aber dies nicht fertig bringen , weil sie sich dabei nicht nur vor sich selbst , sondern sogar vor Gott genieren . Sie sahen den Säemann der göttlichen Liebe über die Felder schreiten , und sie sahen , daß die Krähen des Unglaubens hinter ihm den Samen wegfraßen ; sie sind unthätig nebenhergegangen ; sie ließen ihn ungestört säen , und sie hinderten die Vögel nicht , diese Arbeit der Liebe um den Erfolg zu bringen . Die einen haben sich vor Gott versteckt ; die andern sind weder für noch gegen ihn gewesen ; nur werden die ersteren ihn jetzt auch nicht sehen , und die letzteren erwartet ganz dieselbe Gleichgültigkeit . Sie mögen sehen , wie sie hinüberkommen . Weiter ! « » Es kommen jetzt weißgekleidete , fleckenlose Gestalten , an deren Spitze ich den Wahlspruch Nadahfa ! 121 lese . Ihr Gang ist sehr vorsichtig , damit ihr Fuß nichts Unsauberes berühre , und ihre Hände sind unausgesetzt bemüht , die Stäubchen zu entfernen , welche ihren Gewändern angeflogen sind . « » Ja , das sind die Reinen , die Unbefleckten , deren einziges Bestreben war , auch nicht die allergeringste Unsauberkeit an sich sehen zu lassen . Sie gingen in Beziehung auf ihren äußerlich moralischen Lebenswandel auf den Zehenspitzen , um ihre Füße ja nicht zu beschmutzen ; sie thaten die lächerlichsten Schritte und Sprünge , um sich die sittlich trockenen Stellen auszusuchen ; sie hielten sich stets allein , und setzte sich ja einmal ein anderer neben sie , so rückten sie erschrocken von ihm ab . Sie kamen niemals mit der Polizei , niemals mit einem Paragraphen des Strafgesetzes in Berührung ; sie hüteten sich auch vor jeder andern Sünde , die nicht von diesem Gesetz getroffen wird . Schon der Gedanke , daß etwas von ihnen falsch gedeutet werden könne , versetzte sie in Schreck , denn der gute Leumund war ihr allerhöchstes Gut im Leben und im Sterben . So war ihr ganzes Bestreben nur auf ein gutes Aussehen nach außen , auf ihren Ruf bei den Mitmenschen gerichtet ; an ihrer innern Reinheit aber arbeiteten sie nicht . So ein Fleckenloser war gewiß keines Diebstahls fähig , aber dem Herrgott hat er den größten Teil seines Lebens abgestohlen ! Eines strafbaren Betruges machte er sich niemals schuldig , aber sein Weib hat er um das Lebensglück und seine Kinder um den frohen , schönen Glanz ihrer Jugend gebracht ! Ein Mörder , ein Totschläger , ein Unmensch war er nie , aber für seine Wissenschaft konnte er Tausenden von Pferden , Hunden , Katzen und andern armen , tief beklagenswerten Tieren die entsetzlichsten Martern und den qualvollsten Tod bereiten ! Ein Hochverrat , eine Majestätsbeleidigung wäre ihm unmöglich gewesen , aber die himmlische Majestät Gottes hat er in seinem Innern unzähligemal geschändet ! Meineid und Fahnenflucht verachtete er , aber vom Militär hat er sich lossimuliert ! Raub und Erpressung hielt er für die schändlichsten der Thaten , aber Bücher hat er unter anderm Titel und unter vorsichtiger Veränderung der Namen nachgedruckt und seine Arbeiter gezwungen , sich für ihn für geringeren Lohn zu schinden , weil sie nur von ihm abhängig waren ! Falschmünzerei oder falsches Gewicht war bei ihm nicht zu finden , aber die Geschäftsgeheimnisse seines Mitbewerbers hat er ausgespürt , und seinen Kunden verkaufte er Wasser in der Milch und das Fleisch verendeter oder krank gewesener Tiere ! Bestechung gab es nicht in seinem Amte , doch die Stelle , welche er zu vergeben hatte , bekam der Schützling