aber ' s muß ja nicht heute sein , Rom ward nicht an einem Tage erbaut , und der Herrgott müsse auch das Seine tun . Der Teetisch , an dem er Hedwig und Konstantie zu finden hoffte , mochte wohl die Hauptursache dieses seltenen Wechsels in seinem ernsten Wesen sein . Das gesunde Leben behielt sein Recht über das künstliche , und er besaß soviel Instinkt , sich darüber zu freuen und seinen Mantel zu nehmen . Wie ein Schüler , der aus dem Examen kommt , und nicht eben unter den Besten und Ausgezeichnetsten , aber auch nicht gerade unter den Faullenzern genannt worden ist , schritt er durch die Straßen . Er glaubte , seinen Forschungen und Studien einige Wochen Ferien gewähren zu dürfen , und er freute sich eben auch wie der Schüler auf eine bequeme Zeit , die vor ihm läge . 18. Graf Stanislaus besaß nur noch einen Vater . Das war ein hochbejahrter , liebenswürdiger Greis von den feinsten französischen Manieren , der in großer Achtung stand und allgemein gepriesen wurde wegen seiner anspruchslosen bürgerlichen Tugenden , seiner in Polen nicht eben gewöhnlichen Sanftmut und Freundlichkeit gegen alle Stände , und endlich auch wegen seiner ebenso ungewöhnlichen Bildung in Literatur , Kunst und Staatsinteressen . Der Besuch der Fürstin Konstantie , mit welcher er verwandt war , erfreute ihn auch wegen der geselligen Formen : sie repräsentierte die Dame des Hauses , und der alte reiche Graf ging in großer Glückseligkeit trippelnd umher , daß sein Salon jetzt wieder glänzend geworden sei wie Anno 94. Als Valerius eintrat , fand er schon eine zahlreiche Gesellschaft ; Konstantie war umringt von Herren und Damen und gewahrte ihn nicht . Der alte Graf , eine schlanke , vertrocknete Figur mit schneeweißem , lockigem Haar , stand neben einer hohen Militärperson und war im eifrigen Gespräche . Stanislaus eilte herbei , um ihm seinen neuen Freund vorzustellen ; sie warteten indes beide ein wenig , um das dem Anschein nach wichtige Gespräch nicht zu stören , und während der Sohn dem Freunde mit sanfter herzlicher Stimme alle die Liebenswürdigkeiten des Vaters leise schilderte , hatte dieser Zeit , den Alten zu betrachten . Er war ganz schwarz gekleidet bis auf das Halstuch , welches , wie die Leibwäsche , von blendender Weiße war , und einen heitern Schein auf das schmale , gefurchte , aber noch immer von einer leichten Röte überflogene Gesicht warf . In den großen , tiefliegenden Augen ruhte eine freundliche Sanftmut , und nur hie und da sah man aus einem schnellen Blicke , daß sie nicht auf Schwäche , sondern auf eine große , geistige Überlegenheit gegründet sei . Im Knopfloche trug er das Band der Ehrenlegion . Stanislaus hatte seinen Freund schon angekündigt , und der alte Graf nahm ihn mit der zuvorkommendsten Liebenswürdigkeit auf . Es war eine lange Reihe von Zimmern geöffnet und erleuchtet . Der Militär hatte sich zu einem andern Teile der Gesellschaft gewendet , die drei Männer traten in das zweite Zimmer , und während der alte Graf seinen Gast mit einigen Gemälden bekannt machte , entfernten sie sich weiter von der Gesellschaft . » Sie müssen sich nicht abschrecken lassen , « sagte der alte Herr mit seinem liebenswürdigen Lächeln , » wenn Ihnen nicht alles bei uns die romantische Probe gehalten hat , wenn Sie sogar durch manches arg verletzt werden ; wir sind zu oft im Wachstum gestört . Von Hause aus waren wir verzogene Kinder , unsere Freiheit erstickte im eigenen überflüssigen