die nur der deutsche Frühling kennt . Die Besitzung des Geheimrats Rottenstein war nur ein kleines Landgut , aber wie geschaffen zum behaglichen Ruhesitze des Alters . Das nicht große , aber sehr freundliche Haus lag im Schatten der alten Linden , die ihm den Namen gegeben hatten . An den ausgedehnten Garten schloß sich das Weingütchen , die höchste Freude des alten Herrn , der seinen Wein selbst zu keltern pflegte . Von der rebenumsponnenen Veranda , die an der Hauptseite des Hauses lag , hatte man einen schönen Blick auf den Rhein , zur Linken stiegen die sonnigen Weinberge des Ufers empor und zur Rechten ragte in einiger Entfernung , aus den dichten Laubmassen eines Parkes , ein mächtiges Gebäude auf , Schloß Brankenberg , das langer als ein Jahrhundert im Besitz einer alten Adelsfamilie gewesen war und jetzt einen neuen Herrn hatte . Auf der Veranda saßen der Geheimrat und sein Gutsnachbar und auf dem Tische funkelte in den Gläsern der Wein , » eigenes Gewächs « , auf das der alte Herr ungemein stolz war . Der heimische Winter schien ihm sehr gut bekommen zu sein , er sah weit wohler und frischer aus als im Herbst , er gehörte nun einmal zu den Naturen , die nur auf dem Heimatboden gedeihen . Robert Adlau hatte sich gar nicht verändert in seiner markigen , kraftvollen Erscheinung , nur etwas bleich sah er heute aus , und die breite schwarze Binde , die er um die Stirn trug , schien auf irgend eine Verletzung hinzudeuten . » Also auf die glückliche Genesung ! « sagte Rottenstein , sein Glas erhebend . » Das ist freilich schnell genug bei Ihnen gegangen , Robert . Ein anderer hat wochenlang mit einer solchen Kopfwunde zu thun , und Sie laufen schon nach acht Tagen wieder umher , als ob gar nichts geschehen sei . « » Es war ja nicht all des Aufhebens wert , das davon gemacht wurde , « entgegnete Adlau mit einem Achselzucken . » Eine längere Betäubung infolge des Sturzes , ein etwas starker Blutverlust – mir thut nur mein schöner Fuchs leid , der bei der Geschichte draufgegangen ist . « » Nun , besser doch der Fuchs als Sie ! Uebrigens sah die Sache im Anfange recht gefährlich aus . Sie ahnen gar nicht , was das für ein Anblick war , als ich nach Brankenberg gerufen wurde und Sie anscheinend leblos und blutüberströmt daliegen sah . Der Doktor machte auch zuerst ein sehr bedenkliches Gesicht , und auch jetzt meint er , eine Natur wie die Ihrige sei ihm noch nicht vorgekommen . « » Ja , meine Natur ist gut . Uebrigens habe ich dem Inspektor tüchtig den Kopf gewaschen , weil er nichts Gescheiteres wußte , als schleunigst zu Ihnen zu schicken und Sie zu erschrecken mit der Nachricht . Was ging denn das Sie an ! « » Was es mich anging ? « rief der Geheimrat unwillig . » Glauben Sie , daß mir Ihr Leben und Sterben gleichgültig ist ? « » Nun ja – Ihnen vielleicht nicht , « sagte Robert langsam . » Andere freilich – « er brach plötzlich ab , als habe er schon zu viel gesagt , der alte Herr aber fiel eifrig ein : » Ja , andere Freunde haben Sie freilich nicht hier , aber das ist doch nur Ihre eigene Schuld . Ich wollte Ihnen längst schon eine Strafpredigt halten wegen dieses Einsiedlerlebens , das Sie nun bereits seit sechs Monaten führen . Sie haben keinen einzigen Besuch in der Nachbarschaft gemacht , verkehren mit niemand , ziehen sich hartnäckig von jeder Geselligkeit zurück . Wie halten Sie es denn nur aus in dem großen , öden