wer die Lüge glaubt , ist ihr verfallen . Ich tue so , wie Alle , die nicht hörten : Ich will hinein , ja nun erst recht hinein ! Gib mir den Mächtigen zu sehen , von dem du sagst , daß Jedermann dem Tode oder ihm verfallen sei ! Ich glaube nicht an seine Macht und auch nicht an den Tod ! « » Du glaubst nicht an den Tod ? « fragte er , indem er mich ganz eigen ansah . » Kannst du beten ? « » Ja . « » Richtig ? « » Ich hoffe es . « » So geh hinein ! Wenn du nicht anders willst ! Du bist der Erste , der Einzige , bei dem ich es wage , einen Wink zu geben . Er heißt : Such dir den Rückweg selbst ; laß ihn dir ja nicht zeigen ! « Nach diesen Worten winkte er unter sich . Da öffnete sich die Erde , und ich sah die Stufen einer Treppe . » Ich danke dir ! Mich siehst du nicht als Schatten wieder ! « sagte ich und stieg hinab . Da kam ich denn zunächst in jenen Urzeitbau , der auf dem festen Felsengrunde steht . Der Tag gab durch die Maueröffnungen ein falbes Dämmerlicht . Ich wanderte im Innern auf und ab , sah aber nichts ; der Raum war völlig leer . Es schien , man habe ihn vollständig ausgeraubt , wie man zum Beispiel hier und da mit gottesdienstlichen und philosophischen Systemen tat . Da werden die Gedanken fortgeschleppt wie Möbelgegenstände , die man , gehörig ausgeklopft und wieder neu poliert , in eine neue Wohnung stellt und auch als neu bezeichnet ! Das Ende dieses Baues gegen Süden war zugeschüttet worden . Ich wußte wohl , warum : Das war der Ort des Sturzes in das Wasser . Auf Binnenstufen ging ' s hinauf zum zweiten Bau , der mich an Altiranisches , an Zarathustra mahnte . Auch er war leer , vollständig leer . Kein Mensch , kein andres Wesen ließ sich sehen . Auch ausgeraubt und Alles fortgeschafft ! Man sollte doch Vergangnes heilig halten ! Nicht es dem eignen Zwecke dienstbar machen und dann die Zeit verdammen , die es schuf ! Der Schluß nach Süden war vermauert worden . Nun ging es wieder stufenauf ins doppelte Geschoß mit den zersprungenen Tafeln . Da lag wohl hier und da ein alter Gegenstand , den man des Raubes nicht für wert gehalten hatte , auch gab es Spuren , die mich schließen ließen , daß Menschen hier zuweilen noch verkehrten , doch jetzt war ich allein . Wirklich ? Ganz allein ? Wurde ich nicht beobachtet ? Der letzte Raum nach Süden war verschüttet , doch nicht bis an die Decke . Man konnte sich da oben wohl verstecken , und in dem losen Schutt sah ich die Spuren , daß man noch kürzlich hier hinaufgestiegen war . Das war zwar ungefährlich für Vertraute , doch nicht für Fremde , die vielleicht hier einen Ausgang suchten ; denn jenseits ging der Sturz jäh ins Bassin hinab . Und als ich so von Weitem stand und nach der Decke schaute , schob sich ein Kopf da oben leise vor , um mich in scharfen Augenschein zu nehmen . Das Haar war weiß wie Schnee , der Blick spitz wie die Klinge eines Dolches . Ein Mensch , der solche Augen hat , weiß , was er will , und kennt die Schonung nicht . Er hat sogar den Mut , sich dicht am Abgrund lauschend zu verbergen , wenn es nur Hoffnung gibt , daß dann ein Andrer stürzt . Ich tat natürlich so , als ob er von mir ungesehen sei , und ging zur nächsten Treppe , um nach dem obersten Geschoß , dem vielgestaltigen , emporzusteigen . Sie führte nicht direkt zu ihm empor . Sie mündete auf eine offene Tür , an welcher eine dunkle Schattenhaftigkeit sich tief vor mir verbeugte und mit gedämpfter , hohler Stimme sprach : » Wir kennen deinen Wunsch und haben dich erwartet . Du glaubtest gleich hinauf zum Oberbau zu kommen , mußt aber erst durch die Gewölbe hier , als deren Resultat er