daß sein blondes Haar schon silbern schimmerte . Sie sah , als er näher kam , daß er die blauen , tiefen Lichtaugen der Mutter hatte . Dann verschwand er im Haus und stand bald darauf bei ihnen , auf der Terrasse . » Ein hoher Mann « , dachte sie ... Seine Augen - wie liegen sie sehend auf den Dingen - auf den Bildern dieser schönen , rätselvollen Welt . - - - Und wie gläubig sind seine Augen - als ahnten sie die letzten Dinge , - die letzten , - leuchtenden Dinge , - - die diese rätselvolle Welt durchstrahlen ... Die Stunde war glücklich , golden war der Tag . Die Seele so weit , so frei , so hingegeben , - als flöge sie , in gebändigtem Feuer , frei durch den unendlichen Raum , - als wiege sie sich , wie der sichere Vogel , im goldenen , goldenen Himmelsblau ... Sie blieben zu Dritt . Sie sprachen . Sie sah seinen Mund , von keinem Bart verborgen , sie sah diese reinen Linien um den Mund . Wie klar , wie licht war es um diesen Mund ... Die Stunde war glücklich , - sie verstand , sie verstand . Sie erkannte : Das vollendete Ebenmaß ; die ausgewogene Kraft ; nichts schwankte , nichts taumelte . Sie verstand diesen Blick , - diesen Ruf im Auge , - der die Gedanken der anderen beschwingte ... Das war ein gütiges Rufen und ein mildes Horchen im Auge ... Wie hob es die arme , erdenschwere Seele , - machte sie mutig , wissend um sich selbst , mutig und frei , - frei , dass sie sich wiegte , - wie der Vogel im goldenen Äther . Es war ein glücklicher Tag . - - - Stanislaus erfuhr von ihr , wem sie begegnet war , und ihre Schilderung machte ihn hochaufhorchen . Wenige Tage später erhielt sie eine Nachricht von Frau Wallentin , die für Stanislaus von großer Bedeutung war . Frau Wallentin teilte ihr mit , daß Manfred seinem Unternehmen ein publizistisches Organ angliedern müsse und daß er ihrem Bruder den Vorschlag machen wollte , in diese Redaktion einzutreten . Nun setzte sich Stanislaus mit Dr. Wallentin in Verbindung und besuchte ihn bald darauf . Er hatte ihr versprochen , sie gleich nach seiner Rückkehr aus dem Grunewald , noch am selben Abend , aufzusuchen . Sie saß in ihrer Wohnung und wartete . Was würde er sagen ? Ob er so dachte wie sie , ob er erkannte , wie sie , - daß hier einer war , wie sie noch keinem begegnet waren ? Manfreds Bild stand vor ihrer Seele - die hohe Erscheinung , - das blondsilberne Haar , - dieses Leuchten um den Mund ... sie preßte die Hand auf ihr Herz . Dieses Bild wich nicht aus ihrem Erinnern ; immer wieder sah sie ihn und hörte im Geist , wie er mit seiner Mutter und mit ihr gesprochen , - deutlich stand sein Wesen vor ihr , in seiner klaren Ruhe , mit seiner menschlich gütigen Verbindlichkeit , die sich mit dem edlen Stolz seiner Haltung so seltsam einte . Wie eine sanfte Glut strömte es ihr aus dieser Vision entgegen , als hätte das innere Feuer , das von ihm ausstrahlte , sie ergriffen . Und je mehr sie sich in dieses Erinnern verlor , desto mehr empfand sie eine fremde , süße Auflösung , die sie bis heute nicht gekannt , - eine junge und jubelnde Sehnsucht ... Stanislaus kam . Sie sah an seinen glänzenden Augen , daß er Gutes erlebt hatte . Er erzählte ihr freudig , daß Dr. Wallentin ihn als Redakteur für das neue Blatt , das in Form einer Monatschrift erscheinen sollte , verpflichtet habe . Es war ein Triumph für sie , daß der Bruder auf dieser für ihn so unverhofft glücklichen Tatsache nicht lange verweilte und von dem Manne sprach , - von dem er erfüllt