. » Weshalb fragen ? Ich kann Sie nicht zwingen , Ihr Versprechen zu halten , habe auch wahrhaftig niemals verlangt , daß Sie nach Schloß › Stein ‹ gehen . Sie wußten ja sonst Berlin und Wien zu finden , oder Paris oder irgendeine große Stadt noch weiter entfernt . « Er hatte sie ausreden lassen . » Ich wollte Sie in dem Briefe fragen « , sprach er ruhig weiter , » soll denn die Komödie noch kein Ende nehmen , Klaudine ? Es ist doch frevelhaft – « Sie fuhr empor . Sprach er im Ernst ? » Das sagen Sie mir jetzt ? « rief sie empört , » jetzt , wo die Entscheidung so nahe ist ? Die Arme lebt vielleicht keine vierundzwanzig Stunden mehr ! Haben Sie es so eilig , Ihre Freiheit wiederzuerlangen ? « » Sie sind sehr verbittert , Klaudine ! « erwiderte er unwillig und doch klang es wie Mitleid aus seiner Stimme . » Aber Sie haben recht , angesichts der traurigen Tage , denen wir entgegengehen , sollte man nicht von diesen Dingen sprechen . Indessen – « » Nein , nein ! Sprechen Sie nicht davon ! « pflichtete sie ihm aufatmend bei . » Indessen kann ich nicht anders « , fuhr er unerbittlich fort . » Das neueste ist nämlich , daß Ihre Hoheit sich direkt an mich wandte . « Er nahm seine Brieftasche heraus und reichte ihr ein Schreiben . » Es ist besser , Sie lesen selbst . « Klaudine machte eine abwehrende Bewegung . » Es ist ein eigenhändiges Schreiben der Herzogin « , betonte er , ohne das Briefblatt zurückzuziehen , » die arme Frau verbittert sich ihre letzten Tage mit Sorgen . Wenn Sie gestatten , Cousine , lese ich es Ihnen vor . « Und das blasse Mädchengesicht kaum mit dem Blicke streifend , begann er : » Mein lieber Baron ! Diese Zeilen schreibt Ihnen , nach langem innerem Kampf , eine Sterbende und bittet Sie , ihr nach Möglichkeit in einer überaus zarten Angelegenheit zu helfen . Sagen Sie mir die Wahrheit auf eine Frage , deren Indiskretion Sie mir , die ich bald nicht mehr unter den Lebenden sein werde , verzeihen wollen . Lieben Sie Ihre Cousine ? Wenn es nur ein Akt der Klugheit und Großmut war , ihre Hand zu erbitten , dann , Baron , geben Sie dem Mädchen die Freiheit zurück und seien Sie überzeugt , daß Sie dadurch die Zukunft zweier Menschen , die mir über alles teuer sind , glücklich gestalten werden . Elisabeth . « Die blauen Augen Klaudines starrten wie verzweifelt auf das kleine Briefblatt . Barmherziger Gott , was sollte das sein ? War die Herzogin noch immer in dem alten schrecklichen Wahn , daß ihr Gatte sie liebe oder sie ihn ? Oder hatte Prinzeß Helene sich ihr anvertraut , und die Herzogin wollte vermitteln zwischen Lothar und ihr ? » Und Sie ? « klang es endlich gebrochen von ihren Lippen . » Ich bin auf dem Wege , Ihrer Hoheit die Antwort zu bringen , Klaudine . Sie wissen selbst , hoffe ich , daß es von der Herzogin unnötig war , die Wahrheit zu fordern . Ich habe immer offen gehandelt während meines ganzen Lebens , nur einmal beging ich eine Täuschung , weil ich aus Zartgefühl nicht den Mut hatte , zu sprechen , weil ich glaubte , ein einmal gegebenes Wort einlösen zu müssen , und sollte es auf Kosten meines Lebensglückes geschehen . Lassen wir das , es ist begraben . Niemals haben mich seitdem irgendwelche Rücksichten gehindert , der vollsten Überzeugung gemäß zu handeln . Ich werde Ihrer Hoheit kurz erklären , daß – « Ein leiser Schrei unterbrach