- weil Du nicht an meiner Seite warst und ich Dir nicht alles sagen und von Dir nicht hören konnte , was wir zwei uns zum Abschied zu sagen hätten ... damit also solche Qual nicht wiederkomme , lasse uns die gegenwärtige Stunde benützen , in der Du bei mir bist und in der ich die Kraft habe , zu sprechen . Du wirst ja wieder von hier abreisen : auch Dir wird es eine Genugtuung sein - falls mir etwas geschieht - daß wir nicht auseinander gerissen worden , ohne uns gesagt zu haben , was zu sagen war . Also reden wir jetzt , als wäre es meine letzte Stunde ... es ist ja nur eine Fiktion ... der Schmerz fällt weg , aber die Feierlichkeit soll bleiben ... Wir sind doch zwei vernünftige Menschen , Rudolf - wir wissen , daß der Tod , wenn er einmal angeklopft hat , bald wirklich zu kommen pflegt ... schüttele nicht den Kopf - es ist so ... Und wir wissen auch , daß sein Kommen oder Wegbleiben nicht dadurch bestimmt wird , ob man von ihm spricht oder nicht . Wir beiden haben schon schlimmeren Todesfällen ins Gesicht geschaut , mein armer Sohn , als es der meine wäre ! Ich habe meine Laufbahn vollbracht ... es ist Abend - ich fürchte mich nicht vor der Nacht . « Sie nahm vom nebenstehenden Tischchen ein mit Limonade gefülltes Glas und tat einen tiefen Zug . » So sprich , Mutter , ich höre , « sagte Rudolf ehrerbietig . » Ich bitte Dich - es ist meine letzte höchste Bitte - laß niemals nach in dem Werk , das Du begonnen hast ... Wenn Du viele Enttäuschungen erlebst - wenn Du auch wahrnimmst , daß der eingeschlagene Weg nicht der richtige war , versuche einen anderen , nur das Ziel verliere nicht aus den Augen - es handelt sich ja um so Großes , so unausdenkbar Großes , um nichts Geringeres , als das Glück - das Edelglück - der Welt , an Stelle ihres Elends . « » Ich verstehe Dich , « schaltete er ein . Bei den letzten Worten , die sie mit vor innerer Erregung bebender Stimme gesprochen , hatte sie sich ein wenig erhoben . Jetzt lehnte sie sich wieder ganz zurück und fuhr in ruhigerem Tone fort : » Man sollte meinen , wenn man diese Welt verläßt , daß es einem gleichgültig sein müßte , wie die Zukunft der künftigen Geschlechter sich entwickelt . Das ist aber nicht der Fall , wenigstens nicht bei mir . Die Sehnsucht nach besseren Zeiten für unsere Enkel - wenn ich ja auch keine Enkel habe - brennt mir hier auf meinem Totenbette ... « - Rudolf machte eine Bewegung - » es ist ja nur Fiktion - brennt mir ebenso heiß auf der Seele , wie in der Zeit jugendlicher Lebenskraft , da man noch hoffen konnte , jene Zukunft selber zu erleben . Das muß ein Naturtrieb sein , diese Sorge um ein Jenseits des eigenen Lebens ; und auf das Vorhandensein dieses Triebes stütze ich meinen Unsterblichkeitsglauben . « » Das tun die Gläubigen auch , die auf einen Himmel hoffen . « » Ja , die erhoffen aber diesen Himmel für ihr eigenes Ich - außerhalb der Erde und außerhalb der Menschen . Solchen ist gewöhnlich auch die Zukunft der Gesellschaft ganz gleichgültig und sie arbeiten nichts dafür . Ich aber glaube an ein allgemeines - nicht individuelles - ewiges Leben , ein Leben , an dem wir alle gleich teilhaftig sind . Stets enthält die Welt ein bewußtes , leidendes , genießendes , höherstrebendes Ich - gleichviel , ob die einzelnen Erscheinungen davon hier und dort gestorben oder noch nicht geboren sind ... Aber lassen wir das - um mich Dir verständlich zu machen , müßte ich lange sprechen , und ich muß Dir ja anderes sagen . « » Ich glaube doch zu wissen , was Du meinst . Zum Beispiel : eine große , lodernde Flamme ; die einzelnen Funken zerstieben , andere entzünden sich - es ist aber dasselbe Feuer und brennt weiter . « Martha nickte : » Und soll nicht nur weiter brennen , sondern immer lichter und immer heißer , damit jeder einzelne Funke , der sich neu entzündet , desto fröhlicher sprühen kann ... Und so wird das kommende Jahrhundert die krieglose , die elendlose Zeit bringen , und die das herbeiführen helfen , erfüllen das Gesetz ... die allein sind auf dem richtigen Wege - mögen sich ihnen tausend Hindernisse entgegenstemmen , mögen sie verkannt , verspottet - vernichtet werden , ihre Arbeit baut das Kommende auf . Überdauern sie den Ansturm der Gegenkräfte , so können sie ihren Sieg noch sehen . Dir , Rudolf , kann es beschieden sein , Du bist noch jung . « » Ich sehe schon heute , Mutter , daß jener Bau sich zu erheben beginnt , zu dem ich einzelne - verschwindend kleine - Steinchen trage und so lange ich lebe , tragen werde . Laß mich die Feierlichkeit dieser Fiktion , daß Du eine Sterbende seist , benützen , um den unverbrüchlichen Eid zu leisten , daß ich in dem begonnenen Kampfe niemals erlahmen werde , daß keine Lockungen und keine Trübsale mich vermögen sollen , von meiner Aufgabe abzulassen . Ich gestehe , daß ich manchmal verzagte ... in ähnlichen Augenblicken werde ich an die gegenwärtige Stunde denken , an diese feierliche Erneuerung meines Fahneneides . « Bei den Worten : » daß Du eine Sterbende feist « hatte er sich auf ein Knie herabgleiten lassen und Marthas herabhängende Hand erfaßt . Zum Schluß drückte er einen Kuß darauf und setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz . » Danke , mein Kind . Und noch eins : glaube nicht , daß ich - eine Art weiblicher Abraham - meinen Sohn einem fremden Wohl opfern will . Ich sehe im Gegenteil , daß Dir die höchste Genugtuung winkt , wenn Du Dich dem Geist der wachsenden Kultur verbündest , wenn Du - geschehe was wolle - ausharrst als Streiter der Güte . Die Zukunft gehört der Güte - das Wort stammt von Tilling - aber damit die Güte zur Eroberin werde , zur Welteroberin , dazu braucht sie ihre kraftvollen Helden . Mögest Du ein solcher sein ! Dabei aber sollst Du nicht - ich sagte es schon - hingeopfert werden . Die Arbeit am Glück anderer schließt das eigene Glück nicht aus . « » Tilling war glücklich , « sagte Rudolf nachdenklich . » Ja - und auch ich . Weißt Du , Rudolf , Du solltest - - doch nein , ich will nicht etwa diese Stunde mißbrauchen , um Dir etwas aufzuzwingen , wozu Dein eigenes Herz Dich nicht drängt ... aber wenn Du Dich einmal einsam fühlst ... Oder , sag ' mir ' s offen : hast Du irgend eine Liebe , die - « » Nein , ich bin frei - und ich verstehe , wo Du hinauswillst ... Cajetane ... Was meintest Du - bei Tisch - als Du sagtest , sie hätte mich geflohen ? « » Es ist so . Sie ahnt , daß Du von ihrer Liebe weißt , und dabei weiß sie , daß Du nicht an sie denkst - also meidet sie Deine Nähe , aus Stolz und aus Furcht - - Sie liebt und bewundert Dich so sehr , daß sie ganz aufgehen würde in Dein Tun und Streben ... davon ist ihr nichts mehr fremd . Nicht nur , daß sie alles auswendig weiß , was Du geschrieben und gesprochen - alle Berichte über Deine Vorträge besitzt sie - sie ist auch durch meine Schule gegangen . Ich habe sie in unsere Ideale eingeweiht - Du hast auf der ganzen Welt keine verständnisvollere und begeistertere Anhängerin als sie , Rudolf . Doch genug - ich darf