwingen , Das Tambourin , in dem die Tauben ruhten , Zertritt sein Fuß , den Faun sieht man gefangen In jenem Gürtel an der Erde ringen . Die Apotheose Canzone Gebet Es ruht ein holdes Bild vor meinen Blicken So kühn und mild verschlungen , Wie Lieb und Lied , wie Kuß und Tod verwebet , In Sehnsucht strebt es auf , weilt mit Entzücken , Von Wollust ganz durchdrungen , Des Bildes innres Heiligtum erbebet , Still zu den Göttern schwebet . Ich kniee an des Bildes Marmorstufen , All meine Sinne rufen : Gieb Liebe mir und Lied in Tod und Leben , Laß mich mit dir zum stillen Himmel schweben ! Das Gewand Die Jungfrau steigt von nackter Lust umflossen Aus des Gewandes Falten , Die halb in schöner Ungestalt herabgelassen , Halb gierig noch , so buhlerisch ergossen , Die üppigen Gestalten Der Hüften ihr verräterisch umfassen , Den holden Leib nicht lassen . So zarte Hülle kann nur Dämmrung weben , Will Phoebus sich erheben . So küßt das Meer des Gottes goldne Füße , Und fern noch glimmt die Glut der goldnen Küsse . Violette Ein schweres Leid strömt durch die holden Glieder , Die Schwere kämpft mit Schweben , Die Hüften ringen himmelan zu dringen , Der Kopf sinkt sterbend auf den Busen nieder ; Um schneller sich zu heben , Muß sie die Rechte um den Genius schlingen . Hoch auf des Schwanes Schwingen Schwebt er , zur Lyra ihre Rechte strebet , Die seine Linke hebet , Und mächtig hebt er sie mit seiner Rechten , Verschlungen in der losen Locken Flechten . Der Genius Er , der am Boden freundlich nur geschienen , Voll Huld und milder Treue , Schwebt ernst empor in göttlichen Gedanken , Des Sieges Feier strahlt von seinen Mienen , Er läßt in stiller Weihe Sich von des armen Kindes Arm den schlanken Geschwungnen Leib umranken , Ihn hebt der Schwan , und um sie nicht zu lassen , Muß er ihr Haupthaar fassen . Des hohen Werkes heilgen Schmerz entzündet Die Hand , die er in ihre Locken windet . Das Ganze Das ganze Bild , in Einigkeit verbunden , Gleicht rührendem Gesange , Wie heilige Gebete aufwärts dringen . Im Herzen glühen ihm so tiefe Wunden ; Mit schmerzenvollem Drange Muß es nach Lieb und süßen Tönen ringen , Zu Ruhe sich zu schwingen . So hebt es sich , so strebt es nach der Leier , So schwebt in hoher Feier Der Gott empor und in des Bildes Herzen Schmiegt sich der Schwan und reiniget die Schmerzen . O harre , hebe mich empor ! Wie es in tiefer Andacht ganz erbebt Und zu dem Himmel strebt . - O Götter , löst den Schmerz in süßen Tränen , Umarmt im kühlen Flug sein heißes Sehnen ! Achtzehntes Kapitel Da ich diese Verse niedergeschrieben hatte , hörte ich Habern die Fensterladen unserer Schlafstube aufstoßen , und ging tiefer in den Garten . Ich sah Godwi in einer Allee mir entgegenkommen ; es freute mich , und ich war entschlossen , ihm mein ganzes Verhältnis zu ihm zu erklären . Er sprach mit mir von gestern abend , und warnte mich nochmals ernstlich , mich solchen Stimmungen nicht hinzugeben ; er sagte : » Solche Stimmungen führen zu einer frevelhaften Ansicht des Lebens , und unsere Fähigkeit zu rühren erhält endlich so sehr das Übergewicht gegen jene , gerührt zu werden , daß wir der Welt hart und grausam vorkommen , wenn uns das Herz blutet - ich kenne dieselbe Empfindung , und es hat mir viele Mühe gekostet , ihre Narbe zu verlieren . « » Sie haben Recht , « fuhr ich fort , » es liegt eine falsche Dramatik in diesem Zustande , und