erwählt hatte ? War es nicht eher seine Bestimmung , unbedenklich und kühn durch die Welt zu treiben , als irgendwo festzusitzen mit Weib und Kind , mit der Sorge ums tägliche Brot , um die Karriere und höchstens um ein bißchen Ruhm ? In diesen Tagen , aus denen er jetzt kam , hatte er sich leben gefühlt , vielleicht das erste Mal . Jeder Augenblick war so reich und erfüllt gewesen , nicht die in ihren Armen allein . Er war wieder jung geworden mit einemmal . Blühender hatte die Landschaft geprangt , der Himmel hatte sich weiter gespannt , die Luft , die er trank , hatte bessere Würze und Kraft geatmet . Und Melodien hatten in ihm gerauscht , wie nie zuvor . Hatte er je ein schöneres Lied komponiert , als jenes heiter-wiegende , ohne Worte , » auf dem Wasser zu singen ? « Und seltsam , aus ungeahnter eigner Tiefe war das Phantasiestück emporgestiegen , am Seeufer , eine Stunde , nachdem er die wunderbare Frau zum erstenmal erblickt hatte . Nun sollte ihn Herr Hofrat Wilt nicht lange mehr für einen Dilettanten halten . Doch warum dachte er gerade an den ? Wußten die andern besser , wer er war ? Schien es ihm nicht manchmal , als ob sogar Heinrich , der ihm doch einmal einen Operntext hatte schreiben wollen , ihn um nichts gerechter beurteilte ? Und er hörte die Worte wieder , die der Dichter zu ihm gesprochen hatte , an jenem Morgen , da sie von Lambach durch den taufeuchten Wald nach Gmunden gefahren waren . » Sie müssen nicht schaffen , um zu sein , was Sie sind ! Sie brauchen nicht die Arbeit ; nur die Atmosphäre Ihrer Kunst ... « Gleich darauf erinnerte er sich des Abends in dem Forsthaus am Almsee , wo ein Jäger von siebenunddreißig Jahren lustige Liedeln gesungen und Heinrich sich gewundert hatte , daß einer in diesem Alter noch so lustig war , da man sich dem Tod doch schon so nahe fühlen müßte . Dann hatten sie sich in einem Riesensaal zu Bett gelegt , wo die Worte widerhallten , lange noch über Leben und Tod philosophiert und waren plötzlich in Schlaf gesunken . Am Morgen darauf , unter kühler Bergessonne hatten sie voneinander Abschied genommen . Noch immer lag Georg regungslos ausgestreckt in den Plaid gehüllt und überlegte , ob er von seiner Begegnung mit der Schauspielerin Heinrich etwas erzählen sollte . Wie blaß sie geworden war , als sie ihn plötzlich erblickt hatte ! Mit herumirrenden Augen hatte sie seinem Bericht von der gemeinsamen Radpartie zugehört , dann ohne weitern Übergang von ihrer Mutter zu erzählen begonnen und von dem kleinen Bruder , der so wunderschön zeichnen könnte . Und die Kollegen hatten von der Bühnentür immer hergestarrt , besonders einer mit einem Lodenhut , auf dem ein Gemsbart steckte . Und am selben Abend hatte Georg sie in einer französischen Posse spielen gesehen und sich gefragt , ob die hübsche Person , die da unten auf der Bühne des kleinen Sommertheaters so unbändig umheragierte , in Wirklichkeit so verzweifelt sein könnte , wie Heinrich sich ' s einbildete . Nicht nur ihm , auch James und Sissy hatte sie gut gefallen . Was war das für ein lustiger Abend gewesen ! Und das Souper nach dem Theater mit James , Sissy , der Mama Wyner und Willy Eißler ! Und am nächsten Morgen die Fahrt im Viererzug des alten Baron Löwenstein , der selbst kutschierte ! In weniger als einer Stunde waren sie am See gewesen . Ein Kahn trieb am Ufer hin im