in dieser Stunde nicht einen Druck auf Deine Entschließungen über - wenigstens in dieser Richtung nicht . Da habe ich noch eine andre sterbende Bitte an Dich : Nimm Dich unserer Sylvia an - sei ihr Stütze ! Sie wird sich erholen - aber jetzt darf man sie ihrem Grübeln nicht überlassen . Nimm Dich ihrer an . « » Ich verspreche es . « » So und jetzt « - Martha erhob sich wieder in sitzende Lage - » jetzt kehre ich wieder zu den Lebenden , den vielleicht noch lange Lebenden zurück . Die Fiktion ist vorüber . Ich will gesund werden . « Rudolf umarmte sie : » Das hoffe ich zuversichtlich , Mutter ! « Am nächsten Tage , als Mutter und Sohn wieder allein waren , kamen sie auf die Gegenstände zurück , die gestern in der fiktiven Sterbestunde besprochen worden - diesmal aber ohne Pathos , in familiärem Ton . » Ich fühle mich heute wirklich viel besser , « sagte Martha , » vielleicht wird ' s noch ganz gut . « » Aber gewiß ! « » Weißt Du , obgleich ich das Sterben nicht fürchte , das Leben ist mir doch noch lieb . Es ist - abgesehen von seinen Freuden , die ja mit seinen Sorgen abwechseln - an sich doch so interessant . Wenigstens fünf Jahre wollte ich noch leben . « » Warum gerade fünf ? « » Weil da ein neues Jahrhundert eintritt , und die Menschen dann vielleicht - « » Ach , das hoffe ich nicht , « unterbrach Rudolf kopfschüttelnd . » Die Natur macht keine Sprünge - die Zivilisation auch nicht . Sag ' mir , Mutter , um von näherliegenden Dingen zu reden : Du wolltest mir keinen bindenden Wunsch aussprechen inbezug auf - - auf - « Er stockte . » Nun ? « » Auf Cajetane - sag ' , würdest Du es wünschen ? ... « ... « » O , wie sehr ! « » Warum ? « » Schon , damit sich Dein Adel fortpflanzt - « » Mein Adel ? Darauf legst Du Wert ? Nun aber ich dem Majorat entsagt habe - « » Mißversteh ' mich nicht . Nicht an den gräflich Dotzkyschen Adel denke ich - sondern an Deinen Rang als Edelmensch . Auch dieses Wort stammt von Tilling , erinnerst Du Dich ? - Und so wie Du den Rang von Tilling übernommen , so könntest Du ihn einst einem Sohn übertragen . Den Stamm derer fortsetzen , die den Mut haben , das Rechte , das sie sehen , auch zu ergreifen - Du würdest ja Deine Kinder danach erziehen . « » Schon wieder denkst Du an ferne Generationen ? - Einstweilen trachte ich erziehend auf meine Zeitgenossen zu wirken - die mich hören und die mich lesen , und vor allem auf mich selber . Ich fühle , daß ich in einemfort mich entwickle und daß ich noch sehr viel zu lernen und an mir zu formen habe . Man muß beständig auf seine innere Stimme horchen - man muß trachten , sein inneres Wesen von allen äußeren Hindernissen zu befreien - « » Man darf kein Kompromißmensch sein , willst Du sagen ? « Die Unterhaltung wurde durch das Hinzukommen von Kolnos und Sylvia unterbrochen . Kolnos überbrachte die eben eingelangten Postsachen und setzte sich damit zu Martha , um ihr , wie es in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden , aus den Zeitungen vorzulesen . Rudolf benützte das , um seine Schwester in eine andre Ecke des Zimmers zu führen . » Komm , Sylvia , laß uns ein wenig plaudern ; wir haben eigentlich garnicht Gelegenheit gehabt - ich wollte , daß Du mir Dein Herz ausschüttest . « Unterdessen sah Martha ihre Briefe durch . Sie gab zwei davon Kolnos . » Lesen Sie mir das vor , es wird Sie interessieren . « Er las : » Krasnoje Poljana , den - - . Auf die Gefahr hin , liebe Baronin , Sie zu langweilen , indem ich wiederhole , was ich so oft in