war im Begriff unterzugehen . Da ich nicht in der Kälte und Dunkelheit sitzen mochte , so dachte ich , ich wollte mich angekleidet , wie ich war , auf mein Bett niederlegen . Ich verließ das Fenster und ging leise über den Fußteppich ; als ich mich niederbeugte , um meine Schuhe auszuziehen , wurde leise und vorsichtig an die Thür geklopft . „ Bedarf man meiner ? “ fragte ich . „ Sind Sie auf ? “ fragte die Stimme , die ich zu hören erwartete , nämlich die meines Herrn . „ Ja , Herr . “ „ Und angekleidet ? “ „ Ja . “ „ So kommen Sie schnell heraus . “ Ich gehorchte . Herr Rochester stand in der Gallerie und hielt ein Licht in der Hand . „ Ich bedarf Ihrer , “ sagte er ; „ kommen Sie hierher : nehmen Sie sich Zeit und machen kein Geräusch . “ Meine Schuhe waren leicht : ich konnte also so leise wie eine Katze über den bedeckten Fußboden gehen . Er schlich die Gallerie dahin , die Treppe hinauf , und blieb in dem dunklen und niedrigen Vorsaale des unheilvollen dritten Stockwerks stehen : ich war ihm gefolgt und stand an seiner Seite . „ Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zimmer ? “ fragte er leise . „ Ja . Herr . “ „ Haben Sie auch Salz — flüchtiges Salz ? “ „ Ja . “ „ So kehren Sie zurück und holen Beides . “ Ich kehrte zurück , suchte den Schwamm auf meinem Waschtische , das Salz in meiner Kommode und ging wieder durch die Gallerie und die Treppe hinauf . Er wartete noch , hielt einen Schlüssel in der Hand , näherte sich einer von den kleinen schwarzen Thüren , steckte ihn in das Schloß , hielt inne und redete mich wieder an . „ Sie werden doch nicht ohnmächtig , wenn Sie Blut sehen ? “ „ Ich denke nicht , ich habe es nie versucht . “ Ein Schauder durchbebte mich , als ich ihm antwortete , doch empfand ich keine Kälte und kein ohnmächtiges Gefühl . „ Reichen Sie mir Ihre Hand , “ sagte er ; „ eine Ohnmacht käme uns hier nicht gelegen . “ Ich legte meine Hand in die seinige . „ Warm und ruhig , “ war seine Bemerkung , und dann drehte er den Schlüssel um und öffnete die Thür . Ich sah ein Zimmer , welches ich schon früher gesehen zu haben mich erinnerte , als Mistreß Fairfax mir das Haus gezeigt . Es war mit gewirkten Tapeten behängt ; doch an einer Stelle waren die Tapeten jetzt zurückgeschlagen , und es zeigte sich eine Thür , die vorher verborgen gewesen . Diese Thür war offen , es schien ein Licht aus dem innern Zimmer hervor , und es kam ein knurrender , halb bellender Ton aus demselben hervor , fast ähnlich dem eines erzürnten Hundes . Herr Rochester setzte sein Licht nieder und sagte zu mir : „ Warten Sie eine Minute . “ Darauf trat er in das innere Zimmer . Ein lautes Gelächter begrüßte seinen Eintritt ; Anfangs war es lärmend und endete dann mit Gratia Poole ' s eigenthümlichem koboldähnlichen „ ha , ha ! “ Sie war also dort . Es machte irgend eine Anordnung , ohne zu sprechen , obgleich ich eine leise Stimme mit ihm reden hörte . Dann kam er heraus und machte die Thür hinter sich zu . „ Hier , Johanna ! “ sagte er , und ich ging zu der andern Seite des großen Bettes herum , welches mit seinen zugezogenen Vorhängen einen beträchtlichen Theil des Zimmers einnahm . Ein Lehnstuhl stand in der Nähe des Bettes : ein Mann saß darin , der