Schlosse , so ganz allein ? « » Nun , im Sommer wird es ja Leben genug geben , wenn meine Schwester mit Mann und Kindern kommt , « entgegnete Adlau ausweichend . » Für jetzt habe ich noch sehr viel zu thun , viel mehr , als ich anfangs glaubte . Ich habe bisher noch gar keine Zeit für die Geselligkeit gehabt . « » Ja , Sie kehren in Ihrem Brankenberg so ziemlich das Unterste zu oberst , « lachte der Geheimrat . » Unsere Landwirte sperren Mund und Nase auf über all das Neue , das da aus dem Boden hervorwächst , aber um so mehr nimmt man Ihnen die Zurückgezogenheit übel . Ich muß es oft genug hören , daß ich in der ganzen Umgegend für Sie der einzige Mensch zu sein scheine . « » Und der will mich jetzt auch verlassen , « warf Robert mit etwas gezwungenem Scherz ein . » Sie wollen ja nach der Schweiz . « Rottenstein nickte und ließ einen schmerzlichen Blick über seinen Garten hingleiten , der in voller Lenzespracht blühte und duftete . » Im nächsten Monat . Meine Tochter hat sich für den Sommeraufenthalt in Interlaken entschieden , und dort treffen wir uns . Ich habe sie ja seit einem halben Jahre nicht gesehen . « Die letzten Worte klangen sehr weichmütig . Adlau blickte ihn mit halb spöttischer , halb mitleidiger Miene an . » Ich fürchte , ich habe Ihnen einen schlechten Dienst geleistet mit der damaligen Entführung . Sie sind gar nicht angelegt für einen solchen Gewaltstreich und haben ihn gewiß längst schon bereut . « » Nicht doch ! Ich war ja froh , diesem ewig drohenden Aegypten , mit seinen Pyramiden und Mumien , zu entrinnen , aber freilich , Elfriede – sie nahm mir das sehr übel . Ich habe bittere Dinge lesen müssen . « » Warum warfen Sie nicht die ganze Verantwortung auf mich allein , wie ich Ihnen riet ? « Der alte Herr schwieg verlegen , er hatte das allerdings gethan , aber das war nur ein erschwerender Umstand gewesen in den Augen seiner Frau Tochter . Er wußte am besten , was er brieflich hatte aushalten müssen . » Nun , Sie können ja bald mündlich Abbitte leisten , « spottete Robert . » Malen Sie meine Unthat so schwarz als möglich , ich habe nichts dagegen . – Frau von Wilkow ist also noch in Konstantinopel ? « » Jawohl , und sie beabsichtigt noch einige Wochen dort zu bleiben . Ich erwarte jetzt bestimmte Nachricht darüber , ich schrieb ihr vor acht Tagen , gerade an dem Tage , wo Sie mit dem Pferde gestürzt waren . « Adlau , der eben im Begriff war , das Glas zum Munde zu führen , setzte es jäh und heftig wieder hin . » Sie haben das doch nicht etwa geschrieben ? « Rottenstein geriet etwas in Verwirrung , Er hatte es allerdings seiner Tochter geschrieben , sogar am Abend des Tages , an dem der Unfall stattgefunden hatte . Dieser zornigen Frage gegenüber wagte er es aber nicht , das einzugestehen , und deshalb klang seine Antwort sehr diplomatisch : » Wenn Sie es nicht wünschen , werde ich in meinem nächsten Briefe nichts davon erwähnen . « » Ich bitte ausdrücklich darum . Man hat in Konstantinopel schwerlich Interesse für solche Dinge , wenn man sich in so vortrefflicher Gesellschaft befindet . « Die Worte klangen in herbster Bitterkeit , aber der Geheimrat hielt es für besser , die Anspielung nicht zu verstehen . » Elfriede ist allerdings in guter Gesellschaft , « sagte er mit anscheinender Unbefangenheit . » Ich erzählte Ihnen ja , daß sie in Kairo mit Mister und Mistreß Thornton zusammentraf , der englischen