Doch muß ich dir sagen , daß diese Benennungen in meinem Wörterbuche nicht für gleichbedeutend gelten . Jede bezeichnet mir eine besondere Classe der Hauptgattung , die man im gemeinen Leben mit dem allgemeinen Namen der Sophisten zu belegen gewohnt ist . Es gibt eine Art heller Köpfe , welche die Ausbildung einer glücklichen Anlage hauptsächlich dem Leben in der wirklichen Welt und den mannichfaltigen Gelegenheiten und Aufforderungen zum Nachdenken , die ihnen darin aufgestoßen sind , zu danken haben . Sie zeichnen sich durch einen schärfern Blick in die menschlichen Angelegenheiten von den beiden andern Classen aus , welche gemeiniglich in der Welt um sie her so fremd und neu sind , als ob sie eben erst aus der berühmten Platonischen Höhle179 hervorgekrochen wären . Jene sind meistens eben so vielseitig und geschmeidig als fein und an sich haltend ; sie entscheiden selten , kleben nicht hartnäckig an ihren Meinungen , widersprechen mit Bescheidenheit , glauben wenig zu wissen , und unterrichten oft mit ihrer Unwissenheit besser , als die positiven Herren mit ihrer Allwisserei . Ich gestehe meine Vorliebe zu den Mitgliedern dieser Classe , die eben nicht sehr zahlreich ist , und die ich , wiewohl sie die Philosophie nicht als ein Geschäft treiben , Philosophen in der eigentlichen Bedeutung des Worts nenne . Sophisten heißen bei mir euere Philosophen von Profession , die dem Speculiren bloß um des Speculirens willen obliegen , und bei gesellschaftlichen Gesprächen , wie interessant auch der Gegenstand seyn mag , keinen andern Zweck haben als Recht zu behalten . Gehen diese dialektischen Herren in der Grübelei so weit , daß sie genöthigt sind , für Begriffe , die niemand hat als sie , neue Wörter zu erfinden , die niemand versteht als sie , so nenne ich sie Phrontisten . Ich habe nur einen einzigen dieses Schlags in meinen Cirkel aufgenommen , weil er seine Spinnenweberei mit einer drolligen Art von Laune treibt , und wenn die Unterhaltung einen gar zu ernsthaften und schwerfälligen Gang nehmen will , immer zu seiner eigenen Verwunderung Mittel findet , die Gesellschaft durch die sublime Absurdität seiner Behauptungen wieder in den rechten Ton zu stimmen . Um dem gewöhnlichen Schicksal solcher Gesellschaften desto sicherer zu entgehen , werden außer Kleonidas und Musarion immer auch zwei oder drei schöne und geistvolle Milesierinnen aus Aspasiens Schule eingeladen , mit deren Hülfe es mir bisher noch so ziemlich gelungen ist , meine kampflustigen Symposiasten in den Schranken der Urbanität zu erhalten . In unsrer letzten Sitzung lenkte einer unsrer Sophisten das Gespräch auf die Frage , was das höchste Gut des Menschen sey ? - In allen Dingen immer nach dem Höchsten zwar nicht wirklich zu streben , aber wenigstens den Schnabel aufzusperren und darnach zu schnappen , ist , wie du weißt , eine angeborne Eigenheit der menschlichen Natur . Das Problem erregte also allgemeine Aufmerksamkeit , und verschaffte uns den ganzen Abend reichen Stoff zu mannichfaltiger Unterhaltung . Jede anwesende Person hatte ihr eigenes höchstes Gut , welches sie ( vermöge eines andern unserer Naturtriebe ) zum allgemeinen zu erheben suchte . Einer meinte , dieser Vorzug könne nur demjenigen Gute zuerkannt werden , das uns , auf der einen Seite , allen vermeidlichen Uebeln entgehen , und alle unvermeidlichen ertragen lehre ; auf der andern uns in den Besitz des besten von allem Guten , dessen wir fähig sind , setze , und uns alles Uebrige entbehrlich mache ; und dieß könne , seiner Meinung nach , nichts anders als die Weisheit seyn . Ein anderer behauptete , nur die Tugend vermöge das alles ; und nachdem sie sich eine Weile darüber gestritten hatten , verglich sie einer meiner Philosophen , indem er klar machte , daß Weisheit und Tugend nur zwei verschiedene Ansichten und Benennungen einer und eben derselben Sache seyen ; so daß endlich alle drei , zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft , die ein solches Wunder noch nie gesehen hatte , friedlich übereinkamen , die Sokratische Sophrosyne , welche Weisheit und Tugend zugleich bezeichnet , für das höchste Gut zu erklären . Sophrosyne , sagte ein vierter aus der Familie des Hippokrates , ist Gesundheit der Seele ; ein großes und wesentliches Gut , aber ohne Gesundheit des Leibes doch nur die Hälfte des höchsten Gutes . Gesundheit von beiden ist die nothwendige Bedingung des Genusses alles andern Guten , so wie das Gegentheil derselben alle andern Uebel in sich begreift : das höchste aller Güter ist also Gesundheit . Nachdem der Enkel des großen Hippokrates seinen Satz mit stattlichen Gründen ausgeführt hatte , nahm Kleonidas das Wort und bewies mit allem Feuer , womit ihn die Augen der gegen ihm über sitzenden Musarion reichlich versahen , und mit großem Beifall des weiblichen Theils der Gesellschaft : » das höchste Gut verdiene nur das genennt zu werden , dessen reinster Genuß uns den Göttern an Wonne gleich mache ; « und nun berief er sich mit einem Ernst , der ein allgemeines Lachen erregte , auf das Gewissen aller Anwesenden , ob wir etwas anderes kennten , von welchem sich dieß mit so viel Wahrheit sagen lasse , als die Liebe ? Wider beide erhob sich ein sechster , und bewies gegen den Arzt : » die Gesundheit könne schon darum nicht selbst das höchste Gut seyn , weil sie nur eine Bedingung des Genusses desselben sey ; « gegen Kleonidas : » seine Behauptung könnte allenfalls nur von der glücklichen Liebe gelten ; « und gegen beide : ein Gut , das nicht immer in unsrer Gewalt sey , könne nicht das höchste Gut des Menschen heißen . Indessen schien er ziemlich verlegen zu seyn , etwas Besseres aufzustellen , als der Hausmeister , der uns in den Speisesaal berief , einem meiner Philosophen Gelegenheit gab , mit einer scherzend ernsten Miene zu behaupten : wenn eine Gesellschaft von Repräsentanten des ganzen menschlichen Geschlechtes sich den ganzen Tag über diese Frage gestritten hätte , so würde eine wohlbesetzte Tafel sie endlich dahin vereinigen , daß alle - wenigstens gerade so thun würden , als ob sie die angenehmste Befriedigung der Eßlust für den höchsten Genuß hielten , den die Natur dem Menschen vergönne , so lange Zunge und Gaumen die empfindlichsten seiner Organe , und der Magen das große Rad bleibe , wodurch seine Existenz im Gang erhalten werde . Ich muß der ganzen Gesellschaft die Gerechtigkeit widerfahren lassen , daß sie sich zwei Stunden lang , jedes in seiner Manier , beeiferte , der Hypothese des Philosophen Ehre zu machen . Mitunter wurde viel Schönes zum Preis der Kochkunst gesagt , und ( nicht ohne Grund , dünkt mich ) behauptet : » Daß sie eine der ersten Stellen unter den schönen Künsten verdiene , und einen der wesentlichsten Vorzüge des Menschen vor den übrigen Thieren ausmache « . Auch dem Erfinder des Weins wurde mit vieler Andacht ein schallender Lobgesang angestimmt , und der Becher der Freude war kaum dreimal herumgegangen , als verschiedene von unsern Weisen ziemlich naiv merken ließen , daß es nur einiger Aufmunterung von Seiten der schönen Milesierinnen bedurft hätte , um die Verfechter der Weisheit und Tugend über die schmale Gränzlinie der Sokratischen Sophrosyne hinüberzulocken . Als aber zum Schluß des Gastmahls der große Sesamkuchen180 aufgetragen wurde , bemächtigte sich der Phrontist ( der unter dem Essen der stillste und geschäftigste von allen gewesen war ) des Worts mit allgemeiner Einstimmung , und bewies uns , nachdem er seinen Kuchen einem hinter ihm lauernden kleinen Bedienten einzusacken gegeben hatte , 181 aus voller Selbstüberzeugung : » das höchste Gut bestehe in dem Entschluß , freiwillig aller Dinge außer uns zu entbehren , und den reinsten und vollständigsten Selbstgenuß im bloßen Daseyn zu finden . « Zur Erläuterung dieses paradoxen Satzes brachte der Mann anfangs einige kurzweilige Dinge vor ; z.B. einen Beweis , daß die Menschen durch eine künstliche Verminderung der Ausdünstung und eine allmähliche Austrocknung des Magens zuverlässig so weit kommen könnten , bloß von Luft und Wasser zu leben ; ingleichen daß das gesellschaftliche Leben und die Sprache als die zwei größten Hindernisse unsrer Vervollkommnung anzusehen seyen , und es also ohne eine gänzliche Absonderung der Menschen von einander nie möglich seyn werde , zu jener reinen Existenz an sich selbst , und in sich selbst , und durch sich selbst und für sich selbst zu gelangen , in welcher unser höchstes Gut bestehe . Dieser Unsinn schien eine Zeit lang die ganze Gesellschaft zu belustigen : aber als unser Phrontist , um uns desto gründlicher zu überzeugen , sich von einer Abstraction zur andern empor arbeitete , und endlich so hoch über die Region des Menschenverstandes hinauf gekommen war , daß er uns Erklärungen von Worten , wobei nichts zu denken war , und Worte für Begriffe , die keinen Gegenstand hatten , geben wollte , wurde er durch einen allgemeinen Aufstand unterbrochen , und an das ewige Schweigen erinnert , das er sich durch seine Grundsätze selbst auferlegt habe . Alle übrigen vereinigten sich nun in dem Wunsche , daß Aristipp zugegen seyn möchte , um den Ausspruch zu thun , welche der vorgetragenen Auflösungen des Problems die wahre sey , oder , wofern er keine dafür halte , uns seine eigene mitzutheilen . Ich versprach , dich von allem Vorgegangenen zu benachrichtigen , und da ich dich für zu bescheiden hielt das Amt eines Richters zu übernehmen , dich wenigstens zu bewegen , uns deine Meinung von der Sache zu sagen . Ich verspreche mir von deiner Gefälligkeit , Freund Aristipp , du werdest nicht wollen , daß ich vergebens drei lange Stunden mit dem Schreibstift in der Hand auf meinem Faulbettchen gesessen haben soll . - Ich darf nicht vergessen , daß wir uns ausbitten , die hiermit an dich gelangende Frage einer genauern Aufmerksamkeit zu würdigen , und uns deine Gedanken , ohne Sokratische Ironie , in ganzem Ernst mitzutheilen . 69. Aristipp an Lais . Du hast wohl gethan , schöne Lais , daß du mich ausdrücklich angewiesen hast , mich über das seltsame Problem , womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich unterhalten hat , ernsthaft vernehmen zu lassen ; denn ich gestehe , daß die Frage : » was das höchste Gut des Menschen sey ? « in meiner Vorstellungsart etwas Lächerliches hat , und daß mir nie eingefallen wäre , sie könnte von so weisen Männern , wie die bärtigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind , in wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden . Meine erste Frage bei jeder Aufgabe dieser oder ähnlicher Art , ist : wozu soll ' s ? Bei dieser , dünkt mich , fällt es auf den ersten Blick in die Augen , daß es uns zu nichts helfen könnte , das Höchste zu kennen , da es uns doch , eben darum , weil es so hoch über uns schwebt , unerreichbar ist . In dieser Rücksicht möchte wohl der Aesopische Fuchs , der die Trauben , die ihm zu hoch hingen , für sauer erklärte , mehr praktische