man zerstört sowohl sein Talent zu fühlen als darzustellen , wenn man die bloße unbestimmte Rührung durch den Witz gewaltsam zum Eindruck erhöht , und die Handlung genug zum Leiden herabstimmt , um dieses Mittelding von Rührung und Eindruck fantastisch äußern zu können . Übrigens habe ich einen solchen überwiegenden Drang zur Darstellung , daß ich mit großem Genuß in solchen Stimmungen verweile , und ich glaube wirklich , daß diese Art von Äußerung mir oft nützlich ist , da ich nichts weniger ertragen kann als das Stumme und Tonlose . « Godwi wollte mich hierauf zu Violettens Grab führen . Ich sagte ihm , daß ich seiner Güte zuvorgekommen sei , und zwar indem ich zum Fenster herausgestiegen wäre . Er lächelte , und sagte : » Ich danke Ihnen beinah dafür , denn dieses Bild ist mir mit vielen Schmerzen verbunden . « » Auch mir ist es mit Schmerzen und Lust verbunden gewesen , ich habe in mir vieles an dem Bilde erlebt , und wenn es Sie freuet , so lesen Sie einige Verse , die mir der schöne Morgen in die Schreibtafel schrieb , als er mich und das Bild so vertraut fand . « Ich gab ihm hier die Sonette und die Canzone ; sie schienen ihn zu rühren , und ich dachte an die geringen Töne des Alphornes , die dem Schweizer in der Fremde das Herz brechen können . » Ich danke Ihnen « , sagte er , und drückte mir die Hand , es standen ihm Tränen in den Augen ; » ich danke Ihnen für die Sonette , und erlauben Sie , daß ich sie abschreibe . « » Ich danke Ihnen für Ihre Tränen , « erwiderte ich , » welche die fehlende Pointe meiner Sonette so schön ersetzen , und erlauben Sie , daß ich diese Tränen abschreibe . « » In einem Sonett ? das wäre zu gedehnt - in meinem Leben ? wenn Sie wollen , ja - ich bin Ihnen gut . « » Und wenn ich schon manches aus Ihrem Leben abgeschrieben hätte , und Sie sähen meine schlechte Schrift , und meinen selbstischen Stil , würden Sie mir diese Tränen dennoch vertrauen ? « » Auch dann ; Sie scheinen mir das Verwirrteste entwirren zu können . Sie haben Violettens Leben so treu in einer bloßen Darstellung ihres Grabmals geschildert , daß ich Ihnen zutraue , Sie könnten , wenn Sie lange mit mir umgingen , aus mir , dem Denksteine meines Lebens , meine Geschichte entwicklen . « Ich zog hier den ersten Band dieses Romans aus der Tasche , und reichte ihn ihm mit den Worten hin : » Ich halte Sie beim Worte . « » Was ist das ? « sagte er , schlug das Buch auf , las das Lied : » Und es schien das tief betrübte usw. « , sah mich an , blätterte weiter - » Römer - Godwi - Otilie - Joduno « - und lief mit dem Buche davon . Ich reihte schon alle meine Entschuldigungen zusammen , als ich in mir durch die entschuldigende Ansicht meines Buchs auf die Geschichte seiner Sünden kam , welche aber nichts anders als eine Geschichte meiner Unschuld blieb , und diese Unschuld selbst hatte für mich ein so liebenswürdiges Ansehen , daß ich nicht zweifelte , Godwi mit einer naiven Darstellung dieser Unschuld ganz besänftigen zu können . Hier bemerkte ich Habern , der langsam die Allee heruntergeschritten kam ; er las in einem Buche , welches ich am Einbande für Goethens Tasso erkannte , denn ich hatte es morgens auf seinem Nachttische liegen gesehen . Er ging so langsam und nachlässig , daß ich vermutete , er lese die Worte der Prinzessin : Schon lange seh ich Tasso kommen . Langsam Bewegt er seine Schritte , steht bisweilen Auf einmal