deren Transitohandel man nicht gern nennt - , sondern eine Aktie , mit der man in einer Südsee gewinnt , oder eine Scholle , womit man das Grundstück symbolisch ( scotatione ) übergibt . » Je ne vends que mes paysages et donne les figures par dessus le marché « 103 , sagte Claude Lorraine , wie ein Vater - und konnt ' es leicht , weil er durch andere die Figuren in seine Landschaften malen ließ - ; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder Ehekontrakt gesetzt und die Braut , die auf jenen sitzt , dareingegeben . Ebenso höher hinauf ist eine Prinzessin bloß ein blühender Zweig , den ein fürstlicher Sponsus nicht der Früchte wegen , sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land und Leuten daran angelegt , abnimmt und nach Hause trägt . Hat ein Vater - wie unser Minister - nicht viel , so kann er die Kinder , wie die Ägypter die Eltern ( nämlich die Mumien davon ) , als Schuld- und Faustpfänder oder Reichspfandschaften , die man nicht einlöset , einsetzen . Jetzt hat sich der Kaufmannsstand , der sonst nur fremde Produkte vertrieb , auch dieses Handelszweigs bemächtigt ; mich dünkt aber , er hätte in seinem untern Kaufgewölbe Spielraum genug , eigennützig und verdammt zu werden , ohne die Treppe hinaufzusteigen zur Tochter . In Guinea darf nur der Adel handeln ; bei uns ist ihm fast aller Handel , außer dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen wenigen Dingen , die auf den eignen Gütern wachsen , abgeschnitten und verwehrt ; daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit , und die Noblesse scheint hier eine für diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein ; so daß man gewissermaßen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn vergleichen mag , den in Rom verkäufliche Leute besteigen mußten104 , um besehen zu werden . Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen , daß dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen ; indes ihr wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies . Denn ist nur der Handel geschlossen und vom Buchhalter ( dem Pfarrer ) ins Hauptbuch eingetragen : so tritt ja die Zeit ein , wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf , nämlich die schöne Zeit nach der Heirat , die allgemein in Frankreich und Italien und allmählich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird , wo ein weibliches Herz frei unter der Männer-Schar erwählen kann ; ihr Staat wird dann , wie der venezianische , aus einem merkantilischen ein erobernder . Auch den Gemahl selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäft so wenig nach-als vorher in seiner Liebe ; nur tritt jetzt - wie in Nürnberg dem Juden eine alte Frau - unserem immer eine junge nach . Ja oft fasset der eheliche Handels-Mann selber Neigung für das heimgeführte Subjekt - welches ein ungemeines Glück- , und wie Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bündel unter dem Arm seine Briefe über die Empfindungen aussann , so meditieren bessere Männer unter dem Handel Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau - wie Kaufleute in Messina105 mit der heiligen - - in Compagnie ; aber freilich solche profitable Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu prätendieren . - - - Das Vorige schrieb ich für Eltern , die gern scherzen mit - kindlichem Glück ; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen . Ich frage euch erstlich über euer Recht , moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machthandlung den giftigen Bleizepter über ein ganzes freies Leben auszustrecken . Eure zehn Lehrjahre des Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als Talent oder sein Mangel . Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht ebensogut Freundschaft auf Lebenslang ? Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe Recht ? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen , ausgenommen in der minorennen Zeit , wo das Kind noch keines hat , zu wählen . Oder fodert ihr für die Erziehung zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit ? - Ihr tut , als hättet ihr erzogen , ohne selber erzogen zu sein , indes ihr bloß eine schwere geerbte Schuld , die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt , an eure Kinder abtragt ; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Gläubiger , den ersten Menschen , und nur einen insolventen Schuldner , den letzten . Oder schützet ihr euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurteil , das Kinder als weiße Neger der Eltern feilbietet , weil die frühere erlaubte Gewalt über das nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmählichkeit seiner Entwicklung unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht ? Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück , so dürfen sie später ebensogut aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen . Aber was ist denn das Glück , wofür sie ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfen sollen ? - Meistens eures ; eure Beleuchtung und Bereicherung , eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit dem Opfer des Innersten büßen und kaufen . Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen zum Glück einer Zwangsehe laut bekennen , z.B. die Entbehrlichkeit der Liebe in der Ehe , die Hoffnung eines Todesfalles , die vielleicht doppelte Untreue sowohl gegen den ehelichen Käufer als gegen den außer-ehelichen Geliebten ? Ihr müsset Sünderinnen106 voraussetzen , um nicht Räuber zu sein . Tut mir nicht dar , daß Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut genug ausgefallen , wie an Herrnhutern , Germanen und Orientalern zu ersehen . Nennt mir sonst lieber alle barbarische Völker und Zeiten her , worin , weil beide ja nur den Mann , nie die Frau berechnen , eine glückliche Ehe nichts bedeutet als einen glücklichen Mann . Niemand steht nahe genug dabei , die weiblichen Seufzer zu hören und zu zählen ; der ungehörte Schmerz wird endlich sprachlos ; neue Wunden schwächen das Bluten der ältesten . Ferner : am Mißgeschick der Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten schuld . - Ferner : jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Hälfte eine Neigungs-Ehe . Endlich : die besten Ehen sind im mittlern Stand , wo mehr die Liebe , und die schlechtesten in den höhern , wo die Rücksicht bindet ; und sooft in diesen ein Fürst bloß mit seinem Herzen wählte , so erhielt er eines , und er verlor und betrog es nie . - - Welches ist denn nun die Hand , in welche ihr so oft die schönste , feinste , reichste , aber widersträubende presset ? Gewöhnlich eine schwarze , alte , welke , gierige . Denn veraltete , reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis , Sättigung und Freiheit , um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten ; die minder vollkommnen fallen bloß Liebhabern anheim . Aber wie niedrig ist ein Mann , der , verlassen vom eignen Wert , bloß vom fremden Machtgebot beschützt , sein Glück bezahlend mit einem gestohlnen , nun die unbeschirmte Seele von einer geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine Arme wie in frostige Schwerter drücken und sie darin so nahe an seinem Auge blutend erbleichen und zucken sehen kann ! - Der Mann von Ehre gibt schon errötend , aber er nimmt nicht errötend ; und der bessere Löwe , der tierische , schonet das Weib107 ; aber diese Seeleneinkäufer erpressen vom bezwungnen Wesen noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit . Mutter des armen Herzens , das du durch Unglück beglücken willst , höre du mich ! Gesetzt , deine Tochter härte sich ab gegen das aufgedrungene Elend : hast du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr daraus die glückseligen Inseln der Liebe genommen und alles , was auf ihnen blüht , die schönen Tage , wo man sie betritt , und das ewige frohe Umsehen nach ihnen , wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blühenden Gipfeln liegen ? Mutter , war diese frohe Zeit in deiner Brust , so nimm sie der Tochter nicht ; und war sie dir grausam entzogen , so denk an deinen bittersten Schmerz und erb ' ihn nicht fort . Gesetzt ferner , sie macht den Entführer ihrer Seele glücklich , rechne nun , was sie für den Liebling derselben gewesen wäre und ob sie dann nichts verdiene , als den zu ihr von einer Gefängnistüre auf immer eingeschlossenen Kerkermeister zu ergötzen ! Aber so gut ists selten ; - du wirst ein doppeltes Mißgeschick auf deine Seele häufen , den langen Schmerz der Tochter , das Erkalten des Gatten , der später die Weigerungen fühlt und rügt . - Du hast die Zeit verschattet , wo der Mensch am ersten Morgensonne braucht , die Jugend . O macht lieber alle andere Tageszeiten des Lebens trübe - sie sind sich alle ähnlich , das dritte und das vierte und fünfte Jahrzehend - , nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben regnen ; nur diese einzige , nie umkehrende , unersetzliche Zeit verfinstert nicht . Aber wie , wenn du nicht bloß Freuden , Verhältnisse , eine glückliche Ehe , Hoffnungen , eine ganze Nachkommenschaft für deine Plane und Befehle opfertest , sondern das Wesen selber108 , das du zwingst ? Wer kann dich rechtfertigen oder deine Tränen trocknen , wenn die beste Tochter - denn gerade diese wird gehorchen , schweigen und sterben , wie den Mönchen von La Trappe ihr Kloster niederbrennt , ohne daß einer das Gelübde des Schweigens bricht109 - wenn sie , sag ' ich , wie eine Frucht halb vor der Sonne , halb im Schatten , nach außen hin blüht und nach innen kalt erbleicht , wenn sie , ihrem entseelten Herzen nachsterbend , dir endlich nichts mehr verhehlen kann , sondern jahrelang die Blässe und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens herumträgt - und wenn du sie nicht trösten darfst , weil du sie zerstöret hast und dein Gewissen den Namen Kindermörderin nicht verschweigt - und wenn nun endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tränen daliegt und das ringende Wesen so bang und früh , so matt und doch lebensdurstig , vergebend und klagend , mit brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den bodenlosen Todesfluß mit den blühenden Gliedern untersinkt : o schuldige Mutter am Ufer , die du sie hineingestoßen , wer will dich trösten ? - Aber eine schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen : soll dein Kind auch so untergehen ? - 59. Zykel Es war ein romantischer Tag für Zesara , sogar von außen ; Sonnenfunken und Regentropfen spielten blendend durch den Himmel . Er hatte einen Brief von seinem Vater aus Madrid bekommen , der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich das schwarze Siegel der Gewißheit drückte und worin nichts Angenehmes war als die Nachricht , daß Don Gaspard mit der Gräfin de Romeiro , deren Vormundschaft er nun schließe , in dem Herbste ( dem italienischen Frühling ) nach Italien gehe . Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen : er erfuhr nie , wie man einen Bruder liebe und eine Schwester . Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit der Tartarus-Nacht , dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wünsche seines Herzens empörte seinen Geist , und er fühlte zornig , wie ohnmächtig eine ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurücken suche ; und fühlte wieder schmerzlich , daß eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube . - So fand ihn eine unerwartete Einladung von der - Ministerin selber - - Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel . - Er flog ; im Vorzimmer stand der Engel , der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach - Rabette . Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt ' ihn früher umarmt als er sie . Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht ! Mit Tränen hört ' er den Namen Bruder , da er heute eine Schwester verloren ! - - Die Ursache ihrer Erscheinung war diese : als der Direktor das letztemal bei der Ministerin war , hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter » zur Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veränderung « - ihr Haus geöffnet , um künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen . Er sagte , » er spedier ' ihr den weiblichen Wildfang mit Freuden « . Und da ihm in Blumenbühl Rabette Nein , dann Ja , dann Nein , dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht eine Reichskammergerichts-Revision , einen Münzprobations-Tag über alles gehalten hatte , was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt : so packte sie dort auf und hier - ab . » Ach ich fürchte mich drinnen , « ( sagte sie zu Albano ) » sie sind alle zu gescheut , und ich bin nun so dumm ! « - Er fand außer dem Familienkleeblatt noch die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar , dieses schöne Medaillon eines schönen Tages für sein gerührtes Herz . Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens weibliche Annäherung an Rabette , gleichsam als teil ' er sie mit ihr . Mit Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde , die ohne Falsch und Stolz war , der verlegnen Gespielin zu Hülfe , auf deren Gesicht die angeborne lachende und beredte Natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen Stummen-Ernst abstach . Karl war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand , sie zu umstricken als loszuwickeln ; bloß Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen freies Feld ; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und Anfangsbuchstaben , aber doch eine gute Kurrenthand . Sie gab - das Gesicht gegen das brüderliche gewandt , um Mut davon zu holen - von dem gefährlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte dabei , nach der Sitte des Volks , wenn es sein Unglück erzählt . Der Bruder war ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt ; nach ihm allein strömte ihre Wärme und Rede hin . Sie sagte : sie könn ' ihn aus ihrer Stube » klavieren « sehen . Liane führte beide sofort darein . Wie reich und erhaben über Rabettens Ansprüche ans Stadtleben war das jungfräuliche Hospitium ausgestattet , von der Tulpe an - keiner blühenden , sondern einem Arbeitskörbchen von Liane , wiewohl jede Tulpe eines für den Frühling ist - bis zum Klavier , von dem sie gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für einen halben Walzer ! Fünf mäßige Kleiderkästen - denn damit glaubte sie auszukommen und der Stadt zu zeigen , daß auch das Land sich kleiden könne - stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstücken und Blechbändern gleichsam die alten Drucke ( Inkunabeln ) der ersten Lebenstage vor ; und heute erquickte ihn jede Spur der alten Liebes-Zeit . Sie ließ ihn seine Fenster suchen , aus deren einem der Bibliothekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete , um ihn immer zu treffen mit Anspucken . Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der Freundschaft lauter und versicherte , wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und wahr sie es mit ihr meine . O sehet in die Flamme der reinen religiösen schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns ! Fasset ihr nicht , daß diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile für alle Schwesterherzen , bis die Liebe sie zusammendrängt in eine Sonne , wie nach den Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne sammlen ? - Sie war überall Auge für jedes Herz ; wie eine Mutter vergaß sie nicht einmal die Kleine über Große ; - und sie goß - keiner streiche mir dieses kleine Beispiel weg - der kleinen Helena die Tasse Kaffee , die der Doktor verbot , halb voll Sahne , damit er ohne Kraft und Nachteil sei . Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet , durch welchen bald Lichtstrahlen , bald Regensäulen flogen - bis endlich aus dem verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die erfreueten jungen Leute in den Garten zum Anstoß der Ministerin entführen konnte , die ungern Lianen dem Serein , fünf oder sechs Abendwind-Stößen und dem Waten durch das 1 / 19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte . Sie selber blieb zurück . Wie war alles drunten so neu geboren , widerscheinend und liebkosend ! Die Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne auf und schmetterten nahe über dem Garten - in allen Blättern hingen Sterne , und die Abendluft warf das nasse Geschmeide , die zitternden Ohrrosen aus den Blüten in die Blumen herab und trieb süße Düfte den Bienen entgegen . Die Idylle des Jahrs , der Frühling , teilte sein holdes Schäferland unter die jungen Seelen aus . Albano nahm die Hand seiner Schwester , aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom Hause . Liane ging mit der Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit . Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still , um den Grafen heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten von der Gräfin Romeiro . Er teilte mit erglühendem Gesicht den Inhalt des heutigen mit . In Juliennens Physiognomie lächelte fast Neckerei . Auf die Nachricht von Lindas Reise versetzte sie : » Daran erkenn ' ich sie ; alles will sie lernen - alles bereisen . - Ich pariere , sie steigt auf den Montblanc und in den Vesuv . Liane und ich nennen sie darum die Titanide . « Wie freundlich hörte diese zu , mit den Augen ganz auf der Freundin ! » Sie kennen sie nicht ? « fragte sie den Gepeinigten . Er verneinte heftig . Roquairol kam nach ; » Passez , Monsieur « sagte sie , Platz machend und ihn fortwinkend . Liane blickte sehr ernst nach . » La voici ! « sagte Julienne , indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen ließ . - - Guter Jüngling ! es war ganz die Gestalt , welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg , dir von den Geistern zugeschickt ! - » Sie ist getroffen « , sagte sie zu dem erschütterten Menschen . » Sehr ! « sagt ' er verwirrt . Sie untersuchte dieses widersprechende » Sehr « nicht ; aber Liane sah ihn an ; » Sehr schön und kühn ! « ( fuhr er fort ) » aber ich liebe Kühnheit an Weibern nicht . « - » O , das glaubt man den Männern gern « , versetzte Julienne ; » keine feindliche Macht liebt sie an der andern . « Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Stätte vorbei , wo Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen hatte glänzen und leiden sehen . O er hätte hier mit dieser vom Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhältnisse bang-erhitzten Seele gern vor dem nahen stillen Engel niederknien mögen ! - Die zarte Julienne merkte , sie habe ein bewegtes Herz zu schonen ; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in ernstem Ton : » Ein holder Abend ! Wir wollen aufs Wasserhäuschen . - Liane wurde da geheilt , Graf ! Die Fontänen müssen auch springen . « - » die Fontänen ! « sagte Albano und sah unbeschreiblich-gerührt Lianen an . Sie dachte aber , er meine die im