ihres Kleinods als letzten Eindruck in sich aufnähmen , « sagte die junge Frau zurücktretend . » Wenn alles vorüber ist , dann holen Sie mich , und sei es in tiefster Nacht . Ich will ihr das Dokument aus der Hand nehmen ; Sie haben recht , das muß ich selbst thun ; aber bis dahin darf diese arme Hand nicht berührt werden ... Frau Löhn , es thut mir leid , allein ich muß Ihnen einen Vorwurf machen : Sie mußten damals den Zettel auf alle Fälle an die Adresse abgeben . « » Gnädige Frau ! « fuhr die Beschließerin fast wild empor . » Das sagen Sie jetzt , wo alles gut ausgeht – aber damals ? Ich stand mutterseelenallein ; die ganze Gesellschaft hatte ich gegen mich . Männern , wie dem alten Herrn und dem Pfaffen , war ich nicht gewachsen , da werden gescheitere Köpfe als ich zu Schanden – und der junge Herr , der die Sache hätte ausfechten sollen ? Du lieber Gott ! Ja , wenn man sie , wie den blauen Schuh , unter die Glasglocke hätte legen können ! « Eine tiefe Glut schoß der jungen Frau in die Wangen , und die Beschließerin verstummte erschrocken . » Ach , was schwätz ' ich da ! Es ist ja alles gutgemacht , « verbesserte sie sich kleinlaut . » Aber damals war ' s schlimm . Gnädige Frau , Sie haben ' s ja heute selbst gehört , daß er den armen Jungen wie einen Hund aus dem Wege gestoßen hat ... Ich will Ihnen sagen , wie die Sache gekommen wär ' : Der gnädige Herr hätte mir den Zettel aus der Hand genommen und ihn den beiden anderen Herren gezeigt ; die hätten hell aufgelacht und ihm gesagt , daß sie das besser wissen müßten , denn sie seien Tag und Nacht um den Kranken gewesen . Und der Betrug wär ' auf mir sitzen geblieben , so gewiß , wie zwei mal zwei vier ist , so gewiß , wie sie mich zum Schloßthore ? nausgepeitscht hätten ... Nein , nein , da hieß es aufpassen und warten ... Ja , wenn ich wüßte , was auf dem Zettel steht , das wäre noch anders ; aber ich stand dem sel ' gen Herrn nicht so nahe beim Schreiben , und wie er mir das Papier hinhielt , da hatte ich vollauf zu thun , um die Adresse herauszubuchstabieren ... Es ist noch gar nicht lange her , da hab ' ich der Frau einmal in ihrem tiefsten Morphiumschlafe das Büchselchen abgenommen , um mir die Sache anzusehen ; aber das Ding ist nicht aufzubringen ; man mag es ansehen , wo man will , es ist wie zusammengehämmert ; kein Schloß , kein Drücker ist zu finden – ich glaube , es wird aufgebrochen werden müssen . « » Desto besser , « sagte Liane . Sie trat an die Glasthür und winkte Gabriel herein . Es war spät geworden , viel zu spät für die junge Frau , um Mainau noch Mittheilung zu machen , bevor er zu Hofe ging , und er hatte ihr ja gesagt , er müsse aus besonderen Gründen der Einladung folgen . Fast war es auch für sie zu spät , noch Toilette zu machen . Ihr ganzes Gefühl empörte sich : schmücken sollte sie sich , vor dem Spiegel stehen in diesen furchtbaren Stunden , wo alte , verschollene Sünden zum Austrag kommen mußten ... Sie verließ rasch das indische Haus , um dennoch Mainau aufzusuchen und ihm in flüchtigen Umrissen das Nötigste mitzuteilen ; aber er war nicht zu finden , und ein Lakai sagte ihr , der gnädige Herr sei infolge der Wolkershäuser Nachrichten noch einmal fortgegangen , wohin wisse er nicht , vielleicht zum Schloßgärtner . Sie ging mit schwerem Herzen in ihr Ankleidezimmer . 