still wie unentschlossen , geht Dann wieder schneller auf uns los , und weilt Schon wieder - Ich zog mich in die Gebüsche zurück , um ihm einen Lorbeerkranz zu flechten , den ich ihm scherzhaft aufsetzen wollte , fand aber bald seinen eignen Hut , den er auf einen alten Aloetopf gesetzt hatte , und da er mich einholte , und mir guten Morgen sagte , nahm ich pathetisch ihm das Buch aus den Händen und las , indem ich seinen Hut berührte , der auf dem Aloetopfe hing , die Worte Alphonsens parodierend : » Hat ihn der Zufall , hat ein Genius Gefilzt ihn und gebracht ? Er zeigt sich hier Uns nicht umsonst . Den Aloe hör ich sagen : Was ehret ihr den leeren Topf ? Er hatte Schon seinen Lohn und Freude , da ich blühte - « Ich setzte ihm den Hut auf , und las , die Worte der Prinzessin parodierend , weiter : » Du gönnest mir die seltne Freude , Haber , Dir ohne Wort zu sagen , wie ich denke . « Haber machte in seiner Verträglichkeit ein Meisterstück , er freute sich meiner Laune , und fügte hinzu , indem er den Hut wieder auf den Kopf setzte : » O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder , Nehmt ihn hinweg ! er sengt mir meine Locken - Denn ich habe ihn allein hierher gehängt , weil es mir zu heiß war . Übrigens sollten Sie mich nicht necken , daß ich die Idee habe , den Tasso zu übersetzen , Sie kennen meine Kunst noch nicht , und würden sicher mit ihr keinen Kampf bestehen - Denn wer sich rüsten will , muß eine Kraft Im Busen fühlen , die ihm nie versagt . « » Ich gehe den Kampf zwar nicht ein , « sagte ich , » aber wir wollen doch zum Scherze ein italiänisches Lied miteinander übersetzen , das ich für ziemlich unübersetzlich halte ; es kommt mir eigentlich nur darauf an , daß das Lied übersetzt würde , heute abend wollen wir es beide Godwi vorlegen . « Haber willigte ein , und ich schrieb ihm das Lied auf , dann ging er weg . Ich setzte mich nieder , und versuchte meine Übersetzung , aber ich ward mutwillig , und konnte es nur frei übersetzen . Ich brachte einen Teil des Vormittags damit zu , und da ich so ziemlich damit fertig geworden war , ging ich nach dem Landhause , eine Flöte Douce rief mich in die Familienstube des Pächters . In der Stube stand ein Mann von etwa dreißig Jahren , der die Flöte blies ; die Kinder waren um ihn versammelt , und hörten zu ; ein besser gekleideter Mann stand vor ihm und sagte ihm : » Nun ist es bald genug . « Hier trat ich in die Stube , und er legte die Noten beiseite , putzte seine Flöte mit dem Schnupftuche sorgsam ab , und legte sie weg . Die Kinder in der Stube kamen nacheinander zu mir , und reichten mir die Hand , wie es die Mennoniten pflegen . Da ich glaubte , der Mann habe meinethalben aufgehört , so bat ich ihn fortzublasen ; er versetzte mir : » Ja wenn es der Herr Doktor erlaubte ! Sie selbst hätten mich nicht stören sollen , denn es ist lange , daß ich dies Vergnügen entbehre . « Der Herr Doktor war der besser gekleidete Mann , und sagte mir , dieser Bediente Godwis , der Georg heiße , habe einen bösen Husten , darum habe er ihm das Flötenblasen untersagt ; zugleich flüsterte er mir ins Ohr : » Schwindsucht , Schwindsucht , ist nicht herauszureißen « , machte dann seinen Diener und ging weg . Da er fort war , war die ganze Stube stille , und ich sah den armen Georg mitleidig an . » Blase er immer noch eins « , sagte eine junge Frau , die am Spinnrade saß , » wir hören