Blute , weil wir alles im Herzen haben wollten , und es nicht recht zu verteilen wußten . Verzogene Kinder bleiben auch im Unglück eigensinnig und werden übermütig bei jedem Schimmer von Glück . Aber Sie sind ja aus dem Lande , das alles Fremde so gern gewähren läßt , überwinden Sie nationale Antipathien , welche bei so verschiedenen Völkern nie ausbleiben und stürmender und trennender sind als große Gegensätze , weil sie uns bei jedem Schritte hindernd zwischen die Beine geraten . Ertragen Sie uns eine Zeitlang , und Sie werden am Ende doch manches zu lieben finden . Jedes Volk hat seine Liebenswürdigkeiten . Und Sie sind ja auch auf der Höhe von Humanität , welche das Edle tut ohne Ansehen der Person - versprechen Sie mir , mich zu besuchen , wenn Sie mürrisch werden , ich bin ein alter Apotheker und habe Rezepte aus manchem Jahrzehnt , versprechen sie mir ' s. « Valerius schlug freudig in die dargebotene Hand . » Nehmen Sie sich in acht , « fuhr der Greis fort , » vor den Verbindungen mit unsern jungen Demokraten - verkennen Sie mich in diesen Worten nicht : ich liebe diese brausende Jugend mit ihrem menschenrechtlichen Fanatismus , o , ich liebe sie so sehr gerade wegen dieser Poesie der Tugend , sie sind das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft , diese Jünglinge mit dem heißen Herzen . Aber sie kennen die Welt nicht mit den tausend Beschränkungen , ohne welche sich kein Staat konstituieren läßt , solange wir uns nicht isolieren können von Gewohnheit , Herkommen , geschichtlicher Erinnerung , und besonders solange wir Nachbarn haben , denen wir uns akkommodieren müssen . Ein Staat in Europa kann nicht nach Begriffen , nach bloßen Begriffen errichtet werden , welche der abgesondert spekulierende Geist ersinnt , so wenig als das Individuum nach eigenen geselligen Regeln sich bewegen darf , solange es in der übrigen Gesellschaft seinen Raum einnehmen will . Eben weil es nichts Einzelnes gibt , weil nichts ohne Verhältnisse existiert , können Wechsel und Änderungen nur mit der größten Umsicht vorgenommen werden . Und Umsicht ist nicht Sache des poetischen Herzens , sondern der Erfahrung ; darum dürfen wir unsern Jünglingen den Staat nicht überlassen . Machen Sie mir nicht so klägliche Gesichter . Freilich ist es für das feurige Blut niederschlagend , daß die Weltgeschichte in so kleinen Schritten geht , daß sie nicht eher weiterrückt , als bis ein großer Staatenraum auf gleicher Höhe angekommen ist ; aber auf diesem lückenhaften Planeten , wo uns lauter unerklärte Anfänge umgeben , müssen wir uns drein fügen . Verzeihen Sie meine Breite , ich komme zum Thema zurück . Ich hoffe , haß mein Sohn einen ganzen Freund in Ihnen gewinnt , Ihre Nation ist die Nation der Freundschaft , weil sie am wenigsten ausschließlich in Sitte , Formen und Gedanken ist , weil sie am meisten annimmt und verzeiht , ja , erlauben Sie mir den Ausdruck , weil sie am wenigsten Nation ist . Dieses Kapitel der Demokratie betrifft aber meinen Sohn und seine Neigungen ebenso dringend als Sie , Herr von Valerius . Es drängt mich , offen , ganz offen zu sprechen , und ich verspreche mir sogar in Ihnen eine Hilfe , einen Sekundanten gegen Stanislaus zu erwerben . Ich habe meines Sohnes Bildung selbst zu lebhafter Teilnahme an demokratischen Formen geleitet , ich bin ihm vor allen Rechenschaft schuldig , wenn ich ihn jetzt vom patriotischen Klub und dem , was dazu gehört , abziehen will . Meine Herren , es ist das Wahrscheinlichste , daß diese Interessen in kurzem die eigentliche Lebensfrage Polens werden , ich halte sogar den mächtigen Feind für unwichtiger . Wenn wir vereinigt blieben , besiegt er uns nicht , aber die Trennung wird nur zu bald klaffen wie eine breite Wunde . Die Jugend ist unternehmend , sie ist der Kern des Heeres , sie wirbt den gemeinen Mann , oder hat ihn schon geworben , sie will keine Vermittlung , sie haßt das Halbe , das Vorbereitende ; denn ihre Kraft ist eben die gewaltige Einseitigkeit , bald wird man uns mit dem Geschrei aus dem Schlafe wecken : Demokratie oder Tod ! Du schüttelst den Kopf , Stanislaus , du hoffst wohl gar auf Krukowiecki - Unglücklicher , dieser Mann ist die schrecklichste Garantie , er ist voll unlauteren Ehrgeizes , der das Land in die Luft sprengt für seinen Ruhm - gut , es mag sein , ich will übertrieben haben . Ein Kampf dieser Parteien bleibt gewiß nicht aus , und er verdirbt uns , er lähmt und verwirrt die Kräfte . Ein voreiliger Sieg der Demokratie tötet uns . Was ist Polen ohne seine Aristokratie ? Ein rauschender Baum , der über Nacht mit all seinem Blätterreichtum verdorrt ist . Die Aristokratie ist noch in diesem Augenblicke das Mark des Landes , das Land gehört ihr noch , sie erzeugt die Mittel des Krieges , im ihrem Stolze wurzelt noch die Kraft dieser fortreißenden Vaterlandsliebe . Dabei gedenk ' ich unserer Nachbarn gar nicht ; die fremden Heere würden bald erscheinen , wenn ein Konvent in Warschau geböte . Indes wollen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten , wie sie in Deutschland sagen ; ich sehe mit Entzücken diesen Sporn zur Energie , der unseren Edelleuten keine Zeit läßt für ihren persönlichen Ehrgeiz ; aber der Strom soll nicht aus dem Bett treten - und nun zum Schluß : man wird genötigt sein , in kurzem strenge Maßregeln gegen den Klub zu unternehmen , halten Sie sich fern davon , meine Herren , sprechen Sie , wo Sie können , zur Mäßigung . « Der alte Herr wurde zur Gesellschaft gerufen , und Stanislaus sagte beruhigend zu seinem Freunde : » Lassen Sie sich nicht einschüchtern , das Alter und tausend Hoffnungen , die fehlgeschlagen sind , haben ihn mißtrauisch gemacht . General Krukowiecki ist der wackerste Pole . Niemand kann es wagen , strenge Maßregeln gegen die demokratische Jugend zu nehmen ; wir haben die Revolution begonnen , wir halten sie aufrecht , Volk und Armee sind für uns . « Valerius war nicht recht bei der Sache , der alte Graf und manches andere beschäftigte ihn . Der junge entzündete Pole bemerkte es indessen nicht , er disputierte noch eifrig weiter , und sie schritten in der langen Zimmerreihe auf und ab . Es fiel Valerius auf , in den vom Gesellschaftssalon entferntesten Zimmern größere Pracht , behaglichere Einrichtung zu finden . Im letztens Gemache , das ohne eigenes Licht und nur von dem daranstoßenden beleuchtet war , stand ein prächtiges Bett , geheimnisvoll versteckt von rotseidenen Vorhängen . Es stieg eine flüsternde , behagliche Ahnung auf in ihm , er lüftete die Gardine im Vorübergehen ein wenig und erblickte an der Wand ein kleines Gemälde . Die Dämmerung ließ es nicht genau sehen , aber Valerius glaubte es zu erkennen . Auf Grünschloß hatte er einst ein kleines Bild gemalt ; es stellte eine Gebirgslandschaft dar , an dem Bach im Vordergrunde sitzt ein Bauernmädchen und sieht mit sehnsüchtigem Blicke in die Bergschluchten hinein , wo sie sich öffnen und das Bild sich in eine dämmernde Ferne verliert . Er wußte nicht mehr , wo das Bild hingekommen war , in diesem Augenblicke glaubte er , es gesehen zu haben . Aber er konnte nicht rasten , da sein Begleiter umkehrte und nach dem vorletzten Zimmer zurückschritt . Eine schmeichelnde Unruhe bemächtigte sich seiner , es hielt ihn fest in diesen Zimmern , und er zog Stanislaus auf ein Sofa . Auf einem Tische vor demselben lag eine große Mappe , und während der junge Pole allmählich in seine sinnende Schweigsamkeit versank , blätterte Valerius unter den Gemälden und Kupferstichen , welche er in der Mappe fand . Eine versteckte Seitentasche fiel ihm auf , und er zog ein kleines Blatt Papier heraus , das mit Versen beschrieben war . - Er hatte sie selbst geschrieben , diese Goetheschen Verse : Geh den Weibern zart entgegen , Du gewinnst sie auf mein Wort ; Und wer rasch ist und verwegen , Kommt vielleicht noch besser fort ; Doch wem wenig dran gelegen Scheinet , ob er reizt und rührt , Der beleidigt , der verführt . Die beiden letzten Verse waren unterstrichen . Aber diese Striche rührten nicht von ihm her . Es ward jetzt ganz klar in seiner Erinnerung : er hatte diese Worte eines Nachmittags im Grünschloß gesprochen , als die Rede auf Liebe und Liebesbewerbungen gekommen war , und die Fürstin hatte ihn gebeten , sie aufzuschreiben . Nachdenkend hielt er das Blatt in der Hand ; damals hegte er sogar einen Widerwillen gegen das kecke Wesen der Fürstin , sein Herz war damals erfüllt mit Kamillas Reiz , alles übrige berührte ihn nicht . Da rauschte ein Gewand , Konstantie trat ins Zimmer . Es hatte sich im Salon ein Streit erhoben über ein französisches Buch ; ihn zu enden , war sie nach ihren Gemächern geeilt , um das Buch zu holen . Valerius sah sie mit großen Augen an , ein träumerisches Nachsinnen lag in ihnen , das Blatt hielt er noch in der Hand . Eine flüchtige Röte stieg in Konstantiens Gesicht , sie griff nach dem Blatte und berührte dabei seine Hand . Ein süßes Gefühl weckte ihn aus dem Nachdenken . » Pfui doch , wie unartig , meine Mappe durchzustöbern ! Wie kommen Sie denn überhaupt in meine Zimmer ? Und wer hat denn jene Türen geöffnet ? « Sie warf hastig die Flügeltüre ihres Schlafzimmers herum . Unterdes kam auch Hedwig herbeigesprungen , schalt Stanislaus , daß er sich von ihr und der Gesellschaft entferne , und zog ihn fort . Die beiden Deutschen waren allein . Koustantie ging nach einem Winkel des Zimmers . » Unartiger Mensch , helfen sie mir ein Buch finden . « Er sprang hinzu - sie nannte aber keinen Titel und sah zerstreut unter die Bücher . Der leichte Schatten von Verlegenheit , welcher sich über ihr Wesen verbreitete , gab diesem glänzenden Wesen einen um so höheren Reiz , je seltener er an ihr wahrzunehmen war , je mehr er gegen das Herrschende und Imponierende ihrer Erscheinung zu kontrastieren schien . Ihre rechte Hand tastete wie suchend auf den Büchern umher , die linke strich leise an den Falten des Gewandes entlang . Diese weiße Hand schien alle ihre außergewöhnliche Unsicherheit auszudrücken . Valerius ergriff sie leise , die weichen , warmen Finger setzten noch einen Augenblick die Bewegung fort und schienen ebenfalls unschlüssig zu sein , ob sie sich dem Fremden ergeben sollten . Aber sie wurden still , und kaum merklich wuchs ihre leichte Schwere von Sekunde zu Sekunde . Nur als sie der Mann zu seinen Lippen aufhob , glaubte