die Großmama Käthe ’ s plötzlichen Entschluß , „ um des dabei an den Tag gelegten Tactes willen “ , geradezu in den Himmel hebe , während Flora die Achseln zucke und von Backfischstreichen spreche . Der Kommerzienrat hatte mehrere Tage mit ihr gegrollt , ihrer unbefugten Einmischung wegen . Er war an jenem Abend , wo ihm Henriette in einer Ecke des Musiksalons leise das Geschehene mitgetheilt , blaß geworden vor Schreck und Verdruß , und nur die Anwesenheit der Gäste hatte eine heftige Familienszene verhindert , die jedenfalls um so erbitterter ausgefallen wäre , als auch Flora den ganzen Abend sehr verstimmt und pikiert gewesen war – der Bräutigam hatte sich mit Berufspflichten entschuldigt und war in der Geburtstagssoirée nicht erschienen . Der Kommerzienrat hatte gleich zu Anfang an Käthe unddie Doktorin geschrieben und „ behufs einer Aussprechung “ seinen Besuch in Dresden für den Juni angekündigt , allein das Tagebuch theilte in jener Zeit mit , daß häufiger als je Depeschen in der Villa einliefen , daß der Kommerzienrat weit mehr in Berlin als daheim und mit Geschäften vollständig überbürdet sei . Der Besuch unterblieb ; nur selten kam ein flüchtiger Geschäftsbrief von der Hand des Vormundes , und die letzte Geldsendung hatte – was bisher nie geschehen – der Buchhalter abgeschickt . Käthe atmete auf ; der gefürchtete Konflict war ohne allen Zweifel beseitigt . Der Herr Vormund hatte aus ihrem Antwortschreiben die Ueberzeugung gewonnen , daß er niemals hoffen dürfe , und sich vernünftiger Weise beschieden . Das junge Mädchen hätte nunmehr als Pflegerin zurückkehren können , dem aber widersetzte sich die Doktorin energisch , weil Käthe , wie sie oft tadelnd und bekümmert aussprach , so sehr verändert , mit dem Verluste ihres jugendlichen Frohsinns und ihrer frischblühenden Gesichtsfarbe heimgekommen sei . Zudem hatte die Baronin Steiner in der That mit ihrem Gefolge für zwei volle Monate Einzug in der Villa gehalten und sich dermaßen ausgebreitet , daß kein Winkelchen in der Beletage unbesetzt geblieben war . Käthe selbst schauderte bei dem Gedanken an eine Rückkehr , so lange die Uebersiedelung nach L … .. g nicht stattgefunden hatte . Sie wußte nur zu gut , daß sie jetzt nicht mehr monatelang mit äußerer Ruhe inmitten der dortigen Verhältnisse ausharren könne – bedurfte es doch selbst in Dresden all ’ ihrer Kraft , nicht zu zeigen , daß sie ihren inneren Frieden verloren habe , daß sie fast übermenschlich ringe mit der süßen , zwingenden Gewalt , die sich ihrer Seele bemächtigt , und welche die Menschen Sünde nannten . Henriette hatte ja auch noch nicht „ gerufen “ , trotz ihrer leidenschaftlichen Klagen über die Sehnsucht nach „ der starken , besonnenen Schwester “ ; sie sprach im Gegentheil mit entusiastischem Danke von der Aufopferung , mit der sie von Seiten der Tante einstweilen gepflegt und verhätschelt werde . Ihr Tagebuch war eigentlich auch nur eine fortlaufende Schilderung , in der zwei Menschen die Hauptrolle spielten , der Doktor und die Tante . Alles , was sich im Hause am Flusse ereignete , wurde getreulich mitgetheilt , und war es auch nur der jähe Tod der gelben Henne , die endlich doch ein tückisches Zuschnappen des grimmen Feindes vor der Hundehütte aus der Welt befördert , oder der außergewöhnliche Traubenreichtum , der in diesem Jahre am Weinspalier hing ; selbst ein neu angeschafftes silberweißes Kätzchen , „ das sich auf dem Sopha der Taute breit mache “ , wurde als Merkwürdigkeit aufgezählt – das waren die harmlosen Momente , sonst aber trug das Tagebuch eine düstere Färbung . Manche Stellen lasen sich , als müßten die Briefblätter