Familie , bei der sie im Sommer zum Besuch war . Sie hatten schon damals dies Zusammentreffen verabredet und machten nun gemeinschaftlich die ganze Reise . « » Mit dem unvermeidlichen Anhängsel , dem geistreichen Herrn Ferdinand Wellborn ? « » Ja , den scheinen sie allerdings nicht losgeworden zu sein ! Von Aegypten ist er mit nach Palästina gegangen , von da nach Konstantinopel , und ich bin überzeugt , er taucht auch in der Schweiz auf . Ich fürchte jetzt auch , er steuert auf ein ganz bestimmtes Ziel los , und solch ein unermüdliches und beharrliches Werben wirkt schließlich bei jeder Frau . Elfriede besonders ist unberechenbar in mancher Hinsicht . Wenn sie sich wirklich überreden ließe , ihr Jawort zu geben , dann – « Robert stand plötzlich auf und griff nach seinem Hute . » Dann verdient sie einen solchen Gatten , « sagte er mit äußerster Schroffheit . » Ich wünsche der gnädigen Frau Glück dazu . « » Sie wollen schon fort ? « fragte Rottenstein bestürzt . Er war ärgerlich auf sich selbst , er wußte es ja längst , daß Adlau die Berührung dieses Punktes nun einmal nicht vertrug , und hatte sich doch dazu verleiten lassen . » Sie sind ja kaum eine halbe Stunde hier gewesen , « fuhr er bittend fort . » Haben Sie es denn so eilig ? « » Jawohl , ich will noch nach dem Reichenauer Forste und mir den dortigen Bestand ansehen . Das Waldrevier soll verkauft werden , es wurde mir angeboten und es liegt mir sehr bequem . Da heißt es , sich rasch entschließen und zugreifen . Also auf Wiedersehen ! « Er ging nach flüchtigem Gruße ; der alte Herr blickte ihm nach und schüttelte den Kopf . » Er kann ' s nicht verwinden – trotz alledem ! « sagte er halblaut . » Er wirtschaftet zwar in Brankenberg herum , daß einem Hören und Sehen vergeht , aber Freude hat er nicht daran , und dies Einsiedlerleben kommt auch nur von dem Groll und der Verbitterung her . Ja ja , Friedel , den Robert hast du auf dem Gewissen ! « Ob Elfriede wirklich so ganz gleichgültig war gegen die Nachricht , die er ihr geschrieben hatte ? Man hatte ihn damals mit der Schreckensbotschaft vom Schreibtische fortgerufen , und als er zurückkam , noch ganz unter dem ersten Eindruck des Unfalls , der im Anfange gefährlich genug schien , hatte er nur eine Nachschrift unter den halb vollendeten Brief gesetzt : » Ich komme eben von Brankenberg , wo Robert schwer verwundet liegt . Ein Sturz mit dem Pferde – es steht leider alles zu befürchten ! « Das war ja nun glücklicherweise ganz anders gekommen , aber antworten mußte man doch wenigstens auf eine derartige Meldung . Der Geheimrat sah allein bei seinem Glase , aber der Wein schmeckte ihm nicht mehr , und er versank in trübe Gedanken . Nun kam der Sommer , die schönste Zeit am Rhein , und andere kamen aus weiter Ferne , um das zu genießen , aber er selbst mußte sein behagliches Heim verlassen und auswandern , nach der großen , von Menschen überfüllten Sommerfrische der Schweiz . Es blieb ihm ja nichts anderes übrig , wenn er sein einziges Kind wiedersehen wollte . Elfriede hatte ihm in ihren Briefen mit vollstem Nachdruck wiederholt , sie werde nie wieder Lindenhof betreten , solange der Herr von Brankenberg in seinem Schlosse wohne . Bei der Nähe der beiden Orte hätte sich allerdings eine Begegnung nicht vermeiden lassen ! Da hieß es also wieder monatelang in ungemütlichen Hotelzimmern wohnen und den ganzen Lärm des Reiseverkehrs