seines Freundes , aber nicht der ihrer Würdige ! So waren diese alle äußerlich rein , aber innerlich voll Schmutz . Nun mißt die Wage dort nicht den äußern , sondern den innern Menschen . Denkst du auch jetzt noch , daß diese Reinen glücklich über die Brücke kommen werden ? « Der Münedschi antwortete : » Mir ist das Herz zum Brechen schwer ! So viele , viele , viele ich bisher gesehen habe , es war kein einziger unter ihnen , den du der Gnade Allahs für wert gehalten hast . Soll denn der Abgrund alle , alle verschlingen ? Soll ich mich denn nicht wenigstens über einen , nur einen einzigen freuen , der drüben an das Thor der Seligkeit gelangt ? « » Sie waren der Gnade Gottes nicht würdig , weil sie nicht nach ihr gestrebt haben . Wer auf seine vermeintlichen Verdienste pocht und dafür den verdienten Lohn , aber keine Gnade fordert , der wird auch keine finden . Aber ich bemerke , daß dein Wunsch in Erfüllung geht . Sag mir , was du jetzt siehst ! « » Es kommen zwei Frauen , ganz allein , nebeneinander ; die eine ist sehr schön , die andere sehr einfach gekleidet . Dann eine Strecke hinter ihnen folgt eine unabsehbare Schar von Männern und Frauen , denen aber kein Panier vorangetragen wird . Es sind auch viele , viele Kinder dabei . Und nun flammt es plötzlich dort drüben über dem Thore der Seligkeit hell leuchtend auf , so daß hier bei uns die bisherige Düsterkeit wie ein heller , schöner Tag erscheint . Ich sehe , daß die Engel diesem Zuge in freudiger Erwartung entgegenblicken . Sollte er aus Glücklichen bestehen , denen es beschieden ist , den Himmel zu erreichen ? « » Ja ; ihnen ist er bestimmt ! Du hast gehört , daß du dich hier mitten in der Zeit des Sterbens befindest . Das helle Licht des Jenseits dringt plötzlich zu uns herüber ; die Todesstunde derer , die jetzt kommen , ist eine glückverheißende ; sie wird von der Morgenröte des ewigen Himmelstages überflutet . Die , welche sich Standarten vorantragen ließen , stellten Forderungen an Gott ; sie verlangten hier den himmlischen Lohn für ihre eingebildeten irdischen Vorzüge und Tugenden . Die aber jetzt erscheinen , sind solcher Selbsttäuschung und Ueberhebung fern . In der Erkenntnis ihrer Mangelhaftigkeit , nähern sie sich in zagender Demut der Wage der Gerechtigkeit , und den Demütigen giebt Gott Gnade . Für sie ist die ihnen entgegenleuchtende Freude der Engel schon im Sterben der Beginn der Seligkeit . « » Wer sind die beiden Frauen ? « fragte der Blinde . » Es sind Heldinnen des Herzeleides , des Duldens . Eine Fürstin und eine Arbeiterin , standen sie , die eine auf der höchsten und die andere auf der niedrigsten Stufe des Erdenlebens , einander so fern , daß keine die andere kannte ; aber so verschieden die Arten und die Wege des Lebens sind , sie führen alle vor der großen Entscheidung der Todesstunde zusammen . Die Fürstin war ein liebes , heiteres Kind , welches mit frohen Augen in die verheißungsvolle Zukunft blickte ; es waren ja alle Vorbedingungen irdischen Glückes vorhanden . Da aber griff die Staatskunst mit eiserner Faust in ihr bisher holdes Geschick . Man entriß sie den liebenden Eltern und Geschwistern und brachte sie , die sich vergeblich Sträubende , in ein fernes Land , zu einem fremden Volke , an die Seite eines Herrschers , dem nie ihr Herz gehören konnte . Ihr goldener Jugendtag war dahin ; die Sonne des irdischen Glückes verschwand . Kalte Pflichten begannen , mit furchtbarer Last auf