Angst , daß sie diesen heiseren Todesschrei des Erschlagenen noch einmal hören müßte . Die Finsternis eines Kerkers ? Nein ! Das war die schwere Nacht , die sich über das Schlachtfeld beugte . Mit dunklem Mantel umwickelte sie die vielen noch Lebenden , die sich in Schmerz und Wunden krümmten , und bedeckte schwarz die vielen Toten , die sich nimmer regten . Wie verkohlte Pfähle lagen sie da . Nur ein einziger glich noch einem Menschen , war klar zu sehen , deutlich zu erkennen . Wie in schöner Sonne lag er inmitten dieser grauenvollen Finsternis , hatte einen roten Blutstrom auf der weißen Stirne , war tot und hatte dennoch offene , lebende Augen . Und als die Suchende kam , diese verzweifelt und ruhelos Irrende , da richtete sich der Tote wie durch ein Wunder auf , war anzusehen wie die Lichtgestalt eines Heiligen , streifte mit langsamer Hand das Blut von seiner Stirne fort , lächelte ein bißchen und sagte leis : » Ich bin nicht , was du mich gescholten hast . Warum erschlugst du mich ? « Sie wollte schreien und streckte die Arme . Da zerfloß das leuchtende Bild in der Finsternis . Und die tastenden Hände der völlig Erwachten fühlten die kühle Mauer , fühlten das Tischlein mit Teller und Glas , die Vorhänge des Bettes und die linden Kissen , die heiß waren von der Glut ihres zitternden Leibes . Und da fiel in ihre Seele ein neuer Sturm , der sich mischte aus Schmerz und Sehnsucht , aus Glück und Freude . Jetzt wußte sie , dieses Fürchterliche war nur ein Traum gewesen , ein böser Traum , der sich weitergesponnen hatte vor ihren offenen Augen . Und da wußte sie auch wieder , wem diese kleine Stube gehörte - wußte , in wessen Bett sie lag . Erschrocken und selig preßte sie unter zerbissenem Schluchzen das Gesicht in die Kissen , die naß wurden von ihren Tränen . Und während ein lautloses Schluchzen ihren Körper schüttelte , glitt alles , was seit den Gewitterstunden auf dem Untersberg nur ein unbewußtes Erleben gewesen , in jagenden Bildern an ihr vorüber . Diese grauenvolle Nacht ! Sie ist wie ein Zorngericht des Himmels , der die sündhafte Erde verdammt . Dieses ohrenbetäubende Rauschen des Regens , der den lohenden Brand des Waldverhaues ertränkt und in der Finsternis auf die Menschen lospeitscht ! Dieses Feuerschwimmen der Blitze , das ruhelose Gebrüll des Donners ! Zwischen Sturzbächen und springenden Felsbrocken kämpfen sich die Sechsundzwanzig Schritt um Schritt durch die steile Wand , bei jedem Atemzug bedroht von einer unsichtbaren Faust des Todes . Mühsam und keuchend klettern sie . Kein Blitz mehr . Nur manchmal noch ein mattes Aufleuchten . Und immer ferner rollt der Riesenkarren des Donners . Unter dicken Nebelfluten will der Morgen grauen . Die Sechsundzwanzig hocken hinter Steinblöcken , die zum Sturz gerichtet sind , und harren im Gewoge des Nebels auf das Sturmzeichen vom Fuchsenstein . Der Tag wird hell , und sausender Westwind fährt in die Nebelschwaden . Manchmal taucht eine Bergrippe , ein Stück des Tales aus dem wirbelnden Grau heraus . Da dröhnt der erste Schuß der Landshuterin . Schuß um Schuß , glle mit dem Echo zusammenrinnend zu einem ununterbrochenen Tongebrüll . Jetzt ein dumpfes Gerassel . Ein Turm ist gefallen , ist ein Schutthaufen über zerdrückten Leichen . Verwehte Menschenstimmen , wie das Kreischen lustiger