aber nicht verfinstern dürften . » Darum bat ich sie , von Hochseß hinunter , hierher zu ziehen , wo du ihnen nur begegnen wirst , wenn du willst , « schloß er . Mit einem beruhigten Lächeln richtete sie sich auf . » Wie gut das ist ! « sagte sie . » Nun liegt es an mir , den Bann des bösen Blickes zu brechen und wieder gut zu machen , was du in blinder Sorge um mich schlecht gemacht hast . Morgen schon bitt ' ich sie , wieder droben zu wohnen . « Sie näherten sich dem Schloßtor . Pechfackeln leuchteten an seinen beiden Seiten . Lichtergirlanden überspannten den ganzen Hof . Und als Norina den Fuß auf die Schwelle der Haustür setzte , krachten Böllerschüsse , zehnfaches , weithin hallendes Echo weckend , vom Schloßturm . Mit einem Lächeln , das ihr alle Herzen gewann , so sehr ihre hohe Gestalt und ihre königliche Haltung auch ehrfurchtgebietend erschien , wollte sie an Konrads Arm an den Reihen der Bediensteten vorüber in die hell erleuchtete Halle treten . Da vertrat eine groteske Erscheinung , halb Clown , halb Gespenst , ihr den Weg : in gelbem , fleckigem , vielfach geflicktem Pierrotkostüm ein uralter Mann . Sie schwankte , entsetzt nach dem Herzen greifend . » Giovanni , was sollen die Possen ! « dröhnte Konrads zornige Stimme . » Fort mit dir ! « Und er packte ihn an beiden Armen . Der Alte aber sah ihn nicht und fühlte ihn nicht ; seine Augen hingen wie gebannt an Norina . » Mein Seil ist gespannt , Monna Lavinia , « sagte er mit der klanglosen Stimme der Greise , » soll ich nun tanzen , damit Ihr lacht ? ! « Wütend wandte sich Konrad an die Diener : » Was haltet ihr Maulaffen feil ? ! Schafft ihn fort ! « Schon sprangen sie vor , sich des lustigen Spaßes freuend , als Norina , wieder ganz beruhigt , den Blick lächelnd zu Konrad erhob . » Schilt ihn nicht , Liebster , « bat sie weich ; » er hat mich lieb . Er kommt aus der Heimat . Laß ihn mir ! « Und sie legte die schlanke Rechte schützend auf den Kopf des Alten . Der aber sank unter dieser Berührung zusammen ; mit einem knarrenden Tone aufweinend wie ein kleines Kind , kauerte er , sich in die Falten ihres weiten , weißen Mantels vergrabend , ihr zu Füßen . Stumm starrten die Diener . Anbetend umfaßte Konrads Blick die geliebte Frau . Die Bogenlampe über der Türe warf ihr mildes , weißes Licht auf Norina und den Narren . Die Monde , die kamen , von mildem Herbsthimmel überdacht , von Schneewinterflocken eingesponnen , waren geweiht von einem einzigen stillen Warten . Eine in Mutterseligkeit verklärte Frau , ging Norina durch Haus und Hof . Selbst die Knechte und Mägde in Ställen und Scheunen spürten etwas von dem Glanz und dem Frieden , der von ihr ausging . Sie vergaßen ihres Zanks und mäßigten ihre lauten Reden , wenn sie auch nur von ferne vorüberkam . Mit sauersüßem Lächeln waren die Tanten , - die ihr Märtyrertum nicht selbst in Frage stellen wollten , und sich darum nicht merken ließen , wie sie sich im Grunde ihres Lebens auf dem Eckartshof gefreut hatten , wie die Teilnahme der Nachbarschaft an ihrer » Verbannung « ihnen zur Daseinsbereicherung geworden war - in ihre alten Hochsesser Räume wieder eingezogen . Durch tägliche kleine Aufmerksamkeiten warb Norina förmlich um sie , und wenn sie nachmittags mit ihnen am Teetisch saß - sie hatte die Gewohnheiten der Gräfin Savelli wieder