keine Kraft , Die niedrige , ungefurchte Stirn verriet keine Gedanken ; das glänzende , braune Auge verstand nicht zu herrschen . Als ich in meinem gewohnten Winkel saß und ihn im Schein der Girandolen , die vom Kaminsims hell auf ihn herabschienen , betrachtete – er saß in einem Lehnstuhl , den er dicht an das wärmende Feuer gezogen hatte , und schien trotzdem noch vor Kälte zu beben – begann ich , ihn mit Mr. Rochester zu vergleichen . Ich glaube – horribile dictu – der Unterschied zwischen einem sanften Gänserich und einem stolzen Falken könnte nicht viel größer sein ; nicht schärfer der Kontrast zwischen einem sanftmütigen Schaf und dem zotteligen , klaräugigen Hunde , seinem Hüter . Er hatte von Mr. Rochester wie von einem alten Freunde gesprochen . Eine seltsame Freundschaft mußte die ihre gewesen sein ; eine scharfe Illustration des alten Sprichwortes in der That , daß die Extreme sich berühren . Zwei oder drei der Herren saßen neben ihm , und von Zeit zu Zeit drangen abgerissene Sätze ihrer Unterhaltung bis in meine abgelegene Ecke . Lange blieb mir der Sinn des Gehörten unklar ; denn die Unterhaltung zwischen Mary Ingram und Louisa Eshton , die in meiner nächsten Nähe saßen , übertönte das Gespräch der Herren am Kamin . Die Damen sprachen über den Fremden ; beide nannten ihn einen » schönen Mann « , Louisa sagte , er sei » ein reizender Mensch « und sie » bete ihn an « ; und Mary machte Bemerkungen über seinen » süßen , kleinen Mund und seine entzückende Nase « ; beides schien ihre Ideale von Schönheit zu verkörpern . » Und welch eine freundliche Stirn er hat ! « rief Louisa aus , – » so glatt , keine von diesen gerunzelten Unregelmäßigkeiten , die ich so sehr verabscheue ; und welch ein ruhiges Auge ! Welch ein berückendes Lächeln ! « Und dann rief Mr. Henry Lynn sie zu meiner größten Erleichterung an das andere Ende des Zimmers , um noch irgend welche Punkte über die aufgeschobene Excursion nach Hay zu besprechen . Jetzt war es mir wieder möglich geworden , meine Aufmerksamkeit auf die Gruppe am Kamin zu konzentrieren , und nun erfuhr ich auch bald , daß der Name des Ankömmlings Mr. Mason sei . Dann hörte ich , daß er soeben in England angelangt sei und aus irgend einem heißen Lande komme . Letzteres war wahrscheinlich der Grund für die fahle Blässe seines Gesichts , für sein fortwährendes Näherrücken an das Feuer und für den Überrock , den er auch im Salon nicht abgelegt hatte . Die Namen Jamaika , Spanish Town , Kingston , welche an mein Ohr schlugen , belehrten mich , daß Westindien sein Aufenthalt gewesen sein mußte , und nicht gering war mein Erstaunen , als ich weiter erfuhr , daß er in jenem Lande Mr. Rochesters Bekanntschaft gemacht habe . Er sprach von der Abneigung seines Freundes gegen die sengenden Gluten , die furchtbaren Orkane und die Regenzeiten jener Regionen . Ich wußte wohl , daß Mr. Rochester viel gereist sei ; Mrs. Fairfax hatte es nur ja erzählt , aber ich hatte geglaubt , daß der europäische Kontinent bis jetzt seine Wanderungen begrenzt habe . Niemals hatte er auch nur die leiseste Andeutung darüber gemacht , daß er selbst jene entlegenen Küsten besucht habe . Über diese Dinge dachte ich nach , als ein Zwischenfall , und noch dazu ein sehr unerwarteter , den