meine Freundin auf solche Weise länger als drei Jahre führte , immer unterwegs , immer in Hast , mit beständigen Widerwärtigkeiten kämpfend . Ein großer Teil ihres Vermögens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen verloren . Als sie nun endlich einsehen mußte , daß sie nichts erreichen würde , daß die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen zu mächtig ist , entsagte sie mit derselben Entschlossenheit , die sie bisher an den Tag gelegt , allen weiteren Versuchen , zog in eine kleine Universitätsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das Studium der Politik , der Jurisprudenz und der Nationalökonomie . Nicht als ob sie sich damit gegen die Welt verschloß , ganz im Gegenteil . Sie hatte ihre private Sache mit einer öffentlichen vertauscht . Ihre glühende Seele , für den Gedanken der Völkerfreiheit und der Menschenrechte entflammt , suchte Betätigung . Vor zwei Jahren heiratete sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann ; es geschah deshalb , weil sich der Mann , dem sie sich schon geweigert hatte , aus Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte ; er wurde gerettet und sie nahm ihn . Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in friedlichem Einverständnis gelöst , der Mann ist nach Amerika gegangen und Farmer geworden . Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges Wanderleben an ; ich habe Briefe von ihr bald aus Rußland , bald aus Wien , bald aus Athen ; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn . Überall untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes , nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam , sondern mit sachlicher Gründlichkeit ; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze , Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten Herrn Bewunderung abgezwungen . Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild , das vor sechs Jahren gemalt wurde . Nach alledem werden Sie mir wohl glauben , Mylord , daß bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht wohl die Rede sein kann . Sanft ist sie , ja sie ist sanft , aber ganz anders , wie man sich das gewöhnlich vorstellt . Ihre Sanftmut hat etwas Freudiges und Tätiges , denn es ist in ihr ein kühner Geist und ein erhabenes Vertrauen zu allem , was menschlich ist . Immer ist ihr die Gegenwart das Höchste . « Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung , die sie hervorgerufen . Und ist es denn nicht prächtig ist es nicht prächtig-spannend und angenehm-gruselig , sich dergleichen im wohldurchheizten , hellerleuchteten Zimmer vorerzählen zu lassen ? Der Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände , wenn es draußen stürmt und wettert . Dem Mann am Kamin verursacht es ein süßprickelndes Behagen , wenn er sich vorstellt , daß draußen einige Leute ohne Überzieher und Handschuhe herumspazieren . Er , der Mann am Kamin , ist sogar imstande , mit solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren . Caspar war , als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen , etwas außerhalb des Zuhörerkreises gesessen , dann hatte er sich langsam erhoben , war näher gekommen , bis er an ihrer Seite stand , und hatte wie verzaubert auf ihren redenden Mund geblickt . Jetzt , da sie fertig war , lachte er plötzlich . Die Züge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich Anziehendes . Frau von Imhoff gestand später , daß ihr ein solcher Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei ; ja , es glich dem Lachen eines kleinen Kindes , nur daß sich eine höhere und reinere Kraft des Bewußtseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines Innern mit den stärksten Farben malte . Die Umsitzenden waren neugierig , was er sagen würde , und beugten sich vor , doch er stellte nur die zaghafte Frage : » Wie heißt denn die Frau ? « Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete , gütig lächelnd , das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu , später vielleicht werde er es erfahren , auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil . Er blieb nachdenklich . Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller wurde und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang , behielt er seinen schief-besinnenden Blick . Sonderbar wurde sein Gefühl durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach außen getrieben , und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs , einer fremden Existenz . Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein , wie ichs mir immer eingebildet habe , dachte er . Das gab ihm zu denken . An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der Bau der Welt , und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen : das eine wohlvertraut und nicht geliebt , das zweite unfaßbar wie fern wie der Mond , verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter . Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben ; was es heute schenkt , wird morgen Besitz . Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis der folgenden Nacht , bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte Zeuge war , nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet , daß er tagelang danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand . Joseph und seine Brüder Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe , eine Schachtel mit Brüsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem Anzug . Nachdem er schon den ganzen Vormittag mit ihm verbracht , kam Stanhope nach Tisch ins Quandtsche Haus , um Caspar Lebewohl zu sagen . Um halb vier fuhr der Wagen vor . Caspar geleitete den Grafen auf die Gasse . Er war bleich bis in die Augen ; drei mal umarmte er den Scheidenden und biß die Zähne zusammen , um nicht aufschreien zu müssen , war es doch ein Stück seines innigsten Seins , das sich grausam von ihm trennte - für immer , das fühlte er wohl , ob er den so teuer gewordenen Mann wiedersah oder nicht . Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld seligsten Vertrauens und von der Süßigkeit schöner Wünsche und Täuschungen . Auch der Lord war zu Tränen gerührt . Es entsprach seiner reizbaren Natur , sich bei solchen Anlässen einer wohltätigen Gemütserschütterung zu überlassen . Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor Selbstvorwürfen ; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen und die Speichen zurückdrehen ; die Kutsche war schon im Fahren , da rief er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel , die beide am Tor standen , mit feierlich hochgezogenen Brauen zu : » Bewahrt mir meinen Sohn ! « Quandt drückte die Hände beteuernd gegen seine Brust . Das Gefährt rollte gegen die Krailsheimer Straße . Fünf Minuten später erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann ; sie mußten zu ihrem Leidwesen erfahren , daß sie die Zeit verpaßt hatten . Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreißen , forderten sie ihn zu einem Spaziergang in den Hofgarten auf , ein Vorschlag , dem der Lehrer eifrig zustimmte . Hickel bat , sich anschließen zu dürfen . Kaum waren die vier Personen um die nächste Ecke gebogen , als Quandt rasch ins Haus zurückeilte und seiner Frau einen Wink gab , die ihm , ohne zu fragen , weil das Unternehmen verabredet war , in den oberen Flur folgte , wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte . Quandt seinerseits machte sich nun daran , das Tagebuch zu suchen . Er hatte sich zu dem Ende ein zweites Paar Schlüssel anfertigen lassen und konnte damit die Kommode und den Schrank öffnen . In der Kommodeschublade fand er nichts , das blaue Heft war nicht mehr darin . Aber auch den Schrank durchstöberte er vergeblich , die Kleider , die Tischlade , die Bücher , das Kanapee ; vergeblich kroch er in jeden Winkel , es war nichts zu finden . Erschöpft trocknete er sich den Schweiß von der Stirn und rief seiner Frau durch die offene Tür zu : » Siehst du , Jette , was ich immer sage : der Kerl hats