Weisheit gezeigt haben , als wir , wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe gucken , um in einer so schwindlichten Höhe ein Gut zu entdecken , welches wir mit allen unsern Sprüngen doch nie erschnappen werden . Beim Genuß eines Guten kommt es nicht auf die Größe desselben , sondern auf unsre Empfänglichkeit an . Das erfreulichste aller Dinge , das Licht , ist für den Blinden nichts ; an der festlichsten Tafel des großen Königs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu sich nehmen als sein Magen faßt ; und einer Mücke kann es gleich viel seyn , ob sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt . Du selbst , schöne Lais , hast , indem du mir das Problem vorlegst , mit einem einzigen Aristophanischen Worte verrathen , daß die Unart der Menschen , » die Schnäbel immer nach unerreichbaren Dingen aufzusperren , « dir selbst eben so lächerlich ist als mir . Indessen du willst daß ich ernsthaft von der Sache spreche , und ich gehorche um so williger , da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen dürfte , das die Mühe des Weges bezahlt , auf welchem wir es gefunden haben . Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern , daß die Wörter gut und böse ( wie alle andern , welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft , die wir den Dingen zuschreiben , bezeichnen ) immer von solchen Gegenständen gebraucht werden , welche nur in ihrer Beziehung auf uns , d.i. unserm Gefühl , unsrer Einbildung oder unserm Urtheil nach , gut oder böse sind . Alles was ist , mag an sich sehr gut seyn ; aber das braucht uns nicht zu kümmern , denn es kann uns nichts helfen . Wir haben bloß zu fragen : ob ein Ding uns gut oder böse sey ? das ist , ob es uns wohl oder übel bekommen werde . Der Krokodil ist in der Leiter der Naturwesen was er seyn soll , und also in seiner Art so gut als ein anderes Thier ; aber für die Anwohner des Nils ist er ein sehr schlimmer Nachbar . Die Frage , » was ist für den Menschen gut oder böse , « ist also immer eine mehr oder minder verwickelte Aufgabe , bei deren Auflösung das meiste auf Ort , Zeit und Umstände ankommt . Dasselbe Wasser , das in Fässern und Krügen dem Seefahrer unentbehrlich ist , taugt nichts im Schiffraum ; dasselbe Feuer , das auf dem Herde gut ist unsre Speisen zu kochen , würde in einer angefüllten Scheune großes Unglück anrichten ; eben derselbe Trank ist dem Kranken Arznei , dem Gesunden Gift ; oder in dieser Krankheit in kleiner Gabe heilsam , in einer andern , und in größerer Portion genommen , tödtlich . Ich zweifle sehr , oder ich behaupte vielmehr für gewiß , daß man mir im ganzen Umfang der Natur , selbst unter den nützlichsten und unentbehrlichsten Dingen kein einziges nennen könne , das auf andere Weise als unter gewissen Bedingungen und Einschränkungen gut für uns ist . Das Nämliche gilt von allen Beschaffenheiten , Natur- und Glücksgaben , die dem Menschen beiwohnen , wie von allen Lagen und Zuständen , worin er sich befindet . Vollkommene Gesundheit ( ein so hohes Gut , daß ein König , wenn er von den natürlichen Strafen der Unmäßigkeit gefoltert wird , sie mit der Hälfte seines Reichs zurückzukaufen wünscht ) ist für den , der sie mißbraucht , eines der größten Uebel . Schönheit , Witz , Talente , Reichthum , hohe Ehrenstellen , Macht , Scepter und Kronen , wie oft haben sie schon ihre Besitzer ins tiefste Elend und Verderben gestürzt ? Ist doch sogar das Leben , die erste Bedingung alles Genusses , selbst nur bedingungsweise ein Gut , und wird täglich von vielen Tausenden entweder aus Pflicht oder zu Befriedigung dieser oder jener Leidenschaft in die Schanze