Kinder . Spielen sie Krieg , diese Kleinen ? Man hört ein Gemecker wie von winzigen Trompeten . Durch einen Riß des Nebels sieht man drunten im Tal das Aschenfeld des niedergebrannten Waldverhaues . In dieser Asche kriecht eine lange , bunte Raupe mit glänzenden Haarbüscheln - die Kolonne der Stürmenden mit Langspießen und Mauerleitern . Wirres Geschrei , und jetzt ein feines Klingen , als würde ein Sack Münzen ausgeleert . » Achtung ! « schreit Malimmes . » Die sind bei der Mauer schon handgemein . « Auf dem Fuchsenstein drei schmetternde Trompetenstöße . » Los ! Fürwärts ! « Ein Geklirr der Schienen und Platten . Eiserne Schultern stemmen sich gegen die fällig gestellten Felsblöcke . Sechsundzwanzig Stimmen schreien die Sturmlosung . Die Blöcke fangen zu rollen an , springen und poltern , verschwinden krachend im Nebel . Schreck und Verwirrung rennen dem Häuflein der Sechsundzwanzig als Kampfgenossen voraus . Der Widerstand der Besatzung , von einer dunklen Gefahr im Rücken gefaßt , wird schwächer und zerflattert . Wie ein Schwärm von Flöhen hüpfen die Bayrischen über die zerbröselte Mauer . Und Fünfundzwanzig , die aus dem Wald herausbrechen , schlagen mit blitzenden Schwertern los . Nur einer , ein schlanker Bub , bringt keinen Streich zuwege , ist wie ein Blinder , wie ein halb Ohnmächtiger . Malimmes , der immer lacht und schreit , muß mit dem sausenden Bidenhänder die Hiebe der Gadnischen von dem Buben abwehren und kreischt ihm zu : » Denk an den Jakob ! « Und da schrillt die Stimme des Buben : » Jakob , Jakob , Jakob , Jakob ! « Jeder Schrei dieses Namens wird ein zorniger Streich mit dem , Eisen . Klirrendes Gemenge . Spritzendes Blut . Braune Gesichter werden bleich . Menschen stürzen und seufzen , winden sich stöhnend unter eisernen Tritten . » Los , los , fürwärts « , brüllt Malimmes , » hinter meinem Herren her , oder mein Herr ist hin ! « Mit dreschenden Hieben hat Runotter eine Gasse durch das kämpfende Gewühl gebrochen . Er schlägt und schlägt . Seine Augen suchen . Jetzt ein Schrei wie in tierischer Freude . Er hat den Gegner gefunden , den er suchte . Prasselnd fallen des Runotters Hiebe auf diesen Keuchenden nieder , der sich verzweifelt wehrt . Die Stahlhaube des Gadnischen Hofmanns geht in Scherben , ein rotes Bächlein fährt ihm über Nase und Bart. Da saust der lange Bidenhänder zwischen die beiden hinein , Malimmes stößt den Bruder seitwärts , faßt den Taumelnden am Bein , reißt ihn zu Boden - » Narr ! Bleib liegen ! « - und über den Blutenden geht das wüste Gedräng der Kämpfer hinüber . Auf allen vieren fängt Marimpfel zu kriechen an , gewinnt den Waldsaum , reißt einen von den angepflöckten Gäulen los und klettert mühsam in den Sattel des scheuenden Tieres . Ein letzter , wilder Kampf um Hof und Torhalle der Feste . Wieder sucht Runotter . Und findet . Jetzt fährt ihm auch kein Bidenhänder vor die dreschende Klinge hin . Unter dem lallenden Todesschrei » Herr Jesus ! « bricht der Gadnische Vogt wie eine klirrende Eisensäule unter den Streichen des Bauern zusammen . Ein wirres , jubelndes Geschrei . Das Tor ist genommen . Die Brücke fällt . Durch die Torhalle drängen Herzog Heinrichs Harnischer . Der alte Hauptmann des Hallturms , Herr Armansperger , wird vom Gaul gerissen und gefangen . Mit drängendem . Gewirre - halb noch