die seine an . „ Sie wissen , daß Sie mit mir umgehen können , wie mit einem Spielzeug “ , sagte Herbert und machte den schüchternen Versuch , seine verkrümmten Beine in eine bequemere Stellung zu bringen . „ Aber treiben sie es nicht zu weit — “ „ O hat der Herr Professor Lust , sich aufs hohe Pferd zu setzen ? “ „ Das nicht , nur auf einen höheren Stuhl “ , schal ­ tete Herbert unwillkürlich ein . „ Nun , so nehmen Sie dies Tabouret , trockener Deutscher , der keinen Sinn hat für orientalischen Komfort . So — ist es nun gut ? Also hören Sie . Wenn Sie Lust haben , sich auf ein hohes Pferd zu setzen , so sei es wenigstens das meine . Wie oft schon stellte ich Ihnen meinen Ali zur Verfügung — machen Sie mir nur ein einziges Mal den Spaß , Sie zu Pferde zu sehen . Wollen Sie ? Ach — es müßte köstlich sein ! “ „ Ich danke Ihnen , ich tue alles für Sie , was Sie wünschen , ich gehe für Sie in den Tod , — aber Ihnen Gelegenheit geben , mich auszulachen , — das ist zu viel verlangt . “ „ Nun denn , so führen Sie mich einmal Arm in Arm über die Straße ! — O — das erschrockene Ge ­ sicht des ehrsamen Herrn ! In den Tod wollen Sie für mich gehen — aber nicht mit mir über die Straße ? Seht doch , seht , welch ein prächtiger Held für eine Tragödie . Schweigen Sie , ich weiß Alles , was Sie sagen wollen und können : Frau , — Schwester , — Basen , — Tanten , — guter Ruf , — angesteller Professor , — es könnte , nach den Worten der Schrift , ein groß ’ Geschrei über das Volk kommen ! Alle Kaffee- und Teetassen der Stadt N * * * würden davon wiederklingen , daß Professor Herbert mit einer Emanzipierten über die Straße ging ! — Aber das ist nicht gegen den Anstand , im Halbdunkel zu mir zu schleichen , meine Finger- und Fußspitzen zu küssen und später in Gesellschaft die Achseln über mich zu zucken ! Schämen Sie sich , Herbert — Sie sind ein feiger Wicht , der zu nichts gut ist , als den Messager d ’ amour49 zwischen mir und Möllner zu machen . “ „ Gräfin “ , drohte Herbert , „ bringen Sie mich nicht aufs Äußerste — oder Sie werden es bereuen . Sie kennen meine Leidenschaft für Sie , wissen , daß ich Alles tue für einen einzigen Kuß dieser Lippen , — aber Sie lassen mich am Quell verdursten , am ge ­ deckten Tisch verhungern und Spott und Tadel sind mein Lohn ; das ist eine Behandlung , die kein Mensch erträgt ! “ „ Nun denn — point d ' argent , point de Suisse ! “ 50 rief die Gräfin , „ für jede gute Botschaft , die Sie mir von Möllner bringen — sollen Sie einen Kuß haben . Ich setzte diesem Manne zu lieb eine Schlange an meinen Busen , warum sollte ich mich nicht von einem deutschen Philister wie Sie küssen lassen ? 51 — Aber vorher müssen Sie noch erst alle Qualen verschmähter Liebe durchkosten , damit Sie sich um so mehr beeilen , den meinen ein Ende zu machen ! “ „ Gräfin , das ist eine schlimme Aussicht für mich , denn ich glaube schwerlich , daß ich Ihnen jemals eine gute Botschaft bringen werde . Alles , was ich tun kann , ist , daß ich Ihnen überhaupt Botschaft bringe , und wenn Sie mir eine schlechte nicht eben so lohnen wie eine gute , so sollen Sie von mir gar nichts mehr erfahren und können sich einen andern Vertrauten suchen . “ Er machte Miene aufzustehen , doch