ihr warmes Herz , ihr weiches Gemüt zu drücken ; nur schwer fand sie Atem für ihre nach Verständnis und Liebe verlangende Seele . In diesem Gefühl des Erstickens schrie sie zu Gott , und er sandte ihr den Engel des Glaubens als rettenden Boten . Aus den Höhen des Himmels floß ihr die Kraft , den Pflichten der Erde zu leben ; darum strebte dieses Leben auch wieder zu ihm empor . Sie legte ihr einstiges Sehnen nach Glück in die Hände der ewigen Liebe und erhielt es als Erhörung für das ihr anvertraute , fremde Volk zurück . Sie teilte , obgleich selbst ungeliebt , diese Liebe aus vom Gletschereise ihrer Höhe herab nach allen Seiten . Für sich auf alles gleißende Erdengut verzichtend , ward sie in schlichter Anspruchslosigkeit eine Spenderin der Güte , die im Verborgenen wirkt . Als Fürstin angefeindet und in frostige Einsamkeit geschoben , war heimlich sie die Barmherzigkeit und Segen spendende Mutter der Bedürftigen . Ein jeder ohne stille Wohlthat vollbrachter Tag erschien ihr als verloren . So gingen ihre Jahre hin , und nun sie von der Erde scheidet , umstrahlt kein fürstlicher Pomp ihr einsames , gemiedenes Sterbelager . Nur eine einzige , treue Dienerin kniet unter herzbrechendem Schluchzen dort und betet , betet laut und erschütternd , obgleich ihr bei jedem Worte die Stimme versagen will . Sie allein hat die sterbende Fürstin verstanden und geliebt ; sie war die vertraute Zeugin ihrer Leiden , die verschwiegene Botin ihrer Wohlthätigkeit . Nur sie weiß es , was die geliebte Herrin ihrem Volke war , nur sie ! Doch nein , nicht nur sie ! Es giebt außer ihr noch Einen , der alles sieht und kennt , den allwissenden Erforscher der Herzen und Gedanken . In seinem Buche stehen all die zahllosen Bitterkeiten , die sie auf dem schweren Pfade der Entsagung hinabzukämpfen hatte , alle Angriffe , die sie in gottergebenem Verzicht auf Gegenwehr erduldete , aber auch die ganze Fülle der Liebe , welche sie über die Armen und Bedrängten ausgegossen hat , für alle Ewigkeit verzeichnet . Jetzt , im Augenblicke des Abschiedes , klingt das Schluchzen der neben ihr Betenden aus immer weiterer Ferne in ihr Ohr , und so verschwindet vor ihr auch die Zeit des Duldens und des unverschuldeten Leidens . Zu ihren Seiten tauchen die schönen , goldenen Jugendtage wieder auf und vor ihr die in himmlischer Liebe lächelnden Engel , welche ihr dort an der Wage der Gerechtigkeit entgegenwinken . Ich sage dir , der irdische Thron war ihr ein Marterstuhl , wie er es so vielen um ihn Beneideten ist , aber was sind alle diese Qualen gegen die Herrlichkeit jenseits des Thores da drüben , wo aus jedem Augenblicke des einstigen Herzeleides und aus einer jeden einzelnen ihrer Liebesthaten ihr ein unerschöpflicher Bronn der Seligkeit entgegenfließen wird ! Vom allwissenden Vater im Himmel wird keine Sekunde des Leides und keine noch so heimlich geweinte Thräne seiner Kinder vergessen ! « Da rief der Münedschi freudig aus : » Ich sehe , du hast recht ! Jetzt sieht sie die Engel winken ; sie breitet die Arme nach ihnen aus und beflügelt ihre Schritte . Die andere auch , die mit ihr geht ! « » Diese war eine Tochter der ärmsten Dürftigkeit , « erklärte Ben Nur . » Ihre Kindheit war Hunger , Verachtung und Arbeit . Sie hat nie das Auge einer liebenden Mutter gesehen und vom harten Vater nur die unbarmherzig schlagende Hand gefühlt . Unter fremde Leute geworfen , diente sie treu und ehrlich , doch stets nur bei