faustdick hinter den Ohren . « » Ja , ja , er ist falsch wie Bohnenstroh , « erwiderte die Frau , » und lauter Scherereien macht er einem . « Sie schimpfte bloß ihrem Mann zu Gefallen , denn im Grund hatte sie den Jüngling gern , weil noch nie ein Mensch sich so höflich und nett gegen sie betragen hatte . Quandt blieb für den Rest des Tages verstimmt wie einer , der um ein edles Werk betrogen wurde . Und war dem nicht so ? War es nicht seine Mission auf dieser Erde , die Lüge von der Wahrheit zu scheiden und als rechter Herzensalchimist den Mitmenschen die unvermischten Elemente aufzuzeigen ? Er durfte nicht ruhig zusehen und nicht Nachsicht üben , wo der Atem der Lüge wehte . Von solchen Empfindungen bewegt , hielt er am selben Abend seiner Gattin eine längere Rede , worin er sich folgendermaßen aussprach : » Sieh mal , Jette , ist dir nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon aufgefallen ? Kann man annehmen , daß so ein Mensch jahrzehntelang in einem unterirdischen Loch vegetiert hat ? Kann man dies glauben , wenn man seine fünf Sinne ordentlich beieinander hat ? Von seiner gerühmten Kindlichkeit und Unschuld kann ich , offen gestanden , nichts entdecken . Er ist gutmütig , ja ; gutmütig mag er sein , aber was beweist das ? Und wie er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und liebedienert als der ausgemachte Duckmäuser , der er ist ! Da hat deine Freundin , die Frau Behold , den Nagel auf den Kopf getroffen . Sieh mal , oft , wenn ich unversehens in sein Zimmer trete , es liegt mir natürlich daran , ihn zu überraschen , aber da hockt er dir manchmal in der Ecke , es ist sonderlich anzuschauen . Ich weiß nicht , ist er so geistesabwesend oder stellt er sich nur so , aber wenn er mich dann bemerkt , verändert sich sein Gesicht blitzschnell zu der heuchlerischen Grimasse von Freundlichkeit , die einen leider entwaffnet . Einmal hab ich ihn sogar am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus gefunden . Was kann das bedeuten ? Es steckt eben was dahinter . « » Was soll denn dahinter stecken ? « fragte die Lehrerin . Quandt zuckte die Achseln und seufzte . » Das mag Gott wissen « , sagte er . » Bei alledem mag ich ihn leiden « , schloß er mit versorgtem Stirnrunzeln ; » ich mag ihn gut leiden , er ist ein aufgeweckter und trätabler Bursche . Man muß aber sehen , was dahinter steckt . Es ist etwas Unheimliches um den Menschen . « Die Lehrerin , die sich für die Nacht frisierte , war des Schwatzens müde . Ihr hübsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen , schläfrigen Vogels , und ihre auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten matt ins Kerzenlicht . Plötzlich ließ sie den Kamm ruhen und sagte : » Horch mal , Quandt . « Quandt blieb stehen und lauschte . Caspars Zimmer lag über dem ehelichen Schlafgemach , und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die unaufhörlich auf und ab gehenden Schritte ihres rätselhaften Hausgenossen . » Was mag er treiben ? « , meinte die Frau verwundert . » Ja , was mag er treiben , « wiederholte Quandt und starrte finster zur Decke . » Ich weiß nicht , mir wurde immer gesagt , daß er mit den Hühnern schlafen geht ; ich merke nichts davon . Nun siehst dus , da soll man sich auskennen . Jedenfalls wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht abgewöhnen . « Quandt öffnete leise die Tür und schlich auf Pantoffeln vorsichtig hinaus . Vorsichtig schlich er die Treppe empor , und als er vor Caspars Tür angelangt war , versuchte er durchs Schlüsselloch zu spähen , aber da er nichts sehen konnte , legte er in derselben gebückten Stellung das Ohr ans Schloß . Ja , da wandelte er herum , der Unerforschliche , wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Pläne . Quandt drückte die Klinke , die Tür war versperrt . Da erhob er seine Stimme und forderte energisch Ruhe . Sogleich ward es drinnen mäuschenstill . Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam , fand sich , daß mit unerwarteter Plötzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war . Schon lag sie stöhnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme . Quandt wollte die Magd schicken ; die Frau sagte : » Nein , das geht nicht , geh du selber , die Person ist blöde und wird den Weg verfehlen . « Wohl oder übel mußte sich Quandt dazu entschließen , so unbequem auch die Sendung war , denn erstlich hatte er sich aufs Bett gefreut , zweitens fürchtete er sich ein wenig vor dem Gang durch die finstern Gassen , war doch erst zu Pfingsten hinter der Karlskirche ein Rechnungsakzessist überfallen und halb erschlagen worden . Verdrossen hastete er in die Kleider ; hierauf holte er die Magd aus den Federn und befahl ihr , eine befreundete Nachbarin zu rufen , die sich im Notfall zur Hilfeleistung erboten hatte , dann schlurfte er wieder herein , durchkramte die Truhe nach seinen Pistolen , wobei er das Nähtischlein umwarf , was ihn wieder derart in Verzweiflung setzte , daß er mit den Händen seinen Kopf packte und sein unseliges Los verwünschte . Die Frau , der das Elend schon den Sinn verrückte , entnahm ihrem Zustand den Mut , ihm allerlei sonst feig zurückgehaltene Aufrichtigkeiten zuzuschleudern , welche ihn im besondern und das Mannsvolk im allgemeinen trafen . Das hatte die beste Wirkung , und nachdem er sein kleines Söhnchen , das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war , in die Magdkammer getragen hatte , trollte er sich endlich . Caspar , im Begriff sich niederzulegen , vernahm auf einmal mit Schaudern die schmerzensvolle Stimme der Frau unten . Immer furchtbarer wurden die Laute , immer greller drangen sie herauf . Dann war es wieder eine Zeitlang stille , dann knarrte die Haustüre , Schritte gingen , Schritte kamen , und nun begann das Schreien viel ärger . Caspar dachte , ein großes Unglück sei passiert ; sein erster Trieb war , sich zu retten . Er lief zur Tür , sperrte auf und eilte die Stiege hinab . Die Wohnzimmertüre war offen , überheizte Luft quoll ihm entgegen . Die Magd und die Nachbarin standen geschäftig am Bett der Frau Quandt ; diese schrie nach ihrem Mann , schrie zu Gott und bäumte sich auf . Ach , was sah Caspar da ! Wie ward ihm doch zumute ! Ein Köpflein sah er , einen weißen kleinen Rumpf , ein ganzes winziges Menschlein , emporgehoben mit Händen , die nicht kleiner waren als es selbst ! Alle Glieder zitterten an Caspar , er wandte sich um , und ohne daß ihn jemand erblickt , floh er die Stiege hinauf , sank auf dem obersten Treppenabsatz atemlos hin und blieb sitzen . Wieder ging die Haustür , Quandt erschien mit der Wehfrau , doch schon stürzte ihm die Nachbarin jubelnd entgegen : » Ein Töchterlein , Herr Lehrer ! « » Ei , sieh da ! « rief Quandt mit einer Stimme , so stolz , als hätte er dabei etwas Nennenswertes geleistet . Piepsendes Geplärr bestätigte die Anwesenheit der neuen Weltbürgern . Nach einer Weile kam trällernd die Magd , und Caspar sah , daß sie eine Schüssel voll Blut trug . Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein , als Caspar sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte . Wie betrunken entkleidete er sich , wühlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht . Er konnte nichts dawider tun : aus der Nacht erhob sich gleich einer purpurnen Scheibe die Schüssel voll Blut . Er konnte nichts andres sehen als dies : aus einem blutigen Schlund krochen junge Wesen und wurden Menschen genannt . Nackend und winzig , einsam und hilflos und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll aus einem Kerker ohnegleichen , wurden geboren , ja , geboren , so wie die Mutter ihn geboren . Das ist es also , dachte Caspar . Er spürte das Band , begriff den Zusammenhang , fühlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde , alles starre Leben regte sich , das Geheimnis war entschleiert , die Bedeutung offenbar . Doch Mitleid und Grauen , Sehnsucht und Furcht waren nun eines , Leben und Sterben zu einem Namen verschmiedet . Er wollte nicht einschlafen und schlief ein , aber je näher der Schlummer kam , eine je qualvollere Todesangst umfing ihn , so daß er sich nur widerstrebend ergab : ein banger kleiner Tod im Leben . Da er am Morgen über die gewohnte Stunde ausblieb , verwunderte sich Quandt , ging hinauf und pochte an der Tür . Obgleich er das Zimmer vom Abend her versperrt wußte , drückte er auf die Klinke , fand jedoch zu seinem Erstaunen die Tür unverschlossen . An Caspars Bett tretend , rüttelte er ihn und sagte ärgerlich : » Nun , Hauser , Sie fangen ja an , ein Siebenschläfer zu werden . Was ists denn ? « Caspar setzte sich auf , und der Lehrer sah , daß das Kopfkissen ganz naß war ; er deutete hin und fragte , was das sei . Caspar besann sich ein wenig und antwortete , es sei vom Weinen , er habe im Schlaf geweint . Was , geweint ? dachte Quandt argwöhnisch ; warum geweint ? wieso weiß er es denn so schnell , wenn er im Schlaf geweint hat ? Und warum hat er solange gewartet , bis ich mich entschlossen , ihn zu holen ? Dahinter steckt eine Finte , entschied Quandt , er will mich milde stimmen . Forschend schaute er sich um , und sein Blick fiel auf das Wasserglas , das auf dem Nachttischlein stand . Er nahm das Glas und hob es prüfend empor , es war halb leer . » Haben Sie Wasser getrunken , Hauser ? « fragte er düster . Caspar sah ihn verständnislos an . Der Blick des Lehrers , von dem Glas auf das Kissen gleitend , bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck . » Sollten Sie nicht aus Versehen das Wasser verschüttet haben ? « fragte er weiter ; » ich sage : aus Versehen und meine durchaus nichts andres , Sie können freimütig mit mir reden , Hauser . « Caspar schüttelte langsam den Kopf ; er verstand nicht , was der Mann wollte . Verstockt , verstockt , dachte Quandt und gab das Verhör auf . Als Caspar zum Unterricht ins Wohnzimmer kam , teilte ihm Quandt in geziemender Würde mit , daß ihm eine Tochter geschenkt worden sei . » Wieso geschenkt ? « fragte Caspar naiv . Quandt runzelte die Stirn . Die Gleichgültigkeit , mit welcher der Jüngling ein solches Ereignis aufnahm , verdroß ihn sehr . Seine Haltung war kalt und förmlich , als er sagte : » Wir beginnen wie gewöhnlich mit der Bibelstunde . Lesen Sie Ihr Pensum vor . « Es war die Geschichte Josephs . Da ist ein alter Mann , der viele Söhne hat , aber den jüngsten unter ihnen am meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt , um ihn auszuzeichnen . Deswegen hassen ihn nun die Brüder und wollen nicht mehr freundlich mit ihm reden . Und Joseph erzählt ihnen einen Traum von den Garben . » Siehe , wir banden Garben auf dem Felde , « erzählt er , » da stand meine Garbe auf und blieb stehen , und siehe , eure Garben waren ringsum und beugten sich vor meiner Garbe . « Da antworten die Brüder : » Willst du denn König werden über uns ? willst du herrschen über uns ? « Und sie hassen ihn noch mehr wegen seiner Träume . Aber Joseph ist sehr arglos , er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen , er erzählt ihnen alsbald einen zweiten Traum , nämlich wie die Sonne , der Mond und elf Sterne sich vor ihm beugten . Ein Traum von leichter Deutbarkeit , denn elf ist die Zahl der Brüder . Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses Traumes . » Was denkst du , Joseph , « spricht er vorwurfsvoll , » soll ich und deine Mutter und deine Brüder , sollen wir kommen , uns vor dir zu beugen ? « Und bald darauf gehen die Brüder , die alle Hirten sind , aufs Feld , um die Schafe zu weiden , und Joseph wird von seinem Vater zu ihnen gesandt . Und wie die Brüder ihn von ferne sehen , sprechen sie zueinander : » Seht , da kommt der Träumer . « Und sie beschließen , ihn zu erwürgen , sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben , ein wildes Tier habe ihn verzehrt ; » dann werden wir ja sehen , was aus seinen Träumen wird « , sagen sie hohnvoll . Da ist aber einer unter den Brüdern , der Erbarmen hat , und er warnt die andern . Er