der erste Buchstabe schwungvoller geschrieben , und die Namen der Zeugen waren mit roter Tinte säuberlich unterstrichen . » Ich les ' dir den Bericht amal vor , « sagte der Kommandant . » Wenn dir was auffallt , sagst du ' s mir . « Der Bericht begann mit der Schilderung der eigenen Wahrnehmung des Herrn Hermann . » Als ich mich nach dem Hochamte in das unweit der Kirche gelegene Gasthaus des Johann Plöckl begab , bemerkte ich dortselbst den Täter Andreas Vöst allein am Tische sitzend und anscheinend einem reichlichen Biergenusse huldigend , was mir auch die Kellnerin mit den Worten bestätigte , er , der Täter , sei bereits mehrere Stunden anwesend und trinke eine Halbe nach der anderen . Als ich nach einiger Zeit das Gastzimmer beim Verlassen wieder durchschritt , saß Obengenannter noch immer an demselben Platze , ohne mich zu bemerken oder mich zu grüßen , was mir sofort auffiel und mich auf den Gedanken brachte , daß der Täter sich in einer schlechten Gemütsverfassung befand . « » Du hast mir aber nix g ' sagt , Karl ! « unterbrach ihn seine Frau . » Was g ' sagt ? « » Daß dir das aufg ' fallen is ! « » Denkt hab ich mir ' s. Auf den Gedanken brachte , heißt ' s da . « » Ja so . « Der Kommandant las weiter . Es kam in ausführlicher Breite die Schilderung der folgenden Nachmittagsstunden , wie sie von den am nämlichen Tische sitzenden Ökonomen Zwerger und Kloiber gegeben wurde ; es kam die Schilderung des beginnenden Streites , in dessen Verlaufe der Täter , welcher die ganze Zeit einem reichlichen Biergenusse gehuldigt hatte , durch diesen Zustand gereizt und auch in der Erinnerung an frühere Differenzen beleidigende Worte ausstieß . Und dann folgte die lebensvolle Darstellung der Tat , welche von den Zeugen nicht übereinstimmend erzählt wurde . Denn , während der verheiratete Gütler Johann Geitner keinerlei beschimpfende Äußerungen seitens des Hierangl vernommen hatte , behauptete der Ökonom Haberlschneider ausdrücklich , daß der Verletzte immer wieder durch höhnische Zurufe den Täter zur Wut gebracht habe , so daß dieser sich auf ihn stürzte und ihn mit einem steinernen Literkruge dergestalt auf das linke Hinterhaupt schlug , daß der letztere bewußtlos zu Boden stürzte und bis jetzt nicht wieder in den Besitz seiner Geisteskräfte gelangte . Dies alles las der Kommandant vor , und als er fertig war , sagte seine Frau : » Es sind beinah ' sieben Seiten , und so schön geschrieben ! Was das für eine Arbeit war ! « » Mir tut es leid um den Vöst , « erwiderte er . » Er war ein richtiger Mann , bis die Geschichten gekommen sind . « » Meinst d ' , er wird lang ' ei ' g ' sperrt ? « » Das kommt d ' rauf an . « Der Kommandant steckte den Bericht achtsam in ein Kuvert . » Das kommt d ' rauf an , ob es mildernde Umständ ' gibt . Und wie ' s dem Hierangl geht . « Er gähnte laut . » Es is Zeit zum Schlafen ; zwölf Uhr hat ' s scho g ' schlag ' n. « Sie löschte die Lampe aus , und nun brannte kein Licht mehr in Erlbach . Oder nur eins . Das flackerte unruhig in der Kammer des Hieranglbauern . Als der Tag graute , pochte jemand beim Kommandanten an die Haustüre . Hermann öffnete das Fenster und rief hinunter : » Was gibt ' s ? « » I bin ' s ! Da Bader ! « » Sie , Herr Fröschl ? Steht ' s schlechter ? « » Er ist g ' storben vor einer Viertelstund ' . « » Sakrament ! « » Er is überhaupt nimmer zum Bewußtsein kommen . Der Schlag hat ihm den ganzen Kopf z ' trümmert . « » Das is a böse G ' schicht ! « » Ich hab ' mir denkt , ich will ' s Ihnen gleich mitteilen . Und jetzt gut ' Morgen , Herr Kommandant ! « » Gut ' Morgen ! « Hermann schloß das Fenster und zog sich an . Als er eine halbe Stunde später durch das Dorf schritt , tönte schrilles Läuten vom Turme . Dreimal setzte es ab . Es war die Sterbeglocke für den Hierangl . Der Kommandant bog in den Schullerhof ein . Der Bauer kam ihm unter der Tür entgegen . » I woaß , was Sie woll ' n , « sagte er . » I hab ' s Läuten scho g ' hört . Muaß i mit Eahna geh ' ? « » Es ist meine Pflicht , Schuller . Ich muß Sie nach Nußbach führ ' n. « » I geh ' mit , wia i da steh ' , bloß mein Huat hol ' i. « Er trat in die Stube , und gleich darauf hörte der Kommandant lautes Schreien . » Jessas ? Andrä ! Muaßt d ' furt ! Jessas ! « Die Schullerin stürzte heraus und faßte ihn am Arme . » Net ! Net ! Er ko nix dafür ! Net furtführ ' n ! « » Frau Vöst , machen Sie ' s Ihrem Mann nicht schwerer ! « » Na ! Na ! Um Gott ' swill ' n , net furtführ ' n ! Er ko nix dafür ! « Der Schuller zog sie sanft zurück . » Geh zua ! Dös muaß amal sei . An Kopf reißen ' s mir net ab . « Er wandte sich um und ging rasch zur Türe hinaus . Und ging über den Hof . Aber wie er auch seine Schritte beschleunigte , die jammernde Stimme tönte hinter ihm her . Und als er bei den letzten Häusern war , hörte er sie noch . » Andrä ! Gibst d ' koa Antwort mehr ? Andrä ! « Zwanzigstes Kapitel In den Gerichtssaal fielen die Sonnenstrahlen und legten sich breit auf die strengen Mienen der Richter . Die schützten sich verdrießlich gegen den lichten Schein , und als sie ihn nicht abwehren konnten , mußte ein Diener die Vorhänge herunterlassen . Da waren die Sonnenstrahlen ausgesperrt . Nur einer drängte sich durch die Lücke und huschte über die Bänke . Er fand zwei schwielige Hände , und die waren ihm so vertraut , daß er sich liebkosend an sie schmiegte . Die Hände öffneten und schlossen sich wieder , als wollten sie den zitternden Sonnenstrahl festhalten . Der Mann , dem die Hände gehörten , freute sich über ihn . Er dachte , wie die Sonne wohl auf die Erlbacher Felder herunter scheine . Sie hatten heute gewiß gemäht , und auf allen Wiesen lag duftendes Gras . Sie konnten es bei der Wärme zu Mittag wenden und am Abend einfahren . Den Leuten draußen war die Sonne eine freundliche Helferin . Ein breiter Schatten fiel über den Boden , und der Sonnenstrahl war verschwunden . Der Schuller sah auf . Da stand Baustätter mitten im Saale und verneigte sich vor den Richtern . » Herr Pfarrer , Sie kennen den Angeklagten ? « » Ja . « » Es wird behauptet , daß Sie ihm feind seien . « » Ich ? Warum sollte ich ihm feind sein ? « Der Verteidiger erhob sich . » Sie haben doch heftig gegen ihn agitiert ? Und Streit mit ihm gehabt ? « Baustätter schüttelte den Kopf . Er verstand den scharfen Ton nicht . » Ich habe Bedenken gegen ihn geäußert , wie es meine Pflicht war . « Der Vorsitzende nickte ihm zu . » Sie wollen sagen , daß Sie als Seelsorger an ihm Verschiedenes auszusetzen hatten , aber daß Sie keine persönliche Feindschaft gegen ihn hegen ? « » Ja , das wollte ich sagen . « » Dann schildern Sie uns , bitte , den Leumund des Angeklagten . « Baustätter redete . Mit Ruhe und ohne Leidenschaft . Er sagte , daß er allen Pfarrkindern