aufgenommen - , und zarte Spitzen um all die vielen winzigen Hemdchen und Jäckchen setzte , dabei den guten Ratschlägen der alten Fräuleins freundlich zuhörend , wurden selbst die Züge Nataliens und Elisens stundenweise ganz weich . » Eine Zauberin bist du ! « sagte Konrad zu ihr . Sie schüttelte lächelnd den Kopf : » Nur eine ganz von Liebe Erfüllte . « Zu Fuß und zu Wagen machten sie täglich weite Ausflüge . » Ich muß meines Kindes Land entdecken wie du dein Mutterland , « versicherte Norina . Aber ihr Entdecken war zugleich ein Erobern . Denn die Fülle ihrer Liebe ließ sie im ärmlichsten Hause Eingang finden und mit den geschärften Blicken der Liebenden die versteckteste Not entdecken . Wie eine fremde Königin kam sie und überschüttete mit Gaben , was litt und darbte . » Ich will meinem Kinde die Wege bereiten , « sagte sie leuchtenden Auges , » die Welt soll ihm entgegenlachen , wohin es blickt . « » Mein Kind ! « - Es traf ihn immer wieder wie ein Nadelstich . Er entsann sich nicht , daß sie das » unser Kind « je wiederholt hätte , und es gab Augenblicke , wo etwas wie Haß gegen dieses Kind , das nicht eine innigere Bindung , sondern eine Schranke zwischen ihnen zu werden drohte , in ihm aufstieg . Er liebte Norina . Seit sie sein Weib geworden war , begehrte er sie immer leidenschaftlicher . Und immer mehr versagte sie sich ihm . Eines Abends überraschte er sie , wie sie vor dem Spiegel ihre Haare kämmte , aus deren schwarzer Fülle Hals und Schultern wie Mondlicht leuchteten . Kaum daß sie den heißen Blick seiner Augen sah , als sie sich , dunkel errötend , wie ein scheues Mädchen in die Falten des herabgeglittenen Kimonos wickelte . » Sag mir die Wahrheit , Geliebte , « flehte er , ihre beiden Hände umklammernd , » und wenn sie noch so bitter ist . Liebst du in mir nur den Vater deines Kindes ? « Da lächelte sie ihr unbeschreibliches , seliges Mutterlächeln . » Nur , sagst du , nur ? ! « flüsterte sie und lehnte den Kopf an seine Schultern , » weißt du denn nicht , daß das die allergrößte Liebe ist ? « Als im Spätherbst Carlo und Maud Savelli nach Hochseß kamen - sie hatten gleich nach ihrer Hochzeit die Saison in Deauville mitgemacht und waren dann in Paris geblieben - beschlich ihn ein leises Gefühl von Neid . Sie waren ein Liebespaar . Maud unterstrich mit allen Mitteln der Koketterie diesen Eindruck . » Gräßlich , verheiratet zu sein , « rief sie gleich am Abend ihrer Ankunft und schüttelte sich , » nichts hat mehr den entzückenden Reiz des Unerlaubten ! Wenigstens hab ' ich es so weit gebracht , daß man mich überall für seine Mätresse hält . « Dabei schaukelte sie auf Carlos Schoß , der sie lachend in die Wange kniff . » Die Perfektion , mit der sie ihre Rolle spielt , « sagte er , » ist so groß , daß ein verrückter Amerikaner tatsächlich meine Erlaubnis einholen wollte , um sie - werben zu dürfen . « » Macheart doch nicht etwa ? « frug Konrad überrascht . » Ach richtig ! « sagte Carlo gedehnt und zwinkerte lustig mit den Augen ; » ihr kennt euch ja ! « Inzwischen zog Maud die Schwägerin in eine Ecke . » Schon jetzt , du Arme ? « - ein bedeutungsvoller , erstaunt mitleidiger Blick ruhte bei der Frage auf Norinas Gestalt - . » Konrad hätte sich wirklich in acht nehmen können ! « Norinas Freude über ihre Hoffnung verblüffte sie förmlich . » Übrigens , « flüsterte indessen Carlo Konrad zu , » die Leonie Doris läßt dich grüßen . Ein Prachtweib , sag ' ich dir . Aber nicht zu bezahlen . Nur darum mußte Macheart sie abtreten . Irgendeinem Großfürsten , erzählt man sich . « Leonie ! War ' s nicht die Geschichte eines anderen , an die ihn dieser Name erinnerte ? Er sah nur Norina . » Denke dir , Carlo , « hob das Vogelstimmchen Mauds wieder zu zwitschern an , » sie wollten das Kind ! ! Na , chaqu ' un à son goût ! Wir gönnen uns den notwendigen Stammhalter erst , wenn wir aufgehört haben werden , ineinander verliebt zu sein . Ihr macht ' s umgekehrt , was ? Bei euch soll der Rausch der Liebe nachher kommen ? ! Dann denk ' ich mir freilich ein Kind als Zeugen und Anhängsel äußerst unangenehm ! « Norina schwieg hartnäckig . Als sie sich getrennt hatten , sagte sie zu Konrad : » Du siehst , wie weltenfremd wir einander sind . Mir käm ' s wie Entweihung vor , mit ihr von meiner Liebe zu reden . « Konrad zog sie in die Arme : » Liebst du mich denn , Norina ? « All seine brennende Sehnsucht lag in seiner Frage . » Wäre ich sonst dein Weib ? « antwortete sie weich , dem Druck seiner Arme nachgebend - . Am nächsten Morgen , als sie erwachte , schien die helle Sonne auf das Antlitz des schlafenden Mannes neben ihr . Wie vergrämt es aussah ! Wie tief die Falte zwischen seinen Brauen stand ! Sie erschrak so sehr , daß ihr Herz wild zu pochen begann . Hatte sie ihm wehgetan ? Ihr blasses Gesicht überzog sich mit dunklem Rot . War sie ihm irgend etwas schuldig geblieben ? Was hatte Maud gesagt ? - Der Liebesrausch , der vor dem Kinde kommt , oder nach ihm kommen muß ! Auch sie hatte einmal Träume gehabt - heiße Träume , als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war ! Und hatte sich dann dem ersten Manne vermählt , ganz gleichgültig . Darum war wohl auch das Kind in ihrem Leibe gestorben ! Aber dieses Kind würde leben - leben ! » Denn ich liebe ihn , « sagte sie unwillkürlich laut , als müsse sie es vor sich selbst bekräftigen . Die ganze Zeit , die sie einander kannten , erwachte vor ihr : wie ein sonnenheller Frühlingstag war sie . » Wie ein Frühlingstag - « wiederholte sie langsam , vor sich hinstarrend . Kein Sommer ! Und ihre Liebe , die Frucht tragende Liebe , war sie nicht eine wilde Rose mit ihren fünf kleinen Blättchen , den blassen , leicht zerflatternden ; der Liebesrausch aber , den sie nicht kannte , den er ersehnte - sie wußte es plötzlich , als hätte er es selbst gesagt - , war er jene wundervolle gefüllte Gartenrose , die um ihrer Schönheit willen keine Früchte tragen darf ? ! » So hab ' ich ihn nicht genug geliebt ? ! « schrie es auf in ihrem Herzen ; » gib mir ein Zeichen , ein einziges Zeichen deiner Gnade , heilige Mutter Gottes ! « Da hüpfte das Kind in ihrem Leibe , ganz deutlich , zum erstenmal . Mit einem seligen Lächeln sank sie wieder in die Kissen zurück , den Kopf an Konrads Schulter , und schlief ein . Am nächsten Tage - sie trug ein Kleid aus dunkelgrüner Seide , das in tiefen Falten an ihr niederfiel , nur mit einem Kragen alter Spitzen geschmückt - war sie so schön , daß selbst Maud , die sonst viel zu sehr mit sich beschäftigt war , um für den Reiz anderer Frauen einen Blick übrig zu haben , in hellstes Entzücken geriet . » So , gerade so müßtest du dich malen