unheilvolle Regiment des Freiherrn ausgesprochen , hast seinen Sturz als eine Nothwendigkeit bezeichnet , und jetzt , wo dieser Sturz allen Anzeichen nach bevorsteht , willst Du nicht die Hand dazu bieten ? “ „ Laß das , Max , “ sagte der Doctor finster . „ Du weißt nicht , was es heißt , einen tödtlichen Schlag gegen den zu führen , den man einst geliebt hat mit der ganzen Gluth seiner Seele . Ich hoffte , Winterfeld würde mit seinem Angriffe durchdringen , ich hätte Arno Raven besser kennen sollen . Er hielt auch diesem Gegner Stand – zu seinem Unglück . Damals hätte er noch weichen , zurücktreten können , jetzt fällt er , fällt als ehrloser Verräther , gebrandmarkt mit der Schande der Verachtung , und das ist für eine Natur wie die seinige zehnfacher Tod . Ich – “ hier erhob sich Brunnow mit Heftigkeit – „ ich will ihm nicht auch noch den letzten Stoß versetzen . Mögen die , welche das Werk begonnen haben , es auch vollenden ! Es bleibt dabei ; ich reise übermorgen . “ Max drang nicht weiter in den Vater . „ Ich werde Dir wohl erst in einigen Wochen folgen können , “ bemerkte er nach einer kurzen Pause . „ Ich verlasse R. nur als erklärter Bräutigam , wenn ich die Einwilligung des Hofraths und überdies die Gewißheit habe , daß Agnes vor etwaigen Einflüsterungen und Quälereien der geistlichen Vormundschaft sicher ist . Aber vor allen Dingen – darf ich auf Deine Zustimmung rechnen ? “ Er hielt dem Vater bittend die Hand hin , und dieser legte ohne Zögern die seinige hinein . „ Ich habe Deine Braut nur einmal gesehen , “ sagte er , „ und gerade weil ihr Anblick mich so sympathisch berührte , glaubte ich nicht , daß sie im Stande wäre , Dich zu fesseln . Wir waren bisher sehr verschieden in unseren Neigungen . Meine Bedenken gelten einzig der Verschiedenheit Eurer Erziehung und Charaktere ; wenn Du glaubst , das überwinden zu können , mein Sohn – ich will Dich nur glücklich wissen . “ Ein herzlicher Händedruck besiegelte die Worte , und Max rief triumphirend : „ Jetzt gehe ich stehenden Fußes zu dem Hofrath und jage den allergetreuesten Unterthan seines allergnädigsten Souverains in Entsetzen mit der Aussicht auf einen demagogischen Schwiegersohn . Ich darf Dich doch auf eine Stunde allein lassen , Papa ? Du brauchst ohnehin Ruhe nach all den Glückwünschen und Antheilbezeigungen , mit denen man Dich heute Morgen überschüttet hat . Auf Wiedersehen – ich laufe Sturm auf meinen künftigen Schwiegervater . “ – – Der Hofrath Moser saß ohne jede Ahnung dessen , was ihm bevorstand , in seinem Wohnzimmer und las die Zeitungen ; sie verdarben ihm seinen Kaffee und seine Ruhe . Der Hofrath las natürlich nur die Regierungsblätter , aber auch diese vermochten es nicht mehr , die traurige Thatsache zu verschleiern , daß es rettungslos abwärts ging mit dem Staate , immer weiter auf der abschüssigen Bahn des Liberalismus . Und nun vollends die Nachrichten aus R. , die jetzt eine stehende Rubrik in den größeren Journalen bildete ! Moser hatte längst mit Erstaunen und Befremdung bemerkt , daß die gesammte Regierungspresse , statt in der nachdrücklichsten Weise für den Gouverneur der -schen Provinz Partei zu nehmen , sich zu der ganzen Angelegenheit sehr lau und gleichgültig verhielt , ihr Verhalten den letzten Vorgängen gegenüber aber überstieg alle Begriffe . Keine energische Verteidigung des Freiherrn , keine Empörung über die schändliche Anklage , nichts von Maßregeln gegen die verleumderische Zeitung ! Man sprach von einer „ unglaublichen Beschuldigung “ , hoffte , daß es dem Gouverneur gelingen werde , sich davon zu reinigen und deutete an , daß im andere Falle seine Entlassung unvermeidlich sei ; man gab also doch die Möglichkeit jener Thatsache zu . Und unmittelbar unter diesem Artikel stand die Nachricht , daß der ehemalige Hochverräther , Doctor Rudolph Brunnow , vollständig begnadigt und heute aus der Haft entlassen worden sei . Der Hofrath versank in finstere Gedanken . Er ging schon seit längerer Zeit mit dem Entschlusse um , sich pensioniren zu lassen . Seiner Pflicht gegen den Staat hatte er in beinahe vierzigjährige Dienste Genüge geleistet . Seine Tochter , das einzige Kind einer spät geschlossenen und früh durch den Tod zerrissenen Ehe , verließ ihn schon im nächsten Monat , um als Novize in ein Kloster zu treten ; er selbst war alt und der Ruhe bedürftig . Auch seine Stellung , einst sein höchster Stolz , machte ihm keine Freude mehr . Der neue Geist , der jetzt durch das Land wehte , drang selbst bis in die geheiligte Räume der Regierungskanzlei . Noch hielt die eiserne Hand des Freiherrn die Zügel straff , aber Moser dachte mit Schrecken daran , was geschehen werde , wenn diese Hand nun wirklich niedersank . Er glaubte kein Wort von den Lügen , die man überall ausstreute . Der Gouverneur konnte und mußte sie zu Boden schmettern , aber nach der unerhörten Behandlung , die er von der Regierung selbst erfuhr , entschloß er sich schwerlich zum Bleiben . Der Hofrath fühlte , daß seine Zeit vorbei sei , und war fest entschlossen , dem Beispiele seines Chefs zu folgen , wenn dieser seine Entlassung nahm . Das Oeffnen der Thür weckte Moser aus seinen Grübeleien . Christine meldete den Herrn Doctor Brunnow , und gleich darauf trat dieser ein . Der Hofrath stand auf und ging dem Gaste mit steifer Höflichkeit entgegen . „ Ich hoffe , Sie werden es nicht mißdeuten , Herr Hofrath , daß ich in den letzten beiden Wochen Ihrem Hause fern geblieben bin , “ begann Max nach der ersten Begrüßung , indem er den angebotenen Platz einnahm . „ Es war nur die Rücksicht auf Sie und Ihre Stellung . – – Jetzt , da mein Vater – – “ „ Ich weiß bereits von seiner Begnadigung , “ fiel der Hofrath ein , ohne seine Förmlichkeit fahren zu lassen . „ Unser allergnädigster Souverain hat verziehen . “ „ Ja , und damit ist das Vergangene vollständig ausgeglichen , “ sagte Max mit Beziehung . „ Was meinen Vater betrifft , so wird er allerdings nicht von der Erlaubniß Gebrauch machen , in seinem Vaterlande zu bleiben . “ „ Nicht ? “ fragte Moser sichtlich erleichtert . Der Gedanke , daß er dem ehemaligen Hochverräther freundschaftlich die Hand gedrückt hatte , lastete noch immer auf seinem Gewissen . „ Nein , er kehrt nach der Schweiz zurück , die ihm wie mir eine zweite Heimath geworden ist , “ erklärte der junge Arzt . „ Wir werden auch künftig dort leben . Zuvor aber drängt es mich , Ihnen nochmals meinen Dank auszusprechen für Alles , was ich in Ihrem Hause Gutes empfangen habe . Ich werde es nie vergessen . “ Der Hofrath neigte zustimmend das Haupt ; er fand diesen Dank ganz in der Ordnung . „ Sie kommen also , um Abschied zu nehmen ? “ fragte er . „ Ich freue mich aufrichtig , Sie wieder so völlig kräftig und lebensfrisch zu sehen , und auch meine Tochter wird erfreut sein , wenn ich es ihr mittheile . “ Diese Mittheilung war nun gerade nicht nöthig , denn Agnes wußte sehr genau , wie es mit ihrem früheren Patienten stand . Seit er das Haus ihres Vaters