ein offenes Herz entgegengebracht habe , daß er von jedem ursprünglich das Beste glauben wollte . Auch von Andreas Vöst . Nur mit Widerstreben habe er an diesem vieles bemerkt , was er als Seelenhirte rügen mußte . Verstöße gegen die kirchlichen Vorschriften , Unsittlichkeit im Hause , und manches , was Ärgernis erregte . Baustätter sagte , daß er bessern wollte , und es half nichts , daß er mit Milde eingeschritten sei , und man habe mit Roheit geantwortet . Und er schilderte seine schmerzlichen Erfahrungen und die Gewalttätigkeit des Vöst . Schuller hörte ihm zu . Es war immer das nämliche . Die Lüge so versteckt , so eingemengt in die Wahrheit , daß sie kein Mensch herausfinden konnte . Er hatte es versucht , er hatte gemeint , daß er das Gewebe zerreißen könne . Und es hatte ihn fester eingeschnürt , je mehr er sich wehrte . Jetzt war er müde . Er hörte zu , als würde von einem andern gesprochen . Die sanfte Stimme ertönte gleichmäßig weiter und erhob sich erst gegen den Schluß . Als Baustätter sagte , daß der bravste Mann in Erlbach , der Vater von vier Kindern , von diesem rohen Menschen gemordet worden sei . Es war stille im Gerichtssaal . » Vöst , haben Sie etwas zu erinnern gegen diese Aussagen ? « Der Schuller sah den Vorsitzenden an . Ob er etwas zu sagen hatte gegen diese Lügen ? Jedes Wort war falsch , von langer Zeit her ausgedacht , verdreht , zur Verdächtigung hergerichtet . Wie sollte er sie alle widerlegen mit ein paar Sätzen ? Wo sollte er anfangen und wo enden ? Und er sagte nur : » Der is schuld an allem . « Die Richter sahen mißbilligend auf ihn herunter . Es war doch wirklich kläglich , mit solchen Redensarten zu kommen ! Der Verteidiger trat vor . » Man muß die Vorgeschichte kennen ... « » Das gehört nicht zur Sache ! « sagte der Vorsitzende . » Das mit der Bürgermeisterwahl , das hat mit der Tötung des Hierangl nichts zu tun ! « Der Schuller setzte sich wieder . Er wußte es ja ! Es war heute wie immer . Sie hörten ihn nicht . Der Morgen darauf versprach wieder schönes Heuwetter . Die Baumgipfel im Weblinger Wald waren schon vom Frühlicht beschienen . Da eilten die Leute mit der Arbeit . Solange der Tau auf den Gräsern liegt , ist gut mähen . Trockenes Gras macht die Sensen stumpf . Und jeder schwang die Arme schneller und griff weiter aus im Schritt . Als die Sonne über den Hügeln stand , war das meiste geschehen . Der Haberlschneider schulterte die Sense und wartete auf den Zwerger , der den Feldweg herunterkam . » Dös is wieder prachtvoll heunt ! « » Bal ' s so weitergeht , bring ' i de ' Woch ' no mei Heu hoam . « Bis zum Feldkreuz gingen sie miteinander . Da blieb der Zwerger stehen . » Was sagst denn zum Schuller ? Vier Jahr G ' fängnis ! « » Daß er nimmer ' rauskimmt , sag ' i. Den hat er g ' liefert , unser Herr Pfarrer ! « Der Haberlschneider setzte sich bei den Worten auf den Feldrain . Seine jüngste Tochter mußte bald kommen und den Morgentrunk bringen . » Den hat er g ' liefert ! « wiederholte er . Und er sah nach Erlbach hinunter . Da lag das Dorf Haus neben Haus . Aus den Schornsteinen stiegen dünne Rauchsäulen in die Luft . In den Ställen brüllte das Vieh ; der Wind trug den Schall herauf . Und jetzt klangen im gleichen Takte starke Hammerschläge , Zimmerleute bauten an der Kirche ein hohes Gerüst . Der alte Turm wurde abgebrochen und ein neuer errichtet .