angekleidet war und nur keinen Rock an hatte , er war still , hatte seinen Kopf zurückgelehnt und seine Augen geschlossen . Herr Rochester hielt das Liche über ihm und ich erkannte in seinem blassen und scheinbar leblosen Gesichte das des Herrn Mason . Ich sah auch , daß sein Hemd auf der einen Seite und an einem Aermel ganz mit Blut benetzt war . „ Halten Sie das Licht , “ sagte Herr Rochester , und ich nahm es . Er nahm eine Waschschale von dem Waschtische und sagte wieder : „ Halten Sie das . “ Ich gehorchte . Er nahm den Schwamm , tunkte ihn ein und benetzte das leichenähnliche Gesicht : er forderte mein Riechfläschchen und hielt es dem Fremden vor die Nase . Bald darauf öffnete Herr Mason die Augen und stöhnte . Herr Rochester öffnete das Hemd des Verwundeten , dessen Arm und Schulter verbunden waren , und wusch mit dem Schwamme das Blut ab , welches schnell heruntertröpfelte . „ Ist Gefahr vorhanden ? “ murmelte Herr Mason . „ O nein — er ist nur geritzt . Ermannen Sie sich , Herr ! ich will selber einen Wundarzt für Sie holen ich hoffe , Sie werden morgen im Stande sein , weggebracht zu werden . „ Johanna , “ fuhr er fort . „ Mein Herr ? “ „ Ich werde Sie eine oder auch zwei Stunden in diesem Zimmer mit dem Herrn allein lassen müssen ; waschen Sie das Blut mit dem Schwamme ab , wenn es wieder kommt . Wenn er ohnmächtig wird , so halten Sie ihm das Glas Wasser , welches dort auf dem Tische steht , an die Lippen , und Ihr Riechfläschchen vor die Nase . Sprechen Sie unter keiner Bedingung mit ihm — und Sie , Richard , wenn Sie mit ihr reden , so ist Ihr Leben in Gefahr : öffnen Sie Ihre Lippen — bewegen Sie sich — und ich stehe nicht für die Folgen . “ Wieder stöhnte der arme Mann , und es schien , als ob er sich nicht zu regen wagte : Furcht vor dem Tode oder vor irgend sonst etwas schien ihn fast zu lähmen . Herr Rochester gab mir den jetzt blutigen Schwamm in die Hand , und ich begann ihn anzuwenden , wie er gethan . Er beobachtete mich eine Sekunde und sagte dann : „ Vergessen Sie nicht , daß Sie nicht mit ihm sprechen dürfen . “ Nach diesen Worten verließ er das Zimmer , und es war ein seltsames Gefühl für mich , als der Schlüssel in dem Schloß sich drehte und ich das Geräusch seiner sich entfernenden Fußtritte nicht mehr hörte . Hier war ich also im dritten Stock , in eine von diese geheimnisßvollen Zellen eingeschlossen , Nacht um mich her , ein blasses und blutiges Schauspiel vor meinen Augen und unter meinen Händen ; eine Mörderin , nur durch eine einfache Thür von mir getrennt — ja , es war entsetzlich — das Uebrige konnte ich ertragen , aber ich schauderte bei dem Gedanken , daß Gratia Poole auf mich losstürzen könnte . Ich muste indeß auf meinem Posten bleiben . Ich musste dieses geisterhafte Gesicht ansehen — diese blauen , stillen Lippen , denen es verboten war , sich zu öffnen — diese bald geschlossenen , bald geöffneten Augen , die jetzt im Zimmer umherschweiften , jetzt sich auf mich richteten und stets Entsetzen ausdrückten . Ich mußte meine Hand wiederholt in das Becken voll Blut und Wasser tauchen , und das niedertröpfelnde Blut abwaschen . Ich mußte das Licht der ungeputzten Kerze bei meiner Beschäftigung dahinschwinden , den Schatten an der