verlassen hatte , sah sie ihn regelmäßig bei ihrem beiderseitige Schützlinge , der Frau des Copisten . Diese war zwar vollständig wieder hergestellt und bedurfte weder des ärztlichen Beistandes noch des geistlichen Trostes mehr , aber Arzt und Trösterin setzten mit rührender Ausdauer ihre Besuche fort . „ Dem Fräulein , “ entgegnete Max , „ bin ich noch ganz besonderen Dank schuldig . Sie allein – ihre ausopfernde Pflege hat mich dem Leben zurückgegeben , und Sie gestatten es daher wohl , daß ich in Bezug aus Fräulein Agnes noch eine Bitte aussprechen . “ Moser nickte zum zweiten Male ; er war geneigt die Bitte zu gewähren , die jedenfalls auf die Erlaubniß hinausging , sich auch von Agnes verabschieden zu dürfen . Aber Max erhob sich und sagte ohne alle Ceremonie : „ Ich bitte um die Hand Ihrer Tochter . “ Der Hofrath , der eben im Begriff war , zum dritten Male zu nicken , hielt inne und saß mit offenem Munde da . Im ersten Augenblicke faßte er überhaupt nicht , wovon die Rede war , dann erhob er sich gleichfalls , aber nicht stürmisch , sondern langsam , feierlich . Die lange Gestalt wuchs immer höher aus dem Lehnstuhle empor , wurde immer länger und unheimlicher , bis sie endlich in ihrer vollen Größe dastand und über die hohe weiße Halsbinde hinweg vernichtend auf den jungen Arzt herniederschaute , der jedoch dadurch nicht im Mindesten aus der Fassung gebracht wurde . „ Ich – ich hörte wohl nicht recht ? “ sagte der alte Herr endlich . „ Sie meinten – ? “ „ Ich halte um die Hand Ihrer Tochter an , “ versetzte Max mit Seelenruhe . „ Sind Sie von Sinnen ? “ fragte Moser , noch immer erstarrt , denn wenn ihm auch das Unglaubliche wiederholt wurde – begreifen konnte er es nicht . [ 514 ] „ Durchaus nicht , ich befinde mich in vollkommen normalem Zustande , “ versicherte Max , und fuhr dann in einem Zuge zu reden fort , ohne seinen Zuhörer zur Besinnung kommen zu lassen : „ Was nun meinen Antrag betrifft , so gründet er sich auf die innigste gegenseitige Zuneigung . Die Einwilligung Ihrer Tochter habe ich bereits . Agnes hat mir Herz und Hand gegeben , natürlich unter Vorbehalt Ihrer Zustimmung . Ich bitte hiermit darum und gebe mich der frohen Hoffnung hin , daß es mir vergönnt wird , den Vater meiner Braut auch als den meinigen umarmen zu dürfen . Also , mein theurer Schwiegervater – “ Er ging mit ausgebreitete Armen auf den Hofrath zu , aber dieser rettete sich durch einen Sprung vor der beabsichtigten Umarmung . Das schreckliche Wort „ Schwiegervater “ riß ihn aus seiner Erstarrung . Mit einer bloßen Ueberrumpelung war der alte Bureaukrat denn doch nicht zu erobern . „ Sie sprechen in vollem Ernste von einer Heirath ? “ rief er . „ Von einer Heirath mit meiner Tochter , deren Bestimmung für das Kloster Sie doch kennen ? Und das wagen Sie , der Sohn eines Staatsverbrechers – – eines Staatsverräthers ? “ „ Mein Gott , ich suche ja keine Staatsanstellung , sondern eine Frau , “ vertheidigte sich der junge Arzt . „ Ich begreife wirklich nicht , weshalb Sie sich über meinen Antrag so entsetzen . “ „ Das fragen Sie noch ? Ihr Vater hat die Regierung umstürzen wollen . “ „ Nun , ich habe nicht dabei geholfen , und das wäre auch nicht gut möglich gewesen , da ich damals soeben erst das vierte Lebensjahr erreicht hatte . Uebrigens sind das alte , längst vergessene Geschichten ; mein Vater ist anmestirt worden . “ „ Revolutionär bleibt Revolutionär ! “ erklärte der Hofrath mit Nachdruck . „ Die Amnestie kann wohl die Strafe