24. Auf dem weiten Parterre vor dem Schönwerther Schlosse hielt die Equipage mit den Apfelschimmeln , und dicht am Portale stand der Glaswagen des Hofmarschalls . Dem wohlgenährten , gesetzten Kutscher auf dem Bocke machte sein Gespann keine Mühe . Es waren schöne , sanftmütige Pferde ; sie standen wie die Lämmer , während die Apfelschimmel drüben wild schnaubend Funkenregen aus dem Kies stampften . » Die Bestien ! « knurrte der Hofmarschall , der sich im Rollstuhle die Treppe hinabtragen ließ . Er hätte gehen können ; allein im Hinblick auf so manche anhaltende Stehmarter in Gegenwart der allerhöchsten Herrschaften mußte er mit seinen Kräften haushalten . Drunten im Vestibül ging Mainau wartend auf und ab , und in dem Augenblicke , wo die Lakaien den Rollstuhl auf den Mosaikboden niedersetzten , kam auch ein Mann aus einem Seitenkorridor . Als er den alten Herrn erblickte , verdoppelte er seine Schritte und verließ das Schloß durch die große Glasthür . Der Hofmarschall reckte sich in seinem Stuhle empor , als traue er seinen Augen nicht . » Wie , war denn das nicht der Lump , der Dammer , der Knall und Fall fortgejagt werden mußte ? « rief er Mainau zu . » Ja , Onkel . « » Nun , in des Kuckucks Namen – wie kommt denn der Mensch dazu , so sans façon hier durch zugehen ? « wandte er sich scheltend an die Lakaien . » Gnädiger Herr , er hat in der Domestikenstube sein Abendbrot gegessen , « antwortete einer derselben zögernd . Der Hofmarschall schnellte empor ; er stand kerzengerade auf seinen kranken Beinen . » In meiner Domestikenstube ? An meinem Gesindetische ? « » Lieber Onkel , über diese Domestikenstube und diesen Eßtisch habe ich doch vielleicht auch ein klein wenig zu verfügen – wie ? « sagte Mainau gelassen . » Dammer hat mir Nachrichten aus Wolkershausen gebracht ; er kann erst morgen zurückreiten ; soll er inzwischen hier in Schönwerth hungern ? ... Es war eine Taktlosigkeit von ihm , daß er deinen Weg gekreuzt hat ; im übrigen war er mit meiner Erlaubnis da . « » Ach so , ich verstehe ! Du bist ja Philanthrop und hast jedenfalls aus Wolkershausen eine Besserungsanstalt , eine Art Verbrecherkolonie gemacht – sehr gut ! « Der Hofmarschall ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen . » Dammer hat den Respekt dir gegenüber aus den Augen gesetzt . Es war selbstverständlich , daß er aus Schönwerth entfernt wurde . « Mainau sprach mit unerschütterlicher Ruhe . » Aber man hatte ihn auch zu verschiedenen Malen furchtbar gereizt . Wir dürfen nicht vergessen , daß wir es mit einem Menschen , nicht aber mit einem Hunde zu thun haben , den wir für eine natürliche und gerechte Opposition peitschen . « Die hohe Röte , die bei diesen letzten Worten seine Wangen bedeckte , bewies , daß er sich recht gut des Moments erinnere , wo er sich durch seinen Jähzorn hatte hinreißen lassen , die Hand so unwürdig gegen einen Menschen zu erheben . » Zudem litt ein anderer , Unschuldiger , sein alter Vater , unter der allzu harten Strafe der sofortigen Entlassung . Er hat einen strengen Verweis erhalten und ist nach Wolkershausen versetzt worden . Damit war wohl die Sache ausgeglichen ? « » So ? meinst du ? Ein famoser Ausgleich zwischen dem Hofmarschall von Mainau und einem Halunken ! Gut , gut – es rollt sich eben alles ab , wie es muß , und der längste Faden hat ein Ende ... Willst du die Güte haben , diesmal den Vortritt zu nehmen ? Ich möchte deine wilden Bestien nicht im Rücken haben . « » Ich warte auf meine Frau , Onkel . « Fast zugleich mit diesen Worten erscholl das Rieseln einer seidenen Schleppe vom Säulengange her , und Liane trat in das Vestibül . Mainau hatte ihr gesagt , daß die Damen in großer Toilette befohlen seien ; deshalb erschien sie