stein- und ziegelweis entstand . Hier sind die Schätze alle aufgespeichert , die sich der Mensch seit Anbeginn erdacht . Wir trugen sie zusammen , woher , wozu , warum , das wirst du dann erst hören , wenn dich die Gnade unsers Herrn erleuchtet . Er ist bereit , mit dir zu sprechen . Er ist sogar gewillt , dich seinem Dienst zu weihen . Damit du siehst , wie reich er lohnen kann , wie übervoll er spendet , soll ich dich vorher erst durch diese Räume führen . Doch hast du mir dein Wort zu geben , nie zu verraten , was ich dir hier zeige . Von Andern fordere ich den heiligsten der Schwüre , doch von dir weiß ich , daß dein Wort genügt . Willst du es geben ! « » Ja , « antwortete ich , obgleich ein Etwas in mir sagte : » Gib es ihm nicht , und berühre ihn nicht , sonst bist du ihm verfallen ! « » So reiche mir die Rechte ! « Ich tat es . Seine Hand fühlte sich so gegenstandslos weich , so leichenkühl , so gallertglatt und schlangenschlüpfrig an ! Es war , als ob er durch diese meine Berührung nun erst Leben und Energie bekäme . » Komm , folge mir ! « forderte er mich in plötzlich befehlendem Tone auf . » Und sprich mit Niemand als mit mir allein ! Denn durch die Hand , die du als Schwur mir gabst , bist du mein Eigentum in Gott , dem Herrn geworden . Du hast kein Recht , an Andre dich zu wenden , als nur an mich , den für dich Sorgenden ! « Er faßte meine Hand kräftiger , und darum bemerkte ich deutlicher , daß er mir die Kraft entzog , die von mir auf ihn überging . Dann richtete sich die Gestalt , die sich soeben noch so tief vor mir verneigt hatte , so hoch auf , daß sie mich weit überragte , und fuhr in höchst bestimmter , gebieterischer Weise fort : » Mein ist dein Geist ; mein ist auch deine Seele , und nur der Leib bleibt einstweilen dein , bis ich bestimme , wie und wo er uns zu dienen habe . Aus meiner Hand strömt dir das höchste Glück , das es für Menschen gibt in Zeit und Ewigkeit : Du bist vollständig willenlos und folglich frei von jeder Schuld und Sühne ! Tu Alles , was ich sage , ob Gutes oder Böses , der Rechenschaft bist du fortan enthoben , denn ich bin es , der sie zu leisten hat . Auch ich gehorche nur , um frei zu sein . Das tut ein Jeder , bis hinauf zum Höchsten ! Im Auftrag meines Herrn belohne ich dir schleunigst jede Tat , durch welche du uns nützest . Und in derselben Machtvollkommenheit verzeihe ich dir Alles , wodurch du Andern schadest , nur nicht uns ! Drum sei getrost , mag kommen , was da will ! An unsrer Macht geht jeder Feind zu Grunde ! « Hierauf zog sich die , wie es schien , ganz beliebig dehnbare Gestalt in ihre vorherige Bescheidenheit zusammen und begann mit mir den Gang durch die Gewölbe , meine Hand nicht einen Augenblick aus der ihrigen lassend . Es war mir , als ob ich mit ihr durch ein unsichtbares Röhrchen verbunden sei , durch welches der Abfluß meiner Lebensenergie zu diesem Schatten hinüber stattfinde . Es konnte nicht sehr lange Zeit dauern , so war mein Mut dahin und mit ihm auch die Kraft zum Widerstande . Ein Vampyr geistiger Natur ! Ein schwammiges Gespenst von unersättlicher Porosität ! Durfte ich mir zumuten , ihm die Hand so lange zu lassen , bis ich gesehen hatte , was ich sehen wollte ? War ich dann nicht wahrscheinlich schon so willenlos , daß ich sie ihm nicht mehr entziehen konnte ? Ich wagte es , denn ich glaubte , mich genau zu kennen ! Wer Vampyre entlarven will , der muß es wagen , sie an sich saugen zu lassen , bis sie so voll sind , daß sie ihm nicht entfliehen können ! Es waren viele Räume , durch welche wir kamen , weit mehr , als ich für möglich gehalten