es gerne , und bei dem Doktor ist es ihm doch nicht recht vom Herzen gegangen . « Georg schien mich mit seinen Blicken zu fragen , ob ich ihn nicht verraten wolle , und da ich ihn selbst darum bat , blies er , wie er sagte , sein Lieblingslied , und dann wolle er lange nichts wieder spielen . Die Tränen liefen ihm dabei aus den Augen , und mir auch ; ich dankte ihm . Man rief mich zu Tische . Dort fand ich Godwi , der lächlend meinen ersten Band zur Seite legte , und mich fragte , warum ich so ernsthaft sei , ich solle sein Urteil nicht fürchten , obschon ihm vieles in dem Buche sehr lustig vorgekommen sei . » So sehr mich Ihre Verzeihung auch rühren wird , « sagte ich , » so ist es doch jetzt Ihr Bedienter Georg , der mich so ernst gemacht hat . Warum muß der arme Mensch auch grade Flöte blasen zu seiner Brustkrankheit , und warum muß er die Musik so sehr lieben , als seine Krankheit sein Instrument haßt ; wenn er unheilbar ist , so soll man ihm immer erlauben , früher an dieser schönen Leidenschaft zu sterben als an seiner garstigen Krankheit . « » Sie haben recht , « sagte Godwi , » dieser gute Mann ist durch dieses Verbot unglücklicher als durch seine Krankheit , die er sehr gut kennt . Ich wollte , ich könnte ihn ein anderes Instrument lehren lassen , das zugleich tragbar wäre , denn er geht gar zu gern mit seiner Musik spazieren . Es freut mich , daß Sie mich daran erinnern , besinnen Sie sich doch , ob Ihnen nichts einfällt . « Ich fragte ihn , ob er keine Laute oder Zither in der Gegend wüßte ; ich wollte Georgen darauf Unterricht geben . » Gut , « sagte Godwi , » eine Laute ist im Hause , und zugleich erfahre ich , daß Sie bei mir bleiben , worum ich Sie ohnedies bitten wollte . « Ich entschuldigte mich , daß ich mein Hierbleiben so unvorsichtig vorausgesetzt hätte , versicherte ihn , wie gern ich es täte , und bat ihn , jemand in die Stadt zu schicken , der meine wenigen Gerätschaften herausbringe . Georg wartete uns bei Tische auf , und freute sich sehr , da ich ihm sagte , daß ich ihn die Laute lehren wolle . Haber schien etwas unzufrieden zu sein ; ich fragte ihn nach der Übersetzung , er klagte über die vielen italiänischen Wortspiele , übrigens gehe er nach Tische wieder daran . Wir setzten als Wette fest , daß der , dem die Übersetzung nicht gelänge , die Person in der Absingung des Wechselliedes übernehmen müsse , welche der andere bestimme . Haber entfernte sich bald wieder , und Godwi sagte : » Es ist etwas boshaft von Ihnen , und doch sehr nützlich , daß Sie ihn beschäftigen ; denn obschon ich ihn recht gern leiden mag , so hat er doch nicht den Mittelcharakter , dem man sich vertrauen kann ; sein Enthusiasmus wird meistens Hitze , und seine Ruhe Frost . « » Ist es Ihnen heute nach Tische so vertraulich ? « sagte ich , auf das Buch hinsehend . » Ja , « erwiderte er , » wir wollen den zweiten Band miteinander machen . « Ich ging mit ihm in den Garten , und er führte mich ans äußerste Ende in eine Eremitage . Auf unserm Wege zeigte er mir seitwärts einen Teich . » Dies ist der Teich , in den ich Seite 146 im ersten Band falle . « Dann traten wir in die Eremitage , er stieß den Laden auf , und das erste , was mir in die Augen fiel , war das steinerne Bild der Mutter , welches gleich neben diesem Fenster an dem Teiche stand . » So ist es nun « , sagte er ruhig ; » übrigens haben Sie mich in Ihrem Buche