aushalten , der dann auf seiner Höhe stand . Da ging es wieder Tag für Tag hinaus , auf alle möglichen Berggipfel , zu Pferd , zu Wagen , mit den Bahnen , eine ruhelose Hetzjagd vom Morgen bis zum Abend . Diesmal aber dachte der geplagte Vater nicht daran , durchzugehen , er hatte genug an dem einen Male . Er griff schließlich nach der Zeitung , um auf andere Gedanken zu kommen , und hatte wohl eine Stunde lang gelesen , da fuhr draußen am Gitterthor ein Wagen vor . Er sah auf : die beiden Koffer deuteten auf Fremde , und der Herr , der soeben ausstieg , schien auch den Kutscher nach dem Namen des Landhauses zu fragen . Rottenstein wurde aufmerksam , die Gestalt kam ihm so bekannt vor . Das konnte doch unmöglich – aber jetzt kam der junge Mann durch den Garten , im eleganten , hellen Reiseanzuge , einen Strohhut auf dem sorgfältig gekräuselten Haar , den unvermeidlichen Baedeker in der Hand – wahrhaftig , das war Ferdinand Wellborn und kein anderer ! Dem Geheimrat fuhr der Schrecken in alle Glieder . Das konnte nur einen Grund haben . Elfriede hatte ihr Jawort gegeben und ihr Verlobter kam nun , um sich den väterlichen Segen zu holen . Eine andere Erklärung gab es gar nicht für dies plötzliche Auftauchen . » Friedel , das hättest du mir und dem Robert doch nicht anthun sollen ! « stöhnte der alte Herr verzweiflungsvoll . » Solch einen Schwiegersohn , das halte ich nicht aus ! « Wellborn kam bereits die Stufen der Veranda herauf , prallte aber förmlich zurück , als er den Hausherrn erblickte , den das Weinlaub seinem Blick bisher entzogen hatte . » Herr Geheimrat – Sie sind wirklich noch am Leben ? « » Warum soll ich denn nicht am Leben sein ? « fragte der Geheimrat , der seinen künftigen Schwiegersohn in ziemlich gereizter Stimmung empfing . » Haben Sie vielleicht etwas dagegen ? « » O nein , durchaus nicht – ganz im Gegenteil ! Aber es ist doch merkwürdig , daß Sie so dasitzen ! « » Ich finde es noch weit merkwürdiger , daß Sie da sind . Ich glaubte Sie in Konstantinopel . « » Ja , dort war ich nsch vor drei Tagen , aber jetzt bin ich hier , « sagte Ferdinand verwirrt . » Sie sind also wirklich ganz munter und lebendig ? « » Das sehen Sie doch ! « rief der alte Herr , höchst beleidigt durch diesen fortwährenden Zweifel an seiner Lebendigkeit . » Haben Sie vielleicht geglaubt , mich als Leiche zu finden ? « » Ja , das glaubten wir allerdings – das heißt , wir fürchteten es , « verbesserte sich Wellborn schnell , als jener entrüstet auffuhr . » Die gnädige Frau war in Todesangst und wollte auf der Stelle abreisen , die Kammerjungfer erklärte , in den zwei Stunden nicht packen zu können , da wurde sie einfach mit dem Gepäck zurückgelassen . Die Frau Baronin nahm nur das Allernotwendigste mit – mich hat sie auch mitgenommen . Das heißt , sie wollte es durchaus nicht , aber Mistreß Thornton bestand darauf , daß sie in dieser Angst und Aufregung nicht allein reisen dürfe – und die Kammerjungfer wird mit den Koffern nachkommen . « » Aber so erklären Sie mir doch endlich die Ursache ! « unterbrach ihn Rottenstein , der bei diesem ohne jede Pause hervorgesprudelten konfusen Bericht die Geduld verlor . » Ich verstehe kein Wort von der ganzen Geschichte , so reden Sie doch vernünftig ! « Der Aufgeregte mochte es wohl selbst fühlen , daß sein Vortrag einigermaßen der Klarheit entbehrte , und so fing er denn noch einmal von vorn