Frühsonnenschein , und auf der Ruderbank saß die geliebte Frau , den grünseidenen Schal um die Schultern . Wie kam es nur , daß auch Sissy gleich die Beziehung zwischen ihm und ihr geahnt hatte ? Und das heitere Diner dann , oben im Auhof bei Ehrenbergs ! Georg hatte seinen Platz zwischen Else und Sissy , und Willy erzählte eine komische Geschichte nach der andern . Und dann , am Nachmittag ohne Verabredung , während die andern alle ruhten , unter der dunkelgrünen Schwüle des Parks , im warmen Duft von Moos und Tannen , hatten Georg und Sissy sich gefunden , zu einer wunderbaren Stunde , die ohne Schwüre der Treue und ohne Schauer der Erfüllung , leicht wie ein Traum durch diesen Tag geschwebt war . Wie möcht ich ihn Augenblick für Augenblick durchdenken und durchkosten , diesen goldnen Tag . Ich seh uns beide , Sissy und mich , wie wir über die Wiese hinunter spaziert sind zum Tennisplatz , Hand in Hand . Ich glaube , ich hab auch besser gespielt als je . Und ich sehe Sissy wieder , im Strohsessel liegend , die Zigarette zwischen den Lippen und den alten Baron Löwenstein an ihrer Seite , und ihre Blicke glühen zu Willy hin . Wo war ich schon in diesem Moment wieder für sie ! Und der Abend ! Wie wir in der Dämmerung noch hinausgeschwommen sind in den See , James , Willy und ich , und das laue Wasser mich so köstlich umstreichelt hat ! Was für eine Wonne auch das ! Und dann die Nacht ... die Nacht ... Wieder hielt der Zug stille . Draußen war es schon ganz licht geworden , Georg aber blieb regungslos liegen , nach wie vor . Er hörte den Namen der Station ausrufen , Stimmen von Kellnern , Kondukteuren , Reisenden , hörte Schritte auf dem Perron , Bahnsignale aller Art , und er wußte , daß er in einer Stunde in Wien sein würde . Wenn Anna Nachrichten über ihn bekommen hätte , wie Heinrich im vergangenen Winter über seine Geliebte ! Er konnte sich nicht vorstellen , daß Anna über dergleichen außer Fassung geriete , selbst wenn sie daran glaubte . Vielleicht würde sie weinen , aber gewiß nur für sich allein , ganz in der Stille . Er nahm sich fest vor , sich nichts merken zu lassen . War das nicht geradezu seine Pflicht ? Worauf kam es nun an ? Nur auf das eine , daß Anna die letzten Wochen ruhig und ohne Aufregung verlebte und daß ein gesundes Kind zur Welt käme . Darauf allein . Wie lange war es schon her , daß er von Doktor Stauber diese Worte gehört hatte ? Das Kind ... ! Wie nahe war die Stunde ! Das Kind ... dachte er wieder ; doch vermochte er nichts zu denken als eben nur das Wort . Endlich versuchte er sich ein lebendiges , kleines Wesen vorzustellen . Aber wie zum Possen erschienen ihm immer wieder Figuren von kleinen Kindern , die aussahen wie aus einem Bilderbuch ; burlesk gezeichnet und in überlauten Farben . Wo wird es seine ersten Jahre verbringen ? dachte er . Bei Bauern auf dem Land , in einem Haus mit einem kleinen Garten . Eines Tages aber werden wir ' s holen und zu uns ins Haus nehmen . Es könnte auch anders kommen ... Man erhält einen Brief : Euer Hochwohlgeboren , beehre mich mitzuteilen , daß das Kind schwer erkrankt ist ... Oder gar ... Wozu an solche Dinge denken ? Auch wenn wir ' s bei uns behielten , könnte es krank werden und sterben . Jedenfalls muß man es zu sehr verläßlichen Menschen geben . Ich will mich selbst darum kümmern . Es war ihm , als stände er neuen Aufgaben