noch thränenfeucht sein , andere wieder so leidenschaftlich fortreißend , als sei aus den schreibenden Fingern Feuer in die Feder geströmt . Ueber das bräutliche Verhältniß zwischen Flora und dem Doktor fiel auch hier kein Wort , wohl aber wurde angstvoll geklagt , daß der Letztere in Folge seiner aufreibenden ärztlichen Thätigkeit sich auffallend verändere ; nur den Kranken gegenüber sei er mild und geduldig , im geselligen Umgange dagegen verfinstert , wortkarg wie nie und sichtlich reizbar ; in seiner äußeren Erscheinung verfalle er zum Befremden Aller . So war allmählich der Zeitpunkt herangerückt , auf welchen man die Hochzeit festgesetzt hatte . Flora hatte es unterlassen , die ferne Stiefschwester einzuladen ; sie habe den Kopf voll – schrieb Henriette – eine Reihe von Fêten , die ihr zu Ehren noch gegeben würden , lasse sie kaum zu Athem kommen ; dazu sei sie kapriziös wie immer , auch bezüglich ihrer Aussteuer und der Vermählungsfeierlichkeiten – es werde fortwährend noch ausgewählt und geändert zur Verzweiflung der Lieferanten . Henriette befand sich in unbeschreiblicher Aufregung ; sie betonte wiederholt , daß sie in dem Hochzeitstrubel um keinen Preis allein bleiben wolle . Die Tante Diakonus werde ihr in „ den entsetzlichen Tagen “ voraussichtlich keine Stütze sein , da sie selbst schon jetzt unter dem Trennungsweh leide und oft auffällig verstimmt und bewegt sei . Diese Klagen steigerten sich von Blatt zu Blatt , bis eines Abends , wenige Tage vor der Hochzeit ein Telegramm einlief , welches lautete : „ Komme sofort ! Ich bin auch körperlich sehr elend . “ Da galt kein Zögern ; auch die Doktorin war damit einverstanden , daß Käthe gehe – und das junge Mädchen selbst ? Ein Nervenschauer um den anderen durchschüttelte sie aus Angst vor dem Kommenden , und dabei jubelte sie auf in unbeschreiblicher Seligkeit , daß sie den noch einmal sehen sollte , der – ihr Schwager wurde . Da stand sie nun an einem Septembermorgen wieder in der Schloßmühlenstube . Sie war mit dem Nachtzuge gefahren und eben angekommen . Bei ihrer Abfahrt hatte sie Franz telegraphisch ihre Ankunft mitgetheilt , und liebevoller hätten Mutterhände ihre Aufnahme nicht vorbereiten können , als die alte Suse gethan . Die große , von dem durch die Kastanienwipfel hereinfallenden grünen Dämmerlichte angehauchte Stube war erfüllt von den Düften der Heliotropen , Rosen und Reseden , die auf den Fenstersimsen standen ; saubere Decken lagen auf allen Tischen ; im Alkoven lockte ein blüthenweißes Bett , und auf dem großen Eichentische mit den plump ausgespreizten Füßen stand die wohlbekannte kupferne Kohlenpfanne , mit ihrer Glut den Kaffee warm erhaltend . Sogar der selbstgebackene Kuchen war noch fertig geworden und stand , zuckerbestreut , in bräunlicher Schöne neben der vergoldeten Tasse , dem Prachtstücke aus dem Glasschranke der seligen Schloßmüllerin . Nun schütterten die schneeweiß gescheuerten Dielen wieder unter den Füßen des jungen Mädchens , und durch die offenen Fenster kam das Rucksen der Tauben und das Tosen des fernen Wehres – sie war daheim . Von hier aus wollte sie die kranke Schwester besuchen und um keinen Preis die Gastfreundschaft im Hause des Kommerzienrates annehmen , mochte auch die Frau Präsidentin die Nase rümpfen über den anstößigen Verkehr zwischen Villa und Mühle . Käthe war in einer seltsamen Stimmung . Furcht vor dem ersten Wiedersehen in der Villa , schmerzliche Sehnsucht nach dem Hause am Flusse , dessen Wetterfahnen sie mit hochklopfendem Herzen von dem südlichen Eckfenster aus erblickte , und das sie doch nicht betreten durfte , leidenschaftliche Ungeduld , der hohen Gestalt , wenn auch nur noch ein einziges Mal , zu begegnen , die sie hier in der Mühle zum ersten Male gesehen und – das sagte sie sich ja täglich unter tausend Schmerzen – seit jenem Momente geliebt hatte : das Alles wogte in ihr , und daneben schlich eine unerklärliche Bangigkeit und Beklemmung . Schon seit Monaten füllten die Sensationsnachrichten von dem Zusammenbrechen des Gründungsschwindels in Wien und später in der preußischen Hauptstadt die Spalten der Zeitungen . In allen öffentlichen Lokalen , in allen Salons war der welterschütternde Einsturz dieses modernen Turmes zu Babel das Tagesgespräch , und selbst in dem kleinen ästhetischen Cirkel der Doktorin hatte man die Ereignisse wiederholt erörtert . Während der Eisenbahnfahrt von Dresden nach M. waren sie auch das ununterbrochene Gesprächsthema der Mitreisenden gewesen – man hatte haarsträubende Dinge erzählt und noch Schrecklicheres prophezeit , und nun sah Käthe mit eigenen Augen eine der Folgen dieser Kalamität . In das Gelärme der Tauben und das Rauschen des Wehres hinein klang das laute Durcheinander von Menschenstimmen , und schräg hinter der letzten Kastanie hervor konnte das junge Mädchen den großen Kiesplatz vor der Spinnerei überblicken ; er wimmelte , genau wie an jenem Tage des Attentates , von Arbeitern , die bald mit allen Zeichen der Niedergeschlagenheit , bald heftig streitend und drohend unter einander verkehrten – die Actiengesellschaft , welche die Spinnerei von dem Kommerzienrate gekauft , hatte Bankerott gemacht ; eben war die Gerichtskommission in der Fabrik erschienen , und die Leute stoben im ersten Schrecken wie Spreu aus einander . „ Ja , ja , so geht ’ s , “ sagte Franz , der eben Käthe ’ s kleinen Koffer heraufgetragen hatte . „ Den Leuten war ’ s zu wohl , und sie meinen , es ginge ihnen noch lange nicht gut genug ; nun gehen sie von einer Hand in die andere und kommen mit der Zeit vom Pferde auf den Esel . ’ s ist aber auch eine schlimme Zeit , eine heillose Zeit . Jeder will sein Geld mit Sünden verdienen und womöglich die Dukaten von der Straße auflesen , und man kann ’ s den Kleinen kaum noch verdenken , die Großen machen ’ s ja nicht besser . “ Heft 20 „ Wohl dem , der sein Schäfchen ins Trockene bringt ! “ fuhr Franz , gemächlich auf die Tasche klopfend , fort . „ Ehrlich verdient und fein stet und redlich vermehrt , das ist meine Parole ; dabei kann man ruhig schlafen . Wer sich auf das Spekulieren nicht versteht , der soll ’ s bleiben lassen . Da ist der Herr Kommerzienrat drüben – den ficht freilich die ganze Geschichte nicht an ; der sitzt bombenfest , weil er ein kluger Kopf ist und eine feine Nase hat . “ Er hob mit wichtiger Anerkennung den Zeigefinger . „ Kam gestern erst wieder von Berlin , stramm wie immer . Ich hatte gerade Mehl an die Bahn gefahren – hui , wie da seine zwei Schwarzen , seine Prachtpferde , vorbeisausten ! Der versteht ’ s wie Keiner . Die Leute meinten , er hätte gewiß wieder einmal gehörig eingestrichen , so munter sah er aus und so recht wie Einer , der Millionen kommandiert . Er war diesmal lange fort und wär ’ wohl auch gestern Abend nicht gekommen , wenn sie heute nicht Polterabend drüben feierten . “ Polterabend ! Und übermorgen war die Hochzeit , und gleich nach der Trauung sollte das junge Paar abreisen . Käthe wußte das ja ; sie hatte es oft genug in Henriettens Tagebuche gelesen , und doch durchfuhr sie ein jähes , schmerzvolles Erschrecken , als es Menschenlippen so selbstverständlich aussprachen . „ Es soll hoch hergehen heute Abend , “ sagte Suse , indem sie der jungen Herrin eine Tasse Kaffee präsentierte . „ Ich