ziemlich getroffen , weniger Otilien und den Greis , und Sie sind zu entschuldigen , denn Sie hatten nichts über sie in Händen als die Worte eines glühenden Jünglings , die meinigen . Es muß Ihnen vor dem zweiten Bande sehr gebangt haben , denn wo sollten Sie mit Otilien , mit dem Alten , mit mir selbst hinaus . « » Wahrlich ich konnte nur denken , daß ich den zweiten nie schreiben würde , weil ich den ersten nur schrieb wegen meiner Liebe zu Herrn Römers Tochter , und mußte ich ihn schreiben , nun so - « » Ich danke , Sie hätten mich und die ganze Gesellschaft wohl vom Blitze erschlagen lassen . « » Ungefähr so etwas , denn Sie muten mir doch nicht zu , daß ich Ihnen Otilien hätte zum Weibe geben sollen - « » Nein , soviel nicht - aber ich hätte mich wenigstens umbringen müssen , weil sie mich nicht nehmen wollte oder konnte - einen anderen Ausweg wüßte ich nicht - ihr untreu werden ? - das ganze Publikum hätte auf mich geschimpft - sie heiraten ? - Sie hätten in geheimnisreichen , chemisch-poetischen und doch deutlichen Worten die Ehe hereinführen müssen , sonst hätte das Volk bei seiner armseligen Liebe immer noch gelacht , mich bei Otilien im Bette zu wissen , bei dem sternenreinen Mädchen , die so fein ist , daß Ahndung und Erinnerung wahre Telegraphsbalken für sie sind . Ich kann mir Ihre Otilie kaum wie eine Hostie denken . « » Sie ist freilich etwas sublime schlecht geraten , und ich hätte Sie nicht mehr lange oben bei ihr allein lassen dürfen , denn Ihre Phantasien wollten auch nicht endigen . Was sollte der Greis weiter vorbringen ? von seiner Geschichte wußte ich nichts . Einigemal war ich entschlossen , durch Sie Otiliens Tugend angreifen zu lassen , nur um ihr etwas Stoff abzugewinnen , weil sie doch auch gar nichts tat , als unendlich zart sein . Es würde sicher zu einem solchen ehrenrührigen Komplott gekommen sein , hätte mir der Buchdrucker nicht so zugesetzt , daß ich nicht Zeit hatte , sie zu verführen . Ich mußte mich daher mit der Freude begnügen , alles , was sie gesagt hatte , mit etwas Bosheit durchstudiert zu haben , um auf irgend eine Zweideutigkeit zu stoßen , auf die ich den Baum ihres Sündenfalls hätte pflanzen können , damit ich nachher die verschiedenen vortrefflichen Partieen ihrer Sünde zu verschiedenen Zweigen verarbeiten könnte , welche wieder Äpfel des Guten und Bösen getragen hätten . « » Und was wollten Sie Seite 153 mit den stillen Lichtern ? Sie wollten doch nicht etwa dem Mädchen eine neue Art Mythologie geben ? « » So etwas für die lange Weile ; aber ich fühlte zu sehr , daß ich die alte noch nicht verstehe . « » Eine neue Mythologie ist ohnmöglich , so ohnmöglich wie eine alte , denn jede Mythologie ist ewig ; wo man sie alt nennt , sind die Menschen gering geworden , und die , welche von einer sogenannten neuen hervorzuführenden sprechen , prophezeien eine Bildung , die wir nicht erleben . « » Sie meinen also , es gäbe keine Mythologie , sondern überhaupt nur Anlage zur Poesie , wirkliche gegenwärtige Poesie , und sinkende Poesie . Mythen sind Ihnen also nichts anderes als Studien der dichtenden Personalität überhaupt , und eine Mythologie wäre dann soviel als eine Kunstschule , so wie eine hinreichende Mythologie eine hinreichende Kunst , und eine letzte endliche Mythologie nichts als ein goldnes Zeitalter wäre , wo alles Streben aufhört und nichts mehr kann gewußt werden , weil