Lieblingswunsch der beiderseitigen Familien war , dem nur Cesario ’ s Abneigung gegen jedes Band , das ihn in Zukunft fesseln könnte , wie gegen jede Heirath überhaupt entgegenstand . Jetzt , wo Jahre darüber hingegangen sind und die junge Prinzessin erwachsen ist , scheint man jenen Plan wieder aufgenommen zu haben – Cesario hat dem Andringen der Verwandten nachgegeben . Ob ihm diese Convenienzheirath geben kann , was eine so glühende , schwärmerische Natur wie die seinige verlangt , das freilich ist eine andere Frage . “ Ella sah nachdenklich zu Boden . „ Du sagtest ja , die Braut sei jung und schön , und Cesario ist wohl der Mann , so einem jungen Wesen , das aus der einsamen Klostererziehung eben erst in das Leben tritt , Liebe einzuflößen . “ [ 643 ] „ Wir wollen es hoffen , “ sagte Reinhold ernst . „ Der zweite Brief ist von Hugo und aus S. datirt . “ Ein leichtes Erröthen flog über das Antlitz der jungen Frau , als sie in lebhafter Spannung fragte : Nun ? Kommt er endlich ? Dürfen wir ihn erwarten ? “ Reinhold schüttelte leise den Kopf . „ Nein , Ella . Unser Hugo kommt nicht ; wir müssen auch diesmal darauf verzichten , ihn wiederzusehen Hier , lies selbst ! “ Er reichte ihr den ziemlich umfangreichen Brief . Die ersten Seiten enthielten nur Reiseschilderungen , die ganz in der kecken , von Uebermuth und Laune sprühenden Art des Capitains hingeworfen waren ; erst ganz am Schlusse wurden die persönlichen Verhältnisse berührt . „ Ich habe meinen Aufenthalt in S. benutzt , “ schrieb Hugo , „ um dem Jonas einen Besuch abzustatten , der sich nun schon seit Jahr und Tag mit seiner Annunziata hier niedergelassen hat . Ihr habt die Kleine so überreich ausgestattet , daß aus der bescheidenen Wirthschaft , die sie sich einrichten wollten , ein recht hübscher Gasthof geworden ist , mit dem es auch schon tüchtig vorwärts geht . Die junge Frau hat endlich Deutsch gelernt und ist überhaupt eine ganz allerliebste Wirthin , den Jonas aber habe ich mir ernstlich vornehmen müssen , denn es ist förmlich haarsträubend , wie das winzige Ding , die Annunziata , diesen Bären von einem Seemanne nach allen Regeln der Kunst commandirt . Ich habe ihm in das Gewissen geredet , ihn an seine Manneswürde erinnert , ihm prophezeit , daß er rettungslos unter den Pantoffel gerathen würde , wenn das so fortginge – was giebt mir der Mensch zur Antwort ? ‚ Ja , Herr Capitain , man ist aber doch so unmenschlich glücklich dabei ! ‘ Da blieb denn freilich nichts übrig , als ihn seinem unmenschlichen Glücke und seinem Pantoffelregimente zu überlassen . Noch eine Nachricht habe ich für Dich und auch für Ella . Mir gerieth gestern zufällig eine italienische Zeitung in die Hand , in der ich der Notiz begegnete , daß eine Verschwägerung der Häuser Tortoni und Orvieto bevorstehe . Marchese Cesario werde sich in Kurzem mit der einzigen Tochter des Principe vermählen . Du siehst , auch ein Idealist stirbt heutzutage nicht mehr an unglücklicher Liebe ; er tröstet sich statt dessen nach Jahr und Tag mit einer jungen und vermuthlich auch schönen Frau aus fürstlichem Geblüte . Nur der Leichtsinnige , der ‚ Abenteurer ‘ kann es noch immer nicht verwinden , daß er zu tief in ein Paar blaue Augen geblickt hat . Ich kann nicht kommen , Reinhold , noch nicht ! Du kennst das Wort , das ich Deiner Frau gab , es verbannt