sprach gestern dem Herrn Kommerzienrat seinen Anton , der sagte , es kämen so viele Gäste , daß sie nicht Platz genug schaffen könnten . Ein Theater haben sie gebaut , und eine Menge Fräulein aus der Stadt sollen verkleidet kommen , und das Grüne zum Putzen wird wagenweise aus dem Walde geholt . “ Es schlug Elf auf dem Turme der Spinnerei , als Käthe nach der Villa ging . Noch klang das verworrene Stimmengeräusch von der Fabrik her an ihr Ohr , als sie den Mühlenhof durchschritt , aber kaum war die kleine Bohlenthür in der Mauer , die das Mühlengrundstück von dem Parke trennte , hinter ihr zugefallen , als auch schon tiefe , so recht vornehme Parkstille sie umfing . Franz hatte Recht : hier überkam Einen das Gefühl , daß der wüste Lärm des Geldmarktes den reichen Mann und seine wohlgeborgenen Schätze nicht anfechte , daß die Alles verschlingenden Unglückswogen nicht einmal bis zu seinen Sohlen hinauflecken durften . Ah , dort dehnte sich ein herrlicher Wasserspiegel hin . Er fing den Azur des wolkenlosen Morgenhimmels auf – ein riesiger Sapphir von fleckenloser Reinheit ! Der Teich war fertig , unglaublich rasch fertig geworden durch die massenhaft auf diesen kleinen Fleck konzentrierte Menschenkraft und riesige Geldopfer . Schwäne durchfurchten die blaufunkelnde Flut , und dem Ufer nahe schwankte ein buntbewimpelter Nachen au der Kette . Als Käthe gegangen war , hatte der Park in heller Maienblüthe gelegen – jetzt schien alles Grün tief schattiert , wie ein nachgedunkeltes Gemälde ; über das sanfte Farbengemisch der Frühlingsblumen waren die Sonnenflammen sengend hingelaufen und hatten dafür die Blüthenfackeln der Cannas , die kerzenartig aufstrebenden Gladiolen auf jedem zwischen der Boscage hervortretenden Rasenspiegel angezündet . Wie viele Hände mußten bezahlt werden , um dem Parke das Gepräge peinlicher Sauberkeit und Pflege zu bewahren ! Kein abgefallenes Blättchen lag auf den Wegen ; kein Grashalm bog sich über die vorgeschriebene Linie ; keine verdorrende Blüthe hing an den Zweigen . Und dort zwischen den köstlich schattierten Gruppen von Laubholz trat jetzt die imposante Façade des neuen Marstalles hervor ; auch an ihr war ununterbrochen gearbeitet worden ; ihr Emporwachsen war ein so zauberhaft rasches , als habe eine Riesenkraft das Mauerwerk mit seinen Stuckverzierungen aus der Erde getrieben . Und hier förderte in der That die treibende Macht , das Geld , fort und fort ; hier sprang der Goldquell in unverminderter Stärke , ob auch auf der Börsenbühne die großen Brunnen verschüttet waren – nein , nicht einer der elektrischen Schläge , welche die Geschäftswelt so mörderisch durchzuckten , hatte seinen Lauf hierher gelenkt . Unter der kühlen Wölbung der Lindenallee hinschreitend , kam Käthe der Villa näher und näher . Noch nie war ihr das kleine Feenschloß so aristokratisch unnahbar erschienen , als heute in dieser tiefgoldenen Morgenbeleuchtung , mit der aufgezogenen , farbenglänzenden Flagge auf seiner Plattform – das flatternde Willkommenzeichen wogte , festlich einladend , hoch in den Lüften . Unwillkürlich legte das junge Mädchen die Hand auf das ängstlich pochende Herz – sie war nicht eingeladen , und doch kam sie . Es war ein schwerer Gang , es war ein großes Opfer der Schwesterliebe , dieses Niederkämpfen der eigenen stolzen Natur . Hinter dem Bronzegitter des untern Balkons lief das Löwenhündchen der Präsidentin auf und ab und kläffte die Kommende wie immer feindselig an , und die Papageien im blauen Salon akkompagnierten kreischend durch die weit offenen Glasthüren . Als Käthe unter das Portal trat , huschte eine Dame an ihr vorüber ; sie