durchbohren wolle . An den » jungen Adler « ritt er nahe heran und sprach : » Man erzählt bei uns von einem jungen Adler der Apatschen , welcher aus dem Stamme Winnetous und sogar sein Verwandter ist . Bist du etwa dieser ? « » Ich bin es , « antwortete unser Begleiter . » Du hast diesen Namen schon als Knabe bekommen , weil du einen freien Kriegsadler fesseltest und ihn zwangst , dich durch die Luft vom hohen Horst zur Erde zu tragen . Ist das richtig ? « » Es ist richtig . « » So reiche ich dir meine Hand . Ich sehe den Stern der Winnetou auf deiner Brust . Auch ich bin ein Winnetou , doch habe ich jetzt noch Grund , es nur Wenigen sehen zu lassen . Schau her ! Vertraust du mir ? « Er hob den Aufschlag seiner Jacke ; da kam der zwölfstrahlige Stern zum Vorschein . » Ich vertraue dir ! « versicherte der » junge Adler « . » So erlaube mir , euer Führer zu sein ! Ich habe euch erwartet . « » Du - - ? Uns - - ? « fragte der Apatsche . » Unmöglich ! « » Es ist nicht nur möglich , sondern wirklich . Glaube es mir ! « Der » junge Adler « schien doch irre werden zu wollen . Ein Angehöriger der feindlichen Kiowa ! Der Stern konnte leicht den Zweck haben , böse Absichten zu verdecken ! Ich bekam einen schnellen , fragenden Blick herübergeworfen und gab mit einem bejahenden Augenzwinkern heimliche Antwort . Da entschied der » junge Adler « : » Ja , sei unser Führer ! « Er wollte weiter sprechen , kam aber nicht dazu , denn Sebulon Enters richtete die schnelle , ganz unvorbereitete Frage an den Kiowa : » Sind die Sioux schon da ? « » Was für Sioux ? « fragte dieser . » Die von dem alten Häuptling Kiktahan Schonka angeführt werden und nach dem Pa-wikonte wollen . Und die Utahs mit ihrem Anführer Tusahga Saritsch ? « Da verschwand der freundliche Ausdruck aus dem Gesicht unsers neuen Bekannten ; sein Blick wurde schärfer , und er fragte : » Kennt Ihr diese beiden Häuptlinge ? « » Ja , « antwortete Enters . » Ich hörte , ihr seid Brüder ? « » Die sind wir . « » Kiktahan Schonka hat euch nach dem Pa-wikonte gesandt ? « » Ja . « » So beeilt euch , schleunigst hinzukommen ! Ihr werdet dort erwartet . Meldet euch bei Pida , dem Häuptling der Kiowa , dem Sohn des alten berühmten Häuptlings Tangua ! Der wird euch zu Kiktahan Schonka und Tusagha Saritsch bringen . « » Beeilen sollen wir uns ? Warum ? « » Das weiß ich nicht . Es wurde mir gesagt . « » Aber was wird dann aus euch ? Wann und wo treffen wir euch wieder ? « Diese Frage wurde an mich und meine Frau gerichtet . Ich antwortete : » Sorgt euch nicht um uns ! Wenn ich euch jetzt verspreche , daß ihr uns zur rechten Zeit und an der richtigen Stelle treffen werdet , so werde ich ebenso Wort halten , wie ich in Beziehung auf die Teufelskanzel Wort gehalten habe . Reitet also getrost weiter ! Ihr könnt euch auf jedes Wort , welches hier dieser Kiowa euch sagt , verlassen . « » Und dieser Pa-wikonte ist wirklich das dunkle Wasser , in dem unser Vater starb ? « » Ja . Ihr habt die Beschreibung der Oertlichkeit in meinem Buch gelesen . Ihr werdet sie sofort erkennen . « » Aber der Weg ist uns unbekannt . Wie lange reitet ihr noch mit ? « Da antwortete der Kiowa schnell an meiner Stelle : » Ihr reitet von jetzt an allein . Die Andern weichen von der bisherigen Richtung ab . So will es Kiktahan Schonka , und dem habt ihr zu gehorchen ! Euer Weg braucht euch nicht zu sorgen . Er geht genau gerade aus . Sobald ihr in die Nähe des Sees gelangt , werdet ihr auf Posten treffen , welche euch zu Pida führen . « Er sagte das in einem Tone , der keinen Widerspruch duldete . Die beiden Enters gehorchten . Sie trennten sich von uns und ritten weiter . Es schien , als ob sie uns nur ungern verließen , obgleich sie doch darauf gefaßt gewesen waren , sich von uns scheiden zu müssen , um uns an die Feinde zu verraten . Als sie außer Hörweite waren , wendete sich der Kiowa an den » jungen Adler « : » Kennt mein Bruder diese zwei Männer ? « » Wir kennen sie genau , « nickte dieser . » Wißt ihr , daß sie eure Feinde sind ? « » Ja . « » Daß sie euch an Kiktahan Schonka auszuliefern haben ? « » Auch das wissen wir . « » Und dennoch reitet ihr mit ihnen ? Uff , uff ! Das ist ganz genau wie einst Winnetou oder Old Shatterhand ! Lieber mitten in der Gefahr , als nur an ihrem Rande ! « Bei diesen Worten glitt ein warmer Seitenblick über mich hin . Dann fuhr er fort : » Aber warum begleitetet ihr sie nach dem See , der euch Verderben droht ? Etwa nur , um sie zu entlarven und zu bestrafen ? Nein ! Ihr hattet auch noch andere , viel wichtigere Gründe . Darf ich sie erraten ? « » Tue es ! « » Ihr wolltet die Zusammenkunft der Kiowa und Komantschen mit den Sioux und Utahs belauschen . Habe ich recht ? « » Mein roter Bruder scheint sehr scharf zu denken ! « Jetzt lächelte der Kiowa und sagte : » Pida , der Freund Old Shatterhands ; denkt noch viel schärfer ! « » Bist du etwa sein Abgesandter ? Handelst du in seinem Auftrage ? « Da hob der Kiowa seine schönen , ehrlichen Augen zu mir empor und antwortete : » Nein ! Er weiß nichts von dem , was ich tue . Er ist der Häuptling seines Stammes und der Sohn seines Vaters . Als dieses Beides hat er Euer Feind zu sein . Aber er liebt Old Shatterhand , und er verehrt ihn wie keinen andern Menschen . Darum wünscht er in seinem Herzen , daß Old Shatterhand , wie er immer siegte , so auch jetzt wieder siegen möge , aber nicht mit den Waffen , sondern in Liebe und Versöhnung . Er will nicht wissen , was ich tue ; darum tue ich , was ich will , ohne ihn zu fragen . Ich führe euch nach dem besten Orte , den es für euch und eure Absichten gibt . « » Nicht nach dem Wasser des Todes ? « » O doch ! Aber auf einem Umwege , damit man euch nicht sehe . Auf diesem gelangt ihr nicht nur an das Wasser des Todes , sondern auch an das Haus des Todes . Fürchtet ihr euch vor Geistern ? « » Nur Lebende sind zu fürchten , nicht aber die Toten . Ich hörte noch nie von einem Haus des Todes . Wo liegt es ? « » Am See . Es war unbekannt . Es wurde erst vor zwei Jahren entdeckt . Man fand es voller Gebeine aus uralter , uralter Zeit , mit zahllosen Totems , Wampums und anderen heiligen Dingen . Das Alles hat man geordnet , wohl mehrere Wochen lang . Dann wurde das Kalumet des Geheimnisses darüber geraucht , und Niemand mehr darf es betreten . Wer es dennoch wagt , sich der Stelle des Ufers zu nähern , die nach dem Hause führt , wird von den Geistern derer , die einst hier starben , getötet . « » Und dennoch willst du es wagen ? « » Ja . « » Welch ein Mut ! « Es war nicht zu ersehen , ob der » junge Adler « diesen Ausruf ernst oder ironisch meinte . Der Kiowa sah vor sich nieder , hob dann schnell den Kopf und antwortete lächelnd : » Allein würde ich es nicht tun ; mit Euch aber kann mir nichts geschehen . Das weiß ich so genau , als hätte ich es aus dem Munde unseres großen guten Manitou selbst gehört . Ihr kennt mich nicht . Ihr dürft mir wohl mißtrauen . Aber ich bitte Euch , mir dennoch zu folgen ! Ich kann Euch keine andere Sicherheit