mich noch immer von Eurer Schwelle . Der Himmel weiß es , wie lange ich mich noch auf dem Meere herumtreiben muß , ohne Euch wiederzusehen , aber wenn mir die Erinnerung auch nicht mehr das Herz abdrückt , wie im Anfange , loslassen will sie mich noch immer nicht . Meine ‚ Ellida ‘ liegt wieder einmal segelfertig im Hafen , und morgen fliegt sie mit ihrem Capitain wieder hinaus in ’ s Weite – also leb ’ wohl , Reinhold ! Küsse Deinen Knaben in meinem Namen ! An Ella werde ich doch wohl einen Gruß senden dürfen , da Du ihn ihr bringst ? – Vielleicht sehen wir uns wieder . “ Ella faltete den Brief zusammen und legte ihn schweigend nieder . „ Ich hoffte doch , er würde wenigstens diesmal zu uns zurückkehren , “ sagte sie endlich – es bebte wie Wehmuth in ihrer Stimme . „ Ich habe es nicht erwartet , “ entgegnete Reinhold ernst , „ denn ich kenne Hugo . An seinem Charakter scheint vieles so leicht und spurlos abzugleiten , und gleitet vielleicht auch wirklich ab , hat er aber einmal etwas mit voller Seele erfaßt , dann läßt er es auch für das ganze Leben nicht wieder los . Er bewahrt seine Liebe treuer und besser , als – ich es that . “ „ Liebtest Du mich denn , als ich Dir angetraut wurde ? “ fragte Ella mit sanftem Vorwurf . „ Konntest Du die Frau lieben , die damals Dich und sich selbst noch nicht verstand ? Wir mußten erst getrennt werden , um uns so voll , so ganz wiederzufinden , und mich würde nichts mehr an die Trennung erinnern , sähe ich nicht auf Deiner Stirn immer wieder den Schatten , den die eine Erinnerung wach ruft . “ Reinhold fuhr mit der Hand über die Stirn . „ Du meinst den Tod Beatricens ? Ich weiß es ja , daß sie sich mit eigener Hand ihr Schicksal bereitete , und doch kann ich nicht immer die Stimme zum Schweigen bringen , die mich der Mitschuld daran zeiht . Daß ich sie verließ , das trieb sie zur Verzweiflung , zum Wahnsinn ; sie wollte uns vernichtend treffen und traf sich selber . “ „ Und aus den Wellen , die ihr den Tod gaben , rettetest Du Dir und mir das Höchste , unser Kind und unsere Liebe , “ sagte die junge Frau leise . „ Sieh , da kommt unser Reinhold . Willst Du auch dem Kinde diese schwer umdüsterte Stirn zeigen ? “ Der kleine Reinhold steckte den Kopf zur Thür herein , und als er die Eltern im Zimmer sah , kam er vollends hereingesprungen , so rosig und frisch , so voll Leben und Uebermuth , daß die Düsterheit des Vaters und der Ernst der Mutter nicht Stand halten wollten vor seinem Schmeicheln und Tollen . Ella küßte zärtlich die Stirn ihres Knaben , während Reinhold sie und das Kind an sich zog . Sie hatten ihn doch unlösbar festgehalten , diese Fesseln , die er einst in jugendlicher Verblendung gesprengt und zerrissen hatte , bis er draußen in dem so heißersehnten Leben , unter all den erträumten Schätzen fühlen lernte , daß er doch das Beste daheim gelassen , bis die Sehnsucht nach der Vergangenheit erwachte , und sich mächtig und unwiderstehlich Bahn brach , bis er sich durch Schuld und Todesgrauen das zurückerkämpfen mußte , was er einst selbst von sich gestoßen hatte , sein Weib und sein Kind – und in dem Blicke , mit dem er jetzt auf die Beiden niedersah , stand deutlich und klar das Geständniß , welches die Lippen nicht aussprachen , daß er das so lang ’ und ruhelos gesuchte und immer versagte Glück endlich hier gefunden .