hätte . Lange , niedrige Gewölbe mit schmalen Mauernischen , in denen düsterrot die wenigen Fackeln brannten . Alles Wertvolle , was sich einst in den untern Etagen befunden hatte , war hier aufgestapelt . Dazu die köstlichsten Schmuggelwaren aus allen Ländern , Zonen und Gedankenreichen . Ich dachte an unsern Fund im Innern des Birs Nimrud . Aber was wir dort gesehen hatten , war Bettelarmut gegen diesen Reichtum hier ! Und dort gab es kein Leben in der Tiefe . Hier aber huschten zwischen diesen Schätzen geschäftige Dämonen hin und her , die alle Hände voller Arbeit hatten . Unhörbar waren alle ihre Schritte , und Alles , was sie taten , erzeugte nicht das mindeste Geräusch . Die Gieresblicke , die sie auf mich warfen , verrieten mir , wie heiß sie mich begehrten . Doch wenn sich einer nahte , die Hand nach mir zu strecken , so schwoll mein Führer zum Giganten auf und schleuderte den Schwachen auf die Seite . Das war die Kraft , die er von mir zu sich hinüberzog . Da er mich hatte und sie aber Keinen , von dessen Uebermacht sie zehren konnten , war er für sie der große Held des Tages , von dem sie sich für heut beherrschen ließen . Ich wollte wissen , was sie alle taten , und blieb zuweilen stehn , um zuzusehen . Mein Führer glaubte , mich für immer in seiner Hand zu haben , und zeigte mir ganz offen , was man trieb . Es wurde hier gefälscht , gefälscht und nur gefälscht ! Das Echte hatte man der Außenwelt entzogen , das Wahre , Reine , Edle hier versteckt . Die Täuschung und den Schein , die Falschheit und Entstellung verfertigte man hier und trug sie dann hinaus als ehrliche , rechtschaffne , gute Ware ! Und diese Arbeit ging sehr flott von statten . Ich sah , es war ein glänzendes Geschäft ! Ein einziger Verrat , dem es gelang , ans Tageslicht zu kommen , bedeutete für dieses Fälschertum sofortigen Ruin ! Daher die einz ' ge Wahl : Mitmachen oder Tod ! Wozu von Beidem würde ich , wenn man mich zwingen sollte , mich wohl entschließen ? Bei diesem Gedanken entriß ich dem Schatten meine Hand mit einem so unerwarteten , kräftigen Rucke , daß er überaus schnell und klein zusammenfuhr . Er dehnte sich aber hierauf sofort zur riesenhaften Größe aus und donnerte mich an : » Was fällt dir ein ! Diese Hand gehört mir , denn du bist mein Eigentum ! Gib sie augenblicklich wieder her ! « Ich wußte , daß jetzt der Kampf zwischen mir und ihm beginnen werde . Und die anwesenden Sillan ahnten das wohl auch . Sie drängten sich herbei . Ich schob sie auseinander , um zur nächsten Nische zu gelangen , ergriff die dort brennende Fackel und drehte mich dann mit ihr nach ihnen um . Was geschah ? Sie verschwanden . Sie versteckten sich hinter ihre aufgehäuften Waren ; sie waren eben Schatten , die , bei Licht betrachtet , hinter ihre Gegenstände gehören . Nur der Eine blieb . Er allein hatte Mut , nämlich meinen Mut , von mir in seine wesenlose Schwammigkeit hinübergesaugt . Wir standen , beide hoch aufgerichtet , vor einander . Er schaute mir mit einem vernichtend sein sollenden Blicke in die Augen ; ich ihm ebenso ! Jetzt galt es , Wahrheit gegen Lüge , Person gegen Schatten , Individualität gegen Scheinmenschlichkeit , Licht gegen Finsternis ! Ich sprach kein Wort , er auch nicht . Ich wollte nicht , und er konnte nicht . Ich sah ihn fest und unverwandt an und zuckte mit keiner Wimper . Er wollte diesem Blicke standhalten , mußte aber bald die Augen senken . Ich stand still , fest , unbewegt ; er begann zu wanken , zu zittern , endlich gar zu flackern wie die Flamme meiner Fackel . Dann wurde er kleiner , immer kleiner , sank nieder , bis er