sie hielt ihn bei der Hand und sah ihn mit ihren großen blitzenden Augen bittend an . „ Herbert ! “ Diesem Blick und dem Ton , mit dem sie das eine Wort sagte , konnte der unglückliche Professor nicht widerstehen . Er sank neben ihrem Löwenschemel nieder und drückte die Lippen auf die Perlen und Flitter ihres gestickten Pantoffels . „ Sehen Sie wohl , daß Sie nicht so schlimm sind , wie Sie mich glauben machen wollen ? “ sagte sie mit einem verächtlichen Lächeln , welches er zum Glück nicht sah , auf ihn herabblickend . „ Haben Sie Erbarmen mit mir “ , stöhnte er . „ Ich bin grenzenlos elend . Zu Hause nichts als Jammer und Klagen . Eine durch Krankheit entstellte , zerrüttete Frau , die meiner ästhetischen Natur Widerwillen ein ­ flößt und mich , wenn ich bei tausend geschäftlichen Unannehmlichkeiten Trost brauche , noch mehr nieder ­ beugt . Dazu Unbill aller Art , Verkennung meines Talentes , Mißerfolg bei Allem , was ich ergreife — und nun dieser Kontrast , wenn ich Abends zu Ihnen komme ! Das Schönste , das Begehrenswerteste , das die Erde bieten kann , liegt hier vor meinen Blicken , aber die Wonne , die mich bei seinem Anschauen durchströmt , ist ein schleichendes Gift , das mich verzehrt , denn nichts , nichts von all der Herrlichkeit ist mein , ich stehe wie ein Knabe vor dem Weihnachtstisch , der einem andern aufgebaut ward , ich bin nur da , um die Lichter am Baume anzuzünden , damit der Andere sehe , was ihm beschert ist , und wenn ich ihn glücklich herbeigebracht habe , den Spröden , Widerspenstigen , daß er Besitz ergreife von seinem Reichtum — dann — dann muß ich leer von hinnen gehen , — o das ist fürchterlich ! “ Er grub sein Gesicht in die Mähne des Löwen und die zuckende Bewegung seiner Schultern verriet , daß er weinte . Die Gräfin sah mit dem Mitleid , das wir einer verbrannten Mücke weihen , auf ihn nieder . Sie hatte , wenn es gegangen wäre , den Fuß gehoben und ihn aus Erbarmen tot getreten , wie man es tut , um die Leiden solch eines armen Tieres abzukürzen , doch da dies eben hier unmöglich war und sie den kleinen Mann überdies noch brauchte , richtete sie ihn gnädig auf und setzte ihn wieder neben sich auf die Polster . „ Sie sollen auch nicht leer ausgehen , Bester , ich habe Ihnen schon einmal gesagt , daß ich Sie zum reichen Mann machen will . Wenn Sie mir diesen Möllner zu ­ führen , wird Ihnen mein Banquier , so lang ich lebe — “ „ Gräfin “ , rief Herbert außer sich , „ gehen Sie in Ihrer Verachtung nicht zu weit ! Ich bin tief gesunken , daß ich markte und feilsche und Ihnen meine Hilfe in dieser Sache verkaufe um einen Kuß . Auf einer einzigen Liebkosung von Ihnen steht mein Leben , denn ich verdurste nach diesen Lippen — sie zu berühren , ist der Gedanke , was sage ich , der Wahnsinn , der mich Nachts aus dem Schlafe peitscht , der mich bei Tage im Kolleg mitten in meinem Vortrag stocken läßt , der mir den Hals zuschnürt , wenn ich den Bissen , der mich nähren soll , genießen will . — Ein einziger Kuß von Ihnen ist mehr Seligkeit als solch ein armer ‚ Wicht ‘ , wie ich beanspruchen darf , — aber so tief bin ich nicht gesunken , daß ich mich bezahlen ließe wie einen Kuppler und wenn Sie mich auch sehr gering schätzen , so sollten