ein Töpfchen mit Eingemachtem , das reichte er alles hinauf , und dann las er noch die Messer und Gabeln auf , die herumlagen , denn mit denen wollte er oben eine Diele entfernen , damit sie noch höher kommen konnten in den hohlen Kielraum des Schiffes . So schnitt er erst den Fußteppich durch und machte sich dann daran , mit dem unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden , welche die Dielen auf den Sparren festhielten ; denn aufdrehen konnte er sie nicht , weil er dabei sein Messer zerbrach . Über diesen Anstrengungen verspürten sie , wie das geringe Licht , das von unten durch das runde Fenster im Wasser kam , immer geringer wurde , denn es waren ja auch nur wenige Lichtstrahlen , die durch die schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster drangen ; und dazu stand unten das Wasser in der Höhe von mehreren Fuß in der Kajüte , auf dem lustig eine Schachtel mit Streichhölzern und zwei Korke schwammen ; die Luft aber wurde immer verbrauchter und schien immer schwerer zum Atmen , entwich auch an einer Stelle durch den Druck des Wassers unten mit einem leisen Pfeifen , und dadurch stieg das Wasser in dem Raum langsam immer höher . Die beiden Männer arbeiteten fleißig , und der alte Mann hatte einen Überschlag gemacht , daß bis zum andern Morgen die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein mußte und das Wasser bis oben stand und sie alle erstickte , wenn sie nicht die Diele bis dahin gelöst hatten und sich in den Kielraum retten konnten , der aber würde wohl immer über dem Wasser bleiben , weil er ja durch das viele Holzwerk unten getragen wurde . Wie es nun gänzlich Nacht geworden war und sie alle sehr müde waren , beschlossen sie , daß sie eine kurze Weile schlafen wollten , um neue Kräfte zu schöpfen , und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte inzwischen weiterarbeiten im Dunkeln , und die zweite Wache sollte der Schwiegersohn übernehmen . So taten sie ; aber nach einer unbestimmten Zeit schreckte der Mann aus dem Schlafe auf und hörte nicht mehr das leise Geräusch des arbeitenden Messers , das kleine Späne loslöste , da wußte er , daß der alte Mann ertrunken war , und deshalb arbeitete er allein weiter . Es erwachte dann auch die Frau durch große Beklommenheit des Atmens , und das Wasser klatschte schon leise an die Platte des Tisches , auf dem sie saßen . Indessen war es dem Manne gelungen , daß er die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte , und nun riß er die Scheuerleiste fort und faßte vorsichtig mit zwei Gabeln von beiden Seiten , um sie zu biegen , bis er sie mit den Händen fassen konnte ; und indem die Frau half , gelang es auch , daß sich die Diele so weit bog , und nun begriff er sie und riß an ihr mit aller Kraft , daß sie in der Mitte abbrach und über ihnen eine schmale Öffnung in den Kielraum wurde . Aber durch das Gegenstemmen hatten sich zwei Schrauben gelöst , durch welche die Tischbeine befestigt waren , und der Tisch glitt schräg ins Wasser . Die Frau hielt sich noch an der Diele über ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene Öffnung in den Kielraum , das Kind aber war ins Wasser gerollt , und der Mann wollte das Kind retten und stürzte sich nach , aber er stieß mit dem Kopf gegen etwas , tat einen lauten Schrei und kam nicht wieder , und auch das Kind ist ertrunken . Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der Öffnung , und der kalte Hauch des Wassers drang zu ihr empor . Nach langer Zeit kam eine geringe Helligkeit in das Wasser unten ; da war es noch höher gestiegen , und wie sie genau zusah , erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften Fingern . Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem , was sie ausgestanden , verspürte sie , daß eine Wandlung in ihr vorgegangen . Vornehmlich hatte sie jetzt den Wunsch , daß sie etwas tun wollte , aber der war ihr nicht gekommen durch Ängste des Gewissens , Reue und Absichten von Buße , sondern ohne einen andern Grund , nur weil sie ein neuer Mensch geworden war . Deshalb überlegte sie sich alles , ihr früheres Leben und seine Bedingungen , da fand sie , daß ganz notwendig alles so geschehen mußte , wie es wirklich geschehen war , und sie selbst hatte keine Schuld und auch andre nicht . Denn ihr Vater konnte nicht leben , wie er wollte , sondern war einem Zwange unterworfen , daß er immer an seine Arbeit denken mußte und keine andern Gedanken haben durfte . Und da er nun in einer andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und sein Kind auch in dieser Klasse leben mußte , so konnte er seine Frau nicht behalten ; deshalb war es nötig , daß er sein Kind Fremden anvertraute , die aber waren arme Menschen , welche gänzlich von dem Kinde abhingen , deshalb vermochten sie ihm nicht zu widerstehen . So war sie denn zu einem solchen Wesen geworden , wie sie bis dahin war , und nur das blieb zu verwundern , daß sie nicht noch Schlimmeres getan . Nun aber wollte sie einen neuen Weg gehen , und da schien es ihr das beste , wenn sie Krankenpflegerin würde , weil sie da wirklich tätig sein konnte , denn alle Untätigkeit war ihr jetzt ein Ekel . So lebte sie nun schon seit einigen Jahren und war sehr ruhig und genoß dasjenige Maß von Glück , das ihrer besonderen Art bestimmt war und wohl freilich nicht sehr groß sein mochte . Dieses alles erzählte die Schwester dem Hans , und der wunderte sich sehr über ihren Frieden . Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte , da fand er am Ende doch , daß sie wohl ein andrer Mensch war wie er ; denn wiewohl er sich viele Mühe gab zu Ruhe , so hatte er doch beständig Gewissensbisse und Selbstvorwürfe , und das Leben erschien ihm ganz schwierig . So sah er ein , daß die Gottlosen leichter leben wie die , so an Gott glauben , und ergab sich ihm , daß wir höher kommen sollen dadurch , daß wir an Gott glauben , denn wenn uns das Leben schwierig wird , so steigen wir indessen auf einen hohen Berg , wo die Luft härter und reiner ist , und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns , die sie treiben , damit sie ihr fleischliches Leben erhalten . Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren nur so gewöhnliche Menschen , die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfüllen ; aber noch eine andre Schwester wurde für Hans merkwürdig , denn die bildete ein Gegenstück zu jener ersten . Deren Erlebnis war folgendes gewesen : Sie war als Tochter eines höheren Beamten geboren , und ihre Eltern lebten in beständigen Sorgen , weil ihre Mittel zu gering waren , um den Aufwand zu befriedigen , den sie für nötig hielten . So wurde sie schon frühe gewöhnt , überlegend und sparsam zu sein und nach außen doch eine gewisse Unbefangenheit zu zeigen , und ihr Wunsch war von Jugend an , sie möchte einmal ein recht tüchtiger Mensch werden , damit sie ihrem späteren Mann in ihrer Art behilflich sein könne . Wie sie noch jung war , bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie , ein Rechtsanwalt , der sie an Jahren ziemlich übertraf , und auf das Zureden ihrer Eltern heiratete sie den , wiewohl sie keine besondere und außergewöhnliche Zuneigung zu ihm verspürte ; aber ihre Mutter hatte ihr in vertraulicher Weise gesagt , daß wohl überhaupt nur wenigen Menschen das Glück einer wirklichen Liebe werde , die man sich vorstelle in der Jugend . Sie gewann mit der Zeit den Mann auch in ruhiger und einfacher Weise lieb , denn er war gut zu ihr und sehr zuverlässig und tüchtig , daß jeder vor ihm Achtung haben mußte . Kinder indessen bekam sie nicht von ihm . Nun stellte es sich aber heraus , daß sie einen verschiedenen Willen hatten über das , was die Frau tun soll , denn sie hatte gemeint , daß sie eine rechte Tätigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes , guter Wirtschaft und umsichtiger Fürsorge ; er aber , da er keine Kinder hatte und viel verdiente , wollte gar nicht , daß seine Frau so viel Eifer auf diese Dinge verwendete , denn er mochte lieber , daß sie sich schön putzte und darauf sann , wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte , wenn er von seiner Arbeit kam . Und ferner hatte sie gemeint , daß die Frau mit dem Mann viel Ernsthaftes reden werde und von ihm manches lerne , er aber war nicht zu gründlichen Gesprächen mit ihr aufgelegt , sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil , wenn er mit ihr war . Hierüber wurde sie recht traurig und fühlte sich ohne Glück und Befriedigung und empfand eine große Langeweile und zuweilen sogar einen Ärger über ihren Mann . Als dieses so ging , kam in das Haus ein Verwandter des Mannes , ein junger Herr , welcher seine Universitätsstudien beendet hatte und auch seine ersten praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem geschickten und klugen Oheim noch lernen wollte . Dieser hatte viel Liebe zu aller Art von Kunst und Dichtung und hatte auch über die Fragen unsers gesellschaftlichen Lebens nachgedacht und besonders über die Bestrebungen der Frauen , die heute mehr Selbständigkeit und Beachtung wünschen . Da geschah es bald , daß er mit der Frau in eifrige Gespräche kam , und lieh ihr Bücher , erzählte ihr von allem , was heute geschieht und was viele denken , und sie stritten oft miteinander ; und weil sie beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war , so dachte keiner von ihnen , was aus diesem entstehen konnte . Am Ende aber kam die Frau als erste zur Klarheit , was ganz plötzlich geschah , es wurde nämlich ihr Mann unvermutet von einer elektrischen Bahn überfahren und in solchem Zustand ins Haus gebracht , daß sie zuerst meinte , er sei tot , da verspürte sie plötzlich , daß sie den Jüngling liebte , und in heftiger Verzweiflung kamen ihr die Tränen aus den Augen ; der Mann war aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder nach einiger Zeit . Da beschloß sie , wie er wieder ganz gesund war , daß sie ihm alles sagen wollte , ging zu ihm und erzählte von Anfang an und schloß , daß sie eine Liebe zu dem andern gefaßt habe . Hierüber wurde der Mann sehr bekümmert , wie er aber sah , daß sie selbst so verzweifelt war , tröstete er sie und machte ihr Mut , sagte ihr , daß er sie liebe und schonen wolle , und sie werde die Neigung überwinden , und alles werde wieder gut sein , wie es früher war , und darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster Hoffnung , daß alles so geschehen müsse , wie der Mann gesagt . Der aber ließ sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen , und dann verblaßte ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz unwichtig , denn sie schämte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von dem vorigen , und ihre Scheu bemerkte er nicht . Deshalb tat er nichts , um das Verhältnis zu ändern , das bis dahin bestanden , sondern ließ alles beim alten , und der Jüngling war nach wie vor in ihrer beider Nähe . Und sie verschloß sich immer mehr innerlich und hatte eine große Angst und fühlte sich einsam und ohne Schutz . Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jüngling ferner hielt wie sonst , da kamen auch diesem neue Gedanken , und es wurde ihm bewußt , daß auch er seinerseits eine Neigung gefaßt habe , und so erklärte er sich die Zurückhaltung der Geliebten so , daß er meinte , sie habe etwas von seiner Neigung verspürt und sei etwa gekränkt und beleidigt , und über diesem Gedanken wurde er recht unglücklich und härmte sich ab mit Vorwürfen . Und wie sie beide auf solchem Wege waren , da geschah es nach einiger Zeit mit Notwendigkeit , daß sie zueinander sprachen , und am Ende wuchs dem Jüngling die Kühnheit , und er gestand mit Worten seine Liebe . Da erhob