er ein leises Beben in ihnen zu verspüren . Valerius führte die Hand von den Lippen auf seine Wange , die warme Hand an die heiße Wange - er schwieg , sie schwieg , ihr Kopf wendete sich nicht zu ihm , aber er sah ihr Herz stürmisch klopfen . Aus den vorderen Zimmern her kam Geräusch ; da wendete sie sich plötzlich zu ihm ; ein unbeschreiblicher Ausdruck von Wehmut , Glück und Innigkeit lag darauf , feucht glänzten ihre Augen , jene vermittelnde Hand legte sich eng und fest in Hand und Wange des Mannes , er fühlte ihr heißes Antlitz an dem seinen , ihren Mund auf seinem Auge , und fort war sie , dahin flog sie durch die Zimmer . » Hat sie nicht Liebster gesagt , leise , ganz leise , als sollte ich es selbst nicht hören ? « sprach er ebenso leise . Er konnte sich lange von der Stelle , von dem Zimmer nicht trennen , und » Liebster « , » Liebster « flüsterte er vor sich hin . Als er in den Salon kam , lachte und scherzte man noch darüber , daß die Fürstin ein falsches Buch gebracht und dann eiligst ein Recht aufgegeben habe , was sie kurz vorher so hartnäckig verteidigt . Sie saß in einer holden Verwirrung da , und die Nachbarn des Deutschen flüsterten einander zu : » Sie wird alle Stunden schöner . « Valerius war so munter und ausgelassen , wie man ihn noch nicht gesehen hatte ; er scherzte und tändelte ohne Aufhören mit Hedwig , die mehr als einmal zur Fürstin sagte : » So liebenswürdig ist Ihr Landsmann noch niemals , niemals gewesen . « Konstantie lächelte wie das verborgene Glück und sah einen Augenblick auf Valerius . Es hing dann vor ihren Augen ein dünner Flor , durch welchen eine unendliche Seligkeit drängen zu wollen schien . - Als der Salon leer geworden , fiel es ihr ein , daß sie ihm Briefe aus Deutschland mitgebracht habe ; sie ging fort , und als sie wieder kam , trat ihr Valerius einige Schritte entgegen . Sie gab ihm die Briefe und sagte mit jener leisen , die Seele bewegenden Stimme : » Ich liebe dich unsäglich . « 19. Der Wind trieb die Wolken wie ein scheltender Herr sein Gesinde am Himmel umher . Sie flogen scheu unter dem Monde und den Sternen hinweg . Valerius glaubte aber auch ohne dies , Sterne und Himmel bewegten sich im Tanze , als er aus dem Palaste trat . Die Bewegung des Herzens macht alles beweglich , und es gibt keinen schöneren Sturm im Menschen , als wenn eine Liebschaft ihre Knospe schwellt , und wenn diese das Geheimnis ihrer Blume zu heben beginnt . Das sind die Momente der Himmelsahnung , welche uns die Gottheit gelassen hat für dürre unerquickliche Steppen von freudlosen Jahren , es sind die Zisternen unserer Lebenswüste , die immer einige Tropfen frisches Wasser bewahren , mag es noch so heiß um uns drängen . Solche Momente sind ' s gewesen , welche den Menschen zum ersten Male den stolzen Glauben erzeugt haben , sie seien gottähnliche Wesen . Valerius flüchtete wieder zu seinem geliebten Strome hinaus , heute mit seiner Lust . Heim konnte er nicht , das Zimmer war zu enge für sein Herz , denn es ist eine mehr als figürliche Redensart , daß das Herz sich ausdehnt von großen Gefühlen - man braucht wirklich mehr Raum , und in einer kleinen Stube kann man nicht soviel Glück ausströmen als in freier Luft . » Kühles , unparteiisches Wasser , heut ' beneide ich dich nicht ! « rief er aus . Aber er gestand sich ' s eigentlich selbst nicht genau , was ihn beglücke , er hüllte es in das große himmelblaue Wort » Liebe « . Und der Liebe , jeder