auf den Boden lag , und kroch da langsam an mir vorüber , um nach hinten zu kommen . Und als er da so vor mir bebte und sich so ängstlich vor mir wand , da fühlte ich , daß die mir gestohlene Kraft und Energie zurückkehrte , bis er nicht mehr eine Spur von ihr besaß und in seiner ganzen Ohnmacht hinter mir am Boden lag . Da drehte ich mich zu ihm um , die Fackel in der Rechten . Er floh zur linken Seite , nach der Wand , und versuchte , sich an dieser aufzurichten . Als ich hinüberschaute , wendete auch er das Gesicht . Denn ein wahrhaftiger und ehrlicher Mensch hat es noch nie erlebt , daß so ein entlarvter Lügner und Betrüger es wagte , ihn offen anzusehen . Diesen Mut besitzt er nur dann , wenn es ihm gelungen ist , sich durch den Diebstahl fremder Charakterhaftigkeit das Ansehen zu geben , daß er auch eine Art von Person und nicht bloß nur ein nichtiger , bedeutungsloser Schatten sei ! Das war der Sieg , in aller Stille , ohne jeden Zorn und ohne alle Worte ! Und nun auch dieser Schatten überwunden war , begann ich den Rundgang durch die Gewölbe von Neuem , um besser und tiefer zu sehen , als ich vorher gesehen hatte . Ich war allein . Es getraute sich nichts mehr an mich heran . Wo ich mit meiner Leuchte erschien , verkroch sich jeder Schatten augenblicklich . Der meinige schlich zwar beständig hinter mir her , wagte aber nicht , sich wieder zu erheben . Bei diesem meinem zweiten Rundgange bemerkte ich , wenn nicht zu meinem Schrecken , so doch zu meiner Ueberraschung , daß die Tür , in welche die Treppe eingemündet hatte , nicht mehr vorhanden war . Ich wußte die betreffende Stelle ganz genau . Die Gegenstände , welche ich bei meinem Eintritte zuerst gesehen hatte , standen und lagen alle noch an ihrem Orte . Aber anstatt der Tür gab es jetzt nur Mauer , starke , dicke , undurchdringliche Mauer ! Ich suchte darum mit allem Fleiße nach einem zweiten Ausgange , fand aber keinen andern als nur den am Südende dieses Baues . Auch dieser führte zum jähen Sturz hinunter in das Bassin . Er war weder vermauert noch verschüttet , sondern bestand aus einer hölzernen , unverschlossenen und unverriegelten Tür , welche durch einen leisen Druck geöffnet werden konnte . Das sah so unschuldig aus , ganz genau so , als ob sie in ein weiteres Gemach oder Gewölbe führe ; aber wehe dem , der diesem Betruge traute ! Ich öffnete sie und leuchtete hinaus . Gleich hinter der Schwelle hörte der Fußboden auf . Der Abgrund gähnte aus dem tiefen Wasser herauf , und eine kalte , feuchte Luft roch nach Verwesungsgasen . Ich machte wieder zu und wendete mich zurück . Wie hatte der Warnende draußen vor dem Bau gesagt ? » Die Starken sah ich niemals wiederkehren ! « Ja , sie hatten zwar widerstanden , waren aber nicht auf den Gedanken gekommen , nach einer Fackel zu greifen , um die Schatten von sich abzuweisen . Nach einem Ausgange suchend , waren sie von ihnen zu dieser Tür gewiesen worden und hierauf ahnungslos hinabgestürzt . Ich dachte an die verkalkten Leichen auf dem Grunde des Bassins , welche grad unter dieser Tür im tiefen Wasser lagen , da hörte ich Schritte , welche vom andern Ende des Gewölbes kamen , und als der Betreffende in den Scheinkreis meiner schon fast ganz herabgebrannten Fackel trat , erkannte ich ihn sofort . Er war der Lauscher mit dem weißen Haare und den Dolchaugen , der mich in der vorigen Etage von dem Schutthaufen aus beobachtet hatte . Hinter ihm eine so große und so dicht zusammengedrängte Menge von Schatten , daß sie gar nicht einzeln unterschieden werden konnten , sondern zusammen eine kompakte Finsternis bildeten . In