im silberstoffnen Brautkleide . Die einzelnen großen Smaragden ihres Brauthalsbandes funkelten als Nadeln im Haare und hielten da und dort einen kleinen Schneeglöckchenstrauß in den zurückgeschlagenen rotblonden Wellen fest . » Ah , welche Ueberraschung für unsern Hof ! « stieß der Hofmarschall heraus ; er war wütend . Der Gedanke , daß sie mitkommen werde , hatte ihm augenscheinlich vollkommen fern gelegen . » Allez toujour , Madame ! « sagte er , nach dem Ausgange winkend und seinen Stuhl mittels eines Ruckes selbst zurückschnellend , als sie zögerte , an ihm vorüberzugehen . Mainau reichte ihr den Arm und führte sie hinaus . » Meine Braut ist lieblich wie Schneewittchen , aber über ihrem holden Gesicht liegt ein Trauerflor , « flüsterte er ihr zärtlich zu . » Ich habe dir viel Ernstes mitzuteilen ; mir ist , als schritte ich über glühende Kohlen , « sagte sie hastig und angstvoll . » Wären wir nur wieder daheim ! « » Geduld ! Ich werde meine Mission am Hofe möglichst rasch durchführen und dann , dann fliege ich , Feinsliebchen im Arm , in die weite , weite Welt hinein . « Er hob sie in den Wagen . Die Apfelschimmel brausten davon , und in gemächlichem Trabe folgten die Braunen des Hofmarschalls . In der Residenz hatte man sich daran gewöhnt , die zweite Heirat des Barons Mainau – trotz der hohen Abkunft der jungen Frau – als eine Art Mesalliance anzusehen . Man erzählte sich , sie sei eigentlich nur die Beschließerin und Gouvernante ; die schwarzseidene Schürze vorgebunden , den Schlüsselkorb am Arme , wandere sie durch Küche , Keller und Waschhaus ; das sei ihr Element – abscheulich ! Eine Baronin Mainau , die Gemahlin des reichsten Herren im Lande ! ... Gott , welche reizende Naivität und Unwissenheit in solchen Dingen hatte doch das ganze Wesen der ersten Frau so anziehend , so unbeschreiblich distinguiert gemacht ! Sie war nicht die Frau , sondern die Fee des Hauses , die echt aristokratische » Lilie des Feldes « gewesen . Sie war nur auf Erden gewandelt , damit man kostbare Spitzenhüllen für sie klöppele , der feinste Champagner für ihre kleine Kehle perle , und zahllosen Händen und Füßen das Glück werden sollte , ihr zartes , flaches Körperchen zu tragen , zu pflegen und zu schmücken . Hätte sie jemand gefragt , wo die Küche in Schönwerth sei , sie würde dem Unverschämten im allerliebsten Zorn mit der Reitpeitsche eins hinter das Ohr versetzt haben ; dagegen war sie in den Pferdeställen zu Hause gewesen , wie in ihrem Boudoir , und der berühmte Jasminduft hatte oft das Stallparfüm in ihren Kleidern nicht zu decken vermocht ; aber das war ja eben so undefinierbar aristokratisch , so köstlich originell gewesen . Die zweite Frau hatte von allen diesen guten Leuten noch keiner gesehen ; man wußte aber , daß sie groß und rothaarig sei und fügte nun diesen zwei Eigenschaften als notwendige Folge robuste Schulterbreite , derbe Füße , rote Hände und die intensivsten Sommersprossen hinzu ... Weiter war man gewöhnt , den Baron Mainau als Garçon in der Residenz , am Hofe erscheinen zu sehen , und bei der letzten großen Soiree hatte er auf die boshafte Frage , wie es seiner jungen Frau gehe , achselzuckend geantwortet : » Ich vermute , gut – seit drei Tagen bin ich nicht in Schönwerth gewesen , « ... Es war ferner unumstößlich festgestellt , daß seine Abreise das Signal zur Scheidung sein werde und nun , nun trat er auf einmal in den Konzertsaal des herzoglichen Schlosses , und an seinem Arme hing ein junges Wesen , schneeig weiß von der Stirn bis auf die