Liebe , meinte er , dürfe man sich immer freuen , sie sei der Herzensodem des Lebens . Der kleine vorlaute Gesell in seinem Busen , mit dem kritischen , verdrießlichen Angesichte kam heute nicht zur Audienz mit seinem Geflüster . Umsonst sprach er von der schönen Konstantie auf Grünschloß , wo dem Herrn Valerius die bloße freundliche Zuneigung derselben Dame störend , lästig gewesen sei . Er ward überhört . Liebe überwältigt wie die Sonne , ohne zu fragen und zu beachten , ob man sie gewollt . Es war schon spät am andern Vormittage , als Thaddäus seinem Herrn einige Briefe aufs Bett legte . » Sie steckten in der Brusttasche des Rockes , Herr , und waren schon so zerknittert . « Valerius erkannte in der Aufschrift des einen Kamillas Hand , und sein Rausch verflog wie die Glätte des Wasserspiegels von einem Luftstoße . Langsam entsiegelte er den Brief und las und setzte ab , und las wieder , und die heißen Tränen liefen ihm über das Gesicht . » Warum schreibst Du uns nicht , Lieber ? Bist Du krank ? Hast Du ein schlecht Gewissen ? Nicht doch , es ist eine törichte Frage , diese zweite . Wir sind ja einig darüber geworden , daß die Treue etwas Bessres ist , als was man so nennt . Ihr Männer fahrt durch die Welt dahin wie der Sturmwind , und der muß mehr Dingen begegnen als wir mit unserer stillen häuslichen Atmosphäre . Aber der Offenheit , der Mitteilung mußt Du mich würdigen , wie Du ' s versprachst ; meine Liebe ist Dir sicher wie der morgende Tag , nur der Tod endigt für mich beide auf dieser Erde . Ich lebe still und gedankenreich mit Dir hin . Des Morgens bin ich früh auf und lese Deine englischen Bücher ; sie sind mir sehr lieb mit ihrem schweren trüben Sinne , denn es kommt mir manchmal unrecht vor , daß ich noch soviel lachen kann , seit Du fort bist . Ich kann mir aber nicht helfen , daß die Welt soviel komische Dummheiten hat . Zuweilen bin ich mitten im Weinen , daß ich Dich verloren habe , da passiert irgend etwas Lächerliches , und ich lache samt meinen Tränen . Du mußt mich schon gewähren lassen , ich trage auch jetzt die Haare so , wie Du es gern mochtest . Du würdest Dich gewiß freuen , wenn Du einmal plötzlich einträtest ; viel , viel artiger bin ich als sonst . Der Graf hat einmal Deinetwegen an den Obersten Kicki geschrieben und entweder gar keine Nachricht erhalten oder eine traurige . Ich glaube , er und Alberta halten Dich für tot ; es ist wunderlich , daß mich das gar nicht beunruhigt . Damals , nach Deinem Duell , hab ' ich so sehr für Dich gezittert , jetzt fürcht ' ich dergleichen nicht im mindesten . Ich könnte einen Eid darauf ablegen , daß Du noch lange , lange leben wirst - es ist noch zuviel Zukunft in Dir . Sieh , wie besonders ich mich ausdrücke ; es ist noch aus der alten Schule . Und dann - gewiß kündigte sich mir ' s irgendwie an , wenn Dir so etwas Schlimmes begegnete . Daran glaube ich nun einmal fest , ganz fest . Ich bin fast den ganzen Tag bei Dir , es müßte ein Ruck eintreten - nein , nein , laß mir den Aberglauben meiner Mutter , daß die herzlichsten Gedanken der Menschen durch die ganze Welt zusammenhängen , daß ein aparter Engel dazu angestellt ist vom lieben Gott , der das Gewebe ordnet und hält und wie der Himmelspostmeister die gegenseitigen Nachrichten besorgt . Ach , was mach ' ich dem armen Engel zu tun ! Aber , aber , der Fürstin Konstantie , die meinen Brief besorgen will , trau ' ich nicht über den Weg , was Dich