Kampf , doch halb schon eine schauerliche Posse - beginnt die Flucht der Überwundenen , umschleiert von wehenden Nebelfetzen , umwirbelt vom Qualm der brennenden Gebäude . Die Sieger sind verwandelt in gierige Sackmacher . Hundert Stimmen schreien ? » Die Gaul ! Die Gaul ! « Rennende Troßknechte . Ein Gewühl von Rossen , die man vom Aschenfeld hereinbringt durch die mit Leichen und Verwundeten gepflasterte Torhalle . Hinter den Flüchtenden geht ein grausames Jagen und Hetzen her . Und der schlanke Bub , ohne Eisenhut , mit blutbespritzter Kettenhaube , den Küraß und die Schienen von Schmutz und Asche umkrustet , rennt und schreit , findet den Falben , zerrt sich in den Sattel , taumelt auf dem Gaule , den er hetzt und mit schmeichelnden Lauten kost - und hinter dem Buben schreien zwei Erschrockene in Sorge : » Jul ! Jul ! Jul ! « - Vor der Seele des gequälten Menschenkindes , das in dunkler Nacht unter ersticktem Schluchzen das Gesicht in die Kissen wühlte , erlöschen die Bilder . Alles Geschehene wird ein Wirres und Unbegreifliches , ein Schauder und Grauen , wird eine müde Dumpfheit ohne Sinn und Willen , wird zur Marter einer hilflosen und verstörten Sehnsucht . Um das kleine , vergitterte Altanenfenster dämmert das Erwachen des Tages . Und irgendwo ist ein leises , ruheloses und wunderliches Tönen . Das klingt , wie wenn ein Schnitter seine Sense dengelt - und klingt , als wär ' s der hastige Schlag eines stählernen Herzens gegen eine Brust von Eisen . Zweites Buch 1 Die erste Stimme des jungen Morgens , der zu Berchtesgaden erwachen wollte , war ein dünnes Pochen und Klingen , das sich flink und ruhelos wiederholte . Im Flur des Someinerschen Hauses saß Malimmes rittlings auf einer Holzbank und klopfte mit dem Hammer an des Buben Küraß die Dullen aus . Auch von den Nachbarhäusern war das gleiche Hämmern und Pochen zu hören . Gepanzerte Wachen klirrten auf der Straße vorüber ; Gäule wurden hin und her geführt ; verstörte Weibsbilder huschten vorbei ; und von irgendwo hörte man den johlenden Gesang bezechter Kriegsleute . Malimmes hob das Eisenzeug auf den Arm und ging zur Amtsstube . Die zwei Knechte waren schon im Stall ; Runotter schlief noch und lag auf dem Heu wie ein regungsloser Klotz . Um Ruhe zu finden , hatte dieser sonst so Mäßige am verwichenen Abend schwer gebechert , bis spät in die Nacht hinein . Der Soldknecht beugte sich nieder und rüttelte den Schlafenden am Arm . Runotter hob den Kopf ; sein stumpfer Blick ging langsam über die hellen Fenster hin . » Herr « , sagte Malimmes , » der Morgen ist da . « Dann stieg er die zwei Treppen hinauf , stellte die blanken Wehrstücke des Buben auf den Boden hin und ließ das Eisen ein bißchen klirren . Er lauschte . In dem weißen Stübchen da drinnen blieb es still . Als Malimmes wieder hinunterstieg , begegnete ihm die Amtmännin , die verschüchtert die böse Narbe des Söldners anstarrte . Sie schien diesen schreckhaft aussehenden Kerl , obwohl er lachte , nicht unter die guten Seelen zu rechnen . Er sagte : » Frau ! Für den Buben da droben müsset Ihr was tun ! « Frau Marianne nickte gleich . » Er hat bei der Hallturmer Mauer das Helmdach verloren . Jetzt braucht er ein neues Eisenhütl . « Die Amtmännin stammelte : » Ach , Mensch , da weiß ich aber nicht - « » Geh , Frau ! Ihr habt doch einen