meinen Schriften , und ich glaube , auch Ihnen schon gesagt habe , kann ich mich nicht enthalten , es noch einmal auszusprechen : je älter ich werde und je mehr ich über die Frage des Krieges nachsinne , desto mehr bin ich überzeugt , daß die einzige Lösung der Frage in der Weigerung der Bürger läge , Soldaten zu werden . So lange jeder Mann im Alter von 20 , 21 Jahren seine Religion - nicht nur das Christentum , sondern auch das mosaische Gebot Du sollst nicht töten - abschwören und versprechen muß , alle niederzuschießen , die sein Chef ihm befiehlt - auch die Brüder und Eltern - , solange wird der Krieg dauern und wird immer grausamer werden . Auf daß der Krieg verschwinde , tut nur das eine not : Die Wiederherstellung der wahren Religion und damit der menschlichen Würde . Man muß den Leuten zeigen , daß sie selber es sind , die das Leid des Krieges hervorbringen , indem sie den Menschen mehr gehorchen , als Gott . Leo Tolstoi . « » Was sagen Sie dazu ? « fragte Martha , » halten Sie das von Tolstoi angegebene Mittel wirklich für das einzige ? « » Ich glaube überhaupt nicht an einzige Mittel , « antwortete Kolnos . » Eine so tausendfach verschlungene Sache , wie eine alte Institution es ist , die muß auch von tausend verschiedenen Seiten angegriffen werden , um zu weichen . Und dann , wer kann den einzelnen - anderen - zwingen hinzugehen und als Märtyrer zu sterben ? - Auch die Sklaverei ist nicht dadurch aufgehoben worden , daß die Sklaven sich widersetzten ... « Darauf las Kolnos den zweiten Brief : » Aulestad , Norwegen . Sie fragen mich , wie ich mir die Zukunft der Friedenssache denke ? Immer im Bilde des Sonnenaufgangs . Für uns Nordländer kann der Sonnenaufgang so viel mehr bedeuten als für Südländer - bisweilen erwartet und begrüßt wie ein Wunder . Die Finsternis war so erdrückend lang , die Stille unheimlich , die erste Glut über den Felsenspitzen so trügerisch ... Es dauert und dauert und wächst , aber - keine Sonne ! Auch wenn der Himmel schon hoffnungsvoll erstrahlt - noch immer keine Sonne ! Und es ist kalt - eigentlich kälter als früher , denn die Phantasie ist ungeduldig geworden . Da , auf einmal wie ein Blitz mitten in unsere Betrachtung hinein die so lange verkündete Majestät selber ! So stark , so bezwingend , daß die Augen sie nicht ertragen . Wir wenden den Blick zur Landschaft , die schon lange beseelt war , ohne daß wir es merkten , - in die Luft , die schon lange erhellt war , ohne daß wir es wahrnahmen . Alles , alles , bis hinab in die Tiefen und bis hinauf in die Höhen ist besonnt , klar , vollendet - von Wärme erfüllt , von Tönen durchzogen ... So , meine ich , geschieht es uns . Wir merken in unserer Sehnsucht nicht , was sich vollzieht - wie nahe schon die große Sonne des Weltfriedens ist . Es kommt etwas , das es bringt , wie ein Wunder . Aber es ist kein Wunder , wir sehen nur nicht in unserer Ungeduld , wie alles dafür vorbereitet war . Ihnen , liebe Frau , viele Grüße Björnstjerne Björnson . « Unterdessen hatte Rudolf seine Schwester neben sich auf ein kleines Sofa setzen lassen . Er schaute sie voll besorgter Teilnahme an . Sie war so blaß , und die zarten Züge gar so schmal . - » Nun , sag ' , wirst Du mir nicht wieder aufblühen ? Du bist kaum achtundzwanzig - was kann Dir das Leben noch alles bieten ! « » Nichts . « Und nach einer kleinen Pause : » Hast Du den toten Stern gelesen , Rudolf ? « » Ja . Aber so denke doch nicht immer an den Verlorenen . Ich weiß , daß Dich ein harter