schlimmen Gesellen anbetrifft . Du bist zwar fein ernsthaft und ehrbar , aber stille Wasser sind tief , und ich fürchte am meisten , daß Dein Herz Beschäftigung braucht . Wir Frauenzimmer sehen in solchen Dingen schärfer - ich denke mit Schrecken an die schönen Augen Konstantiens , wenn sie auf Dich fielen . Es war nicht jene Leidenschaft in ihnen , die wir an ihr scheuten , sie waren sanft und milde , aber es lagen Wünsche - bin ich nicht recht einfältig , Dich selbst aufmerksam zu machen . Ach , liebe , küsse , sei glücklich , mein Herz , mein Blut , o , mein Valerius , den ich liehe , liebe so ganz und gar . Aber ich bin ja Dein starkes Mädchen nicht mehr , Du wirst mir alles erzählen , und mich immer mitlieben . Ja ? « Nach diesem Briefe war es um die Entzückungen vom vorigen Abende geschehen . Er glaubte , erröten zu müssen vor sich selbst , solch einer Liebe nicht allein , ungeteilt anzugehören . Mochten auch all seine Gedanken und Philosopheme über Liebessachen lächelnd ihre Stimme erheben , mochten sie ihn schelten , daß er einer alten eingelebten Gewohnheit seine Überzeugung opfere , daß es töricht sei , zu darben , um romantischen Grillen zu genügen - er ließ sich nicht besiegen und ging nicht mehr zur Fürstin . » Das Herz allein ist der Richter in solchen Dingen , « sprach er , » und mein Herz duldet es nicht . « Aber es waren schmerzhafte Tage , welche trüb und langsam vorüberschlichen . Stanislaus besuchte öfters seinen Freund und machte ihm die lebhaftesten Vorwürfe , weil er das Haus seines Vaters nicht mehr besuche , der so herzliches Interesse an ihm nehme . » Hedwig fragte zehnmal des Tages nach Ihnen , und Konstantie hat sich zweimal ängstlich erkundigt , ob Sie krank seien . Es ist ein rechter Jammer mit euch empfindsamen Deutschen , und mein guter Vater leidet arg darunter : Konstantie kommt nun auch seit mehreren Tagen nicht mehr aus ihrem Zimmer , und der Salon ist ohne Mittelpunkt . Sie schützt Unwohlsein vor und Trauer um den Tod ihres Gemahls . « - » Ist der Fürst gestorben ? « » Allerdings , aber das wußte sie schon an jenem Abende , als Sie das letztemal bei uns waren , und da hat man ihr kein Herzeleid angesehen . Der schwachköpfige Mann ist ihr immer sehr gleichgültig gewesen , und sie ist viel zu stolz , eine erheuchelte Trauer zu zeigen . Meine kleine harmlose Hedwig ist auch übel davon betroffen . Bei dem rauhen , wenig geliebten Vater und der schweigenden Großmutter den ganzen Tag zu sitzen wird ihr jetzt schwer , da sie die letzten Tage reger Geselligkeit verwöhnt haben . Neben Konstantie konnte sie den größten Teil des Tages bei uns sein , und jetzt hat die launische Frau plötzlich keine Zeit für sie . Kommen Sie , Freund , trösten Sie uns . « Valerius entschuldigte sich auf das herzlichste . Er habe traurige Briefe bekommen , er tauge jetzt nichts für Gesellschaft . Aber der Freund kam alle Tage wieder , die Einsamkeit wurde auch dem deutschen Träumer lästig und langweilig , und da die Fürstin noch immer nicht aus ihrem Zimmer ging , er also ihre Begegnung nicht zu fürchten hatte , so gab er eines Abends dem Drängen des Freundes nach . Die schönen Säle und Zimmer kamen ihm öde vor , da die beiden Frauen fehlten , und wenn er im Gespräch bis an die Türen Konstantiens kam , so hielt er seinen Begleiter oft unwillkürlich einen Augenblick fest und lauschte mitten im eifrigen gedankenlosen Sprechen , ob er kein Lebenszeichen aus den Gemächern