Sie wenigstens den Stand des deutschen Gelehrten höher achten , welchem ich die Ehre habe anzugehören . “ Die Gräfin schwieg ein wenig , betroffen über diese Lektion . Doch dauert eine solche Verlegenheit nur einen Moment bei einer Frau , die sich der Macht bewußt ist , die tiefste Beleidigung durch ein Lächeln wieder gut zu machen . „ Kommen Sie her ! Vergeben Sie mir ! Ich habe gefehlt , aber ich bereue . “ „ O Göttin meines Lebens “ , rief Herbert und ergriff ihre dargebotene Hand , sie inbrünstig an seine Brust drückend . „ Vergeben — Ihnen vergeben ! Mit wie vielen Schmerzen und Wunden wollte ich mir wieder und wieder die Wonne einer solchen Abbitte erkaufen . Das Einzige , was ich Ihnen nicht verzeihe , ist , daß ein Weib , wie Sie , gerade diesen Möll ­ ner liebt ! “ „ Wirklich ? Und warum ? “ „ Weil ich ihn Ihrer nicht würdig finde . O , sehen Sie , wenn Sie sich einem Könige oder Kaiser dahingäben , ich würde es ertragen ohne Murren . Die gekrönten Häupter besitzen stets das Kostbarste , was die Erde hat — wie könnte ich fordern , was nur Könige zu erwerben vermögen ! Aber daß es Einer meinesgleichen ist , der Sie besitzen soll , Einer , der kein Vorrecht der Geburt , der Bildung , des Gei ­ stes , nichts , nichts vor mir voraus hat , als eine Mannheit , die er mit jedem Tierbändiger teilt — das wird mich noch wahnsinnig machen ! “ Eine dunkle Röte überzog die Stirn der schönen Frau . „ Ich habe mir selbst keine Rechenschaft darüber gegeben , warum ich diesen Möllner liebe , — ich gebe mir nie Rechenschaft über meine Empfindungen , wenn sie zur Leidenschaft werden , denn jede Leidenschaft trägt ihre göttliche Beglaubigung in sich . Sie aber bringen mich jetzt erst darauf , was mich denn eigentlich an diesem Möllner so entzückte und Sie sprechen es aus . Ja ! es ist nichts Anderes , als das Höchste , was wir an einem Menschen bewundern können : edle , echte Männlichkeit . Mich dünkt , in einem Dichter gelesen zu haben : ‚ Nehmt Alles nur in Allem , er war ein Mann ! ‘ 52 Dieser aber ist noch mehr und zwar , was mir in meinem ganzen Leben noch nicht begegnete , er ist ein tugendhafter Mann . Dies , mein guter , kleiner Professor , ist sein Reiz und sein Vorzug , ist der Reichtum , den kein Monarch vor ihm voraus hat , um zu erkaufen , was diesem Möllner von nun an gehört : mein Herz ! — O es kann keine köstlichere Blume im Garten des Paradieses gegeben haben , als die Tugend dieses reinen Gottesmenschen , die ich hier zu pflücken hoffe . Es ist die Wonne der Eva , als sie den ersten Kuß auf die Lippen des ersten Menschen drückte und ihn zum erstenmale erröten sah ! “ Die schöne , glühende Frau , mehr zu sich selbst , als zu dem armen Gefolterten an ihrer Seite sprechend , legte sich in das Sofa zurück und rief mit einem schwellenden Atemzuge : „ O welch ein göttliches Amt für ein Weib , einen Mann wie diesen zu lehren , was Glückseligkeit ist ! “ Herbert dachte einen Augenblick nach . Er hatte in dieser Sache falsches Spiel gespielt und in der stillen Hoffnung , Johannes für seine Schwester zu gewinnen , bei diesem nie etwas zu Gunsten der schönen Frau getan . Er hatte sie mit falschen Berichten hingehalten , getäuscht , um so lange wie möglich als ihr