ihn , flehend streckte Klaudine ihm die Hand entgegen , und ihre Augen starrten angstvoll in die seinen . » Schweigen Sie , ich bin nicht die Herzogin ! « stammelte sie . Er hielt inne vor diesem verzweifelten Gebaren . Das Mädchen sprang empor und flüchtete nach der anderen Seite des Abteils . In diesem Augenblick huschten Lichter vor dem Fenster vorüber , der Zug fuhr langsamer . In der trüben Dämmerung des Schneemorgens erkannte der Baron den Bahnhof der Residenz . Über der Stadt erhob sich grau die alte herzogliche Feste . Klaudine war ausgestiegen , ehe er hinzuspringen konnte , um ihr behilflich zu sein . Ein fürstlicher Diener erwartete sie und ein Hofwagen . Als sie eilig hineinschlüpfte , stand Lothar am Schlag . In dem grauen , kalten Morgenlicht sah sein Gesicht ganz anders aus als vorher , es schien Klaudine , als wäre er seit den paar Monaten um Jahre gealtert . » Ich bitte , Cousine , nennen Sie mir die Stunde für eine Unterredung « , forderte er mit höflicher Bestimmtheit . » Morgen « , erwiderte sie . » Morgen erst ? « » Ja ! « entschied sie kurz . Er trat , sich verbeugend , zurück , nahm wenige Minuten später in einem Gasthauswagen Platz und fuhr mit dem schwerfälligen Omnibus durch das Südertor , welches eben der fürstliche Wagen mit Klaudine in Windeseile passiert hatte . » Wie « , dachte er , durch ihr sonderbares Benehmen geängstigt , » wenn die Herzogin dennoch recht hätte , wenn sie den Herzog wirklich liebte ? Wenn ich selbst ihr gleichgültig wäre , wirklich gleichgültig ? « Sie war indes den steilen Schloßberg hinaufgefahren und stieg an dem Tor des Flügels ab , den die Herzogin-Mutter bewohnte . Die aufgehende Sonne tauchte eben die verschneiten spitzen Giebeldächer , die Türmchen und Mauern in Purpurglut , und in demselben Augenblick entrollte sich das herzogliche Banner auf dem Hauptturm der Stadt , die unten noch in grauer Dämmerung lag , ein Zeichen , daß die Herrin heimkehre , ja – heimkehre , um zu sterben . Klaudine fand im zweiten Stockwerk ein paar gemütliche Zimmer zu ihrer Verfügung und ward noch im Laufe des Vormittags zur alten Hoheit beschieden . Die freundliche Dame hatte verweinte Augen , sie saß an dem bekannten Erkerfenster und blickte über die Dächer ihrer guten Stadt hinweg , weit in das verschneite Land hinein . Oh , wie oft hatte Klaudine hier vor ihr gesessen , in dem lauschigen Zimmer mit den steifen kostbaren Möbeln und den vielen Bildern an den Wänden , und hatte sich mit ihrer Gebieterin der herrlichen Aussicht gefreut . In der gegenwärtigen Stunde hatten sie beide kein Auge für diese Schönheiten . Sie sahen dort hinaus , wo der Schienenstrang aus dem Walde hervortrat , auf dem der Zug daherkommen sollte , der die arme Kranke brachte . Die Herzogin hatte in Cannes einen neuen Blutsturz gehabt . Sie wollte nur noch eines – ihre Kinder wiedersehen und verschiedenes ordnen vor ihrem Sterben . Die kleinen Prinzen waren daheim geblieben , sie sollten der Mutter nicht zuviel Unruhe machen , der Arzt hatte es so gewünscht , obgleich sie dagegen gekämpft : » Herr Doktor , ich sterbe vor Sehnsucht ! « Die alte Hoheit schüttelte nur immer leise das greise Haupt , während sie dies alles erzählte : » Es ist hart , es ist besonders hart für Adalbert , denn sie hatten sich ganz und vollständig gefunden , sie waren auf dem besten