lassen , « rief sie aus ; » alle Frauen würden bersten vor Neid angesichts eines solchen Bildes ! Strahlst du doch wie verklärt zu einer Zeit , wo sie samt und sonders scheußlich sind ! « » Und wir hätten auch schon den rechten Maler für dich , « warf Carlo ein . » Vittorio Tenda ! « Norina sah verwundert auf : » Vittorio Tenda lebt ? ! « Carlo nickte lächelnd : » Vittorio Tenda - ja ! Er lebt nicht nur , er ist sogar ein Maler geworden ! Wie wär ' s , Konrad , willst du Norinas ersten Verehrer zu ihrem Porträtisten machen ? ! « » Warum nicht ? « entgegnete der , auf den Scherz eingehend , » bin ich doch sicher , daß es ein abgewiesener Freier war . « Carlo lachte hell auf : » Freier ! Ausgezeichnet ! - Der Sohn des alten Lucca vom Ponto Vecchio der Freier der Contessa Savelli ! « Maud wurde neugierig : » Das ist ja schrecklich romantisch ! Erzähle , Norina - bitte , bitte , wie war ' s ? « quälte sie . » Es ist nichts zum Lachen , Maud , « antwortete Norina ablehnend . Und Konrad kam ihr zu Hilfe , indem er , zu Carlo gewendet , frug : » Was weißt du von ihm ? Am Ende wäre dein Scherz ernsthaft zu erwägen ? « Ich sah bei einem Kunsthändler ein paar Porträts mit seinem Namen gezeichnet , « begann der Graf . » Wißt ihr , so ganz verrückte , « unterbrach ihn Maud lebhaft , » Menschen mit grünen Backen und blauen Haaren . « Konrad notierte sich die Adresse . » Ich werde mich nach ihm erkundigen lassen , « sagte er , und fügte , mit einem Blick auf Norina , hinzu : » Was meinst du , wenn er der erste Anwärter auf eine unserer Klosterzellen wäre ? « » Klosterzelle ? ! « Maud horchte auf , und Konrad erzählte ihr von dem Plan , den Eckartshof erholungs-und ruhebedürftigen Künstlern zur Verfügung zu stellen . Sie klatschte vergnügt in die Hände . » Norina als Königin eines Musenhofes - wundervoll ! « rief sie , » aber nicht wahr , ihr ladet mich ein , wenn schöne Frauen unter die edlen Sänger die ersten Kränze verteilen ? « Und scherzend gingen sie auseinander , ohne des Malers noch einmal Erwähnung zu tun . » Ich danke dir , « sagte Norina warm , als sie allein mit Konrad war ; » Mauds Gelächter und Carlos Spott vertrag ' ich nicht immer . « Konrad drückte ihr die Hand . » Ich verstehe , « entgegnete er zärtlich . » Was meinst du : wollen wir deinem alten Freunde weiterhelfen ? « Ein dankbarer Blick lohnte ihn . Als sie aber dann allein in ihrem Zimmer war , das nur ein paar Kerzen flackernd erleuchteten , und vor den Spiegel trat , sah ihr ein Gesicht entgegen , vor dem sie erschrak . Waren das ihre Augen , die so unruhig flackerten ? War es ihr Herz , das aus ihnen sprach ? Und was pochte plötzlich so ungestüm in ihren Adern , daß sie an den Schläfen in blauen Strichen scharf hervortraten ? - Vittorio Tenda , der Handwerkersohn , der die brennende Glut seines Herzens im Arno löschen wollte , - der Bettler , dem sie Geld hinwarf statt ihres Herzens , und der es nahm ? ! Sie wollte eben die Lippen hochmütig schürzen , den Kopf stolz in den Nacken werfen , als die Tränen ihr aus den Augen stürzten , unaufhaltsam . Warum nur , warum ? Während des Aufenthalts der Savellis , der nicht unbekannt blieb - die Tanten hielten einen brieflichen Verkehr mit den Nachbarn um so eifriger aufrecht , je mehr der persönliche unterbrochen war - , machten die Greifensteiner