war , wie sie . » In ihm « , sagte er , » sehe ich zum erstenmal den vollkommenen Weltmann , - natürlich nicht im Sinne jenes Salonwortes , das heute jeder Geck für sich in Anspruch nimmt . Nein , er ist , « - vertieft ging er im Zimmer auf und ab , - » er ist der Mann der großen , weiten Welt . « - - - - Er ging , mit gesenktem Kopf , die Hände in der Tasche , mit eiligen Schritten durch das Stübchen , als rekonstruiere seine Phantasie das Bild , das sie empfangen . » Einen solchen Mann « , sagte er , » muß man vor allem an seinem Werke sehn . Er ist einer der Helden , die man bei ihrer Arbeit aufsuchen muß . « Er blieb stehen und hob den Kopf . » Ich habe mit ihm mehr als zwei Stunden über sein Werk gesprochen . Er setzte mir auseinander , in welchem Sinne er das Blatt leiten will . Die Dinge sollen untersucht werden , - auf ihre Natur hin - verstehst du wohl . « Er sah die Schwester fragend an und fuhr eindringlich fort : Das heißt : wir wollen in diesem Blatt nicht uns selbst und unsere Nuancen entfalten , - die Objekte sollen darin ausgebreitet werden , treulich und ihrer Natur gemäß . Und es soll untersucht werden , wohin wir auf Grund der vorhandenen Tatsachen zu steuern haben . Die Mitarbeiter gehören allen Kulturländern an ; Persönlichkeiten , - aus aller Welt , - bilden den Ausschuß dieser internationalen Liga . Es sind Staatsmänner und Schriftsteller , Naturforscher , Soziologen , Philosophen ; und außer den europäischen Staaten sind Indien , China , Japan , Amerika , Neuseeland vertreten . Olga fragte , auf welche Art diese Liga in der Öffentlichkeit auftreten wolle . Zuerst werden eine Reihe von Vorträgen und internationalen Kongressen veranstaltet . Die Gesellschaft tritt in Aktion mit der ausgesprochenen Absicht , alle Ziele zu verfolgen , welche zur Hervorbringung eines menschlichen Leistungsadels führen . Man geht politisch vor : wenn man durch große Kongresse die öffentliche Meinung beeinflußt hat , so tritt man an die Körperschaften solcher Staaten heran , die für kulturelle Reformen in Frage kommen . Man gründet überall Zentralstellen zur Verständigung der Kulturvölker , zum Zwecke gemeinsamen Vorgehens ; anstatt der groben Partei- und Nationalpolitik , die heute zumeist getrieben wird , will man den Gedanken einer intellektuellen Weltpolitik durchzusetzen suchen . Die Staatsgewalt soll diesem Gedanken erobert werden . Darum mußte diese erlesene Schar verbündet zusammentreten ... Und er nannte ihr die Namen der großen Dichter und Künstler , der großen Staatsmänner , der Forscher ... ... » Übrigens hat Dr. Wallentin noch einen jüngeren Bruder , der Anthropologe ist und gleichzeitig auf anderen Wegen eine Weltreise machte , aber zu demselben Zweck . Während Wallentin , der ältere , soziale Tatsachen sammelte und gruppierte , hat der jüngere Wallentin das Problem von der ethnischen Seite untersucht . Die Lebensverhältnisse auch noch unbekannter Völker soll er untersuchen , - auch das wird zu dem Werke gebraucht . « Er schwieg eine Weile , in Gedanken tief versponnen , dann fuhr er fort : » Dieses Werk zu erdenken , ist allein schon ein Wunder . Scharf umgrenzt steht das Ziel da , - « er sprach wie für sich selbst und blickte ins Weite , als sähe er eine noch ferne Gestalt , - » das Ziel , welches heißt - die Welt politisieren , in dem Sinne , daß menschlicher Adel erwachsen kann ... Mehr schöne Menschen , - das ist die Forderung , an deren Nichterfüllung die Welt krankt . Von