vernehme . Das Bild der schönen Frau , die in Trauer versunken Tag für Tag einsam in jenen hohen schweigsamen Zimmern saß , trat oft verstohlen vor seine Seele . Er glaubte sie in schwarzseidenem Gewande mit aufgelöstem Haare auf dem Fußteppich sitzen zu sehen , das blendende Weiß der Arme und des Busens sah verwundert auf die traurige Farbe des Kleides , und das Gesicht hatte den erschütternden Ausdruck einer verlassnen Königin , die über Nacht von allen denen verraten worden ist , welche noch am Abende ihren Winken gehorchten . Er ging spät nach Hause , denn der Ort , wo er ihr näher war , dünkte ihm doch noch besser als sein fernes einsames Zimmer ; eine finstere , schweigende Nacht hing wie ein schwarzer Mantel in den Straßen . Die Fensterreihe der Fürstin , nach welcher er ausblickte , war ohne Licht , nur in den letzten Zimmern dämmerte eine schwache Helle . Lange blieb er stehen , vielleicht hoffte er , die Gardinen würden sich bewegen , und jene hohe Gestalt würde sich zeigen , aber er wußte es selbst nicht , was er hoffte und ob er hoffte . Es kamen mehr solche Abende , und sein Wesen wurde immer unruhiger und ungeduldiger . Nur zu deutlich erkannte er , daß es nicht an Umgebung und Gesellschaft liege , wenn er die Zeit nicht hinzubringen wisse , denn lesen und denken und denken und lesen kann man nur bei ruhigem Gemüte . Er gestand sich ' s langsam , es fehle ihm Liebe , und zwar Konstantie . » Wohl denn , « rief er aus , als er eines Abends wieder mißvergnügt und unruhvoll aus dem Palais des Grafen schritt , » wohl denn : das Herz hat mich gehindert , das Herz treibt mich jetzt , ich werd ' ihm ewig folgen . « - Gleich als ob er einen großen Sieg errungen habe , als ob er von einer schweren Krankheit durch einen plötzlichen Himmelsstrahl genesen sei , schritt er über die Straße , um von der andern Seite nach jenen letzten Fenstern zu schauen , wie er alle Abende getan . Heut aber sah er mit leuchtenden Augen hinauf , und das Bild der trauernden Königin hatte sich verwandelt , und er glaubte das schöne Weib schon in den Armen zu halten . Alles drängte ihn , ihr zu sagen , was in seinem Herzen vorginge , sogleich , im Augenblicke , keine lange Nacht des Zweifels und Harrens sollte sich dazwischen legen . Und während er noch sann und dachte , wie das zu bewerkstelligen sei , da erhob sich seine Stimme , und er sang ein altes Lied . Sie mußte es kennen : in jener warmen Liebeszeit auf Grünschloß , wo alles mit Küssen in den Augen und auf den Lippen durcheinander lief , da hatte man es oft in stillen Abendstunden aus den Gebüschen des Gartens dringen hören . Es regte sich nichts in der Straße , und sie mußte in ihrer Abgeschiedenheit seine Stimme klar und deutlich vernehmen . Herz , mein Herz , was soll das geben ? Was bedränget dich so sehr ? Welch ein fremdes , neues Leben ! Ich erkenne dich nicht mehr . Weg ist alles , was du liebtest , Weg , warum du dich betrübtest , Weg dein Fleiß und deine Ruh ' - Ach , wie kamst du nur dazu ! Fesselt dich die Jugendblüte , Diese liebliche Gestalt , Dieser Blick voll Treu ' und Güte , Mit unendlicher Gewalt ? Will ich rasch ihr mich entziehen , Mich ermannen , ihr entfliehen , Führet mich im Augenblick , Ach ! mein Weg zu ihr zurück . Und an diesem Zauberfädchen , Das sich nicht zerreißen läßt , Hält das liebe , lose Mädchen Mich so wider Willen fest ; Muh in ihrem Zauberkreise Leben nun auf ihre Weise - Die Verändrung , ach