herzlosen Menschen , und als sie glaubte , ein Herz gefunden zu haben , dem sie sich anvertrauen dürfe , und sich ihm zu eigen gab , da war es ein roher , ein gefühlloser Mann . Er fröhnte dem Spiel , dem Trunk und andern Lastern ; er haßte die Ordnung , die Arbeit und jede ihn bindende Pflicht . Sie mußte schaffen und sorgen für ihn und die zahlreichen Kinder , und that es still und ergeben , als sei ' s ihr nicht anders beschieden . Doch , was sie mit eigener Entbehrung durch rastlose Arbeit errang , das floß bei ihm durch die Gurgel , fiel im Spiele andern zu . Sie sah keine Frucht ihres Fleißes und hielt doch nicht auf , sich zu mühen , denn sie glaubte , es seien die Kinder ein Segen des Himmels , dem sie durch treue , mütterliche Pflege sich würdig zu erweisen habe . Da starb der Mann . Sie begrub ihn ; sie weinte an seinem Grabe ; sie trauerte um ihn , ohne ihm einen Vorwurf in die Grube nachzusenden . Dann aber schienen sich ihre Kräfte für die Kinder zu verdoppeln . Sie nährte sie besser als vorher ; sie schickte sie in die Schule ; sie gab sie in die Lehre ; sie sorgte für ihr Fortkommen und hatte kein Wort der Klage über die Nächte , in denen sie bei der stillen Lampe saß , um viel , viel mehr zu thun als ihre Pflicht . Die Söhne nahmen sich Frauen , die Töchter Männer ; die Mutter arbeitete weiter . Es stellten sich Enkel ein ; da gab es noch viel mehr zu sorgen . Was sie da alle that , that sie nicht für sich selbst , doch niemand dankte ihr . Man nahm es nicht nur als selbstverständlich hin , sondern es wurde für noch viel zu wenig gehalten . Kein Kind hatte einen Platz , die Mutter zu sich zu nehmen ; ein dürftiger Raum unter dem Dache , ein Tischchen , ein Stuhl und eine ärmliche Lagerstätte , das war das Schaffensfeld unendlicher Muttertreue , die keine Ruhepause kannte und sich selbst vollständig vergaß . Sie wurde auch vergessen in der Stadt . Niemand kam zu ihr , auch nicht ihre Kinder und Enkel ; diese verlangten , daß sie komme , und zürnten , anstatt zu danken , wenn die zitternden Hände der Greisin nicht mehr soviel brachten wie früher . Nun liegt sie endlich im Sterben ; kein Mensch , kein Kind ist bei ihr , um ihr die guten , stets so wachen Augen zur endlichen Ruhe liebend zuzudrücken . Sie lebte jenes Heldentum des Duldens , dem niemand anmerkt , daß es Dulden ist , und wie sie es lebte , so stirbt sie es jetzt . Das Erdenleben versagte ihr jedes Glück , jede Freude , jeden Sonnenstrahl . Erst jetzt , in ihrer Todesstunde , lernt sie den Glanz des Lichtes kennen . Zwar kommt er spät , nun da ihr Auge bricht , aber er ist kein irdischer und wird darum nie wieder von ihr scheiden . Das Diesseits hat sie um den Lohn ihrer Arbeit betrogen ; das Jenseits wird ihr diesen Verlust tausendfach ersetzen ! « » Und ihr Mann ? Wird sie den dort sehen ? « fragte der Blinde . » Frag nicht nach ihm ! Er gehörte zu den Hetzern , zu den Schreiern , welche in Versammlungen mit glühender Begeisterung für ihre Menschenrechte Streiter sammeln , daheim aber ihre Gatten- , ihre Vaterpflichten verleugnen . Er ist nicht über Es Ssiret , die Brücke des Todes , hinübergekommen ! Schau lieber auf die dichten Scharen , welche jetzt vorüberwallen ! « » Ja das sind liebe , stille , gottergebene Menschen , denen anzusehen ist , daß sie keine irdischen Ansprüche bei sich tragen , obwohl ich sehr vornehme Personen unter ihnen bemerke . Und der Glanz aus dem Jenseits herüber wird