ausgewachsenen Sohn . « Schweigend ging Frau Marianne davon . Und sie hatte nasse Augen , als sie einen zierlichen Stahlhelm mit grauem Reiherbusch aus der Stube brachte . Malimmes lachte . » Gelt ? Wenn man will , geht alles . Jetzt tragt ihm das Hütl aber auch selber hinauf ! Mit einem rechtschaffenen Frühmahl ! « Er nickte der Amtmännin lustig zu . Drunten im Hofe fand er den Runotter , der sich am Brunnen wusch . » Recht so , Herr ! Kalt Wasser ist gut . Des Weins , mein ' ich , ist dir gestern ein Kitzel zu viel worden ? Nit ? « » Ich hab schlafen können . « Runotter richtete sich auf . Seine nassen , völlig ergrauten Haare tropften , und dünne Glitzerfäden liefen ihm über das müde Gesicht . » Jetzt bin ich wieder nüchtern . Und da ist mir allweil eine Frag im Hirn . « » Was für eine ? « Mit schwerer Trauer in den Augen sah Runotter den Söldner an . » Was besser ist : Unrecht leiden oder Unrecht tun ? « » Herr ! Da ist eins so dumm wie das ander . Der richtige Weg geht zwischendurch . « » Den finden bloß die Glückhaften . « » Nit wahr ist ' s. Man muß halt suchen . Aber komm ! Eins nach dem andern . Jetzt essen wir zuerst die Supp . « Als sie bei der Schüssel saßen , kamen zwei von den Plaienschen Soldknechten und holten den Malimmes zum Hauptmann Grans . Er schien diesen Weg nicht gerne zu machen . Und flüsterte dem Runotter zu : » Laß den Buben nit aus dem Haus ! Und die Gäul müssen unter Zaum und Sattel sein . Den ganzen Tag . « » Was fürchtest ? « » Geforchten hab ich noch nie was . Aber gestern hab ich allerlei gemerkt , das mir nit gefallen hat . Wir reden noch drüber . Jetzt muß ich zum Hauptmann . Hauptleut warten nit gern . « Als Malimmes das Haus verlassen hatte , legte Runotter seine Platten an und ging zum Stall . In den kleinen Hof , wo der Brunnen war , fiel schon die Morgensonne herein . Runotter guckte am Haus hinauf und sah auf der Altane des zweiten Stockes den Buben stehen , in Küraß und Schienen . Jul , ganz in Sonne , das schmale Gesicht umschattet von den dichten Strähnen des schwarzen Haares , beugte sich über das Geländer , nickte dem Gepanzerten im Hof da drunten zu und wollte in die weiße Stube treten . Doch heiß erschrocken blieb der Bub auf der Altanenschwelle stehen , ein schlanker Schatten vor dem Glanz der Sonne . Frau Marianne , den zierlichen Stahlhut mit den grauen Reiherfedern auf dem Arm , und die alte Magd , mit Wein und Mahl für den Durst und Hunger eines Riesen , kamen zur Tür herein . In ängstlicher Hast bestellte die Magd den kleinen Tisch und surrte davon . Die Amtmännin machte erstaunte Augen , als sie das säuberlich bedeckte Bett und das sorgfältig aufgeräumte Stübchen sah . Zum erstenmal , seit die Kriegsleute in ihr Haus gefallen , bekam ihr Gesicht einen ruhigen , fast frohen Ausdruck . Der rätselhafte Schutz , der ihrem Haus zu Hilfe gekommen war , hatte ihr Herz nicht so zutraulich berührt wie die Ordnungsliebe dieses gepanzerten Knaben . » Junger Mensch « , sagte sie , » dich hat deine Mutter gut erzogen . « Weil der Bub gegen die Sonne stand , konnte sie die Erschütterung nicht gewahren , die den Wortlosen befiel . Sie reichte ihm den schmucken Helm mit den Reiherfedern hin . » Der Soldknecht mit der bösen Narb hat mir gesagt , du tätst ein Eisenhütl brauchen . Da ist eines . Ich hätt ' s