Vertrauter in ihrer Nähe zu bleiben und sich an den Abfällen ihres Interesses für seinen Kollegen zu laben . Jetzt war Alles zusammengestürzt , was er gehofft und gewünscht . Möllner liebte diese Hartwich , für Elsa war er verloren , so wollte er sich wenigstens durch die Gräfin an der verhaßten Nebenbuhlerin seiner Schwester rächen ; der siegreiche Reiz der Worronska sollte ihr Möllner entreißen und ihm das Einzige sichern , was in diesem Schiffbruch zu retten war : den Dank der Gräfin . Endlich begann er nach schwerem Kampfe : „ Ich muß Ihnen eine Mitteilung machen , die Sie in Zorn versetzen wird , die ich Ihnen aber als Ihr Freund nicht vorenthalten darf . “ „ Nun ? “ fragte die Amazone und zündete sich eine neue Zigarre an . „ Ich habe entdeckt , daß Möllner liebt . “ Die Gräfin fuhr auf und blickte Herbert wie träumend an . Der eben eingezogene Rauch der frischen Zigarre quoll in Wolken aus ihrem halbgeöffneten Munde und gab ihr das Ansehen eines schönen feuer ­ speienden Dämons . „ Wen liebt er ? “ frug sie , während ihre flammen ­ den Augen den Namen von Herberts Lippen saugen wollten , noch ehe er ihn aussprechen konnte . „ Haben Sie je von einer Gelehrten namens Hartwich gehört ? “ „ Ja , ja , sie ist auch eine Emanzipierte . “ „ Ja , jedoch in ganz anderer Art als Sie , Grä ­ fin “ , berichtigte Herbert , sich voll Schadenfreude an den Qualen der stolzen Frau weidend . „ Sie sind nur zu Ihrem Vergnügen emanzipiert , jene ist es aus Grundsatz . Eine raffinierte Person , die Möllner durch ihren Geist imponiert . “ „ Nun — und diese ist es ? “ rief sie , vor Unge ­ duld den weichen Teppich stampfend , daß der Staub aufflog . „ Diese liebt er ! “ Zum ersten Mal sprang die Gräfin von ihrem Ruheplatz und stand hoch emporgerichtet in ihrer ganzen Majestät vor Herbert . Ihr goldgesticktes türki ­ sches Hauskleid hing in schweren Falten an ihr nieder . Ihre dunklen Haare fielen aufgelöst auf ihre Schul ­ tern . Das Flimmern und Funkeln ihrer langen Diamant-Ohrringe verriet das leise Zittern , das ihren Körper überflog . Die niedere antike Stirn mit den kühn geschwungenen Brauen , der halb geöffnete Mund mit der pfeilförmigen Oberlippe , der breite , kräftige Hals , die gewaltige und doch so vollendet schöne Gestalt — Alles erinnerte an eine Niobe , nur daß der Affekt , welcher sie soeben beherrschte , mehr Zorn als Schmerz war . „ Ist es wahr — wirklich wahr ? Ich will Alles hören . “ Herbert erzählte , was er selbst erlebt und er ­ fahren hatte . Die Gräfin schwieg einige Minuten , wie erstarrt von Überraschung — dann murmelte sie kurze und abgebrochene Worte vor sich hin , die Herbert nicht verstand , endlich schwoll ihr Groll so weit , über ihre Lippen , daß er bis an Herberts Ohr drang . „ Man muß Alles zum ersten Mal erleben — es ist das erste Mal , daß ein Mann , dem ich mich ge ­ nähert , eine Andere liebte . “ Sie schritt im Zimmer auf und nieder , daß die Lichter in den Ampeln flacker ­ ten , wo sie vorüberkam . Ihre Zigarre warf sie in den Kamin . „ Das muß mir begegnen ! Mir ! O , verwünscht sei der Tag , wo es dem Grafen einfiel , hierher zu reisen , um Heilung zu suchen ! Dafür ver ­ brachte ich nun seit seinem Tode die Flitterwochen meiner Witwenschaft