abwenden , aber sie kann niemals die Vergangenheit auslöschen . “ Max nahm eine entrüstete Miene an . „ Wie , Herr Hofrath – das muß ich von Ihnen hören ? Sie , der sich stets rühmte , der loyalste Unterthan seines Souverains zu sein , Sie weigern sich jetzt , dessen Beschlüsse anzuerkennen ? Der allergnädigste Souverain hat verziehen , sagen Sie selbst ; er will , daß das Vergangene vergessen und ausgelöscht sein soll . Sie wollen das nicht , Sie erlauben sich einen Eingriff in die allerhöchsten Entschließungen , eine Auflehnung gegen die Autorität des Landesherrn . Das ist Opposition , Rebellion mit einem Worte – Hochverrath . “ Diese wunderbare Beweisführung wurde mit einer solchen Geläufigkeit und Sicherheit gegeben , daß es unmöglich war , ein Wort dazwischen zu werfen oder darüber nachzudenken . Der Hofrath war denn auch vollständig verblüfft . Er starrte den Sprechenden ganz fassungslos an und fragte endlich kleinlaut : „ Meinen Sie das wirklich ? “ „ Es ist meine unumstößliche Meinung . Um nun aber wieder auf meinen Heirathsantrag zu kommen – “ „ Kein Wort davon ! “ unterbrach ihn Moser . „ Es ist Beleidigung . Meine Tochter ist die Braut des Himmels . “ „ Ich bitte um Entschuldigung , sie ist meine Braut , “ behauptete Max . „ Der Himmel kann warten , ich aber nicht . Nach fünfzigjähriger glücklicher Ehe habe ich nichts dagegen , ihm Agnes abzutreten , bis dahin aber nehme ich sie für mich ganz allein in Anspruch . “ „ Wollen Sie etwa die heilige Bestimmung meines Kindes verspotten ? “ rief der Hofrath , von Neuem in Wuth gerathend . „ Ich weiß es längst , Sie sind ein Ungläubiger , ein Gottesleugner , ein – “ die Stimme versagte ihm , er rang nach Athem und griff mit beiden Händen nach seiner Halsbinde . „ Regen Sie sich nicht auf ! “ warnte der junge Arzt . „ Solche heftige Erregungen können in Ihrem Alter und bei Ihrer Constitution gefährlich werden . Sie neigen entschieden zu Schlagflüssen . “ Die lange , hagere Gestalt Moser ’ s widersprach auf das Entschiedenste dieser Annahme , aber das kümmerte den Doctor Brunnow nicht , der ruhig fortfuhr : „ Nebenbei gesagt , es ist bei einer solchen Constitution von unglaublichem Vortheil , einen Schwiegersohn zu haben , der Arzt ist und selbstverständlich mit großer Sorgfalt über das Leben und die Gesundheit seines Schwiegervaters wachen würde . Wie gesagt , Sie dürfen sich nicht aufregen . “ „ Sie regen mich auf , “ rief der Hofrath , der bei dieser fortwährenden Betonung des schwiegerväterlichen Vehältnisses ganz wild wurde . „ Sie werden mir einen Schlaganfall zuziehen mit Ihre abscheulichen Behauptungen . Ich fühle mich schon ganz unwohl – das Blut steigt mir nach dem Kopfe ; ich brauche Luft – “ damit sank er in den Lehnstuhl zurück und faßte wieder nach seiner Halsbinde . Max kam ihm freundschaftlich zu Hülfe und löste den Knoten . „ Wir wollen vor allen Dingen dieses weiße Ungethüm entfernen , “ sagte er . „ Dann wird Ihnen leichter werden . Ich habe ein unfehlbares Mittel gegen Congestionen und werde es Ihnen sogleich verschreiben . Dergleichen Zufälle sind bedenklich , – wir müssen vorsichtig sein . “ Moser sah mit Wehmuth seine geliebte Halsbinde in den Händen des Doctors , der sie säuberlich zusammenfaltete und auf den Tisch legte . Mit der Entfernung des „ weißen Ungethüms “ schien aber wirklich die Heftigkeit von dem alten Herrn gewichen zu sein , und die Drohung wegen des Schlaganfalls hatte ihn ängstlich gemacht . Er sah geduldig zu , wie sein Quälgeist an den Schreibtisch ging , ein Recept – ein ganz unschädliches nervenstillendes Mittel – verschrieb und mit dem Papier in der Hand zu ihm zurückkehrte . „ Sechs Tropfen in einem Glase Wasser , “ sagte er mit ungemeiner Wichtigkeit . „ Wie oft ? “ brummte der Hofrath . „ Dreimal täglich . “ „ Ich danke Ihnen . “ „ Gar keine Ursache . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 32 , S. 534 – 536 Fortsetzungsroman – Teil 24 [ 534 ] Der Hofrath glaubte jetzt den unverwüstlichen Freier los zu werden , aber er irrte sich , der letztere zog , statt zu gehen , einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber . „ Sie willigen also in die Verbindung Ihrer Tochter mit mir ? “ begann Max wieder . Moser wollte von Neuem auffahren , besann sich aber , daß er ja sehr zu Schlaganfällen neige und jede Aufregung vermeiden müsse ; er erwiderte daher mit möglichster Ruhe : „ Nein und abermals nein ! Ich glaube es nicht , daß Agnes sich so weit vergessen kann , Sie zu lieben . Sie hat den Klosterberuf aus freiem Antriebe erwählt ; sie ist eine gehorsame Tochter , eine fromme Katholikin . “ „ Und wird eine ganz vorzügliche Gattin werden , “ vollendete Max . „ Uebrigens bin ich auch Katholik . “ Moser faltete die Hände . „ Ja , aber was für einer ! “ „ Ich meine nur , die Confession würde kein Hinderniß sein . Meine Verhältnisse sind für den Augenblick allerdings noch etwas bescheiden , aber sie würden einer Frau mit nicht allzu hohen Ansprüchen genügen . Was endlich meine Persönlichkeit betrifft , so würde mein Schwiegervater – – “ „ Hören Sie auf mit Ihrem ewigen Schwiegervater ! “ stöhnte der Hofrath . „ Ich will das nicht hören . Sie sind ein entsetzlicher Mensch . “ „ Sie werden sich an mich gewöhnen , “ versicherte der junge Arzt . „ Ich darf doch morgen wiederkommen um Sie und meine Braut zu sehen ? “ Der alte Herr antwortete nicht , um die Unterredung nicht zu verlängern ; er wollte den Plagegeist vor allen Dingen aus dem Hause haben . Morgen wollte er sich einschließen , verriegeln ; Max schien auch einzusehen , daß er seinem armen Schwiegervater für heute genug zugesetzt habe , denn er ging wirklich , wandte sich aber an der Thür noch einmal um . „ Herr Hofrath ! “ „ Was wollen Sie denn noch ? “ fragte dieser verzweiflungsvoll . „ Wenn Sie mit Agnes die Sache besprechen , vermeiden Sie jede Aufregung dabei ! Sie wissen ja , wie gefährlich das ist . Sechs Tropfen von der Arznei in einem Glase Wasser , dreimal täglich , und vor allen Dingen Mäßigung und Ruhe ! Ich würde untröstlich sein , wenn meinem lieben Schwiegervater irgend etwas zustieße . “ Damit ging er endlich . Der Hofrath sank wie zerbrochen in seinen Lehnstuhl zurück ; jetzt , wo er sich allein überlassen war , wurde ihm erst klar , wie unerhört man ihn behandelte , und er durfte sich nicht einmal ärgern , er mußte sich ja vor Schlaganfällen hüten . – – Doctor Brunnow hatte übrigens keineswegs so schnell die Wohnung verlassen , wie Moser voraussetzte . Er stand noch draußen im Vorzimmer und hatte den Arm um Agnes gelegt , als ob sich das ganz von selbst verstände und er bereits anerkannter Bräutigam sei . Das junge Mädchen forschte ängstlich nach dem Inhalt der Unterredung und wollte wissen , was der Vater geantwortet habe . „ Für jetzt sagt er noch Nein , “ erklärte Max , „ aber sei ohne Sorge ! Er wird schon Ja sagen . Ich rechnete auch gar nicht darauf , daß sich die Festung sogleich ergeben würde ; sie muß regelrecht belagert werden . Im Ganzen bin ich mit dem Resultat dieses ersten Sturmlaufes zufrieden ; es ist bereits Bresche geschossen , und morgen rücke ich weiter vor . “ „ Ach , Max , “ flüsterte Agnes unter Thränen , „ was steht uns noch alles bevor ! Mir sinkt der Muth im Angesichte all dieser Hindernisse . Ich werde sie nie überwinden . “ „ Das ist auch nicht nöthig ; das ist meine Sache , “ tröstete der junge Arzt . „ Ich bleibe hier , bis alles geordnet und unser Hochzeitstag bestimmt ist . Vorläufig hat Dein Vater Zeit , sich mit der Sache vertraut zu machen , und inzwischen werde ich der Frau Aebtissin und dem Herrn Beichtvater , die Du so sehr fürchtest , hochachtungsvoll und ergebenst unsere Verlobung anzeigen . “ Agnes machte eine Bewegung des Schreckens . „ Einen Theil des Sturmes wirst Du freilich auch aushalten müssen , “ fuhr Max fort , „ die Hauptsache aber nehme ich auf mich allein . Sei standhaft , meine Agnes ! Ich gebe Dir mein Wort darauf : Dein Vater segnet uns noch höchsteigenhändig . “ Und mit diesen Worten und einem Kusse nahm er Abschied von seiner Braut . Es war in den Morgenstunden des nächsten Tages . Freiherr von Raven befand sich wie gewöhnlich in seinem Arbeitszimmer , und der Polizeidirector war bei ihm . Der Letztere betrat jetzt nur selten das Regierungsgebäude ; einerseits machte die vollständig wieder hergestellte Ruhe in der Stadt die häufigen Meldungen und Conferenzen mit dem Gouverneur überflüssig , andrerseits hatte dieser seit der Verhaftung Brunnow ’ s eine so zurückweisende Kälte angenommen , daß der Polizeichef die Begegnung mit ihm möglichst vermied . Heute aber führte ihn eine nothwendige Besprechung über amtliche Maßregeln her , und der Gegenstand wurde von beiden Herren so kurz und geschäftsmäßig erledigt , wie es nur möglich war . Trotzdem behielt der Polizeidirector seine gewohnte verbindliche Art bei , wenn er auch nach dem Beispiele des Gouverneurs gleichfalls sehr zurückhaltend war . Er erlaubte sich keine einzige Hindeutung auf die Vorgänge der letzten Tage . Die Haltung des Freiherrn war stolzer als je , aber es lag etwas in dem Wesen Raven ’ s , was an das zu Tode gehetzte Wild mahnte , das sein nahes Zusammenbrechen fühlt und , noch einmal die letzten Kräfte zusammenraffend , sich seinen Verfolgern stellt . Die Energie , welche noch immer ungebrochen aus der ganzen Erscheinung des Mannes leuchtete , war vielleicht nicht mehr ein Ausfluß der Kraft , sondern nur der Verzweiflung . Der Polizeidirector hatte einen Theil seines Vortrages beendet . Er sprach von den neuesten Verfügungen , die ihm zugegangen waren , und berührte dabei auch die Freilassung des Doctor Brunnow , als der Freiherr ihm in die Rede fiel : „ Seit wann ist Brunnow aus der Haft entlassen ? “ „ Seit gestern Mittag . “ „ So ? “ bemerkte Raven einsilbig . „ Wie ich höre , beabsichtigt der Doctor morgen schon unsere Stadt zu verlassen , “ fuhr der Polizeidirector fort , „ er will aber sofort nach der Schweiz zurückkehren und gedenkt auch den Rest seines Lebens dort zuzubringen . “ „ Er thut Recht daran , “ sagte der Freiherr . „ Wer so lange Jahre im Exil gelebt hat , findet sich selten oder nie wieder in der Heimath zurecht . Das Adoptivvaterland behauptet schließlich seine Rechte . “ Er sprach das gleichgültig , als handelte es sich um einen völlig Fremden , von dessen Begnadigung er zufällig hörte . Der Polizeidirector ließ sich freilich durch diese Gleichgültigkeit nicht täuschen , aber auch ihm war es , trotz