seine verschiedenen Versicherungen auf [ 295 ] Ehrenwort , daß er die Wahrheit sage , flogen wie Funken vor den Ohren der Frau Rat umher . Nie , nie habe er geahnt , daß ein Mädchen ihn so bezaubern könne , gestand er . Frau Rat konnte , ohne ihn abzukühlen , die Zurückhaltende spielen sie sagte , Aenne sei ganz arm . „ Zu Tode will ich mich schinden für sie ! “ schwur er . Und sie habe auch so eigene Ideen , der Herr Doktor wisse ja wohl , daß sie nur der Mutter zuliebe ihre Künstlerlaufbahn aufgegeben habe , die ihr Großes verheißen . Jawohl , das wisse er , und es sei gar nicht seine Absicht , das schöne Geschöpf zu seiner Haushälterin zu machen , und so ganz arm sei er doch schließlich auch nicht , sein Vater habe ein Gut in der besten Lage der Magdeburger Börde , nichts als Weizenboden – prima ! Aenne könne allein ihren Neigungen leben , er werde sich nur nach ihr richten . „ Lieber Herr Doktor , Sie wissen , wie ich Sie schätze , “ sagte Frau Rat gerührt , „ an mir soll ’ s nicht fehlen – versuchen Sie Ihr Glück bei Aenne ! “ Er stand still und putzte den Kneifer wieder , und die runden , kurzsichtigen Augen sahen wie hilfesuchend umher . „ Ja , verehrte Frau Rat , das ist eben eine verfluchte – pardon – eine schwierige Geschichte “ , stotterte er – „ Fräulein Aenne versteht mich – glaube ich – absichtlich nicht . Ich – Sie können denken , ein Korb ist kein angenehmes Ereignis im Leben eines Mannes , und ich möchte , bevor ich eine Erklärung riskiere , Gewißheit haben , erhört zu werden . Ich hatte zu hoffen gewagt , daß Sie , verehrte Frau Rat , als Mutter doch einigen Einfluß – Sie kennen den Wunsch , das Streben meines Lebens , in Ihre Hände lege ich mein Geschick – sprechen Sie mit Fräulein Aenne , erbarmen Sie sich über einen Menschen , dem , hol ’ s der Kuckuck – die Angst vor einem Abfall den Mut nimmt , selbst eine Entscheidung herbeizuführen aber bald , thun Sie es bald ! “ „ Haben Sie vorhin denn nicht von Ihren Wünschen zu Aenne gesprochen , Herr Doktor ? “ „ Massenhaft ! “ antwortete er . „ Aber , ich bemerkte schon , sie will nicht verstehen . “ „ Ich werde mit ihr sprechen , “ erklärte Frau Rat . Als sie in das Schlafzimmer trat , das sie mit Aenne teilte – Frau Rat behauptete , vor Angst sterben zu müssen , wenn sie allein schlafe – erhob sich Tante Emilie von dem Stuhl , auf dem sie an Aennes Bette gesessen , und legte den Finger an die Lippen . „ Eben ist sie eingeschlafen , wecke sie nicht auf ! “ Und Frau Rat beugte sich über ihr Kind und erkannte beim Schein des Mondes , daß Aenne geweint hatte . Sie hat ihn doch wohl verstanden , dachte sie und ging so leise schlafen , daß Aenne , wenn sie wirklich geschlafen hätte , thatsächlich nicht aufgewacht sein würde . Und dann schlief die alte Dame ein und träumte von Brautschleiern , Myrten und weißem Atlas – ach , wenn ’ s doch May noch miterleben könnte ! Einmal in der Nacht aber erwachte sie und sah Aenne aufrecht an Bette sitzen , die Arme um die Kniee geschlungen , starrte das Mädchen in das Dämmern des kleinen Gemachs , unbeweglich , als sei sie aus Stein gehauen . Eine Weile beobachtete die Mutter ihr Kind , dann meinte sie , die Stunde sei vielleicht