als höchstens nur die Frage geben : Kennt Ihr vielleicht Kolma Putschi ? « » Ja . « » Sie ist meine Freundin . Und kennt Ihr vielleicht gar auch Aschta , die Squaw von Wakon , des berühmtesten Mannes der Dakotastämme ? « » Auch diese . « » Wir wohnen weit voneinander entfernt , aber wir verkehren öfters durch besondere Boten . Ich hoffe , beide in nächster Zeit persönlich zu sehen , trotz der Feindschaft , die zwischen unsern Völkern waltet . Habt Ihr nun Vertrauen zu mir ? « Diese Mühe , uns Zuversicht einzuflößen , war rührend . Wer weiß , was er alles wagte , um uns zu Diensten zu sein ! Und er schien gar nicht zu ahnen , daß er dadurch , daß er diese beiden Frauen seine Freundinnen nannte , sich selbst als Weib bezeichnete . Ich antwortete : » Wir haben Vertrauen . Wir hatten es gleich vom ersten Augenblicke an , als wir dich sahen . Führe uns also ! Wir werden dir folgen . « » So kommt ! « Die beiden Enters hatten sich schon eine große Strecke entfernt . Wir folgten zunächst langsam ihrer Spur , damit sie nicht sehen möchten , nach welcher Seite wir ritten , und erst als sie am Horizont verschwunden waren , wichen wir von unserer bisherigen Richtung nach rechts ab , weil wir , um nach dem » Haus des Todes « zu kommen , nicht in direkter Linie nach dem See zu trachten hatten , sondern ihn umgehen mußten . Der Kiowa ritt voran , und Pappermann hielt sich an seiner Seite , jedenfalls um ihn auszufragen und kennen zu lernen . Ich hörte , daß er sich zunächst bei ihm erkundigte , woher er die Brüder Enters kenne . » Ich kenne sie nicht , « lautete die Antwort . » Aber Kiktahan Schonka hat einen Boten gesandt , um seine Ankunft zu melden . Er ließ durch diesen Boten sagen , daß zwei Bleichgesichter eintreffen würden , die Brüder seien und sich verpflichtet hätten , Old Shatterhand , seine Squaw , einen alten , weißen Jäger , der ein blaues Halbgesicht habe , und den jungen Adler der Apatschen an die Sioux auszuliefern ; diese Vier seien dem sichern Tode geweiht . Da machte ich mich auf , sie zu retten . Ich entfernte mich einen halben Tagesritt vom See und blieb an einer Stelle , an der sie vorüber mußten , sobald sie kamen . Ich wartete gestern und heut . Da sah ich euch erscheinen . Die Zahl stimmte : Ein Indianer , vier weiße Männer und eine weiße Squaw . Ich ritt auf euch zu und nahm mir vor , euch vor allen Dingen von den gefährlichen Brüdern zu trennen . Das ist geschehen . « » So glaubt Ihr also , Mr. Burton sei Old Shatterhand ? « » Ja . Irre ich mich ? « » Fragt ihn selbst ! « » Das ist nicht nötig . Wäre er es nicht , so hättet Ihr sogleich mit einem Nein geantwortet . Die Auskunft , die Ihr nicht gegeben habt , ist also deutlich genug . « Weiter war nichts zu hören , weil die beiden Voranreitenden jetzt den Schritt ihrer Pferde beschleunigten . Aber das Herzle sagte zu mir : » So ist es mit deinem Inkognito also vorbei ! « » Noch nicht , « antwortete ich . » Glaubst du , daß dieser Kiowa schweigt ? « » Wenn ich es wünsche , ja . « » So gefällt er dir ? « » Gewiß ! « » Mir auch . Weißt du , er hat so etwas Aufrichtiges und zugleich Wehmütiges an sich . Die Wehmut blickt allerdings fast aus jedem indianischen Auge , aber hier tritt sie doppelt deutlich hervor . Es ist , als ob dieser Mann einen tiefen , andauernden Gram in sich trage . Man sollte helfen können ! - Meinst du nicht ? « » Hm ! Mein Herzle möchte freilich gern allen Leuten helfen , doch ist innerem Kummer nicht so leicht beizukommen , wie du denkst . Man muß