seiner scharfen Beobachtungsgabe , noch nicht gelungen einen Blick in dieses streng verschlossene Innere zu thun und zu entdecken , welche Stellung der Freiherr jener Beschuldigung gegenüber eigentlich einzunehmen beabsichtigte . Das Gespräch wurde unterbrochen ; man brachte dem Gouverneur eine Depesche , die soeben aus der Residenz angelangt war ein großes amtliches Schreiben . Er winkte dem Diener , [ 535 ] sich wieder zu entfernen , und erbrach das Siegel , während er flüchtig sagte : „ Entschuldigen Sie mich nur eine Minute lang ! “ „ Bitte , Excellenz , legen Sie sich meinetwillen keinen Zwang auf ! “ entgegnete der Polizeidirector , aber es war ein ganz eigenthümlicher Blick , mit dem sein Auge bei diesen Worten erst das Schreiben und dann den Empfänger streifte . Raven entfaltete die Depesche , aber er hatte kaum einen Blick auf den Inhalt geworfen , als er zusammenzuckte . Sein Antlitz wurde erdfahl , und seine Rechte zerknitterte krampfhaft das Papier , während die Linke sich ballte . Ein Beben der Wuth oder des Schmerzes erschütterte die ganze mächtige Gestalt , und einen Augenblick schien sie zusammenbrechen zu wollen . „ Sie haben doch nicht unangenehme Nachrichten erhalten ? “ fragte der Polizeichef im Tone unbefangener Theilnahme . Der Freiherr sah auf . Sein Auge heftete sich durchbohrend auf das Gesicht des Mannes , dessen Rolle er seit der Verhaftung Brunnow ’ s klar durchschaute , und der Ausdruck eines leisen Hohnes in den Zügen seines Gegenüber verrieth ihm , daß der Polizeidirector den Inhalt des Schreibens bereits kannte – das gab ihm Kraft und Besinnung wieder . „ Ueberraschende Nachrichten wenigstens , “ sagte er , die Depesche bei Seite legend . „ Doch dafür findet sich noch später Zeit – bitte , fahren Sie fort ! “ Der Angeredete zögerte ; diese unglaubliche Selbstbeherrschung imponirte ihm doch . Er war Zeuge davon gewesen , wie furchtbar jener Schlag getroffen hatte , aber es wurde ihm nicht gegönnt , die Wunde bluten zu sehen . Der Getroffene drückte die Hand darauf und stand fest wie zuvor . War denn der Trotz und Hochmuth dieses Raven nie zu brechen ? „ Die Hauptsachen haben wir ja bereits besprochen , “ meinte der Polizeidirector mit einer gewissen Verlegenheit . „ Wenn Sie anderweitig in Anspruch genommen sind – ich möchte nicht stören . “ „ Ich bitte Sie fortzufahren , “ die Stimme des Freiherrn war tonlos , aber fest . Der also Aufgeforderte sah , daß jede Schonung hier als Beleidigung empfunden werde ; er sprach also weiter . Die Bemerkungen , die Raven am Schlusse hinwarf , waren vollkommen zutreffend , aber sie klangen rein mechanisch , und ebenso mechanisch erhob er sich , als der Polizeidirector aufstand , um zu gehen . „ Sonst haben Excellenz keine weiteren Anordnungen zu treffen ? “ „ Nein , “ entgegnete der Freiherr kalt . „ Ich kann Ihnen nur den Rath geben , Ihren Instructionen so pünktlich wie bisher nachzukommen . Dann wird Ihnen die Anerkennung sicher nicht fehlen . “ Der Polizeidirector fand für gut , den Erstaunten zu spielen . „ Ich verstehe Sie nicht , Excellenz . Welche Instructionen meinen Sie ? “ „ Die , welche Sie aus der Residenz mit hierher brachten als Ihnen mit dem Posten in R. zugleich eine – Ueberwachung anvertraut wurde . “ „ Die Ueberwachung der Stadt meinen Sie ? Ich glaube in dieser Hinsicht meine Schuldigkeit gethan zu haben . Uebrigens sind die Unruhen ja jetzt vorüber , und Alles ist zu Ende . “ „ Ja wohl , “ erwiderte Raven verächtlich , „ und