Wege , ein glückliches Paar zu werden . Er schreibt so liebevoll von ihr , und nun ? « Sie seufzte . Die Herrschaften hatten sich jeden Empfang verbeten , aber die alte Hoheit wollte doch mit dem Erbprinzen hinunterfahren zum Bahnhof und befahl Klaudine , sie zu begleiten . Gegen zwei Uhr fuhren sie den Schloßberg hinab , ein trüber Novemberhimmel hing über der Stadt und sandte große , dicke Schneeflocken hernieder . Aber trotz des schlechten Wetters standen Hunderte von Menschen in der Straße , die zum Bahnhof führt . Der Landauer der Herzogin hielt dicht vor der Rampe des fürstlichen Wartezimmers . Die Schutzleute bemühten sich , der Menge zu wehren , die sich stumm herzudrängte . Alle standen denn auch ruhig in weitem Bogen um die Kutschen . Auf dem Bahnsteig befanden sich einige Herren , der Schnellzug , der die herzogliche Familie bringen sollte , war bereits gemeldet . Endlich brausten die Wagen unter die Halle , es entwickelte sich plötzlich ein buntes Treiben auf dem Bahnsteig . Der Herzog war zuerst ausgestiegen , er küßte seiner Mutter die Hand , dann hob er selbst die leidende Gemahlin aus dem Wagen . Aller Augen waren auf ihr bleiches , schmales Gesicht gerichtet , dessen große Augen den Erbprinzen suchten . Sie umarmte die alte Herzogin und küßte ihr Kind mit einem traurigen Lächeln . » Da bin ich wieder « , flüsterte sie matt . Kaum vermochte sie die paar Schritte zum Wartezimmer zu gehen . Der Erbprinz und der Herzog stützten sie . Freundlich müde erwiderte sie die Grüße . Prinzeß Helene und ihre Hofdame , Frau von Katzenstein und die Kammerfrau , die Herren vom Gefolge , alle hasteten durcheinander . Als sie Klaudine sah , zuckte es in ihrem Gesicht . Sie winkte mit der Hand und deutete auf den Wagen . Das schöne Mädchen eilte hinüber . » Hoheit « , stammelte sie ergriffen und beugte sich über die Hand der Herzogin . » Komm , Dina ! « flüsterte diese , » fahr mit mir , und du , mein Herz « , wandte sie sich an den Erbprinzen . » Adalbert wird mit Mama fahren . « Während sie durch die schweigende Menge fuhr , sagte sie : » Grüße , mein Kind , grüße sehr freundlich ! Die Leute wissen alle , wie krank ich bin . « Sie selbst bog sich mit Anstrengung ein wenig vor und wehte matt mit dem weißen Tuche . » Das letztemal ! Das letztemal ! « murmelte sie . Dann faßte sie des Mädchens Hand . » Wie gut , daß du da bist ! « Oben am Schloßtor entließ sie die Freundin : » Wenn ich geruht habe , so lasse ich dich rufen , Dina . « Klaudine suchte ihr stilles Zimmer auf und schaute in den winterlichen Schloßhof hinab . Kutschen fuhren ab und zu , die Wache zog auf und die großen Gepäckwagen kamen langsam den Berg herauf . Dort unten läuteten die Glocken der Marienkirche , hier und da blitzten schon Lichter auf , trotz der frühen Nachmittagsstunden , und es schneite , schneite immerzu . Stunden vergingen . Man brachte Klaudine den Tee in ihr Zimmer . Sie dachte an Lothar und wie er ihr seine Einsamkeit und Sehnsucht auf dem verlassenen Schlosse in Sachsen geschildert . O ja , es ist schwer , allein zu sein mit den marternden Gedanken , der schrecklichen Ungewißheit . Ungewißheit ? Sie war fast zornig auf sich , ach Gott , sie wußte es ja nur zu gewiß ! Prinzessin Helene hatte gut ausgesehen , ihr Gesicht hatte einen etwas anderen Ausdruck gezeigt . Das Leidenschaftliche , Unruhige war von ihr gewichen , sie hatte wohl Hoffnung , begründete Hoffnung ! Was wollte nur die Herzogin von ihr selbst ? Ach , es war ja klar ! Sie würde , nachdem sie Lothars Antwort erhalten hatte , zu ihr sagen : » Klaudine , sei großmütig , gib du ihm sein Wort zurück ! Er fühlt sich gebunden . « Freilich , das wußte sie , er würde die Verlobung nicht lösen , nie ! Er war auf ihre Großmut angewiesen . Ein heißer , leidenschaftlicher Trotz erfüllte sie . » Und wenn ich jetzt nicht will ? Und wenn ich lieber elend an seiner Seite werden will , als elend ohne ihn ? Wer kann mich hindern ? « Sie schüttelte den Kopf . » O nimmermehr ! Nein ! « Die altmodische Uhr auf dem Spiegeltisch schlug neun . Es fror sie plötzlich in dem dunklen Zimmer , im Kamin glühte nur noch ein schwacher roter Schein . Sie begann umherzuwandern . Bis zehn Uhr wollte sie noch warten , dann zur Ruhe gehen . Vielleicht konnte man ja schlafen . Aber gegen zehn Uhr kam doch die Kammerfrau und beschied sie hinunter . Sie ging die Korridore entlang und über verschiedene Treppen und Treppchen , bis sie in die wohldurchwärmte und hellerleuchtete Halle vor den Gemächern Ihrer Hoheit gelangte , empfand sie auch heute wieder den eigentümlichen Zauber dieser prächtigen Räume . Überall dieses satte Rot auf Wänden , Teppichen und Vorhängen , überall das gedämpfte Licht rötlich verschleierter Ampeln und Lampen , überall Gruppen üppiger fremdländischer Pflanzen und überall prächtige , farbenglühende Gemälde in breiten , funkelnden Goldrahmen . Die Herzogin lag in ihrem Schlafzimmer , in dem niedrigen mit schweren roten Vorhängen umgebenen Bette , deren Falten oben an der Decke ein vergoldeter Adler in seinen Klauen hielt . Auch hier eine rötliche Beleuchtung , die das bleiche Gesicht mit trügerischen Rosen überhauchte . » Es ist spät , Dina « , sagte die Kranke mit verschleierter Stimme , » aber ich kann nicht schlafen , fast nie mehr , und ich kann nicht allein sein , ich fürchte mich . Ich habe mir darum einen Vorhang des Bettes so legen lassen , daß ich die Tür nicht sehe . Mich erfaßt mitunter eine unerklärliche Angst , es möchte etwas schreckliches über die Schwelle kommen , unser Hausgespenst , die weiße Frau , die mir melden will , was ich ja schon weiß : daß ich sterben muß . Ich lag sonst so gern im Dunkeln . Erzähle , Klaudine , erzähle mir alles , ich meine , oft wird es nicht mehr sein , daß ich dir zuhören kann . Wie erging es dir , Dina ? Sprich ! « Klaudine meinte , sie müsse hinauseilen aus diesem reichen Zimmer mit seiner vergoldeten Decke und dem betäubenden Maiblumenduft , der vom Wintergarten herüberzog . » Mir geht es gut , Elisabeth , ich bin nur traurig , daß du leidest « , sagte sie und nahm zur Seite des Bettes Platz . » Klaudine « , begann die Kranke , » ich habe noch so vielerlei zu schreiben und zu ordnen , und wenn erst mein Vater hier ist und meine Schwestern – sie werden bald eintreffen – und wenn ich die Angst wieder bekomme , die erstickende Angst , dann ist es zu spät . Hilf mir ein wenig dabei . « » Elisabeth , du regst dich unnötig auf . « » Nein , o nein , ich bitte dich , Dina ! « Und sie wandte ihr abgemagertes Gesicht um und blickte das Mädchen mit den großen glänzenden Augen an , als wollte sie in das Herz der Freundin schauen . » Du bist eine so seltsame