an . » Wir waren in Konstantinopel , mit unseren englischen Reisegefährten , da kam der Unglücksbrief , mit der Nachricht von Ihrem Unfall , von dem schweren Sturze . Mister Thornton wollte erst telegraphisch nähere Nachrichten einziehen , aber die gnädige Frau wollte nichts davon hören und beschloß die sofortige Abreise . So nahmen wir denn den Orientexpreßzug und sind nur so durch die Länder geflogen , es war eine höchst anstrengende Fahrt . Und nun sitzen Sie hier bei einer Flasche Wein und man sieht Ihnen gar nichts mehr an . O , das ist merkwürdig , höchst merkwürdig ! « Dem Geheimrat ging jetzt ein Licht auf und sein ganzes Gesicht verklärte sich dabei . Das also war die Wirkung jener Nachricht aus Brankenberg gewesen ! Nun kommst du doch , Friedel , und noch dazu mit dem Orientexpreßzug ! triumphierte er innerlich , aber er sah doch ein , daß er den Vorwand bestätigen müsse , den seine Tochter für ihre plötzliche Abreise erfunden hatte . » Ja , die Geschichte war gar nicht so gefährlich , als sie anfangs aussah , « sagte er im gemütlichsten Tone . » Ich bin allerdings die Treppe heruntergefallen – « » Nein , Sie fielen ja in den Graben , weil der Wagen ein Rad verlor , « berichtigte Wellborn , der die Sache viel genauer wußte als der Betroffene selbst . » Richtig , in den Graben ! Ich weiß das nicht mehr so genau , mein Kopf hat doch etwas gelitten . Eine kleine Gehirnerschütterung , die aber Gott sei Dank nichts auf sich hatte . Doch nun sagen Sie mir vor allen Dingen , wo ist denn eigentlich meine Tochter ? « » Ist sie denn noch nicht hier ? « fragte Ferdinand höchst betroffen . » Mein Gott , sie hat mich ja schon vor zwei Stunden verlassen und einen Fußweg nach Lindenhof genommen , der bedeutend näher sein soll als die Fahrstraße – durch den Reichenauer Forst , wie sie sagte . « Der alte Herr sprang vom Stuhle auf . Der Reichenauer Forst ! Da gab es nur einen Fußweg und der Wald war überhaupt nicht so groß , daß man sich darin verfehlen konnte . Da lief die Friedel dem Robert ja geradezu in die Arme ! » Bravo ! « Er hatte das letzte Wort ganz laut gerufen und fügte nun erklärend hinzu : » Ich freue mich nämlich sehr , daß meine Tochter da ist ! « » Bitte , vorläufig ist sie noch nicht da , « warf Ferdinand mit besorgter Miene ein . » Wir fanden keinen Wagen auf der kleinen Station , wo wir ausstiegen ; es mußte erst in das Dorf geschickt werden , und der Stationsvorsteher sagte , es könne wohl eine Stunde dauern . So lange wollte die gnädige Frau aber nicht warten , sondern zu Fuß vorausgehen . Ich wollte sie natürlich begleiten , aber sie meinte , ich müsse bei dem Gepäck bleiben . Das that ich denn auch und habe die Koffer gleich mitgebracht . « Der gute Ferdinand erzählte das ganz naiv , ohne zu merken , welche klägliche Rolle er dabei spielte . Er war es freilich längst gewohnt , von der Dame seines Herzens als eine Art höherer Kammerdiener behandelt zu werden , der auf der Reise alles Nötige besorgte , und den man dann , je nach Bedarf , entweder mitnahm oder bei dem Gepäck zurückließ , das fiel ihm gar nicht mehr auf . Geheimrat Rottenstein aber wurde jetzt auf einmal die Liebenswürdigkeit selbst . Er lud den jungen Mann zum Sitzen ein , bot ihm Wein an und äußerte gar keine Besorgnis wegen des Ausbleibens seiner Tochter . Sie kenne den Weg ja genau , man müsse eben warten . Ihm war diese Verspätung der sicherste