ihren Gegenbesuch . Sie hatten ihn lang genug aufgeschoben , waren doch die Hochsesser von der alten Tradition abgewichen , indem sie ihre Antrittsvisite nicht angekündigt und einfach ihre Karten zurückgelassen hatten , und man sich notgedrungen - man war ja so gar nicht in Toilette gewesen ! - verleugnen lassen mußte ! Die Baronin Rothausen hatte bei dem nach diesem Ereignis rasch zusammen geladenen Teebesuch der Nachbarn energisch erklärt , daß man der » hochmütigen Ausländerin « beweisen würde , wie wenig gespannt man auf ihre Bekanntschaft sei . In der Tat war die Bezähmung der allgemeinen Neugierde nur das Resultat äußerster Selbstbeherrschung . Sie wäre unmöglich gewesen , wenn man nicht durch die alten Fräuleins so genau über alle Details der jungen Ehe unterrichtet gewesen wäre , und sie hatte jetzt - wo die Kunde von der amerikanischen Milliardärin und ihren fabelhaften Toiletten überall verbreitet war - ihre äußerste Grenze erreicht . » Wie Sie Ihrer verstorbenen Frau Schwiegermutter ähnlich sehen ! « flötete die Baronin nach überaus zärtlicher Begrüßung der » lieben , jungen Nachbarin « , und fügte augenverdrehend hinzu : » daß die Arme ein so trauriges Ende nehmen mußte ! « Vergebens erwartete sie - was bisher von keinem jungvermählten Paar umgangen worden war - den Rundgang durch Haus und Wirtschaft . Norina dachte gar nicht daran , fremden Menschen einen weiteren Einblick in ihre Häuslichkeit zu gewähren , als den in ihre Empfangsräume , und da sie sich ebenso in ihnen bewegte wie in den großen hohen Sälen des Palazzo Savelli , so war das Urteil über sie , das binnen kurzem das Urteil der ganzen Nachbarschaft sein würde , rasch gefällt : » hochmütige , kaltschnäuzige Pute « , dachte Frau von Rothausen bissig und setzte sich ostentativ zu den alten Fräuleins . Norina versuchte indessen , Hilden in ein Gespräch zu ziehen . Das junge Mädchen , die in den wenigen Jahren , seit Konrad sie nicht gesehen hatte , rasch gealtert war - wie Frauen altern , die nichts haben als ihre Jugend - , tat ihr leid . Sie wußte , daß sie Konrad bestimmt gewesen war ; vielleicht hatte sie ihn sogar geliebt , so geliebt , wie sie sich erinnerte von ihrer Erzieherin gehört zu haben , daß deutsche Mädchen lieben : bis zur völligen Aufopferung ihrer selbst . Sie versuchte alle Tasten auf der Klaviatur des Herzens anzuschlagen , vergebens . » Wie verstimmt dieses Instrument sein muß , « dachte sie , bis Hilde plötzlich aus fast peinlicher Einsilbigkeit heraus , von ihrer Kinderfreundschaft mit Konrad , ihrem letzten längeren Besuch auf Hochseß - » wo alle Fäden sich zwischen uns wieder anknüpften , « wie sie geziert bemerkte - , eifrig zu erzählen begann . » Was wohl aus dem Fräulein geworden sein mag , « meinte sie dann , ihre Stimme erhebend , » die mich damals durch ihr taktloses Benehmen zwang , meinen Aufenthalt abzubrechen ? Wie hieß sie doch ? ! Ach ja - Gerstenbergk - glaube ich , oder Gerstental . « » Gerstenbergk ? « wiederholte Norina fragend . In den matten Augen Hildens zuckte es triumphierend auf : Sie wußte also offenbar nichts von ihr . » Ja , Else Gerstenbergk , « entgegnete sie dann ; » ein Mädchen , die für irgendein Geschäft Puppen anzog , und die in unbegreiflicher Güte von der alten Frau Gräfin zu ihrer Erholung hierher geladen worden war . Sie