alterthümlichen , gewirkten Tapete und unter den Vorhängen des ungeheuren Bettes dunkler werden , und seltsam an den Thüren des großen , mir gegenüber befindlichen Schrankes beben sehen , dessen Vordertheil , in zwölf Flächen getheilt , in grimmigen Umrissen die Köpfe der zwölf Apostel enthielt , jeder von einem besondren Rahmen eingeschlossen , während sich über ihnen ein Kruzifix von Ebenholz und ein sterbender Christus erhoben . So wie die Dunkelheit wechselte , oder hier- und dahin en heller Schimmer fiel , runzelte bald der bärtige Lukas seine Stirn , bald wogte das lange Haar des Johannes , und bald trat das teuflische Gesicht des Judas aus seiner Fläche hervor , schien Leben annehmen und in untergeordneter Gestalt den Erzverräther selber darstellen zu wollen . Bei dem Allen war ich genöthigt , auf die Bewegungen des wilden Thieres oder Teufels in jener Nebenzelle zu horchen . Aber seit Herrn Rochester ' s Besuch schien dort ein Zauber zu wirken , denn die ganze Nacht hörte ich nur drei mal in langen Zwischenräumen ein Geräusch : einen krachenden Schritt , eine augenblickliche Erneuerung des hündischen Knurrens und einen tiefen menschlichen Seufzer . Dann quälten mich meine eigenen Gedanken . Welches Verbrechen lebte in diesem abgeschiedenen Hause und konnte von dem Besitzer weder vertrieben noch gebändigt werden ? Welches Geheimniß , das sich in tiefer Nacht bald in Feuer und bald in Blut zeigte ? — Welches Geschöpf war es , das , mit dem gewöhnlichen Gesicht und der Gestalt eines Weibes , bald die spottende Stimme eines Dämons und bald den Schrei eines wilden Raubvogels ausstieß ? Und dieser Mann , über den ich mich neigte — dieser gewöhnliche , ruhige Fremde — wie war er in das Gewebe des Entsetzens verwickelt worden ? Und warum hatte sich die Furie auf ihn losgestürzt ? Warum suchte er zu dieser ungelegenen Zeit diesen Theil des Hauses auf , da er in seinem Bette hätte liegen und schlafen sollen ? Ich hatte gehört , wie Herr Rochester ihm unten ein Zimmer angewiesen — was führte ihn denn hierher ? Und warum war er denn jetzt so zahm bei der Gewaltthätigkeit und Verrätherei , die man gegen ihn ausgeübt ? Warum unterwarf er sich so ruhig dem Schweigen , welches Herr Rochester ihm auferlegte ? Herrn Rochester ' s Gast war schwer verletzt worden , sein eigenes Leben war bei einer frühern Gelegenheit in große Gefahr gerathen , und beide Versuche wurden in Schweigen und Vergessenheit begraben ! Endlich sah ich , daß Herr Mason sehr unterwürfig gegen Herrn Rochester war , daß der ungestüme Wille des Letztern eine vollkommene Herrschaft über die Trägheit des Erstern ausübte ; davon überzeugten mich die wenigen Worte , die er zu ihm geredet . Es wurde deutlich , daß die passive Stimmung bei ihrem frühern Umgange stets durch den kräftigen Willen des Andern beherrscht worden : woher war denn Herrn Rochester ' s Schreck gekommen , als er von Herrn Mason ' s Ankunft gehört ? Warum war denn der Name dieser fügsamen Person — die sein bloßes Wort , wie ein Kind , beherrschte — noch vor wenigen Stunden , wie ein Donnerkeil eine Eiche trifft , auf ihn gefallen ? O ! ich konnte seinen Blick und seine Blässe nicht vergessen , als er flüsterte : „ Johanna , ich habe einen