keinem anderen gegeben . Dir geb ich ' s gern . « Sie sagte herzlich . » Komm , tu dein junges Köpfl her ! Ob das Hütl paßt ? « Jul beugte den Kopf . Und von den Schultern fiel ihm das schwarze Haar um die heißen Wangen . Frau Marianne hob den Stahlhelm über die Stirn des Buben . » So ein junges Köpfl muß guten Schutz haben ! « Sie seufzte schwer . » Ach , der Krieg ! « Da wurde sie wieder heiter . » Guck nur , wie das Hütl sitzt ! « Sie trat zurück und betrachtete den Buben mit Wohlgefallen . » Meinem Sohn hat ' s auch so gut zu Gesicht gestanden . Der hat ' s gekriegt , wie er wehrhaft worden ist . « Erschrocken nahm Jul den Helm herunter . » Das Hütl nimm ich nit . Ich bin kein Sackmacher . « » Du ? Ein Sackmacher ? Und hast meinem Haus den Fried geschenkt . In einer schiechen Zeit . « Hastig sagte der Bub : » Bloß weil ich den flinkeren Gaul hab , bin ich der erste beim Tor gewesen . Daß Eurem Haus nichts Ungutes widerfahren soll , das hat mein - - Wahr ist ' s , Frau ! Das hat der Runotter so haben wollen , mein Vetter . « Frau Marianne beugte den Kopf , wie um hinunterzulauschen nach der üblen Leidenskammer ihres Mannes . Dann sagte sie ernst : » Was man deinem Vetter getan hat , ist ohne Verstand gewesen . Und da vergilt er ' s an unserem Haus mit gütigem Fried ! Dein Vetter ist ein redlicher Mann . Soll ihn der schieche Krieg nicht anders machen . Der Krieg ist ein Leutverderber . « Während Frau Marianne diese Goldmünze ihrer Weisheit prägte , hatte Jul mit zitternden Händen den Helm auf die Bettkissen hingelegt , in die das blinkende Eisen lautlos versank . » Aber komm , Bub , jetzt tu dich hersetzen ! Ganz wohl ist mir , daß ich ein lützel plauschen kann . Dein Mahl hab ich selber gekocht . Da möcht ich auch zuschauen , wie ' s dir schmeckt . Greif zu ! Es ist dir vergönnt . « Sie legte ihm vor , füllte das Weinglas und redete dem Zögernden herzlich zu . Und immer betrachtete sie den Buben , während er aß . » Vor sieben Jahr , bei einem Richtmannsfest in der Ramsau , da hab ich deines Vetters Mädel gesehen . Ist selbigsmal noch ein halbes Kind gewesen . Und so viel trutzig gegen meinen Buben . Ich muß dran denken , weil ich mein ' , du ähnelst ihr ein lützel . « Jul beugte das Gesicht über den Zinnteller . » Oft sagen ' s Leut . « » Wo ist das Mädel jetzt ? « Mühsam antwortete der Bub : » Es heißt , die hat der Vetter hinübergeschickt ins Pondau - zu seiner Schwägerin - « » Ist das deine Mutter ? « Der Bub schüttelte den Kopf . » Wo lebt deine Mutter ? « Jul hob den Kopf . » Meine Mutter hat sterben müssen . Schon lang . « » Ach - « Mit beiden Händen griff Frau Marianne über den kleinen Tisch hinüber . Und während sie die zitternde Faust des Buben streichelte , sagte sie : » Dir lebt deine Mutter noch allweil . Sonst wärst du nicht , wie du bist ! Aber komm , tu trinken und essen ! Mein armer Ruppert sagte allweil : Trauer därf nie des Hungers Feind sein . Und du bist mir nicht bös ? Gelt , nein ? Ich hab gemeint , ich tu dir was Liebes an , wenn ich von deiner Mutter red . « » Ja , Frau ! « sagte der Bub mit seiner schönen dunklen Stimme . » Tausend Vergeltsgott - weil Ihr so gut seid - zu mir - « » Du gefällst mir . Und schau , ich bin doch auch eine Mutter und hab einen Buben . « Frau Marianne tat einen schweren Seufzer . » Der muß