Faden meiner Grübeleien unterbrach . Mr. Mason , der jedesmal von einem kalten Schauer gerüttelt wurde , wenn jemand die Thür aufmachte , hatte gebeten , daß man noch mehr Holz und Kohlen auf das Feuer lege , dessen Flammen nicht mehr emporloderten , obgleich die Asche noch rot und heiß erglühte . Als der Diener , welcher die Feuerung hereingebracht hatte , das Zimmer wieder zu verlassen im Begriff war , trat er an Mr. Eshtons Stuhl und flüsterte diesem Herrn etwas ins Ohr , wovon ich nur die Worte » altes Weib « und , » ganz lästig « verstehen konnte . » Sagen Sie ihr , daß wir sie einsperren lassen werden , wenn sie sich nicht gleich packt , « entgegnete die Magistratsperson . » Nein – halt ! « unterbrach ihn Oberst Dent , » Schicken Sie sie nicht fort , Eshton ; wir könnten die Gelegenheit doch benützen . Fragen wir lieber die Damen . « Und laut fuhr er fort : » Meine Damen , Sie haben davon gesprochen , nach der Wiese von Hay gehen zu wollen , um das Zigeunerlager zu besuchen ; aber Sam hier bringt die Botschaft , daß eine der alten Zigeunerinnen sich in diesem Augenblick in der Halle der Dienstboten befindet und darauf besteht , bei den Herrschaften vorgelassen zu werden , um ihnen wahrsagen zu dürfen . Haben Sie Lust , die Alte zu sehen ? « » Wahrhaftig , Oberst , « rief Lady Ingram aus , » Sie hätten am Ende wohl Lust , solche gemeine Betrügerin zu ermutigen . Schicken Sie sie um jeden Preis augenblicklich fort ! « » Es ist mir nicht möglich , sie zum Fortgehen zu bewegen , Mylady , « sagte der Diener , » und die anderen Dienstleute haben es auch umsonst versucht . Jetzt ist Mrs. Fairfax bei ihr und bittet und fleht , daß sie fortgehen möge ; sie hat aber einen Stuhl in der Ofenecke genommen und schwört , daß sie um keinen Preis von dort aufsteht , wenn man ihr nicht die Erlaubnis giebt , hierher zu kommen . « » Was will sie denn hier ? « fragte Mrs. Eshton . » Sie will den Herrschaften wahrsagen , sagt sie , Mylady , und sie schwört , daß sie es thun will und muß . « » Wie sieht sie denn eigentlich aus ? « fragten die beiden Miß Eshton , wie aus einem Munde . » Ein gräßlich häßliches , altes Geschöpf , Miß ; beinahe so schwarz wie ein Rabe . « » Am Ende ist sie gar eine wirkliche Hexe ! « rief Frederick Lynn dazwischen . » Auf jeden Fall müssen wir sie hereinlassen ! Zu interessant ! « » Allerdings , « fiel ihm sein Bruder in die Rede , » es wäre zu thöricht , wenn man solch eine Gelegenheit , sich zu amüsieren , ungenützt vorübergehen lassen wollte . « » Was fällt euch denn eigentlich ein , meine lieben Söhne ! « rief Lady Lynn entsetzt aus . » In meiner Gegenwart dürfen solche ungehörige Dinge nicht vor sich gehen , « stimmte die verwitwete Lady Ingram ihr bei . » O ja , Mama , sie dürfen es und sie werden es , « ertönte Blanche Ingrams hochmütige Stimme , wahrend die junge Dame sich vom Piano her der Gesellschaft zuwandte ; bis zu diesem Augenblick hatte sie schweigsam dort gesessen und scheinbar ohne der Unterhaltung ihre Aufmerksamkeit zu schenken zwischen verschiedenen Notenblättern und Heften geblättert . » Ich bin neugierig und möchte mir wahrsagen lassen , Sam , schicken Sie die Zigeunerschönheit also herauf . « » Aber Blanche , mein Liebling , bedenke doch – « » Das thue ich . Ich bedenke alles , was zu bedenken ist . Und ich muß meinen Willen haben ! Also beeilen Sie sich , Sam ! Schnell ! schnell ! » Ja – ja – ja ! « rief die ganze junge Welt , sowohl die Damen wie die Herren . » Sie muß heraufkommen ! Das wird ein köstliches Vergnügen werden ! « Der Diener zögerte noch immer . » Sie sieht so fürchterlich aus , « sagte er endlich . » Gehen Sie ! « rief Miß Ingram gebieterisch . Und der Mann ging . Augenblicklich bemächtigte sich die größte Aufregung der ganzen Gesellschaft . Es entstand ein wahres Kreuzfeuer von Witz , Spott und Scherz . Da kehrte der Diener zögernd und ängstlich zurück . » Sie will jetzt nicht mehr hereinkommen , « sagte er , » Sie sagt , sie braucht nicht vor dem rohen Haufen – ja , ja , diese Worte hat sie gebraucht – zu erscheinen ! Ich habe ihr ein Zimmer anweisen müssen , und wenn die Herrschaften sie um die Zukunft befragen wollen , sollen Sie einzeln zu ihr kommen . « » Du siehst also , meine königliche Blanche , wie anmaßend das Weib wird , « begann Lady Ingram von neuem . » Laß dir raten , mein Engelskind und – und – – « » Bringen Sie sie ins Bibliothekzimmer , « unterbrach das » Engelskind « sie scharf . » Ich brauche sie ebenfalls nicht vor dem › rohen Haufen ‹ anzuhören ; die Person hat ganz recht . Ich will sie für mich allein haben . Brennt ein Feuer im Bibliothekzimmer , Sam ? « » Ja , Ew . Gnaden , ja – aber – sie sieht gerade aus wie ein Kesselflicker . « » Lassen Sie Ihr Geschwätz , Dummkopf , und thun Sie nur , was ich Ihnen befehle . « Wiederum verschwand Sam ; und hoch gingen die Wogen der Erregung und der Erwartung . » Jetzt ist sie bereit , « sagte der Diener , als er zurückkam . » Sie möchte wissen , wer sie zuerst befragen wird . « » Ich glaube , es wird besser sein , wenn ich sie mir ansehe , bevor eine der Damen zu ihr geht , « sagte Oberst Dent . » Sagen Sie ihr also , Sam , daß ein Herr kommen wird . « Sam ging und kehrte gleich zurück . » Sir , sie sagt , daß sie mit den Herren nichts zu thun haben will ; sie brauchen sich gar nicht erst zu bemühen , zu ihr zu kommen – und , « fügte er zögernd hinzu , mit Mühe ein Kichern unterdrückend , – » die Damen sollen auch nur kommen , wenn sie jung und schön und unverheiratet sind . « » Beim Jupiter ! sie hat Geschmack ! « rief Henry Lynn laut lachend aus . Mit großer Feierlichkeit erhob sich Miß Ingram . » Ich gehe zuerst , « sagte sie in einem Ton , welcher für den Anführer eines verlorenen Postens gepaßt haben würde , wenn er in der Vorhut des Regiments eine Bresche in der feindlichen Festung erklimmt . » O , meine Beste , mein teuerstes , liebstes Kind , halt ein ! Denk nach ! Bedenke , was du thust ! « rief ihre zärtliche Mutter aus . Aber in stolzem Schweigen rauschte sie an ihr vorbei und ging durch die Thür , welche Oberst Dent für sie geöffnet hielt . Gleich darauf hörten wir , wie sie ins Bibliothekzimmer trat . Jetzt trat eine verhältnismäßige Ruhe ein , Lady Ingram hielt es für passend und angebracht , die Hände zu ringen und that es daher in ausgiebigstem Maße . Miß Mary erklärte , daß sie ihrerseits niemals den Mut gehabt haben würde . Amy und Louisa Eshton kicherten leise und verstohlen , sahen aber ängstlich und sehr befangen aus . Außerordentlich langsam