feine atlasbedeckte Fußspitze , von so bleicher , ernster , aber auch kalter Schönheit , als habe er sich die schneeüberrieselte Eiskönigin von den Gletscherbergen herabgeholt . Die Frau Herzogin hatte einen ganz besonderen Glanz zu entfalten gewünscht ; es war das erste Hofkonzert seit dem Tode des Herzogs und , wie man sich freudig zuraunte , auch der erste , kleine , scheinbar improvisierte Ball , mit welchem sie die hoffähige Jugend zu überraschen gedachte . Der Konzertsaal mit der anstoßenden Reihe von kleineren Sälen schwamm in weißem Tageslicht . Es troff von den mächtigen Glaskronen am Plafond , den Kandelabern in den Ecken , und im fernen Wintergarten , der die Zimmerreihe beschloß , schossen Lichtfontänen aus riesigen Lilienstengeln , aus Maiblumenglocken von weißem Glas , die sich gleichsam aus der fremdländischen Pflanzenwucht der Boscage emporranken . Was die hoffähigen Damen an Juwelen aufzubringen vermochten , es lag hingestreut auf Locken , Busen , auf schwer niedersinkendem Atlas und in hochgepuffter Gaze . Und die Seidenpracht rauschte , die flimmernden Fächer schwirrten , und alte wie junge , schöne wie häßliche Lippen flüsterten und kicherten in den Tönen der Medisance , der Schmeichelei , der heimlichen Liebe und des versteckten Neides . Dieses verworrene Geräusch verstummte einen Augenblick vollständig beim Eintritt » der Schönwerther « ... So sah sie aus , die fast mythenhaft gewordene zweite Frau ? So eigenartig stolz und gelassen ? So wenig berührt und eingeschüchtert durch die versammelte glänzende Hofgesellschaft ? Und was war das nun wieder für eine neue Marotte des Sonderlings , des Phantasten , der sie führte ! Er hatte diese Gräfin Trachenberg durch die Scheinehe in ein abscheulich schiefes Licht gebracht ; er hatte sie , als schäme er sich ihrer , bisher scheu versteckt ; sie war der Gegenstand mitleidiger Spöttereien gerade bei Hofe gewesen , und weil dadurch das Verhältnis nachgerade ein unhaltbares geworden , so befand sich die Bitte um Lösung desselben bereits auf dem Wege nach Rom . Da gab es keinen Zweifel mehr , und gerade da führte er sie bei Hofe auf , mit einer Ostentation , als wollte er sagen : » Seht , so schlecht ist mein Geschmack doch nicht gewesen ! Selbst zum Zweck meiner Komödie habe ich es nicht über mich vermocht , meinen Schönheitssinn ganz zu verleugnen . Seht sie euch noch einmal an , die Vielbespöttelte , ehe ich sie – heimschicke ! « Und die Herren meinten , er sei geradezu toll geworden vor Uebermut und Eitelkeit ; etwas Harmonischeres als diese zwei hohen Gestalten nebeneinander lasse sich nicht denken . Die erste Frau sei stets wie ein Schmetterling vor ihm hergegaukelt , und wenn sie je einmal um der Etikette willen ihre Fingerspitzen auf seinen Arm gelegt und ihr schmales Figürchen an ihm in die Höhe gereckt habe , so sei das fast lächerlich gezwungener Anblick gewesen . Ehe die zweite Frau noch ihren Weg durch den ungeheuren Saal vollendet , war es bereits festgestellt , daß sie eine Loreleierscheinung und er – ein blinder Narr sei . Man sah freilich nicht , wie er plötzlich den schönen , weißen Arm fester an sich drückte , als überkomme ihn die Reue , sein junges Weib diesen sie gierig anstarrenden Augen ausgesetzt zu haben ; man hörte nicht , daß es zärtliche Worte , Worte einer jäh erwachenden heftigen Eifersucht waren , die er ihr zuflüsterte ; man verstand ihn nicht , als er sie so feierlich betonend mehreren alten Damen als seine Frau vorstellte – es war eine Farce , eine neue Kaprice , in der er sich gefiel und bei welcher das arme Opfer an seiner Seite und der ganze Hof wohl oder übel mitwirken mußten – wie immer . Die einzelnen Töne aus dem Orchester herüber schwiegen plötzlich ; die Anwesenden standen wie die Statuen , und sämtliche Augen richteten sich auf die Seitenthür , durch welche die Herzogin kommen mußte . Die Flügel wurden feierlich zurückgeschlagen , und Serenissima , gefolgt von den beiden kleinen Prinzen und mehreren Damen und Herren , trat in den Saal . In diesem Augenblicke suchte Liane unwillkürlich Mainaus Gesicht . Eine dunkle Flamme lief ihm bis über die Schläfen , und ein böses Lächeln flog um seinen Mund . » Ah , in gelber Seide , und Granatblüten in den Locken ! « sagte er leise , ohne den Blick der jungen Frau zu erwidern . » Liane , sieh dir diese schöne Fürstin genau an ! So sah sie aus an jenem Ballabende , an welchem sie mir versprach , mein zu werden . Himmlische Reminiscenzen , die sie , wie es scheint , gerade heute aufzufrischen wünscht ! « Die Herzogin sah in der That überraschend schön aus . Das feurige , glänzende Gelb , das um die tief entblößten Schultern wogte , die glutvollen , ungezwungen aus den schwarzen Locken auf die Stirn fallenden Blumenkelche hoben das blutlose , wachsartige Weiß ihrer Haut in fast dämonischer Wirkung ; dazu die geschmeidigen , schlangenhaft weichen Bewegungen , der seltsame , luftatmende Zug um die blaßroten Lippen , um die leicht bebenden Nasenflügel , das Flammen der großen Augen – Liane mußte unwillkürlich an die Willis denken , die den Gegenstand ihrer Leidenschaft zu Tode tanzen ... Wenn er diesem Zauber abermals verfiel ? ... Die junge Frau bebte in sich hinein ; sie legte ihre schönen , schlanken Finger enger um seinen Arm und schmiegte sich so fest an ihn , daß er den unruhigen Schlag ihres Herzens fühlen konnte . » Raoul ! « flüsterte sie zu ihm hinauf , ihn erinnernd , daß sie da sei . Er fuhr überrascht herum ; dieser zärtlich weiche Herzenston von ihren Lippen traf zum erstenmal sein Ohr ; zum erstenmal lag ihre ganze Seele unverschleiert in den großen stahlfarbigen Augen , welche die seinigen suchten – angesichts der eintretenden Herzogin , des ganzen Hofes verriet ihm ein einziger angstzitternder Laut , daß seine Liebe erwidert werde . Die fürstliche Frau hemmte sekundenlang ihre Schritte ; sah es doch aus , als falle aus den Lüften ein schwarzer Schleier verdüsternd über die strahlende Erscheinung ; die schöngebogenen Brauen zogen sich finster zusammen . Dort die milchweiße , silberbestreute Robe , die wie ein Mondstrahl unter all den bunten Toiletten flimmerte , schien sie sehr zu befremden ; die Frau Herzogin teilte offenbar die allgemeine Verwunderung über das Erscheinen der jungen Frau am heutigen Abende , aber sie schritt sofort weiter , winkte huldvoll grüßend nach allen Seiten , bevorzugte den so lange ferngebliebenen Hofmarschall , indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte und ihn in gnädiger und schmeichelhafter Weise aufs neue willkommen hieß , und machte es mit glänzender Gewandtheit möglich , im langsamen Vorüberschreiten eine lange Reihe der Eingeladenen mit einigen passenden Worten zu beglücken . Der edelsteinbesetzte Fächer in ihrer Hand sprühte einen bunten Funkenregen , und die gelben Gazewogen schwebten über der nachrieselnden Atlasschleppe wie ein leicht aufsteigendes Dunstgewölk , das die Sonne vergoldet . So stand sie plötzlich vor Liane . » Ei , sieh da ! Wir haben gemeint , die gelehrte Einsiedlerin von