hier aus muß das Werk der Reformation einsetzen . « Wie ? In Olga drängte eine Erinnerung ans Licht , und sie sprach sie aus . War das nicht derselbe Gedanke , der einstmals Werner zum Sozialismus geführt hatte ? Ersehnte nicht auch er eine Gestaltung der Dinge , die , indem sie das Terrain für alle ausglich , - scheinbar nivellierte , - gerade dadurch eine individuelle Wertung ermöglichte , indem die Besten und Tauglichsten erst auf diesem nivellierten Boden in ihren verschiedenen Höhen erkennbar wurden ? Die Bedingungen , unter denen ein generativer Adel der Menschheit sich bilden konnte , systematisch schaffen zu helfen , - war das nicht auch sein Gedanke gewesen ? Und auch Stanislaus entsann sich ; ja , es war ein Gedanke , der in der Zeit lag ; auf verschiedenen Wegen drängte man dahin , - den Menschen zu heben , - seine Person selbst , - vom Keim an . Er erinnerte sich , wie sie sich beide , suchend , tastend um das Problem gemüht hatten , das ihnen erschienen war , wie ein verschleiertes Bildnis , und wie er , Stanislaus , zu Werner gesagt hatte : » Nicht ich und nicht Sie können die Gestalt dieser verhüllten Erscheinung erkennen ... da ist ... ein letztes , das fehlt ... Ihnen und mir fehlt ... ein letztes Ahnen , - ein Wissen um dieses Ding « ... Und wie sie vom ahnend Geborenen gesprochen , - auch daran erinnerte er sich , - der allein löste , worüber sie grübelten . Und beide , Olga und Stanislaus , sprachen es fast im gleichen Augenblick aus , - daß Werner hierher gehört hätte , - hierher als Schüler , hierher zu Manfreds Werk . Werner - wo war er ? Gelandet , - gestrandet ? Aber sie wollte noch mehr hören von dem , was Stanislaus heute erfahren hatte . Und er erzählte von der imposanten Kleinarbeit , die als Mittel zum großen Zweck hier im Gange war : » Durchforschen und erfahren , sichten , gruppieren , registrieren , - die Dinge ansehen , rein auf ihr Wesen hin , mit Zurücksetzung aller subjektiven Färbung . Eine systematische Riesenuntersuchung der Tatsachen ; und dann die Gruppierung dieser Tatsachen , die Schichtung , - immer höher und höher , « - er machte mit der Hand ansteigende Bewegungen , - » wie eine Pyramide sich verjüngend , - bis hinauf zur Spitze der Forderung : des positiven Programms . « Er konnte kein Ende finden , - und sie horchte . » Dabei ist diesem Manne alles Schwelgen im Unklaren , alles romantische Träumen zuwider . « » Diese Abneigung soll ja auch seine Ehe geschieden haben « , sagte Olga . » Seine Ehe ? « » Ja , er ist verheiratet , und jetzt , als er zurückkam , hat man sich beiderseits zur Scheidung entschlossen . « Sie erzählte , was sie im Bunde von der Gattin Dr. Wallentins gehört hatte . Wie hieß sie doch ? - Frau Lucinda Wallentin . Stanislaus fuhr fort : » In dieser romantischen Selbstbenebelung der Menschheit sieht Dr. Wallentin das Haupthindernis ihres Fortschreitens . Dieser dämmernde Selbstbetrug , in dem sich ganze Zeiten gefallen , die sich in verschleierter Unklarheit über das Wesen der Tatsachen hinwegtäuschen wollen , ist für ihn der Wegebahner der furchtbaren Machtherrschaft des Unsinns . Seiner Meinung nach ist dies der Grund , warum die Menschheit als großes Ganzes noch immer dumpf ist , dumpf und verschlafen , - und warum es nur wenige gibt , die die Wege erkennen , die sie gehen muß . Freilich , um diese dämmerigen Schleier entbehren zu können , bedarf es der Gehirne , die in gutem Zustand geboren sind ... Durch diese