Beweis , daß Elfriede » jemand « begegnet sei . Wellborn war sehr angenehm berührt von dieser Liebenswürdigkeit . Er nahm Platz und begann zu erzählen , wobei er wie gewöhnlich alles mögliche durcheinander schwatzte . Zunächst von der Reise , die er das Glück gehabt hatte , in Gesellschaft der gnädigen Frau zu machen . Es herrsche so unendlich viel Sympathie zwischen ihnen beiden , die Frau Baronin liebe das Reiseleben , er auch , er habe sich jetzt sogar zu einer Reise um die Erde entschlossen . Dann kam er plötzlich ganz unvermittelt auf seine Fabrik , die schon seinen Papa zum reichen Mann gemacht habe und fortwährend glänzende Geschäfte mache . Er habe zwar nicht Rang und Titel zu bieten , aber sonst ständen alle Annehmlichkeiten des Lebens zu Gebote , ihm , dem glücklichen Erben , und einem Wesen , das er nicht nennen wolle , das aber vielleicht erraten werde , da es dem Herrn Geheimrat sehr nahe stehe – kurz , er steuerte , zwar noch etwas schüchtern , aber doch unverkennbar , auf den väterlichen Segen los . Das hatte nun zwar jetzt keine Gefahr mehr , aber der Geheimrat sah doch ein , daß er es nicht zu einem förmlichen Antrage kommen lassen dürfe . Er lenkte deshalb rasch ab und erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden des Wetterglases . In dem Gesicht des jungen Mannes zeigte sich eine gewisse Verlegenheit bei dieser Frage , aber er zog sofort das Glas hervor , das er natürlich wieder bei sich hatte , stellte es auf den Tisch und betrachtete es mit nachdenklicher Miene . » Ja , das ist eine merkwürdige Geschichte , « gestand er . » Denken Sie nur , mein Wetterglas stand in Aegypten fortwährend auf Regen , monatelang – und am Nil regnet es ja überhaupt nicht . « » Da hat sich das Ding eben geirrt , das passiert ihm ja gewöhnlich , « meinte der alte Herr wohlwollend . » Da hat mein Gärtner ein zuverlässigeres Wetterglas . Sein Laubfrosch saß gestern abend trotz des Regens auf der höchsten Stufe seiner Leiter , und heut haben wir wirklich herrliches Wetter . « » Das zeigt mein Glas ja auch an ! « rief Wellborn triumphierend . » Da sehen Sie selbst – Beständig – höchster Stand ! Nein , wie mich das freut ! « » Wohl weil es so selten vorkommt ? « sagte der Geheimrat , aber Ferdinand lächelte etwas verschämt . » O nein , aus einem anderen Grunde . Ich bekenne mich da einer gewissen Schwäche schuldig . Es ist eine Art Aberglaube – lachen Sie nur , Herr Geheimrat – aber ich nehme diesen günstigen Stand als ein glückliches Vorzeichen für mein Eintreffen in Ihrem Hause , für einen Wunsch , eine Hoffnung , die ich noch nicht nennen will , deren Erfüllung mich aber zum Glücklichsten der Sterblichen – « Da steuerte er schon wieder auf den Segen los . Rottenstein mußte zum zweitenmal dazwischen fahren , und diesmal erkundigte er sich mit krankhaftem Eifer , wie weit denn das große Reisewerk gediehen sei . Er empfing auch ausführlichen Bescheid . Die Reisebeschreibung war fertig und sollte demnächst erscheinen , in glänzender Ausstattung , natürlich auf Kosten des Verfassers , dessen Mittel ihm das ja erlaubten . Damit geriet Ferdinand wieder ins Schwatzen und fand kein Ende dabei . Der alte Herr hörte so wenig zu wie damals unter den Oliven , aber heute schlief er nicht ein , sondern schwelgte in dem erhebenden Bewußtsein , schließlich doch erfolgreich eingegriffen zu haben , wenn auch ganz absichtslos . Er