ihn vor allen Dingen erst kennen lernen , und du weißt , die Indianer sind verschwiegen . « » O , was das betrifft , da kennst du mich . Was ich einmal wissen will , das frage ich gewiß heraus ! « » Ja , leider , leider ! « » Sogar aus Indianern ! « » Gewiß , gewiß ! Ich kenne dich ! Du fragst es heraus , ganz gleich , ob die Menschen weiß oder rot , gelb , grün oder blau aussehen ! Aber der hier ist verschwiegen . « » Denkst du ? « » Ja . Der sagt dir nichts ! « » Hm ! Wollen wir wetten ? « » Ich wette nie . Das weißt du doch . « » Was zahlst du mir , wenn ich schon morgen früh seinen ganzen Kummer kenne ? « » Was forderst du ? « » Nochmals fünfzig Mark für unser Radebeuler Krankenhaus ! « » Kind , werde mir nicht zu teuer ! « rief ich erschrocken aus . » Wieviel zahlst du denn , wenn du morgen früh nichts erfahren hast ? « » Das doppelte , nämlich zur Strafe hundert Mark ! « » Das ist freilich höchst anständig , ja sogar nobel ! Das Krankenhaus könnte also bei dieser Wette nur gewinnen . Aber woher nimmst du die hundert Mark ? « » Von meinem Kredit bei dir ! « » Ich danke , danke ! Für Wetten kreditiere ich keinen Pfennig . Versuche es dort mit dem alten Pappermann ! Vielleicht gelingt es dir , ihn für dein Krankenhaus zu interessieren ! « » Der arme Teufel ! Hat weder in seinem Hotel noch auf seinem Hotel noch etwas stehen ! So sagte er doch wohl ? Uebrigens bitte ich dich , ihn von dem Kiowa zu trennen . « » Warum ? « » Weil ich von jetzt an hingehöre ! « » Ah ? Du willst deine Forschung sogleich beginnen ? « » Ja . Ich muß unbedingt erfahren , was dieser Indianer auf dem Herzen hat . Denke dir , wenn man ihm helfen könnte ! Also bitte , ruf Pappermann von ihm weg ! « Ich tat es mit heimlichem Vergnügen , denn es verstand sich für mich ganz von selbst , daß auch der Kiowa den herzlichen Wunsch hegte , sich an meine Frau zu machen und sie so gründlich wie möglich auszufragen . Diese Beiden blieben von jetzt an während des ganzen Nachmittages beisammen . Sie fanden sichtlich Wohlgefallen aneinander . Und ich hatte keinen Grund , sie dabei zu stören . Das Terrain stieg höher und höher . Wir näherten uns zusehends den Bergen , zwischen denen das » Dunkle Wasser « liegt . Gegen Abend sahen wir seitwärts von uns die Linie des Waldes , welcher den See verkündet . Dort hatten wir damals am Abend gelagert , ehe wir früh vollends bis an das Wasser geritten waren . Heut schlugen wir einen Bogen um Wald und See herum , überschritten einen breiten , aber nicht sehr tiefen Bach , welcher den Ausfluß des hochinteressanten Wasserbeckens bildete , ließen die Pferde hier trinken und lenkten sie dann zwischen steilen Felsen nach einer dicht bewaldeten Höhe empor , auf welcher die Stelle lag , die für heut unser Ziel zu bilden hatte . Das » Haus des Todes « noch zu erreichen , war es zu spät , denn es dunkelte bereits so sehr , daß wir uns beeilen mußten , noch vor vollständiger Nacht das Zelt aufzuschlagen und aus Steinen eine Feuerstelle zu errichten , durch welche die Flamme für Andere unsichtbar wurde . Uebrigens versicherte uns der Kiowa , daß wir hier oben vor Lauschern völlig bewahrt seien . Der Ort , an dem wir uns befanden , gehörte schon zu dem Gebiete , welches nicht betreten werden sollte . Es bedurfte nur noch eines kurzen Abstieges , um an das » Haus des Todes « zu gelangen , doch war dieser Abstieg so steil , daß er während der Abenddämmerung nicht hatte gewagt werden können . Wir waren gezwungen , damit bis morgen früh zu warten . Unten am See lagerten , getrennt voneinander , die Kiowa und die Komantschen . Die Sioux und die Utahs waren noch nicht da , wurden aber für jeden Augenblick erwartet . Während der » junge Adler « die Pferde besorgte , errichtete ich mit Pappermann das Zelt . Der alte Westläufer befand sich in schlechter Laune . Er hustete und knurrte vor sich hin , als ob er etwas sagen wolle , aber den Anfang nicht finden könne . Darum fragte ich ihn direkt , was mit ihm sei . » Was soll mit mir sein ! « antwortete er , doch so , daß ich es allein hörte . » Ich ärgere mich ! « » Worüber ? « » Und ich traue nicht ! « » Wem ? « » Dem Kiowa ! « » Warum ? « » Das fragt Ihr noch ? Seht Ihr denn nichts , gar nichts ? Habt Ihr nicht selbst auch Augen ? « » Wofür ? « » Wofür ? Sonderbares Fragen ! Worüber ? Wem ? Warum ? Wofür ? Und auf solche abgerissene Silben soll man eine verständige Antwort geben können ! Wißt Ihr , wie lange es her ist , seit wir diesen Kiowa getroffen haben ? « » Fast sechs Stunden . « » Richtig ! Und was hat er in diesen sechs Stunden gemacht ? « » Uns hierher geführt . « » Das meine ich nicht . Das war seine Pflicht . Er hat aber etwas getan , was ganz und gar nicht seine Pflicht gewesen ist ! Ja , ganz und gar nicht ! Aergert Ihr Euch nicht auch darüber ? « » Ich ? Es ist mir nichts bekannt , worüber ich mich zu ärgern hätte ! « » So ? Wirklich ? Nichts , gar nichts ? Ist das nichts , wenn dieser Indianer sechs volle Stunden lang unaufhörlich neben Eurer Lady reitet und derart mit ihr spricht , daß sie weder Augen noch Ohren für andere Leute hat , auch nicht für Euch selbst ? Ist das wirklich nichts ? « Also das war es ! Er war eifersüchtig auf den Kiowa ! Er hatte meine Frau gern , sehr gern , und es machte ihn , den alten , vereinsamten Menschen , glücklich , wenn sie sich unterwegs mit ihm ein Viertel-oder ein halbes Stündchen unterhielt . Um dieses Glück sah er sich heut gebracht . Ich tat aber , als ob ich kein Verständnis dafür habe und antwortete : » Ja , das ist allerdings nichts . Es gab während der ganzen Zeit nichts Wichtiges , was ich mit meiner Frau hätte besprechen müssen . Ich ersehe also gar keinen Grund , der mich hätte veranlassen müssen , ihre Unterhaltung mit diesem unserm neuen Freunde abzubrechen . « » Freund ? Freund nennt Ihr ihn ? Hm ! « » Soll ich nicht ? « » Nein ! Man hat vorsichtig zu sein ! Ich heiße Maksch Pappermann und bin ein alter , erfahrener Kerl . Ehe ich Jemand meinen Freund nenne , pflege ich tage- , wochen- und monatelang zu prüfen ! Auch Ihr pflegt sonst außerordentlich vorsichtig zu sein , noch vorsichtiger als ich . Heut aber seid Ihr ganz wie aus- oder umgewechselt . Ich warne Euch ! Ich meine es gut ! Ich bitte Euch , nehmt es von mir an ! Wollt Ihr ? « » Ja . Sie sollen nicht wieder sechs Stunden lang miteinander reden . « » So recht , so recht ! Ich finde das außerordentlich vernünftig von Euch . Wenn Ihr in dieser Weise redet , werfe ich meinen Aerger über den Haufen und fange wieder an , zu lachen . Glaubt Ihr , daß wir hier wirklich sicher sind ? Nichts zu befürchten haben ? « » Vollständig sicher . « » Es ist doch toll , was für ein Vertrauen Ihr zu diesem Roten habt ! « » Ihr irrt . Ich vertraue ihm , weil ich mir selbst vertraue . Ich höre nicht auf ihn , sondern nur auf mich . Es war doch auch bei Euch von Mißtrauen keine Rede ! « » Ja , zuerst ! Aber diese Schwatzhaftigkeit kam mir verdächtig vor . Mir scheint , er hat Mrs. Burton ausgefragt und wird nun das , was