Riesenuntersuchungen , die fortlaufend und systematisch über alle Tatsachen der Entwickelung geführt werden sollen , soll die intellektuelle Weltanschauung aus der Zone der grünen Theorien herausgelöst und praktisch vollstreckbar werden . « Und begeistert fuhr er fort : » Mit diesem Manne zu sprechen , - welch ein Glück ! Es war einer der seltenen Fälle , daß zwei Menschen , ohne jede Unterstreichung , ja ohne jeden Nachdruck , fast ohne Kommentierung , sich aussprechen und verständigen konnten . « Er blieb vor der Schwester stehen . » Im übrigen ist Dr. Wallentin selbst kein Agitator . Denn Agitation ist nicht zu denken , ohne daß die persönliche Ansicht die besprochenen Fragen tendenziös färbt , - und ohne daß man das vorhandene Publikum auf irgendeine Weise zu Taten drängt , deren Notwendigkeit zu begreifen es meist noch nicht Zeit gehabt hat . - Das ist nicht seine Sache . Er sammelt ruhig sein Riesenmaterial und spannt das Netz seiner Erkenntnis weiter . Diese anschauliche Ausbreitung überhebt der Agitation . - Sie wirkt von selbst , wirkt durch ihr tatsächliches Material und wirkt um so stärker , je weniger demagogisch sie auftritt . - Sie wendet sich nicht an das momentan und zufällig vorhandene Publikum , - sondern an jenes - das später - und nicht zufällig - vorhanden sein wird . - Welch eine Tat , « fuhr er fort , » welch ein Wunder des Willens , - des geschulten Willens , der « - nachdenklich suchte er im Gedächtnis , - » der die Aufträge der Intelligenz auch zu erfüllen vermag , - wie es bei Feuchtersleben heißt . « - - - Das Erlebnis dieser letzten Tage war so groß für Olga , daß ihr die Welt darin versank . Es war ihr endlich ein Mensch begegnet , - - dem nichts mehr » fehlte « , um ein Mensch zu heißen ... Hier also war die Grenze des Zwischenreichs - nach oben - überschritten ... Hier waren keine Absonderlichkeiten , hier waren die urtümlichen Eigenschaften hoher Menschenart voll entwickelt , durchbildet und funktionsfähig . Hier waren Instinkte , die zur Erhaltung des Lebens strebten , und ein Heroentum , das sich über die staubige Erde schwang , vereint . Plötzlich erinnerte sie sich der Worte , die ihr Cousin , Professor Diamant , bei jenem letzten Mahle in Wien gebraucht hatte . » Zeig ' mir einen modernen Gedankenheros , « so ungefähr hatte er wohl gesagt , - » der sich nicht versteigt auf irgendeiner Martinswand , - von der ihn kein Gott herunterholt ! ... « Gerade diese Gegenwart , in der sie lebte , war überfüllt von solchen , die tollkühn ins felsig Zerklüftete kletterten , - ohne die Führung wegeweisender Instinkte ; die dann hilflos irgendeinen spitzen Grat umklammerten , - nicht weiter konnten , - stürzten , - spurlos verschwanden . Hier aber war einer , der sich ins Unwegsame gewagt hatte und sich doch nicht - verstieg . Nach einigen Wochen , während welcher Stanislaus , der sein Buch beendet hatte , mit Dr. Wallentin das Bureau der Redaktion organisierte und auch Olga öfters hinausgekommen war zu ihrer alten Freundin , - während das Bild ihrer erfüllten Sehnsucht sich immer stärker in ihrem Herzen festigte , kam die erste Nachricht von Werner ; seltsam mutete an , wovon er berichtete . Kurz nachdem er nach Askona gekommen war , wo er im Hause Dr. Emmerichs alles fand , um die betäubten Kräfte seiner Seele wieder zu beleben , hatte er eine Nachricht erhalten - von einem , von dem er sie am wenigsten erwartete . Herr von Bredow hatte ihm geschrieben . Auf Umwegen , da er