gegenüber , die er niemals recht überlegt hatte und denen er innerlich nicht gewachsen war . Die ganze Geschichte fing gleichsam von neuem für ihn an . Er kam aus einer Welt zurück , in der ihn alle diese Dinge nichts gekümmert , wo andre Gesetze gegolten hatten , als die , denen er sich jetzt wieder fügen mußte . Und war es nicht gewesen , als hätten auch die andern Menschen gefühlt , daß er nicht zu ihnen gehörte , als wären sie alle von einem gewissen Respekt durchdrungen gewesen , als hätte Ehrfurcht sie erfaßt , vor der Macht und Heiligkeit einer großen Leidenschaft , die sie in ihrer Nähe walten sahen ? Er erinnerte sich eines Abends , an dem die Hotelgäste einer nach dem andern aus dem Klavierzimmer verschwunden waren , als wären sie sich ihrer Verpflichtung bewußt , ihn mit ihr allein zu lassen . Er hatte sich an den Flügel gesetzt und zu phantasieren begonnen . Sie war in ihrer dämmrigen Ecke geblieben , in einem großen Armstuhl . Zuerst hatte er ihr Lächeln noch gesehen , dann nur das dunkle Leuchten ihrer Augen , dann nur mehr die Umrisse ihrer Gestalt , dann überhaupt nichts mehr ; doch immer gewußt : sie ist da . Drüben am andern Ufer waren Lichter aufgeblitzt . Die zwei Mädeln in den blauen Kleidern hatten durchs Fenster hereingeguckt und waren gleich wieder verschwunden . Endlich hörte er zu spielen auf und blieb stumm am Klavier sitzen . Da war sie langsam aus der Ecke hervorgekommen , einem Schatten gleich und hatte ihre Hände auf sein Haupt gelegt . Wie unsäglich schön war das gewesen ! Und alles fiel ihm wieder ein . Wie sie im Kahn geruht hatten mitten im See , mit eingezogenen Rudern , er den Kopf in ihrem Schoß ; und wie sie am Ufer drüben den Waldweg hinaufgewandert waren bis zu der Bank unter der Eiche . Dort war es gewesen , wo er ihr alles erzählt hatte . Alles , wie einer Freundin . Und sie hatte ihn verstanden , wie nie eine andre ihn verstanden hatte . War sie es nicht , die er seit jeher gesucht hatte , sie , die Geliebte war und Gefährtin zugleich , mit dem ernsten Blick für alle Dinge der Welt und doch geschaffen zu jedem Wahnsinn und jeder Seligkeit . Und gestern der Abschied ... Der dunkle Glanz ihrer Augen , der blauschwarze Strom ihrer gelösten Haare , der Duft ihres bleichen , nackten Leibes ... War es denn möglich , daß es auf immer zu Ende war , daß all dies niemals , niemals wiederkommen sollte ... ? Georg zerknüllte den Plaid zwischen den Fingern in ohnmächtiger Sehnsucht und schloß die Augen . Er sah die sanftbewegten Waldhügellinien nicht mehr , die draußen im Morgenlicht vorbeizogen , und wie zu einem letzten Glück träumte er sich in die dunkeln Wonnen jener Abschiedsstunde zurück . Doch wider Willen überkam ihn Mattigkeit nach der durchrüttelten Eisenbahnnacht , und aus selbstgerufenen Bildern jagte es ihn wieder durch regellose Träume , über die ihm keine Macht gegeben war . Er ging über den Sommerhaidenweg , in sonderbarem Dämmerlicht , das ihn mit tiefer Traurigkeit erfüllte . War es Morgen ? War es Abend ? Oder trüber Tag ? Oder war es der rätselhafte Glanz irgendeines Gestirns über der Welt , das noch niemandem geleuchtet hatte , als ihm ? Plötzlich stand er auf einer großen , freien Wiese , wo Heinrich Bermann hin und her lief und ihn fragte : Suchen Sie auch das Schloß der Dame ? Ich erwarte Sie schon lang . Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf . Heinrich voran , so daß Georg immer nur einen Zipfel des Überziehers erblicken konnte , der nachschleppte . Oben auf einer riesigen Terrasse , von der man die Stadt und den See sah , war die ganze Gesellschaft versammelt . Leo hatte seinen Vortrag über Mollakkorde begonnen , hielt inne , als Georg erschien , stieg vom Katheder herab und führte ihn selbst zu einem freien Stuhl , der in der ersten Reihe neben Anna stand . Anna lächelte glückselig , als Georg erschien . Sie war jung und strahlend , in einer herrlichen , dekolletierten Abendtoilette . Gleich hinter ihr saß ein kleiner Bub mit blonden Locken , in Matrosenanzug mit breitem , weißem Kragen , und Anna sagte : » Das ist er . « Georg machte ihr ein Zeichen zu schweigen , denn es sollte ja ein Geheimnis sein . Indessen spielte Leo oben als Beweis seiner Theorie die cis moll Nocturne von Chopin , und hinter ihm an der Wand , lang , hager und gütig , lehnte der alte Bösendorfer , im gelben Überzieher . Alle verließen in großem Gedränge den Konzertsaal . Georg gab Anna den Theatermantel um die Schultern und sah die Leute ringsum strenge an . Dann saß er mit ihr im Wagen , küßte sie , empfand große Wonne dabei und dachte : könnt es doch immer so sein ! Plötzlich hielten sie vor dem Hause in Mariahilf . Oben am Fenster warteten schon viele Schüler und winkten . Anna stieg aus , verabschiedete sich von Georg mit einem pfiffigen Gesicht und verschwand im Haustor , das lärmend hinter ihr zufiel . » Bitte sehr , noch zehn Minuten « , sagte jemand . Georg richtete sich auf . Der Kondukteur stand in der Türe und wiederholte : » In zehn Minuten sind wir in Wien . « » Danke « , sagte Georg und stand auf , mit ziemlich wirrem Kopf . Er öffnete das Fenster und freute sich , daß draußen in der Welt schönes Wetter war . Die frische Morgenluft ermunterte ihn völlig . Gelbe Mauern , Bahnwärterhäuschen , Gärtchen , Telegraphenstangen , Straßen flogen vorüber , und endlich stand der Zug in der Halle . Ein paar Minuten darauf fuhr Georg in einem offenen Fiaker nach seiner Wohnung , sah Arbeiter , Ladenmädchen , Bureauleute zu ihrem täglichen Berufe wandern , hörte Rolladen in die Höhe schnurren ; und inmitten aller Unruhe , die seiner wartete , inmitten aller Sehnsucht , die ihn anderswo hinzog , empfand er das tiefe Wohlgefühl des Wiederdaheimseins . Als er in sein Zimmer eintrat , fühlte er sich wie geborgen . Der alte Schreibtisch mit dem grünen Tuch überzogen , der Briefbeschwerer aus Malachit , die gläserne Aschenschale mit dem eingebrannten Reiter , die schlanke Lampe mit dem breiten , grünen Milchglasschirm , die Bilder des Vaters und der Mutter in den schmalen Mahagonirahmen , in der Ecke das runde Marmortischchen mit der Silberkassette für Zigarren , dort an der Wand der Prinz von der Pfalz nach Van Dyck , der hohe Bücherschrank mit den olivenfarbigen Vorhängen ; alles grüßte ihn mit Herzlichkeit . Und gar der Blick , der gute , heimatliche über die Baumkronen des Parks zu den Türmen und Dächern , wie tat der wohl ! Aus allem , was er hier wiederfand , strömte es ihm wie kaum geahntes Glück entgegen , und es fiel ihm schwer aufs Herz , daß er all das in wenigen Wochen verlassen mußte . Und bis man wieder ein Heim , ein wirkliches Heim haben würde , wie lang mochte das dauern ! Gern hätte er sich ein paar