auch wir sind zu Ende mit einander . Sie begreifen das wohl . “ Er kehrte ihm , ohne ein Wort weiter zu verlieren , den Rücken und trat an das Fenster . Das war eine offenbare Beleidigung , aber der Polizeidirector wollte jetzt nicht beleidigt scheinen ; das konnte zu unangenehmen Verwickelungen führen . Er verabschiedete sich daher mit einem Gruße , der nicht erwidert wurde , und verließ das Zimmer . Draußen athmete er erleichtert auf . Es war ihm peinlich , daß der Freiherr ihn so vollständig durchschaute , um so peinlicher , als er keine Veranlassung hatte , dessen persönlicher Feind zu sein . Er hatte ja nur im „ höheren Auftrage “ gehandelt , als er der Vergangenheit Raven ’ s nachspürte und sich des Schlüssels zu dieser Vergangenheit , des Doctor Brunnow , bemächtigte , um das endlich aufgefundene Geheimniß der Welt preiszugeben . Es wurde ihm nicht eben allzu schwer , sich mit einigen Sophismen über die zweideutige Rolle zu trösten , die er von Anfang an dem Freiherrn gegenüber gespielt hatte , und jetzt hatte diese Rolle ja auch ihr Ende erreicht . Raven war allein geblieben . Er stand am Schreibtische und durchlas noch einmal das verhängnißvolle Schreiben – seine Entlassung . Sie war ihm in der schroffsten , beleidigendsten Form ertheilt worden . Man forderte keine Erklärung , keine Vertheidigung des so schwer angegriffenen Mannes ; man ließ ihm überhaupt nicht Zeit , sich zu erklären oder zu vertheidigen . Er wurde verurtheilt , ohne auch nur gehört worden zu sein . Nicht einmal den gewöhnlichen Ausweg ließ man ihm offen , seine Entlassung zu nehmen ; sie wurde ihm gegeben , in einer Form gegeben , die nur für Schuldige da war und die Welt auch nicht einen Augenblick in Zweifel darüber ließ , daß die Regierung sich auf Seiten der Anklage stellte und ihren bisherigen Vertreter für überführt erachtete . Der Freiherr schleuderte die Depesche von sich und ging in stummem Kampfe im Zimmer auf und nieder . Seine Lippen zuckten ; seine Augen flammten . Auf einmal blieb er , wie von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt , stehen und trat dann langsam zu einem Seitentischchen , auf dem ein Kasten von nur geringer Größe stand . Ein Druck an der Feder ließ den Deckel aufspringen und zeigte ein Paar vorzüglich gearbeitete Pistolen . Der Freiherr nahm deren eine heraus und untersuchte sorgfältig , ob sie sich noch in vollkommener Ordnung befinde . Einige Minuten lang hielt er die Waffe in der Hand und blickte , in düsteres Nachsinnen verloren , darauf nieder ; dann legte er sie wieder an ihren Platz zurück und richtete sich mit einer raschen Bewegung empor . „ Nein ! “ sagte er halblaut . „ Das würde für Feigheit , für ein Eingeständniß der Schuld gelten . Es wird wohl noch einen anderen Ausweg geben – den Triumph wenigstens sollen sie nicht haben . “ Er warf den Deckel des Kastens zu und wandte sich ab , und wieder begann die stumme ruhelose Wanderung , das finstere Brüten über irgend einem Entschlusse . Der Ausweg mußte gefunden werden . – – Inzwischen war Doctor Brunnow in der Wohuung seines Sohnes mit den Vorbereitunegn zur Abreise beschäftigt , die auf morgen festgesetzt war . Max hatte ihn verlassen , um die gestern begonnene „ Belagerung “ fortzusetzen Er befand sich wieder bei dem Hofrath Moser und führte seinem „ lieben Schwiegervater “ noch ausführlicher als gestern zu Gemüthe , welchen ausgezeichneten und ganz unübertrefflichen Schwiegersohn er in dem Doctor Max Brunnow erhalten werde . Gegen