hielt das Taschentuch vor das Gesicht , aberüber den Spitzenbesatz hinweg streifte ein scheuer Blick aus furchtbar verweinten Augen das junge Mädchen . Käthe erkannte sie – es war die schöne , üppige , in Luxus schwelgende Frau eines Majors ; die Eleganz ihrer Toiletten war in der Residenz sprüchwörtlich geworden . Sie eilte um die Hausecke , in das Dunkel der Boscage , jedenfalls , um erst die Thränenspuren zu beseitigen , ehe sie die von Spaziergängern wimmelnde Promenade betrat . „ Dem Manne bleibt auch nichts Anderes übrig , als ‚ die Kugel vor den Kopf ‘ – das Bett unter dem Leibe soll ihm genommen werden , “ hörte Käthe , an der halb offenen Thür der Portierstube vorübergehend , einen Bedienten sagen . „ Geschieht ihm ganz recht – was braucht denn solch ein Officier in Papieren zu spekulieren , von denen er nicht den Pfifferling versteht ! Nun kommt die Frau und heult unserm Herrn was vor , und der soll nun den Karren aus dem Moraste holen – das könnte ihm fehlen ! Wenn er allen Denen helfen wollte , die in den letzten Tagen dagewesen sind , da könnte er nur den Ziegenhainer in die Hand nehmen und den Staub von den Schuhen schütteln – da blieb ’ ihm nichts . “ Abermals ein Opfer der entsetzlichen Katastrophe ! Käthe schauerte in sich zusammen und stieg unbemerkt die Treppe hinauf . In der Beletage war es feierlich still – mechanisch schritt sie zuerst nach dem kleinen Salon , den sie bewohnt , und öffnete die Thür . Die Frau Baronin Steiner herrschte allerdings hier nicht mehr , aber das Zimmer war auch nicht angethan , einen andern Gast wieder aufzunehmen . Sämmtliche Möbel waren ausgeräumt – dafür standen große , schöndrapierte Tafeln die Wände entlang und trugen auf ihren Flächen einen förmlichen Bazar von Ausstattungsgegenständen , den mit großer Ostentation aufgebauten , wahrhaft fürstlichen „ Trousseau “ der Frau Professorin in spe ; in der Mitte des Salons aber wogte von einem Kleiderständer nieder milchweißer Atlas , umhaucht von Spitzenduft und mit Orangenblüthen besteckt , und so hoch auch das Postament war , der schwere Stoff schleppte doch noch weit über das Parquet hin – Flora ’ s Brautanzug ! Käthe drückte mit weggewandten Augen die Thür wieder zu – einige Sekunden später lag sie tieferschüttert in Henriettens Armen , die in einen so exaltierten Jubel ausbrach , als werde sie durch diese Ankunft aus namenloser Pein erlöst . Die kranke Schwester war allein . Man habe heute im Hause keine Zeit für sie , klagte sie ; der Kommerzienrat richte Flora die Hochzeit aus , und zwar mit einem beispiellosen Aufwand . Er wolle bei dieser Gelegenheit der Residenz wieder einmal zeigen , wie hoch er Alle überrage , wenn er auf seinen Geldsäcken stehe – das sei nun einmal seine Schwäche . … Ganz ihrer unabhängigen Art und Weise gemäß , hatte sie es unterlassen , den Verwandten anzuzeigen , daß sie Käthe telegraphisch berufen habe . Das sei doch völlig überflüssig , meinte sie mit großen , erstaunten Augen auf Käthe ’ s betroffenes Kopfschütteln hin ; sie habe es stets betont , daß die Schwester eines Tages zurückkommen werde , um sie zu pflegen – man wisse das im Hause gar nicht anders , und was ein mögliches unvorbereitetes Zusammentreffen mit dem Kommerzienrat betreffe , so möge sie ganz ruhig sein , er habe jedenfalls „ eine neue Flamme “ in Berlin ; er sei die beiden letzten Male – vorzüglich aber gestern – ziemlich zerstreut [ WS 1 ] zurückgekehrt , und habe auf Flora ’ s Neckereien hin nur schlau gelächelt und durchaus nicht geleugnet . Käthe schwieg auf alle diese Mittheilungen ; sie hatte zuletzt nur den einen Gedanken , daß es allerdings die höchste