war wohl in Berlin , wo dergleichen möglich sein soll , Ihrem Herrn Gemahl nahe getreten . « Norina lächelte . » Gewiß , Konrad erzählte mir von ihr , « sagte sie , den Kopf hochmütig in den Nacken werfend , » und ich freue mich , auch von Ihnen bestätigt zu hören , daß die Gräfin Savelli uns mit gutem Beispiel voranging . Wir werden den ganzen Eckartshof nunmehr Erholungsbedürftigen zur Verfügung stellen . « Damit ließ sie das Mädchen stehen und ging in Konrads Zimmer , wo Maud als einzige Dame zigarettenrauchend zwischen den Herren saß . Sie sah nur noch , wie Alex Rothausen Konrad lachend auf die Schulter schlug und hörte , als er sagte : » Spiel doch nicht den Säulenheiligen , Vetter ! Du wirst doch nicht leugnen können , Frau Renetta Veit auf Mord den Hof gemacht zu haben . « Wurden alle Gespenster wieder wach ? dachte Konrad müde . Da trat Norina an den Tisch . Alex schwieg betreten ; eine Verlegenheitspause trat ein , die Mauds Lachen unterbrach . » Was die Deutschen komisch sind ! « sagte sie ; » Norina ist doch kein Kind mehr . Sie weiß so genau wie ich , daß alle Männer vor der Ehe ihre Aventüren haben . « Und Norina stimmte in ihr Gelächter ein . Nur Konrad sah ihre Blässe und daß sie seinen Blicken auswich . Warum hatte er ihr auch nicht früher von seiner Vergangenheit erzählt , - seiner Vergangenheit , die ihm gar nicht mehr gehörte , seitdem Gegenwart und Zukunft und die ganze Ewigkeit nur unter einem Namen stand : Norina . Endlich gingen die Gäste , nachdem sie wiederholt auf » gute Nachbarschaft « angestoßen und von dem » reizenden Abend « , dem » entzückenden Zusammensein « gesprochen hatten . » Wie müde du bist , Liebling , « sagte Konrad , als er danach in Norinas völlig erschlaffte Züge sah . Sie nickte nur . Wenn er sie doch jetzt allein lassen wollte ! Aber er ging ihr nach . » Hast du noch ein wenig Zeit für mich ? « frug er zärtlich . Wie hätte sie » nein « sagen können , - sie wollte ihn ja nicht verletzen . Sie nickte wieder . Und vor dem Kamine sitzend , vor dem er so oft mit der Großmutter gesessen hatte , erzählte er ihr von Renetta - kurz und kühl , ohne sich anzuklagen oder sich zu entschuldigen , eine fremde Geschichte . Norina schwieg , den Fuchsschwanz des Pelzes , der um ihre Schultern lag , immer wieder durch die Hände ziehend . Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen . Sie wußte genau , wie töricht es war . Was gingen sie Konrads vergangene Neigungen an ? sagte ihr Verstand deutlich genug . Dennoch ! - Sie dachte ihres ersten Mannes , von dessen leichtfertigem Leben sie zu spät erfuhr , - als die Ärzte das tote Kind ihrem qualvoll zuckenden Leibe längst entrissen hatten , und Wochen der Verzweiflung , der Selbstvorwürfe hinter ihr lagen . Alle Dirnen von Florenz rühmte er sich besessen zu haben ! Sie sah mit scheuem Blick zu Konrad hinüber . Warum sprach er nicht weiter ? Dieses Weib wird das einzige nicht gewesen sein ! Er hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt . An Else dachte er . Durfte er Geheimnisse preisgeben , die die ihren waren ? Den Schleier heben , den von ihren Tränen geweihten , den sie selbst darüber gelegt hatte ? » Wer war Else Gerstenbergk ? « fragte ihn in diesem Augenblick Norinas hart gewordene Stimme . Da erzählte er auch von ihr . Und Norina hörte auf , den