immer heller ! Ist er es , den ich wie Glorienschein um ihre Häupter liegen und aufwärts-und hinüberstreben sehe ? « » Nein . Was du im Jenseits leuchten siehst , das ist die ewige Liebe , von welcher jedem Menschen ein Strahl mit auf die Erde gegeben wird . Pflegt er dieses himmlische Feuer , so bleibt es bei ihm , leuchtet ihm durch das Leben und strebt mit ihm in der Todesstunde nach dem Jenseits hinüber , nach seinem Urquell hin . Während der Erdentage brannte es auf den Altären der Herzen als das unverlöschliche heilige Licht des Glaubens ; jetzt , wo der Glaube in das Schauen überfließt , fließt auch dieser Strahl dahin zurück , woher er kam , und legt sich als Erkennungszeichen um die Stirnen derer , denen er die Ueberwindung der Brücke und des Abgrundes verbürgt . Wie gerne würde ich dir hier von jedem Einzelnen sagen , warum gerade er diese Aureole trägt ! Aber es sind ihrer zu viele , und es ist dir hier an diesem Orte nur eine ganz bestimmte kurze Zeit gegeben , welche fast vorüber ist . Du gehörst ja noch dem Diesseits an ; hier aber geht dieses in das Jenseits über ; bleibst du zu lange hier , so würde die Auflösung auch dich ergreifen , und das muß ich verhindern . Ich als dein Schutzengel bin verpflichtet , dafür zu sorgen , daß dein Erdenlauf nicht um einen Augenblick gekürzt werde , denn er ist die Vorbereitung für El Mizan , die Wage der Gerechtigkeit , welche auch du zu überschreiten hast , und jede Sekunde des Diesseits ist von unersetzbarer Kostbarkeit , weil eine einzige genügen kann , eine verlorene Seele dem Himmel zurückzugewinnen ! Doch einige darf ich dir noch kurz zeigen . - Ich sehe unter ihnen viele , die gegen die staatlichen Gesetze gesündigt haben und dafür bestraft worden sind . Es ist im Himmel ja mehr Freude über einen Sünder , der Buße thut , als über Neunundneunzig , welche glauben , der Buße nicht zu bedürfen , weil sie sich für gerecht halten ! Es sind unter ihnen Gefallene aller Art , denen die erbarmende Liebe Kraft verlieh , wieder aufzustehen . Es sind Regenten und Feldherren dabei , die man des Massenmordes der Schlachten anklagte , an dem sie aber unschuldig waren , weil er ihnen aufgezwungen wurde . Ich sehe da berühmte Träger der Wissenschaft , die aber über ihrer Gelehrsamkeit nicht den Glauben und die Liebe vergaßen . Ihr Ruhm wird im Himmel doppelt leuchten ! Ich sehe Reiche , welche die Hungrigen speisten , die Durstigen tränkten und die Nackenden kleideten . Sie haben ihren Reichtum auf Erden lassen müssen , sich aber himmlische Schätze gesammelt , welche dort an der Wage bis auf das Gewicht einer Tauperle für sie eingetragen werden ! Ich sehe Priester , welche nicht bloß Lehrer des Wortes , sondern Verkündiger und Thäter des Geistes im Worte , wirkliche Prediger der Liebe waren . Ihnen ist es gegeben , das Lob des Herrn erklingen zu lassen in alle Ewigkeit ! Ich sehe Gewaltige der Erde , welche gütige Väter , weise Erzieher und freundliche Beglücker ihrer Völker waren . Wahrlich , ich sage dir , im Jenseits werden sie über mehr gesetzt werden , als sie diesseits beherrschten ! Ich sehe den Millionär , welcher der Barmherzigkeit sein Vermögen widmete , und den Bettler , der mit dem Straßenhunde sein letztes Stück Brot teilte . Ich sehe die Gründer großer Armen- und Waisenhäuser und den kleinen Knaben , welcher dem dürstenden Vöglein Wasser gab . Ich sehe Fürstinnen und Prinzessinnen , welche , von der Glorie irdischer