Braut , Klaudine « , begann sie nach einer Weile flüsternd , » und seltsam ist auch Euer Brautstand . Er dort , du da . Klaudine , gestehe , es war ein frommes Opfer von dir , als du an jenem gräßlichen Tage deine Hand verschenktest ! Sprich , Klaudine , du liebst ihn nicht ? « Mit wahrhaft verzehrender Angst hingen ihre Blicke an dem nassen Antlitz des Mädchens . » Elisabeth « , sagte dieses nach einer Pause und legte die Hände auf ihre Brust . » Ich liebe Lothar , ich habe ihn geliebt , als ich noch nicht wußte , was Liebe ist , als halbes Kind habe ich ihn schon geliebt ! « Die Herzogin schwieg , aber sie atmete rasch . » Glaubst du mir nicht , Elisabeth ? « fragte Klaudine leise . » Ja , ich glaube dir , Dina . Aber liebt er dich ? Sage , liebt er dich auch ? « flüsterte die Herzogin . Sie senkte die Wimper . » Ich weiß es nicht « , stammelte sie . » Und wenn du wüßtest , er liebt dich nicht , würdest du trotzdem sein Weib werden wollen ? « » Nein , Elisabeth ! « » Und du würdest dich nie entschließen können , einem anderen deine Hand zu schenken , der dich unsäglich liebt ? « Das schöne Mädchen saß wie ein Steinbild , ohne zu antworten . » Klaudine , weißt du , weshalb ich gekommen bin ? « fragte die Herzogin leidenschaftlich erregt . » Um mit der letzten Lebenskraft demjenigen , der mir am teuersten ist auf dieser Welt , ein heißersehntes Glück zu retten . Als ich fortging nach Cannes « , sprach sie weiter , » da kämpfte noch meine törichte Schwachheit , mein verwundetes eitles Herz mit der besseren Einsicht . Klaudine , der Herzog liebt dich – mich hat er nie geliebt . Er liebt dich mit aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit , deren sein edles Herz fähig ist . Ich habe während der Jahre unserer Ehe in jedem Zuge seines Gesichts lesen gelernt – er liebt dich , Dina ! Und er wird dich nie vergessen . Sitze nicht so stumm da , um Gottes willen , antworte ! « » Du irrst dich ! « rief Klaudine angstvoll und streckte abwehrend ihre Hand gegen die Herzogin aus . » Du irrst dich , Seine Hoheit liebt mich nicht mehr , es ist ein Wahn von dir ! Du darfst nicht über solche Hirngespinste grübeln , du durftest deshalb nicht kommen . « » O , glaubst du , Dina , daß man die Liebe auszieht wie ein Kleid ? « fragte die Herzogin bitter , » daß man sich vornehmen kann , etwa als wolle man einen Spaziergang machen : von heute ab wird nicht mehr geliebt – Punktum ? So ist das Herz nicht beschaffen . « Klaudine schwieg . » Ich werde mich nie verheiraten « , sagte sie dann leise und bestimmt , » wenn nicht beider Herzen sich einander zuneigen , nie ! Verzeihe , Elisabeth , ich darf dir keine trügerischen Versprechungen machen . Verfüge über alles , alles ! Über mein Leben , wenn es sein muß , nur verlange das nicht ! « Die Herzogin blickte mit weinenden Augen an Klaudine vorüber . Ein Weilchen blieb es ganz still im Gemach . » Armer Mann ! Ich hatte es mir so schön gedacht für dich « , sagte sie dann mehr zu sich selbst . » Es soll nicht sein ! « Und etwas lauter : » Welche Verwirrung – du liebst Lothar , und er – arme kleine Prinzessin ! « » Elisabeth ! « schrie Klaudine auf und ihre erblaßten Lippen zitterten . » Ich will ja sein Glück nicht hindern – was denkst du von mir ? Nie ! Nie ! Erweise mir eine Liebe « , fuhr sie hastig fort , » gib ihm in meinem Namen