Fuchsschwanz durch ihre Hände zu ziehen ; sie lagen ihr ganz still im Schoß . » Und - du weißt nichts von ihr ? Gar nichts ? « frug sie dann . » Nein - nichts ! « Norinas dunkle Augen starrten sekundenlang ins Feuer . » Ob sie ein Kind haben mag von dir ? « flüsterte sie vor sich hin . Es wurde einsam auf Hochseß . Die Gäste reisten ab . Der Winter kam . Und immer mehr schien Norina sich in sich selbst zurückziehen zu wollen . Konrad fühlte es , aber er bemühte sich , jedes Gefühl der Kränkung zurückzudrängen . Er suchte sie zu verstehen , ihren unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen , auch wenn sie sich oft heimlich davonschlich , um allein in den Wald zu gehen . Und so folgte ihr nur sein sehnsüchtiger Blick , so oft ihre hohe Gestalt in den Zobelmantel gewickelt den Windungen der Hügel entlang auf den verschneiten Parkwegen schritt , oder drunten im Tal dem Lauf des vereisten Baches folgte . Er neidete es dem alten Giovanni , daß er ihr keine Störung war , wenn er , ein treuer Hund , jedem ihrer Schritte leise nachging . Und er atmete erleichtert auf , sah er sie von ihm begleitet in einsame Wege biegen . Er wußte : war des Alten Hand auch zu schwach , sie zu schützen , sein bloßes Erscheinen genügte , um alles in die Flucht zu schlagen . Bei den Aufgeklärten galt er für wahnsinnig ; die meisten aber - auch solche , die es nicht Wort haben wollten - glaubten ihn im Besitz höllischer Kräfte und Künste . War es nicht seltsam , daß er überall erschien , wie aus dem Boden gewachsen , wo Norinas Name anders als in tiefster Ehrerbietung genannt wurde ? Daß er den Greifensteinern auf ihren abendlichen Spaziergängen plötzlich begegnete , so daß sie entsetzt zusammenfuhren , und mitten in den intimsten Unterhaltungen der alten Fräuleins auftauchte , ihnen mit einem Grinsen , das höflich sein sollte , irgendeinen verlorenen Handschuh überreichend ? Und niemand wagte , sich über ihn zu beklagen , kam er doch immer nur dann , wenn das Gespräch vor dem Hochsesser sich nicht hätte verteidigen lassen . Kürzlich - so erzählten sie sich in allen Gesindestuben - war sein Schatten , klein und krumm und schwarz , an den Fenstern des Pfarrhauses vorübergeschritten , als der Herr Pastor just am Schreibpult stand , um der Frau Baronin auf ihre Bitte , das kleine Gotteshaus auch außerhalb der Predigt offen zu halten , ablehnenden Bescheid zu geben . Greulich gekichert habe er . Der würdige Geistliche sei darob tief erschrocken gewesen ! Und nun grübe er allnächtlich im flackernden Lichte einer Bergmannslaterne den verschütteten Eingang der alten Höhle aus , in der vor Zeiten die alte italienische Gräfin zu ihren Heiligen gebetet habe . Die Greislerin , die katholische , wußte es ganz genau und erzählte es trumphierend : Da unten vor dem holzgeschnitzten Bild eines nackten Weibes , hatte der Konrad heimlich die erste Taufe empfangen ; ihre Mutter selig wußte den Zug der Priester und der Chorknaben noch gut zu beschreiben , der in der Mainacht leise von Vierzehnheiligen herüber durch die Wälder gewandelt sei . Gewiß : auch das Kind , das Norina unter dem Herzen trug , würde dort unten der allein seligmachenden Kirche geweiht werden . Norina ging nicht mehr - nachdem sie es zweimal getan hatte - in die protestantische Kirche . Der Herrensitz in dem