seine direkte Adresse der Berliner Post nicht angab , erreichte ihn der Brief . Bredow schrieb ihm , - er habe , teils aus den verdeckten Reden der Baronin , teils durch direkte Nachforschungen , erfahren , was sich zwischen ihm und jener Frau begeben , in welcher Weise die Baronin über Werner einen Weg gesucht hätte , der zu einem mit Bredow vereinten Leben führen sollte . Er habe sie geliebt , aber niemals daran gedacht , sie aus ihrer Ehe an sich zu reißen . Da sie nun kam und frei war , so hätte er freilich geglaubt , am Ziel seiner Wünsche zu stehen , bis - bis er erfuhr , mit welchen Mitteln dieser Weg geebnet worden sei . Als er endlich die volle Wahrheit , nach langem Forschen , herausgefunden , da hatte die Vereinigung mit jener Frau aufgehört , für ihn ein Glück zu bedeuten . Er habe , sobald er alles gewußt , nicht anders gekonnt , als sich von ihr zu trennen , und es sei für ihn ein moralisches Müssen , Werner dies mitzuteilen . Gleichzeitig gab ihm Herr von Bredow noch eine andere bedeutsame Nachricht . » Sie haben mir seinerzeit « , so schrieb er ihm , - » von Ihrer Sehnsucht nach einem gedanklich-religiösen Ziel gesprochen , nach einer Art philosophisch vernünftiger Andachtslehre . Ihre Sehnsucht nach Gott kann keine der europäischen Kirchen , - die mit einem persönlichen Gotte rechnen , - Ihre Sehnsucht nach einem moralischen Dogma , in dem alles beschlossen ruht und aus welchem heraus die Lösungen menschlicher Wirrnisse erwachsen , konnte auch keine der modernen , reformatorisch-sozialen Bewegungen stillen . Und waren Sie schon damals eines solchen Glaubenszieles bedürftig , so wird es heute , wo Sie schwere Verwundung erlitten haben , ein noch stärkeres Bedürfnis für Sie sein , im Schoß einer Lehre , die hohe Vernunftausblicke mit religiöser Sammlung eint , Frieden zu finden . Das philosophische Kloster ist übrigens nicht nur Ihrer Sehnsucht ein Ziel , sondern es ist eine Art Zeitbedürfnis für alle die , die mit den Riten der bestehenden Kirchen nichts mehr zu schaffen haben und dennoch nach einer Stätte suchen , wie sie bisher nur die Klöster boten . Für alle die muß ein neues Klosterleben geschaffen werden , das als Zuflucht , als Stätte der Andacht für sie bereit steht , - in welchem die leidende Seele Genesung und Frieden findet , sich aus dem Getümmel des weltlichen Kampfes zurückziehen kann und doch keinerlei Dogmen , die gegen die klare Vernunft verstoßen , sich verschreiben muß . Hoch ist der Wert der Andacht . Das Gebet ist eine Sammlung der innersten Kräfte , eine Dämpfung gefährlicher Wünsche , - denn nur der erlaubte Wunsch wagt es , Gebet zu werden . Sie fragten mich damals , als wir uns in Berlin begegneten , wie und wo Sie an die europäische Sekte des Neubuddhismus , von welcher ich Ihnen berichtete , Anschluß finden könnten ? Ich wußte Ihnen damals nichts Genaues zu sagen . Heute , da wir uns wieder begegnen - - kann ich Ihnen die gewünschte Mitteilung geben . Drei Deutsche , die in Indien das gelbe Kleid der Buddhistenmönche nahmen , haben in der Nähe von Lugano das erste europäische Buddhistenkloster gegründet . Suchen Sie diese Männer auf , es wird Ihnen nicht schwer fallen , sich ihnen anzuschließen , - denn die Fäden Ihres Schicksals laufen , wenn mich nicht alles trügt , gerade dahin ... « Der Luganer See war in der nächsten Nähe von Werners jetzigem Aufenthaltsort Ascona , am Lago Maggiore , und er hatte nicht gezögert , die Besiedelung bald aufzusuchen . Von den strahlenden Gestaden des Sees ein wenig entfernt , verborgen im Gebirge , standen einige Blockhütten - die erste Niederlassung des indo-europäischen Ordens . Die gewünschte Aufnahme war ihm bewilligt worden , - in wenigen Tagen wollte er ganz dahin übersiedeln . » Wie bedeutsam ist es doch , « schrieb er , » daß gerade die Hand jenes Mannes , die unsichtbar und ohne ihren Willen beteiligt war , mich in den Abgrund zu stoßen , daß gerade jene Hand mir den Weg weisen muß zu neuem Leben ! « ... Dann berichtete er über die Hauptgedanken der Lehre , wie sie ihm in Novaggio bei Lugano von den deutschen Buddhisten erläutert worden war . Vor allem erkenne diese Lehre keinen persönlichen Gott an . Es wäre kaum irgendein Grund , sie überhaupt als Religion zu bezeichnen , sondern es gebührte ihr der Name einer rein philosophischen Weltanschauung , wäre nicht der Umstand , daß der Geist , der in diese Lehre hinabtaucht , geläutert und erhoben , von religiöser Andacht dem Dasein gegenüber erfüllt , sich aus ihr erhebt . Die drei deutschen Mönche sind Kolonisten eines Vereins , der seinen Sitz in London hat und sich » The followers of the Buddha « benennt . Kein geheimnisvolles Ritual sei vorgeschrieben ; die Erörterung philosophischer Fragen und die moralische Selbsterziehung seien die wichtigsten Prinzipien des Vereins . Dieser modernistische Buddhismus trage einen wissenschaftlich-rationalistischen Zug , den eine starke , sozialistische Unterströmung begleite . Die Übersetzung alter , orientalischer Texte , sowie religiös-philosophischer Vorträge und gewisse Übungen der Versenkung der Seele in sich selbst gehörten mit zu der Beschäftigung der Kolonisten . Der zentrale Glaube , nach welchem die Lebensführung gerichtet werde , sei die altarische Lehre : daß das Seelenheil nur durch die höchste Entwickelung des Verstandes zu erreichen sei , daß nur die Unwissenheit von der richtigen Vorstellung der Dinge trenne und jene Disharmonien erschaffe , an denen sich die Menschheit verblute . Diese Erziehung des Geistes sei die eigentliche Tugend , die hier gepflegt werde ; ein Leben in Zurückgezogenheit , in andächtiger Vertiefung in die höchsten Gedanken , - das sei der Weg zu diesem Ziel . Die wahren Strebungen dieser Lehre seien also gerade entgegengesetzt jener gewöhnlichen , europäischen Auffassung , die da behauptet , der Buddhismus erstrebe den geistigen Tod . Schon der beständige Kampf , die moralischen Grundprobleme der Welt zu vertiefen , erfordere unausgesetzte Übung der Vernunft , die von jenem Zustande seelischen Verdämmerns , den man hinter dem Buddhismus vermute , am sichersten bewahre . Der Neu-Buddhismus kenne auch kein Nirwâna , wie es die Europäer verstehen ; die stille Andacht , welcher die Seele sich ergibt , bringe sie allerdings einem Zustand näher , der die Bilder der Welt und ihre lauten Kämpfe zurückweichen lasse . » Geh ' an der Welt vorbei - es ist nichts « ... Über dieses Nichts , als endliches Ziel , schwankten die Meinungen der verschiedenen Sekten . Jedenfalls sei der Begriff ein so transzendenter , daß er das Streben der Jünger nach Vervollkommnung nicht beeinflusse . Ursprünglich sei ein einziger , deutscher Mönch an das Ufer des Luganer Sees gekommen . Eine kleine Blockhütte war für ihn errichtet worden ; dann aber hatte er zwei seiner Schüler deutscher Abstammung zu sich kommen lassen , und nun wurden noch einige Holländer und Engländer erwartet . Die Blockhütten