schlichen die Minuten dahin . Wir zählten deren fünfzehn , bevor das Geräusch der sich öffnenden Bibliotheksthür wiederum an unser Ohr schlug . Gleich darauf trat Miß Ingram wieder ein . Lachte sie ? Hatte sie die ganze Sache als Scherz aufgefaßt ? Aller Augen waren mit dem Ausdruck der intensivsten Neugierde auf sie geheftet . Kalt und vorwurfsvoll begegneten ihre Blicke den unseren ; sie sah weder belustigt noch erregt aus . Stolz aufgerichtet und hochmütig schritt sie wieder auf ihren Sitz zu und setzte sich ohne ein Wort zu sprechen . » Nun , Blanche ? « sagte Lord Ingram . « Was sagte sie , Schwester ? « fragte Mary . » Wie denkst du über sie ? Wie war dir ums Herz ? Ist sie eine wirkliche Wahrsagerin ? « fragten die Schwestern Eshton . » Nun , nun , Ihr guten Leute , erdrückt mich nicht mit euren Fragen . Wahrlich , das Organ der Leichtgläubigkeit und der Verwunderung ist bei euch schnell angeregt . Nach der Wichtigkeit und Bedeutsamkeit , welche ihr alle – meine teure Mutter inbegriffen – dieser Angelegenheit beilegt , scheint ihr wahrhaftig zu glauben , daß wir für den Augenblick eine wirkliche Hexe im Hause haben , die mit dem alten , schwarzen Herrn , der nach Pech und Schwefel riecht ein festes Bündnis geschlossen hat . Ich habe eine Zigeuner-Vagabundin gesehen ; sie hat in gewohnter Weise die Kunst geübt , aus der Hand wahrzusagen , und sie hat auch mir gesagt , was solche Leute gewöhnlich prophezeien . Ich habe meine Laune befriedigt , und jetzt würde ich es für das Beste halten , wenn Mr. Eshton , wie er anfangs gedroht hat , das alte Scheusal morgen früh in den Gemeindekotter werfen ließe ! Das ist alles , was ich über diese Angelegenheit zu sagen habe ! « Miß Ingram nahm ein Buch , lehnte sich in den Sessel zurück und wies auf diese stumme aber deutliche Weise jede weitere Konversation zurück . Ich beobachtete sie dann wohl eine halbe Stunde hindurch ; während dieser ganzen Zeit wandte sie nicht ein einzigesmal das Blatt um , und jeden Augenblick wurde ihr Gesicht düsterer , unzufriedener , und nahm immermehr den Ausdruck der Enttäuschung und Bestürzung an . Augenscheinlich hatte sie nichts angenehmes gehört , nichts , was mit ihren hochfliegenden Plänen übereinstimmte , und trotz ihrer angeblichen Gleichgültigkeit schien es mir , als lege sie den ihr gemachten Enthüllungen eine ganz unberechtigte Wichtigkeit bei . Wenigstens erklärte ich mir auf diese Weise ihre düstere Schweigsamkeit und Verstimmung . Inzwischen erklärten Mary Ingram , Amy und Louisa Eshton , daß sie nicht den Mut hätten , allein zu gehen – und doch hegte jede von ihnen das brennende Verlangen zu gehen . Durch die Vermittelung , des Gesandten Sam wurden Unterhandlungen eröffnet , und nach vielem Hin- und Herlaufen wurde der strengen Sybille endlich die Erlaubnis abgerungen , daß die drei jungen Damen ihr in corpore ihre Aufwartung machen durften . Dieser Besuch verlief nicht so still , wie jener Miß Ingrams . Aus dem Bibliothekszimmer drangen hysterisches Kichern und kleine halb unterdrückte Schreie zu uns herüber . Nach zwanzig Minuten wurde endlich die Thür aufgerissen , und die jungen Mädchen kamen zu Tode erschrocken durch die Halle hereingestürzt . » Gewiß , gewiß , mit ihr geht es nicht mit rechten Dingen zu ! « schrien sie wie aus einem Munde . » Sie hat uns solche Sachen gesagt ! Sie kennt unsere ganzen Angelegenheiten ! « und atemlos sanken sie in die verschiedenen Sessel und Stühle zurück , welche die Herren sich beeilten , ihnen zu bringen . Als man um weitere Erklärung in sie drang , erzählten sie , daß sie ihnen von Dingen gesprochen , die sie gesagt und gethan , als sie noch kleine Kinder gewesen ; sie hatte ihnen von Nippsachen und Büchern gesprochen , welche sich zu Hause in ihren Boudoirs befanden , von Andenken , welche verschiedene Verwandte ihnen geschenkt hatten . Sie bestätigten , daß sie sogar ihre Gedanken erraten hatte ; und daß sie jeder von ihnen den Namen jener Person ins Ohr geflüstert hatte , welche ihnen die liebste auf der Welt . Auch ihre Lieblingswünsche hatte die Alte erraten . Hier sprachen die Herren die ernstliche Bitte aus , daß man sie ebenfalls über die beiden letztgenannten Punkte aufkläre . Aber als Lohn für ihre Zudringlichkeit wurde ihnen nichts als schüchternes Erröten , Zittern , Ausrufe , Gekicher u. s. w. Inzwischen fächelten die Matronen ihnen mit ihren Riesenfächern Luft zu , holten ihre Riechfläschchen hervor , und sprachen ihr lebhaftes Bedauern aus , daß man ihre Warnung nicht rechtzeitig beachtet habe . Die älteren Herren lachten aus Leibeskräften , und die jüngeren boten der aufgeregten Mädchenschar ihre Dienste an . Inmitten dieses Tumults , und während meine Augen und Ohren vollauf mit der Scene beschäftigt waren , welche sich vor mir abspielte , hörte ich plötzlich ein leises , wiederholtes » hm , hm ! « dicht neben mir . Ich drehte mich schnell um und erblickte Sam . » Ich bitte Sie , Miß , die Zigeunerin behauptet , daß noch eine junge , unverheiratete Dame hier im Zimmer sein muß , welche nicht bei ihr gewesen ist , und sie bleibt dabei und schwört hoch und teuer , daß sie nicht eher fortgeht , als bis sie alle gesehen hat . Ich dachte , daß es keine andere sein könne , als Sie . Sonst ist niemand mehr da . Was soll ich ihr sagen ? « » Ah , ich werde natürlich gehen , « entgegnete ich . Und ich freute mich der unerwarteten Gelegenheit , meine heftig erregte Neugierde befriedigen zu können . Ich schlich zum Zimmer hinaus , ohne daß auch nur ein einziger Blick mir folgte . Die ganze Gesellschaft war noch um das bebende Trio beschäftigt , das soeben von der Sibylle zurückgekehrt war . Leise schloß ich die Thür hinter mir . » Wenn Sie wollen , Miß , « sagte Sam , » so warte ich in der Halle auf Sie ; und wenn sie Ihnen Angst macht , so rufen Sie nur , und ich komme Ihnen zu Hilfe , « » Nein , Sam , gehen Sie nur wieder hinunter in die Küche , ich fürchte mich durchaus nicht , « – Und ich fürchtete mich in der That nicht . Aber die Sache interessierte und erregte mich im höchsten Grade . Neunzehntes Kapitel . Das Bibliothelszimmer sah sehr friedlich aus , als ich eintrat , und die Sibylle – wenn sie wirklich eine Sibylle war – saß ganz ruhig und bequem in einem Lehnstuhl vor dem Kaminfeuer . Sie trug einen roten Mantel und einen schwarzen Hut und schien beim Schein des Kaminfeuers in einem kleinen , schwarzen Buche zu lesen , das fast aussah wie ein Gebetbuch . Sie murmelte die Worte vor sich hin , wie alte Frauen es oft zu thun pflegen , wenn sie