rät ihnen , den Jüngling in die Grube zu werfen , ihn jedoch nicht zu töten . Und so geschieht es auch ; sie ziehen ihm den Rock aus , den bunten Rock , den er trägt , und werfen den Knaben in die Grube , und als dies vollbracht ist , erscheint ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land , und die Brüder einigen sich jetzt , den Joseph zu verkaufen , und sie verkaufen ihn um Geld . Dann nehmen sie Josephs Kleid , tauchen es in das Blut eines geschlachteten Tieres und sprechen zum Vater : » Das blutige Kleid haben wir gefunden , sieh doch , ob es nicht deines jüngsten Sohnes Kleid ist . « Der Alte zerreißt sein Gewand und ruft aus : » Trauernd will ich hinunterfahren zu meinem Sohn in die Unterwelt . « Als Caspar soweit gekommen war , versagte ihm die Stimme . Er stand auf , legte das Buch beiseite , und seine Brust ward von Seufzern nur so geschüttelt . Die Hand vor den Mund gepreßt , erstickte er mit großer Anstrengung das heraufquellende Schluchzen . Quandt stutzte . Er beobachtete den Jüngling scharf . Er hatte dabei den schrägen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege . » Hören Sie mal , Hauser « , sagte er endlich . » Sie werden mir doch nicht weismachen wollen , daß Sie von dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind , die Ihnen noch dazu wohlbekannt sein muß ; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des Alten Testaments schon beim Professor Daumer durchgenommen . Da muß Ihnen doch auch gegenwärtig sein , daß es dem Joseph noch recht glücklich ergangen ist , denn er war ein reiner und guter Mensch . Ich bitte , sparen Sie sich also die Mühe . Wenn Sie pflichtgetreu , aufrichtig und folgsam sind , werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch die unzeitige Schaustellung von so weit hergeholten Affekten . Ich glaube Ihnen Ihre Tränen einfach nicht ; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich genug bewiesen zu haben . Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil von dem , was Sie beabsichtigen mögen , ich bin nämlich kein Freund von Gefühlsausbrüchen , im allgemeinen nicht , und bei so ungegründetem Anlaß schon gar nicht . Es ist nachgerade Zeit für Sie , sich an den Ernst des Lebens zu gewöhnen . Und weil wir nun schon so offen miteinander reden , möchte ich Sie dringend warnen , alle Leute , mit denen Sie zu tun haben , für dumm zu halten ; das ist eine Verblendung von Ihnen , welche die nachteiligsten Folgen haben wird . Ich bin Ihnen wohlgesinnt , Hauser , ich meine es wahrhaft gut mit Ihnen , vielleicht haben Sie keinen bessern Freund als mich , was Sie freilich erst einsehen werden , wenn es zu spät sein wird . Aber hüten Sie sich , mich hinters Licht zu führen ! Und nun fahren wir fort . Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen betrachten . « Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers weich und gütig geworden , und es hatte beinahe den Anschein , als wolle er nun Caspar nehmen und an sein Herz drücken . Aber Caspar stand mit albernem Gesicht , in welchem ein Lächeln hilflos zuckte , vor ihm da . Was ist denn das ? dachte er , was will der Mann ? Es war ihm , auch bei späterem Nachdenken , ganz und gar nicht verständlich , worauf die Worte des Lehrers hinzielten , und er kam zu der Ansicht , daß Quandt der rätselhafteste Mensch sei , dem er je begegnet . Schloß Falkenhaus Der Präsident traf erst am Dreikönigstag , nach fast vierwöchiger Abwesenheit , wieder in der Stadt ein . Die ihm nahestehenden Personen wollten eine bedeutende Veränderung seines Wesens an ihm bemerken ; er erschien wortkarg und finster , und sein Anteil an den Amtsgeschäften hatte bisweilen etwas von Lauheit . Es fiel auf , daß er mehrere Tage verstreichen ließ , ehe er sich nach Caspar erkundigte . Als ihn der Hofrat Hofmann während des gemeinsamen Nachhausewegs unbefangen fragte , ob er den Jüngling schon gesehen habe , gab Feuerbach keine Antwort . Tags darauf erschien der Polizeileutnant bei ihm . Hickel