Schlag erhalten — ich habe einen Schlag erhalten , Johanna . “ Ich konnte nicht vergessen , wie der Arm gezittert , den er auf meine Schulter gestützt , und es konnte keine unbedeutende Sache sein , die den entschlossenen Geist und die kräftige Gestalt Fairfax Rochester ' s so hart treffen und erbeben machen konnte . „ Wann wird er kommen ? wann wird er kommen ? “ rief ich in meinem Innern , als die Nacht noch immer fortdauerte — als mein blutender Patient zusammensank , stöhnte und ohnmächtig wurde , und weder Tag noch Hülfe kam . Ich hatte wiederholt das Wasser zu Mason ' s bleichen Lippen erhoben ; ich hatte ihm wiederholt das belebende flüchtige Salz vorgehalten : meine Bemühungen schienen unwirksam . Entweder körperliches oder geistiges Leiden und Blutverlust , oder alle drei vereint , nahmen so schnell seine Kräfte hinweg . Er stöhnte so tief , er sah so schwach , wild und erschöpft aus , daß ich fürchtete , er werde sterben ; und ich durfte nicht einmal mit ihm reden ! Endlich brannte das Licht zu Ende und ging völlig aus . Jetzt bemerkte ich einige graue Lichtstreifen am Rande des Fenstervorhanges : der Morgen war also da . Gleich darauf hörte ich Pilot weit unten auf dem Hofe in seiner Hütte bellen . Die Hoffnung lebte wieder auf . Auch wurde sie nicht getäuscht , denn nach fünf Minuten drehte sich der Schlüssel im Schloß , die Thür ging auf , und meine Wache war beendet . Sie konnte nicht länger als zwei Stunden gewährt haben , aber manche Woche war mir kürzer erschienen . Herr Rochester trat ein und mit ihm der Wundarzt , den er herbeigeholt . „ Nun , Carter , gehen Sie rasch ans Werk , “ sagte er zu diesem , „ ich lasse Ihnen nur eine halbe Stunde Zeit , die Wunde zu verbinden , die Bandagen zu befestigen und den Patienten in sein Zimmer hinunterzubringen . “ „ Aber ist er im Stande von der Stelle bewegt zu werden , mein Herr ? “ „ Zweifeln Sie nicht daran , es ist nichts Ernsthaftes : er ist nervös , und seine Lebensgeister müssen gestärkt werden . Kommen Sie ans Werk . “ Herr Rochester zog den dichten Vorhang zurück , das Rouleau in die Höhe und ließ das Tageslicht herein . Ich war überrascht und erfreut , daß es schon so hell war , und rosige Streifen den Osten beleuchteten . Dann näherte er sich Mason , mit dem der Wundarzt schon beschäftigt war . „ Nun , mein guter Mann , wie steht es mit Ihnen ? “ fragte er . „ Ich fürchte , sie hat mir den Rest gegeben , “ war die matte Antwort . „ So weit ist es noch nicht — fassen Sie Muth ! In vierzehn Tagen wird es darum nicht schlimmer mit Ihnen stehen : Sie haben ein wenig Blut verloren , das ist Alles . Carter , ich versichere Ihnen , es ist keine Gefahr vorhanden . “ „ Ich werde thun , was ich kann , “ sagte Carter , der jetzt die Binden gelöst hatte ; „ nur wollte ich , ich wäre früher gekommen : dann würde er nicht so viel geblutet haben . Aber was ist dies ? Das Fleisch an der Schulter ist nicht nur zerschnitten , sondern auch zerrissen ? Diese Wunde ist nicht mit einem Messer , sondern mit den Zähnen verursacht . “ „ Sie biß mich , “ murmelte er . „ Sie zerriß mich wie eine Tigerin , als Rochester ihr das Messer aus den Händen nahm . “ „ Sie hätten nicht nachgeben , sondern gleich mit ihr ringen