lesen . Auch hörte sie nicht sofort bei meinem Eintritt mit dieser Beschäftigung auf . Es sah fast aus , als wolle sie den Paragraphen noch zu Ende lesen . Ich stand auf dem Teppich vor dem Kamin und wärmte meine Hände , die fast erstarrt waren , weil ich in dem Gesellschaftszimmer in beträchtlicher Entfernung von dem Kaminfeuer gesessen hatte . Ich war jetzt bereits so ruhig geworden , wie ich es sonst zu sein pflegte ; in der That , in der äußeren Erscheinung der Zigeunerin lag nichts , was die Ruhe eines Menschen hätte erschüttern können . Sie schlug das Buch zu und blickte langsam auf ; der breite Rand ihres Hutes beschattete zum größten Teil das Gesicht , und doch konnte ich bemerken , als sie zu mir aufsah , daß es ein gar seltsames sei . Es war durchweg braun und schwarz . Verworrenes Haar quoll unter einer weißen Binde hervor , welche unter dem Kinn zusammentraf und die Backen oder vielmehr die Kinnbacken halb bedeckte . Ihr Auge blickte mich mit einem scharfen , kühnen , durchbohrenden Blicke sofort an . » Nun , Sie wollen sich ebenfalls wahrsagen lassen ? « sprach sie mit einer Stimme , die ebenso bestimmt wie ihr Blick , ebenso hart wie ihre Züge war . » Es liegt mir nicht viel daran , Mutter ; thut wie Ihr wollt ! Aber eins muß ich Euch vorher sagen : ich habe keinen Glauben . « » Diese Frechheit erwartete ich von Ihnen – ich erwartete sie . Ich hörte es in Ihrem Schritte , als Sie über die Schwelle traten . « » Wirklich ? Dann habt Ihr ein scharfes Ohr . « » Ja ; das habe ich . Und ein gar scharfes Auge ! Und ein noch schärferes Gehirn . « » Nun , das alles braucht Ihr auch notwendig für Euer Handwerk . « » Das brauche ich . Besonders wenn ich mit solchen Kunden zu thun habe , wie Sie sind . Weshalb zittern Sie denn eigentlich nicht ? « » Mich friert nicht . « » Weshalb werden Sie nicht blaß ? « » Ich bin nicht krank . « » Weshalb nehmen Sie meine Kunst denn nicht in Anspruch ? « » Ich bin nicht so albern . « Die alte Hexe kicherte leise in ihre Bandagen hinein . Dann zog sie eine kurze , geschwärzte Pfeife hervor , zündete sie an und begann zu rauchen . Nachdem sie sich eine Weile an diesem Beruhigungsmittel gelabt hatte , richtete sie den gebeugten Körper in die Höhe , nahm die Pfeife aus dem Munde und während sie unverwandt in das Feuer blickte , sagte sie ganz bedächtig und wohlüberlegt : » Es friert Sie ; Sie fühlen sich unwohl , und Sie sind albern . « » Beweist mir das , « entgegnete ich . » Das werde ich thun ; mit wenigen Worten . Es friert Sie , weil Sie einsam sind ; keine Berührung facht das Feuer , das in Ihnen glimmt , zur hellen Flamme an . Sie sind krank ; weil das reinste der Gefühle , das höchste und süßeste , das dem Menschen in die Brust gelegt ist , Ihnen fern bleibt . Sie sind albern und dumm , weil Sie ihm kein Zeichen machen , sich auch Ihnen zu nähern – wie sehr Sie auch leiden mögen . Und Sie wollen auch keinen Schritt thun , um ihm dorthin entgegen zu eilen , wo es Ihrer wartet . « Wiederum führte sie die kurze , schwarze Pfeife an die Lippen und begann in kräftigen Zügen zu rauchen . » Ihr wißt , daß alles , was Ihr da sagt , ebenso gut auf jede andere passen würde , die einsam und in abhängiger Stellung in einem großen Hause lebt . « » Sagen könnte ich