würden denn auch vermehrt . So scheine sich diese Niederlassung in Mitteleuropa zu festigen und zu verbreitern . Er selbst sei bereit , in diese Gemeinde als Kolonist einzutreten . Kein Gelübde werde ihn binden . Wohl werde von ihm erwartet , daß er sich zum Buddhismus ausdrücklich bekenne , aber erst nach einer vorbereitenden Zeitspanne , die er als Schüler in der Gemeinde verbringe . Um die mönchischen Grade zu erringen , müßte er später nach Indien gehen und dort , in alten Klöstern , den Buddhismus an seinen Quellen studieren ; aber so weit sei es noch lange nicht ; immerhin - so schrieb er - fühle er sich heute freier , als er jemals war ; Beruhigung habe sich über ihn gebreitet . Seit der Zeit , da er den Brief des Herrn von Bredow erhalten , habe die böse und giftige Wunde aufgehört zu schwären , - er fühle , wie sie sich schließe ... Und daß ihm hier , in der Sonne des Südens , eine solche Zuflucht beschieden sei , in der sein bestes Teil sich weiter zu entwickeln vermöge und Friede und tiefste Stille , fern vom Getöse der Städte , fern vom Kampfplatz sozialen Ringens , ihn erwarte , das sei für seine Seele heute ein überaus glückliches Wissen . Ob es wohl immer so sein würde ? Ob er vom Schüler zum Jünger und vom Jünger zum Mönch weiter steigen würde , - er wisse es heute noch nicht ... Als sie den Brief gelesen hatte , blieb sie lange in Gedanken versunken . Dann schüttelte sie den Kopf . Daß ihm diese Zuflucht , diese Weltflucht , jetzt erwünscht war , begriff sie wohl . Aber ihr war , als dürfte gerade er dem Kampfplatz nicht für immer entweichen . Und es war ein tröstlicher Gedanke für sie , - daß zum mönchischen Grad noch ein weiter Weg war , - und daß sie wußte , daß Werners Seele ein neues Kleid nicht allzu lange trug ... Dann beantwortete sie seinen Brief . Auch sie hatte eine Begegnung zu melden , - und wem hätte sie sie freier bekennen dürfen , als gerade ihm ? Mit dem durch den erhobenen Zustand geschärften Blick ihrer Erkenntnis schilderte sie die teure Gestalt . » ... Weißt Du noch , wie ich Dir in jenem ersten Brief das Bekenntnis meines frömmsten Glaubens schrieb ? Ich ahnte , daß es ein Begegnen gibt , welches das Ich , das tausendfältig gebundene , aller seiner Bande entbindet , weil es den einzigen Genossen sah ... Diese Begegnung war nun in meinem Leben ... Und die stillste Ahnung der Seele , - vom Bild des Einzigen , der für sie die Höhe des Geschlechtes bedeutet , - sie ist erfüllt . Ich schrieb Dir damals , daß kein Besitz , ja kein Begehren diese Begegnung begleiten müsse . Heute ? Denke ich an ihn , so kommt es aus meinem Herzen wie ein unaufhaltsames , süßes Verströmen ... Ich schließe die Augen , und sein Bild steht vor mir . Und sehe ich im Geist sein schimmerndes Haar , die lichte Klarheit , die um seine Lippen lagert , die tiefe Bläue seines Auges , - vernehme ich , mit geschärften Sinnen , die gütigen Rufe seiner Blicke , so scheint es mir , als wäre ich fern von allem Wünschen , und nur ein Glück , das ich bestaune , ist dann in mir : meine Wege führten mich in den Kreis seiner Bahn ... Wohl frage ich mich wie Du : wird es immer so sein ? Wird die Seele von dem Erlebten dauernd erhoben bleiben ? Oder wird sie wieder dem Dunkel verfallen , - dem dunklen Zwange der Leidenschaft ? ... Wer kann darüber grübeln ? « - - - Sie schloß den Brief . Sie schauerte ; eine Seligkeit , die ihr unendlich schien , ergoß sich in ihr Herz ; wie Ewigkeitsahnen überkam es