Zeit für sie gewesen sei , zurückzukehren . Sie fand die Kranke maßlos aufgeregt ; der hohle , erstickende Husten schüttelte den schattenhaft abgezehrten Körper viel häufiger als früher ; die Hände brannten wie Kohlen , und der Athem ging so schwer , so mühsam aus und ein . Henriette hatte es bisher auch bei den heftigsten Leiden nie „ zu Thränen kommen lassen “ – sie hatte einen unglaublich starken Willen , heute aber waren ihre schönen Augen verweint bis zur Unkenntlichkeit . Sie verzehre sich in Angst , daß Bruck bei all seiner Liebe für Flora doch vielleicht sehr unglücklich werden würde , klagte sie , ihr Gesicht an Käthe ’ s Brust verbergend , und obgleich nie ein unvorsichtiges Wort darüber gefallen , sei sie dennoch fest überzeugt , daß die Tante genau so denke und sich gräme . … Käthe wies sie mit der schneidenden Antwort zurecht , daß das einzig und allein Bruck ’ s Sorge sei und bleiben müsse ; Niemand habe mehr Anlaß gehabt , tiefe Einblicke in Flora ’ s selbstsüchtiges Wesen zu tun , als gerade er ; wenn er trotzalledem darauf bestehe , sie zu besitzen , so werde er sich auch mit seinem Schicksal abzufinden wissen , möge es fallen , wie es wolle . … Henriette fuhr ganz erschrocken empor , so rauh klang das Gesagte ; es lag überhaupt etwas so bestürzend Fremdes , eine Art starrer Zurückhaltung und Abgeschlossenheit in der Erscheinung der jungen Schwester , als sei auch sie mit sich und ihrem Schicksal fertig – nach schweren Kämpfen . … 23. Kurze Zeit nachher stieg Käthe , die kranke Schwester vorsichtig stützend , auf der kleinen Treppe in das untere Stockwerk hinab , „ um sich zu melden “ . Sie kamen durch den schmalen Korridor , in welchen Käthe bei ihrer Abreise für einen Moment geflüchtet war . Er lief den großen Saal entlang , der fast den ganzen Raum des einen Seitenflügels der Villa nahezu beanspruchte – in ihm wurden die berühmten Hausbälle des reichen Mannes abgehalten . „ Es ist Probe für heute Abend , und dabei wird noch fortdekoriert und geschmückt , “ sagte Henriette aufhorchend und heiser und höhnisch vor sich hinlachend – pathetische Declamation , hie und da durch intensives Pochen und Hämmern unterbrochen , scholl durch die Thüren . – „ Wie ekeln mich diese Mädchen da drinnen an ! Sie möchten sämmtlich , wie sie auch auf der Bühne stehen , der Braut die Augen auskratzen , und doch faseln sie in grenzenlosem Schwulst von der schönsten Blume , die ihrem Kranz entrissen werde , von dem Dichtergenius , der ihre Stirne geküßt habe , und was dergleichen poetische Aderlässe mehr besagen . Und Moritz mit seiner maßlosen Verschwendung benimmt sich dabei wie ein Narr . Gestern Abend , unmittelbar nach seiner Rückkehr von Berlin , hat er die Handwerker wie Buben gescholten ; die Dekoration mußte als ‚ trödelhafter Plunder ‘ sofort von den Wänden gerissen werden , weil die Leute in zwei dunklen Ecken Wollstoffe statt Seidendamast verwendet hatten ; er wird nachgerade abstoßend mit seinem ewig herausgekehrten Millionärbewußtsein . Da sieh her ! “ Sie schob unhörbar eine der Thüren etwas weiter auf . Durch den nur schmalen Spalt sah man die Bühne nicht , auf der die Probe abgehalten wurde ; dagegen präsentierte sich schräg seitwärts ein prachtvoller Baldachin von goldbefranztem Purpursammet – er sollte sich heute Abend über dem Brautpaar wölben . „ Wie wird er mit seinem blassen , finsterbrütenden Gesicht sich ausnehmen unter dem komödienhaften Firlefanz dort ! “ flüsterte Henriette und drückte den blonden Kopf wie in ausbrechender Verzweiflung tief bewegt an die Gestalt der Schwester . „ Und sie wird wieder neben ihm stehen , siegend , triumphierend