in diesem Neste , abgeschieden von allen Herrlichkeiten der Welt , züchtig verschämt , hoffend und harrend wie eine Braut , keine Gesell ­ schaft um mich , als meine Pferde , meine Hunde und — Sie ! Dafür , dafür — um mir die Lehre zu holen , daß es einen Mann gibt , der mir widerstehen kann . Wahrlich , das war der Mühe wert ! “ Sie schlug sich vor die Stirn . „ O wär ’ ich damals nicht in jene Vorlesung gegangen , dann hätte ich ihn vielleicht nie gesehen . Wär ’ ich weggeblieben ! Was kümmern mich Physiologie und Anatomie oder wie das Zeug heißt . Ich hörte , dieser Möllner sei ein so schöner Mann , da trieb mich die Neugier hin . Ich Törin , daß ich mir einbildete , er habe mich in jener Vorlesung gesehen und bewundert , wie ich ihn “ , — sie blieb stehen und versank unwillkürlich in die Erinnerung : „ Gott im Himmel , war dieser Mensch schön an jenem Abend ! Diese Stirn , dieses Haar und dieses Auge — ein Jupiterkopf . Ich fühlte mich erröten , wie ein sechzehnjähriges Mädchen , wenn mich ein Strahl dieses Auges traf . Und diese Würde , diese Haltung ! Und diese Sprache mit dem tiefen Glockenton ! Ich verstand nicht , was er sagte , aber es war auch nicht nötig , seine Stimme war eine Melodie , der man mit Entzücken lauscht auch ohne Worte ! Sein Vortrag eine Symphonie — nein schöner als diese , denn in der Symphonie hören wir nur , — hier aber sahen wir auch ; die Bewegungen seiner Lippen beim Sprechen sind unnachahmlich und wenn er lächelt , welche Zähne ! “ Sie hielt inne . Ihre Lippen zuckten , ihre Wangen glühten . Es war ihr eine Wollust , endlich einmal ihr Herz auszuschütten , unbekümmert um das , was ihr Zuhörer dabei empfand . „ Und ist seine Stimme schon so hinreißend , wenn er von den trockensten Dingen redet , wie muß sie erst klingen , wenn seine Seele darin überfließt ! “ Sie bedeckte mit der Hand die Augen und lehnte sich über ­ wältigt an den Sockel des Farnesischen Stiers . Herbert saß regungslos stumm , wie ein Gefolter ­ ter , seine Schmerzen schnürten ihm die Kehle zu . „ Ich habe keinen Mann mehr eines Blickes ge ­ würdigt , seit ich ihn sah , sie haben mich Alle ange ­ widert . Ich war ihm treu ohne Schwur , ohne Pflicht , ohne Recht . Ich habe , seit ich ihn liebe , zum ersten Male empfunden , was der Moralist eine sittliche Regung nennen würde . Denn ein Weib , das zum ersten Male wahrhaft liebt , wird zur Jungfrau — sei sie sechszehn oder dreißig Jahre alt . Ich war Frau , bevor ich zur Jungfrau gereift war , jetzt holte mein Herz den versäumten Frühling nach , jetzt erst , unter dem zauberhaften Einfluß dieses Mannes , sproßte die im Keime erstickte Mädchenblüte wieder auf . — O , was wäre ich ihm gewesen ! Ich , mit der Erfahrung des gereiften Weibes , mit der Glut eines eben erst erwachten Herzens ! Und nun verschmäht ! Ich , die Monarchen umbuhlten , verschmäht von einem ein ­ fachen deutschen Gelehrten ! O das tut wehe , wehe ! “ Und sie hob ihre schönen Arme auf und verhüllte damit wieder ihr Gesicht . Herbert nahte ihr schüchtern , mit seinen zitternden Fingerspitzen ihre Schulter berührend . „ Ach , daß ich Sie trösten könnte ! “ Sie zuckte bei dieser Berührung zusammen , als sei ein Insekt an ihr emporgekrochen . „ Welchen Trost könnten Sie mir geben , als die Wohltat , mich bei Ihnen auszusprechen ? “ Sie trat von ihm weg und ging wieder ruhelos wie eine Löwin im Käfig auf und nieder . „ Ich Törin , ich Törin ! Wie konnte ich glauben , es sei Interesse für mich , als er meinen Gatten bitten ließ , seiner Operation beiwohnen zu dürfen . Es war ein häßliches Geschwür , was ihn herzog und ich dachte , er käme um meinetwillen ! Pfui , pfui ! Ich wohnte ihm zu Liebe der fürchterlichen Prozedur bei und er hatte nur Augen für den Kranken , mich , mich , die daneben stand , sah er nicht ! Ist dies ein Mensch , ist es ein Teufel ? “ „ O nein “ , unterbrach sie Herbert hämisch , „ es ist nur ein — deutscher Gelehrter . “ „ Und als ich endlich ohnmächtig hinsank , welch ein Arm fing mich da auf — ein Arm so eisern , als könnte er mich zerdrücken , und so weich , so weich , wie der einer Mutter . Wie ein Kind trug er mich aus dem Zimmer . Ich durchlebte alle Wonnen , ich hielt den Atem an , um nicht aus diesem schönen Traume erwachen zu müssen . Da ließ er mich auf einen Diwan nieder und sagte mit eisiger Ruhe : „ Gnädige Gräfin , gestatten Sie , daß ich Ihr Kam ­ mermädchen rufe , ich muß wieder zur Operation . “ Die Beschämung trieb mir das Blut in die Wangen . Einen Augenblick haßte ich ihn , aber als er das Zimmer verlassen und sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte , da verehrte ich ihn wie einen Heiligen . Ich wollte ihm nacheilen , seine Knie umfassen , seine Hände mit Tränen netzen , wie eine Büßende . Doch ich bezwang mich . Ich fühlte plötzlich , daß dieser reine Geist nichts lieben könne , was er nicht achten durfte , daß ich mir zuerst seine Achtung erringen müsse , bevor ich auf seine Liebe hoffen dürfe . Ich beschloß , ein neues Leben zu beginnen , beschloß , mit meiner ganzen Vergangenheit zu brechen . Denn für die Liebe dieses Mannes war mir kein Opfer zu schwer , kein Preis zu hoch — und ich säete Entsagung , um Freude zu ernten . Närrin , die ich war , jetzt ernte ich den Lohn der Tugend ! “ Ein bitteres Lachen brach aus ihrer gepreßten Brust hervor und gleich darauf folgte ein heftiger , erleichternder Tränenstrom . Sie warf sich ungestüm auf den Rücken des Löwen und bot Herbert , ohne es zu wissen , das lebende Bild einer Ariadne.53 „ Schönes , schönstes Weib ! “ murmelte Herbert , trunken von ihrem Anblick . „ Ist es denn nicht eine Verkehrteit der Natur , daß solch ein Weib um ver ­ schmähte Liebe klagt ? Verdient ein Mensch , der diesem Reize widerstehen konnte , den Titel : Mann ? Nein , sicher nicht . Er ist ein überspannter Pedant , der Typus deutschen Philistertums und hätte ihm nicht die blind schaffende Natur aus Ironie einen schönen Kopf und eine Athletengestalt verliehen — es flösse keine Träne einer Gräfin Worronska um ihn ! “ „ Herbert , schelten Sie ihn nicht , ich verbiete es Ihnen ! Sie wissen nicht , wie groß ihn mir gerade das erscheinen läßt , daß er den Mut , die Kaltblütig ­ keit besitzt , meine Schönheit zu verachten , als könnte er wählen unter Göttinnen , als versammelte dieses Nest hier einen Olymp um ihn , anstatt einer Anzahl häßlicher , blöder Kleinstädterinnen . Welch ein stolzes Bild muß seine Phantasie sich geschaffen