Schlag getroffen hat . « » Ach wäre mein Unglück nur reuelos ... « » Reulos ? Das bist Du nicht ? « » Das bin ich nicht ... « » Meine arme Schwester , also doch ? « » Was doch ? « » Du warst seine - seine Gel - « Sie unterbrach ihn mit heftiger Gebärde . » Nein , nein ... das ist ' s ja eben - das nie genossene , das nie geschenkte Glück . Man soll zum Glücke nicht später sagen - später kann eins von uns gestorben sein - das schrieb er mir in seinem letzten Brief ... Und so kam es auch - später war er gestorben ! « Rudolf drückte ihr mitfühlend die Hand . » Ach so ! « - Nach einer Weile versetzte er : » Du darfst Dich Deinem Kummer nicht so standhaft hingeben , Sylvia . Nimm Du Dir nicht als Beispiel die unverbrüchliche Totentreue unserer Mutter . Du hast kein gleiches Recht dazu . Wenn man jahrelang mit einem geliebten Wesen verbunden , wenn man mit ihm eins gewesen , Glück und Unglück geteilt , - die Seelen mit allen Gedanken und Wünschen verflochten , dann nur ist das lebenslängliche Nachtrauern erlaubt . Aber Du und Hugo ? - Glaubst Du , wenn er Dich verloren hätte , Dich , die er nie besessen - hätte da nicht schon nach kurzer Zeit eine neue Liebe seinen Dichtersinn erfüllt ? « » Du tust mir weh , Rudolf . « » Verzeih - eine rettende Hand muß manchmal rauh zugreifen - « » Mir geht Cajetane ab - die hatte eine gar zarte Art , mit meiner wunden Seele umzugehen ... Daß sie so plötzlich abgereist ist , macht mich böse - auf Dich ! « » Warum auf mich ? Hab ' ich Deine Freundin verjagt ? « » O , Du weißt ganz gut ... « Ja , er wußte . Und ein Wunsch , daß die Geflohene da wäre , erfaßte ihn . Am liebsten hätte er zu Sylvia gesagt : » Schreib ' ihr , daß sie wiederkomme . « Aber er hielt sich zurück . XXXVI Mitternacht . Martha war mehrere Tage so wohl und kräftig gewesen , daß sie selber und auch ihre Umgebung es nicht mehr für nötig befunden , daß jemand bei ihr wache , und sie war allein in ihrem Schlafzimmer . Sie fand aber keinen Schlaf und auch keine Ruhe . Eine eigene Beklemmung schnürte ihr die Kehle zu und eine eigene Bangigkeit beschlich ihr Gemüt . Sie machte Licht und setzte sich im Bette auf . Die liegende Stellung hielt sie nicht aus . Sollte sie der nebenan schlafenden Jungfer klingeln ? Nein - wozu ? - sie brauchte ja nichts . Nur Luft . Die konnte sie sich selber verschaffen , wenn sie das Fenster öffnete ; würde sie zu diesem Zweck die Jungfer rufen , so gäbe das gleich Alarm - es hieße : ein neuer Erstickungsanfall und das ganze Haus liefe zusammen . Sie schlüpfte in ihre Pantoffel und in einen auf dem Sessel neben dem Bett liegenden weiten , weichen Schlafrock und ging sachten Schrittes zu dem Fenster , dessen Flügel sie aufschlug . Eine frische , nach Sommerregen duftende Luft kam hereingeströmt . Man hörte das Klatschen der dichtfallenden Tropfen auf das Laub und das Rieseln aus einer Dachrinne . Martha atmete in tiefen Zügen die feuchte kühle Luft ein und die Brustbeklemmung wich ; die Gemütsbangigkeit aber blieb - verstärkte sich sogar zur Traurigkeit . Die Dunkelheit , das eintönige Geplätscher und selbst der starke Regengeruch hatten etwas so melancholisches ... Ach nein , die Melancholische war sie selber - nicht die feuchte Sommernacht - und jetzt wußte sie auch - woher ihre Augen sich mit Tränen füllten , was die Ursache ihres Bangens war : der Gedanke an das Gestorben- , das Begrabensein ... Sie machte das Fenster wieder zu , nahm das Licht und ging durch die offenstehende Tür in ihr