Stunden lang in seinem lieben Zimmer aufgehalten : aber er hatte keine Zeit . Vor der Mittagstunde noch mußte er ja auf dem Lande sein . Er hatte seine Kleider abgeworfen , ließ sich in seiner weißen Wanne wonniglich von warmem Wasser umspülen . Um im Bade nicht einzuschlafen , wählte er ein Mittel , das sich schon öfters bewährt hatte . Er dachte eine Fuge von Bach Note für Note durch . Das Klavierspiel fiel ihm ein , das mußte auch wieder tüchtig geübt werden . Und Partituren gelesen . Ob es nicht doch das klügste war , noch ein Jahr dem Studium zu widmen ? Nicht erst unterhandeln , oder gar eine Stellung annehmen , die man am Ende nicht ausfüllen konnte ? Lieber hier bleiben und arbeiten . Hier bleiben ? Wo denn ? Die Wohnung war ja gekündigt . Einen Augenblick fuhr ihm durch den Sinn , sich in dem alten Hause einzumieten , der grauen Kirche gegenüber , wo er so schöne Stunden mit Anna verbracht hatte ; und es war ihm , als erinnerte er sich einer längst vergangenen Geschichte , eines Jugendabenteuers , heiter und ein wenig geheimnisvoll , das lange vorbei war . Erfrischt und in einem ganz neuen Gewand , dem ersten hellen , das er seit dem Tode des Vaters anlegte , trat er in sein Zimmer zurück . Ein Brief lag auf dem Schreibtisch , den eben die Frühpost gebracht hatte . Von Anna . Er las . Nur ein paar Worte waren es : » Du bist wieder da , mein Geliebter ! Ich grüße Dich . Ich sehne mich nach Dir . Laß mich nicht zu lange warten . Deine Anna « ... Georg sah auf . Er wußte selbst nicht , was ihn an diesem kurzen Brief so sonderbar berührte . Annas Briefe hatten sonst immer , bei aller Zärtlichkeit , etwas Gemessenes , fast Konventionelles bewahrt , und manchmal hatte er sie im Scherz » Erlässe « genannt . Dieser hier war in einem Ton gehalten , der ihn an das leidenschaftliche Mädchen aus früherer Zeit erinnerte ; an seine Geliebte , die er beinahe vergessen hatte ; und seltsam unerwartet griff Unruhe nach seinem Herzen . Er eilte die Treppe hinab , setzte sich in den nächsten Fiaker und fuhr aufs Land . Bald fühlte er sich angenehm zerstreut durch den Anblick der Menschen auf den Straßen , die ihn nichts angingen ; und später , als er den Wäldern schon nah war , beruhigte ihn die Anmut des blauen Sommertages . Mit einemmal , früher als Georg gedacht , hielt der Wagen vor dem Landhaus . Unwillkürlich sah Georg zuerst zum Balkon unter dem Giebel auf . Ein kleines Tischchen stand oben , mit weißer Decke , und ein Körbchen darauf . Ach ja , Therese hatte ein paar Tage hier gewohnt . Jetzt erst fiel es ihm wieder ein . Therese ... ! Wo war das ! Er stieg aus , entließ den Wagen und trat ins Vorgärtchen , wo auf bescheidenem Postament unter verblühten Beeten der blaue Engel stand . Er trat ins Haus . Im großen Mittelzimmer deckte die Marie eben den Tisch . » Im Garten oben is die gnä Frau « , sagte sie . Die Tür zur Veranda stand offen . Die Bretter des Bodens knarrten unter Georgs Füßen . Der Garten mit seinem Duft und seiner Schwüle nahm ihn auf . Der alte Garten war es . Alle die Tage , die Georg fern gewesen , war er stille dagelegen , so wie in diesem Augenblick ; im Morgenlicht , im Sonnenglanz , im Abendschatten , im Dunkel der Nacht ; immer derselbe ... Gerade schnitt der Kiesweg durch die Wiese nach oben . Kinderstimmen waren jenseits der Stauden , an denen rote Beeren hingen . Und