seine Freiheit zurück . Ich weiß , du sprichst mit ihm über diesen Punkt . « » Morgen « , sagte die Herzogin . » So gib ihm das ! « Sie zog heftig den Brautring von ihrem Finger . » Hier ist das Glück der Prinzessin , nimm es und laß mich meine eigenen Wege gehen , allein , fern von allem , was mich an ihn erinnert ! « Sie sprang empor und ging zur Tür hinüber . » Klaudine « , bat die Herzogin mit ihrer schwachen Stimme , und ihre kranken Hände umschlossen den Ring , » Dina , geh nicht so von mir ! Wer ist die Ärmere von uns beiden ? Hilf mir lieber , daß noch etwas Segen aus all dem werde . « Klaudine kam zurück . » Was soll ich noch tun ? « fragte sie geduldig . Die Herzogin bat um Wasser . Dann hieß sie Klaudine ein Kästchen bringen , öffnete dieses und reichte dem Mädchen ein Stück Papier . » Es ist ein Verzeichnis der kleinen Andenken , die ich nach meinem Tode verteilt wissen will . Bewahre es , es ist eine Abschrift , das Original hat der Herzog . « » Du sollst dich nicht so aufregen , Elisabeth . « » O , ich werde ruhiger sein , wenn alles geordnet ist , Dina . Lies noch einmal laut , ob ich auch nichts versäumte . Es soll niemand sagen : Sie vergaß mich ! « Mit bebender Stimme las Klaudine . Zuweilen machte ein Tränenflor ihren Augen die Schrift unleserlich , es war alles so zart ausgewählt , es zeugte jedes einzelne von einem so innigen tiefen Gemüt . » Meiner lieben Klaudine gehöre der Schleier aus Brüsseler Spitzen , den ich als Braut getragen – « Eine flammende Röte schlug über des Mädchens vergrämtes Gesicht . Sie wußte , was die Herzogin gemeint hatte . » Nimm es zurück , nimm es zurück ! « schluchzte sie und kniete am Bette nieder . » O wie schlimm ! O wie schlimm ! « sagte die Herzogin , » du und er – unglücklich . Ihr , meine beiden liebsten Menschen ! « Klaudine küßte die heißen Hände der Kranken und eilte hinaus . Der Schmerz tobte zu heftig in ihr . Im Wintergarten unter den Magnolien und Palmen weinte sie sich aus . Nach einigen Minuten war sie so weit gefaßt , daß sie ruhig » Gute Nacht ! « wünschen konnte . Als sie durch die seidenen Vorhänge hinüberspähte zu dem Bette , lag die Kranke anscheinend im Schlummer , einen gramvollen Zug um den Mund . Im Vorzimmer traf Klaudine den alten Medizinalrat , der sie freundlich begrüßte . » Ist es denn wirklich so nahe , das Ende ? « fragte das erschütterte Mädchen . Er reichte ihr zutraulich die Hand . » Solange noch Atem ist , gnädiges Fräulein , ist auch Hoffnung . Aber nach menschlichem Ermessen – Hoheit wird auslöschen wie ein Licht , wird eines Tages vor Erschöpfung einschlafen . « Klaudine deutete unwillkürlich nach ihrem Arme . » Herr Rat ? « » Ach , gnädiges Fräulein « , sagte der alte Mann gerührt , » das hilft nicht mehr . Hier ist es vorbei , hier ! « Und er deutete auf die Brust . » Ich will noch zum Herzog , um von dem Befinden Ihrer Hoheit Nachricht zu bringen « , sprach er leise , indem er neben der jungen Dame den Flur entlang ging . » Seine Hoheit hat übrigens gleich eine sehr unerfreuliche Überraschung hier vorgefunden . Sie wissen doch schon ? Palmer ist verschwunden und hat eine große Unordnung hinterlassen . « » Er fuhr die vergangene Nacht nach Frankfurt « , sagte Klaudine betroffen , » er wollte vermutlich den Herrschaften entgegenreisen . Ich sah ihn auf dem Bahnhof in Wehrburg . « » Dieser Schuft « , murmelte der alte Herr , » er ist längst jenseits der Grenze . Entgegengefahren ? Wer hat Ihnen das vorgefabelt , gnädiges Fräulein ? « » Ich hörte , wie er zu Frau von Berg davon sprach . « Klaudine stand still , das ganze merkwürdige Erlebnis wurde ihr plötzlich klar . » Die passen füreinander « , lachte der Arzt , » ich will es aber doch beiläufig Seiner Hoheit erzählen . Da werden wir morgen die Nachricht erhalten , daß auch die Gnädige verreist ist , mit Hinterlassung von allerhand merkwürdigen Sachen . Man soll nicht schadenfroh sein , aber Ihrer Durchlaucht gönnte ich es . Sie hat auf eine wunderbare Art die Dame beschützt . Gute Nacht , gnädiges Fräulein ! « Es war so . Am anderen Morgen erfuhr man im Schlosse , daß Frau von Berg plötzlich verschwunden sei . Sie hatte nichts weiter hinterlassen als ein Päckchen Briefe , an die Herzogin gerichtet , und einen Brief an Seine Hoheit . Aber der Schutzengel , der an der Schwelle des Krankenzimmers in Gestalt der Frau von Katzenstein Wache hielt , ahnte sofort , daß der Inhalt des Päckchens nicht geeignet sei für Ihre Hoheit , sie übergab es daher sogleich dem Herzog . Die alte Dame kam in dem Augenblick , als Seine Hoheit mit der Zornader auf der Stirn einen Haufen Papiere durchstöberte . Der Polizeidirektor war ebenfalls anwesend . Der Herzog mochte glauben , Frau von Katzenstein bringe ihm Nachrichten von Ihrer Hoheit . Statt dessen reichte ihm die alte Dame nun ernsthaft ein mit himmelblauem Seidenbande umwundenes Päckchen Briefe hin , dessen oberster , unverkennbar von der Handschrift Seiner Hoheit , die Adresse der Frau von Berg trug . Der Herzog ward blaß . » Und das sollte man Ihrer Hoheit übergeben ? « fragte er und sah schier fassungslos die Zeugen einer lustigen Junggesellenzeit an , von damals , wo man so gern abends bei Herrn und Frau von Berg saß und in dem blauen , koketten Gemach der schönen Frau Whist spielte . Dieses Weib , das niemals in einem Raume mit der Frau , deren Lebenszeit nur noch Tage zählte , hätte atmen dürfen , dieses Weib wagte es , noch an den Frieden des Sterbebettes zu rühren ? » Ich danke Ihnen , gnädige Frau ! « sagte der Herzog erschüttert . Und er nahm die Briefe und warf sie in den Kamin , und jene anderen Papiere warf er ebenfalls nach . Unwillkürlich wischte er sich hinterher die Finger an dem Batisttuch . » Lassen Sie den Schuft laufen , Herr von Schmidt « , sagte er dann verächtlich und machte eine liebenswürdig verabschiedende Bewegung zu dem Polizeidirektor . Der Herzog ging , nachdem jener sich entfernt hatte , sehr erregt im Zimmer auf und ab . Einer der Briefe , ein kleines Kärtchen , war da vor dem Kamin liegen geblieben . Der Herzog bemerkte es erst nach einer Weile und hob es auf . Es war Herrn von Palmers wohlbekannte Handschrift . » Gestern abend « , las er , » habe ich der schönen Klaudine ein Briefchen des Herzogs überreichen müssen . Ich stahl es ihr , als ich ihr beim Einsteigen half . Anbei übergebe ich Ihrem großartigen erfinderischen Sinn das wertvolle Blättchen zu beliebiger Verwendung . Nun , mein Schätzchen wird die Mine so geschickt zu legen wissen , daß die kluge , uns beiden so freundlich gesinnte Dame in die Luft fliegt – « » Also Palmer auch hierin schuldig ! « Er lächelte bitter und dachte an das heißblütige , dunkeläugige