dann das Wissen das Leben selbst ist ; nicht einmal das Wissen kann dann gewußt werden , da wir keine Einheit mehr denken könnten , indem die Möglichkeit zu zählen in der bloßen Einheit , die allein noch übrig sein könnte , aufgehoben wäre . « Godwi sah am Ende meiner Rede zum Fenster hinaus , und als ich schwieg , kehrte er sich mit folgenden Worten um : » So ein paar Sachen , die ein jeder verstehen kann , wie er will oder kann , weil sie undeutlich sind , lassen Sie wohl auch im ersten Bande mit einfließen , aber im zweiten soll es nicht sein . « Er nahm mehrere Papiere aus dem Schreibpulte , und sagte : » Diese Papiere enthalten die Geschichte meines Vaters in Bruchstücken , wie auch die meiner Mutter und das meiste der Jugendgeschichte des Alten und Mollys , von Kordelien nichts , auch von mir nichts ; aus allem diesem nun müssen Sie Ihren zweiten Band zusammenschreiben und mir vorlesen , von den Nebenpersonen des ersten Bandes dürfen Sie nicht viel sagen , weil sie bald abtraten . Das Übrige meines Lebens , bis jetzt , will ich Ihnen dann erzählen . Sie können hier von dieser Zelle Besitz nehmen , und darin arbeiten . In der Zwischenzeit führe ich Sie in die Bildergalerie , welche zu Ihrem Buche hier in dem heiligeren Teile des Hauses sehr vollständig ist , denn mein Vater ließ beinah alle die Hauptszenen aus seinem Leben malen , daher waren auch immer so viele Künstler bei ihm . Ich habe diese Eigenschaft mit wenigen anderen nur insoweit von ihm geerbt , daß ich Violettens Denkmal verfertigen ließ , die bestimmendste Szene meines Lebens . « Ich dankte ihm für seine Güte , und versprach ihm , es so gut zu machen , als ich könnte ; dann las er mir hintereinander die Aufsätze vor , und ich bildete daraus , was die Leser nun hören werden . Neunzehntes Kapitel Geschichte der Mutter Godwis und ihrer Schwester In einer Handelsstadt an der Ostsee lebte Wellner , ein wohlhabender Kaufmann , der seine beiden Töchter liebte , und fleißig über ihren Sitten und ihrer Bildung wachte . Er hatte seine brave Hausfrau früh verloren , da Marie und Annonciata noch sehr jung waren , und ihr in der letzten Stunde versprochen , diese mehr zu hüten als sein Geld und Gut , was er auch treu vollbrachte ; ja man könnte sagen , wirklich über Vermögen , denn er verlor in der Zukunft nicht nur sein Vermögen , und meistens durch die Liebe zu seinen Kindern , sondern er verlor auch beide Kinder selbst . Er gesellte ihnen einen Jüngling zu , welcher elternlos war , und den er in seinem Hause unterhielt . Dieser , den ich Joseph nennen will , war immer mit den Mädchen , er hatte gute Schulkenntnisse , und gab ihnen den ersten Unterricht . In der Blüte des Lebens , wo sich die Gattung in einer schönen Blume entfaltet , erklärte sich Marie als ein durchaus sanftes und argloses Geschöpf mit einem treuen warmen Herzen und einem hellen Geiste , der aber meistens in der Wahl das Gute dem Schönen vorzog . Annonciatens Blüte war schwerer zu bestimmen , ein kühneres und doch harmonisches Gemisch von Farben ist nicht leicht denkbar . Alles liebte sie , und keiner mochte sie recht leiden . Man wagte seine Liebe selbst in dem Kinde schon nicht zu wissen , weil man eben dieses Kind nicht verstand . Sie selbst machte keine Forderungen an die Welt , und war doch nichts als Begierde ; das meiste genügte ihr nicht , aber sie konnte es nicht sagen , weil sie die Armut