haben , daß ich nicht den Kampf mit ihm aufnehmen durfte , — denn , als er mich kennen lernte , war sein Herz noch frei , — damals kannte er jene Hartwich noch nicht . O , mit welch kaltem Wohlgefallen betrachtete er mich , als ich das erste Mal vor ihm stand . Er dachte nicht , daß ich schön , nur daß ich korrekt gebaut sei , — er sah mich nicht mit dem Auge des Ästhetikers , nur mit dem des Anatomen , er dachte sich meine Gestalt nicht in seinen Armen , — sondern unter sei ­ nem Seziermesser ! So war es und so blieb es . Wie oft er auch nach der Operation meinen Gemahl , der Gefallen an ihm gefunden , besuchte , — ich erfuhr nie etwas Anderes , als das strengste Zeremoniell von ihm . Immer dieselbe milde , aber unnahbare Ruhe , dies gleichmütige Anschauen , wie man ein schönes Bild , aber nicht ein Weib von Fleisch und Blut , betrachtet . Das hat etwas Gewaltiges — etwas Überwältigendes für eine Frau , die alle Männer , welche ihr nahten , zu ihren Füßen sah . “ — Sie versank in ein finsteres Brüten . Endlich ergriff sie Herberts Hände . „ Herbert , sagen Sie mir , was ist es für ein Weib , das diesem Manne genügte ? Muß ich mich jeden Kampfes gegen sie begeben ? Ist alle — alle Hoffnung dahin ? “ Herbert , von der Berührung ihrer Hände wie elektrisiert , hauchte kaum hörbar : „ Werden Sie mir einen einzigen Kuß gewähren , wenn ich Ihnen einen sicheren Weg zeige , die Hartwich in Möllners Augen zu vernichten ? “ Eine schwüle Pause entstand . „ Es ist der einzige Preis , sonst schweige ich ! “ „ Nun denn — ja ! “ rief die Gräfin gequält , aufs Äußerste gebracht und bot ihm den schönen Mund dar . Herbert näherte sich ihr mit dem Ausdruck eines Schakals , der sich auf seine Beute stürzt , durstig , bebend vor Entzücken . Da überwältigte der Ekel die stolze Frau und mit einem gewaltigen Wurf schleu ­ derte sie den kleinen Mann weit von sich , daß er zu Boden stürzte . Sie erschrak , sie konnte sich nun Alles bei ihm verdorben haben . Sie ging zu ihm hin und reichte ihm die Hand : „ Stehen Sie auf und ver ­ zeihen Sie mir . “ Herbert stand geisterhaft bleich mit eingesunkenen , starren Augen da und suchte seinen von dem Sturz verdorbenen Anzug zu ordnen . Er wischte sich mit seinem weißen Tuche den kalten Schweiß von der Stirne und holte , ohne ein Wort zu sprechen , wan ­ kenden Schrittes seinen Hut . Beklommen schaute die Gräfin seinem Beginnen zu . „ Herbert “ , sagte sie mit erzwungenem Lächeln , „ sind Sie böse , daß ich Sie so unsanft behandelt ? “ „ O nein ! “ erwiderte er mit hohlem , heiseren Tone . Sie reichte ihm die Hand , die er nicht ergriff . „ Rechnen Sie mir jene unfreundliche Aufwallung nicht an , ich — ich bin zu tief verwundet , ich weiß nicht mehr , was ich tue ! “ Herbert schwieg . Es war , als schüttle ihn ein Frost . Sein Aussehen , sein Blick erschreckte die Gräfin mehr und mehr . „ Nicht wahr , nun werden Sie sich rächen und mir das Mittel nicht nennen , womit ich die Hartwich vernichten könnte ? “ „ O , warum sollte ich nicht ? “ stammelte Herbert mit zitternden bläulichen Lippen . „ Ich halte stets , was ich verspreche . “ Seine Augen richteten sich durch ­ bohrend auf die Gräfin : „ Machen Sie die Hartwich zu Ihrer Freundin , dann wird