Schönwerth sei den geselligen Freuden so abhold , daß eine direkte Einladung zu unserem harmlosen musikalischen Abende gar nicht gewagt worden ist , « sagte sie kaltblütig und gleichsam entschuldigend , daß die junge Frau eigentlich nicht eingeladen sei . Liane wurde dunkelrot und sah erschrocken zu ihm auf , der sie hierhergebracht hatte ; aber es schien , als bemerke er den Verdruß nicht , der die fürstliche Dame so unfein werden ließ . » Hoheit , man läßt Ausnahmen gelten , wenn große Wandlungen an uns herantreten , « sagte er in seinem gefürchteten , in Spottlust förmlich getränkten Tone ; » aus dem Grunde habe ich die Baronin veranlaßt , mich heute zu begleiten – wir reisen in den nächsten Tagen ab . « » Wirklich , Baron Mainau ? « rief die Herzogin freudig überrascht . » Diese Orientreise kreist in Ihrem Blute wie ein Fieber . Ich glaube , Sie würden Sie antreten , und wenn die Welt in Flammen stünde ... Gut denn ! Sie werden endlich reisemüde und dann vielleicht auch ein wenig – umgänglicher zu uns zurückkehren . « Ihr Gesicht hatte sich aufgehellt ; aber gerade , weil sie eben die Bestätigung erhalten , daß die glühend ersehnte Katastrophe in den nächsten Tagen unwiderruflich eintreten werde , empörte sie doppelt die stolze Ruhe und Zuversicht , mit welcher diese junge Frau neben Mainau verharrte . Stand sie nicht mit einem Fuße bereits auf dem Heimwege , der sie nie wieder nach Schönwerth zurückbringen sollte , die Geschiedene ? Und doch fiel es ihr nicht ein , die Hand zurückzuziehen , die so fest , » so auf ihr gutes Recht pochend « auf Mainaus Arm lag . » Sie werden sich freuen , Ihr stilles Rudisdorf wiederzusehen ? « fragte sie mit einem feindseligen Seitenblicke nach den verhaßten feinen Fingerspitzen . » Ich habe die Reise nach Rudisdorf aufgegeben , Hoheit , « versetzte Liane beklommen und verlegen ; es war ihr peinlich , das auszusprechen , aber der direkten Frage gegenüber gab es kein Ausweichen . Die Herzogin wich unwillkürlich zurück ; die graziös gehobene Hand mit dem Fächer glitt schlaff an der knisternden Atlasrobe nieder . » Wie ? Sie bleiben ? « – Ein spöttisches Lächeln zuckte um die entfärbten Lippen . » Ah , ich verstehe ! Sie sind großmütig und wollen unsern guten Hofmarschall nicht verlassen , « setzte sie rasch hinzu , wobei sie huldvoll das Haupt gegen den alten Herrn neigte , der allmählich näher gekommen war . Er hatte , trotz des stark summenden Geräusches im Saale , mit gespanntem Ohre doch jedes Wort erfangen . Jetzt fuhr er in zürnendem Schrecken empor . » Hoheit , ich muß unterthänigst bitten – Ihr alter getreuer Hofmarschall hat mit diesen Entschließungen durchaus nichts zu schaffen , « erklärte er , im feierlichen Proteste die Hand auf das Herz legend . » Das ist wahr ; der Onkel hat dabei gar keine Stimme gehabt , « bestätigte Mainau vollkommen ruhig und ziemlich laut . Fast schien es , als spräche er zu den Umstehenden und nicht zu der Herzogin . » So sehr ich auch stets wünschen muß , ihn in treuen , fürsorgenden Händen zurückzulassen , in dem Falle stehe ich mir doch selbst am nächsten . Ich konnte mich nicht zur Trennung entschließen ; deshalb hat meine Frau in ihrer selbstlosen Güte eingewilligt , mit mir zu gehen . « Das klang so selbstverständlich , so ernst und würdevoll , als habe sich dieser Mund nie in verletzendem , frivolen Spotte verzogen , als habe es nie eine Zeit gegeben , wo er die schlanke , schweigende Frau an seiner Seite mitleidslos den bösen Zungen , der gehässigsten Beurteilung überlassen , ja , sie in dieselbe hineingedrängt . Die Herzogin setzte plötzlich ihren hastig und rauschend entfalteten Fächer in Bewegung , als sei es erstickend schwül im weiten Saale geworden . » Also eine neue Kaprice , Baron Mainau ? « sagte sie , vergeblich bemüht , ihrer Stimme einen spöttisch heiteren Klang zu geben . » Bisher haben Sie eifersüchtig alles von sich gewiesen , was den Nimbus des interessanten Reisenden irgendwie schmälern konnte – Sie wollten allein Märchenprinz sein ... Und nun auf einmal dieses Erscheinen an der Seite einer modernen Lady Stanhope – nicht übel ! Das muß verblüffen , ganz besonderes Aufsehen erregen . « » Sicher nicht lange , Hoheit , « sagte Mainau ruhig lächelnd , » da ich mit meiner › Lady Stanhope ‹ nicht im Oriente reisen , sondern auf meinem einsam gelegenen Gute Blankenau in Franken leben werde . « Serenissima wandte sich ab und gab mit einer sichern Bewegung das Zeichen zum Beginne des Konzerts . Wer sie näher kannte , zitterte . Mit diesen unnatürlich weit geöffneten Augen in dem totenhaft weißen Gesichte , mit den streng zusammengezogenen Lippen und dem fast brutal entschlossen vorgeschobenen Kinne gab sie nie einer Bitte Gehör , war sie nie einer sanfteren Regung zugänglich . 25. Die herzogliche Kapelle spielte meisterhaft , und die Primadonna sang hinreißend . Ihre Hoheit die Frau Herzogin gab selbst das Signal zum rauschenden Applaus und überhäufte die fremde Sängerin in den Pausen mit Beweisen ihrer Huld und Gnade . Es verlief alles so glatt , so scheinbar zwanglos und die festen Linien der Etikette innehaltend , daß Liane meinte , doch nur ihr treibe die innere qualvolle Unruhe , eine ahnungsvolle Bangigkeit das Blut fiebernd durch die Adern . Sie konnte das bleiche Medusenprofil der Herzogin nicht ansehen , ohne heiß zu erschrecken . Dort , inmitten einer Offiziersgruppe , seltsam den Glanz der Galauniformen unterbrechend , saßen zwei schwarze Gestalten , der Hofmarschall und der Hofprediger . Die junge Frau hätte aus den Zügen des alten Herrn fast lesen können , was er , leidenschaftliche erregt , seinem Nachbarn unablässig zuflüsterte und in das Ohr zischelte , aber sie wandte in aufquellendem Zorn die Augen weg . Der Priester fixierte ungescheut und so dämonisch ausdrucksvoll ihr Gesicht , als schwebe ihm jenes furchtbare » Ich werde alles dulden , schweigend und ohne Gegenwehr ; aber abschütteln werden sie mich nicht « auf den Lippen ... Sie fürchtete ihn nicht mehr . Der hochgewachsene Mann , der neben ihrem Sitze mit verschränkten Armen an der Wand lehnte , beschützte sie ; er war mächtig und willensstark genug , die Viper , die zerstörend nach seinem häuslichen Glück züngelte , zu zertreten ... Hätte sie nur erst diesen Saal mit den geschmückten Menschen im Rücken gehabt ! Aber die Erlösungsstunde schlug noch nicht . Die wundersame Mär , daß Mainau mit seiner jungen Frau nach Franken übersiedeln wolle , war wie ein Losungswort von Mund zu Mund geflogen , und nun , nach dem Konzerte , strömten die Wißbegierigen herbei , um aus dem Munde der Betreffenden selbst die Bestätigung zu hören . Und dann wurde Mainau die Auszeichnung zu teil , mit der Frau Herzogin den Ball zu eröffnen . » Bitte , führen Sie mich in den anstoßenden Saal ! « befahl sie , den Walzer unterbrechend , in welchen sich die Polonaise aufgelöst hatte . » Zu viel Gaslicht und zu viele Menschen ! Die Hitze ist wahrhaft tropisch . « Sie traten über die Schwelle . Die anderen Paare flogen weiter in wirbelndem Reigen . » Sie spielen Ihre neue