meine Nähe gekommen , blieb er stehen und rief mich an : » Was will der Ustad hier in meinem Reiche ? Der größte Feind , den ich auf dieser Erde habe ! Du suchst nach einer Tür , mir wieder zu entschlüpfen ! Für dich , der mich vernichten will , gibt ' s keine ! « Er trat noch mehrere Schritte auf mich zu . Indem er dies tat , wurde er höher und immer höher . Nun überragte er mich um Kopfeslänge und auch um eine ganze Schulterbreite . Seine Stimme klang fest , stark , keinen Widerspruch erwartend . Ich sah ihm ruhig in die stechenden Augen , denn es galt hier einen zweiten , aber andern Kampf , und wer siegen will , muß ruhigbleiben können . » Es wurde dir gesagt , daß ich dich sprechen wolle , « fuhr er fort . » Es sei dir hier die Audienz gestattet . Nun sag , um welche Gunst du mich zu bitten hast ! « » Ich höre , daß ich mich im Schattenreich befinde , « antwortete ich . » Es sei die Wahrheit noch so sonnenklar , der Schatten wendet sie gewiß zur Lüge ! Mir fiel es nicht im tiefsten Traume ein , mit dir auch nur das kleinste Wort zu sprechen . Du aber ließest mir durch eines deiner Nichtse sagen , daß du den Wunsch besäßest , mich zu sprechen . Wer ist es nun , der Audienz erteilt ? Wer ist der Wünschende , und wer ist der Gewährende ? Und eine Gunst ? Von dir ? Für mich ? Du bist verrückt ! Doch wird es mir vielleicht ergötzlich sein , zu hören , was die Narrheit von mir fordert . Drum sprich ! « Täuschte ich mich , oder war es wirklich so ? Seine Höhe nahm wieder ab , auch seine Breite . Und seine Stimme klang nicht so voll und so gebieterisch wie vorher , als er jetzt erwiderte : » Du sprichst ja ungeheuer stolz , Ustad ! Doch werde ich dich schnell zur Demut bringen . Du bist der Erste nicht und sicherlich auch nicht der Letzte ! Ich weiß es , was geschah , als du den Berg betratest , das Reich des Zauberers , des Schwachheitshassenden zu sehen . Man warnte dich . Man sagte dir , daß du nur zwischen Schatten oder Tod zu wählen habest . Du kamst trotz alledem . Nun bist du mir verfallen . Nun wähle ! « » Wählen ? « fragte ich . » Wer kann es wagen , mich vor eine Wahl zu stellen , die mir von dem , was mir beliebt , nichts bietet ! Gibt es hier eine Wahl , so lautet sie : Du oder ich ; nichts weiter . Natürlich wähl ich mich ! « Da trat er mir wieder einen Schritt näher und fragte mich in giftig zischendem Tone : » Nicht Schatten willst du sein ? Der Schatten von mir , der ich der Herr und Meister bin , dem Keiner widersteht ? « » Versuch es doch , ob ich nicht widerstehe ! « » So bleibt dir nur der Tod ! « » Der eine deiner größten Lügen ist ! « lachte ich . » Mit diesem Tode konntest du nur jene schwachen Köpfe schrecken , die nicht erkannten , daß er nur ein Hirngespinst zu ihrer Knechtung sei . Indem sie ihren Leib vor dieser Vogelscheuche retten wollten , verfielen sie dem Geist- und Seelenmorde . Zeig mir doch diesen Tod , den lächerlichen Schatten , den nur das Leben der Betrognen wirft , weil ihm das falsche Licht der Lüge leuchtet ! « » Du hast ihn schon gesehen ! « rief er aus . » Ich stand von Weitem , als du öffnetest und ihm ins kalte , feuchte Antlitz schautest . Wagst du vielleicht , es noch einmal zu tun ? « Da riß ich die Tür auf , zeigte hinaus und sagte : » Geh doch voran , zu zeigen , wo er steht ! Hast du den Mut ? Ich laß nicht auf mich warten ! « Es stieg bei diesen Worten in mir ein Entschluß auf . Woher er kam ? Ich weiß es nicht . Wohin er führte ? Hier durch diese Tür . Ich fühlte , daß seine Kühnheit mir die Wangen rötete und meine Augen leuchten ließ . Und während ich dies empfand , kam mir