gekommen , wo eine Aussprache möglich sei . Aber bei der leisesten Bewegung , die sie machte , legte Aenne sich zurück . „ Aenne ! “ sagte halblaut Frau Rat , aber sie erhielt keine Antwort . Sie kann ihre dumme Singerei nicht aus dem Kopfe bringen , dachte die Mutter , man darf nicht zu früh reden . Frau Rat schlief endlich auch wieder ein , und als sie früh erwachte , schlug es fünf Uhr . Ihr erster Blick ging hinüber zu Aennes Lagerstatt – sie war leer . „ Es ist die Möglichkeit , “ seufzte die alte Dame , „ sie wird alle Tage wunderlicher , was ist das für ein närrisches Mädchen ! Wenn ich ’ s nicht aus der Aehnlichkeit mit der Mayschen Sippe wüßte , ich könnte meinen , Zigeuner hätten mir das Kind vertauscht . “ Die Nacht würde Aenne nie vergessen , solange sie lebte , das wußte sie genau . Viel Schweres hatte sie durchgemacht in ihrem jungen Leben , sie hatte es ertragen , daß der Mann , den sie liebte und von dem sie sich geliebt glaubte , urplötzlich sich von ihr abwandte , einer andern zu , die er noch tags zuvor verspottet hatte . Sie war mit ihrem tief verletzten Herzen , ihrem gekränkten Stolz , ihrem Trotz in eines andern Arme geflüchtet und hatte mit Entsetzen alle die Konsequenzen über sich ergehen lassen , die dieser verzweifelte Schritt mit sich brachte . Sie hatte es ertragen müssen , einen guten Menschen , der sie liebte , gekränkt und unglücklich zu sehen – ihretwegen , weil sie ihm ihr Wort nicht halten konnte , sie hatte die Kämpfe mit ihren Eltern bestanden um ihrer Selbständigkeit willen , um ihre Kunst , sie hatte den Vater verloren und ihren Beruf , der sie hinweg hob über die Misere des Lebens , der Mutter zuliebe aufgegeben , sie hatte sich gegrämt um den Mann , den sie unglücklich wußte , aber die Kunde von ihm , die ihr gestern geworden , das war das allerschwerste ! Mit vollen Flammen schlug ihre alte heiße Liebe für ihn , den sie nie vergessen konnte , wieder empor , und nichts weiter als das eine beherrschte sie : er darf nicht untergehen , er darf nicht , Heinz Kerkow , der Gespiele ihrer Kinderzeit , ihre erste , einzige Liebe , der frische , lustige Mensch – es kann nicht sein , es darf nicht sein ! Sie rief ihren alten Trotz zu Hilfe gegen das , was sie fortreißen wollte , was sie hintrieb zu ihm . – Was geht ’ s dich an ? Er hat dich mit Füßen getreten , dich und die Liebe ! Es half nichts . – Er darf nicht so enden , er darf nicht , man muß ihn retten – aber wie ? Und immer deutlicher , immer bewußter ward es : du kannst es , du mußt es ! Geh ’ zu ihm , rede ihn an mit dem alten treuen , kameradschaftlichen Ton der Vergangenheit ! Und wieder bäumte sich ihr trotziges Herz auf . Nein ! Nein ! Er könnte ja denken , ich wollte aufs neue um seine Liebe betteln , denn er ist jetzt frei.