weißgetünchten Raum unter dem großen braunen Kruzifix blieb leer . Aber zwei Stunden weit in das nächste katholische Pfarrdorf fuhr sie immer häufiger , der Herr Baron mit ihr und der welsche Teufel auf dem Bock . Und der Pastor unten predigte schon von der » Gefahr der Seelen « . Und die Tanten prophezeiten heimlich den Untergang der Hochseß durch die Abkehr vom rechten Glauben . Norina wußte von all dem Geflüster nichts , denn Giovanni verschloß in sich , was er hörte . » Der Wald ist wie ein Dom aus Alabaster , « sagte sie einmal , als sie an einem weißen Wintermorgen in Konrads Zimmer trat , » komm mit ! « und bittend erhob sie den Blick zu ihm . » Mit tausend Freuden ! « rief er . An diesem Tage blieb Giovanni im Turm . Die beiden aber standen andächtig , Arm in Arm , unter den schneeschweren Zweigen , die in zitternden Sonnenstrahlen erglänzten . » Nun kommt bald der Tau und zerstört meine Kirche , « meinte Norina betrübt . » Und dann kommt der Frühling und baut sie aus Blättern und Blumen für unser Kind , « flüsterte er ihr zu . » Und in dieser Kirche , nur in dieser , wollen wir es dem Höchsten weihen ! « rief sie begeistert . » Da unten , mein ' ich , wohnt er nicht ! « Und sie zeigte auf den spitzen Turm , der dunkel aus den weißen Wäldern ragte . Zu Hause , am Kamin , spann sie ihre Gedanken weiter . » Hast du wohl bemerkt , um wieviel fröhlicher die Menschen in den katholischen Dörfern sind ? « sagte sie . » Selbst ihre Kleider sind bunter ! « Er nickte bestätigend : » Man glaubt vielfach , es sei das leichtere Wendenblut , das sich bemerkbar mache ! « » Ich weiß eine andere Erklärung , « entgegnete sie , » bei euch herrscht der Gekreuzigte . In allen Kirchen eine Mahnung an den Tod . Bei uns die Mutter - in jedem Bauernhaus , wo unter ihrem Bilde das Lämpchen glüht , eine Mahnung an das Leben ! « » Warum sprichst du von euch und uns , « meinte er mit einem tiefen ernsten Blick , » haben wir - du und ich - nicht ein Symbol des Heiligsten ? « Sie schmiegte sich an ihn , so zärtlich wie seit Monden nicht . » Ich weiß , « sagte sie , » und darum bitt ' ich dich : laß unser Kind nicht unter dem schwarzen Kreuze taufen . « » Unser Kind ! « jubelte er : » am liebsten trüg ' ich ' s nach San Miniato - mitten hinein in Glanz und Licht . « Von jenem Abend an hörten Norinas einsame Winterwanderungen auf . Im Schlosse aber entstand ein reges Leben . Maurer und Zimmerleute gingen aus und ein ; es wurde geklopft , geweißt , gehämmert » Die Kapelle der Baronin ! « flüsterten sich die Leute vielsagend zu . Und die Gesichter der alten Baronessen wurden lang , ihre Augen verloren wieder jeden freundlichen Schimmer . Giovanni schlug das Kreuz , wenn er sie sah . » Wir sind die letzten , die die Traditionen der Hochseß aufrecht erhalten , « erklärten sie , nachdem sie schon tagelang dem Nachmittagstee ferngeblieben waren und sich nun feierlich zu einer wichtigen Unterredung bei Konrad eingefunden hatten . » Wir fordern Rechenschaft . Willst du , der Nachkomme eines der ersten evangelischen Ritter Frankens , dein Kind zu einem Abtrünnigen machen ? « » Abtrünnig aller Finsternis - ja ! « sagte er , die Stirne runzelnd , um , als sie verständnislos von einem zum andern sahen , mit leichtem Spott hinzuzufügen : » Besänftigt euren Zorn , liebe Tanten , und den des Herrn