war es ja doch gewesen , der die Nachricht aus Brankenberg gesandt hatte . Der Reichenauer Forst zog sich dicht an der Grenze von Brankenberg hin . Es war ein prächtiger Laubwald , dessen mächtige Baumkronen im Sommer tiefen , kühlen Schatten spendeten ; jetzt flutete der Sonnenschein noch hell durch die Zweige , die das erste zarte Laub trugen , er glitzerte zwischen den Stämmen und spielte in goldenen Lichtern auf dem Boden , wo der Waldmeister duftete und allerlei lustiges Frühlingsleben summte und sich regte . Etwas abseits von dem schmalen Fußwege , der sich durch den ganzen Forst schlängelte , lag ein schattiges Plätzchen . Das grüne Unterholz , das schon reicheres Laub trug , war hier hoch aufgeschossen und in seinem Schütze plätscherte ein kleiner Waldbrunnen , kunstlos in einer Röhre von Baumrinde aufgefangen . Der helle Wasserstrahl sprudelte aus moosigem Gestein hervor , das von blühenden Ranken dicht umsponnen war , und ein Wildrosenstrauch , ganz übersät mit zarten , rosig angehauchten Blüten , neigte sich tief herab auf den einsamen Quell . Neben den Steinen , auf dem moosbedeckten Boden ausgestreckt , lag Robert Adlau ; aber er schien sich wenig um den Forstbestand zu kümmern , den er doch besichtigen wollte . In finsteres Sinnen verloren , blickte er unverwandt in das niederrieselnde Wasser . Jetzt , wo er allein war und keinem fremden Auge mehr standzuhalten brauchte , trat der Zug verbissenen Schmerzes in seinem Gesichte deutlicher hervor . Sein alter Freund hatte ganz recht gesehen , der Mann konnte noch immer nicht verwinden , was der Jüngling einst verloren hatte ; es ließ ihn nicht los . Wohl hatte er geglaubt , es sei vergessen und begraben , als er aus der Ferne zurückkehrte : da kam jene Begegnung und da flammte die alte Jugendliebe hell wieder auf . Jetzt wußte er es freilich , daß sie nicht gestorben war , aber das füllte die Kluft nicht aus , die sich von neuem aufthat zwischen zwei Menschen , die sich einst so nahe standen . Sie hatten es eben verlernt , einander zu verstehen . Ein Mann wie Adlau war freilich nicht geschaffen , sich in schmerzlicher Sehnsucht zu verzehren ; im Gegenteil , er grollte bitter mit der Frau , die ihren Starrsinn so wenig beugen wollte wie er den seinen , aber vergessen konnte er sie nicht . Was half es , daß er sich in die Arbeit stürzte und sein Brankenberg zu einem ganz neuen Reiche umschuf : er hatte keine Freude daran ! In jeder einsamen Stunde regte sich wieder das alte Weh und regte sich um so schärfer , je trotziger er versuchte , es niederzuhalten , es war stärker als er . Er hatte lange so dagelegen und erinnerte sich nun endlich , daß es Zeit sei , zu gehen . Mit einer unwilligen Bewegung schüttelte er die Träumerei ab und richtete sich halb empor , aber verharrte wie gebannt in dieser Stellung . Durch den frühlingslichten Wald , der noch einen vollen Einblick gestattete , kam eine Dame , ganz allein . Sie war noch in ziemlicher Entfernung , aber dem einsamen Manne stockte doch der Atem beim Anblick der schlanken Gestalt in dem grauen Reisekleide . Sein starres , ungläubiges Staunen hielt eine Weile an , dann blieb ihm kein Zweifel : es war Elfriede von Wilkow . Sie kam rasch näher , ohne auf ihre Umgebung zu achten . Die Augen zu Boden gesenkt , eilte sie vorwärts , wie gejagt von einer inneren Angst . Jetzt betrat sie den kleinen Seitenpfad , der , eine