sie für Möllner ein Gegenstand des Abscheues sein ! “ Die Gräfin zuckte zusammen , ein furchtbarer Blick traf Herbert , ein Blitz tödlichen Hasses kreuzte ihn . Jetzt standen sie sich als Todfeinde gegenüber , der weibische Mann und das männliche Weib , sie hatte ihn bis in das Mark verwundet , — aber Herbert hatte den letzten empfindlichsten Streich geführt und leise , wesenlos , wie das Gespenst eines Abgeschiedenen , glitt er aus dem Zimmer . Als die Gräfin allein war , sank sie , wie gebrochen , in die Knie . „ Das ist die Rache der beleidigten Moral ! O Sitte ! heimtückische Heuchlerin ! Ungewarnt ließest du mich dir entschlüpfen , ungestraft ließest du mich sündigen und nun , wo ich reuig zu dir zurückkehren will , nun weisest du mich von dir und rufst mir dein unbarmherziges ‚ Zu spät ! ‘ entgegen . Zu spät , die Schiffe sind hinter mir verbrannt und mir bleibt nichts als vorwärts zu eilen auf meiner Bahn — oder Buße ! Buße ? “ — Sie wand sich verzweiflungsvoll auf ihren Knien . „ Nein , o Gott , habe Geduld , dazu bin ich doch noch zu jung und schön ! “ Siebentes Kapitel Emanzipation des Geistes Hoch oben auf der Plattform ihrer Sternwarte , umfächelt von dem reinen Atem der Nacht , umflossen von dem Glanz der Gestirne stand Ernestine und harrte des aufsteigenden Mondes . Auf ihrer ernsten Stirn lag die Weihe , in ihrem jungfräulichen Busen der Friede des Gedankens . Der heiße Brodem der Leidenschaft , welcher tief unten im Menschengewühl sich um ihren Namen wie Gewitterwolken zusammenzog , der Gifthauch des Mundes , der ihn nannte , um ihn zu verunstalten , drang nicht hinauf zu ihrer Höhe . Ahnungslos , von keiner niederen Regung angefochten , in vestalenhafter Keuschheit stand sie da , körperlich nur wenige Spannen über der Erde — geistig um Welten von ihr entfernt . Feierlich langsam stieg die leuchtende Mondesscheibe am Horizont empor . Einsam und still glitt sie dahin in ihrer milden Pracht . Viele Tausende kleiner Monde mochten jetzt auf Erden in den Fernröhren der Forscher schimmern in tausendfacher Verschiedenheit und dennoch immer nur Bilder des Einen , Einzigen , der da oben durch den Äther zog . Ernestine hatte kein Fernglas . Was sie heute suchte , zeigte ihr kein irdisches Schauen , nur in der eigenen Brust konnte sie es finden . Nicht das Einzelne , das Ganze drängte es sie zu erfassen ; diesem Drange genügte nicht ein einzelner Sinn , alle Kräfte der Seele nimmt er harmonisch in Anspruch . Und wie sie so voll träumerischer Inbrunst emporstarrte , da war es , als verweile der Mond in seinem Lauf , um sich in diesen Augen zu spiegeln ! Daß wir nicht sterben können , wann und wie wir wollen , — daß wir die Seele nicht aushauchen können in einem einzigen Atemzug ! Schöner , seliger wäre nie ein Mensch dahingegangen als Ernestine , da sie in den tiefen Seufzer der Sehnsucht nach der Unendlichkeit dem Vorüberziehenden nachsandte . Ein großes , unaussprechliches Glück wallte von dem funkelnden Nachthimmel auf sie nieder . Das war ihre Feierstunde , ihre Erlösung aus den Fesseln der Mühe und Arbeit , wenn sie sich allein fand , allein unter dem gestirnten Himmel , die einzige Wachende von so vielen Schlafenden , die einzige Denkende von so vielen