sollen , “ sagte Herr Rochester . „ Aber was konnte ich unter solchen Umständen thun ? “ entgegnete Mason . „ O ! es war schrecklich ! “ fügte er schaudernd hinzu . „ Und ich erwartete es nicht : sie sah anfangs so ruhig aus . “ „ Ich warnte Sie , “ war seines Freundes Antwort ; „ ich sagte : Sein Sie auf Ihrer Hut , wenn Sie in ihre Nähe kommen . Ueberdies hätten Sie bis morgen warten und mich mitnehmen können : es war Thorheit , in der Nacht und allein zu ihr zu gehen . “ „ Ich dachte , ich könnte etwas Gutes thun . “ „ Sie dachten ! Sie dachten ! Ja , es macht mich ungeduldig , Sie anzuhören ; aber Sie haben gelitten und werden wahrscheinlich noch mehr leiden , weil Sie meinen Rath nicht befolgten , darum will ich Nichts mehr sagen . Carter — schnell ! schnell ! die Sonne wird gleich aufgehen , und er muß weggebracht werden . “ „ Sogleich , Herr ; die Schulter ist schon verbunden . Ich muß jetzt nach der andern Wunde im Arme sehen : sie hat auch dort ihre Zähne angewendet , glaube ich . “ „ Sie sog das Blut aus und sagte , sie wolle mein Herz austrocknen , “ bemerkte Mason . Ich sah , wie Herr Rochester schauderte : ein eigenthümlicher Ausdruck des Ekels , Entsetzens und Hasses verzerrte sein Gesicht ; doch sagte er nur : „ Nun schweigen Sie , Richard , und denken Sie nicht mehr an ihr unsinniges Geschwätz : wiederholen Sie es nicht . “ „ Ich wollte , ich könnte es vergessen , “ war die Anwort . „ Sie werden es , wenn Sie aus dem Lande sind : wenn Sie Spanisch Town wieder erreicht haben , können Sie denken , als wäre sie todt und begraben — oder Sie dürfen nur gar nicht an sie denken . “ „ Es ist unmöglich , diese Nacht zu vergessen ! “ „ Es ist nicht unmöglich : haben Sie nur einigen Muth , Mann . Vor zwei Stunden meinten Sie noch , Sie wären so todt wie ein Häring , und jetzt find Sie doch lebendig und sprechen . So — Carter ist mit dem Verbinden fertig , oder doch beinahe ; wir wollen Sie im Augenblick hinunterbringen . Johanna , “ sagte er , indem er sich zum erstenmal nach seinem Wiedereintritt zu mir wendete , „ nehmen Sie diesen Schlüssel , treten Sie in mein Schlafzimmer , und geben gerade weiter in mein Ankleidezimmer ; öffnen Sie dort das oberste Fach in der Kommode , nehmen Sie ein reines Hemd und ein Halstuch heraus und bringen beides rasch hierher . “ Ich ging , suchte die erwähnte Kommode auf , fand die bezeichneten Gegenstände , und kehrte mit denselben zurück . „ Nun , “ sagte er , „ treten Sie auf die andere Seite des Bettes , während ich ihn umkleide , aber verlassen Sie das Zimmer nicht , denn wir werden Ihrer noch bedürfen . “ Ich zog mich zurück , wie er befahl . „ War schon Jemand auf , als Sie unten waren , Jeohanna ? “ fragte Herr Rochester sogleich . „ Nein , Herr , Alles war still . “ „ Wir wollen Sie so schnell als möglich fortbringen , Richard : es wird besser sein für Sie und das arme Geschöpf dort . Ich habe mich lange bemüht , die Entdeckung zu vermeiden , und möchte nicht , daß es dennoch zuletzt an den Tag käme . Hier , Carter , helfen Sie ihm seine Weste anziehen . Wo ließen Sie Ihren Pelzmantel ? Ohne ihn können Sie in diesem verdammt kalten Klima keine Meile reisen , das weiß ich wohl . In Ihrem Zimmer ? — Johanna , laufen