Erhabenheit umgeben , aus ihrem hohen Kreise heraustraten , um herniederzusteigen und als Huldspenderinnen der Liebe zu walten . Glaube mir , der Herr aller Himmel wird ebenso herabsteigen wie sie und ihnen diese Güte tausendfältig lohnen ! Ich sehe edlen Frauen , welche sich nicht schämten , die Hütten der Armen , der Kranken , der Witwen und Waisen zu besuchen und den Verachteten zu zeigen , daß auch sie Brüder und Schwestern in der großen , die ganz Menschheit umfassenden Familie des Allvaters seien . Du darfst überzeugt sein , daß sie nun dort an der Wage für würdig befunden werden , zur Familie der Seligen zu gehören ! Ich sehe Seelen , deren bloße Anwesenheit die Wirkung hatte , als ob ein warmer , tröstender und beruhigender Sonnenstrahl mit ihnen hereingekommen sei . Es ist ein Himmelsglück , daß es solche Menschen giebt ; sie werden im Jenseits noch viel heller strahlen als während ihrer diesseitigen Pilgerzeit ! Ich sehe Richter , welche selbst in dem ärgsten Verbrecher noch den Menschen suchten , um so mild wie möglich sein zu dürfen , Betrogene , Bestohlene , Beleidigte , welche nicht nur vergeben , sondern sogar vergessen konnten . Gott wird auch ihnen ein milder Richter sein und ganz so vergeben und vergessen , wie sie es thaten ! Ich sehe unter dieser Schar auch Künstler , deren Streben es war , in ihren Werken die wahre Natur , die Uebermacht des Guten und Schönen über das Böse und Häßliche , als die Offenbarung Gottes im Menschen , des Himmlischen im Irdischen nachzuweisen . Sie wühlten nicht wie andere mit Wollust im Schmutze ; sie machten nicht unter dem irrigen Vorgeben , wahr sein zu müssen die Roheit und das Laster zur Staffel ihres Ruhmes , denn sie wußten , daß die Sünde nicht die Wahrheit , sondern ihre abstoßende Verneinung ist . Die Kunst ist nur dann wirkliche Kunst , wenn sie nach dem Edlen auch auf edlem Wege strebt . Wer da glaubt , er könne dem Hohen durch die Darstellung des Niedrigen dienen , der versteht die Aufgabe nicht , die ihm von Gott , dem Urquell des höchsten Könnens und also auch aller Kunst , geworden ist ! Ich sehe ferner Freunde , welche wahre , ehrliche Freunde waren . Sie hielten , wenn es nötig war , nicht mit der bitteren , heilsamen Wahrheit zurück , standen aber auch mit ihrem ganzen Haben und Können für die Freundschaft ein ! Ich sehe Väter , welche die Schwäche nicht mit der Liebe verwechselten , sondern ihrer Pflicht mit wohlabgewogener Gerechtigkeit walteten , obwohl dies ihrem Herzen oft nicht leicht geworden ist . So ein Vater hat seinen Sohn nicht moralisch totgelobt oder durch nachsichtige Schwachheit selbst zum Schwächling gemacht und seine Tochter nicht zu einem Weibe erzogen , welches für seinen Beruf verloren ist ! Und ich sehe Mütter , denen die Kinder nicht als herausgeputzte Gegenstände eitlen Stolzes und überhebender Prahlsucht dienten , sondern denen sie das waren , was sie jeder Mutter sein sollen : Seelenblumen , von Gott dem Elternhause anvertraut , um , von des Vaters Hand begossen und von dem Mutterauge bestrahlt , zum Himmel emporzuwachsen . Sei versichert , daß solche Eltern an solchen Kindern nicht nur im Diesseits Freude erleben , denn bei solcher aufwärts strebender Pflege steigen Vater und Mutter selbst mit himmelan ! « Nach diesen Worten trat wieder , wie schon einmal , eine Pause ein , während welcher der Münedschi leise , für uns unverständliche Worte vor sich hinmurmelte . Dann hörten wir