- Nein , lieber tot ! – Aber es ließ ihr keine Ruhe . Geh ’ zu ihm , er braucht eines Freundes Hand ! Wenn ein Wildfremder am Rande eines Abgrundes ginge , ohne die Gefahr zu kennen , du würdest ihn zurückreißen , Aenne , und den Mann , dem doch deine ganze Seele gehört , den willst du verkommen lassen ? Aber , er kann dich ja suchen ! sagte das trotzige Herz . Nein , nein ! Du weißt ja , er ist krank , er ist wie eine Pflanze , der ein Wurm an der Wurzel nagt , nicht mehr fähig , einen frischen Trieb zu treiben , einen rettenden Gedanken zu fassen . Er kann nicht mehr handeln – handle du ! Mein Gott , aber wie denn ? Schreiben ? Der Doktor hatte ihr erzählt , Heinz öffne die Briefe gar nicht mehr , die er bekomme , ausgenommen etwa die dienstlichen Schreiben . – Nein , sie muß ihn sehen , ihm in den Weg treten , muß zu ihm sprechen ! Was denn aber ? Das wußte sie noch nicht . Der Zufall würde ihr helfen , irgend ein Wort würde sie finden , das ihm zu Herzen geht , gar nicht ’ mal viele brauchten es zu sein ! Tatsächlich schlief sie nicht einen Augenblick in dieser Nacht , und als der Tag anbrach , stahl sie sich aus dem Schlafzimmer und lief in den Garten . Er lag schon im vollsten Sonnenschein und der Tau funkelte auf allen Blättern und Gräsern . Sie vergaß ganz , daß sie im Morgenanzug war , einem alten , schwarz und weiß gemusterten Kattunkleidchen , dessen Rock ein klein wenig zu kurz geworden , und dessen Bluse mit dem Matrosenkragen ihrer prächtigen Gestalt ein wenig kindlich ließ . Sie hatte nur flüchtig die Haare geordnet , sie hingen ihr in zwei schweren Flechten herunter , wie Aenne sie zu jener Zeit noch gern trug , als sie mit Heinz und Tante Emilie ihre Waldspaziergänge machte . Unter dem Kate- Greenaway-Hut , der auch ein altes Inventarstück war , guckten ihre Augen ins Leere hinaus , auf ihrem Gesicht wechselten Röte und Blässe , und ihre Füße wandelten längst außerhalb des Gartens den Waldweg hinter der Domäne entlang , der zum Luisenschlößchen führte . Dort stand die Frau Försterin schon vor der Thür und sah ihr ganz verwundert entgegen . „ Hätt ’ Sie beinahe gar nicht erkannt , Fräulein May ! “ rief sie , „ das kleidet Sie ja wie ein Backfischchen ! Schönen guten Morgen ! Wollen Sie so zeitig schon singen ? “ Aenne stutzte . „ Ja ! “ sagte sie dann nach kurzem Besinnen , „ wenn ’ s nicht stört , Frau Försterin ? “ „ I Gott bewahre ! Mein Mann ist längst im Walde , und meine alte . Schwiegermutter – sie ist zwar krank , aber sie hört ’ s nicht , die ist stocktaub . Und Aenne eilte zu ihrem Klavier , und wenn ’ s auch nur Uebungen waren , die Töne beruhigten sie wie ein betäubendes , schmerzlinderndes Mittel . Sie hatte schon eine ganze Weile gespielt , da klopfte es und die junge Förstersfrau trat ein . „ Jetzt kommt der Herr Schloßhauptmann mit seinem Jungen [ 296 ] über den Platz , “ meldete sie wichtig , „ der Kleine trinkt hier Ziegenmilch . Wollt ’ s Ihnen nur sagen , Fräulein gelt – es stört Sie doch nicht ? Dieses Zimmer betreten sie wohl kaum . “ Aenne stand hastig auf ; sie fühlte ihr Herz bis in den Hals empor schlagen . „ Doch , “ stieß sie hervor , „ es stört mich ! Kann ich noch fortgehen , ohne – – ? “ „ Da sind sie schon ! “ flüsterte die Frau . „ Bleiben Sie nur ruhig hier , Fräulein , lange halten sie sich ja nicht auf . Wenn der Kleine seine Milch getrunken hat , fahren sie weiter in den Wald . „ Lassen Sie niemand hier herein ! “ forderte Aenne . „ Nein doch ! Nein doch ! “ beruhigte die Försterin , ganz verwundert das junge , so blaß gewordene Mädchen betrachtend . Und als jetzt eine schwache Kinderstimme