sie sich , sah ihn zärtlich an und ging von ihm auf ihre Stube und hatte da einen Dolch heimlich verborgen , eine altertümliche Waffe , die sie einmal in Italien gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen Griff und in romantischer Spielerei , den stieß sie sich in die Brust , und sie stieß ganz sicher , und um ein Haar wäre sie da gleich gestorben , aber durch einen glücklichen Zufall und später durch die Kunst eines geschickten Arztes blieb sie doch am Leben und genas langsam wieder , indem sie in ihrem Stübchen am Fenster saß und sehnsüchtig in die frühlingsblühenden Bäume vor ihrem Hause blickte . Und war in dieser Zeit ihr Mann sehr gut zu ihr , brachte ihr viele Geschenke von kostbaren Kleiderstoffen und schönem Schmuck und klagte , daß er sich ihr nicht so widmen könne , wie er möchte , weil seine Arbeit ihn festhielt ; von dem jungen Vetter aber erzählte er nie , der war fortgezogen in eine andere Stadt . Wie sie nun wieder ganz gesund war , setzte sich der Mann öfter mit ihr zusammen und besprach mit ihr solche Dinge , über die sie mit dem Jüngling geredet hatte , mit ihm aber früher nie , denn mit ihm hatte sie nur Kindereien getrieben . Aber er war viel klüger und erfahrener wie der junge Mann und stammte aus einer älteren Zeit , die einen andern Glauben hatte , und so stimmten seine Worte nicht zu den Worten seiner Frau und waren wie die eines Lehrers zu einem widerwilligen Schüler . Hierüber kam es , daß sie einen neuen Entschluß faßte und aus ihres Mannes Haus ging bei der Nacht und in die Stadt reiste , wo der Neffe lebte in einem Studentenstübchen unterm Dach . Den suchte sie auf in seiner Wohnung und sprach , sie wolle mit ihm leben . Es wurde nun viel Übles geredet , und das Gericht schied sie von ihrem Manne , und sie dachte , daß sie jetzt den Geliebten heiraten wolle , auch war alles schon vorbereitet für dieses Ende . Da geschah es , daß sie an einem Abend mit ihm ausging , und er führte sie an seinem Arm , sie gingen aber eine breite Straße , wo viele Geschäftsläden waren , in denen große Spiegel stehen , welche die Auslage sollen reicher erscheinen lassen ; und die Spiegel stehen häufig so , daß man sich in ihnen ganz genau erblickt , wenn man vorbeigeht , und es ist , als komme man sich selbst entgegen . So sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten , und durch einen Zufall erblickte sie neben dem ein sehr schönes Mädchen , das etwa einen Schritt vor ihm ging . Da fiel ihr auf , daß sie älter war wie der Mann , und dachte , daß sie ein Unrecht tue , indem sie ihn heiraten wollte , und er werde die Heirat später bereuen . Sie sagte aber nichts , sondern ging ruhig weiter ; nur machte sie sich zu Hause heimlich zurecht , schrieb ihm einen Brief zum Abschied und reiste von ihm fort , und weil sie nirgendshin wußte , denn alle hatten sie ausgestoßen , so ging sie in eine Gesellschaft von Krankenschwestern , lernte bei denen mit großem Eifer und war nun am Ende in das Haus gekommen , wo Hans jetzt krank lag . Diese hatte eine ganz andere Gemütsart wie jene erste , denn sie lebte in beständiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen . Es kam aber wohl alles , was sie tat , aus ihrer Güte und Liebe , und deshalb übte es eine gute Wirkung ; sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich , daß sie eine Qual und Überwindung haben wollte , deshalb ging sie zu denjenigen Kranken , welche die widerwärtigsten schienen , und so hatte sie eine wahrhafte Buße . Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte , so sprach er auch mit dieser über seine Furcht und Gedanken . Da antwortete sie ihm , daß sie ruhig sei und keine schweren Gedanken habe , wenn sie etwas Mühseliges und Widerstehendes tue , das in Wahrheit ein Opfer sei ; wenn sie aber äußerlich wohllebe , so könne sie nach einiger Zeit ihre Gedanken nicht mehr aushalten , die sich untereinander anklagen und verteidigen . Hierdurch wurde es Hansen klar , daß auch diese Frau wohl den Weg gefunden habe , der für sie selbst gangbar sei , aber für einen andern Fuß war der nicht geschaffen , denn es war ja klar , daß diese Frau ihre Geschichte nicht verwinden konnte wie die erste , sondern sie vermochte sich nur für eine Zeit zu betäuben ; er aber wollte ein freier Mensch werden , der nicht von Furcht , Hoffnung und Geschichte abhing , sondern jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und Frischer tun ; nur konnte er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die erste Frau , sondern es mußte eine besondere Weise für ihn geben . Wie er in dieser Verfassung lag und vieles grübelte hierüber , besuchte ihn der alte Mann , bei dem er gewohnt , und der ihn hatte einladen wollen zu seiner Weihnachtsfreude , als er ohnmächtig in seiner Stube auf dem Boden lag . Der erzählte allerlei mit fröhlichem Gesicht , was sich ereignet unter den kleinen Leuten , die in dem Hause lebten ; und am Ende konnte er es nicht mehr verschweigen , was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und doch nicht gleich zu Anfang sagen wollen , aus Bescheidenheit , weil er sich nicht mit seinen eignen Angelegenheiten vordrängen mochte , denn sein Sohn war zurückgekommen aus dem Zuchthaus , wo er Wolle gesponnen hatte , und hatte einen kahlen Kopf gehabt und ein rasiertes Gesicht , und hatte sehr blaß ausgesehen , und die Augen lagen ihm tief . Er war eingetreten , und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt , da sagte er : » Wollt Ihr mich denn verstoßen ? « Da erkannten sie ihn an der Stimme und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich , ihm aber rollten große und runde Tränen aus den Augen über die abgehärmten Backen , und mußte sich auf das Sofa setzen , und die Mutter lief gleich in die Küche und kochte ihm Schokolade , die hatte er als Kind immer gern getrunken , und der Vater sprach mit ihm von den Ernteaussichten und klagte über die Fleischpreise , denn er wollte sich anstellen , als sei nichts Bedeutsames geschehen . Dann kam der Knabe aus der Schule , und wie der seinen Vater sah , der so lange in der Fremde gewesen war , da freute er sich und kletterte an ihm in die Höhe , denn er war ein dreister Junge , und von seines Vaters Schande wußte er nichts . Alles das erzählte der alte Mann und freute sich über seines Sohnes Heimkehr , der im Zuchthaus gesessen hatte und hatte Wolle gesponnen , und mehrmals sagte er : » Er hat uns doch nicht vergessen in den Jahren , und alles wußte er noch , wie es früher gewesen war , als wir ihn noch bei uns hatten . « Das war Hansen wunderlich , daß der alte Mann sich so freute und gar keinen Vorwurf hatte , sondern nur zu rühmen und zu loben wußte . Da fiel ihm das Evangelium vom verlorenen Sohn ein , der hatte die Säue gehütet und machte sich auf und kam zu seinem Vater . Wie er aber noch ferne von bannen war , sah ihn sein Vater und jammerte ihn , lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn . Und als Hans an dieses dachte , da ging es ihm wie Schuppen von den Augen und sank ihm wie eine Last von den Schultern , und sein Herz ward leicht , und er wußte , daß wir einen Vater im Himmel haben , der uns lieb hat und sich freut , wenn wir zu ihm kommen , keinen Vorwurf sagt , sondern uns rühmt und lobt und spricht : » Laßt uns fröhlich sein , denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden , er war verloren und ist gefunden worden . « So geschah in einem Augenblick die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jünglingsjahre abgeschlossen , denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich , der durch Tage ruhiger Arbeit zu einem friedsamen Alter führt . Da wußte er , daß auch die Not und Sorge nötig gewesen war , und aller Irrtum und das überflüssige Grübeln , nicht zu dem