wie immer , in der wohlstudierten Toilette von weißem Mull und kindlich naiven Margarethenblümchen , wie sie der unschuldsvollen Braut am Polterabend zukommt . Ach Käthe , es ist etwas so Seltsames , Unbegreifliches um diese ganze Geschichte ; ich habe jetzt so oft das Gefühl , als laure ein unglückseliges Geheimniß dahinter , so etwas wie ein heimlich glimmender Feuerbrand unter grauer Asche . “ Im Eßzimmer saß die Präsidentin mit Flora und dem Kommerzienrat beim Frühstück . Die Braut war im eleganten , rosa bordierten Schlafrock , und ein Morgenhäubchen bedeckte die aufgewickelten Locken . Käthe erschrak fast , so grau und scharf erschien das Römergesicht der schönen Schwester ohne die goldene Glorie der Stirnlöckchen ; heute sah sie zum ersten Male , daß Flora die Jugend hinter sich habe , daß endlich das ruhelose Bestreben , sich hervorzutun , die glühende Ehrsucht anfingen , das herrliche Oval unerbittlich in harter , einwärtssinkender Linie zu verlängern . „ Mein Gott , Käthe , wie kommst Du denn auf die Idee , uns gerade heute ins Haus zu fallen ? “ rief sie emporschreckend , im rückhaltslosen Aerger . „ In welche Verlegenheit bringst Du mich ! Nun muß ich Dich wohl oder übel mit ins Gefolge stecken . Ich habe aber schon zwölf Brautjungfern – eine dreizehnte kann ich nicht brauchen , wie Du Dir wohl selbst sagen wirst “ – sie unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und fuhr zurück . Der Kommerzienrat hatte mit dem Rücken nach der Thürzu gesessen und eben ein Glas Burgunder zum Munde geführt , als Flora ’ s Ausruf den Eintritt der Schwestern signalisierte . War ihm das Glas in Folge der Ueberraschung entglitten , oder hatte er es unsicher , mit abgewendeten Augen auf den Tisch gestellt , – genug , der volle , dunkelpurpurne Inhalt ergoß sich über das weiße Damasttuch und benetzte auch Flora ’ s Kleider . Der reiche Mann stand einen Augenblick starr , verwirrt , mit völlig entfärbtem Gesichte und stierte erschreckten Auges nach der Thür , als trete dort ein wesenloses Phantom , nicht aber das imposante Mädchen mit den ernsten Zügen und der ruhigen , festen Haltung herein . Aber er faßte sich rasch . Mit einer lebhaften Entschuldigung gegen Flora drückte er auf die Tischglocke , um helfende und säubernde Hände herbeizurufen , dann eilte er auf Käthe zu und zog sie in das Zimmer herein . Und da ließ sich auch nicht eine Spur vom verschmähten Liebhaber in seinem ganzen Wesen entdecken ; er war in jedem Worte , in seinem kühlen Händedrucke ganz und gar der väterlich gesinnte Vormund von ehedem , der sich freute , seine Mündel wohlbehalten zurückkehren zu sehen . Er klopfte sie wohlwollend auf die Schulter und hieß sie willkommen . „ Ich habe nicht gewagt , Dich einzuladen , “ sagte er ; „ auch war ich in der letzten Zeit geschäftlich zu sehr überbürdet , um viel an Dresden denken zu können – Du wirst das verzeihen – “ „ Ich bin einzig und allein als Henriettens Pflegerin gekommen , “ unterbrach ihn Käthe rasch , aber ohne den leisesten Anklang von Gekränktsein über Flora ’ s ungezogene Begrüßung . „ Das ist lieb und gut gemeint , mein Kind , “ sagte die Präsidentin mit aufgehelltem Gesichte ; jede , auch die letzte Befürchtung erlosch in ihr angesichts dieser unbefangenen Begegnung . „ Aber wohin mit Dir ? In Deinem ehemaligen Zimmer ist Flora ’ s Trousseau aufgestellt und – “ „ Sie werden mir deshalb nun doch erlauben müssen , mich in meinem eigenen Daheim einzuquartieren , wie ich auch bereits gethan habe , “ fiel Käthe höflich mit bescheidener Zurückhaltung ein . „ Es wird mir vorläufig nichts Anderes übrig bleiben , “ versetzte die