ihren Namen rief , sprang sie zur Thür , schlüpfte hinaus und Aenne hörte , wie der Schlüssel von außen herumgedreht und abgezogen wurde . Zitternd saß das Mädchen vor dem Klavier und horchte auf jedes Wort , das von draußen zu ihr hereinscholl . „ Treten Sie gefälligst in unser Wohnzimmer , Herr Schloßhauptmann , in der guten Stube ist gescheuert , noch ganz naß die Dielen , und draußen zieht ’ s ein wenig , der Wind kommt von Osten , “ sagte die Försterin . Jetzt wurde das Wägelchen fortgeschoben , und nun waren sie nebenan , von Aenne nur durch eine dünne Thür geschieden , vor welche man allerdings einen Vertikow gestellt hatte , der dem Klavier hatte weichen müssen . Aber als sei es in derselben Stube mit ihr , so deutlich klang jedes Wort der redseligen Frau in Aennes Ohr . Unbeweglich verharrte das Mädchen , und dabei befiel sie in der unmittelbaren Nähe des Mannes , um dessen trostloses Geschick sie während der letzten Nacht nicht die Augen geschlossen , zu dessen Rettung sie Plan auf Plan entworfen hatte , ein Gefühl der lähmendsten Niedergeschlagenheit . Plötzlich zuckte sie empor – das war seine Stimme gewesen ! Sie that ihr beinahe körperlich weh , und sie griff unwillkürlich nach dem Herzen . „ Will ’ s denn gar nicht schmecken heut ’ , Heini ? Bitte , trinke , mein Liebling ! “ „ Ich kann heute nicht , Papa , ich bin so satt und der Kopf thut mir weh ! “ „ Und hast noch nichts genossen heute “ , sprach jetzt Heinz wieder . „ Quälen Sie ihn doch nicht , Herr Schloßhauptmann , “ wandte die Förstersfrau mitleidig ein . Dann hörte Aenne rasche Schritte durch den Flur kommen ein energisches Klopfen an die Thür nebenan , und die wohlbekannte schneidige Stimme des Doktor Lehmann scholl herüber . , Servus , junge Frau ! Ach , und da sind ja auch die Herrschaften vom Schloß – Morgen , Herr von Kerkow ! Morgen , mein Kleiner ! Na , wie schaut ’ s aus ? Das lobe ich mir , da kann ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen , muß ohnehin über Land ! Zur geehrten Schwiegermutter komme ich also nachher , Frau Försterin , und jetzt dürfen Sie uns ruhig etwas verlassen meine Beste . Setzen Sie der alten Frau unterdes eine frische Haube auf und öffnen Sie die Fenster , ich liebe es , wenn meine Patienten möglichst hübsch aussehen und in guter , reiner Luft atmen . Unter hellem Auflachen schien die also Aufgeforderte das Zimmer zu verlassen , denn die Thür ging und ein Weilchen war es totenstill nebenan . Dann wieder des Doktors Stimme , der in den Flur hinaus rief : „ He ! Junge Frau , holen Sie ’ mal den kleinen Mann hier und fahren Sie ihn ein wenig auf und ab vor dem Hause ! Und kaum war das Rollen des Wägelchens verklungen auf den Steinfliesen des Flurs , als die laute Stimme des Arztes schon wieder erklang : „ Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen , Herr von Kerkow , daß das Kind sich in den letzten Tagen erheblich verändert hat . Es geht so nicht länger , der Knabe muß in andere Lebensbedingungen – – fahren Sie nicht so auf , mein Herr ! Ich weiß ja , daß Sie alles mögliche thun für die Pflege des Kleinen , aber in der Atmosphäre von Resignation , in der Sie so langsam absterben , muß das zarte Kind bald