Sie in Herrn Mason ' s Zimmer zunächst dem meinigen — und holen den Mantel , den Sie dort finden werden . “ Wieder lief ich hinunter und kehrte mit einem ungeheuern mit Pelz besetzten Mantel zurück . „ Jetzt habe ich noch einen andern Auftrag für Sie , “ sagte mein unermüdlicher Herr ; „ Sie müssen wieder in mein Zimmer gehen . Wie Schade , daß Sie so leichte Schuhe tragen , Johanna ! — diesmal wäre ein Bote mit schweren Stiefeln besser — Sie müssen das mittlere Fach in meinem Toilettentische öffnen und eine kleine Phiole und ein kleines Glas herausnehmen , welches Sie dort finden werden — schnell ! “ Ich eilte hin uns zurück und brachte die gewünschten Gegenstände . „ So ist ' s recht ! nun , Doctor , will ich mir die Freiheit nehmen , ihm selber auf meine eigene Verantwortung eine Dosis einzugeben . Ich habe dieses Universalmittel in Rom von einem italienischen Quacksalber gekauft — von einem Kerl , den Sie mit dem Fuße hinausgestoßen hätten , Carter . Es ist eine Arznei , die nicht in allen Fällen darf angewendet werden : aber dies ist ein solcher . Johanna , ein wenig Wasser . “ Er hielt mir das kleine Glas bin , und ich füllte es zur Hälfte aus der Wasserflasche auf dem Waschtische . „ So ist ' s recht — nun benetzen Sie die Oeffnung der Phiole . “ Ich that es ; er zählte zwölf Tropfen von der rothen Flüssigkeit ab und reichte sie Mason . „ Trinken Sie , Richard : es wird Ihnen auf eine Stunde oder länger die nöthigen Kräfte gewähren . “ „ Aber wird es mir auch schaden ? — Es ist zu stack ! “ „ Trinken Sie — tinken Sie ! “ Herr Mason gehorchte , da es durchaus unnütz war , sich zu widersetzen . Er war jetzt angekleidet , sah noch immer blaß aus , war aber nicht mehr blutig . Herr Rochester ließ ihn drei Minuten lang sitzen , nachdem er die Flüssigkeit hinuntergeschluckt hatte . Dann faßte er seinen Arm und sagte : „ Jetzt bin ich gewiß , daß Sie auf Ihren Füßen stehen können — versuchen Sie es . “ Der Patient stand auf . „ Carter , fassen Sie ihn unter den andern Arm . Sein Sie gutes Muths , Richard ; jetzt gehen Sie hinaus — so ist ' s recht ! “ „ Ich fühle mich besser , “ sagte Mason . „ Ich war davon überzeugt . Nun , Johanna , gehen Sie vor uns her und über die Hintertreppe ; riegeln Sie die Seitenthür auf und sagen dem Postillon , den Sie auf dem Hofplatze oder außerhalb desselben sehen werden , denn ich sagte ihm , er solle nicht mit seinen rasselnden Rädern über das Pflaster fahren , sich bereit zu halten . Wir kommen nach , Johanna , und wenn Jemand in der Nähe ist , so gehen Sie an den Fuß der Treppe und geben uns durch Räuspern ein Zeichen . “ Es war jetzt schon halb sechs Uhr und die Sonne gerade im Begriff aufzugehen ; doch fand ich die Küche noch dunkel und still . Die Seitenthür war verriegelt ; ich öffnete sie so geräuschlos als möglich . Auf dem Hofplatze war Alles still , aber das Thor stand weit offen , und vor demselben hielt eine Postchaise ; die Pferde waren angeschirrt , und der Postillon saß auf dem Bock . Ich näherte mich ihm und sagte , die Herren kämen , er nickte , ich sah mich sorgfältig um und horchte . Die Stille des frühen Morgens schlummerte überall die Vorhänge des Bedientenzimmers waren noch zu ; kleine Vögel zwitscherten