Flötental . Helena gebot hinter ihnen , zu warten , und kam mit zwei Händchen voll gepflückter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen , von ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend ; » auch die Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar « , sagte Liane . Sie gab der Prinzessin ein paar , und Helena nickte ; und als Liane sie ansah , nickte sie wieder zum Zeichen , der Graf soll ' auch etwas haben ; - » noch mehr ! « rief sie , als er bekommen ; und je mehr jene gab , desto mehr rief sie » mehr ! « - wie Kinder in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen . Man ging über eine grüne Brücke und kam in ein niedliches Zimmer . Statt des vorigen Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus der Tonmuse da , eine Harmonika . Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentürchen , und sogleich fuhren draußen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flügeln gen Himmel . O wie brannte die beregnete Welt , als sie hinaus auf die Höhe traten ! Warum warst du , mein Albano , gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich ? - Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen , und warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten , wenn es erwärmt wird ? - Über ihnen lag der stille verwundete Himmel im Verband eines langen weißen Gewölkes - die Abendsonne stand noch hinter dem Palast , aber auf beiden Seiten desselben wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hin - und wenn man sich umkehrte nach Osten , zu den Bergen von Blumenbühl , so liefen grüne Lebens-Flammen hinauf , und wie goldne Vögel hüpften die Irrlichter durch die feuchten Zweige und an die Morgenfenster , aber die Fontänen warfen noch ihr weißes Silber in das Gold . - - Da schwamm die Sonne mit roter heißer Brust , goldne Kreise in den Wolken ziehend , hervor , und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell .... Julienne sah Albano , neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben , herzlich an , als ob es ihr Bruder wäre , und Karl sagte zu Liane : » Schwester , dein Abendlied ! « - » Von Herzen gern « , sagte sie ; denn sie war recht froh über die Gelegenheit , sich mit dem wehmütigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen , was die Entzückung und die Augen verschweigen . Sie ging hinab , das melodische Requiem des Tages stieg herauf - der Zephyr des Klanges , die Harmonika , flog wehend über die Garten-Blüten - und die Töne wiegten sich auf den dünnen Lilien des aufwachsenden Wassers , und die Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blüten - und drüben ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah groß und zärtlich ihre Menschen an . - Hältst du denn dein Herz , Albano , daß es mit seinen Freuden und Leiden verborgen bleibt , wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Töne wandeln hörst ? O wenn der Ton , der im Äther vertropft , ihr das frühe Verrinnen ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl vieler zerdrückter Tage entfließen : denkst du daran nicht , Albano ? - Wie der Mensch spielet ! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden Wasseradern , damit sie eine mit aufschleudern ; und der Jüngling Zesara bückt sich weit über das Geländer und lässet an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf ein heißes Gesicht und Auge abspringen , um sich damit zu kühlen und zu verhüllen . - Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt ; Rabette gehörte unter die Menschen , welche dieses tönende Beben sogar physisch zernagt - so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff , der immer am wenigsten gerührt war , wenn es andere am meisten waren - ; die Unschuldige war mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süßen ; die bittersüße Wehmut , worein sie in der müßigen Einsamkeit der Sonntage versank , hatten sie und andere bloß für Verdrießlichkeit gescholten . Jetzt fühlte sie auf einmal mit Erröten ihr rüstiges Herz wie von heißen Strudeln gefasset , umgedreht und durchgebrannt . Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders , durch das Verlassen der Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten Blumenbühler Berg hin und her bewegt . Umsonst kämpften die frischen braunen Augen und die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz , die heißen Quellen rissen sich durch , und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn stand errötend voll Tränen . Schmerzlich-verschämt und bange , für ein Kind gehalten zu werden , zumal da alle Rührungen der andern unsichtbar geblieben waren , drückte sie das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum Bruder : » Ich muß fort , mir ist nicht wohl , es will mich ersticken « - und lief hinab zur sanften Liane . Dahin trage nur die scheuen Schmerzen ! Liane wandte sich und sah sie schnell und heftig die Augen trocknen . Ach ihre waren ja auch voll . Da Rabette es sah , sagte sie mutig : » Ich kanns ja nicht hören - ich muß heulen - ich schäme mich wohl recht . « - » O du liebes Herz , « ( rief Liane , freudig ihr um den Hals fallend ) » schäme dich nicht und blick in mein Auge - Schwester , komme zu mir , sooft du bekümmert bist , ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch eher abtrocknen als meines . « - Ein überwältigender Zauber war in diesen Liebestönen , in diesen Liebesblicken , weil Liane wähnte , sie trauere über irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens . - Und nie hat die furchtsame Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette Lianen . Da kam Albano . Vom Austönen des Wiegenliedes erwachend , war er ihr nachgeeilt , ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu wischen ; » wie ist dir , Schwester ? « fragt ' er eilig . Liane , noch in der Umarmung und Begeisterung schwebend , antwortete schnell : » Sie haben eine gute Schwester , ich will sie lieben wie ihr Bruder . « Die süßen Worte , die so innig gerührten Seelen , der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin , und er umschloß die Umarmenden und drückte die verschwisterten Herzen aneinander und küßte die Schwester ; als er über Lianens bestürztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und blutrot aufflammte . - - Er mußte entfliehen . Mit diesen wilden Erschütterungen konnt ' er nicht vor Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben . Aber die Nacht sollte so wunderbar werden wie der Tag ; er eilte mit Lebens-Blicken , die wie zornige aussahen , aus der Stadt zur Titanide , zur Natur , die uns zugleich stillet und erhebet . Er ging vor aufgedeckten Mühlenrädern vorbei , um welche sich der Strom schäumend wand . - Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikas - und der Sturm fuhr unter sie , und die feurigen Zentimanen standen auf - die Nacht bauete den Triumphbogen der Milchstraße , und die Riesen zogen finster hindurch . - Und in jedem Elemente schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flügel . Albano lag , ohne es kaum zu wissen , auf der Wald-Brücke Lilars , worunter die Windströme durchrauschten . Er glühte , gleich den Wolken , von seiner Sonne nach - seine innern Flügel waren , wie die des Straußes , voll Stacheln und verwundeten ihn im Erheben - - der romantische Geistertag , der Brief des Vaters , Lianens Auge voll Tränen , seine Kühnheit und seine Wonne und Reue darüber und jetzt die erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her zogen erschütternd im jungen Herzen hin und her er berührte mit der Feuer-Wange die beregneten Gipfel und kühlte sich nicht und war dem tönenden fliegenden Herzen , der Nachtigall , nahe und hörte sie kaum . - - Wie eine Sonne geht das Herz durch die blassen Gedanken und löschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern aus . - - Auf der Erde und an dem Himmel , in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur eine Gestalt ; » Liane « sagte sein Herz , » Liane « sagte die ganze Natur . Er ging die Brücke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen hinauf , das dämmernde Lilar ruhte vor ihm . - Siehe da sah er den alten » frommen Vater « auf dem Geländer des Bogens eingeschlummert . Aber wie anders war die verehrte Gestalt , als er sie sich nach der des verstorbnen Fürsten vorgemalt ! Die unter dem Quäkerhute reichvorwallenden weißen Locken , die weiblich und poetisch runde Stirn , die gebogne Nase und die jugendliche Lippe , die noch nicht im späten Leben einwelkte , und das Kindliche des sanften Gesichts verkündigten ein Herz , das in der Dämmerung des Alters ausruht und nach Sternen blickt . Wie einsam ist der heilige Schlaf ! Der Todesengel hat den Menschen aus der lichten Welt in die finster überbauete Einsiedelei geführt , seine Freunde stehen draußen neben der Klause ; drinnen redet der Einsiedler mit sich , und sein Dunkel wird immer heller , und Edelsteine und Auen und ganze Frühlingstage entglimmen endlich - und alles ist hell und weit ! - Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele , die das Leben und seine Rätsel anschauet - - nicht nur der Ein- und Ausgang des Lebens ist vielfach überschleiert , auch die kurze Bahn selber ; wie um ägyptische Tempel , so liegen Sphinxe um den größten Tempel , und anders als bei der Sphinx löset das Rätsel nur der , welcher stirbt . - Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgitter des Schlafs mit Toten