dort auf der weißen Bank , den Arm auf der Lehne , sehr bleich , in wallendem blauen Morgenkleid , das war Anna . Ja wirklich sie . Nun hatte sie ihn erblickt . Sie wollte aufstehen . Er sah es und sah zugleich , daß es ihr schwer wurde . Warum nur ? Bannte die Erregung sie nieder ? Oder war die schwere Stunde schon so nah ? Er winkte ihr mit der Hand , sie sollte sitzen bleiben . Sie setzte sich auch wirklich wieder hin und hatte nur die Arme leicht ausgebreitet , ihm entgegen . Ihre Augen leuchteten glückselig . Georg ging sehr rasch , den weichen , grauen Hut in der Hand , und nun war er bei ihr . » Endlich « , sagte sie , und es war eine Stimme , die so weither klang wie jene Worte in ihrem Brief von heut Morgen . Er nahm ihre Hände , schüttelte sie in einer sonderbar ungeschickten Weise , fühlte irgend etwas in seiner Kehle aufsteigen , konnte aber noch immer kein Wort sprechen , nickte nur und lächelte . Und plötzlich kniete er vor ihr auf dem Kies , ihre Hände in den seinen , sein Haupt in ihrem Schoß , fühlte wie sie ihm die Hände leicht entzog , sie auf sein Haupt legte ; und dann hörte er sich ganz leise weinen . Und es war ihm , wie in süß dumpfem Traum , als läge er , ein Knabe , zu seiner Mutter Füßen , und dieser Augenblick wäre schon Erinnerung , fern und schmerzlich , während er ihn durchlebte . Achtes Kapitel Frau Golowski kam aus dem Hause . Georg sah sie vom obern Ende des Gartens aus auf die Veranda treten . Erregt eilte er ihr entgegen , aber schon wie sie ihn von ferne gewahrte , schüttelte sie den Kopf . » Noch nicht ? « fragte Georg . » Der Professor meint « , erwiderte Frau Golowski , » eh es dunkel wird . « » Eh es dunkel wird « , sagte Georg und sah auf die Uhr . » Und jetzt ist es erst drei . « Sie reichte ihm teilnahmsvoll die Hand , und Georg blickte ihr in die guten etwas übernächtigen Augen . Die durchsichtigen weißen Vorhänge vor Annas Fenster wurden eben leicht zurückgeschlagen . Der alte Doktor Stauber erschien in der Fensteröffnung , warf Georg einen freundlich-beruhigenden Blick zu , verschwand wieder und die Vorhänge fielen zu . Im großen Mittelzimmer am runden Tische saß Frau Rosner . Georg nahm von der Veranda aus nur die Umrisse ihrer Gestalt wahr ; ihr Gesicht war ganz umschattet . Wieder drang ein Wimmern , dann ein lautes Stöhnen aus dem Zimmer , in dem Anna lag . Georg starrte zum Fenster hin , wartete eine Weile , dann wandte er sich ab und ging , zum hundertstenmal heute , den Weg hinauf zum obern Gartenende . Offenbar ist sie schon zu schwach , um zu schreien , dachte er ; und das Herz tat ihm weh . Zwei volle Tage und zwei volle Nächte lag sie in Wehen ; der dritte neigte sich zum Ende , und nun sollte es noch dauern , bis der Abend kam ! Schon am Abend des ersten Tages hatte Doktor Stauber einen Professor beigezogen , der gestern zweimal dagewesen und heute seit Mittag im Hause war . Während Anna auf ein paar Minuten eingeschlummert war und die Wärterin an ihrem Bette wachte , war er mit Georg im Garten auf und ab gegangen und hatte versucht , ihm den Fall in seiner ganzen Eigentümlichkeit zu erläutern . Zur Besorgnis sei vorläufig kein Grund vorhanden , immer noch höre man die Herztöne des Kindes vollkommen deutlich . Der Professor war ein noch ziemlich junger Mann , mit langem , blonden Bart , und seine Worte träufelten lind und