es wohl jeder – würde es aber auch auf jede passen ? « » Auf jede , die so lebt wie ich . « » Ja ; das ist ' s ; auf jede , die lebt wie Sie . Aber finden Sie doch noch eine , die so lebt . « » Es wäre eine Kleinigkeit , tausend solche zu finden . « » Es würde Ihnen schwer fallen , auch nur eine einzige zu finden . – Wissen Sie also : Ihre Lage ist eine ganz besondere ; Sie stehen dem Glücke sehr nahe , ja , Sie brauchen nur die Hand danach auszustrecken . Das ganze Material zum Glück ist vorbereitet ; es bedarf nur noch eines einzigen Zuges , um alles zusammenzufügen . Nur der Zufall hat es an getrennten Orten aufgehäuft . Lassen Sie es sich nähern – und das Ende wird Glück sein . « » Ich habe kein Verständnis für Rätsel . In meinem ganzen Leben war ich noch nicht imstande , eins zu lösen . « » Zeigen Sie mir Ihre Hand , wenn Sie wollen , daß ich deutlicher reden soll . « » Wahrscheinlich muß ich die Fläche mit Silber bedecken , nicht wahr , Mutter ? « » Natürlich . « Ich gab ihr einen Schilling ; sie steckte ihn in einen alten Strumpf , den sie aus ihrer Tasche zog , und nachdem sie ihn zusammengebunden und in die Falten ihres Rockes zurückgeschoben hatte , gebot sie mir , die Hand auszustrecken . Ich that , wie mir geheißen . Sie näherte ihr Gesicht der Handfläche und sah sie lange sinnend an ohne sie zu berühren . » Sie ist zu schön und fein , « sagte sie endlich . » Aus einer solchen Hand kann ich nichts lesen ; sie hat fast gar keine Linien . Und außerdem – was kann eine Hand sagen ? In ihr steht das Schicksal nicht geschrieben . « » Das glaube ich Euch wohl , « sagte ich . » Nein , « fuhr sie fort , » im Gesicht steht es zu lesen , auf der Stirn , um die Augen herum , in den Augen selbst , in den Linien des Mundes . Knieen Sie nieder und heben Sie den Kopf empor . « » Ah ! jetzt kommt Ihr der Wahrheit näher , « sagte ich , indem ich that , was sie verlangte . » Nun werde ich bald anfangen , Euren Worten ein wenig Glauben zu schenken . « Wenige Fußbreit von ihr war ich hingekniet . Sie begann das Feuer aufzurühren , so daß die verglimmenden Kohlen wiederum einiges Licht verbreiteten . Da sie aber saß , warf der Schein nur noch einen tieferen Schatten über ihr Gesicht , während das meine hell beleuchtet wurde . » Ich möchte doch wissen , mit welchen Gefühlen Sie heute Abend zu mir ins Zimmer gekommen sind , « sagte sie , nachdem sie meine Züge eine Weile hindurch geprüft hatte . » Ich möchte wissen , welche Gefühle in Ihrem Herzen geschäftig sind , wenn Sie so stundenlang in jenem prächtigen , strahlenden Gesellschaftszimmer sitzen und die vornehmen , eleganten Leute vor Ihren Blicken auf- und abflattern wie die Figuren in einer laterna magica . Zwischen Ihnen und jenen besteht doch gerade so wenig sympathische Gemeinschaft , als ob sie nur menschliche Schatten und nicht Gestalten aus Fleisch und Blut wären . « » Oft bin ich alles dessen müde ; oft auch schläfrig ; selten aber traurig . « » Dann nähren Sie also irgend eine geheime Hoffnung , die Sie erhebt und Sie mit ihren süßen Flüstertönen auf die Zukunft vertröstet ? « » Ich habe keine . Das höchste , was ich zu erhoffen wage , ist , daß ich einmal im stande sein werde , Geld zu ersparen , um mir ein kleines Haus mieten und darin eine