jetzt umeinandreiten in der Welt , ich weiß nicht , wo ! Und kann in Fahrnis und Kriegsnot kommen . Gott verzeih mir die Sünd - ich denk oft : Der Herrgott ist auch bloß Mannsbild . Sonst müßt er doch dreinschlagen mit dem himmlischen Besen . Bei so viel Narretei auf der Welt ! Aaaah , freilich ! Brandschatzen , Kästen zerschmeißen , Weiber nöten , mit Pulver pumpern , mit Eisen scheppern - und nachher brüsten : Hui , was ist der Krieg für ein lustig Ding ! Und was eine Mutter ist , die kann derweil versterben vor lauter Angst um ihren Buben . Kein Stündl bei Tag und Nacht , wo man nit fürchten muß , jetzt , jetzt , jetzt rumpelt so ein Haufen Lauskerl über meinen Buben her und metzget ihn nieder . Wegen siebzehn Ochsen ! Ja , Ochsen ! Wer sind denn die Ochsen ? Die den Krieg machen , die sind ' s ! « Frau Marianne mußte für ein Weilchen verstummen , um ihre reichlich fließenden Tränen zu trocknen ; bei dieser feuchten Beschäftigung gewahrte sie nicht , daß auch dem gepanzerten Buben zwei schwere Perlen herunterkollerten über den Mund . » Ach , Bub - freilich , du , ein junges Mannsbild im ersten Eisen , du denkst wohl anders - aber tu ' s einer Mutter nicht verübeln , was sie leiden muß ! « Jul schüttelte den Kopf . Und die Amtmännin klagte weiter : » Tätst du nur wissen , was für ein richtiges Leben in meinem Lampert ist ! Und schau , wenn ich gut bin zu dir , als Mutter zu einem fremden Buben - es muß doch , noch irgendwo ein lützel Gerechtigkeit geben - schau , da darf ich mir denken : Was ich tu an einem Fremden , das kommt in der schiechen Welt da draußen meinem Buben wieder heim von einer fremden Mutter . « Da flüsterte eine dunkle Stimme voll Inbrunst : » Gott soll ' s geben ! « » Gelt , ja ? « Und Frau Marianne , in einem Sprudel zärtlicher Worte , schüttete das Lob ihres Sohnes aus bedrückter Seele heraus . Wie aufrecht , fest und redlich er wäre , wie herzlich zu seiner Mutter , wie fleißig und tüchtig in seiner Wissenschaft , wie klar und reinlich in seinem Leben , wie geschickt und klug in allen Dingen , zu denen man Vernunft benötigt . » Und wär ' s meinem Buben nachgegangen , so hätt das ganze Elend mit dem Ochsenkrieg nie angehoben . Der Bub hat allweil dawider geredet . Aber nein ! Recht muß Recht sein ! Und da schreien die Bänkelsänger aus , wir Weibsleut wären so - « Frau Marianne hob in Zorn die Arme über den Kopf und machte die berühmte Bewegung des Knickens auf dem Daumennagel . » So ? Ja ? Und wie sind denn die Mannsleut ? Die fahren doch gleich mit Kammerbüchsen los gegen jeden Rechtsfloh , der in ein Gräsl beißt . Mein Bub hätte den Unsinn noch hindern mögen in der letzten Stund . Jesus , wenn ich drandenk , wie er auf seinem Rössel hinausgesurrt ist zum Haustor ! Da hat kein Schrei seiner Mutter nimmer geholfen . Weißt , er hätt die Pfändleut noch gern überholt . Und wie ist er heimgekommen am Abend ! Das Gesicht so weiß wie das Bett da ! Und den linken Arm haben sie ihm ausgeschmissen , die Unmenschen . Und schier kein richtiges Wörtl nimmer hat er im Hals gehabt . Weißt , beim Burgstall am Gwöhr , da hat er die Pfändleut noch gesehen , hoch droben auf der Bergschneid . Und da hat mein Bub in seiner Sorg einen Schrei getan , der ihm die Stimm zerrissen hat . Das ist noch allweil nicht gut . « Erschrocken verstummte Frau