Rolle unvergleichlich , Baron Mainau , « sagte die Herzogin halblaut , während sie im Weiterschreiten mehreren erschrocken emporspringenden Herren zuwinkte , sich nicht stören zu lassen – sie thaten sich gütlich am Büffett . » Darf ich erfahren , wie das Stück heißt , das der Hof aufführt , und bei welchem ich mitwirke , ohne es zu wissen ? « versetzte er , auf den leichten , frivolen Ton eingehend , den sie angeschlagen . » Mephisto ! « Sie hob graziös drohend den Fächer . » Nicht wir spielen ; dazu sind wir zu gedrückt , zu müde und unelastisch – dank den aufreibenden inneren Kämpfen . Wir haben auch nicht die Gabe , wie der geniale Baron Mainau , einen mächtigen Impuls immer wieder so wirksam , so packend auf die Szene treten zu lassen ... Soll ich Ihnen wirklich sagen , daß man sich drüben im Saale zuraunt , es sei heute der zweite Akt des › Drama mit der Rachetendenz ‹ aufgeführt worden ? « Bei diesen Worten betraten sie den Wintergarten . In raschem Weitergehen hatten beide nicht bemerkt , daß in dem letzten , anscheinend leeren Salon dennoch zwei Menschen saßen , der Hofmarschall und sein Freund , der Hofprediger . Sie hatten Fruchteis und Champagner vor sich stehen ; aber ein aufmerksames Auge hätte sehen können , daß das Eis zerschmolz und der köstliche Sekt unberührt verschäumte . Mainau zog mit einer raschen Wendung seinen Arm an sich , so daß die Hand der Herzogin ihre Stütze verlor und herabsank ... Sie waren allein unter Palmen , unter einem grünen Regen tropischer Schlingpflanzen , der von der Glasdecke niedersank . Wie die vom Wunderbaume mit Gold überschüttete Aschenbrödelgestalt stand die schöne , blasse Frau in gelbem Atlaskleide da , dem das blendende Gaslicht metallisch glitzernde Farbenströme entlockte . » Vollständig gekühlte Rache hat keinen zweiten Akt ; sie stirbt wie die Biene in dem Augenblicke , wo sie den Stachel eingesenkt , « sagte Mainau mit leicht erblaßtem Gesichte . Die Herzogin sah ihn mit funkelnden Augen an . » Ah , Pardon ! Da haben sich also die guten Leute da drüben geirrt , « sagte sie , die schönen Schultern emporziehend . » Nun denn , ein anderes Motiv ! Das aber , was Sie uns in augenblicklicher , eigensinniger Laune oktroyieren möchten , glaubt man Ihnen so wenig , wie man imstande ist , zu denken , der prächtige Granatbaum dort mit seinen glühenden Blüten fühle Neigung , im – Gletschereis zu wurzeln ... Mag Ihnen diese blonde Gräfin Juliane mit ihrer studierten Denkermiene imponieren , in Wirklichkeit geliebt wird eine solche Frau nie . « » Sie sprechen von jener Leidenschaft , die auch ich einmal empfunden , « versetzte Mainau in hartem , eiskalten Tone . Es empörte ihn , den geliebten Namen von diesen Lippen aussprechen zu hören . » Wie wenig Wurzel gerade sie schlägt , hat sie am schlagendsten dadurch bewiesen , daß sie so vollständig – sterben konnte . « Die Herzogin fuhr aufstöhnend zurück , als habe er eine todbringende Waffe gegen sie gezückt . » Ist es so , wie Sie sagen , « fuhr er unerbittlich fort , » daß eine solche Frau selten geliebt wird – wohl mir ! Dann werde ich Qualen , die ich früher nie gekannt , und die jetzt oft an mich herantreten , die Qualen der Eifersucht , allmählich wieder von mir abschütteln können ... Und nun will ich Euer Hoheit sagen , weshalb ich heute in Begleitung › dieser blonden Gräfin Juliane ‹ hier bin . Es ist kein Akt der Rache , sondern der Buße , der öffentlichen Abbitte meiner beleidigten Frau gegenüber . « Die fürstliche Dame lachte so überlaut und krampfhaft