im Traume das Bewußtsein , daß ich träume und daß ich ich und nicht der Ustad sei . Sonderbar ! Auch in den Zügen meines Gegners ging eine sichtbare Veränderung vor . Er sah mich starren Blickes an , erst überrascht , dann verwundert , staunend , endlich gar betroffen . War es ein Wehe- oder ein Jubelruf , den ich hierauf von seinen Lippen hörte : » Ustad , Ustad - - - was ist mit dir ? ! - - - Dein Gesicht wird ein ganz anderes ! - - - Du bist nicht mehr der Ustad , nein , nein - - - nein ! - - - Wer aber bist du denn ? Etwa der fremde Effendi , der jetzt bei ihm im hohen Hause wohnt und unten im Birs Nimrud verwegen in die Tiefe stieg , um ihr Geheimnis an das Licht zu bringen ? « » Ja , der bin ich , « antwortete ich . » Doch träumte ich bisher , daß ich der Ustad sei . « Da sprang er auf mich zu , faßte mich am Arme , schüttelte mich und schrie : » Du träumst , du träumst und bist ein Anderer ! Was soll geschehn ; was habe ich zu tun ! Ich weiß es nicht ; ich weiß es wahrlich nicht ! Wach auf ; wach auf ! Ich öffne dir sofort des Berges Tore ! Du sollst nicht Schatten sein und auch nicht sterben ! Nur eile fort von hier ! Ich selbst will dich hinaus ins Freie lassen , damit dein Traum ein frohes Ende nimmt und du zu deinem Körper wiederkehrst , damit er jetzt erwache ! « Da schob ich ihn von mir , sah ihm ruhig in das erregte Angesicht und entgegnete : » Dieser Körper ruht in Frieden . Er mag weiterschlafen ! Warum soll ich nicht vollenden , was ich begonnen habe ? Ich bleibe hier ! Grad deine Angst zeigt mir , daß ich es bin , der hier Audienz erteilt ! Ich fordre jetzt von dir , daß du erfüllst , was du mir drohtest : Mach mich zum Schatten , oder töte mich ! Tu das , was du von Beiden fertig bringst ! « Da zog sich seine Gestalt noch weiter zusammen . Doch versuchte er , seiner Stimme die alte Kraft zu geben , als er mir versicherte : » Wenn du hierauf bestehst , so bist du verloren , denn ich habe die Macht , Beides wahr zu machen ! Indem ich dir folgte , ließ ich sämtliche Fackeln hinter dir auslöschen und verbergen . Du hast die einzige in deiner Hand , und sie ist nur noch ein kleiner Stumpf , der kaum noch einige Minuten brennen wird . Dann kannst du meine Schatten nicht mehr scheuchen . Sie drängen sich an dich und nehmen dir den Willen und die Kraft , bis du das bist , was du nicht werden willst : mein Sill ! « » Wer kann mich zwingen ! Verlöscht das Licht , so steht die Tür hier offen ! « » Doch draußen auch der Tod ! « » Deine Scheuche ! Mich aber schreckt er nicht ! « Was war denn das ? Es ging jetzt wie ein frohes , verklärtes Staunen über sein Gesicht . Und doch klang es wie Angst , als er mich aufforderte : » Du bist also entschlossen , zu sterben , Effendi ! So fordere ich dich auf , dich vorzubereiten . Du stehst vor deinem letzten Augenblick und hast dich dem Gebete zuzuwenden . Falte also deine Hände , und sprich nach , was ich dir vorzubeten habe ! « Er legte die seinigen zusammen und sah mich an , als ob er ganz bestimmt erwarte , daß ich diesem seinen Beispiele folgen werde . Ich aber sprach : » Meinst du , daß ich dich brauche , dich , dich , wenn ich zu beten habe ? Für mich ist das Gebet von göttlicher Natur , und darum ist das rechte , wahre Beten wenn nicht die allergrößte , so doch die schwerste und die heiligste der Künste . Hier aber sah ich nichts als Trug und Fälschung , und darum glaube ich , daß du sogar betrügst , indem du betest ! « Da ballte er die Fäuste wie zum Kampfe und schrie mich an : » So stirb in deinen Sünden und fahre hin zur Hölle ! « Er holte aus und schnellte sich mit