Marianne und betrachtete ratlos den schweigsamen Buben . Der zitterte so heftig , daß die Stahlschienen an seinen Armen knirschten . Sein Gesicht war entstellt , und die weit geöffneten Augen brannten wie der Blick eines Fiebernden . » Bub ? Um Christi willen ? Bist du krank ? « Er schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen . Reden konnte er nicht . » Aber ich seh ' s doch , Bub ! Dir muß was fehlen ! Tu deine Hand her ! Laß schauen , ob du fieberst ? « Frau Marianne war aufgesprungen und wollte die Hand des Buben fassen . Da scholl durch den Treppenschacht die Stimme des Runotter herauf : » Jul ? Höi ? Wo bist ? « Der Bub sprang auf . Mit zitternden Händen warf er das Sehwertgehenk über den Küraß , faßte die Kettenhaube und wollte zur Türe . Die aufgeregte Frau vertrat ihm den Weg , raffte den blinkenden Helm aus den weißen Bettkissen , drückte dem Buben das feine Stahldach auf das schwarze Haar und stammelte : » Das Hütl ! So nimm doch das Hütl ! Dein junges Leben muß doch bin Schirmdach haben ! « Als Jul hinunterkam in den Flur , fragte Runotter erschrocken : » Bub ? Was ist dir ? « Ohne zu antworten , fiel Jul auf die Steinbank hin . Und als Runotter diese verstörten Augen sah , schrie er ratlos dem Heiner zu : » Spring , Mensch ! Such den Malimmes ! « Der junge Knecht mit dem blutfleckigen Stirnband sprang auf die Straße hinaus und rannte zum Stift . Auf dem Marktplatz war ein Gewimmel von Menschen . Aus allen Fenstern guckten die Leute in Sorge und Neugier . Und die Straße war angefüllt mit vier langen Reihen von Spießknechten , die vom Hauptmann Seipelstorfer gemustert wurden . Ein ähnliches Bild fand Heiner im Stiftshofe . Nut standen hier die Reiter mit ihren gesattelten Gäulen . Und Pferde wurden aus der offenen Torhalle des Münsters herausgeführt . Der Krieg hatte die schöne Kirche in einen wüsten Stall verwandelt . Heiner fragte sich bis zum Quartier des Plaienschen Hauptmanns durch . Das war im zweiten Stockwerk des Stiftes , in den Fürstenzimmern . Als der Knecht über die Treppe hinaufkeuchte , kam Malimmes ihm entgegen , sehr schlecht gelaunt . Die große Narbe war wie ein Blutstreif . » Heimkommen sollst ! Der Bub ist letz . « Zuerst erschrak Malimmes . Doch er wurde ruhig , als er hörte , wie der Bub aus seiner Quartierstub herunter gekommen wäre . » Da weiß ich schon , was los ist . Komm ! « Die beiden mußten zu ebener Erde einen langen Korridor durchschreiten , der erfüllt war von einem grauenhaften Spittelgeruch . An die vierzig Kranke und Blessierte waren hier auf unreinlichen Kissen , auf Stroh und Pferdekotzen schlecht gebettet . Wehleidige und wirklich Erkrankte , schwer und leicht Verwundete , Genesende und Sterbende , adlige Herren und niedrige Knechte , Sieger und Besiegte - alles lag da friedlich nebeneinander . Der eine hatte seinen Küraß , der andere ein Bündel Kleider unter dem Nacken . Hier wurde einem eine Pfeilspitze aus dem Fleisch geschnitten , dort zog man einem eine Kugel aus den Knochen . Hier gab ein Priester einem Sterbenden das Sakrament und redete ihm zu , an Gottes Barmherzigkeit zu glauben . Dort waren zwei mit verpflasterten Köpfen nahe zusammengerückt und würfelten . Zwischen den Lebenden lagen ein paar Tote , die man noch nicht hinausgetragen hatte . Letztes Röcheln und schmerzvolle