auf den Obstbäumen , deren Zweige sich gleich weißen Guirlanden über die Mauer niedersenkten , die die eine Seite des Hofplatzes einschloß ; die Wagenpferde stampften von Zeit zu Zeit in ihren geschlossenen Ställen : sonst war Alles still . Die Herren erschienen jetzt . Mason , der von Herrn Rochester und dem Arzte unterstützt wurde , schien ziemlich leicht zu gehen . Sie halfen ihm beim Einsteigen und Carter folgte . „ Tragen Sie Sorge für ihn , “ sagte Herr Rochester zu dem Letztern , „ und behalten Sie ihn in Ihrem Hause , bis er ganz wieder hergestellt ist : ich werde heute oder morgen hinüberkommen , um zu sehen , wie er sich befindet . Richard , wie steht es mit Ihnen ? “ „ Die frische Luft belebt mich , Fairfax . “ „ Lassen Sie das Fenster auf seiner Seite offen , Carter ; es geht kein Wind — leben Sie wohl , Richard . “ „ Fairfax — “ „ Nun , was ist ? “ „ Lassen Sie für sie sorgen , lassen Sie sie so zärtlich als möglich behandeln : lassen Sie — “ Er hielt inne und brach in Thränen aus . „ Ich thue mein Möglichstes , habe es gethan und werde es thun , “ war die Antwort . Er machte die Thür zu und der Wagen fuhr fort . „ Wollte Gott , damit wäre Alles zu Ende ! “ fügte Herr Rochester hinzu , als er das schwere Hofthor schloß und verriegelte . Als dies geschehen war , ging er mit langsamen Schritten und zerstreuter Miene auf die Thür in der Mauer zu , die den Obstgarten begrenzte . Ich dachte , er bedürfe meiner nicht mehr , und war im Begriff , in ' s Haus zurückzukehren ; doch ich hörte ihn wieder „ Johanna “ rufen . Er hatte die Pforte geöffnet , stand in derselben und erwartete mich . „ Kommen Sie auf einige Augenblicke hierher , wo frische Luft weht , “ sagte er ; jenes Haus ist wie ein Kerker : kommt es Ihnen nicht auch so vor ? “ „ Mir erscheint es als eine glänzende Wohnung , mein Herr . “ „ Sie sehen es mit unerfahrenen Augen an und es schwimmt wie in einem Zauber : Sie bemerken nicht , daß die Vergoldung Schlamm , und die seidenen Draperien Spinneweben sind ; daß der Marmor schmutziger Schiefer , und das polirte Holz vermoderte Baumrinde ist . Hier aber , “ fuhr er fort , auf den blühenden Garten deutend , in den er eingetreten war , „ ist Alles wirklich , lieblich und rein . “ Er ging einen Gang hinunter , der mit Buchsbaum eingefaßt war ; auf der einen Seite waren Apfelbäume , Birnbäume und Kirschbäume , und auf der andern befanden sich Beete mit allen Arten damals bekannter Blumen : Stockrosen , Federnelken , Primeln , Stiefmütterchen , Aberraute , Feldrosen und verschiedenen andern Kräutern gemischt . Sie waren jetzt so frisch , wie der Regen und Sonnenschein eines milden Aprils sie an einem lieblichen Frühlingsmorgen nur machen konnten : die Sonne trat gerade im gerötheten Osten hervor , und ihr Licht beleuchtete die blühenden und bethauten Obstbäume und schien durch die ruhigen Gänge hinunter . „ Johanna , wollen Sie eine Blume ? “ Er pflückte eine halbgeöffnete Rose , die erste auf dem Stock , und bot sie mir an . „ Ich danke Ihnen , mein Herr . “ „ Lieben Sie diesen Sonnenaufgang , Johanna ? jenen Himmel mit seinen hohen und lichten Wolken , die gewiß dahinschmelzen werden , so wie der Tag warm wird — diese duftige und balsamische Atmosphäre ? “ „ Ich liebe sie gar sehr . “ „ Sie haben eine seltsame Nacht zugebracht , Johanna . “ „ Ja , mein Herr . “ „ Und sind ganz blaß geworden — fürchteten Sie sich , als ich Sie mit Mason allein ließ ? “ „ Ich fürchtete , es möchte Jemand aus dem innern Zimmer hervorkommen . “ „ Aber ich hatte die Thür abgeschlossen — ich hatte den Schlüssel in der Tasche : da wäre ich ein sorgloser Schäfer gewesen , wenn ich mein Lamm — mein Lieblingslamm — so ganz in der Nähe der Wolfshöhle gelassen hätte — Sie waren sicher . “ „ Wird Gratia Poole noch hier bleiben , mein Herr ? “ „ O ja ! sein Sie ihretwegen nicht unruhig — befreien Sie sich von diesem Gedanken . “ „ Doch scheint es mir , als sei Ihr Leben nicht sicher , so lange sie hier ist . “ „ Fürchten Sie Nichts — ich will schon für mich Sorge tragen . “ „ Ist die Gefahr , die Sie in der letzten Nacht fürchteten , jetzt vorüber , mein Herr ? “ „ Ich kann es nicht eher behaupten , als bis Mason außerhalb England ' s ist : und auch dann noch nicht einmal . Ich stehe auf einer Lavakruste , Johanna , die jeden Tag einstürzen und Feuer speien kann . “ „ Aber Herr Mason scheint ein Mann zu sein , der sich leicht leiten läßt . Ihr Einfluß , mein Herr , ist offenbar mächtig über ihn : er wird Ihnen nie Trotz bieten oder Ihnen schaden . “ „ O nein ! Mason wird mir nicht Trotz bieten , und mir auch nicht absichtlich schaden — doch ohne Absicht könnte er mich einst durch ein achtloses Wort , wenn nicht des Lebens , doch auf immer des Glückes berauben . “ „ Sagen Sie ihm , daß er vorsichtig ist , mein Herr ; setzen Sie ihn in Kenntniß von dem , was Sie fürchten , und zeigen Sie ihm , wie er die Gefahr abwenden kann . “ Er lachte sardonisch , nahm hastig meine Hand und ließ sie eben so hastig wieder los . „ Wenn ich das könnte , unschuldiges Kind , wo wäre da die Gefahr ? vernichtet in einem Augenblick . So lange ich Mason gekannt , durfte ich nur zu ihm sagen : Thue das , und es geschah . Aber in diesem Falle kann ich ihm keine Befehle ertheilen ; ich kann nicht sagen : Hüten Sie sich , mir zu schaden , Richard ; denn es muß ihm durchaus unbekannt bleiben , daß er mir möglicherweise schaden könnte . Nun sehen Sie verwirrt aus , und ich muß Ihnen noch weitere Verwirrung bereiten . Sie sind meine kleine Freundin , nicht wahr ? “ „ Ich wünsche , Ihnen zu dienen , mein Herr , und gehorche Ihnen in Allem , was recht ist . “ „ Richtig , das sehe ich . Ich sehe aufrichtige Zufriedenheit in Ihrem Wesen und Ihrem Blicke , wenn Sie mir helfen und mir gefallen — für mich und mit mir arbeiten , und zwar , wie Sie charakteristisch bemerken , in Allem , was recht ist : denn wenn ich Ihnen etwas beföhle , was Sie für unrecht hielten , so würden Sie nicht leichtfüßig laufen , nicht lebhaft Ihre Hände bewegen , und ich keinen lieblichen und freudigen Blick in Ihrem Auge sehen . Meine Freundin würde sich dann ruhig und blaß zu mir wenden und sagen „ Nein , Herr , das ist unmöglich : ich kann es nicht thun , denn es ist unrecht , “ und würde unbeweglich werden , wie ein Fixstern . Nun , auch Sie haben Macht über mich und können mir schaden : doch wage ich Ihnen nicht zu zeigen , wo ich verwundbar bin , denn sonst möchten Sie mich , so getreu und