Windung des größeren Weges abschneidend , zum Waldbrunnen führte , jetzt erreichte sie diesen , da sprang Robert auf und trat ihr entgegen . Ein Aufschrei rang sich von den Lippen der jungen Frau , totenbleich , bebend an allen Gliedern , blickte sie auf den Mann , den sie tödlich verwundet , sterbend glaubte und der nun hier mitten im Walde ihr gegenüberstand . Das war zu viel für ihre schon durch die Angst erschöpfte Kraft , sie schwankte und griff nach den Holunderzweigen , als suchte sie einen Halt . Zu demselben Augenblick war Robert aber auch schon an ihrer Seite und stützte sie . » Um Gottes willen , was ist Ihnen ? – Habe ich Sie erschreckt ? – Elfriede ! « Erst seine Stimme , seine unmittelbare Nähe schienen die junge Frau zu überzeugen , daß diese Erscheinung Wirklichkeit sei . Ihr Blick glitt scheu und fragend über ihn hin , er war wohl bleicher als sonst , aber doch unverändert ; jetzt sah sie auch die Binde um seine Stirn , ein wirkliches Zeichen des Unfalls , und mit der Erkenntnis seiner Rettung kam ihr auch die Besinnung zurück . Mit einer raschen , beinahe heftigen Bewegung machte sie sich los von dem stützenden Arme . » Mir ist nichts , gar nichts ! « sagte sie , mit einem vergeblichen Versuche , sich zu fassen . » Sie traten nur so plötzlich hervor – ich war in der That erschrocken . « Sie ließ sich auf einem der moosbewachsenen Steine nieder , notgedrungen , denn ihre Füße trugen sie nicht mehr . Adlau war zurückgetreten , die alte Gereiztheit erwachte wieder in ihm bei der fluchtähnlichen Bewegung , mit der Elfriede sich ihm entzog . Er ahnte ja nicht , daß sie von seinem Unfall etwas wußte , konnte nicht erraten , was sie hergeführt hatte . Aber sie war so bleich , sie zitterte noch immer , und dann ihr Aufschrei , als sie ihn erblickte ; schwankend zwischen Unwillen und aufflammender Hoffnung , stand er vor ihr , aber seine Lippen waren fest zusammengepreßt . Die junge Frau bracht endlich das beklemmende Schweigen . » Ich bin auf dem Wege nach Lindenhof , « erklärte sie leise . » Ich will zu meinem Vater . « » Und ich komme eben von ihm , « fiel Robert ein . » Er ahnt noch nichts von Ihrer Ankunft , Sie wollen ihn vermutlich überraschen . « In das bleiche Gesicht Elfriedens stieg eine helle Glut bei dem Gedanken an die Veranlassung ihrer Reise . Sie hatte in besinnungsloser Angst zu dem Vater gewollt , um mit ihm nach Brankenberg zu eilen – der Todesgefahr gegenüber fielen ja alle Schranken , alle Rücksichten , Aber jetzt stand Robert lebend vor ihr , jetzt durfte er nicht ahnen , was sie hergetrieben hatte , um keinen Preis ! » Es gilt allerdings eine Ueberraschung , « bestätigte sie , und es gelang ihr wenigstens einigermaßen , das Beben ihrer Stimme zu beherrschen . » Ich weiß ja , wie schwer es meinem Vater wird , sein geliebtes Lindenhof zu verlassen , ich wollte ihm das ersparen , und dann – dann hatte ich auch Sehnsucht nach unserem Rhein . « » Nach unserem Rhein ! Gilt er Ihnen wirklich noch dafür ? « » Wie vorwurfsvoll das klingt ! Trauen Sie mir denn gar kein Heimatsgefühl zu ? « » Für den kalten grauen Norden ? Für die Enge der deutschen Verhältnisse ? Damals in Korfu hatten Sie nur Spott dafür . « » Nun , dann bin ich wohl dafür bestraft , « versuchte Elfriede zu scherzen . » Ich habe diesmal im Orient tatsächlich Heimweh gehabt , Sehnsucht nach einem deutschen Frühling . « » Wirklich ? Und