stellte sich um die Sicherheit des Hauser besorgt und meinte , man solle für eine Überwachung sorgen ; der Präsident ging auf die Sache nicht weiter ein und sagte bloß , er werde sichs überlegen . Am selben Nachmittag ließ er den Lehrer rufen und stellte ihn über Befinden und Betragen seines Zöglings zur Rede . Quandt sagte dies und sagte das ; es war nicht schwarz noch weiß ; zum Schluß zog er einen Brief aus der Tasche , es war das Schreiben der Magistratsrätin Behold , welches dem Präsidenten zu überreichen er sich entschlossen hatte . Feuerbach überlas das Schriftstück , und eine Wolke von Mißmut lagerte sich auf seine Stirn . » Sie müssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen , lieber Quandt , « sagte er barsch , » wo kämen wir denn hin , wenn wir auf das Gewäsch jeder solchen Närrin hören wollten ? Sie haben sich nicht mit der Vergangenheit des Hauser zu beschäftigen , das ist nicht Ihres Amts ; ich habe Sie dazu bestellt , einen tüchtigen Menschen aus ihm zu machen , wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben , bin ich ganz Ohr , mit andern Dingen verschonen Sie mich . « Es läßt sich denken , daß eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit des Lehrers tief verletzte . Er ging erbittert heim , und obwohl ihm der Präsident den Auftrag gegeben hatte , Caspar am Sonntag früh zu ihm zu schicken , teilte er dies dem Jüngling erst zwei Tage später , am Samstag abend , mit . Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam , mußte er im Flur ziemlich lange warten , dann erschien erst Henriette , die Tochter des Präsidenten , und führte ihn ins Wohnzimmer . » Ich weiß nicht , ob der Vater Sie heute empfangen wird « , sagte sie und erzählte dann , in der vergangenen Nacht sei ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Präsidenten verübt worden ; die unbekannten Täter hätten alle Papiere auf dem Schreibtisch durchwühlt und mit Nachschlüsseln die Laden geöffnet ; es sei anzunehmen , daß die Verbrecher irgend bestimmte Briefe oder Handschriften hätten an sich bringen wollen , denn es sei nichts geraubt worden , auch die gewünschte Beute hätten sie nicht machen können , da der Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe ; nur die erbrochenen Fenster und eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis gegeben . Das Fräulein schritt während dieses Berichts in männlicher Weise auf und ab , die Arme über der Brust verschränkt , Groll und Zorn in Stimme und Miene . Sie sagte , der Vater sei natürlich außer sich über den Vorfall ; währenddessen öffnete sich die Tür , und der Präsident trat in Begleitung eines schlanken , etwa dreißigjährigen jungen Mannes auf die Schwelle . » Aha , da ist Caspar Hauser , Anselm « , sagte der Präsident . Der Angeredete stutzte und blickte Caspar gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht . Caspar war betroffen von der außergewöhnlichen Schönheit dieses Menschen ; wie er später erfuhr , war es der zweitälteste Sohn Feuerbachs , der , verfolgt von einem widrigen Geschick , für einige Tage ins Elternhaus geflüchtet war , um Rat und Hilfe seines Vaters in Anspruch zu nehmen . Caspar liebte schöne Gesichter , zumal wenn sie so voll Geist und Schwermut waren , bei Männern ganz besonders ; aber es war dies nur eine kurze Erscheinung , er sah ihn nicht wieder . Der Präsident ließ Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach einer Weile . Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der Wand . Wie wunderlich es war : solche Ähnlichkeit im Ausdruck der stolz abweisenden Majestät und der finsteren Trauer um die anmutig geschwungenen Lippen mit jenem Mann , den er soeben gesehen ! Dazu noch der prunkvolle Ornat , Krone , Halsschmuck und Purpurmantel . Caspar war bewegt ; eine höhere Welt tat sich ihm auf ; am liebsten wäre er hingegangen , um , was an dem Bild gestalthaft schien , mit Händen zu packen und , was ihn so hoheitsvoll daraus anredete , in laute Zwiesprach zu verwandeln .