Seufzer mischten sich mit Gelächter und heiterem Geschrei . Dazu hörte man von irgendwo die lustigen Trommeln und Pfeifen . Und in der leeren Zeile zwischen den Strohbetten eilten gesunde Kriegsknechte mit fröhlichem Schwatzen hin und her . Von denen , die es nicht anging , hatte keiner Mitleid mit dem andern . » Narr ! Hättst du dich besser gedeckt ! « Dem Malimmes , als er schon zum Tore hinaus wollte , flog ein nasser Klumpen Leinewand gegen den entblößten Nacken . In Zorn drehte er sich um - und mußte lachen . Was ihm da an den Hals geflogen , das war ein brüderlicher Gruß . Auf einer Strohgarbe saß Marimpfel mit verbundenem Kopf , den Bart verkrustet von Blut , das Gesicht gesprenkelt mit blauen Flecken . Malimmes trat auf den Bruder zu und streckte die Hand . Marimpfel nahm sie nicht . Mit grober Stimme fing er zu schimpfen an . Landesverräter , Spion und Lumpenkerl - das waren unter seinen brüderlichen Zärtlichkeiten die mildesten . Malimmes lachte . » Geh , Bruder , was redest du denn für Narretei ? « » Hast mich nit am Fuß gepackt ? « brüllte Marimpfel . » Hast mich nit tückisch niedergerissen ? Grad wie ich dem Ramsauer Gauch den Garaus hab geben wollen ! « » Geh , du Fasnachter ! « Malimmes blieb noch immer heiter . » So ist doch das nit gewesen . Laß dir sagen - « » Willst mir predigen , du ? « Es folgte ein Schimpfwort , das auch den Malimmes ernst machte , weil es dem Schoß des alten Weibleins am Taubensee einen bösen Irrtum nachredete . » Predigen ? Dir ? « sagte Malimmes hart . » Bloß wünschen will ich , daß du bald gesund wirst . Solche , wie du , müssen rumlaufen auf der Welt . Da sterben die Redlichen lieber . « Er ging davon . Im Stiftshof war noch immer das Gewühl von Pferden und Gepanzerten . Doch die Spießknechte , die auf dem Marktplatz gestanden , waren verschwunden . Von der Hallturmer Straße hörte man Trommeln und Pfeifen , die sich entfernten . Malimmes lauschte , mit schweren Furchen auf der Stirn . » So , so ? « Alt er im Someinerschen Haus den Flur betrat und den Runotter auf der Steinbank sitzen sah , mit dem Kinn auf dem Schwertknauf , fragte er : » Wo ist der Bub ? « » Im Stall bei den Gäulen . « » Was ist denn gewesen mit ihm ? « » Ich weiß nit . Jetzt ist er schon wieder in Ruh . Da er grad . « Aus dem sonnigen Hof trat Jul in die dämmerige Flurhalle herein , über der Kettenhaube den zierlichen Helm mit dem Reiherbusch . Malimmes , so ernst sein Gesicht war schmunzelte ein bißchen . Da fragte Runotter müd : » Was bringst du vom Hauptmann ? « » In die Ramsau muß ich reiten , mit einem Brief an den Reichenhaller Kaplan , der in der Ramsau für den heiligen Zeno eine Pflegschaft aufstellt . « Runotter schwieg . Und Jul , mit einem raschen Schritt , trat neben den Wortlosen hin . » Weisung , was ich weiter tun muß , krieg ich in der Ramsau . Komm ! Der Hauptmann hat verstattet , daß ich dich , den Buben und deine Knechtleut mitnimm . « Runotter hob das entstellte Gesicht . » Mich sieht die Ramsau nimmer . Meines Jakobs Grab ist überall . « Malimmes nickte . » Ich versteh ' s. Aber gib mir den Buben mit ! « Jul legte den Ann um den Hals des Runotter . » Ich bleib . « Lange schwieg Malimmes . Dann murrte er verdrossen : » Da kannst nichts machen ! « Ein Hufgetrappel vor dem Flurtor . » Guck , mein Geleit ist da ! « Er