Geschöpfchen , dem man die Zündschnur zu dieser Mine in die Hand gab . Die Mine war explodiert , das erste Opfer lag da drüben , und die Verbrecher waren entkommen . Dieser schlaue Mensch hatte sich wenigstens vorgesehen , hatte es verstanden mit lächelnder Natürlichkeit zu betrügen . Es war kein Bediensteter unter dem gesamten Personal des Hofhaltes , der nicht rückständigen Lohn zu fordern hatte , kein Hoflieferant , welcher Art es sei , der seit zwei Jahren einen Pfennig bekommen hätte . Im herzoglichen Rentamt drängten sich die Leute mit Forderungen , nachdem die Flucht Palmers bekannt geworden war . Die in Geldsachen sehr peinliche Herzoginmutter war darüber empört , einen Landauer zum zweiten Male bezahlen zu müssen , und ertrug dennoch nur mit Mühe den Gedanken , daß sie in eben diesem Wagen ganz ruhig an dem Hause des Fabrikanten vorübergefahren sei , der so oft untertänige Mahnbriefe an Palmer geschickt hatte . Klaudine erfuhr dies alles durch die Zofe , es erregte kaum flüchtig ihr Interesse . Sie dachte nur an das , was das Heute ihr bringen würde , an die Entscheidung ihres Schicksals . Die Nachrichten über das Befinden der Herzogin lauteten nicht schlechter , sie hatte einige Stunden geschlafen , aber noch nicht die Gegenwart der Freundin gewünscht . Klaudine stand am Fenster und sah hinaus in den grauen Novemberhimmel . Es schneite noch immer , so düster lag die Welt vor ihren Blicken , so tot . Eine dunkle Röte überzog plötzlich ihr Antlitz – ein Wagen rollte in den Hof und hielt vor dem Tor des Flügels , den die Herzogin bewohnte . Da ihr Zimmer in dem Mittelbau lag , in dem die Prachträume sich befanden , konnte sie deutlich sehen , wer dem Wagen entstieg und das Schloß betrat . Er war es . Eben verschwand Lothars hohe Gestalt hinter den spiegelnden Glasscheiben der inneren Tür . Er kam , Ihrer Hoheit die Antwort zu bringen ! Sie mußte sich fest aufstützen , so stürmte es auf ihre Seele ein . Was wollte der törichte Hoffnungsstrahl noch immer in ihrer gequälten Seele ? Er liebte sie nicht , nein , nein ! Einmal , einmal hatte ihr Herz töricht in Wonne geklopft , das war in jener dunklen Sommernacht , als er dahergeritten kam , um nach ihrem Fenster zu lauschen – einen Augenblick , einen einzigen süßen , herzverwirrenden Augenblick . Aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuße . Sie wandte sich vom Fenster weg und ging zu dem Tische , auf dem noch das Frühstück stand . Sie ergriff die winzige Karaffe , mit Sherry gefüllt , und goß sich ein halbes Glas ein . Sie liebte diesen Wein sonst nicht , sie fühlte sich nur so erbarmungswert schwach in diesem Augenblick . Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie das Glas hinsetzen , noch ehe sie ausgetrunken . » Herein ! « sagte sie so tonlos , daß der Außenstehende es unmöglich hören konnte , aber Frau von Katzenstein öffnete trotzdem die Tür und kam freundlichernst über die Schwelle . Sie hielt ein Körbchen , mit weißem Seidenpapier verdeckt , in der Hand . » Meine liebe Gerold « , sagte sie herzlich , » Ihre Hoheit beauftragt mich soeben , Ihnen dieses zu überreichen . « Sie stellte den Korb auf einen Seitentisch und trat Klaudine näher . » Die Herzogin erwartet Sie in einer halben Stunde « « , fügte sie hinzu und drückte dem Mädchen die Hand . » Verzeihen Sie nur , wenn ich nicht