alte Dame lächelnd und sehr gut gelaunt . „ Heute Nachmittag wird unser Haus zum Bersten überfüllt sein – dazu leben wir in einem Trubel , wie ich ihn noch nicht gesehen ; mit Mühe haben wir uns an den Frühstückstisch gerettet . Vom Morgengrauen an wird gehämmert , probiert – “ „ Ja , sie declamieren drüben , daß die Balken zittern , “ sagte Henriette boshaft und legte sich müde in einen Lehnstuhl zurück , den ihr der Kommerzienrat hingerollt hatte . „ Im Vorübergehen hörten wir ‚ Pallas Athene ‘ , die ‚ Rosen von Kaschmir ‘ und die ‚ neue Professur ‘ in lieblichem Versegemengsel – “ „ Hu ! “ stieß Flora heraus und legte zornig beide Hände auf die Ohren . „ Es ist geradezu unverschämt , mir ein solches Dilettantenproduct vorzuleiern , mir , die ich mit meinen reizenden Festspielen stets und immer , vorzüglich bei Hofe , exzelliert habe . Und da soll man nun stillsitzen und keine Miene verziehen , während man sich vor Spott und Lachen die Zunge abbeißen möchte – “ Die Präsidentin unterbrach sie mit einer hastigen Handbewegung ; eben traten die darstellenden Damen , die vor der Probe Chokolade im Eßzimmer getrunken hatten , herein , um ihre zurückgelassenen Hüte und Sonnenschirme zu holen . Flora schlüpfte in das anstoßende Boudoir der Großmama . Mit affectierter Freude eilte die Hofdame , Fräulein von Giese , auf Käthe zu und begrüßte sie als eine „ Langentbehrte “ ; auch dem Kommerzienrate reichte sie die Hand zum Gruße . „ Schön , daß wir Sie hier treffen , mein bester Herr von Römer ! “ rief sie . „ Da können wir Ihnen doch vorläufig danken für die bewunderungswürdige Art und Weise , mit der Sie unsern kleinen Polterabendscherz unterstützten . Wahrhaftig superbe , zauberhaft ! “ Sie küßte entzückt ihre Fingerspitzen . „ Solche Feerien aus ‚ Tausend und einer Nacht ‘ kann man allerdings auch nur in der Villa Baumgarten arrangieren – darüber ist die ganze Welt einig . – Apropos , haben Sie schon von dem Unglücke des Major Bredow gehört ? Er ist fertig , total zu Grunde gerichtet – alle Kreise sind alarmiert . Mein Gott , in welcher entsetzlichen Zeit leben wir doch ! Sturz folgt auf Sturz , in so rapider Weise – “ „ Major Bredow hat aber auch wahnsinnig genug in den Tag hinein spekuliert , “ sagte die Präsidentin gleichmüthig und stützte behaglich den Ellenbogen auf die gepolsterte Lehne ihres Fauteuils . „ Wer wird denn so toll , so ohne Sinn und Verstand vorgehen ? “ „ Die Frau , die schöne Julie , ist schuld – sie hat zu viel gebraucht ; ihre Toiletten allein haben jährlich dreitausend Thaler gekostet . “ „ Bah , das hätte sie auch fortsetzen können , wenn der Herr Gemahl mit seinem Anlagekapital vorsichtiger gewesen wäre . aber er hat sich an Unternehmungen betheiligt , die von vornherein den Schwindel an der Stirn getragen haben . “ – Sie zuckte die Achseln . „ In solchen Fällen muß man mit einer Autorität gehen , wie ich zum Beispiel ; gelt , Moritz , wir können ruhig schlafen ? “ „ Ich mein ’ es , “ versetzte er lächelnd mit der lakonischen Kürze der Ueberlegenheit und füllte sein Glas mit Burgunder – er leerte es auf einen Zug . „ Ganz ungerupft bleibt man bei einem solchen eclatanten Zusammensturz selbstverständlich auch nicht ; da und dort entschlüpft ein kleines kapital , das man ‚ spaßeshalber ‘ riskiert hat – Nadelstiche , an denen sich bekanntlich Niemand verblutet – “ „ Ach , da fällt mir eben ein , daß ich ja heute die Börsenzeitung noch nicht erhalten habe , “ fiel ihm die Präsidentin ins Wort und richtete sich lebhaft auf . „ Sie kommt sonst pünktlich um neun Uhr in meine Hände . “ Er zog gleichgültig die Schultern empor . „ Wahrscheinlich ein