sie ... Neuntes Kapitel Der Kreis Lucinda ( Ein Intermezzo ) » Herbei , Herbei ! Herein , herein ! Ihr schlotternden Lemuren , - Aus Bändern , Sehnen und Gebein Geflickte Halbnaturen . « Goethe . In Dr. Wallentins Organisation bildete sich ein Arbeitsausschuß , dem auch die Geschwister angehörten . So kamen sie viel hinaus in die Villa im Grunewald und lernten nach und nach auch die andern Mitglieder der Familie kennen . Eine fröhlich-freundschaftliche Beziehung entspann sich zwischen Olga und Manfreds jüngerem Bruder , - dem mittleren der drei , Dr. Justus Wallentin . Justus und seine schöne Frau , Inge Brénhoff , fanden Gefallen an ihrer klaren Art , an der Logik ihres Wesens , die unbestechlich ihre Wege ging , was immer sich auch auf ihnen verwirrend aufpflanzen mochte . Justus war Rechtsanwalt und Helfer seines Bruders . In seinen scharfen , klugen Augen glänzte das Weiße wie blankes Porzellan , darüber zog sich die Stirn , mit immer gespanntem , interessiertem Ausdruck . Inge , seine Frau , eine Dichterin des jungen Schwedens , war eine große , schlanke Blondine mit hellen Augen , die mutig in die Welt strahlten . Sie galt in Schweden als die Vertreterin der radikalen Bewegung im Frauenlager und als die erklärte Bekämpferin der erotischen Doppelmoral . Durch ihr Wirken war sie , gleich den Geschwistern , mit der alten Frau Wallentin in Berührung gekommen . Der » Bund « hatte sie seinerzeit zu einem Vortrag nach Berlin geladen , und bei diesem Berliner Aufenthalt hatten sich Justus und das schöne Mädchen gefunden . Eines Tages war Olga wieder bei Manfred Wallentin . Sie hatten in längerer Aussprache festgelegt , in welchem Umfange und in welcher Weise das Material , das die Bewegung der Frauen betraf , in dem neuen Blatt vertreten sein sollte . Manfred deutete auf einen großen Stoß von Zeitungsausschnitten . » Es ist unmöglich , mit alledem fertig zu werden . Das alles geht uns an , müßte geordnet und bearbeitet sein . « Dieses Ausschnittmaterial war zudem aus Zeitungen verschiedener Sprachen . Manfred hatte schon öfter erwähnt , daß er eine weibliche Kraft , die dem Bureau ganz zur Verfügung stände , für diese und ähnliche Arbeiten aufnehmen möchte ; so groß die Verlockung für Olga war , sich ihm zu jeder Hilfe bei seinem Werk anzubieten , so konnte und wollte sie doch nicht ihre Korrespondenz im Stich lassen , auch war sie nicht sprachkundig genug , um diesen Platz vollkommen auszufüllen . Inge , die Schwägerin , half fleißig , aber sie war nebstdem Gattin , Hausfrau im entfernten Berlin und vor allem Schriftstellerin , die den größten Teil ihrer Zeit über ihrem eignen Werk verbrachte . Da war Olga ein Gedanke gekommen : hier war ein Platz für Eva , - Eva Nestor . Seit sie in Genf lebte , hatten sie schon mehrere Briefe gewechselt , und erst vor kurzem hatte Eva sie gebeten , für sie eine Annonce aufzugeben , durch die sie in Berlin eine passende Stellung suchen wollte , von der sie mit ihrem Kinde leben konnte . Olga hatte dies noch nicht getan , weil sie noch nicht ganz klar wußte , was sie eigentlich für Eva suchen sollte . Hier war ein Platz für sie . Heute hatte sie Manfred diesen Plan mitgeteilt , hatte ihm Eva geschildert . Erfreut , bat er sie , ihr gleich zu schreiben . Da sie ihm Evas Lage nicht vorenthielt , setzte er auch gleich die Höhe des Gehaltes fest . Sorglos konnte nun Eva mit ihrer Kleinen leben , und sie würde diesen Platz vortrefflich ausfüllen , - das wußte Olga