gütig , wie Tropfen eines schmerzstillenden Medikaments . Der Kranken sprach er zu wie einem Kind , strich ihr über Stirn und Haare , streichelte ihre Hände und gab ihr Schmeichelnamen . Von der Wärterin hatte Georg erfahren , daß dieser junge Arzt an jedem Krankenbett von gleicher Hingebung und Geduld erfüllt wäre . Welch ein Beruf , dachte Georg , der sogar während dieser drei schlimmen Tage sich einmal für ein paar Stunden nach Wien geflüchtet , der es vermocht hatte , auch heute Nacht , während Anna sich in Schmerzen wand , oben in der Mansarde volle sechs Stunden tief und traumlos zu schlafen . Er ging längs der abgeblühten Fliedersträucher , riß Blätter ab , zerrieb sie in der Hand , warf sie zur Erde . Jenseits der niedern Büsche im andern Garten ging eine Dame im schwarz-weiß gestreiften Morgenkleid . Sie schaute Georg ernst und wie mitleidig an . Ach ja , dachte Georg , die hat natürlich auch das Schreien Annas gehört , vorgestern , gestern und heute . Der ganze Ort wußte ja von den Dingen , die hier vorgingen ; auch die jungen Mädchen aus der geschmacklosen , gotischen Villa , für die er einmal den interessanten Verführer bedeutet hatte ; und geradezu komisch war es , daß ein fremder Herr mit rötlichem Spitzbart , der zwei Häuser weit wohnte , ihn gestern im Ort plötzlich verständnis- und hochachtungsvoll gegrüßt hatte . Merkwürdig , dachte Georg , wodurch man sich bei den Leuten beliebt machen kann . Nur Frau Rosner ließ durchblicken , daß sie Georg , wenn sie ihm schon nicht die Hauptschuld an der Schwierigkeit des Falles beimaß , jedenfalls für ziemlich gefühllos hielte . Er nahm es der guten und gedrückten Frau nicht übel . Sie konnte natürlich nicht ahnen , wie sehr er Anna liebte . Es war noch nicht lange her , daß er selber es wußte . An jenem Ankunftsmorgen , da Georg nach langem , stummem Weinen sein Haupt aus ihrem Schoß erhoben , da hatte sie keine Frage an ihn gerichtet , aber in ihren schmerzlich erstaunten Augen las er , daß sie die Wahrheit ahnte . Und warum sie nicht fragte , das glaubte er zu verstehen . Sie mußte ja fühlen , wie ganz sie ihn wieder hatte , wie er gerade von jetzt an ihr besser gehörte , als jemals vorher . Und wenn er ihr in den nächsten Stunden und Tagen von der Zeit erzählte , die er fern von ihr verbracht , und unter all den Frauennamen , die er nannte , flüchtig aber unverschweigbar jener ihr neue , verhängnisvolle erklang , da lächelte sie wohl in ihrer leicht spöttischen Art ; aber kaum anders , als wenn er von Else sprach oder von Sissy , oder von den kleinen blaugekleideten Mädchen , die ins Klavierzimmer hereingeguckt hatten , wenn er spielte . Seit zwei Wochen wohnte er in der Villa , fühlte sich wohl und war in guter und ernster Arbeitsstimmung . Auf dem Tischchen , wo vor kurzem noch Theresens Nähzeug gelegen war , breitete er jeden Morgen Partituren , musiktheoretische Werke , Notenpapiere aus und beschäftigte sich damit , Aufgaben der Harmonielehre und des Kontrapunkts zu lösen . Oft lag er am Waldessaum auf einer Wiese , las in irgend einem Lieblingsbuch , ließ Melodien in sich klingen , träumte vor sich hin , war vom Rauschen der Bäume und vom Glanz der Sonne beglückt . Nachmittags , wenn Anna ruhte , las er ihr vor oder plauderte mit ihr . Oft sprachen sie auch über das kleine Wesen , das nun bald zur Welt kommen sollte , mit