anstoßendes Schreibzimmer , da wo alle ihre geliebten Reliquien waren und wo an allen Ecken und Enden die Andenken und Bilder Tillings standen und hingen . Hier wollte sie nun recht gründlich an den Tod denken - hier Abschied nehmen von ihren Erinnerungen und Abschied von sich selber . Sie warf sich in den Lehnstuhl vor dem Schreibtisch und rückte das Licht so , daß sein Schein auf die große , gemalte Photographie Tillings fiel , die in einem Rahmen auf dem Tische stand . Das liebe Antlitz schien sie anzublicken . » Mein Friedrich ! « Langsam und heiß rannen die zwei Tränen , die ihr ins Auge getreten waren , über die Wangen herab . Dann aber weinte sie nicht mehr . Nicht um zu trauern hatte sie sich hierher gesetzt ; denken wollte sie ; sich noch einmal vergegenwärtigen , was sie in der fingierten Todesstunde mit ihrem Sohn gesprochen ; ob sie denn auch alles Wesentliche gesagt ! - Nein , lange nicht alles . Was auch immer im Leben sie gesprochen oder geschrieben über die große Sache , die ihr auf dem Herzen lag , stets war ein Rest geblieben ; stets war das am heftigsten Empfundene , das am klarsten Erkannte nicht ausgedrückt worden . Vorhin , im Dunkeln , als sie im Bette lag und ein krampfhaftes Zusammenziehen ihres Herzens sie aus halbem Schlafe aufgeweckt , da war ihr mit einem einzigen Gedanken ein volles Verständnis aufgeblitzt für den ganzen Jammer der sich gegenseitig bedrohenden Menschheit und gleichzeitig für die Erhabenheit des Ziels , solchen Jammer zu verscheuchen , für die einfache Erreichbarkeit des Ziels - so intensiv schmerzlich , was den Jammer , so freudig hell , was die Rettung betrifft - daß sie wähnte , jetzt und jetzt müsse sie auch die Formel finden ... aber während sie darnach mit den Gedankenfühlern tastete , war der ganze Bewußtseinszustand entschwunden . Jetzt , wo sie so dasaß , versuchte sie , sich ihn zurückzurufen - vergebens , andere Gedanken drängten sich heran : Sylvia , Cajetane - und mit aller Gewalt , wie immer , wenn sie so seelisch erregt war , eine Flut von Erinnerungen an ihren Verlorenen - aneinandergereiht alle die Bilder der an Glück und Schmerz so reichen Ehezeit ... Würde es sich süßer , leichter sterben , wenn er noch da wäre ? Wenn sie in der letzten Stunde den Kopf an seine Brust lehnen könnte ? Die arme , vor mehr als zwanzig Jahren zerschossene , längst verweste Brust ... Jetzt war die Reihe des Verwesens an ihr - zurück ins All , die getrennten Atome . Bei dem Gedanken » All « - es ist ja doch nur ein anderes Wort für Gott - durchrieselte sie ein Andachtsschauer . So blieb sie versunken ; wenn sie auch um nichts bat - es war ein Beten . Dann nahm sie Tillings Bild in die Hand . Daß sie beide einst so glücklich gewesen , daß sie einander so geliebt , das war eine unvertilgbare Wirklichkeit . Unvertilgbar auch die Idee , deren Hut er ihr übergeben , und die sie nun in die Hut ihres Sohnes gelegt . Wieder strengte sie sich an , eine geeignete Wortformel zu finden , in der sich jene Ideen einkapseln ließen , wie kostbare Tropfen Lebenselixiers in ein goldenes Fläschchen - Draußen regnete es immer heftiger . Es hatte sich nun auch ein Wind erhoben , der den Guß an die Scheiben peitschte und sich pfeifend in die Kamine warf . Die klagenden Töne rissen Martha aus ihrem Sinnen heraus und verstärkten ihr Bangigkeitsgefühl ... Sollte sie doch rufen ? Ihre Kinder würden ja herbeieilen , sie zu beruhigen , zu trösten , ihre lieben , aber ach - so wenig glücklichen Kinder ... Nein , wozu ihren Schlaf stören , ihnen überflüssig Angst bereiten ? Die moralische Bangigkeit ging wieder in physische Beklemmung über . Ein heftiger Schmerz in der Herzgegend steigerte sich zu Atemnot und lautes Stöhnen entrang sich ihrer Brust . Die Jungfer , die durch das Heulen des Windes schon früher erwacht war und unter der Tür den Lichtschein sah , hörte jetzt dieses Stöhnen und eilte ihrer Herrin zu Hilfe . Sie fand sie nach Atem ringend und nun geschah , was Martha so gern vermieden hätte , das Haus ward alarmiert . Der Anfall dauerte aber nicht lange ; bald lag Martha ganz ruhig atmend und schmerzbefreit auf ihrem Bett , das ihre Kinder und die anderen umstanden . Der herbeigeholte Arzt des Ortes bat , man möge nach dem Wiener Professor telegraphieren und es wurde ein reitender Bote nach der Station gesprengt . Ebenso hatte Sylvia - einem gegebenen Versprechen gemäß - sofort an Cajetane eine Depesche geschickt . Nach einer Stunde schlief Martha ein . Schlief ein und erwachte nicht wieder . Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein sanftes Ende gemacht . Mit demselben Zuge , als der Wiener Arzt , war am folgenden Nachmittag Cajetane Ranegg in Grumitz angekommen . Schon auf der Station erfuhren beide , daß alles vorüber sei . Schluchzend betrat das junge Mädchen das Sterbezimmer und stürzte auf das Lager der Toten , an dessen Seite Rudolf kniete . Sylvia saß in einiger Entfernung , das Gesicht in den Händen vergraben . Rudolf stand auf und trat auf Cajetane zu . Ein Strom von Zärtlichkeit überflutete sein wundes Herz ; er umschlang ihre Gestalt und weinte an ihrer Achsel . » Sie hat Dich unendlich lieb gehabt , Cajetane , « sagte er . Daß er mit diesem » Du « und mit dieser Umarmung sich verlobte , das fühlte er . Doch er fühlte es wie einen lindernden Trost , wie die Erreichung eines Hafens . - - Am nächsten Abend - bei der Toten wachten Sylvia und Kolnos - ging das Brautpaar in denselben Laubgängen auf und nieder , wie neulich am Vorabend von Cajetanes Abreise . Wieder dufteten die Violen so stark , aber diesmal hauchten sie dem jungen Mädchen ganz andere Dinge zu als neulich . Es mischte sich - was freilich Halluzination war - der Geruch der Wachskerzen dazu , die zu Häupten und zu Füßen der Aufgebahrten brannten - und so erzählten die Violen von unverhofftem Liebesglück und von düsterer Totenklage . So wie damals schob er ihren Arm unter den seinen . » Wir haben einen Lieblingswunsch der Verlorenen erfüllt , Cajetane , « sagte er . Sie erschrak . » Wie ? - Vielleicht nur deshalb ? ... Nur um ihren letzten Willen zu erfüllen ? « Er schüttelte den Kopf . » Sie hat nichts befohlen . Sie wußte nur , was mir frommt . Doch : eines hat sie mir auferlegt und habe ich ihr zugeschworen : meinem Lebenswerke treu zu bleiben . Bist Du darauf gefaßt , Kind , daß es gilt , mir Vertraute , Kameradin zu sein ? « » Ja , das will ich . « » Weißt Du , daß Du da verzichten mußt auf Deine ganze gewohnte Umgebung , auf den Beifall der Deinen , auf die Gemeinschaft mit ihnen ? « » Ja , das weiß ich . « » Du wirst mir folgen müssen in andere Länder - und , wer weiß , nicht nur als freiwillige Reise - es ist ja alles möglich : vielleicht verkennt und verfolgt man mich und weist mich aus . « » Alles will ich mit Dir teilen : auch die Verbannung , auch das Gefängnis - selbst den Tod . « Er blieb stehen . » Vielleicht den Sieg , Geliebte , « sagte er und drückte sie an sein Herz . Harmannsdorf , Jänner 1901 - März 1902 .