der Gebenden schonte . Dieser ganze Zustand war nur Zustand in ihr , denn sie konnte noch nicht überlegen , als sie schon so im Leben stand , und in der Folge meinte sie , es wäre wohl nicht anders , und dieses sei das menschliche Leben . Sie liebte nichts so sehr als Blumen und sang recht artig . Wellner glaubte , ihr stilles und oft heftiges Wesen sei eine Folge eines geschlechtlichheftigen Temperaments , und er wünschte sie daher früh verheiratet zu sehen . Freilich hatte er in seiner Meinung nicht ganz unrecht ; aber der gute Mann wußte nicht , welcher große Unterschied zwischen dem sogenannten heftigen Temperament und der von Grund aus reinen Weiblichkeit ist . Marie war des Vaters Augapfel , denn sie war ruhig und bescheiden , und schien nichts zu wünschen , als was er ihr geben konnte . Er hatte sich daher fest entschlossen , sie spät oder nie von sich zu lassen . Da er allein für seine Kinder lebte , und alle seine Gedanken nur sorgend für ihr Wohl waren , so durchdachte er ebenso gern seinen Lebenskreis , sich für Marien eine Verbindung zu erfinden , als er viele Stunden überlegte , wie er Annonciaten glücklicher machen könne , als es die Welt überhaupt konnte . Joseph , den er in seine Handlung genommen hatte , und der seine Töchter fleißig unterrichtete , ward ihm täglich unentbehrlicher , denn er war ebenso sehr fein und spekulativ als treu und anhänglich , und die Handlung stieg unter seiner Einwirkung ebenso schnell , als der Vater mit Freuden besonders Mariens Bildung sich entwickeln sah . Mit Annonciaten war es nicht so , denn lebendige Früchte können in ihrer Gesundheit nur durch die Sonne reifen . Sie ermüdete leicht an Josephs Unterricht , und wo ihre Bildung vor sich ging , im inneren Heiligtume ihres Busens , da konnte Joseph nicht hinsehen . Der junge Mann ward oft durch ihre auffallenden Fragen gestört , und als sie ihn in einer solchen Verlegenheit recht von Herzen , wie sie oft pflegte , guter Joseph ! nannte , beleidigte ihn dieses , und er klagte es Wellnern . Dieser stellte ihr diese Beleidigung recht herzlich vor , und obschon sie ihre Unschuld tief empfand , so bat sie ihren Vater doch mit bittern Tränen um Vergebung , und versprach , Josephen dasselbe zu tun . Es kostete ihr vielen Schmerz , und Joseph konnte ihrer Rührung nicht mehr Einhalt tun , als sie Verzeihung von ihm erflehte , so daß er anfing , sie für etwas beschränkt zu halten , da er ihre heftige Ausrufung , wie keine Liebe und keine Freundlichkeit in der Welt sei , hörte , denn in dieser Opferung ihres Stolzes löste sich alles in ihrem Herzen , und indem sie um Verzeihung zu bitten glaubte , beschuldigte sie das ganze Leben . Nach dieser Szene wendete Joseph sich immer mehr zu Marien , und auch Annonciata kehrte mehr in ihr Herz zurück , obschon sie edler als er ihn nichts davon empfinden ließ . An einem vertraulichen Abend war Joseph noch spät auf der Stube Wellners , und sie sprachen vieles über die Lage der Handlung , und eine Reise , die Joseph übernehmen müsse , um ihr mehr Selbstständigkeit zu geben , und sie den geldsaugenden Commissionairs zu entziehen . Von dieser Unterredung kehrte Wellner wie gewöhnlich auf das Schicksal seiner Töchter zurück , Joseph aber schwieg , als habe er etwas auf dem Herzen . Der Vater sagte : » Es ist wunderbar , wie kein Geschäft auf Erden unserm Leben , unserer Tätigkeit Freiheit giebt , es