Zärtlichkeit und Voraussicht ; doch niemals über ihre eigene , nächste und fernere Zukunft . Aber wenn er an ihrem Bette saß , oder Arm in Arm mit ihr im Garten auf und abging , oder an ihrer Seite auf der weißen Bank unter dem Birnbaum saß , wo die leuchtende Stille der Spätsommertage über ihnen ruhte , da wußte er , daß sie nun für alle Zeit fest aneinandergeschlossen waren , und daß selbst die zeitweilige Trennung , die bevorstand , gegenüber dem sichern Gefühl dieser Zusammengehörigkeit keine Macht mehr über sie haben könnte . Erst seit die Schmerzen über sie gekommen waren , schien sie ihm entrückt , wohin er ihr nicht folgen konnte . Gestern noch war er stundenlang an ihrem Bett gesessen und hatte ihre Hände in den seinen gehalten . Sie war geduldig gewesen wie immer , hatte sich sorglich erkundigt , ob er nur seine Ordnung im Hause habe , hatte ihn gebeten zu arbeiten , spazieren zu gehen wie bisher , da er ihr ja doch nicht helfen könnte , und ihn versichert , daß sie ihn noch mehr liebe , seit sie leide . Und doch , Georg fühlte es , sie war in diesen Tagen nicht dieselbe , die sie gewesen . Besonders wenn sie aufschrie so wie heute Vormittag in den schlimmsten Schmerzen , da war ihre Seele so weit weg von ihm , daß ihn schauerte . Er war dem Hause wieder nah . Aus Annas Zimmer , vor dessen Fenster die Vorhänge sich leise bewegten , kam kein Laut . Der alte Doktor Stauber stand auf der Veranda . Georg eilte hin , mit trockener Kehle . » Was ist ? « fragte er hastig . Doktor Stauber legte ihm die Hand auf die Schulter : » Es geht ganz gut . « Ein Stöhnen kam von drin , wurde lauter , wurde ein wilder , wütender Schrei . Georg strich sich über die feuchte Stirn , und mit bitterm Lächeln sagte er zum Doktor : » Das heißen Sie , es geht ganz gut ? « Stauber zuckte die Achseln : » Es steht geschrieben , mit Schmerzen sollst du ... « In Georg lehnte sich etwas auf . Er hatte nie an den Gott der Kindlich-Frommen geglaubt , der als Erfüller armseliger Menschenwünsche , als Rächer und Verzeiher kläglicher Menschensünden sich offenbaren sollte . Dem Unnennbaren , das er jenseits seiner Sinne und über allem Verstehen im Unendlichen ahnte , konnte Beten und Lästern nichts anderes sein , als arme Worte aus Menschenmund . Nicht als die Mutter nach unsinnig-martervollem Leid , nicht , als in einem für sein Begreifen schmerzenlosen Hingang der Vater starb , hatte er sich des Glaubens vermessen , daß sein Unglück im Weltenlauf mehr bedeutete , als das Fallen eines Blattes . Keinem unerforschlichen Ratschluß hatte er in feiger Demut sich gebeugt , nicht töricht gemurrt gegen ein ungnädiges , gerade über ihn verhängtes Walten . Heute zum erstenmal war ihm , als ginge irgendwo in den Wolken ein unbegreifliches Spiel um seine Sache . Der Schrei drinnen war verklungen , und nur Stöhnen war vernehmbar . » Und die Herztöne ? « fragte Georg . Doktor Stauber sah an Georg vorbei . » Vor zehn Minuten waren sie noch deutlich zu hören . « Georg wehrte sich gegen einen furchtbaren Gedanken , der aus den Tiefen seiner Seele hervorgejagt kam . Er war gesund , sie war gesund , zwei junge kräftige Menschen ... konnte so etwas denn möglich sein ? Doktor Stauber legte ihm nochmals die Hand auf die Schulter . » Gehen Sie doch spazieren « , sagte er , » wir rufen Sie schon , wenn ' s Zeit ist . « Und er wandte sich