Schule errichten zu können . « » Eine kärgliche Nahrung , um das Leben der Seele zu fristen ! Und wenn Sie in jener Fenstervertiefung sitzen – – Sie sehen , ich kenne Ihr Leben bis in die kleinsten Details – – « » Ihr habt das von den Dienstboten erfahren , Mutter ? « » Ah ! Sie halten sich für sehr klug ! Nun , vielleicht ist ' s auch so . Um die Wahrheit zu gestehen : ich kenne eine davon – eine Mrs. Poole – « Ich sprang empor , als ich diesen Namen hörte . » So – so , « rief ich , » es ist also doch eine Teufelei dabei im Spiel ! dachte ich ' s doch ! « » Weshalb erschrecken Sie denn , « fuhr die seltsame Person fort , » Mrs. Poole ist eine zuverlässige Person , sehr ruhig und durchaus verschwiegen ; jedermann kann ihr mit gutem Gewissen vertrauen . – Aber wie ich schon sagte : wenn Sie in jener Fenstervertiefung sitzen , denken Sie an nichts als an Ihre künftige Schule ? Hegen Sie gar kein Interesse für irgend eine der Gestalten , die auf jenen Sofas und Stühlen sitzen ? Ist nicht ein Antlitz darunter , in dem Sie zu lesen suchen ? Nicht eine Gestalt , deren Bewegungen Sie wenigstens mit – mit – nun sagen wir mit Interesse verfolgen ? « » Es macht mir Vergnügen , alle Gesichter und alle Gestalten zu studieren . « » Aber machen Sie denn keinen Unterschied mit einem – – oder vielleicht zweien ? « » O gewiß , sehr oft sogar . Wenn die Gebärden oder Blicke eines Paares zum Verräter werden , so macht es mir das größte Vergnügen , sie zu beobachten . « » Und welche Geschichten lassen Sie sich denn am liebsten verraten ? « » Ach , die Auswahl ist nicht groß ! Sie drehen sich gewöhnlich um dasselbe Thema – um das Hofmachen ; und sie versprechen , mit derselben Katastrophe zu enden – mit der Heirat . « » Und darf ich fragen , ob dies einförmige Thema Ihnen gefällt ? « » Es ist mir in der That sehr gleichgiltig . Was geht mich dieses Thema an ? » Was es Sie angeht ? Wenn eine schöne , junge , vornehme , reiche Dame , strahlend von Leben und Gesundheit , bezaubernd , unterhaltend , witzig , – dasitzt und einem Herrn zulächelt , welchen Sie – – – « » Nun , welchen ich was ? « » Den Sie kennen , und von dem Sie vielleicht – gut denken . « » Ich kenne die Herren nicht , welche hier im Hause sind . Ich habe kaum eine Silbe mit einem derselben gesprochen ; und was das Gutdenken anbetrifft , so halte ich einige von ihnen für respektabel und stattlich und mittelalterlich , und andere wieder für jung und elegant und schön und lebhaft . Aber es steht ihnen allen frei , sich anlächeln zu lassen , von wem sie wollen , ohne daß diese That meine Gefühle auch nur im allermindesten berührt . « » Sie kennen die Herren hier im Hause nicht ? Sie haben mit keinem derselben auch nur ein Wort gesprochen ? Wollen Sie das von dem Herrn des Hauses auch behaupten ? « » Er ist nicht zu Hause . « » Eine geistreiche Bemerkung ! Eine höchst originelle Entgegnung ! Welch ein Gewäsch ! Er hat sich heute Morgen nach Millcote begeben und wird noch heute Abend oder spätestens morgen früh zurückkommen . Schließt dieser Umstand ihn etwa aus der Liste Ihrer Bekannten aus ? Verschwindet er dadurch ganz und gar aus Ihrem Leben ? Bitte , antworten Sie mir darauf ! « » Nein ! Aber ich kann nicht recht einsehen , was Mr. Rochester mit dem von