er hörte , da unten bei den Kiowa und Komantschen erzählen ! « » Das befürchte ich nicht . Uebrigens ist er noch gar nicht unten bei ihnen . « » Well ! Ich passe auf ! Mir soll nichts entgehen ! Ich lasse mich nicht betrügen ! « Damit war die Sache für jetzt abgemacht . Als ich das Herzle nach dem Essen ein wenig ironisch fragte , ob es ihr gelungen sei , hinter das Geheimnis des Indianers zu kommen , antwortete sie : » Leider noch nicht . Er ist verschwiegen . « » Aber du hast doch beinahe sechs Stunden lang nur allein mit ihm gesprochen ! Nennst du das schweigen oder verschwiegen sein ? « » Man kann sprechen , ohne zu plaudern . Wir haben nicht über sein eigenes , kleines Leid , sondern über das große , erhabene Leid der ganzen roten Rasse gesprochen . Er denkt sehr richtig , und er fühlt tief . Ich habe ihn liebgewonnen , sehr lieb ! « » Oho ! « » Ja , wirklich ! Es ist mir da freilich Etwas begegnet , was ich dir gestehen muß . « » Schon wieder ein Geständnis ? « » Leider , leider ! Ich begreife es nicht ! Wenn er so lieb und warm für seine Nationen sprach , wenn er es so tief beklagte , daß wir Weißen die Roten für minderwertig halten , da wurden seine schönen , ehrlichen Augen feucht , und es stieg in mir auf , als müsse ich ihn auf Stirn und Wange küssen und ihm die Tränen mit meinen Händen trocknen . Das muß ich dir sagen . Er ist ein Mann . Ich wiederhole : Ich verstehe es nicht ! « » Wenn nur ich es verstehe , liebes Kind , « antwortete ich . » Und verstehst du es ? « » Ja . « » Und erteilst du mir Absolution ? « » Sehr gern . Sprechen wir morgen weiter hierüber . Hast du vielleicht erfahren , wo das Kiowadorf jetzt liegt , in dem ich damals zu Tode gemartert werden sollte ? « » Ja . Es lag an der Salzgabel des Red-River . Jetzt aber liegt es weit im Westen davon , auch an einem kleinen Flüßchen , dessen Namen mir aber entfallen ist . Er hat dich sofort erkannt , als er dich heut erblickte . « » Ah ? So sah er mich also nicht zum ersten Male ? « » Nein . Er kennt dich von damals her . Er war im Dorf , als man dich brachte . Er stand dabei , als du mit Händen und Füßen an die Pfähle gebunden warst . Er hat mir Alles erzählt , so ausführlich , wie ich es nicht einmal von dir selbst erfahren habe . « » Sprach er auch vom alten Sus-Homascha20 , der mich so gern retten wollte ? « » Ja . Sus-Homascha hatte zwei Töchter . Die eine war die Frau des jungen Häuptlings Pida . Ihre Ehe war außerordentlich glücklich und ist es auch noch heute . Sie war von Santer überfallen und mit einem Schlage auf den Kopf betäubt worden . Man hielt sie für tot . Man holte dich . Man behauptet noch heut , daß du ihr das Leben gerettet habest . Darum ist Pida noch heut in unerschütterlicher Dankbarkeit dein Freund . Denke dir , seine Frau ist mit hier ? « » Unten am See ? Bei den Kiowa ? « » Ja . Als man erfuhr , daß auch Old Shatterhand mit nach dem Mount Winnetou geladen sei , ließ sie sich nicht halten . Sie wollte ihren Retter wieder sehen . Es scheint überhaupt mit den Frauen der Kiowa eine ähnliche Bewandtnis zu haben wie mit den Squaws der Sioux . Auch sie haben sich zusammengetan ; auch sie wollen mit beraten . Sie sind nicht in den Dörfern zurückgeblieben , aber wo sie sich befinden , das konnte ich noch nicht erfahren . « » Du vergissest dein eigentliches Thema . Du sprachst von den zwei Töchtern des alten Sus-Homascha . Die Eine war Pidas Frau . Die Andere - - - « Da fiel das Herzle schnell ein : » Ja , die Andere , die hieß Kakho-Oto21 . Sie wollte und sie sollte deine Squaw werden , damit du gerettet würdest ; du aber wiesest sie ab . Sie war trotzdem so edel , dir zur Flucht zu verhelfen . Sie lebt noch . Sie ist ledig geblieben . Nie hat ein Mann sie berühren dürfen , und sie ist es , die alle die vielen Jahre , welche zwischen damals und jetzt liegen , dazu verwendet hat , dein und Winnetous Andenken auch bei den Kiowa zu heiligen und Eure Ideale der Edelmenschlichkeit , der Friedfertigkeit und der Nächstenliebe in ihnen wachsen und groß werden zu lassen . Sie wünscht nichts sehnlicher , als nach dem Mount Winnetou kommen und dich dort sehen zu können . Du aber sollst sie nicht wieder erkennen . Sie ist inzwischen alt geworden und wohl auch häßlich dazu . Sie hofft , daß du sie sehen kannst , ohne zu wissen , wer sie ist . Sie hat uns den Kioma entgegengeschickt , um uns zu warnen und hierher zu führen . Wir können uns auf ihn verlassen . Er wird sich so verhalten , als ob er nicht zu seinem Stamme , sondern ganz zu uns gehöre , und uns jeden Wunsch erfüllen , der mit seiner Heimatliebe und Indianerehre vereinbar ist . Freust du dich darüber ? « » Ja , herzlich ! Und deine eigene Freude wird eine doppelte sein , wenn du diesen treuen Mann noch näher kennen lernst . Bitte , laß uns heut ' zeitig zur Ruhe gehen . Es ist möglich , daß morgen ein ereignisvoller Tag wird , der ausgeruhte Kräfte von uns verlangt . « Sie war einverstanden . Sie zog sich sehr bald in ihr Zelt zurück , und auch wir anderen legten uns schlafen . Unter anderen Umständen hätte ich für diese Nacht die Wache unter uns verteilt , da ich aber wußte , wer der Kiowa war und daß ich ihm vertrauen durfte , war es nicht nötig , diese Vorsichtsmaßregel zu treffen . Unser alter Pappermann aber war anderer Meinung über ihn . Er legte sich in seine Nähe , um ihn während der Nacht zu beaufsichtigen . Ich hatte keinen Grund , ihn daran zu verhindern . Am andern Morgen wachte ich nicht von selbst auf , sondern ich wurde geweckt , und zwar von dem , von dem ich soeben gesprochen habe , von Pappermann . Er sah ganz erregt aus , hatte ein rotes Gesicht und sagte : » Verzeiht , Mr. Burton , daß ich Euch aus dem Schlafe störe ! Es sind Dinge geschehen , schreckliche Dinge ! Dinge , die mich veranlaßten , Euch sofort zu wecken ! « » Was ist es ? « fragte ich , indem ich schnell aufsprang . » Etwas Entsetzliches ! Etwas Fürchterliches ! « » Also was ? Sagt es schnell ! « » So schnell , wie Ihr wollt , kann ich das nicht . Ich muß Euch da erst vorbereiten . « » Ist nicht nötig ! Nur heraus damit ! « » Es ist nötig ! Sogar sehr ! Wenn ich Euch nicht vorher vorbereite , fallt Ihr vor Schreck um wie ein Klotz , den niemand wieder aufheben kann . « » Ich ? « » Ja ! « » Vor Schreck ? « » Wie ich sage : vor Schreck ! « » Nur ich allein ? « » Ja ! « » Nicht auch Ihr ? « » Nein , ich nicht ! Obgleich auch ich erschrak , als ich es sah . Ja , wahrhaftig , auch ich erschrak ! Ich erschrak so , als ob sie meine eigene Frau wäre , nicht aber die eurige ! « » Ah ! So betrifft es meine Frau ? « » Ja ! Natürlich ! Eure Frau ! « » Gott sei Dank ! « Ich holte tief Atem . Der alte , brave Jäger sah so aus , als ob es sich wirklich um ein sehr böses , nie wieder gut zu machendes Ereignis handle . Vielleicht gar um ein Ereignis , durch welches unsere guten Pläne vernichtet würden . Darum hatte er mir , dem sonst so Ruhigen , denn doch eine Art von Schreck eingejagt . Nun er aber von dem Herzle sprach , war ich sofort beruhigt .