Ende freilich , das er damals gemeint hatte , zu einer abschließenden Erkenntnis zu kommen , denn was half es ihm , daß er wußte : Nach der letzten Denker Meinung ist mein Ich kein Wesen , sondern ein Geschehen , eine Beziehung , eine mittlere Linie aus subjektlosen Willensenergien ; sondern zu dem Ende , daß er gänzlich die jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreife , als einem Wunschwesen , von dem man allerlei erbittet , und die neue gewann , daß er so wenig Wesen ist wie ich selber , und doch mein lieber Vater im Himmel ist , der sich freut über meine Heimkehr . Und wie das scheinbar zufällige äußere Wesen das innere umhüllt als sein rohes Abbild , so kamen nun auch die äußeren Ereignisse , die den Übergang zum Mannesalter bestimmen . Die Tröstung , die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen Sohne , wirkte darauf , daß er sich schnell kräftigte und von Tag zu Tag zunahm an Stärke und Freude . So geschah es , daß er bald sein Krankenstübchen verlassen konnte , dessen Wände eng waren mit einer ganz hohen Decke , und ging in den allgemeinen Saal hinunter . Hier saß er in einer seligen Müdigkeit am offenen Fenster , und frische Luft wehte an seinem lächelnden Gesicht vorbei in das große Zimmer , wo viele saßen und leise miteinander sprachen . Da öffnete sich die Tür gegenüber , und in dem Luftzug blähte sich die Gardine auf , und wie Hans zur Seite blickte , sah er in der Türöffnung eine Krankenschwester stehen in der schwarz und weißen Tracht , die einen Blick hatte , der über vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu schauen schien . Für einen kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine erstaunten Augen , dann wendete sich die Schwester langsam und war wie unschlüssig und ging wieder zurück , woher sie gekommen , und die Tür schloß sich hinter ihr ; auf deren weißen Fläche aber hob es sich deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen , welcher in dem Geiste Hansens gewesen war und nun von den körperlichen Augen gesehen wurde . In Hansens Herz fiel eine schwere Ahnung , daß hier eine Schicksalswendung des äußeren Lebens begann , und auch das Mädchen hat in jenem Zusammenstoßen des Blickes ihr Herz erbeben fühlen . Nach der Zeit erfuhr er , daß das Mädchen jene Gräfin Maria war , mit welcher er als Kind gespielt hatte in dem Forsthause seines Vaters . Die hatte bei ihrer Arbeit nicht gefunden , was sie erwartet . Eintönig ging das Leben hin zwischen gewöhnlichen Menschen , die nur an die kleinen Sorgen des Lebens dachten , und deren Aufschwung nur etwa einmal ein gemeines Vergnügen war , in dem sie sich von der Gleichmäßigkeit der täglichen Pflicht erholten . So kam sie dahin , daß sie ganz allein war und sich fremd fühlte zwischen den andern , wie sie sich schon zu Hause fremd gefühlt hatte , und weil sie nichts andres wußte , so meinte sie am Ende , das müsse so sein , und es gebe keine Gemeinsamkeit mit andern , und ein jeder Mensch sei ein tiefer Brunnen , den eine Mauer umzieht , der kann die Wolken wohl spiegeln und das tiefe Blau des Himmels und die goldenen Sterne , aber weiß nichts von den andern Brunnen im Garten , die schweigen , wie er selbst schweigt , und ihr dunkles Auge blickt sehnsüchtig in den hohen Himmel . Und so war sie zu der Meinung gekommen , daß wir zwar in unsrer Jugend glauben , es sei ein Glück und ein Ziel unsres Lebens für uns bereitet irgendwo , aber das ist nur ein Glaube unsrer Jugend , der bewirkt , daß wir wachsen und groß werden , und dann ist er nicht mehr notwendig und verschwindet in Dunst vor unsern Augen . So war sie zu dem Punkt gekommen , wo die Liebe das größte Glück für sie werden mußte , denn die zeigte ihr ein Ziel und Ende des Lebens . Und desgleichen war Hans nun auf diesem Punkt , denn er war ein Mann geworden , und nun mußte er Weib und Kind haben und eine Stelle in der