geschlagen ! Sogar Wahrheit , Gerechtigkeit , Weisheit und Tugend , wie schön und gut sie sich in der Idee dem Verstande darstellen , sind doch nicht unter allen Umständen und Beziehungen , für jeden Menschen in jeder Bedeutung des Worts , gut . So ist , z.B. nicht gut die Wahrheit zur Unzeit oder auf eine ungeschickte Art zu sagen ; so ist nicht jedem gut , alles Wahre zu wissen ; so ist möglich , daß ein gerechter Richter mir Unrecht thut , indem er mich nach einem gerechten Gesetze verurtheilt ; so ist das höchste Recht zuweilen Unrecht ; so gibt es keine Tugend , die für den , der sie ausübt , nicht entweder durch irgend einen äußerlichen Umstand oder durch seine eigene Schuld zu einer Quelle von wirklichen Uebeln für ihn selbst und andere werden könnte ; so kann was an dem einen Weisheit ist , an einem andern Thorheit seyn , u.s.w. Wenn nun alles , was die Menschen gut nennen , nur unter gewissen Umständen und Einschränkungen , also nur durch rechten und weisen Gebrauch wirklich gut für uns ist ; wenn das Gute unter gewissen Bedingungen zum Uebel , und aus gleichem Grunde , das Böse zum Gut werden kann : wird nicht , aller Wahrscheinlichkeit nach , eben dasselbe von jedem höhern , und so endlich auch von dem höchsten Gute gelten ? Klingt es aber nicht widersinnig , daß das höchste Gut , bei veränderten Personen und Umständen , das höchste Uebel seyn könnte ? Die bisherige Betrachtung scheint uns das glänzende Phantom , dem wir nachgehen , immer weiter aus den Augen gerückt zu haben . Lass ' uns versuchen , ob wir ihm vielleicht auf einem andern Wege wieder näher kommen werden . Wir suchen das höchste Gut des Menschen . Die erste Frage müßte also seyn : was ist der Mensch ? Die Natur stellt lauter einzelne Menschen auf , und es fehlt viel , daß diese nichts als gleichlautende Exemplarien eines und ebendesselben Originals seyn sollten . Der Mensch ist also entweder bloß ein collectives Wort für die sämmtlichen einzelnen Menschen , vom ersten Paar , das aus dem Schooß der Erde oder des Wassers hervorging , bis zu den letzten , die das Unglück oder Glück haben werden , die nächste , unsrer Welt von den Pythagoräern geweissagte , Verbrennung zu erleben182 , - oder es bezeichnet einen idealischen Koloß , der aus dem , was alle Menschen gemein haben , gebildet ist , und wovon , nach Plato , der bloße Schatten durch die Ritzen unsers Kerkers in unsre Seele fällt , indeß das Urbild selbst in der intelligibeln Welt der Platonischen Ontoos Ontoon183 wirklich vorhanden ist . Da ein bloßer Schatten , zumal der Schatten eines bloß intelligibeln Dinges , ein gar zu dünnes , leeres und flüchtiges Unding ist , um ein brauchbares Resultat zu geben , so werden wir uns wohl an den ersten Begriff halten müssen , der als eine Prosopopöie184 des ganzen Menschengeschlechts betrachtet werden kann . Um die Menschen , so wie sie als die regierende Familie im Thierreich wirklich und leibhaft auf dem Erdboden herumwandeln , so viel möglich mit Einem Blick zu übersehen , wollen wir uns , mit deiner Erlaubniß , Laiska , in Gedanken entweder mit dem Trygäus185 des Aristophanes auf einen Balcon der Jupitersburg , oder auf die höchste Thurmspitze seiner Nephelokokkygia186 stellen , und dann sehen - was zu sehen seyn wird . Das erste , denke ich , ist die erstaunliche Verschiedenheit dieser sonderbaren Thiere , die man unter dem collectiven Namen Mensch zu begreifen genöthigt ist , da sie , bei der auffallendsten Ungleichheit unter sich selbst , gleichwohl von allen andern Thierarten zu stark abstechen , um zu einer derselben gerechnet werden zu können . Wir sehen einige in kleiner Anzahl , nackend oder nur sehr dürftig bekleidet und mit Bogen , Pfeilen und Spießen bewaffnet , in ungeheuren Wäldern umherschweifen , wo ihr beinahe einziges Geschäft ist , die wilden Thiere zu verfolgen die ihnen zur Speise und zur Kleidung dienen . Andere finden wir an den Ufern großer Seen beschäftigt , mit Angelruthen oder Netzen dem Wasser einen oft kärglichen Unterhalt abzuverdienen . Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und Hütung ihrer Heerden hin ; und noch andere , genöthigt die geringere Freigebigkeit der Natur durch strenge Arbeit zu ersetzen , sehen wir mit den ersten Anfängen des Ackerbaues , der Gärtnerei , der Baukunst und Schifffahrt beschäftigt . Alle diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von thierischer Freiheit , mehr oder weniger armselig , oft kümmerlich , aber wenn sie nur nothdürftig zu leben haben , mit ihrem Zustande zufrieden , weil sie keinen bessern kennen . Was meinst du nun , daß diese Jäger , Fischer , Hirten und Pflanzer , die sich noch glücklich preisen , wenn sie mit mühseliger Anstrengung aller ihrer Kräfte sich des nothdürftigsten Unterhalts für einige Tage oder Monate versichern können , was meinst du , daß sie sich für eine Vorstellung von dem höchsten Gute machen ? Frage sie , und du wirst hören , daß ihre üppigsten Wünsche nicht über eine glückliche Bärenjagd , einen starken Fischzug , die Verdopplung ihrer Heerden , und eine reichliche Ernte hinausgehen ; und erschiene ihnen ein Gott , der es in ihre Wahl stellte , was sie von ihm erbitten wollten , weder ihre Einbildungskraft noch ihre Vernunft würde sie weiter führen , als zu der hohen Glückseligkeit ihr Leben lang ohne Mühe , Gefahr und Arbeit - die Forderungen ihres Magens befriedigen zu können . Diese Naturmenschen machen indeß , wiewohl sie vielleicht den größten Theil des Erdbodens einnehmen , den kleinsten des Menschengeschlechts aus . Der weit größere lebt in bürgerlicher Gesellschaft , wenige in Freistaaten , wo anfangs die Noth , in der Folge das Verlangen nach Wohlstand , Reichthum und Ansehen , unter dem belebenden Einfluß einer durch weise Gesetze zugleich begünstigten und eingeschränkten Freiheit , alle Arten von Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten , Leibes- und Geistes-Uebungen , Handarbeiten , Künste und Wissenschaften hervorgebracht , und zum Theil auf eine bewundernswürdige Höhe getrieben hat . Diese über ein großes Stück von Asien und Europa und die nördliche Küste von Libyen verbreiteten , mehr oder weniger ausgebildeten Menschen scheinen , beim ersten Ueberblick , sich zu jenen rohen Kindern der Natur wie die Götter zu den Menschen zu verhalten : forschen wir aber genauer nach , so werden wir uns bald überzeugen , daß unter einer Myriade policirter Menschen neuntausend sind , die sich überhaupt viel weniger glücklich , ja oft viel unglücklicher fühlen oder wähnen , als jene nackten Waldmänner , Troglodyten187 und Ichthyiophagen188 . Denn bei weitem die größere Zahl lebt in Armuth und Mangel an allen Bequemlichkeiten ; genießt wenig oder nichts von den Früchten des anscheinenden Wohlstands und Reichthums des Staats ; muß , um einer kleinen Anzahl üppiger Müßiggänger ein prachtvolles und wollüstiges Leben zu verschaffen , über Vermögen arbeiten , und sich oft schlechter nähren als die Wilden , und , damit an ihrem Elend nichts fehle , geduldig zusehen , wie die Müßiggänger sich auf ihre Unkosten wohl seyn lassen . Nun frage ich dich abermal : was dünkt dich daß für die neunzighundert Theile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen Schätzung , das höchste Gut seyn werde ? Wir wollen sie selbst nicht fragen ; denn sie sind nicht unverdorben genug , uns , wie ihre Brüder in den Wäldern des Atlas , Kaukasus und Imaus , die wahre Antwort zu geben . Aber rechne darauf , daß sie sich von keiner höhern Glückseligkeit träumen lassen , als täglich zu leben wie die Freier der Penelope , oder die Höflinge des Alcinous in der Odyssee , und , wie diese , aller Arbeit überhoben zu seyn . Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie abnehmender Gesundheit und Stärke , und ein müßiges sorgenfreies Leben , dieß ist ' s was sie sich als das höchste Gut denken , und höher gehen weder ihre Wünsche , noch ihre dermalige Empfänglichkeit . Und warum nicht ? da unter den übrigen schwerlich zehn vom Hundert sind , in deren Busen , wenn Prometheus nicht vergessen hätte ihn durchsichtig zu machen , wir nicht eben dieselben Wünsche , nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt , erblicken würden . Wenigstens läßt mich , was ich über diesen Punkt bisher wahrgenommen habe , nichts anders glauben . Sinnlichkeit ist nun einmal die Grundlage der menschlichen Natur ; essen , trinken und schlafen , das erste Bedürfniß , das erste Geschäft und das erste Vergnügen des Kindes , so wie das letzte des Greises , bei welchem das Wohlbehagen an den Vergnügungen des Gaumens in eben dem Verhältniß zunimmt , wie das Vermögen andre Triebe zu befriedigen abnimmt und aufhört . Stelle einen jeden Sophisten , der dieß nicht gestehen will , ohne daß er deine Absicht merken kann , auf die Probe , und du wirst schwerlich einen einzigen finden , der seine prahlerische Theorie nicht durch die That Lügen strafen wird . Wie dann , Laiska ? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch Recht behalten ? - Ja , und Nein , sage ich ; und wenn dieß widersinnig klingt , wer kann dafür , wenn der Mensch , seiner Centaurischen Natur nach , ein so widersinnisches Ding ist , daß mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu helfen weiß , als durch den wohlmeinenden Rath , den thierischen Theil geradezu abzuwürgen , und den geistigen allein leben zu lassen . Meine Vorstellungsart erlaubt mir nicht , so streng mit der Hälfte meines Ichs zu verfahren ; und da diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht , so denke ich vielmehr alles Ernstes darauf , einen billigen Vertrag zwischen beiden Theilen zu Stande zu bringen , mit dem Vorbehalt , falls es mir damit nicht gelingen sollte , mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen , und vermittelst ihrer Oberherrschaft über den animalischen Theil diese Sokratische Sophrosyne in mir hervorzubringen , die zwar nicht das höchste Gut , aber doch gewiß ein sehr großes und zum reinen Genuß aller andern unentbehrlich ist . Im Grunde sollte jener Vertrag so schwer nicht zu stiften seyn , da die Natur selbst in beiden Theilen schon Anstalt dazu gemacht , und dem geistigen eine sonderbare Anmuthung zu dem thierischen , diesem hingegen , trotz seiner angebornen Wildheit , eine eben so sonderbare Willigkeit sich von jenem zäumen und regieren zu lassen , eingepflanzt hat . In der That kommt in dieser Rücksicht alles darauf an , daß das Thier , wenn es seine Schuldigkeit thun soll , fleißig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten , aber auch wohl behandelt , gut genährt und hinlänglich gewartet werde . Sobald es merkt , daß der regierende Theil es wohl mit ihm meint , ist es folgsam und geschmeidig ; wird ihm aber übel begegnet , gleich fängt es an muckisch zu werden ; beißt um sich , schlägt aus , spreizt , bäumt und wälzt sich , und läßt nicht nach , bis es den Reiter abgeworfen hat . Ist dieser überhaupt nicht stark und verständig genug den Zügel recht zu führen und sein Thier im Respect zu erhalten , was Wunder wenn es mit ihm durchgeht , und sich gerade so meisterlos aufführt , als ob es keinen Herrn über sich erkennte ? Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen , bemerke ich nur , daß das Daseyn der Vernunft und ihr Einfluß auf unsre sinnliche oder thierische Natur sich , wie bei den Kindern schon in der frühen Dämmerung des Lebens , so bei allen , selbst den rohesten Völkern schon in den ersten Anfängen der Cultur vornehmlich darin beweist , daß sie ( wofern nicht besondere klimatische oder andere zufällige Ursachen im Wege stehen ) sich selbst und ihren Zustand immer zu verschönern und zu verbessern suchen . So langsam es anfangs damit zugeht , so schnell nimmt der Trieb zum Schönern und Bessern zu , wenn einmal gewisse Perioden zurückgelegt sind , und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen gewissen Grad von Stärke erreicht hat . Daß wir aber demungeachtet im Ganzen noch so weit zurück sind , liegt wohl hauptsächlich an der Kürze unsers Lebens , welches in Verhältniß mit allen übrigen Bedingungen , unter welchen wir es empfangen , in viel zu enge Gränzen eingeschlossen ist , als daß die Menschen ( wenige Ausnahmen abgerechnet ) große Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen innern und äußern Zustandes machen , oder etwas Beträchtliches zum allgemeinen Besten beitragen könnten : indessen zeigt sich doch von einer Generation zur andern ein gewisses , im Kleinen meist unmerkliches , aber im Großen ziemlich sichtbares Streben nach dem , was man füglich ( wie ich glaube ) den Zweck der Natur mit dem Menschen nennen kann . Und was könnte dieser anders seyn , als die immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung , wozu jeder einzelne der einst da war , etwas ( wie wenig es auch sey ) beigetragen hat , und von welcher nun hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder weniger Vortheil zieht ? Da nichts , was einmal da war oder geschah , ohne Folgen ist , also nichts ganz verloren geht ; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine Versuche , Erfahrungen , Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur Fortsetzung , Ausbildung , Verbesserung und Vermehrung überliefert , so kann dieß schlechterdings nicht anders seyn . Die Rückfälle , die man von Zeit zu Zeit wahrzunehmen wähnt , die alte Sage , » daß nichts unter der Sonne geschehe , « und die Abnahme der menschlichen Gattung , die man uns schon aus dem alten Homer erweisen zu können glaubt , sind nur anscheinend . Besondere Völker , einzelne Menschen können wohl in einigen Stücken schlechter als ihre Vorfahren werden ; aber das Menschengeschlecht , als Eine fortdauernde Person betrachtet , der unsterbliche Anthropodämon189 Mensch , nimmt immer zu , und sieht keine Gränzen seiner Vervollkommnung . Denn nur dem einzelnen Menschen , nicht der Menschheit , sind Gränzen gesetzt . Die Fortschritte , welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren , bis zu der Stufe , worauf wir dermalen stehen , gemacht haben , werden andre Menschen , vielleicht ganz andre Völker , nach uns in den nächsten Jahrtausenden fortsetzen , und unfehlbar wird eine Zeit kommen , wo die Menschen durch künstliche Mittel sehen werden , was uns unsichtbar ist ; wo sie Schätze von Kenntnissen , wovon sich jetzt niemand träumen läßt , gesammelt , neue Mineralien , Pflanzen und Thiere , neue Eigenschaften der Körper , neue Heilkräfte , kurz , unendlich viel Neues im Himmel , auf Erden und im Ocean entdeckt , und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel höher getrieben