die Stimme Ben Nurs wieder laut sagen : » Nein , du darfst nicht länger hier verweilen ; die Zeit ist abgelaufen . Komm ! « Ich behielt den Blinden aufmerksam im Auge . Er griff mit der Rechten zu , als ob er eine Hand erfasse , und ahmte mit der Linken leise die Bewegung des Schwebens nach . Dann hob er erst den einen und hierauf den andern Fuß , trat fest auf und sprach : » Das ist die Erde wieder ; ich fühle es . Nun führe mich zu dem Orte zurück , von welchem du mich holtest ! « Er begann jetzt , ohne sich um uns zu bekümmern , den Felsen wieder hinabzusteigen . Dies geschah ganz in der für uns so unerklärlichen Weise , wie er heraufgeführt worden war . Er hielt sich nicht an und kam doch , ohne zu straucheln , hinunter , während wir uns Mühe geben mußten , nicht auszugleiten und zu fallen . Es war wirklich wunderbar ! Es drängte sich mir wieder der Gedanke auf , daß er trotz allem doch wohl sehend sei ; aber ich mußte ihn von mir abweisen , weil ein solcher Betrug einfach unmöglich war . Unten angekommen , gingen wir wieder still hinter ihm her . Er schritt ganz genau auf dem Wege zurück , den wir gekommen waren , ohne nur ein einziges Mal zu zögern . Auch setzte er sich , als wir unsern Platz erreicht hatten , ebenso genau auf derselben Stelle nieder , auf welcher er vorher gesessen hatte . » Ich danke dir , Ben Nur , du treuer , lichter Begleiter meiner Seele ! « sagte er mit halblauter Stimme ; dann lehnte er den Oberkörper an den Felsen zurück , und nach kurzer Zeit hörten wir an seinen leisen , regelmäßigen Atemzügen , daß er schlief . Kara Ben Halef war munter ; er wagte aber nicht , zu fragen , wo wir gewesen seien . Wir verhielten uns zunächst ebenso still wie er , weil das , was wir gesehen und gehört hatten , das Denken und Fühlen jedes von uns für sich selbst in Anspruch nahm . Ich ging mein ganzes bisheriges Leben durch , um in demselben vielleicht einen Wink für die Erklärung dieser eigentümlichen nächtlichen Scene zu finden ; doch vergebens ! Ich weiß ja wohl ebenso gut wie mancher andere , daß den sogenannten Naturvölkern eine - ich will sagen , Hinneigung zum Geheimnisvollen innewohnt , für welche das Wort Aberglaube doch nicht ganz treffend ist . Die reizlose , oft ärmliche Kost , die der gestaltenden Phantasie so günstige Wüste oder Savanne , das magische Halblicht des lautlosen , unergründlichen Urwaldes jenseits des Missisippi , das sind Faktoren , welche in Verbindung mit ererbter psychischer Disposition gewiß im stande sind , den Menschen für das empfänglich zu machen , was der bekannte Ausspruch als » zwischen Himmel und Erde « liegend bezeichnet . Daher der reiche Märchenschatz des Orients und die Stimmung der Steppen- und Wüstenvölker für das Uebersinnliche . Man glaubt gar nicht , was für eine ausgiebige Gestaltungskraft dem Beduinen in diesem Sinne innewohnt ! Je weniger Lebewesen die ungeheuren Strecken seiner Heimat bevölkern , desto schöpferischer wird seine Einbildungskraft . Er ersetzt ihnen überreich an imaginären Bewohnern , was ihnen an wirklichen fehlt , und weiß zuletzt selbst nicht mehr , wo die Thatsache aufhört und die Erfindung beginnt . Ebenso und doch auch wieder anders ist es bei den Indianern . Auch sie sind phantastisch thätig , doch fehlt ihnen die Sonne des Südens , und die Unerbittlichkeit ihres traurigen Geschickes vertieft die Schatten , in denen ihre Bilder sich bewegen . Es ist ein ernstes , sehr ernstes Reich , welches man betritt , wenn am verglimmenden Lagerfeuer ein alter , auch am Verlöschen des Lebens stehender Indsman beginnt , zu erzählen , was längst verstorbene , berühmte Krieger auf der schlafenden Prairie , in den Schluchten des Gebirges , in den Tiefen der Cañons und zwischen den Riesenstämmen des Urwaldes gesehen haben . Das sind keine Märchen wie jene des Orients , sondern Berichte über nächtlich auferstandene Tote , welche an dem blutigen Geschicke ihrer Rasse sterben mußten und doch nicht ruhen konnten , weil der Mord noch ferner rücksichtslos auf ihren Gräbern tanzt . Das sind Menschen , die wirklich gelebt haben , die man einst kannte und einst sah . Und wenn es nicht wahr ist , was man von ihnen erzählt , daß man sie nach ihrem Tode noch oft gesehen habe , so sind sie dennoch wieder lebend geworden , aus der Erde gekratzt von den Klagegeistern einer dem Untergange , dem gewaltsamen Untergange geweihten Nation . Winnetou , der nüchternste , der hell- und scharfdenkendste aller roten Männer , war gewiß kein Phantast , aber zuweilen , wenn wir miteinander im nächtlichen Dunkel lagen , rings von Gefahr umgeben , da geschah es , daß er die Hand hob , um grüßend rundum zu winken , und als ich ihn einst fragte , warum er das thue , antwortete er : » Mein weißer Bruder frage nicht . Wir sind beschützt , das mag dir genügen ! « Und ehe ihn die tödliche Kugel traf , war er von einer ganz bestimmten Todesahnung ergriffen , die leider auch in Erfüllung ging122 . Ahnung sage ich , denn er sprach sich nicht deutlich aus ; aber später fiel mir ein Abend ein , an welchem wir ganz allein hoch oben in der Einsamkeit des Flintpasses saßen , ernste Gedanken austauschend , und dabei auch das Uebersinnliche berührend . Ich hatte das Gebet erwähnt ; da sagte er : » Ja , der große , gute Manitou123 verlangt , daß man mit ihm rede , denn jedes Kind soll doch mit seinem Vater sprechen . Wenn man in Gefahr ist und ihn um Hilfe bittet , so sendet er seine Krieger herab , die für uns kämpfen . Mein weißer Bruder nennt diese Freunde Engel ; ich sage Krieger , denn das Leben ist ja stets nur Kampf . Du hast auch zuweilen nicht Engel , sondern Schutzengel gesagt und nur von einem gesprochen ; ich aber weiß , daß mehrere bei mir sind , so oft ihr Beistand nötig ist . « » Woher weißt du das ? « fragte ich . » Wenn ich sie sehe , grüße ich sie ; also weiß ich es , denn was man sieht , das ist gewiß ! Ich werde auch wissen , wenn ich sterbe ; sie sagen es mir . « » Winnetou ! « fuhr ich betroffen auf , denn ich wußte , daß er im Ernste sprach . Er scherzte nur selten und in solchen Sachen nie . » Ja , sie werden es mir sagen ! « behauptete er . » Du wirst dich wohl schon oft gewundert haben , daß ich in Gefahren etwas ganz Unerwartetes that , was keinen Grund zu haben schien und uns doch errettete . Du schriebst es meiner Klugheit zu , aber ich handelte nur nach dem Willen derer , die du Schutzengel nennst . Vielleicht kommt die Zeit , daß ich dir mehr über sie sage . Jetzt muß ich selbst noch lernen und erfahren , denn es ist nicht leicht , sie zu verstehen , und sehr oft irre ich mich noch . Es könnte jeder Mensch empfinden , was der große Manitou ihm durch die Engel sagt , wenn er mehr auf sich und ihre Stimme achtete und sich befleißigte , sie nicht dadurch zu betrüben und von sich fortzustoßen , daß er Böses thut . « An dieses Gespräch mußte ich jetzt hier am Bir Hilu denken . Hatte Winnetou