vergehen . Mich aber interessiert das Kerlchen – als Arzt , wissen Sie – und ich möchte Ihnen daher den Vorschlag machen – vertrauen Sie ihn mir einmal an auf ein paar Monate – - wie beliebt ? “ Heinz hatte irgend etwas gemurmelt . „ Allerdings – ’ ne Frau habe ich nicht , nein , das ist richtig ! Die haben Sie aber auch nicht , Herr von Kerkow . Mein Vorzug liegt eben darin , daß ich Arzt bin , daß solche Krankheitsfälle mein besonderes Interesse von jeher erweckt haben , und daß ich auch einigermaßen in der Lage war , Erfahrungen zu sammeln über die Behandlung derartiger Leiden . In unserem Stadtkrankenhause , zum Beispiel , bin ich längere Zeit der ordinierende Arzt der Kinderstation gewesen , und übrigens würde ich auch selbstredend für weibliche Hilfe sorgen . Schwester Viktoria ist eine vorzügliche Pflegerin . Und dann vergessen Sie nicht , daß ich im Mayschen Hause wohne , Verehrter und daß sich die Frau Medizinalrätin brennend für meinen Plan interessiert , der darin besteht , daß ich in nicht zu ferner Zeit eine Heilanstalt für rhachitische Kinder zu errichten gedenke . Endlich giebt es da noch ein gewisses Fräulein May , das sich gestern erst mit wahrhaft himmlischem Mitleid nach dem Kinde erkundigte , ich bin überzeugt , sie würde manche Stunde für den armen kleinen Kerl übrig haben , denn das Mädchen hat das Herz auf dem rechten Fleck , ist überhaupt – alle Donnerwetter , aber das gehört nicht hierher , ich meine nur – – “ Aenne hatte sich erhoben , sie stand zitternd mit vorgeneigtem Kopfe , in den Augen ein glückliches Leuchten . Der liebe Gott selbst schien ihr Vorhaben fördern zu wollen . „ Ich danke Ihnen , “ scholl da Heinz Kerkows Stimme , „ ich falle nicht gern Fremden zur Last , und außerdem wüßte ich thatsächlich nicht , wie Fräulein May dazu kommen sollte , sich um das elende fremde Wurm zu kümmern “ . „ Wie sie dazu kommen sollte ? Herr , wie kommt denn überhaupt der eine Mensch dazu , dem andern zu helfen ? Weil ’ s drin liegt im Menschenherzen , weil so ein goldenes Gemüt wie dem Mädel seins gar nicht anders handeln kann – verstehen Sie ? “ schrie der Doktor ärgerlich . „ Aber wie Sie wollen Verehrtester , wie Sie wollen ! Es ist Ihr Junge , lassen Sie ihn in Gottes Namen zu Grunde gehen – ich hab ’ s gut gemeint ! ’ n Morgen , Herr von Kerkow ! “ Nun eilende Schritte , ein hastiges Thürschlagen , draußen das Rufen nach der Frau Försterin , und dann ward es still . Aenne war wieder auf den Stuhl zurückgesunken , das Gesicht erblaßt , die Hände im Schoß gefaltet . Diese Worte von Heinz , diese paar Worte , mit der schneidenden , hochmütigen Betonung gesprochen , hatten sie getroffen wie ein kalter Strahl , hatten all den Trotz in ihr wachgerüttelt , den Liebe und Mitleid zur Ruhe geschmeichelt in ihrem Herzen . Wer so sprechen kann , hat nie geliebt , und sie , sie war drauf und dran gewesen , sich einer schroffen Zurückweisung auszusetzen in ihrer grenzenlos opfermütigen Liebe für ihn und sein Kind . Ihr Kopf bog sich plötzlich in den Nacken zurück – Thörin Närrin , die sie war ! Sie klappte den Deckel des Instrumentes zu , nahm ihren Hut und drückte auf die Klinke . Ach , man hatte sie ja eingeschlossen . Sie runzelte die Stirn und blickte ungeduldig im Zimmer umher . Klopfen wollte sie nicht , sie wußte nicht genau , ob der Herr Schloßhauptmann von Kerkow vielleicht noch im Zimmer nebenan saß . Aber sie wäre für ihr Leben gern aus diesem Hause geflohen . Da fiel ihr Blick auf das offene Fenster . Mit einem anmutigen Schwung saß sie plötzlich auf der Fensterbank und ließ ihre schlanke Gestalt ins Freie gleiten , es war ja ein so niedriges Parterre . Hochatmend stand sie unter den Tannen , mit einem kleinen Umweg durch den Wald konnte sie ungesehen entwischen . Aber Aenne hatte vergessen , daß dieser Pfad wieder in den breiten Gang einmündete , der direkt zum Luisenschlößchen führte , und so prallte sie beim Hinaustreten aus seinem tiefen Blätterschatten plötzlich mit dem Herrn Doktor Lehmann zusammen , der seinen Stock im Kreise schwingend , den Hut im Nacken , eilig daherkam , dessen ärgerlicher Gesichtsausdruck aber bei dem Anblick des geliebten Mädchens dem verklärtesten Lächeln wich . „ Alle Hagel – Fräulein Aenne ! “ stammelte er , den Strohhut schwenkend , „ das muß ein schöner Tag werden , wenn einem schon in aller Herrgottsfrühe so etwas in den Weg läuft – Gestatten doch , daß ich mit Ihnen gehe ? Muß nämlich jetzt nach Hause , Sprechstunde fängt an , und leben will der Mensch auch , das heißt – Kaffeetrinken . Haben Sie schon gefrühstückt ? “ „ Nein ! “ antwortetet das junge Mädchen kurz . „ Thun wir ’ s zusammen in Ihrem Garten ? “ bettelte er . „ Herrgott , das wär eine Idee ! Wie ist ’ s denn , thut der Kopf [ 297 ] 500px Am Himmelfahrtstage in der Erlöserkirche zu Moskau . Nach einer Originalzeichnung von E. Limmer . [ 298 ] noch weh ? Haben Sie gut geschlafen ? Hat Ihre Frau Mutter schon mit Ihnen – ich wollte sagen , haben Sie Ihre Frau Mutter schon gesprochen ? “ verbesserte er sich , rot werdend . „ Ich schlief ’ gestern abend schon , als sie kam , und sie heute früh noch , als ich ging , Herr Doktor . “ „ So , so ! Sie wollte Ihnen etwas erzählen , glaube ich , stotterte er . Na , das braucht aber nicht gleich heute früh zu sein , erst frühstücken wir zusammen und , Fräulein Aenne , wenn meine Sprechstunde vorbei ist , sagen Sie mir vielleicht – – “ Sie blickte ihn halb verwundert , halb zerstreut an . „ Was denn ? ... “ „ Ich meine , wie Ihnen das gefallen hat – die Geschichte , das Märchen – das – was Ihre Mutter Ihnen erzählen will – “ Sie hörte ohne Interesse auf seine Worte , sie antwortete auch nicht , sie dachte schon wieder an die bitteren Worte von Heinz Kerkow . Und genau so zerstreut schritt sie ihm voran in die Hausthür und bot der am Fenster entzückt aufschauenden Rätin einen Guten Morgen . Ja , ganz entzückt war die Frau Rat , weil sie die beiden so zusammen hatte kommen sehen . Die Aenne mit der hohen Röte innerer Scham auf dem Antlitz schien ihr so bräutlich , so selig , und nun wollte gar der Doktor im Garten frühstücken mit der Aenne – es konnte nicht anders sein , sie waren einig , die beiden , gottlob , sie waren einig ! Aber die erregte Frau hatte den Mut nicht , sich Gewißheit zu verschaffen . Sie lugte nur hinter den Gardinen hervor auf das junge Paar und beobachtete die Augen des Doktors , die nicht von dem jungen Mädchen ließen . Das saß abgewandt , in halber Verlegenheit und warf den Hühnern Brocken zu über den Drahtzaun hinüber . Als der Doktor sich erhob , um sein Sprechzimmer aufzusuchen – es wartete bereits ein Häuflein Patienten – da litt es die Mutter nicht länger , sie nahm die Schüssel Spinat und ein Messer und setzte sich zu Aenne , und mit zitternden Fingern die Blätter verlesend , begann sie . „ Du , Aenne – - “ Das Mädchen fuhr herum wie eine , die aus dem Schlaf erwacht . „ Was willst du , Mutter ? “ „ Ich – der Rätin stockte plötzlich der Atem . „ Ach , du wirst ’ s wohl schon wissen , du Schlaukopf – gelt ? “ „ Was denn , Mutter ? “ „ Hat dir der Doktor nichts gesagt ? “ Aenne mußte sich erst besinnen „ Ach so – ja – du wollest mir etwas erzählen . Was ist ’ s denn ? “ „ Weiter hat er dir keine Andeutung gemacht ? “ Aenne schüttelte den Kopf . Die Rätin seufzte . „ So sind nun die Männer , “ dachte sie . „ Wenn ich man bloß wüßte , wie ich es anfangen sollte , die Sache so zur Sprache zu bringen , daß es Aennes Herz rührt . “ „ Er ist doch eigentlich eine Seele von einem Menschen , “ begann sie laut , „ der Doktor ! Was , Aenne ? “ „ Ich kenne ihn zu wenig , aber ich glaube , er ist wirklich ein guter Mensch , “ gab Aenne zu . Und plötzlich erinnerte sie sich , wie sie eben erst ein begeistertes Lob aus seinem Munde erlauscht hatte , und die Röte der Bestürzung stieg ihr purpurn in die Wangen . „ Warum wirst du denn so rot ? “ lachte die Rätin . „ Du ahnst wohl schon , was ich dir sagen soll ? Na , ich merk ’ s ja , du weißt , daß der arme Kerl bis über die Ohren in dich verschossen ist , und – - “ „ Aber , Mutter ! “ rief Aenne , doch ein Weiteres kam nicht über ihre Lippen , nur in die Augen drängte sich ein heißes Erschrecken über diese neue Werbung . „ Du mußt nicht scherzen mit solchen Dingen , Mutter , “ setzte sie stotternd hinzu . „ Da sei Gott vor ! “ rief die alte Dame eifrig und stolz . „ Es ist Wahrheit , Kind , so wahr wie ich hier vor dir sitze . Ich hab ’ s auch lange schon gemerkt , und gestern abend bat er mich , ich sollte für ihn sprechen bei dir , ihn macht so die Liebe rein zum blöden Jungen ! Nein , mein Aenneken , es ist wahr ! “ beteuerte sie nochmals , „ er will dich heiraten und – das hast du ja auch lange gemerkt schon , du Schlaukopf , du ! “ „ Und du hast ihm Hoffnung gemacht ? “ fragte das Mädchen und stand hochaufgerichtet vor der Mutter . „ Warum denn nicht ? Worauf sollen wir denn noch warten , Kind ? Denke doch nur – Vermögen , .. ein tüchtiger Arzt , die ganze Praxis des seligen Vaters hat er , und gut ist er dir , rein närrisch – ich dächte doch – – “ „ Mutter , “ stieß Aenne hervor , „ du durftest ihn nicht ermutigen , du hattest kein Recht dazu ! “ Frau Rat stellte die Schüssel hin und warf das Messer hinein . „ Ich kann mir doch nicht denken , daß du so , gelind gesagt , so unvernünftig bist , Aenne , “ stotterte sie . „ Komm ’ mal her und laß uns beide ein ruhiges Wort darüber reden “ und sie zog die Tochter an der Hand tiefer in den Garten , „ komm in die Laube da unten , dort hört uns niemand ! “ Aenne ließ sich ziehen aber sie zitterte am ganzen Körper . Nun war sie wieder mitten hinein geschleudert in den Kampf sollte er denn niemals enden ? Und nun drückte die Mutter sie auf die graugestrichene Lattenbank und blieb vor ihr stehen , mit mühsam zusammengehaltener Ruhe und Sanftmut . „ Bedenke doch , ich bin Witwe und du bist ein armes Mädchen , “ begann sie so leise und gütig , wie sie nie gesprochen . „ Es mag dich vielleicht keine übergroße Liebe zu ihm drängen , jedenfalls aber darfst du ihm deine Achtung nicht versagen ; du mußt seine Rechtschaffenheit und seinen Fleiß anerkennen , das ist gar nicht anders möglich . Du bist nun auch in dem Alter , wo man diese Eigenschaften zu schätzen weiß , denn was aus den vielgepriesenen Liebesheiraten wird , das kannst du recht deutlich an den Kerkows sehen . Der sogenannte Beruf eines Mädchens als Sängerin , als Lehrerin oder dergleichen ist ja doch eben nur ein Notbehelf für solche , die keinen Mann bekommen , und kurz und gut , liebes Kind , es wäre eine wahrhafte Sünde .. eine wahre Vermessenheit , wolltest du dies Glück nicht annehmen , denn wenn du da draußen auch wirklich ’ mal den Wind dir um die Nase hast wehen lassen – um zu ermessen , wie schwer das Leben ist für ein einsames Frauenzimmer , dazu hat dir , gottlob ! bis jetzt jede Gelegenheit gefehlt . Und nun begann sie zu schluchzen , und weil sie ihr Taschentuch vergessen hatte einzustecken , nahm sie den Schürzenzipfel vor die Augen . Ueber Aennes gesenktem Haupt ergoß sich dieser Redestrom mit niederschmetternder Gewalt , um so wirkungsvoller , als er in ungewöhnlich sanfter Weise zum Ausdruck gebracht wurde . Ach , und diesmal , fühlte sie , würde ihr die alte weinende Frau die Weigerung nicht wieder vergeben . Und sie m u ß t e sich doch wieder hineinstürzen in Sturm und Wetter , sie mußte Nein ! Sagen . Sie stand auf . „ Komm nur , Mutter , ich werde dem Doktor die Gründe meiner Weigerung selbst auseinandersetzen , will dir das Schwere nicht zumuten oder – ich schreibe ihm . “ „ Du willst nicht ? “ schrie die Rätin , alle Sanftmut über Bord werfend . „ Ich kann nicht , Mutter ! Sei gut , ich bitte dich ! Ich habe dich so sehr lieb , aber verlange nicht , daß ich unglücklich werde ! “ Mit diesen Worten schritt sie an der Mutter vorüber , und entschlossen , diese Angelegenheit so rasch als möglich zu Ende zu bringen , lenkte sie ihre Schritte direkt in des Doktors Vorzimmer . Als sie eintrat , saß dort nur noch ein altes Mütterchen aus den Bergen droben und wartete auf ihren „ Ollen “ , der zum Doktor gefahren war , weil er ’ s so arg auf der Brust hatte , wie sie Aenne mitteilungsbedürftig erzählte , und der „ Neue “ solle der „ ollen “ Müller-Lorenzen so gut auf die Beine geholfen haben , solle ein ganz Kluger sein , der würde jawohl auch ihren Gottlieb kurieren können . Dann endlich kam der „ Olle “ herausgehüstelt und des Doktors Auge traf auf Aenne , die mit ernstem blassen Gesicht neben dem Instrumentenschrank stand . Sein Herz hörte beinahe auf zu schlagen – das sah keiner bräutlichen Ergebung gleich , nicht dem Benehmen eines Mädchens , das liebt . „ Sie wollen mich sprechen ? “ stotterte er . „ Ja , Herr Doktor , aber lange soll ’ s nicht dauern ; ich weiß ja , Sie