aller Kraft auf mich , um mich hinabzustürzen , der ich in fast unmittelbarer Nähe der Tür stand . Ich aber wich blitzschnell zur Seite . Die Gewalt des Sprunges trieb ihn also , anstatt mich zu treffen , in die Türöffnung hinein . Er brüllte vor Schreck laut auf und faßte hüben und drüben an , um sich zu halten . » Voran mit dir , damit ich Wort zu halten habe ! « rief ich . » Ich laß nicht auf mich warten ! « Ein Stoß von meiner Faust , und er flog hinaus ins Bodenlose . Die Fackel in meiner andern Hand stand im letzten Flackern . Ich schleuderte sie ihm nach . Von unten klang ein Schrei und dann ein dumpfer Schlag . Vor mir die tiefste Finsternis und hinter mir das Grausen aller Schatten ! Ich trat auf die Schwelle . Ein einziges Wort , ein allereinziges , klang betend in mir auf . Dann schnellte ich mich , um nicht am Gemäuer anzuschlagen , mit weitem Sprung hinaus in das , was mir als » Tod « bezeichnet worden war . Die Beine zusammenhaltend , die Arme angezogen und die Augen geschlossen , fuhr ich in eine Eiseskälte , die mich sofort erstarren machen wollte . Aber sie hatte auch noch eine zweite Wirkung : Es war mir , als ob ich in eine Flut der Kraft , das Lebens tauche , die nur im ersten Augenblick erschrecke , dann aber grad das Gegenteil von der Erstarrung bewirke . Der Sprung war hoch gewesen , so hoch , daß ich bis auf den Boden des Wassers niederkam , zu den Verkalkten , die da unten lagen . Dann breitete ich die Arme aus , tat den bekannten Schlag , um wieder hochzukommen , und legte mich hierauf , leicht paddelnd , auf die Flut . Nun horchte ich . Hier um mich her war Alles still . Jedoch in einiger Entfernung klang das Wasser . Es war , als schwimme Jemand dort und hole ängstlich Atem . Ich kannte wohl die Stelle , an der ich mich befand , jedoch noch nicht die Richtung . Ich war mit dem Gesicht nach Süd herabgesprungen . Hatte ich das beibehalten , so mußte die Mauer hinter mir liegen . Dort schwamm ich hin und fühlte schon nach einigen Stößen den Stein . Das konnte auch ein Pfeiler sein . Darum griff ich mich an ihm hin . Es war die Mauer . Ich hatte sie rechter Hand und lag also mit dem Kopfe nach dem inneren Bassin hin auf dem Wasser . Von dorther klang Geräusch . Es rauschte , und es stöhnte . War das der » Zauberer « ? Hatte er sich gerettet ? Kannte er die Oertlichkeit ? Wußte er Etwas von dem Kanal ? Wenn nicht , so war er verloren , wenn ich ihn im Stiche ließ . Ich schwamm also hin , leise , leise , um ihn nicht durch Zurufe vor der Zeit in Angst zu bringen . Wenn er mich hörte , mußte er denken , daß ich ihn verfolge , und das konnte ihn verwirren , so lange er noch auf offenem Wasser war . Ich berechnete hierbei jeden Stoß und jeden Schlag , den ich tat , um zu wissen , wo ich immer sei . Als ich nach meiner Schätzung unter der in der Luft hängenden Mauer hindurchgekommen war , hörte ich ein lautes , schweres Atmen , als ob sich Jemand anstrenge , an irgend Etwas emporzukommen . Das war dort beim Riesenpostamente . Ich näherte mich ihm . Nun hörte ich nichts mehr . Dann aber klang eine halblaute , doch hier in diesem akustischen Raume sehr vernehmliche Stimme : » Ist er tot ? Ich hörte nichts ! Mein Gott und Herr , laß ihn doch leben ! Erhalte ihn , den Ersten , den Allerersten und den Einzigen , der über unsre Vogelscheuche lachte ! « Das war ja ein Gebet ! Und zwar für mich ! Kein angelerntes sondern eingegebenes ! Da durfte und mußte ich allerdings antworten . » Ich lebe , denn es gibt ja keinen Tod ! « sagte ich in gewöhnlichem Tone , und doch erdröhnte es , als ob es mit aller Kraft der Stimme