Gesellschaft , wo er arbeiten konnte mit den Kräften , die er in den Jünglingsjahren sich erworben hatte . Unterdessen fand auch Karl den Hafen , in dem er jene Art von Ruhe haben sollte , die für ihn bestimmt war . In Italien traf er ein Kloster , das ganz abseits lag von der Straße , in einem großen Frieden einer Landschaft , die mit weiten Zügen das Auge wunderbar beruhigte , daß ein Mensch keine Sehnsucht mehr empfand . Da war ein heimlicher und stiller Kreuzgang um einen kleinen Hof , in dessen Mitte wuchs ein uralter Ölbaum in tiefem Frieden , dessen Blätter doch die salzige Luft atmen mochten , die vom Meere her über das Dach der Kirche wehte in diese Ruhe und Abgeschlossenheit . Vor vielen Jahrhunderten war der Baum gepflanzt und waren die zierlichen Säulen des Kreuzganges gemeißelt von liebevollen Händen nach Gedanken voller Gestalten und Bilder , und damals war wohl lebendig , jung und bunt gewesen , was heute so beruhigte und freundlich machte , als ein abgeklärtes Alter . An drei Seiten , denn auf der vierten lag die Kirche , führte Tür neben Tür jede in ein kleines und abgeschlossenes Häuschen mit einem winzigen Garten , umgeben von hoher Mauer ; in jedem Häuschen wohnte ein Mönch still für sich , der die Blumen seines Gartens pflegte und Bücher las , alte Bücher , in Pergament gebunden und mit großen Schließen , die auf den Seiten bunte Anfangsbuchstaben hatten , und oft waren die Anfangsbuchstaben vergoldet . Wenn die Glocke erklang vom Turm der Kirche herab , dann kam jeder aus seiner Tür , in seinem weißen Gewande , und mit freundlichem Lächeln begrüßten sie einander durch wortloses Neigen des Hauptes und gingen in den dämmernden Chor in die hohen geschnitzten Stühle , beteten und sangen . Und wie über dem gewundenen Ölbaum die Jahrhunderte still hingezogen waren , daß es schien , als seien sie kurze Tage gewesen , denn in gleicher Ruhe lächelte der helle Himmel auf ihn nieder , und in gleicher Stille wehte die salzige Luft über das Dach der Kirche , so war noch heute der Zug der weißgekleideten Mönche wie zu der Zeit des heiligen Benedikt , und waren die Jahrhunderte still hingezogen wie freundliche Sommertage , indessen draußen in der Welt Unruhe gewesen war , Krieg , Aufstand , Gewissenszweifel , Umsturz , Neues und wieder Neues ; nur daß die uralten Säulchen der Kreuzgänge nicht mehr an Jugendfrische denken mochten und an bunte Keckheit , sondern an ein friedliches und beruhigtes Alter . Hier verbrachte Karl erst eine Prüfungszeit , nachdem er zur katholischen Kirche übergetreten , und am Ende wurde er mit unter die Zahl der Mönche aufgenommen . Da sah er , daß auch hier Wirkungen der heutigen Zeit zu verspüren waren . Denn zwar fand er einige unter seinen neuen Freunden , die kaum etwas wußten von dem , was ihn bewegte , und die nichts erlebt hatten , wie das Alte , das in ihren viel gelesenen Büchern stand ; aber zwei Männer waren da , die waren gleich ihm geflohen in diesen Frieden , weil sie zu schwach gewesen , nur daß ihre Geschichte grausiger war wie die seine und sie gänzlich gebrochen hatte . Der eine war ein Deutscher , der aus einer sehr alten und vornehmen katholischen Familie stammte , die indessen durch viele Unglücksfälle im Laufe der Zeiten fast gänzlich verarmt war . Seine Eltern lebten in einer ganz entlegenen Gegend auf einem kleinen Gut , das seit vielen Jahrhunderten der Familie gehört hatte ; und auch jetzt noch , in ihrer Armut , erschienen sie den Gutsleuten als besondere und höhere Wesen , denn auch die Leute waren hier seit undenklichen Zeiten ansässig , und einer jeden Familie Geschichte war in irgendwelcher Art mit der Herrschaft vielfach verknüpft , und alles , was die Herrschaft tat , war ihnen bekannt . Noch der Großvater der jetzt Lebenden hatte auf seinem Sterbebette bestimmt , daß ein Totengericht über ihn abgehalten werden sollte von den armen Leuten